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Liebe Gäste!
Prof. Dr. Hüther, Göttingen, hat seinen mittlerweile bekannten Aufsatz (die sog. "
Hüther-Studie") , den wir hier als bundesweite Vorveröffentlichung gebracht hatten, in einem sehr interessanten und soeben erschienenen Buch (s. u. die Quellenangabe; ich werde dieses Buch hier bald ausführlich rezensieren) erneut veröffentlicht und mit Nachbemerkungen versehen, die er hier in unserem Café in einer ersten Version ebenfalls veröffentlicht hatte. Nun hat er diese Nachbemerkungen auf seinen aufsehenerregenden Aufsatz etwas neu formuliert und erweitert. Auch auf die Gefahr hin, uns hier zu wiederholen: Ich finde diesen Aufsatz und diese Nachbemerkungen immer wieder sehr lesenswert, gerade auch für unsere neuen Gäste, wenn man sieht, was inzwischen teilweise für Verdrehungen und Verfälschungen darüber verbreitet werden.

Nachbemerkungen (2)

Die Erstveröffentlichung dieses Beitrages hat bei einigen, von der Richtigkeit der bisherigen neurobiologischen ADHD-Modellvorstellungen überzeugten Personen gewisse Irritationen ausgelöst. Dabei sind auch verschiedene Einwände vorgetragen worden, auf die an dieser Stelle kurz eingegangen werden soll.

Die Mehrzahl dieser Einwände beginnt mit dem Hinweis auf die mangelnde klinische Kompetenz des Autors. Einem Neurobiologen wird hierbei die Fähigkeit abgesprochen, die Plausibilität einer vorwiegend von Klinikern entwickelten und vertretenen neurobiologischen Modellvorstellung aus neurobiologischer Sicht bewerten zu können. Gerade weil ich als Neurobiologe die Implikation der in diesem Beitrag entwickelten Vorstellung für die klinische Praxis nicht beurteilen kann, habe ich die Zusammenarbeit mit Kinder- und Jugendpsychiatern und -therapeuten gesucht. Aus einer solchen Zusammenarbeit ist u.a. ein Buch entstanden, in dem nun auch die klinischen Aspekte dieser neuen Modellvorstellung von fachkompetenter Seite ausführlich dargestellt sind (Hüther/Bonney 2002).

Ein weiterer, ebenso häufig vorgetragener Einwand bezieht sich auf die Art der Zeitschrift, in der dieser Aufsatz veröffentlicht wurde. Deren Leserschaft, so heißt es, sei nicht in der Lage, die hier beschriebenen neurobiologischen Zusammenhänge hinreichend kritisch zu bewerten. Diese Auffassung entspricht keineswegs meiner Erfahrung mit Lesern dieser Zeitschrift, die zeigt, dass diese sehr wohl zwei alternative Modellvorstellungen auf der Grundlage ihrer neurobiologischen Kenntnisse wie auch insbesondere ihrer bisherigen praktischen Erfahrungen miteinander vergleichen und bewerten können.

Auch wenn es unbequem ist, ohne die kritische Hinterfragung bisher für richtig gehaltener Vorstellungen und Uberzeugungen kann sich nichts weiterentwickeln. Das gilt auch für unsere Vorstellungen über die Ursachen bestimmter Erkrankungen. Auch sie müssen offen sein, müssen durch neues Wissen und neue Erkenntnisse erweitern werden. Kritische Anmerkungen zu den bisherigen Vorstellungen über die neurobiologisehen Grundlagen von ADHD und zu den bisher bekannten Auswirkungen der Verabreichung von Psychostimulanzien sollten daher nicht nur erlaubt, sondern erwünscht sein. Sie sind die Voraussetzung für das Zustandekommen eines konstruktiven Dialogs. Je offener und je sachlicher dieser Dialog geführt wird, umso besser lässt sich entscheiden, ob die bisherigen Vorstellungen ausreichen, um die beobachteten Phänomene zu erklären, oder ob sie durch ein neues, ebenso vorläufiges, aber passenderes Modell ersetzt werden müssen.

