Willkommen im CAFÉ HOLUNDER
ARCHIV:

ADS: Gibt´s das wirklich?

ADS-Bücher: Kritisch
betrachtet

Ritalin: Ein folgen-
schwerer Irrtum

Aus der Sicht unserer
Kinder

Das Verschwinden der Mädchen von der
Bildfläche

Gibt es ein Bisschen ADS?

Exklusiv: Die HÜTHER-Studie

Das Anlage-Umwelt-
Problem

Oh wie verführerisch
ist doch das ADS!

Alternativen bei ADS

Fragiles X-Syndrom

Alternative Behandlung
bei ADD

Familie und ADS

Alternative Sichtweisen bei ADS

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 1

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 2

Quellensammlung

Böse Witze



ZEITZEUGEN (10)

Horst-Eberhard Richter

Prof. Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter, Psychiater, Sozialphilosoph und Psychoanalytiker war viele Jahre geschäftsführender Direktor des Psychosomatischen Universitätszentrums in Gießen. Mitbegründer der bundesdeutschen Sektion der IPPNW, ehem. Direktor des Sigmund-Freud-Institutes Frankfurt, erster Geschäftsführer und Sprecher der bundesdeutschen IPPNW, Ehrenvorstandsmitglied der deutschen IPPNW. 1980 erhielt er den Theodor-Heuss-Preis. In diesen Tagen wurde er mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt geehrt. Diesen Preis erhielt bereits Sigmund Freud im Jahre 1930. Café Holunder gratuliert ganz ganz herzlich!

Prof. Richter veröffentliche zahlreiche Bücher wie "Eltern, Kind und Neurose", "Patient Familie" oder "Der Gotteskomplex". Entscheidend ist und war für ihn stets die Verteidigung eines - immer wieder gefährdeten - humanistischen Weltbilds.

Ich habe H.-E. Richter in den Aufbruchsjahren der Deutschen Familientherapie in den Jahren ab 1973 persönlich kennengelernt und mit meiner damaligen Erlanger Familienberatungsstelle um Prof. Dr. Karl Gerlicher und Prof. Dr. Walter Toman an der Gründung der "Arbeitsgemeinschaft psychonalytischer Familientherapie (APF)" als Gründungsmitglied teilgenommen (später wurde daraus die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Familientherapie DAF). Damals erschien unser aufsehenerregendes Buch "Familie und seelische Krankheit", Rowohlt 1976 (gemeinsam mit Hans Strotzka und Jürg Willi). Wir haben damals gemeinsam mit H.-E. Richter einen Familientherapiekongress veranstaltet und ihn später immer wieder getroffen, wenn deutsche Familientherapeuten zusammen kamen. Besonders seine frühen familientherapeutischen Bücher haben mich fachlich sehr geprägt. Sie haben nichts von ihrer Aktualität eingebüßt (z.B. "Eltern, Kind, Neurose", "Patient Familie") und werden bis heute immer wieder neu aufgelegt.

H.-R. Richter war viele Jahre Direktor des international bekannten Instituts für Psychoanalyse in Frankfurt, das 1929 durch Heinrich Meng, den Namenspatron und Freund des Gründers meines derzeitigen Instituts, Prof. Dr. Gerd Biermann, gemeinsam mit Karl Landauer gegründet und geleitet worden war. Auch aus dieser historischen Verwandtschaft fühlen wir uns H.-R. Richter verbunden.

He´s a real good guy!

H.-R. Schmidt
26.4.2002

 

AMOK

Erfurt: Solche schrecklichen Ereignisse sind leider immer wieder der Moment der kollektiven Heuchelei und Ursachenverdrängung. Bei ähnlichen Ereignissen in USA hörte das öffentliche Gewissen jeweils bei der Frage auf, woher die Kids die Waffen hatten. Man überlegte nicht tiefer: Warum haben sich diese Kids die Waffen besorgt und die Tat begangen? Man überlegt lieber nicht tiefer, weil das Ganze sonst eine zwischenmenschliche Beziehungsdimension annähme, der man sich persönlich dann nicht mehr so leicht entziehen könnte. Auch die so vordergründige Überlegung, ob (un)behandeltes "ADS" bei dem 19jährigen Täter vorgelegen haben könnte, funktioniert nach diesem Verdrängungsmechanismus.

Solche schrecklichen Taten haben immer mit vorausgegangenen tiefen menschlichen Verletzungen, Kränkungen und Selbstwertzerfallen zu tun. Rache und Wut wegen oft langjähriger tiefsitzender Selbstwertverletzungen sind das Tatmotiv. Allein schon unser Wort "Amoklauf" verschleiert das Vorhandensein dieser ohnmächtigen, fremd- und selbstzerstörerischen Wut, die der Täter in sich angesammelt hat, denn die meisten Menschen kennen den Wortursprung gar nicht mehr: "Amok" ist das malayische Wort für "Wut". Ich schlage deshalb stattdessen den Begriff "Tödliche Kränkungsreaktion" vor, um die Frage nach dem "Warum" nicht weiter als Ausdruck einer kollektiven Pseudoratlosigkeit verhallen zu lassen.

P.S.: Wenn man so manche beflissene Betroffenheitsbekundung in einschlägigen Internetforen von Leuten liest, die noch gerade eben über andere Forenteilnehmer oder sonstige Internetmenschen demütigend und niederträchtig hergefallen sind... Wer wirklich vorbeugen will, muss bei sich selbst anfangen, und das kann sogar beim Umgang miteinander im Internet geschehen.
In diesem Sinne, Ihr

Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt
27.4.2002

 

Am Rande bemerkt:
Anlässlich der Ereignisse mit sexuellem Missbrauch in der amerikanischen katholischen Kirche kursieren in der Presse wieder einige Mythen, z.B. dass sexueller Missbrauch hauptsächlich innerhalb von Familien vorkomme (richtig ist stattdessen: im familiären Umfeld). Auch scheint keineswegs klar, dass das Zölibat eine Rolle spielt, denn in der evangelischen Kirche oder in Sportvereinen etc. kommt Missbrauch wohl nicht seltener vor. Hier einige
Informationen dazu.

Mit Gruß, Ihr H.-R. Schmidt
28.4.2002

 

 

Endlich: Die Neue Preisfrage!

Hier auf vielfachen Wunsch eines Einzelnen unser neues Preisrätsel!

Richtige Lösungen bitte bis 6. Mai 2002 an Café Holunder.

Bei mehreren richtigen Einsendern entscheidet die Lotterie. Der Gewinner erhält den 2. Preis (ein Originalbild von mir nebst mit dem Munde gemaltem Autogramm). Der Verlierer erhält den 1. Trostpreis (einen Original-ADHS-Trostspruch fürs Tagebuch von H.-R. Schmidt nebst der originalen Café-Holunder-Anstecknadel). Alle weiteren Teilnehmer gehen zu ihrem Glück leer aus.

Und hier die heißersehnte Preisfrage:

Welche Aussagen stimmen:

A: ADHS ist eine genetisch bedingte, vererbbare, unheilbare Hirnfunktionsstörung
B:
Gewaltvideos, gewaltverherrlichende Computerspiele und Filme verursachen Taten wie die in Erfurt
C: Sexueller Kindesmissbrauch kommt am häufigsten in Familien vor

Hinweis: Sie müssen bei Ihrer Antwort einfach nur den oder die richtigen Buchstaben (A, B, C) nennen. Es können ein oder zwei oder drei Buchstaben richtig sein (tut mir leid, aber allzu leicht soll´s ja auch nicht sein für anspruchsvolle Café-Holunder-Gäste wie Sie, gell, net wahr, ohlreit und allesklar, woll?).

