ADS-Bücher: Kritisch betrachtet

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   05.10.01 21:24

Hallo,
hier möchte ich dazu einladen, gängige Bücher zum Thema ADS kritisch unter die Lupe zu nehmen. Ich finde es wichtig, dass potentielle Leser verschiedene Meinungen einholen können, bevor sie sich ein Buch kaufen, und, wenn sie es schon haben, es auch mal "mit anderen Augen" lesen können.

Als erstes stelle ich das Buch von Cordula Neuhaus: "Das hyperaktive Kind und seine Probleme", Ravensburger, 5. Aufl. 1999, vor.

Das Buch soll ein Eltern-Ratgeber sein. Die Autorin (Dipl.-Psych, Dipl.-Heilpäd.) beschreibt zunächst anschaulich und plastisch viele Persönlichkeitseigenschaften und Verhaltensweisen, die angeblich kennzeichnend für Kinder seien, die ADS haben ("diese Kinder sind besonders...diese Kinder zeigen vor allem..."). Das klingt nach viel praktischer Erfahrung und guter Beobachtungsgabe. Bei vielen Beispielen erkennt sich der Leser (oder vor allem sein Kind) spontan wieder (z.B. in dem Beispiel, bei dem man in einer vollen Küchenschublade herumwühlt und "den Wald vor lauter Bäumen" nicht sieht).

Ich frage mich aber: Wie belegt die Autorin, dass dies alles typisch für "ADSler" sein soll, also diese Menschen eindeutig von Nicht-ADSlern unterscheidet? Die Antwort ist einfach: Gar nicht. Sie hat es alles so in ihrer jahrelangen Praxis gesehen. Na gut, sage ich mir da als Leser erst einmal, das muss ich ihr jetzt wohl glauben?
Aber ist das nicht alles so allgemeingültig, dass es für jedes normale Kind zutrifft (z.B.: "Das ADS-Kind bekommt jede Regung, jede Stimmung mit, es "checkt" in Bruchteilen von Sekunden im Gesicht des erwachsenen Gegenübers ab, "wie der drauf ist"" (S. 112)? Aus meiner klinischen Erfahrung können das alle normal intelligenten Kinder. Neuhaus belegt es jedenfalls nicht wissenschaftlich, wenn sie behauptet, so etwas sei ADS-typisch. Und ich glaube ihr das natürlich auch nicht.
Dieses willkürlich herausgegriffene Beispiel steht für viele andere in diesem Ratgeber.

Dann wird es interessanter: "Was ist das für ein Syndrom?", fragt sich oder uns die Autorin. Sie schildert anschaulich und kurz zusammengefasst den bisherigen "Werdegang" der Forschung, angefangen beim notorischen Heinrich Hoffmann über Dr. Still, Lauffer, Wender, Chelune bis hin zu Zametkin und Barkley. Leider behauptet sie nach wie vor einige Dinge, wie die Vererbbarkeit von ADS, ohne die Fragwürdigkeit der Studien zu berücksichtigen, auf die sie sich dabei bezieht (siehe hierzu meinen Beitrag "Biederman Zwo" unter "ADS - gibt´s das wirklich?").
Sie führt auf S. 52 ff. aus, dass die "Hypothese" einer Dysregulation von Neurotransmittern auf Stammhirnebene als Ursache für ADD heute "die wahrscheinlichste" sei. Aha, denke ich, "Hypothese", "wahrscheinlich", das sind Aussagen, die klingen vorsichtig und dem Forschungsstand vielleicht angemessen.
Aber dann (S. 55) heisst es zur Überraschung des Lesers: "Nach dem gegenwärtigen Forschungsstand besteht zweifelsfrei eine neurobiologische Verursachung des Syndroms". Wie dieses? Erst sind es "Hypothesen", also Forschungsrichtungen mit Wahrscheinlichkeit, dann plötzlich eindeutige, sogar zweifelsfreie Wahrheiten?