Im Fall unserer Modellvorstellungen über ADHD hängt der Ausgang dieses Dialogs ganz entscheidend davon ab, ob sich die Ausbildung einer ADHD-Symptomatik durch gezielte präventive Maßnahmen verhindern lässt und — wenn das prinzipiell möglich ist — wie besonders gefährdete Kinder früher als bisher erkannt und vor fatalen Fehlentwicklungen bewahrt werden können. Das hier vorgestellte neue Modell beschreibt die Ausformung einer ADHD-Symptomatik als Folge ungünstiger Entwicklungsbedingungen von Kindern, die mit einer besonderen (genetisch bedingten oder erworbenen) Vulnerabilität ausgestattet sind. Die Möglichkeiten zur Früherkennung derartiger Prädispositionen und das Spektrum präventiver Maßnahmen zur Vermeidung entsprechender Fehlentwicklungen sind an anderer Stelle ausführlich beschrieben (Hüther u. Bonney 2002).

Im Gegensatz dazu bietet das bisher für die Erklärung der Ausbildung einer ADHD-Symptomatik zugrunde gelegte Modell nur wenig Anhaltspunkte für präventive Interventionen. Es beschränkt sich im Wesentlichen auf die Begründung kurativer Maßnahmen. Dieser Umstand erklärt nicht nur die o.g. Reaktionen, sondern auch die Art und Richtung der Einwände und Fragen, die von den Befürwortern dieses Modells vorgebracht (oder bezeichnenderweise auch nicht vorgebracht) werden.

Keine Stellungnahmen oder Einwände gibt es beispielsweise zum Konzept der nutzungsbedingten Plastizität, also zur Formbarkeit (und Verformbarkeit) der Ausreifung neuronaler Netzwerke, insbesondere im frontalen Cortex, durch Erziehung und Sozialisation. Auch die Modulation der Ausformung dopaminerger mesolimbischer und mesocorticaler Projektionen durch die jeweils vorgefundenen Entwicklungsbedingungen und damit auch durch psychopharmakologische Behandlungen insbesondere während der frühen Phase der Hirnentwicklung — wird widerspruchslos akzeptiert. Bedenken werden erst an Stellen laut, wo bisherige Begründungen für den erfolgreichen Einsatz der Methylphenidat-Behandlung in Frage gestellt werden:

1. Es wird bestritten, dass es durch derartige Behandlungen zu einer Unterdrückung des Auswachsens nigrostriataler dopaminerger Projektionen kommen kann und dass bei Kindern mit einer bis dahin normal ausgereiften nigrostriatalen dopaminergen Innervation eine Dichteverminderung dopaminerger Afferenzen im Striatum erzeugt wird, welche die spätere Manifestation eines Morbus Parkinson begünstigen könnte. Zur Begründung wird darauf verwiesen, dass bisher noch keine derartigen Fälle aufgetreten seien. Das ist richtig, aber wie groß ist die Gruppe der heute über 50-jährigen, die während ihrer frühen Kindheit mit Methylphenidat behandelt wurde und in der eine solche Symptomatik als Frühmanifestation eines Morbus Parkinson statistisch häufiger als in einer nicht-medikamentös behandelten Vergleichsgruppe beobachtet werden könnte?

2. Sehr nachdrücklich wird auch immer wieder darauf hingewiesen, dass die dieser möglichen Auswirkung zugrunde liegenden tierexperimentellen Untersuchungen nur an sehr wenigen Tieren durchgeführt wurden. Hierzu ist anzumerken, dass es in der tierexperimentellen Forschung aufgrund der in solchen Untersuchungen möglichen Reduktion des Einflusses intervenierender Variablen (konstante Versuchsbedingungen) durchaus üblich und auch zulässig ist, statistische Effekte an kleinen Fallzahlen nachzuweisen. Der Originalbeitrag (Moll et al., 2001) wurde zudem in einer international renommierten Fachzeitschrift und erst nach eingehender Prüfung durch ausgewiesene Experten (peer reviewed) veröffentlicht. Inzwischen sind die Befunde in einer zweiten Untersuchung nicht nur an »normalen« Ratten, sondern auch an Ratten einer speziellen Auszuchtlinie (SHR-Ratten), einem anerkannten Tiermodell für ADHD, repliziert worden (Hüther et al., Publikation in Vorbereitung).