Viel Glück und viel Segen
auf all Ihren Wegen,
wünscht

Ulli
29.4.2002

 

Deprivierte Ratten entwickelten Hirnveränderungen und hyperaktives Verhalten

Die Bedeutung der Umwelt für die Entwicklung des kindlichen Gehirns

von Prof. Dr. Anna Katharina Braun

Die Behandlung von Lern- und Verhaltensstörungen und von psychischen Erkrankungen erfordert fundierte Kenntnisse der zellulären Mechanismen von lern- und erfahrungsinduzierten neuronalen und synaptischen Veränderungen. Es wird seit langem vermutet, dass der erste emotionale Lernprozess, die Entstehung der Kind-Mutter Bindung, eine wichtige regulatorische Funktion bei der psychischen und intellektuellen Reifung spielt. Ganz vergleichbar zur erfahrungsabhängigen funktionellen Reifung sensorischer Systeme beeinflussen frühe positive oder negative emotionale Erfahrungen und Lernprozesse die Reifung von emotionalen "limbischen" Schaltkreisen, die die Basis für die Verhaltensentwicklung bilden.

Beobachtungen aus der Kinderpsychologie und –psychiatrie haben schon sehr früh klar gemacht, dass emotionale Erlebnisse in früher Kindheit einen dauerhaften Einfluss auf die soziale und intellektuelle Entwicklung haben. Wenn es hier zu Störungen kommt, beispielsweise durch Verlust der Bezugspersonen oder traumatische Erlebnisse, dann kann es zu geistiger Retardierung oder zu seelischen Erkrankungen kommen.

Eines der berühmtesten Beispiele ist Kaspar Hauser, der im Alter von etwa 17 Jahren als Findelkind gefunden wurde. Es war auffallend, dass er weder sprechen konnte, noch normales menschliches Verhalten zeigte, und es wurde sehr bald deutlich, dass ihm in diesem fortgeschrittenen Lebensalter das Sprechen bzw. normale soziale Verhaltensweisen nur noch schwer beizubringen waren. Dieses Beispiel zeigt, dass es offenbar sensible Zeitfenster in der psychischen Entwicklung gibt, in denen bestimmte Fähigkeiten, wie zum Beispiel die Sprache, effizienter erlernt werden können als in anderen Lebensphasen. Diese sensiblen Phasen korrelieren höchstwahrscheinlich mit bestimmten Entwicklungsphasen des Gehirns, in denen die am Lernvorgang beteiligten Hirnareale besonders plastisch sind. René Spitz, der Untersuchungen zur Entwicklung von Heimkindern durchgeführt hat, hat als einer der ersten folgende Hypothese aufgestellt: Wenn es zu frühen emotionalen negativen Umweltbedingungen kommt, kann es zu "seelischen Narben" kommen, die dann das Individuum übersensibel gegen spätere Negativerlebnisse machen könnten. Er postulierte also eine erhöhte seelische Vulnerabilität, die durch frühe traumatische Erlebnisse hervorgerufen wurde.

Wir haben diese Hypothese übertragen in die Neurobiologie: wir postulieren, dass solche "psychischen Narben" das Resultat von frühkindlichen, durch ungünstige Umweltbedingungen entstandene Funktionsstörungen bestimmter Hirnsysteme sind, die dann auch die Ursache für die erhöhte Vulnerabilität gegenüber später eintretenden adversen Umwelteinflüssen sein könnten.

Die ersten emotionalen Erfahrungen werden bei der Interaktion zwischen dem Neugeborenen und seinen Bezugspersonen gemacht und sind daher "prägend" für alle weiteren emotionalen Erfahrungen. In unserer Arbeitshypothese, die wir seit einigen Jahren an Tiermodellen überprüfen, gehen wir davon aus, dass die Kind-Eltern-Interaktion eine emotionale Regulation und Stabilisierung des Kindes bewirkt, und dass sich diese Regulationsmechanismen auf die funktionelle Reifung des Gehirns auswirken. Wir postulieren, dass es hierbei zu einer Reorganisation der synaptischen Verschaltungsmuster zwischen den Nervenzellen im Gehirn kommt, und zwar insbesondere im limbischen System, welches nicht nur für die emotionale Verhaltenssteuerung, sondern auch für Lernen und die Gedächtnisbildung von Bedeutung ist.

Die Kind-Eltern-Interaktion wirkt sich also auf die funktionelle Reifung dieser für spätere Lern- und Verhaltensleistungen essentiellen Hirnschaltkreise aus. Findet diese Interaktion in einer adäquaten Art und Weise statt, entstehen normal funktionierende limbische Funktionen und es kommt zu einer normalen emotionalen und intellektuellen Reifung. Im pathologischen Falle, beispielsweise wenn die Eltern-Kind-Interaktion zeitweise oder auf Dauer unterbrochen wird - und das können wir im Labor bei unseren Tieren unter sehr kontrollierten Bedingungen induzieren – kommt es ebenfalls zu einer Reorganisation dieser Hirnschaltkreise, aber vermutlich in eine andere Richtung. Wir vermuten, dass es in solchen Fällen entweder zu einer unvollständigen Reifung der limbischen Schaltkreise kommt oder sogar zu "defekten" synaptischen Verschaltungsmustern, die dann letztendlich vielleicht den seelischen und kognitiven Störungen zugrunde liegen, die in der Kinderpsychiatrie oder auch in der Erwachsenenpsychiatrie diagnostiziert werden.

Ich werde im Folgenden nun versuchen, Ihnen an ein paar Beispielen zu zeigen, dass es zumindest aus dem tierexperimentellen Forschungsbereich einige Befunde gibt, die unsere Arbeitshypothese zumindest zum Teil belegen.

Nur an geeigneten Tiermodellen können wir die Umwelt experimentell und unter kontrollierten Bedingungen verändern, und nur beim Tier können wir dann auch die Auswirkungen dieser Umweltveränderungen auf die Hirnentwicklung überprüfen. Was verändert sich bei frühen emotionalen Lernprozessen in den Strukturen, die im Gehirn die Informationsübertragung bewerkstelligen, nämlich den Nervenzellen und ihren Kontaktstellen, den Synapsen?

In meiner Arbeitsgruppe untersuchen wir die Strauchratte (Octodon degus) als Tiermodell. Strauchrattenjunge werden, - wie der menschliche Säugling -, mit voll funktionsfähigen sensorischen Systemen geboren und können daher sofort nach der Geburt jede Umweltveränderung wahrnehmen. Sie leben monogam und zeigen, ebenso wie der Mensch, ein ausgeprägtes komplexes Sozial- und Vokalisationsverhalten. Eine weitere, im Tierreich sehr seltene Eigenschaft ist, dass die Väter mindestens genauso intensiv an der Kinderaufzucht beteiligt sind wie die Mütter.

Hirnbiologische Veränderungen nach zeitweiser oder chronischer Trennung von den Eltern
Im einem unserer ersten Experimente ging es um die Frage: kann eine wiederholte kurzzeitige, oder chronische Trennung von den Eltern die synaptischen Verschaltungen der Nervenzellen im limbischen System verändern?

Eine Nervenzelle (Abb. 4a) besteht aus einem Zellkörper, von dem verzweigte Fasern abgehen, die die Empfangsstationen, also die "Antennen", für Informationen von anderen Nervenzellen sind. Kleine, gerade noch im Lichtmikroskop sichtbare Dörnchen, auf englisch "spines" genannt, sind die Andockstationen, an denen die Fasern von anderen Nervenzellen ihre Informationen übermitteln.

Es wurden in diesem Experiment vier Tiergruppen im Alter von 45 Tagen untersucht, das entspricht bei dieser Tierart dem Zeitraum kurz vor der Pubertät. Eine Kontrollgruppe wurde ungestört bei der Familie aufgezogen. Eine zweite Gruppe wurde dreimal täglich, und zwar beginnend vom ersten Lebenstag an, für eine Stunde aus dem Elternhaus entfernt, wobei jedes Jungtier einzeln in ein kleines Kistchen gesetzt wurde, so dass sie ihre Geschwister hören und riechen, aber nicht kontaktieren konnten. Ab dem 21. Postnataltag können die Tiere selbständig Nahrung aufnehmen und verblieben dann ungestört im Familienverband. Eine dritte Gruppe wurde in den ersten drei Lebenswochen wie die vorhergehende behandelt, die Tiere wurden jedoch dann vom 21. Lebenstag an einzeln in Käfigen ohne jeden Sozialkontakt mit Artgenossen aufgezogen.