Der Großteil des übrigen Buches stellt verschiedene Therapien und Beispiele aus der Praxis vor. Völlig außen vor bleibt der verursachende Milieueinfluss (das fällt in der gesamten ADS-Szene wirklich extrem auf!), elterliches Verhalten ist grundsätzlich nur reaktiv. Das ist für eine Diplompsychologin schon erstaunlich einseitig, aber leider für nicht wenige (altmodische) Verhaltenstherapeuten charakteristisch. Beim Lesen gewinne ich den Eindruck, dass alles, was Neuhaus hier abhandelt, wo anders genauso oder besser zu lesen wäre, mit Ausnahme des Umstandes, dass sie es alles auf ADS ausrichtet. Aber warum muss man das? Die beschriebenen Therapien wirken ja schon lange auch ohne die Diagnose ADS bei tausenden von Kindern und Familien. Es sind ja keine "Neuhaus-Therapien", sondern alles gängige und lange eingeführte Verfahren, die ohne das Konzept ADS auskommen. Natürlich bleibt die Autorin die Antwort auf diese Frage, die sie sich gar nicht stellt, schuldig.
Was sie ausserdem über systemische Familientherapie ausführt, zeugt mehr von Schulenstreit, als von Fachkenntnis oder klinischer Erfahrung. Es ist einfach ein Zerrbild von Familientherapie.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren: Ohne das Konstrukt "ADS" gäbe es Frau Neuhaus gar nicht. Und schon deshalb muss es ADS geben!

Nichts für ungut, Ihr H.-R. Schmidt
(P.S.: Erfreulich an diesem Buch ist allerdings der Preis: Nur DM 19.90).

Autor: Esther-Herzdame- 
Datum:   06.10.01 18:12

Hallo Herr Schmidt,

ich finde Ihre Idee gut, Bücher kritisch zu betrachten.
Ich habe dieses Buch von Frau Neuhaus auch gelesen.
Ich denke ich würde es ähnlich beurteilen wie Sie das getan haben.

Auch habe ich einen Vortrag in unserer Nähe von Frau Neuhaus besucht und ich kann die übergroße Begeisterung für diese Frau leider nicht verstehen, und auch icht teilen!
Wie sagt man umgangssprachlich?
"Ich kann mit dieser Frau nicht"!.

Begründen könnte ich es aber auch nicht so genau.
Vielleicht zum Teil, weil Ihre Vorträge einfach "erschlagend" sind.
Ich überhaupt nicht auf ihrer Wellenlänge liege.
Vielleicht könnte man es auch als ein "Bauchgefühl" bezeichnen.

Ich finde es jedenfalls sehr übertrieben diese Frau unerreichbar in den Himmel zu heben. Niemand scheint sie kritisch zu hinterfragen. Alles was sie sagt wird als die absolute Wahrheit anerkannt. Ich glaube, in ihrer Popularität könnte sie sonst was erzählen, jeder wäre begeistert.

Nix für ungut, es ist lediglich meine Meinung!

Liebe Grüße,
Esther

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   06.10.01 19:05

Hallo Esther,
es mag verrückt klingen, aber ich habe gerade ein altes Asterix-Heft gelesen: "Der Seher". Es handelt von einem alten, einsamen Mann, der als "Seher" auftritt und allen Leuten genau das vorhersagt, was sie hören wollen. Und alle sind total begeistert und überzeugt von seinen seherischen Fähigkeiten. Dank Asterix, der sich seinen kühlen Kopf natürlich bewahrt, gewinnt der Verstand aber wieder die Oberhand.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang auch, dass man Leuten, die nicht das sagen, was man hören will, sofort "niedrige" Motive (Profitsucht, Profilierungssucht, "Warum macht er das??") unterstellt, während man Leuten, die das sagen, was man hören will, nur edle Motive unterstellt ("sie hilft unseren Kindern!").
Dabei verdient Frau Neuhaus mit "ADS" sicher ganz schönes Geld (ich keinen Pfennig). Genauso Herr Biegert von der HEBO-Schule in Bonn, der durch die Lande tingelt und für seine ADS-Privatschule wirbt.

H.-R. Schmidt

Autor: Doris 
Datum:   07.10.01 11:08

Hallo,

ich kenne Frau Neuhaus nicht persönlich, also kann ich nichts über ihren Vortragsstil sagen.

Wenn man wie Sie Herr Schmidt vom Konzept ADS nichts hält, stellt man natürlich alles in Zweifel, das ist doch klar.