3. Es wird intensiv nach Argumenten gesucht, die belegen sollen, dass im Gehirn von »ADHD-Kindern« doch ein Defizit dopaminerger Aktivität (und nicht eine zu starke Ausformung dopaminerger Projektionen) vorliegt. Die aussagekräftigsten Hinweise auf Veränderungen der dopaminergen Innervationsdichte sind vom Einsatz bildgebender Verfahren zu erwarten. Neben der mit diesen Verfahren bei ADHD-Patienten beobachteten verstärkten Dichte von Dopamintransportern im Striatum wurde inzwischen auch eine verstärkte Akkumulation von [18 F]-DOPA (einem Maß für die Dopamin-Synthese) im Striatum von ADHD-Patienten festgestellt (Ernst M. et al., 1999). Diese damit aufgezeigte Erhöhung der Dichte von nun schon zwei verschiedenen unabhängigen Markern dopaminerger Präsynapsen kann eigentlich nur als Ausdruck einer verstärkten dopaminergen Innervationsdichte im Striatum von ADHD-Patienten interpretiert werden. Ob es in anderen Hirnregionen, insbesondere in limbischen und corticalen Bereichen ebenfalls zu einer Verstärkung oder aber zu einer Verminderung der dopaminergen Innervationsdichte bei »ADHD-Kindern« kommt, bleibt allerdings nach wie vor unklar.

4. Der letzte Einwand gegen das hier vorgestellte Konzept bezieht sich auf den Vorschlag, die therapeutische Wirkung von Psychostimulanzien als Folge der durch diese Substanzen induzierten partiellen Entspeicherung dopaminerger Präsynapsen zu erklären. Hier wird geltend gemacht, Methylphenidat sei lediglich ein Wiederaufnahmehemmer und kein echter Releaser (Entspeicherer) oder die Wirkung auf die dopaminergen Präsynapsen hänge von der Höhe der Dosierung und der Art der Anflutung ab (orale vs. intravenöse Gabe). Auch von einer durch die initiale Dopaminfreisetzung verursachten Stimulation sei bei den Kindern nach der Einnahme der Tabletten nichts zu bemerken. In diesem Zusammenhang muss aber darauf verwiesen werden, dass Methylphenidat eine ähnliche Wirkung hervorruft wie Kokain und dass die orale Verabreichung von D-Amphetamin, einem anerkannten Dopamin-Releaser, ebenso gut wie oral eingenommenes Methylphenidat die ADHD-Symptomatik unterdrückt. Aus diesen Gründen ist davon auszugehen, dass Methylphenidat zumindest prinzipiell ähnliche Veränderungen der Dopaminfreisetzung bewirkt wie Kokain und D-Amphetamin. In allen drei Fällen lässt sich der Wirkungsmechanismus vielleicht am besten folgendermaßen verstehen:

Alle drei Psychostimulanzien binden an die präsynaptisch lokalisierten Dopamintransporter, blockieren die Wiederaufnahme von extrazellulärem Dopamin und bewirken einen sog. »reversed-transport«, d.h. intrazellulär gespeichertes Dopamin wird anstatt von außen nach innen nun von innen nach außen transportiert. Der dadurch erzeugte »Abfluss« des präsynaptisch bereitgehaltenen Dopamins führt dazu, dass die Impuls-getriggerte Stimulation der Dopaminausschüttung durch neuartige aufregende Reize nicht mehr den gewohnten Effekt (Antriebssteigerung) hervorrufen kann. Das mag einerseits daran liegen, dass die präsynaptischen Speicher auf diese Weise partiell entleert werden, andererseits kommt es durch die nunmehr erhöhte Verfügbarkeit im synaptischen Spalt zu einer Aktivierung von präsynaptischen D2-Autorezeptoren und damit zu einer Hemmung der impulsgetriggerten Dopaminfreisetzung. Der durch diese Substanzen ausgelöste kontinuierliche »Abfluss« von präsynaptischem Dopamin wird nach oraler Einnahme möglicherweise tatsächlich nicht verhaltensrelevant wirksam, wohl aber die fortan unzureichende Fähigkeit zur Dopaminfreisetzung durch neue aufregende externe Stimuli. Die intravenöse Injektion dieser Substanzen führt jedoch zu einer so massiven und plötzlichen Steigerung der Impuls-unabhängigen Dopamlnfreisetzung, dass diese dann tatsächlich als »Kick« empfunden wird.

5. All diese Einwände sind ausschließlich auf mögliche Veränderungen des dopaminergen Systems fokussiert. Die ADHD-Symptomatik lässt sich jedoch am besten als Ausdruck einer unzureichenden Herausformung oder einer unzureichenden Aktivierbarkeit corticaler Funktionen verstehen. Die im Verlauf der postnatalen Entwicklung herauszuformenden und zu stabilisierenden Netzwerke innerhalb des frontalen Cortex sowie die Verbindungen zwischen frontalem Cortex und den limbischen Hirnregionen sind in herausragender Weise an der Regulation der Aufmerksamkeit, an der Aufrechterhaltung innerer Selbstwirksamkeitskonzepte, an der Regulation von Motivation und Aufmerksamkeit und an der Unterdrückung subcortical generierter Impulse beteiligt. Diese hochkomplexen Verschaltungsmuster entstehen jedoch nicht von allein, sondern werden im Verlauf der kindlichen Entwicklung bis zur Pubertät in Abhängigkeit von ihrer Nutzung angelegt und müssen durch entsprechende Nutzungsbedingungen (Erfahrungen, Erziehung, Sozialisation) stabilisiert werden. Catecholaminerge Eingänge (Impuls-getriggerte Dopamin- und Noradrenalinausschüttung) spielen im Verlauf dieses Strukturierungsprozesses eine entscheidende Rolle. Insbesondere die massive Impuls-getriggerte Dopaminausschüttung infolge starker (aufregender) äußerer Reize führt über die Induktion von sog. »Early Immediate Genes« zu einer vermehrten Bildung von Wachstumsfaktoren, die entsprechende Umbauprozesse des bis dahin etablierten Verschaltungsmusters auslösen.

Unzureichende Dopaminausschüttung führt daher zu einer Unterdrückung, überstarke Dopaminausschüttung zu einer Übersteigerung dieser frontocorticalen Plastizität. Die nutzungsabhängige Ausformung frontocorticaler Funktionen wird im ersten Fall durch die unzureichende dopaminerge Stimulation plastiseher Umbauprozesse zu rigide. Im letzteren Fall kommt es durch die überstarke dopaminerge Stimulation plastischer Umbauprozesse zu einer mangelhaften Fähigkeit, überhaupt hinreichend stabile neuronale Netzwerke und Nutzungsmuster auszubilden. In beiden Fällen, so wäre zu vermuten, können frontocorticale Kontrollfunktionen nicht oder nur unzureichend entwickelt und stabilisiert werden. Die Reaktion eines Kindes auf neuartige aufregende Stimuli — und damit die Impuls-getriggerte Freisetzung von Dopamin in diesen höheren Verarbeitungszentren — wird in entscheidender Weise durch die bis dahin entwickelte Effizienz frontocorticaler Funktionen (Bewertung, Motivation, Ziele, Aufmerksamkeit, Impulskontrolle etc.) bestimmt.