Als Ergebnis fanden wir, dass die deprivierten Tiere sehr viel mehr Spine-Synapsen besitzen als die Kontrolltiere.

Dies erscheint zunächst verblüffend, weil man vielleicht eher erwartet hätte, dass eine Deprivation zu einer Verminderung von synaptischen Verschaltungen führen sollte. Viele Synapsen im Gehirn sind jedoch nicht notwendigerweise gleichzusetzen mit besonders guten Denk- und Lernleistungen. Es ist nicht so sehr die Quantität sondern eher die Qualität und Spezifität der synaptischen Verschaltungen, die die Leistungen des Gehirns ausmachen. Es gibt genetisch bedingte Erkrankungen bei Menschen, z.B. das fragile X-Syndrom, bei dem gezeigt wurde, dass die geistig retardierten Patienten zu viele Spine-Synapsen im Gehirn haben, und eine Studie an Schizophrenen zeigte, dass diese Patienten im Präfrontal-Cortex zu viele Synapsen besitzen. Ein Zuviel an Synapsen kann demnach durchaus zu gestörten Hirnfunktionen führen, indem z.B. die überzähligen Verschaltungen im Gesamtnetzwerk vielleicht zu "Hintergrundsrauschen" oder "Chaos" führen könnten. Die Effizienz eines neuronalen Netzwerkes wird also eher durch die richtige Anzahl, die richtige Kombination und Balance der synaptischen Kontakte determiniert. In der Tat ergab unsere elektronenmikroskopische Studie, dass die im überwiegenden Falle erregend wirkenden Spine-Synapsen zwar zunehmen, aber ein zweiter, als Schaft-Synapsen bezeichneter Typ wird abgebaut, dieser Synapsentyp kann auch hemmende Funktion besitzen. Bei den deprivierten Tieren ist es also zu einer Verschiebung der Synapsentypen gekommen.

In einem weiteren Experiment wurden die Moleküle untersucht, die an den Spine- und Schaftsynapsen die Informationsübertragung von einer Nervenzelle zur anderen bewerkstelligen, die Transmitterrezeptoren. Werden auch diese funktionellen Bausteine des Gehirns durch die frühkindliche Trennung von der Familie verändert? Es wurden in dieser Studie drei Tiergruppen im Alter von 14 Tagen untersucht. Die Kontrollgruppe wurde wieder ungestört bei den Eltern aufgezogen, eine zweite Gruppe wurde beginnend mit dem 8. Lebenstag zweimal täglich einzeln für drei Minuten aus dem Elternhaus herausgenommen. Vom elften Lebenstag an verblieben die Tiere dann ungestört bei ihrer Familie. Die dritte Gruppe wurde wie die zweite Gruppe behandelt, konnte jedoch während der Trennung von der Familie die Stimme der Mutter hören. Die akustische Präsenz der Mutter sollte einen Beruhigungseffekt auf die isolierten Tiere ausüben, und wir wollten sehen, ob dadurch vielleicht die erwarteten Veränderungen der Rezeptoren gemindert oder sogar ganz verhindert werden. Ich zeige Ihnen heute aus Zeitgründen nur das Ergebnis für die dopaminergen D1 Rezeptoren. Dopamin ist ein Botenstoff (Neurotransmitter) im Gehirn, welcher insbesondere bei emotionalen Prozessen von den Nervenzellen ausgeschüttet wird. Einigen Erkrankungen, z.B. der Parkinsonschen Schüttellähmung liegt z.B. ein Defizit dieser Substanz zugrunde, während bestimmte Drogen, z.B. Amphetamine und Cocain über eine Erhöhung der Dopaminkonzentrationen im Gehirn Veränderungen der emotionalen Empfindungen bewirken. Inwieweit ändert sich das dopaminerge System, wenn die Tiere von ihren Eltern getrennt werden?

Zum Nachweis im Gehirn wurde der D1-Rezeptor radioaktiv mit Tritium markiert und lässt sich dadurch auf Röntgenbildern von Gehirnschnitten messen: Je dunkler die Region, um so höher ist die Dichte der D1-Rezeptoren in der jeweiligen Region. Von besonderem Interesse waren auch hier der Präfrontalcortex, cinguläre Cortex, präzentraler-medialer und prä- und infralimbischer Cortex.

Der Vergleich der Kontrollgruppe mit der Gruppe, die zweimal täglich für drei Minuten von dem Elternhaus herausgenommen wurde, ergab, dass die D1-Rezeptoren bereits durch diese relativ milde Deprivationssituation sehr stark hochreguliert werden, und zwar sowohl bei den weiblichen als auch bei den männlichen Tieren. Bei den weiblichen Jungtieren, die isoliert wurden, aber dabei die Stimme einer Mutter gehört hatten, unterbleibt diese D1-Rezeptor Hochregulation völlig, während dieser "Puffer-Effekt" bei den männlichen Tieren nicht auftritt. Diese Veränderungen zeigen sich nicht nur im cingulären Cortex, sondern auch in allen anderen Regionen des Präfrontalcortex. Die akustische Präsenz der Mutter scheint also zumindest bei den weiblichen Jungtieren bereits auszureichen, um einer deprivationsinduzierten Rezeptor-Verschiebung gegenzuwirken. Die vokale Kommunikation zwischen der Mutter und ihren Kindern kann offenbar über emotionale Regulationsmechanismen in die Hirnentwicklung eingreifen.

Wir haben uns auch andere Transmittersysteme angeschaut und es ergibt sich insgesamt betrachtet das Bild, dass die Trennung von den Eltern zu einer verschobenen Balance der verschiedenen erregenden und hemmenden Transmitterrezeptor-Systeme führt. Es bleibt zu klären, in welcher Weise dies die Funktionen des Gehirns und das Verhalten im weiteren Lebensverlauf beeinflussen wird. Unsere bisherigen Analysen des Verhaltens der deprivierten Tiere geben erste Hinweise darauf, dass die bei den deprivierten Tieren nachgewiesenen hirnbiologischen Veränderungen einhergehen mit Veränderungen des Verhaltens.

Beim Verhaltensexperiment wird die junge Strauchratte aus dem Nest genommen und in eine ihr fremde Umgebung, ein sogenanntes "open field" (Offenfeld) gebracht, es werden ansonsten keinerlei Aussenreize angeboten. Das Tier exploriert die neue Umgebung und seine Verhaltensweisen werden gemessen (z.B. Laufstrecken, Anzahl der Rufe nach den Eltern etc.). In einen weiteren Experiment konnten die Tiere wieder die Stimme der Mutter über Lautsprecher hören, und es wurde geprüft, ob die akustische Präsenz der Mutter zu einer Veränderung des Explorationsverhaltens führt.

Die erste Beobachtung war, dass die Tiere, die schon von Geburt an wiederholt von den Eltern getrennt worden waren, deutlich aktiver in der fremden Umgebung herumlaufen im Vergleich zu den Kontrolltieren, die ungestört bei der Familie aufwuchsen. Die mehrmals täglich wiederholte stundenweise Trennung von der Familie führt nach einigen Tagen oder Wochen offensichtlich zu hyperaktivem Verhalten, das bei den männlichen und weiblichen Jungtieren gleichermaßen zu beobachten war.