Andererseits muss man sich auch mal überlegen, wer kauft sich denn Bücher, wenn das Kind problematisch ist? Bestimmt nicht die Eltern, deren eigene Probleme so groß sind, dass sie mit dem Leben und den Kindern nicht zurecht kommen. Dazu muss man nämlich die Inhalte auch verstehen.

Eltern aus sozialen Brennpunkten, mit Suchtproblemen und mit häuslicher Gewalt werden wohl kaum in der Lage sein, über sich selbst zu reflektieren.

Die Eltern, die sich die Bücher kaufen, sich Sorgen machen, haben sich, so vermute ich, zuerst immer gefragt: "Was machen wir falsch?, Was können wir besser machen? , Stimmt etwas nicht bei uns?

Bevor Eltern (zumindest ist es bei vielen, die ich kenne) überhaupt ADS erst mal in Erwägung ziehen, haben zum Teil viele erfolglose Therapien hinter sich, auch Familientherapie. Denn der erste Schritt vieler verantwortungsvoller Eltern ist nun mal die Erziehungsberatungsstelle, die dann auch Hilfen in Formen von Familentherapie anbietet. Im übrigen sind die Erziehungsberatungsstellen völlig überlaufen und als "Normalbürger" hat man eh kaum eine Chance auf einen Platz, weil das Jugendamt viele Eltern aus problematischen Umfeld bei Probleme an eine Erziehungsberatungsstelle weiterleitet.

Ich bin zwar der Ansicht, dass man auch die Situation der Familie genau durchleuchten soll und muss, aber jedes Problem nur in der Familie zu suchen ist m.E. auch sehr einseitig.

Was sollen ihrer Meinung nach denn Eltern tun, die jahrelang verschiedene Therapien mit den Kindern besucht haben und sich kein Erfolg eingestellt hat? Vielleicht liegt es am Therapeuten, aber das würde kein Therapeut zu geben.

Sie schüren mit Ihren Ansichten weiter das schlechte Gewissen der Eltern, deren Kinder aus verschiedenen Gründen nicht in einer Gemeinschaft zurecht kommen und sich nicht so verhalten, wie es vom Großteil der Bevölkerung erwartet wird.

Glauben Sie denn wirklich, dass Frau Neuhaus familiäre Probleme nicht auch in ihrer Praxix mit beobachtet? Im übrigen haben Sie nicht erwähnt, dass Frau Neuhaus durchaus auf einem Gesamtkonzept bei der Behandlung besteht und nicht nur zum Pillenschlucken auffordert.Dies tun z.B. einige Ärzte, die meinen, mit der Tablette ist es ja getan.

Außerdem warnt sie durchaus auch vor Therapien.

Was verstehen Sie eigentlich genau mit Milieueinfluss?
Welche Eltern sind denn da gemeint?

Ich glaube sogar eher, dass Eltern aus einem besonders problematischen Milieu warscheinlich eh nichts unternehmen und den Dingen ihren Lauf lassen.

Ich kenne durchaus Kinder, die ADS diagnostiert sind, Ritalin erhalten und deren Probleme sich trotz verschiedener anderer Therapien nicht bessern, allerdings stimmt hier auch die familiäre und soziale Konstellation nicht. Aber wie soll denn dem Kind noch geholfen werden? Das JA hat schon die Familienhilfe in der Familie, die Erziehungsberatungsstelle ist mit einbezogen usw... Ja auch Familientherapie findet statt und trotzdem ändert sich nichts. Hier haben sich also beide Ansätze trotz vieler Bemühungen nicht als erfolgreich herausgestellt. Das eine Kind, dem es so geht, ist ein Klassenkamerad meiner Tochter und ich bin wirklich entsetzt, wenn ich höre, wie problematisch das Kind ist. Die familäre Stituation ist wirklich schlimm, das Kind ist sehr auffällig und wird wohl m.Ansicht nach in der 3.Klasse wieder sitzenbleiben und dann wohl zur Sonderschule verwiesen.