Sowohl im Fall einer durch zu starken Rigidität entstandenen Ineffizienz dieser Kontrollfunktionen wie auch im Fall einer zu geringen Stabilität und Effizienz dieser Funktionen kommt es zu einer leichteren Aktivierbarkeit subcorticaler (limbischer) Verarbeitungszentren durch neuartige aufregende Stimuli und damit zu einer verstärkten Impuls-getriggerten Dopaminausschüttung. Im Fall zu rigider frontocorticaler Kontrollfunktionen erhöht sich dadurch die Chance, plastische Umbauprozesse in Gang zu setzen. Im Fall zu labiler frontocorticaler Kontrollfunktionen gerät das Kind jedoch in einen Teufelskreis. Sein mangelnder Reizschutz (unzureichende Effizienz frontocorticaler Kontrollfunktionen) führt — über die daraus resultierende übermäßig häufige Stimulation der Impuls-getriggerten Dopaminausschüttung — zu einer übermäßigen Anregung von Reorganisationsprozessen im frontalen Cortex, und damit zur fortschreitenden Unfähigkeit, stabile frontocorticale Kontrollfunktionen zu entwickeln. Je früher dieser Teufelskreis durch geeignete therapeutische Maßnahmen zur Uberwindung dieses »Frontalhirndefizits« durchbrochen werden kann, desto größer ist die Chance, ihn aufzulösen.

(Quelle: Hüther, G.: Kritische Anmerkungen zu den bei ADHD-Kindern beobachteten neurobiologischen Veränderungen und den vermuteten Wirkungen von Psychostimulantien (Ritalin). In: Bovensiepen, G., Hopf, H., und Molitor, G.: Unruhige und unaufmerksame Kinder. Psychoanalyse des hyperkinetischen Syndroms. Brandes&Apsel
2002.

 

.Nachtrag zur Volkow-Studie (14. Beitrag von oben):: Hüther teilt uns heute kurz mit, dass diese Studie "in die richtige Richtung" seiner eigenen Auffassungen gehe. Allerdings habe die Gruppe um Volkow (wie andere auch) noch nicht begriffen, dass das dopaminerge System wie ein Baum sei, der "mal größer, mal kleiner sei, je nachdem, wie oft er gegossen wird."
18.5.2002

 

Das Märchen vom ADHS-Kind

"ADHS gibt es nicht", behauptet Thomas Armstrong, Autor des demnächst bei JUNFERMANN erscheinenden Buches "Das Märchen vom ADHS-Kind", in dem Eltern von hyperaktiv erscheinenden oder unter Verhaltensproblemen leidendenden Kindern 50 Alternativen zum Einsatz von Medikamenten aufgezeigt werden.

Thomas Armstrong:
Das Märchen
vom ADHS-Kind
Thomas Armstrong

"Wer dieses Buch kennt, hat völlig andere Möglichkeiten einer intelligenten, liebevollen und verantwortungsvollen Entscheidung als zuvor! Deshalb müßte dieses Buch betroffenen Eltern per Rezept "verordnet" werden, aber es wäre auch sinnvoll, es LehrerInnen zur Pflichtlektüre zu machen, damit sie diejenigen Eltern beraten können, die das in dem Buch beschriebene Insider-Wissen noch nicht besitzen."
- Vera F. Birkenbihl

Armstrongs Behauptung ist sehr provokant, denn bei immer mehr Kindern und Jugendlichen wird die Diagnose ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung) gestellt. Diese Störung, deren genaue Ursachen unbekannt sind, wird bei drei bis sechs Prozent aller Kinder in Deutschland vermutet. Angenommen werden bioneurologische Störungen im Gehirn (die Dopamin-Mangel verursachen), und immer häufiger wird das Medikament Ritalin verschrieben.