Etwas anders sieht es beim Experiment aus, bei dem wir die Mutterstimme präsentierten. Vergleicht man hier die unter normalen familiären Bedingungen aufgewachsenen Kontrolltiere mit jenen, die während des Experimentes die Mutter nicht gehört haben, zeigt sich, dass die akustische Präsenz der Mutter das Laufverhalten beeinflusst. Die Tiere sind weniger aufgeregt und laufen weniger herum, wenn sie die Stimme der Mutter hören. Wenn wir uns aber die Tiere anschauen, die vorher schon wiederholt von der Familie getrennt wurden, sieht man diesen "Beruhigungs-Effekt" der Mutterstimme nicht mehr. Das könnte einerseits ein Hinweis darauf sein, dass die Tiere in ihrer selektiven Aufmerksamkeit gegenüber emotional relevanten Reizen gestört sind. Es könnte weiterhin auch bedeuten, dass die emotionale Regulation bei diesen Tieren durch die ständige Trennung von den Eltern in irgendeiner Phase unterbrochen ist. Sie hören zwar noch ihre Mutter, können aber vielleicht die emotionale Bedeutung der Lockrufe, nämlich: Nahrung, Wärme und Geborgenheit – nicht mehr "interpretieren", oder sie sind emotional "abgestumpft" und reagieren deshalb nicht mehr mit einer Verhaltensänderung.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass eine wiederholte zeitweise oder langandauernde Unterbrechung des Eltern-Kind-Kontaktes, wie wir sie im Labor erzeugen konnten, zu hirnbiologischen Veränderungen führt, die einhergehen mit Veränderungen des Verhaltens.

Zu klären bleibt jedoch noch, ob diese Veränderungen in positive oder in negative Richtung zu interpretieren sind. Eine Interpretation in negative Richtung ist in Abb. 6 skizziert, diese noch rein spekulative Interpretation muss jedoch in weiterfürhenden experimentellen Untersuchungen überprüft werden. Eine deprivationsinduzierte Fehlfunktion des limbischen Systems könnte dazu führen, dass die Umwelt von diesen Tieren anders, quasi "verzerrt" wahrgenommen wird, was eine inadäquate Interaktion des Individuums mit diesen verzerrt wahrgenommenen Umweltreizen nach sich zieht. Diese veränderte, oder sogar als "gestört" zu bezeichnende Auseinandersetzung mit der Umwelt wirkt sich wiederum auf die funktionelle Entwicklung des limbischen Systems aus. Das kann sich zu einem Kreislauf entwickeln, so dass sich die Funktionsweise des Gehirns und die daraus resultierenden Verhaltensweisen zwar an die ungünstigen (z.B. ständige Trennung von den Eltern) Umweltfaktoren anpassen, wenn sich das Individuum aber dann im späteren Leben in einem normalen sozio-emotionalen Umfeld befindet, können Gehirn und Verhalten hier dann nicht mehr adäquat funktionieren, sind also nicht "passend" für diese veränderten Bedingungen.

Kann diese Wechselwirkung Umwelt – Verhalten - Hirnfunktion durch Verhaltenstraining, Therapie, Resozialisierung oder medikamentelle Behandlung aufgehalten oder sogar umgekehrt werden? Können die "fehlangepassten" Schaltkreise auch im erwachsenen Gehirn nochmals umgebaut und an normale Umweltbedingungen angepasst werden, so dass sich die gestörten Verhaltensweisen wieder normalisieren? Dies sind Fragen, die wir in weiteren experimentellen Untersuchungen zu klären versuchen, wobei hier eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Neurobiologen, Psychologen und Medizinern längerfristig vielleicht sogar auch zu klinisch anwendbaren Resultaten führen könnte.

Prof. Dr. Anna Katharina Braun ist Lehrstuhlinhaberin am Institut für Biologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Abteilung Zoologie/Entwicklungsbiologie

Quelle: Frühe Kindheit 4/01

 

Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten in Deutschland e. V.

Pressemitteilung vom 30.4.2002:

Hyperaktiven Kindern wird durch analytische Psychotherapie geholfen

»Sprechende Medizin« hat Erfolg / Eltern werden miteinbezogen / Gesellschaft als Mitverursacher

Für die psychotherapeutische Behandlung hyperaktiver Kinder stehen in Deutschland mehr als 1500 analytische Kinderpsychotherapeuten zur Verfügung, unterstreicht Marieanne Simon, Pressesprecherin der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten in Deutschland (VAKJP) auf der wissenschaftlichen Jahrestagung vom 26.-28.4. 2002 in Stuttgart: »Die Kinder finden mit ihren Eltern in der Psychotherapie nicht nur Heilung von den quälenden und nervenaufreibenden Symptomen, sondern auch zu einer emotionalen Einsicht in die krankmachenden Zusammenhänge.«

Der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut Dr. Hans Hopf, Baiersbronn, weist darauf hin, dass Kinder in analytischer Psychotherapie für sich selbst ein »Ausschleichen« des Psychopharmakums Ritalin in die Wege leiten. »Sie handeln damit selbstverantwortlich und im Wissen um ihre Probleme«, unterstreicht der Experte in der Behandlung hyperaktiver Kinder. »So ist das Aufgeben des Medikamentes ein erster Schritt zur Heilung und gibt den Blick frei für das psychische Leiden dieser Kinder und ihrer Familien. In die Behandlung werden die Eltern begleitend miteinbezogen, da auch sie Verständnis für ihre Situation brauchen.«

Dr. Hopf hofft weiter, dass sich das Bewußtsein bei allen Beteiligten durchsetzen wird, dass der lebensgeschichtliche Hintergrund beim hyperaktiven Kind von entscheidender Bedeutung sei: »Wenn das anerkannt wird, dann wird sich auch die Erkenntnis durchsetzen, dass Veränderung durch Psychotherapie möglich und nötig ist. Ritalin ist dann nur noch in akuten Fällen notwendig, echte Veränderung bewirkt die Psychotherapie.«

Damit soll ein Umkehrprozess in Deutschland eingeleitet werden: Weg von dem jährlich sich verdoppelnden Konsum der Psychodroge Ritalin hin zu einem Verständnis und zu einer Heilung der hyperaktiven Kinder, so die Forderung der über 400 in Stuttgart versammelten analytischen Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten.

Für Nachfragen und Interviews stehe ich zu Ihrer Verfügung.
Schöne Grüße

Marieanne Simon (Pressesprecherin der VAKJP und Vorstandsmitglied)

Preiser
1.5.2002

 

Lieber Herr Schmidt,

ich möchte nicht nur fragen (siehe andere E-mail) und Informationen abrufen, sondern auch meinen Beitrag liefern. Auf der Website wird - unter dem Link "Alternativen" - das Buch von Hüther/Bonney erwähnt. Ein sehr interessanter Ansatz...
Daneben gibt es jedoch noch einige überaus effektive naturheilkundliche Behandlungsmethoden, die ich kurz schildern möchte:
 

1. Klassische Homöopathie:
Erstens habe ich damit in meiner Praxis sehr gute Erfahrungen und zweitens gibt es darüber
hinaus (klar, jeder lobt sein Steckenpferd) zwei Hinweise, die dies erhärten:   Buchtip: J.Reichenberg-Ullman und R. Ullman: "Es geht auch ohne Ritalin" (Michaels Verlag). Die beiden Autoren haben ca. 2000 Kinder mit "ADS" behandelt und sprechen von einer 70prozentigen Erfolgsquote. Hintergründe werden erläutert, des weiteren gibt es viele Behandlungsbeispiele und Fallgeschichten. Es existiert auch eine Studie über die homöopathische Behandlung von "ADHD'lern": Doppelblind konzipierte Crossover-Studie, 1997 im British Homoepathic Journal veröffentlicht. Die Studie zeigte positive Ergebnisse bei der homöopathischen Behandlung von "ADHS" im Vergleich zu Plazebokontrollen (J. Lamont: "Homoepathic Treatment of Attention Deficit Hyperactivity Disorder").   Für die ganz kritischen Leser: Eine Metaanalyse (es wurden 186 Studien über Homöopathie analysiert) erwies, dass die Homöopathie 2,45mal mehr Wirkung zeigte als Plazebos (1997). Hierbei ging es natürlich nicht nur im ADHD, sondern um alle möglichen Krankheiten. Erschienen 1997 in "The Lancet" (nicht gerade ein Heilpraktiker-Blatt).  