Nur, was soll denn noch getan werden? Können Sie wirklich viel bewirken, wenn in einer Familie kein geregeltes Leben stattfindet, ein Kind nie richtig schläft, weil die Mutter sich nicht darum kümmert und auch sonst nicht in der Lage ist, dem Kind eine Hilfestellung zusein? Was tun, wenn das Kind nicht richtig versorgt wird, keine Anleitung hat, wie man sich verhält und benimmt? Was tun, wenn die Noten sehr schlecht sind und selbst der Stoff der 2.Klasse nach 2.Anlauf nicht erfasst wird? Was tun, wenn die Mutter mit sich selbst nicht zurecht kommt?


Ich fände es im übrigen viel besser, wenn Sie sich in einer Diskussion mit Frau Neuhaus begeben würden und dort Ihre Kriktikpunkte anbringen würden. Vielleicht würden einige Ihrer Fragen beantwortet, wie z.B. die Frage nach den milieubedingten Ursachen.

Doris

Autor: Kim 
Datum:   07.10.01 22:41

Hallo Doris,

ich stimmen dir in einigen Dingen durchaus zu, in anderen habe ich eine andere Meinung.

> ich kenne Frau Neuhaus nicht persönlich, also kann ich nichts
> über ihren Vortragsstil sagen.

Ich kenne sie auch nicht persönlich, habe aber von meinen Informationen über sie den Eindruck, sie kann sich und das Konstrukt "ADS" recht "gut verkaufen", was eben nicht heißen muß, daß besonders viel an Substanz dahintersteckt.
Mich macht vor allem auch skeptisch, daß sie so viele Eigenschaften als "ADS-typisch" beschreibt, die eigentlich für alle Kinder gelten. Insbesondere auch ihre "ADS-typischen" Erziehungstipps sind in der Regel ganz allgemeingültige Regeln, die für jedes Kind angebracht sind.

> Andererseits muss man sich auch mal überlegen, wer kauft sich
> denn Bücher, wenn das Kind problematisch ist? Bestimmt nicht
> die Eltern, deren eigene Probleme so groß sind, dass sie mit
> dem Leben und den Kindern nicht zurecht kommen. Dazu muss man
> nämlich die Inhalte auch verstehen.
> Eltern aus sozialen Brennpunkten, mit Suchtproblemen und mit
> häuslicher Gewalt werden wohl kaum in der Lage sein, über sich
> selbst zu reflektieren.

Da gebe ich dir recht, aber ich glaube andererseits nicht, daß nur diese sozial auffälligen Familien durch ihre Probleme ein "ADS" entweder "verursachen" oder "verschlimmern".
Ich glaube auch, daß hier etwas grundsätzlich mißverstanden wird. Wenn von familiären Ursachen die Rede ist, sind gar nicht nur die eklatant ins Auge fallenden Dinge wie Vernachlässigung, Prügeln oder sonstiges massives Erziehungsfehlverhalten gemeint, sondern die ungelösten und unbewußten Konflikte in den Personen und den Familien, die dann zu Störungen beim Kind führen können.

> Die Eltern, die sich die Bücher kaufen, sich Sorgen machen,
> haben sich, so vermute ich, zuerst immer gefragt: "Was machen
> wir falsch?, Was können wir besser machen? , Stimmt etwas nicht
> bei uns?
> Bevor Eltern (zumindest ist es bei vielen, die ich kenne)
> überhaupt ADS erst mal in Erwägung ziehen, haben zum Teil viele
> erfolglose Therapien hinter sich, auch Familientherapie. Denn
> der erste Schritt vieler verantwortungsvoller Eltern ist nun
> mal die Erziehungsberatungsstelle, die dann auch Hilfen in
> Formen von Familentherapie anbietet.

Da kenne ich andere Familien, die genau das nicht getan haben und auch nicht tun.
Zwar stimme ich wieder mit dir überein, daß sich auch häufig in diesen Familien Gedanken gemacht wird, aber vorwiegend über das Kind, dann vielleicht auch noch über erzieherische Maßnahmen (um beim Kind etwas zu erreichen), aber nicht über die eigene Beziehung zum Kind und nicht über verborgene Konflikte in der Familie.
Und es kommt noch etwas hinzu: Wenn ich in einem System drinstecke, kann ich gewisse Dinge nicht sehen, die ein Außenstehender sehen kann. Da bedarf es einer Art "Hilfestellung" von einem neutralen Außenstehenden, um überhaupt manche Probleme zu erkennen.
Bei den Familien, die ich kenne, ist entweder keine Hilfestellung in dieser Hinsicht eingeholt worden, oder aber die Sichtweise des Therapeuten wurden sehr schnell als "falsch" abgetan.