Wie stehen Bundesregierung und Parlament zu dem Problem?
Die Häufigkeit der Diagnose ADHS und die große Zunahme von Ritalin-Verschreibungen haben in jüngster Zeit auch Parlament und Bundesregierung beschäftigt. So heißt es in einer Pressemitteilung des Deutschen Bundestages vom 07.02.2002: "Als Fazit stellt die Kinderkommission fest, daß die Erforschung des Krankheitsbildes ADHS im Hinblick auf die Ursachen und die tatsächliche Häufigkeit unbedingt voran getrieben werden muß. Hyperaktivität bei Kindern muß keineswegs immer durch die hirnorganisch verursachte Krankheit ADHS ausgelöst sein. Vielmehr können auch Lebensgewohnheiten wie ausufernder Fernsehkonsum u.ä. Auslöser für Hyperaktivität bei Kindern sein. Es ist nicht hinnehmbar, daß Kinder, bei denen keine hirnorganische Erkrankung vorliegt, z.T. jahrelang hochwirksame Psychopharmaka verabreicht bekommen. (...) Die Kinderkommission fordert das Bundesministerium für Gesundheit auf zu prüfen, ob an die Ärzte, die die Diagnose ADHS stellen, besondere Qualifikationsvoraussetzungen gestellt werden können. Ferner hält sie eine umfassendere Aufklärung der Öffentlichkeit, d.h. der Ärzte, Eltern, Lehrer und Erzieher über Hyperaktivität bei Kindern und ihre Behandlungsmöglichkeit für geboten."

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk, fordert, höhere Dosen von Ritalin künftig nur noch in Kombination mit einer geeigneten Therapie zuzulassen. Die Kinder würden sonst ruhig gestellt, ohne daß an den Ursachen des Problems etwas geändert würde.

Auch die Bundesärztekammer äußerst in einer Pressemitteilung vom 11.01.2002 vorsichtig Zweifel an zu unkontrolliertem Einsatz von Medikamenten im Falle von ADHS-Diagnosen.

"Volksseuche" ADHS?
Nicht nur bei Politikern, auch in den Medien gibt es auf die neue "Volksseuche" ADHS ein sehr großes Echo: SPIEGEL, Stern u.a. berichteten kürzlich hierüber. Kann man sich nun mit einem doch anscheinend sehr gravierenden Problem adäquat auseinandersetzen, indem man - wie Thomas Armstrong - einfach behauptet, dieses Problem existiere überhaupt nicht?

Auf den Standpunkt und auf die Sichtweise des Phänomens komme es an, meint Armstrong. Und so seien, kurz auf den Punkt gebracht, nicht die Kinder das Problem, sondern vielmehr die Umwelt, die mit der "Andersartigkeit" dieser Kinder nicht angemessen umgehen könne.

Armstrong kritisiert eine momentane Tendenz, die Welt durch die medizinische Brille zu betrachten, wo jegliches von der Norm abweichendes Verhalten gleich als Störung klassifiziert wird und somit behandelt werden muß. Bei einer solch eingeengten Betrachtungsweise gehe leicht der Blick für die Einzigartigkeit eines jeden Menschen verloren, stellt er fest.

Thomas Armstrong vertritt die These, daß Kinder, die unter Aufmerksamkeits- und Verhaltensproblemen leiden, völlig normale und gesunde menschliche Wesen sind. Er tritt durchaus nicht für einen vollständigen Verzicht von Medikamenten bei der Behandlung von Kindern mit einer solchen Symptomatik ein, denn es kann durchaus körperliche Ursachen für diese Störungen geben. In manchen Fällen kann ein kurzzeitiger Einsatz von Medikamenten hilfreich sein kann, und wenn zuvor alle anderen Möglichkeiten erfolglos versucht wurden, können Medikamente Sinn machen.

Die Problematik, ADHS zu diagnostizieren
Prof. Dr. Manfred Döpfner von der Universität Köln, Co-Autor der Leitlinien "Hyperkinetische Störungen" der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie äußert sich in einem Interview mit Geo.de folgendermaßen zur Häufigkeit von ADHS-Diagnosen: "Ich sehe aber mit Sorge, daß zur Zeit relativ schnell ein hyperkinetisches Syndrom diagnostiziert wird und auch sehr schnell eine medikamentöse Behandlung angesetzt wird. (...) Eine sachgerechte Diagnose nach den Leitlinien ist sehr aufwendig. Für viele Praktiker ist es schwer, dieses Prozedere einzuhalten und auch die Alternativen zur medikamentösen Behandlung auszuschöpfen, weil oft die Ressourcen fehlen."