2. Spezielle diätetische Behandlung:
In Fällen, in denen Hyperaktivität die Folge von Allergien ist, konnte Josef Egger, Professor am Kinderkrankenhaus München-Schwabing, Erfolge erzielen. Mit Hilfe einer gezielten Diät, die allergene Lebensmittel vermeidet, können seiner Meinung nach „rund 70 Prozent der hyperaktiven Kinder geheilt werden.“ 
 
Um den Verdacht zu untermauern, dass Lebensmittel-Unverträglichkeiten hyperaktives Verhalten auslösen, unterzog Egger 1992 185 hyperaktive Kinder vier Wochen lang einer Diät. Bei 116 von ihnen verbesserte sich daraufhin das Verhalten. Als sie schrittweise bestimmte Lebensmittel wieder essen durften, zeigte sich bei den Kindern primär auf Schokolade, Kuhmilch und Farbstoffe hyperaktives Verhalten (The Lancet, May 9, 1992). Von 40 Patienten wurden daraufhin 20 mit kleinen Mengen von Nahrungsmittel-Allergenen hypersensibilisiert, 20 wurde ein Placebo verabreicht. Von den 20 Kindern, die aktiv behandelt wurden, zeigten sich 16 tolerant gegenüber den Lebensmitteln. Bei den 20 Kindern, die das Placebo erhalten hatten, waren es nur 4. (Quelle: Focus Online 2002)

Die Begriffe "ADHD" und "ADS" setze ich aus gleichen Gründen wie Sie in Anführungszeichen. Die Diagnose führt meines Erachtens nicht weiter, sondern in der Regel zur Gabe von Psychostimulanzien (Ritalin, Medikinet etc.). Die üblichen Formen der Diagnostik halte ich für ausreichend, um fest zu stellen, WAS DAS KIND WIRKLICH BRAUCHT (bzw. die Familie). Nicht gegen den Fehler, sondern für das Fehlende...   Interessant ist vielleicht, dass die Homöopathie ähnlich vorgeht. Sie ist rein phänomenologisch, d.h. sie sammelt die Symptome (ausführliche Anamnese) und verschreibt darauf das individuelle Mittel. Eine wie auch immer geartete Diagnostik im Sinne der Schulmedizin ist hierbei nicht wünschenswert und führt hierbei nicht weiter. Was diesen - Diagnose-relativierenden - Hintergrund vielleicht erhellt (mehr würde an dieser Stelle zu weit führen) ist der Gedanke, wie "ADHD" z.B. in der chinesischen Medizin diagnostiziert werden würde. Hier wäre von den Elementen die Rede und von Chi. Ein "Westler" könnte damit rein garnichts anfangen. Trotzdem hätten die daraus resultierenden Therapiemöglichkeiten (Akupunktur, Kräutertherapie etc.) sicher Erfolge. Aber der Alleinvertretungsanspruch der westlichen Medizin (die es ja noch nicht allzu lange gibt!) würde wohl dazu führen, dass man meint, das sei eine Falschdiagnose. Schließlich sei nur "ADHD" die "richtige". Es ist also kulturspezifisch, wie eine Diagnose lautet; eine Diagnose ist eben keine objektive und allgemein gültige Größe.  

Für weitere hilfreiche Therapietips bin ich immer aufgeschlossen und freue mich über Hinweise (auch aus dem psychotherapeutischen Bereich).  

Alles Gute, Hubert Geue
Heilpraktiker
1.5.200

 

Hallo liebe Gäste,
die Parallelen zwischen "KiSS" und "ADHS" sind verblüffend stark:


Endlich richtig krank                

Das KiSS-Syndrom - Oder wie Ärzte aus gesunden Kindern zahlende Patienten machen

Von Jan Schweitzer

Bei einer Routineuntersuchung sagte der Arzt der Mutter, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimme. Symptome zeige das Kind zwar keine. Aber später, da drohe Ungemach. Der Mediziner prophezeite der vierjährigen Sabine eine schwierige Zukunft: Konzentrationsstörungen würden das Kind beeinträchtigen, ein Zappelphilipp werde es, Probleme in der Schule seien die fast zwangsläufige Folge - wenn man nicht schon jetzt etwas gegen das Problem mit dem Namen KiSS unternehme.

So wurde aus dem bis dahin gesunden Mädchen für die nächsten Monate eine Dauerpatientin in der Orthopädiepraxis einer Kleinstadt nahe Hamburg. "Bevor man etwas falsch macht, folgt man besser dem Rat des Arztes", sagte sich die verunsicherte
Mutter. Langweilen musste sich Sabine beim Arzt nicht, ihr kleiner Bruder Stefan begleitete sie. Denn obwohl auch er der Mutter völlig gesund schien, hatte der Arzt ebenfalls das KiSS-Syndrom diagnostiziert.

KiSS ist die Abkürzung für Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störungen. Weil ihr Kopfgelenk blockiert sein soll, liegen die betroffenen Kinder mit etwas gebogenem Rücken im Bett. Oder sie drehen ihren Kopf nur zu einer Seite. Glaubt man den KiSS-Ärzten, dann hat die für Unkundige harmlos aussehende Schiefhaltung fatale Folgen: Sie machen das Syndrom für Schlafstörungen, Fieberschübe und Hyperaktivität verantwortlich. Bei bis zu 90 Prozent der Kinder mit chronischem, dauerhaftem Kopfschmerz ist KiSS die Ursache, schätzt Lutz Erik Koch, Allgemeinmediziner und KiSS-Therapeut aus Eckernförde in Schleswig-Holstein.

Derart eindeutig ist die Diagnose aber längst nicht für alle Fachleute. KiSS hat vielmehr einen heftigen Medizinerstreit ausgelöst. Auf der einen Seite stehen die Verfechter des KiSS-Syndroms, zumeist Einzelkämpfer aus den Reihen der niedergelassenen Ärzte. Auf
der anderen Seite behaupten Experten an Universitäten und Kinderzentren, dass es KiSS gar nicht gibt. Immer wieder fordern sie Beweise und Belege. "Man darf nicht über Jahre etwas propagieren, ohne in dieser Zeit Studien vorzulegen", kritisiert Dieter Karch,
ärztlicher Leiter der Klinik für Kinderneurologie und Sozialpädiatrie in Maulbronn. Der Chef der Universitäts-Kinderorthopädie in Heidelberg, Claus Carstens, bezeichnet KiSS gar als "puren Humbug" und spricht von Behauptungen, "die durch nichts belegt sind. KiSS hält einer wissenschaftlichen Prüfung nicht stand."

Trotz aller Zweifel beharren viele Eltern darauf, ihre Kinder seien KiSS-krank. Der Befund ist Balsam auf ihre Seelen, vermutet der Bielefelder Jugendforscher Klaus Hurrelmann: Die handfeste medizinische Diagnose "entlastet die Eltern unheimlich". Macht der Balg Schwierigkeiten, dann gibt es für die Probleme endlich einen wissenschaftlichen Namen. Die Erziehung kann ja nicht schuld sein, wenn das Kind eine Krankheit wie Masern oder Röteln hat.