> Im übrigen sind die
> Erziehungsberatungsstellen völlig überlaufen und als
> "Normalbürger" hat man eh kaum eine Chance auf einen Platz,
> weil das Jugendamt viele Eltern aus problematischen Umfeld bei
> Probleme an eine Erziehungsberatungsstelle weiterleitet.

Da hast du natürlich recht, es müßte den Eltern leichter und schneller eine Therapiemöglichkeit eröffnet werden.

> Ich bin zwar der Ansicht, dass man auch die Situation der
> Familie genau durchleuchten soll und muss, aber jedes Problem
> nur in der Familie zu suchen ist m.E. auch sehr einseitig.

Auch da stimme ich dir zu, jegliche Einseitigkeit ist in meinen Augen falsch und kann nicht der Wirklichkeit gerecht werden. Nur die Alternative zu "alles" in der Familie zu suchen, kann ja nicht heißen, "gar nichts" in der Familie zu suchen. Aber so wird heutzutage oftmals das Konzept des "ADS" benutzt, nämlich als Krankheit des Kindes, von nichts anderem beeinflußt.

> Was sollen ihrer Meinung nach denn Eltern tun, die jahrelang
> verschiedene Therapien mit den Kindern besucht haben und sich
> kein Erfolg eingestellt hat? Vielleicht liegt es am
> Therapeuten, aber das würde kein Therapeut zu geben.

Auch da stimme ich dir zu: wirklich gute Therapeuten sind selten. Und genau so selten sind wirklich gute Ärzte, das darf man im Gegenzug dann auch nicht vergessen. Und die Ärzte, die nach ungenauer Diagnose den Kindern Ritalin verschreiben, sind mit Sicherheit keine guten Ärzte.

> Nur, was soll denn noch getan werden? Können Sie wirklich viel
> bewirken, wenn in einer Familie kein geregeltes Leben
> stattfindet, ein Kind nie richtig schläft, weil die Mutter sich
> nicht darum kümmert und auch sonst nicht in der Lage ist, dem
> Kind eine Hilfestellung zusein? Was tun, wenn das Kind nicht
> richtig versorgt wird, keine Anleitung hat, wie man sich
> verhält und benimmt? Was tun, wenn die Noten sehr schlecht sind
> und selbst der Stoff der 2.Klasse nach 2.Anlauf nicht erfasst
> wird? Was tun, wenn die Mutter mit sich selbst nicht zurecht
> kommt?

Das ist eine berechtigte und nicht zu beantwortende Frage.
Ich halte es da mit Frau Dr. Flehmig, die sinngemäß mal sagte, man komme in der heutigen Zeit sicher nicht um medikamentöse Behandlung herum, besonders nicht bei uneinsichtigen Eltern.
Aber das ist andererseits auch kein Argument für oder wider eine bestimmte Sichtweise des Phänomens "ADS".

Gruß von Kim

Autor: Claudia 
Datum:   07.10.01 11:20

Hallo,

ich persönlich finde Bücher dieser Art sowieso nicht besonders hilfreich, weil sie keinen Anspruch auf Objektivität erheben können. Sie spiegeln doch immer nur eine Meinung wieder. Letztlich ist doch jeder "Fall" anders gelagert und die Probleme wiegen unterschiedlich schwer. Wichtig bei diesem Thema ist doch, dass man sein Kind und seine Schwächen kennt und dann entsprechend handelt. Da nützt mir so ein Buch auch sehr wenig, weil die Therapie doch individuell auf den Betroffenen abgestimmt werden muss.

Es gibt jedoch ein Buch, was mir trotzdem recht gut gefallen hat. Es war "Eine andere Art, die Welt zu sehen". Der Kinderarzt, der bei unserem Sohn ADS diagnostiziert hat, hat es uns empfohlen. Nach diesem Buch konnte ich etwas entspannter an die Dinge herangehen. Wäre unser Kind nicht so, wie es ist, hätten wir auch viele schöne Dinge nicht erlebt. So anstrengend seine Spontaneität ja auch sein kann, und das ist sie wirklich bisweilen *seufz*, es wird aber nie langweilig bei uns.