Thomas Armstrong weist darauf hin, daß ADHS als "Modediagnose" bereits eine Vielzahl von ökonomischen Interessen befriedigt. So verdient natürlich die Pharmaindustrie, genauso wie Ärzte und Psychotherapeuten. In den USA z.B. wird bei Therapeuten bereits mit Flyern dafür geworben, Phänomene wie ADHS dafür zu nutzen, den finanziellen Ertrag der Praxis zu steigern. Jeder möchte gerne ein Stück vom Kuchen des ADHS-Marktes.

Warum ist die Diagnose ADHS so "populär"?
Eltern von Kindern mit Aufmerksamkeits- oder Verhaltensstörungen haben häufig eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Diesem Leiden einen Namen geben zu können, erleichtert ungemein. Der Begriff ADHS "neutralisiert" das Problem. Es hat jetzt eine Ursache, doch niemand ist daran Schuld, denn das Kind ist ja krank. Armstrong vergleicht die Modediagnose ADHS mit der Modediagnose "Lernstörungen" aus den 1970er Jahren. Damals wurde von der US-Regierung festgestellt, daß der Begriff Lernstörungen deshalb "attraktiv" sei, weil er "einen spezifischen neurologischen Zustand impliziert, für den niemand verantwortlich gemacht werden kann. ... Es schwingt darin keinerlei Implikation von Vernachlässigung, emotionaler Belastung, unzureichender Ausbildung oder Erziehung mit. ... Aus diesen Gründen ist es sehr angenehm, daß dieser Begriff existiert."

ADHS: eine "flüchtige" Diagnose
Prof. Döpfner nennt eine sachgerechte ADHS-Diagnose ein "aufwendiges Verfahren". Thomas Armstrong sieht eine Schwierigkeit in der von ihm so benannten "Flüchtigkeit" dieser Diagnose: Kinder, bei denen ADHS festgestellt wurde, zeigen in gewissen Situationen durchaus typische Symptome für das Krankheitsbild. In einer anderen Umgebung jedoch kann ein und dasselbe Kind vollkommen "normal" wirken. Armstrong zeigt auf, daß Symptome z.B. dann nicht mehr auftreten, wenn die betroffenen Kinder entsprechend stimuliert werden oder sich mit Dingen beschäftigen, die sie wirklich interessieren. Sind sie jedoch unterstimuliert oder gelangweilt, reagieren sie verhaltensauffällig oder aggressiv.

Auch an den gängigen Testverfahren äußert Armstrong Kritik: zu häufig werden rein subjektive Momente bewertet. Sein Fazit: Es gibt keine objektiven Kriterien für die Stärke einer ADHS-Symptomtik. Von daher sei es falsch, durch Testverfahren eine solche Objektivität vorzugaukeln.

Das ADHS-Menschenbild
Laut Armstrong wird im "ADHS-Märchen" ein verhängnisvolles Menschenbild propagiert: Menschen haben zu funktionieren. Tun sie es nicht, sind sie defekt und müssen "repariert" werden. Das ADHS-Märchen kenne nur Begriffe wie Krankheit, Behinderung und Unfähigkeit. Potentiale, Stärken, Begabungen etc. kommen in ihm nicht vor.

Er kritisiert, daß Vermutungen über noch nicht genauer nachgewiesene Gehirn-Störungen einfach als Tatsache angenommen und propagiert werden. Erkenntnisse aus der Temperamentforschung z.B., die auch sinnvolle Erklärungsansätze bieten könnten, werden in der Diskussion genauso wenig berücksichtigt wie die Tatsache, daß es sehr unterschiedliche Lernstile bei Kindern geben kann. Kinder, die als hyperaktiv gelten, sind häufig in der Lage, gleichzeitig aus verschiedenen Quellen Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten.