Der "Erfinder" von KiSS ist gebürtiger Schwabe. Seine Privatpraxis in Dortmund ist gut besucht. Heiner Biedermann hat schon Tausende von KiSS-Kindern mit seiner speziellen manuellen Chirotherapie behandelt: Mit einem Finger drückt er den kleinen Patienten sanft auf einen bestimmten Punkt im Nacken. Auf welche Weise die Behandlung im Körper wirken soll, kann der Meister genauso wenig erklären wie alle seine Jünger. "Man sollte sehr zurückhaltend sein mit großen Erklärungen", schreibt Biedermann in seinem gut verkauften Buch KiSS-Kinder. Selbst nach zehn Jahren eiern die KiSS-Therapeuten durchs medizinische Wörterbuch, wenn sie das Rätsel KiSS zu erklären versuchen. Vage spricht Biedermanns Mitstreiter Koch von "Wahrnehmungsrezeptoren" im Nacken, von "falschen Informationen, die dort reingehen und damit auch die Gehirnfunktion beeinflussen". Deutlicher wird er erst, als er den Auslöser des Schiefhaltesyndroms benennen soll: die Geburt. "Kein Tier, bis auf eine Affenart, muss eine so schlimme
Geburt hinter sich bringen", sagt Koch. Die natürliche Entbindung, bei der das Kind sich mit allerlei Verrenkungen durch den Geburtskanal zwängen muss, seien der Auslöser des Übels. Und auch die Gene seien schuld, sagt Koch. Oft beobachte er die gleichen Fehlhaltungen bei Vater und Sohn.

Persönliche Beobachtungen statt wissenschaftlicher Belege diktieren das Konzept der KiSS-Verfechter. In einem Punkt aber sind sie sicher: Ihre Behandlung hat Erfolg. Der Druck auf den Nacken der Kinder löse Blockierungen in der Wirbelsäule. 50 bis 100 Mark
verdienen die Ärzte an solch einer Behandlung. Das sind Kosten, die die Krankenkassen meist nicht übernehmen, die sich nach Ansicht der KiSS-Therapeuten aber lohnen: Häufig stelle sich schließlich bereits einige Tage später eine Besserung ein. Die Babys liegen auf einmal gerade in ihrem Bettchen, sie schauen nicht mehr nur zu einer Seite. Plötzlich haben die Mütter keine Probleme mehr beim Stillen. Kinder, die Nächte zuvor ohne Pause weinten, schlafen nun friedlich, ohne einmal aufzumucken.

Und die Heilung soll anhalten. Das vom KiSS-Syndrom befreite Kind kann sich normal entwickeln: keine Angst mehr vor einem hyperaktiven Rabauken, keine Panik angesichts zukünftiger Störenfriede. Es gibt kaum ein Kinderleiden, das KiSS-Therapeuten nicht zu kurieren versprechen, die Palette der Verheißungen wird jährlich größer. Forsch reden sie auch über Zahlen. Koch schätzt zehn Prozent aller Säuglinge als "auffällig" ein. Übersetzt heißt das: Jedes zehnte Kind hat seiner Meinung nach das Schiefhaltesyndrom. Mal mehr, mal weniger, mal gar nicht sichtbar - und natürlich immer nur vom erfahrenen KiSS-Spezialisten behandelbar.

Die medizinischen Gegner solcher Methoden hingegen meinen, es gebe bei KiSS gar nichts zu behandeln. Der Heidelberger Kinderorthopäde Carstens sagt, die meisten Schiefhaltesymptome verschwänden durch "intensives Abwarten". Dem stimmt auch der
Freiburger Kindernervenarzt Rudolf Korinthenberg zu: "Bei diesem so genannten KiSS-Syndrom wird ein meist harmloses Symptom überbehandelt."

Ärztlicher Aktionismus kann gefährlich werden. Doch der Mediziner warnt davor, die KiSS-Therapie bloß als ärztlichen Aktionismus abzutun. Gefährlich wird die Diagnose, wenn sie von ernsthaften Krankheiten wie Tumoren oder Fehlbildungen ablenkt. "Ich habe die Sorge, dass nicht mehr nachgedacht wird, wenn KiSS diagnostiziert wurde", sagt er. Die wirklich helfende Therapie würde dann verzögert, meint auch Ralf Stücker, Leiter der Orthopädie am Kinderkrankenhaus Altona in Hamburg.

Stücker selbst hat kürzlich ein Kind behandelt, dessen Gesundheit durch eine KiSS-Therapie beinahe ruiniert worden wäre. Der kleine Patient hatte einen schiefen Hals, konnte den Kopf nicht mehr richtig bewegen. Ein KiSS-Heiler hatte "Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störungen" diagnostiziert und das Kind mit manueller Therapie bearbeitet. Erst der Orthopäde Stücker entdeckte später die eigentliche Ursache der Probleme: Die Halswirbel waren nicht fest miteinander verankert, die Gelenkbänder locker.

Das Kind hatte Glück, dass es bei der manuellen Therapie nicht zu einer Verletzung mit Querschnittslähmung kam. Rechtzeitig konnten die Hamburger Ärzte die Wirbelsäule operieren und Schlimmeres verhindern. So warnt die Gesellschaft für Neuropädiatrie, die Vereinigung der deutschen Kindernervenärzte, in einer Stellungnahme zur manuellen Therapie bei KiSS denn auch vor "Manipulationen im Halswirbelsäulen-Bereich".

Davon lassen sich die KiSS-Therapeuten nicht beirren. Das Drücken im Genickbereich soll sogar die so genannte Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Störung (ADHD) vereiteln. Damit versprechen sie, etwas zu verhindern, das wahrscheinlich niemals entsteht. Denn die angeblich so hohe Anzahl von ADHD-Kindern wird von vielen Experten ebenfalls angezweifelt, jetzt erst wieder in einer amerikanischen Studie.

Genauso anfechtbar ist der angebliche Erfolg der KiSS-Therapeuten bei Schreikindern. Die Münchner Psychiaterin Mechthild Papousek ist überzeugt, dass Blockierungen in der Halswirbelsäule in den wenigsten Fällen schuld am ununterbrochenen Schreien der Babys seien. Vielmehr sieht sie die Ursache oft bei den stark belasteten Müttern. Es gebe alle möglichen Gründe, sagt die Leiterin der Münchner Sprechstunde für Schreibabys, das KiSS-Syndrom aber sei nicht verantwortlich. Helfe die manuelle Therapie, liege das meist an der "Suggestivwirkung", also am Placeboeffekt.

Der Freiburger Korinthenberg bezeichnet es als "Geschenk Gottes, wenn ein Arzt zu den Eltern sagt: Macht euch mal keine Sorgen. Es ist das KiSS-Syndrom, und ich mach euch das weg!" Kein Wunder, dass die KiSS-Ärzte regen Zulauf haben: Eltern, die zum
KiSS-Therapeuten Koch möchten, warten vier bis fünf Wochen auf einen Termin.

Vielleicht liegt das Problem gar nicht bei den Kindern, sondern bei den Eltern. Dass ein Kind unruhig sei, hänge mitunter davon ab, "ob die Eltern es so erleben", sagt Korinthenberg. Oft seien die Mütter und Väter schlicht vom gesellschaftlichen Druck überfordert, dass aus ihrem Sprössling mal etwas werde. Da wird schon für das Neugeborene Spielzeug nach den psychologisch richtigen Farben zusammengestellt, und die Musik-CD fürs Kinderzimmer soll helfen, aus dem Nachwuchs einen angesehenen Anwalt oder Architekten zu machen. Auf dem Weg zum Erfolg wird jede noch so kleine Abweichung von der vermeintlichen Norm argwöhnisch beobachtet und als krankhaft eingestuft.

KiSS-Therapeuten wie Biedermann oder Koch nehmen die Herausforderung gerne an. Sollen sie einem zwei Monate alten Säugling, der sich und die Eltern mit seinem Gebrüll quält, das segensreiche Handauflegen verwehren? "Eltern und Schreikindern ist es ein
geringer Trost, wenn der Kinderarzt ihnen sagt: Das hört in ein paar Wochen von selbst auf", sagt Biedermann. Seine Devise lautet daher: Einfach mal loslegen, der Erfolg wird einem schon Recht geben.

Auch der Orthopäde von Sabine und Stefan legte einfach mal los. Dabei hätte der KiSS-Mediziner den nach Ansicht der Mutter "absolut unauffälligen" Kindern viele überflüssige Arztbesuche ersparen können. Er hätte sich bloß an eine englische Übersetzung des Begriffs KiSS halten sollen, die manch kritischer Kollege für angemessener hält: Keep it Straight and Simple - frei übersetzt: Warum kompliziert, wenn´s einfach geht.