Viele Grüße

Claudia

Autor: Hexe 
Datum:   08.10.01 19:23

Hallo Kim,

>> Sehr gehrter Herr Schmidt, Sie wissen, dass auch ich
>>mancherADD-Diagnose mehr als kritisch gegenüberstehe,

>Das ist doch mal schön, zu lesen, dann bist du ja mit >Herrn Schmidt
durchaus einer Meinung.


Hier widerspreche ich mal denn Herr Schmidt betont nun wirklich immer
wieder, dass es keine ADD-Diagnose (als Komplettbild)geben kann für ihn, da
es dieses "Etikett" nicht geben soll für ihn.

Das es die Störungen und Auffälligkeiten gibt, streitet er ja nicht ab.

Aber im Prinzip ist das ein Streit um des Kaisers Bart.
Denn es ist vollkommen wurscht wie man es nennt...das "Problem" muss gelöst
und den Kindern geholfen werden.

>Ja, das ist in der ADS-Szene auch sehr ausgeprägt, >diese
Therapieunwilligkeit. Es ist ja auch viel >einfacher, das Kind zum
Hirnstoffwechsel-Kranken zu >machen, als sich mit dem ganzen psychologischen
Kram >oder gar mit sich selbst auseinanderzusetzen, gell?

Hier wird Eltern unterstellt, das sie sich weigern Erfolg bringende
Therapien zu nutzen.Und zwar aus purer Faulheit/Bequemlichkeit.Hast Du dafür
schlüssige Beweise?

Ich gebe gern zu das ich kein Fan bin von psychologischem Kram und ich habe
dafür meine Gründe...
Trotzdem habe ich jeden Therapieplatz den man mir für mein Kind anbot
ergriffen...trotz der bedauerlichen Tatsache das ich die Kosten selber
tragen mußte ....

Kim ,es geht nicht das man das PRoblem mit Angriffen auf beiden SEiten zu
lösen versucht...Dieser Streit wird auf dem Rücken der Kinder ausgetragen
...Er hilft ihnen nicht.

Gruß Petra

Autor: Kim 
Datum:   08.10.01 19:26

Hallo Petra,

du schriebst:
> Hier widerspreche ich mal denn Herr Schmidt betont nun
> wirklich immer wieder, dass es keine ADD-Diagnose (als
> Komplettbild)geben kann für ihn, da es dieses "Etikett" nicht
> geben soll für ihn.

Er betont, daß er das "Krankheitsbild" des "ADS" nicht benötigt, weil alle
Symptome (die definitionsgemäß "ADS" ausmachen) auch anders zu benennen
sind. Und ich gebe ihm da uneingeschränkt recht.
Dann wehrt er sich gegen die Etikettierung der Kinder mit "ADS", weil es für
die Kinder nur Nachteile bringt, für die Behandlung keinerlei Vorteile und
lediglich ein Kind zum "Kranken" stempelt und andere Einflußfaktoren dadurch
nicht mehr betrachtet werden. Und auch da stimme ich ihm zu.

> Aber im Prinzip ist das ein Streit um des Kaisers Bart.
> Denn es ist vollkommen wurscht wie man es nennt...das "Problem"
> muss gelöst und den Kindern geholfen werden.

Es ist nicht ganz wurscht, weil in der "ADS-Szene" die Ursache für die
klinischen Symptome gleich mitgeliefert wird und eben fälschlicherweise
immer wieder behauptet wird, es sei eine angeborene Neurotransmitterstörung.
Durch diese Ursachenvermutung wird natürlich die Behandlungsweise
vorweggenommen, nämlich medikamentös. Das macht es so schwierig, wenn alle
sich einig wären, NUR das klinische Erscheinungsbild als "ADS" zu
bezeichnen, dann wäre es egal.

> Hier wird Eltern unterstellt, das sie sich weigern Erfolg
> bringende Therapien zu nutzen.Und zwar aus purer
> Faulheit/Bequemlichkeit.Hast Du dafür schlüssige Beweise?
>
Ich weiß nicht, was du unter schlüssigen Beweisen verstehst.
Ich habe Erfahrungen mit Familien in meinem persönlichen Umfeld, die in der
Regel "keinen Bock" (O-Ton) auf psychologische Methoden haben.
Dann entnehme ich auch den Beiträgen im Internet sowohl eine massive
Ablehnung gegen psychotherapeutische Maßnahmen (wenn man VT für's Kind mal
ausschließt), nur dadurch sind übrigens auch die haarsträubenden
Diffamierungsversuche gegen Herrn Schmidt zu erklären, als auch andererseits
die Anzeichen von hochneurotischen Persönlichkeitsstrukturen der Mütter und
schweren familiären Konflikten. Das fällt besonders auf, wenn man die
ADS-Szene eine Zeitlang im Internet verfolgt und mit dem Blick des
Psychologen schaut. Ich verallgemeinere natürlich wieder, aber du wirst
verstehen, daß ich hier nicht spezielle Mütter benennen kann.

> Kim ,es geht nicht das man das PRoblem mit Angriffen auf beiden
> SEiten zu lösen versucht...Dieser Streit wird auf dem Rücken
> der Kinder ausgetragen ...Er hilft ihnen nicht.

Das stimmt, daß Angriffe kein Problem lösen und es stimmt auch, daß es um
die Kinder geht, denen geholfen werden soll. Doch da würde eine
ganzheitlichere Sicht der Problematik "ADS" den Kindern sehr wohl helfen,
und für nichts anderes setze ich mich ein. Denn ich glaube nicht, daß den
Kindern mit der Verabreichung von Psychopharmaka geholfen werden kann, im
Gegenteil, das schadet ihnen sogar häufig.
(Um weiteren Mißverständnissen gleich vorzubeugen: d.h. natürlich nicht, daß
in manchen Fällen die Gabe von Psychopharmaka nicht auch sinnvoll und
hilfreich sein kann.)

Gruß von Kim

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   16.10.01 19:56

Liebe Gäste,
und schon geht´s munter weiter!

Als zweites Buch stelle ich Ihnen das Buch von Dieter Krowatschek (genau: DER aus der Mainz-Report-Sendung!) "Alles über ADS - Ein Ratgeber für Eltern und Lehrer" vor (Walter Verlag 2001).

Der Autor ist Schulpsychologe und Lehrer und trainiert seit 15 Jahren Schüler und Lehrer bei "ADS" (bereits über 5000 Kinder) erfolgreich und fast völlig ohne Medikamentengabe. Der Untertitel des Buches verspricht denn auch "...Alternativen zur medikamentösen Behandlung".

Krowatschek beschreibt die Eigenarten und Verhaltensweisen hyperaktiver Kinder zunächst so, wie sie überall beschrieben werden. Allerdings äußert er Kritik an der gängigen medizinisch-biologistischen Betrachtung des Verhaltens dieser Kinder, auch daran, dass immer mehr Eltern und Fachleute "ADS" als Krankheit betrachten und davon sprechen, ihr Kind "habe ADS", so, wie wenn es Asthma oder Diabetes hätte.

Seine Darstellung der Diagnostik gemäß den gängigen Katalogen ICD und DSM fällt allerdings unkritisch aus. Er beschreibt alles korrekt, bewertet es aber leider nicht. So wünschte ich mir ein kritisches Hinterfragen des Umstandes, dass z.B. im DSM IV "sechs oder mehr" Kriterien für die Diagnoseerstellung erfüllt sein müssen: Warum 6 und nicht 3 oder 5 oder 8?? Das konnte mir noch niemand begründen, leider auch Krowatschek nicht.

Auch später ergeht sich der Autor ausführlich in angeblich typischen Verhaltensweisen hyperaktiver Kinder. Deshalb muss ich ihm die selbe Frage stellen, die ich bereits Frau Neuhaus gestellt habe: Welche wissenschaftlichen Belege führt der Autor hierfür an? Woher weiss er z.B., dass die Verwendung "extrem sauiger" Ausdrücke oder ihre "Disziplinlosigkeit" nur "ADS-Kinder" kennzeichnet? Ich habe schon viele verwahrloste Kinder kennengelernt, die darin auch perfekt waren, ohne hyperaktiv zu sein.