(Aus: DIE ZEIT   35/2000)

 

Hallo zusammen!
Sie haben es schnell gemerkt: Auf unserer Titelseite können Sie ab sofort Gewissensfragen beantworten. Das Ergebnis der ersten Frage, die nur wenige Tage lief, lautet:

Gewissens-Umfrage
Wie sehen Sie es? Markieren Sie, was aus Ihrer Sicht zutrifft:
1. ADHS ist eine medizinische Krankheit. Es ist eine genetisch bedingte, vererbbare und derzeit unheilbare Hirnfunktionsstörung 112 64,00%
2. ADHS gibt es als medizinische Krankheit im obigen Sinne nicht. Es ist eine unspezifische Sammelbezeichnung für Störungen ganz unterschiedlicher Ursache. 63 36,00%
Gesamtbeteiligung: 175

Wir müssen sagen, wir sind angenehm überrascht! Wir hatten ein Antwortverhältnis von so etwa 90:10 gewettet. Dass aber 36 Prozent der Ansicht sind, ADHS gebe es als medizinische Krankheit gar nicht, ist ziemlich toll. Unser Café Holunder wird ja bekanntermaßen überwiegend von (teils fanatischen) "ADHS-Anhängern" besucht. Leute, die ADHS kritisch gegenüber stehen, ihre feste ablehnende Meinung dazu haben oder davon nichts wissen (wollen), gehen ja verständlicherweise meist lieber wo anders hin. Wie dem auch sei, wir haben vielleicht (oder hoffentlich) selber bereits einiges dazu beigetragen, dass die öffentliche Meinung über ADHS differenzierter und kritischer wird. Wir werden dieselbe Gewissensfrage irgendwann einmal wiederholen und die Ergebnisse miteinander vergleichen. Dann kann man sehen, wie die Entwicklung weitergegangen ist.
Vielen Dank für Ihre rege Beteiligung! Ihr
Café Holunder
8.5.2002

 

Vom Krankenlager

Magenschmerzen, Doppelbilder, Schwindelanfälle, unmotivierte Lachkrämpfe: Ich machte mir wirklich Sorgen um meine Gesundheit. Mein Psychoanalytiker diagnostizierte eine posttraumatische Belastungsstörung. In der Analyse zeigte sich, dass die Symptome nach dem Besuch eines gelben ADS-Internetforums entstanden waren. Nachdem ein anderes überflüssiges Forum, in dem ich hin und wieder, wenn mir langweilig war, etwas gelesen hatte, sich kurz vorher selbst erschossen hatte, als dort die Leute im Anschluss an "Erfurt" Amok gelaufen waren, war ich in das gelbe Forum geraten, wo ich Folgendes las:

Nathalie: "Wie bekannt poste ich hier nicht mehr. Das wollte ich hiermit noch einmal betonen. Tschüs zusammen!"
Alois: "Na prost, dann blas doch dem Kürten das Geld in den Hintern. Kannst du überhaupt lesen???"
Seniorensitter: "Jetzt muss ich mal ganz blöd fragen..."
Queen Ducky: "Wer sich hier lächerlich macht, bin nicht ich..."
Angelika: "Wer meine Queen Ducky kritisiert, kriegt es mit mir zu tun! Schließlich gehöre ich zu ihrem Hofstaat und mache täglich einen perfekten Hofknicks vor ihr!"
Nathalie: "Wie im Kindergarten!!!!! Aber da fällt mir ein, ich poste ja hier nicht mehr. Unter meinem Niveau."
Seniorensitter: "Abermillionen Menschen mit ADS brauchen Hilfe, und wir müssen endlich aufstehen..."
Alois: "Da setz ich mich erstmal hin. Oder da legst dich nieder. Jetzt fällt mir aber alles aus dem Gesicht! Das ist hier ja ein ekelhaftes, uringelbes Stänkerer-Forum. Wirklich wie im Kindergarten. In meinem Kindergarten sind derzeit von 76 Kindern 75 und einhalb verhaltensauffällig, aber nur ein einziges kriegt Ritalin. Das sind Sparopfer des Staates! Wir müssen endlich aufstehen..."
Eine Mutter: "Mein Spezi ist hyper und hypo gleichzeitig, steht immer um 4 Uhr dreißig auf und schläft in der ersten Schulstunde wieder ein (sozusagen ein Hypero!), kann das hier jemand überhaupt nachfühlen von euch Ignoranten? Ihr bildet euch wohl was ein auf eure lumpigen Hypies!"

Pius: "Hypero isch e indresands Wördle. Vor Prüfungen lerne ich übrigens absichtlich nichts mehr, dann ist es keine Schande, wenn ich durchfalle. Wenn ich dagegen viel gelernt hätte und trotzdem durchfalle ..."
Nathalie: "HAHAHAHA...und Tschüs!!!!"
Gerch: "Hüther wird hier auch erwähnt, und darauf will ich eingehen."
Rudolfo: "Ich geh auch gleich ein..."
Queen Ducky: "Rudolfo, bevor du eingehst, bist du selbst betroffen? Sprichst du aus Erfahrung? Drohende Grüße!"
Alexander der Große:
Bitte verlassen Sie mich hinforten. Ihre Genanalyse ist hier hinterlegt. Danach sind Sie gar nicht BETROFFEN! Ich denke, diese Entscheidung ist im Sinner der Mehrheit der Teilnehmer dieses uringelben Forums

Verstehen Sie jetzt meine seelische Krise? Ich wünsche mir jedenfalls schon mal gute Besserung, Ihr
Ulli
9.5.2002

 

ZEITZEUGEN (11)

Walter Toman

Prof. Dr. Walter Toman ist mein tief verehrter psychologischer Lehrer und mein fachliches Vorbild. Niemand hat mich fachlich so tiefgreifend beeindruckt wie er. In meiner psychologischen Denkweise spiegelt sich seine empirisch-tiefenpsychologische Sicht. Seine modellhafte Weiterentwicklung und Operationalisierung der Psychoanalyse ist zukunftsweisend. Ich konnte als sein Forschungsassistent an seinem nach wie vor aktuellen Projekt "Familienkonstellationen" mitwirken. Meine Ausbildung als Familientherapeut erhielt ich von ihm und Prof. Dr. Karl Gerlicher.
Familienkonstellationen Notrufe Erlangen

He´s a Real good fellow!

H.-R. Schmidt
10.5.2002

 

Eines wussten wir schon:
Es geht auch ohne Ritalin
(jedenfalls meistens).
Aber: Ist Homöopathie die Alternative?

Die klassische Homöopathie sei die Ritalin-freie Alternative zur Behandlung bei ADHS: Das ist die Kernthese des Buches Es geht auch ohne Ritalin von Judith Reichenberg-Ullmann und Robert Ullmann, erschienen im Michaels-Verlag (EUR 21,90). (Siehe auch den Beitrag von Hubert Geue hier weiter oben!).

An dieser These ist aus unserer Sicht Kritik angebracht, die sich zum Einen auf die Grundsätze der Homöopathie selbst bezieht, zum Anderen aber auch auf die schulmedizinische Auffassung, wonach es überhaupt Medizin bedürfe bei einer zweifelhaften "Krankheit".
Die Lehre der Homöopathie ist seit über 200 Jahren wissenschaftlich sehr umstritten und wird teilweise als Irrlehre bezeichnet. Dennoch ist sie weit verbreitet und hat viele überzeugte Anhänger gefunden, seien es Therapeuten oder Patienten. Ihre unbestrittenen Heilungserfolge (wie auch ihre unbetrittenen Misserfolge) werden weitgehend als Placebo-Effekte erklärbar. In vielen empirischen Studien zur Überprüfung ihrer Wirksamkeit bestätigte sich diese eigentliche Unwirksamkeit der Homöopathie.

Allerdings ergab 1997 die sog. "Lancet-Metaanalyse", in der 89 gute Studien ausgewertet wurden, dass Homöopathie dem Placebo-Effekt deutlich überlegen war und sich ihre Wirksamkeit wohl nicht allein durch den Pacebo-Effekt erklären lässt. Die Autoren merken aber kritisch an, dass ihre Analyse nichts über die spezifische Wirkung auf unterschiedliche klinische Syndrome aussage (1).

Die Autoren des Buches zitieren diese Analyse (neben einer Studie von J. Lanton zur erfolgreichen Behandlung von ADHS mit homöopathischen Mitteln (2)) natürlich, um ihre These zu begründen, dass klassische Homöopathie die Therapie der Wahl sei, wenn Eltern auf Psychopharmaka verzichten wollen (und wer wollte dies nicht). Die Frage ist allerdings:

Gehen die Erfolge der Homöopathie (ausser auf Placebo-Effekte und natürliche, zeitbedingte Spontanheilungen) wirklich auf ihre spezielle "Medizin" zurück, oder haben sie andere Ursachen?

Was fehlt, sind Vergleiche der Homöopathie mit sprechender Psychotherapie. In homöopathischen Behandlungen besteht eine viel intensivere Zuwendung des Therapeuten zum Patienten als in der oft anonymen, entfremdeten und technisierten Schulmedizin. Das Misstrauen vieler Patienten in ihre heutigen Schulmediziner erzeugt den sog. Nocebo-Effekt (das Gegenstück zum Placebo). Deshalb ist die These erlaubt, dass Homöopathie nichts anderes als eine Spielart der Psychotherapie mit ihrem intensiven Eingehen auf den Patienten darstellt. Nicht die "hochpotenzierten" (d.h. verdünnten) Mittel wirken, sondern die intensivere Zuwendung und das Heilsversprechen des alternativen Therapeuten. Man kann behaupten, dass heute vor allem in alternativen Heilmethoden der Placebo-Effekt ausgenutzt wird, den die Schulmedizin nur noch als "Störfaktor" ausschließen will.

So gesehen ist es zweifelhaft, ob die potenzierten Medikamente der klassischen Homöopathie per se überhaupt und speziell für "ADHS" wirksam sein können. Wahrscheinlich ist es "nur" das Zusammenwirken von Spontanremissionen, Placebo-Effekten und Psychotherapie.

Aber immerhin: Eine Heilung durch Homöopathie wäre einer jahrelangen Ritalin-Medikation dennoch vorzuziehen, wenn eine andere Art der Psychotherapie nicht möglich ist.

H.-R. Schmidt
11.5.2002

(1) Linde K, Clausius N., Ramirez G. et al. “Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? A meta-analysis of placebo-controlled trials” Lancet 1997:350:834-43
(2) J. Lamont: "Homoepathic Treatment of Attention Deficit Hyperactivity Disorder".
  British Homoepathic Journal 1997.
________________________________________________________________________________________________________

Lieber Herr Schmidt,
dass die Homöopathie (auch) beim HKS ihre Erfolge hat, konnten Sie
- trotz der Metastudie im Lancet! - nicht so stehen lassen, und mußten das
Ganze wieder einmal als Placeboeffekt interpretieren. Meines Erachtens
tappen Sie in die gleiche logische Falle wie die Befürworter der
Vererbungstheorie (als Ursache des HKS), die nur ihre
organischen/genetischen Ursachen sehen können; die verdrängen heftigst
psychosoziale Ursachen. Sie - und viele Psychologen - verdrängen offenbar
ebenfalls, und zwar die Vielfalt der anderen Ursachen hyperkinetischen
Verhaltens, es ist eben nicht alles psychosozial bedingt. Da findet man noch
einiges, z.B. Schwermetallbelastung, Vitalstoffmangel, Allergien etc. Da Sie
ansonsten recht brilliant das Thema HKS angehen, möchte ich meine
Enttäuschung über dieses Schubladendenken zum Ausruck bringen, was nicht
hilfreich ist und Grabenkämpfe fördert. Die (Heil-)Kunst ist meines
Erachtens der Blick über den Zaun der eigenen Profession, eine mehr
ganzheitliche Schau, die den Blick auf die individuellen Ursachen der
Symptomatik eröffnet. Klar, jeder Bäcker lobt seine eigenen Brötchen, aber
"darf's a bisserl mehr sein"?

Hubert Geue
Heilpraktiker
Dipl.-Sozialpädagoge (FH)

 

Wie Methylphenidat wirkt

Die bekannte Forscherin Nora Volkow hat kürzlich in einer PET-Studie die individuell unterschiedliche Wirkung von Methylphenidat auf den Dopamin-Haushalt des Gehirns untersucht. Sie fand, dass die unterschiedliche Wirkung nicht auf die bei den Versuchspersonen etwa gleich ausgeprägte Blockade der Dopamin-Rücktransporter zurückgeht, sondern auf die wahrscheinlich individuell unterschiedliche zelluläre Produktion von Dopamin. Es gab keinen Zusammenhang zwischen der Rücktransporter-Blockade und extrazellulärem Dopamin. Die Methylphenidatwirkung kann also nicht durch die Transporterblockade erklärt werden. Bei Menschen mit von Haus aus hoher zellularer Dopaminproduktion bewirkt Methylphenidat größere Veränderungen als bei Menschen mit niedriger Produktion, schließt Volkow deshalb aus ihren Funden.

Die Studie wurde mit 10 gesunden Erwachsenen gemacht. Ausser der damit wieder erbrachten Bestätigung, dass Methylphenidat auch bei Gesunden wirkt (also nicht nur "ADHS"-spezifisch), ist sehr interessant, dass hier Hüthers Dopamin-Überschuss-Theorie wohl bestätigt wird: Wenn bei "ADHS" ein Dopamin-Überschuss vorliegt, erzeugt Methylphenidat den zusätzlichen Dopaminschuss, der "das Fass zum Überlaufen" bringt mit anschließendem stundenlangen Dopaminmangel. Wenn bei "ADHS" dagegen ein Dopaminmangel vorläge, dürfte Methylphenidat nach dieser Studie eigentlich kaum wirken.

H.-R. Schmidt
12.5.2002

 

Hyperaktivitätssyndrom bei Kindern verantwortungsbewusst behandeln

Gesundheit/Antrag

Berlin (hib/NEI) Die Bundesregierung soll darauf hinwirken, dass Diagnose und Therapie des "Aufmerksamkeitsdefizits und Hyperaktivitätsyndroms" (ADHS) nur noch von hierfür qualifizierten Ärzten vorgenommen werden. Dafür setzt sich eine Gruppe von 118 Abgeordneten aller Fraktionen in einem Antrag (14/8912) ein. Es soll damit dem Kernproblem einer Fehldiagnose des ADHS und der allzu leichtfertigen Verordnung von Methylphenidat entgegengewirkt werden. Unter ADHS wird eine übermäßige Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität im Sinne einer überhöhten motorischen Unruhe verstanden. Die Bundesregierung soll sich deshalb dafür einsetzen, dass die Forschung im Bereich der Langzeitfolgen der Einnahme von Methylphenidat vorangetrieben wird. Darüber hinaus treten die Abgeordneten für eine verstärkte Aufklärung von Ärzten, Eltern und Erziehern über den Stand der Wissenschaft und die mit der Anwendung des Medikamentes verbundenen Vor- und Nachteile ein. Methylphenidat gehört in die Gruppe der Amphetamine. Es kann abhängig machen und fällt daher unter das Betäubungsmittelgesetz. Als mögliche Nebenwirkungen werden Angst, Schlaflosigkeit und Verfolgungswahn genannt. Es wird darauf hingewiesen, dass ADHS vermutlich bei zwei bis zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland auftritt.

Quelle: Pressezentrum der Bundesregierung, hib vom 7.5.2002

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