Anschließend wird der Autor bei der Frage "Verhaltensprobleme - eine Funktionsstörung des Gehirns?" wieder wohltuend kritischer. Er geht vom "Prozac-Phänomen" in den USA aus (Prozac ist ein in unerhörten Mengen verschriebenes Antidepressivum. Das berühmte Buch von Kramer "Listening to Prozac" machte die amerikanische Öffentlichkeit 1994 mit dem Modell einer rein biologisch orientierten Psychiatrie vertraut) und kritisiert, dass dieser Ansatz auch bei ADS zur Leugnung von psychosozialen Ursachen führt. Er erwähnt in diesem Zusammenhang, dass die Forschergruppe um BIEDERMAN in über 100 Forschungsstudien zu ADS nur in zwei (!) die familiären Lebensbedingungen berücksichtigt, und dass genau in diesen beiden Studien starke Zusammenhänge des ADS-Risikos mit psychosozialen Stressfaktoren wie Arbeitslosigkeit, Kulturkreis, Familiengröße, Kriminalität etc. belegt werden. "So kann vermutet werden, dass die Verhaltensstörungen der ADS-Kinder ihre Ursachen auch oder vielleicht doch vor allem im sozialen Umfeld des Kindes haben" (S. 67).

Diagnostische Fragen werden anschließend ausführlich erörtert. Bei der ADS-Diagnose dürfe es nicht so zugehen, wie bei dem bekannten amerikanischen Richter, der auf die Frage, woran er Pornografie erkenne, sagte (übersetzt): "Wenn ich es sehe, weiss ich´s!")

Spannend wird es dann noch einmal im Kapitel "Die Medikation" (S. 155 ff.). Hier nimmt der Autor eine kritische Haltung an. Er bezeichnet Ritalin et. al. als "trojanisches Pferd", bei dem langfristig niemand wisse, was dabei herauskomme, und erwähnt den starken Anstieg der Medikation bei 2-4jährigen Kleinkindern in den USA in den beiden letzten Jahren. Er stellt "Pro und Contra Ritalin" gegenüber und betont, dass es ein Fehler sei, Eltern Ritalin als Allheilmittel bei oft schlecht diagnostizierten Verhaltensproblemen ihrer Kinder anzudienen. Der Autor berichtet, viele Fälle kennengelernt zu haben, bei denen die ausschließliche Behandlung in einer Ritalingabe bestand, die ausserdem oft noch schlecht ärztlich kontrolliert war. Andere Maßnahmen seien ernsthaft nie in Erwägung gezogen worden.

Im Hauptkapitel "Was Eltern und Lehrer tun können" beschreibt der Autor sehr ausführlich und anschaulich ein Therapieprogramm ohne Medikation, das er bisher an über 5000 Kindern mit Erfolg durchgeführt hat. Neben Entspannungsübungen, Maßnahmen im Klassenzimmer, Beratung des Lehrers, Trainings für die Konzentrationsförderung sowie Hilfen für Eltern zu Hause beinhaltet es auch eine interessante Übung im "Inneren Sprechen", die erstaunliche Erfolge hat.

Insgesamt ein guter Ratgeber für Eltern und Lehrer. Mein Gesamturteil: Empfehlenswert.

Mit Gruß, H.-R. Schmidt

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   17.10.01 21:03

Hallo Petra,
viele "betroffene " Eltern sind überfordert dabei, eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem Lehrer einzufädeln. Sehr schnell fliegen Schuldzuschreibungen hin und her. Ich kenne Lehrer, die auf "ADS" u.a. deshalb sofort "allergisch" reagieren, weil sie begründet erkennen, wie sich Eltern mit diesem Etikett aus der eigenen Verantwortung stehlen wollen. Schnell entsteht dann ein Gegeneinander zwischen Eltern und Schule, unter dem das Kind natürlich zusätzlich leidet.

Sowohl Eltern als auch Schule brauchen dann einen Vermittler, der die partnerschaftliche und wohlwollende, gemeinsam am Kindeswohl orientierte Zusammenarbeit wieder herstellen hilft. Ein guter und allparteilicher Erziehungsberater in einer Erziehungsberatungsstelle kann diese Rolle dann hilfreich übernehmen (s. mein Fallbeispiel "Familie und ADS") .

Mit Gruß, H.-R. Schmidt

t>:ƒ