ADHS ist eine vereinfachende Antwort auf die Probleme einer immer komplexer werdenden Welt
Thomas Armstrong behauptet, die Gesellschaft habe ADHS erfunden, um die soziale Ordnung aufrechtzuerhalten. Zur Untermauerung dieser These führt er Beispiele aus der Geschichte an, die eine ähnliche Herangehensweise demonstrieren: auch für den "Weglauf-Drang" von Sklaven wurden keineswegs die Lebensverhältnisse, sondern ein eigens kreiertes Krankheitsbild verantwortlich gemacht.

Ein Zitat von Ivan Illich verdeutlicht die These von Armstrong: "Jede Gesellschaft definiert ihre Krankheiten selbst. ... Für das Symptom zwanghaften Stehlens können Menschen hingerichtet, zu Tode gefoltert, ins Exil verbannt, zu einer stationären psychiatrischen Behandlung gezwungen oder mit Almosen oder Steuergeldern beschenkt werden."

ADHS spiegelt den Verfall der gesellschaftlichen Werte (z.B. Verlust von Autorität). Sie ist ein Produkt einer nur kurze Aufmerksamkeitsspannen fördernden Kultur. Vielleicht haben Kinder, die in diese Verhältnisse hineingeboren wurden, Aufmerksamkeitsstrategien entwickelt, die der auf sie einstürzenden Flut von Bildern und Informationen gerecht werden. Nach dieser Sichtweise ist ADHS keine Störung - sondern eine normale und gesunde Reaktion auf ein schnelleres Tempo.

"Es gibt keine ADHS-Kinder, sondern unterschiedliche Kinder, die aus verschiedenen Gründen unaufmerksam und hyperaktiv sind."
Diesen Satz kann man als Quintessenz der Armstrongschen Thesen zum ADHS-Märchen ansehen. Ihm geht es in erster Linie darum, den betroffenen Kindern gerecht zu werden und für sie Partei zu ergreifen:

"Die ungeheure Vitalität vieler Kinder, die als ADHS-Fälle bezeichnet werden, sollte uns daran erinnern, daß wir es mit mehr als Genen und chemischen Stoffen zu tun haben: daß es um reale Menschen mit einer reichen Innenwelt geht, die auf Myriaden von Arten auf die Wechselfälle der komplexen Welt, in die sie hinein geboren werden, reagieren."

Das Buch wird hier demnächst rezensiert. Wir sind sehr gespannt!

16.5.2002

 

ZEITZEUGEN (12)

Francis Fukuyama
Der amerikanische Starautor ("Das Ende der Geschichte"), Professor für Politologie an der Johns Hopkins University, Washington D.C., in einem SPIEGEL-Interview (Auszug):

SPIEGEL: Schauen wir uns die Welt an, die Sie in Ihrem neuen Buch ("Das Ende des Menschen") entwerfen. Auch in dieser Welt muss niemand mehr schlechte Laune haben.

Fukuyama: Das Soma unserer Gegenwart und unserer Zukunft heisst "Ritalin". Eigentlich soll es extrem hyperaktive Kinder beruhigen, vor allem Jungs. Aber tatsächlich wird es mehr und mehr verwendet wie Soma in (Huxley´s) "Schöne neue Welt", als Mittel sozialer Kontrolle, damit Menschen leichter zu steuern und in eine Gemeinschaft zu integrieren sind. Sie sollen sich anpassen. In einigen amerikanischen Schulen bekommen 50 Prozent der Kinder Ritalin, und manchen wird gedroht, sie müssten die Schule verlassen, wenn sie es nicht nehmen.

SPIEGEL: Sie schreiben, mittels dieser Medikamente würden sich Männer und Frauen in Zukunft immer ähnlicher werden.

Fukuyama: Mehr und mehr Frauen nehmen "Prozac", ein Anti-Depressivum, das in den USA eine Art feministische Medizin geworden ist. Denn das klassische Problem von Frauen ist niedrige Selbstachtung. Feministinnen feiern die Tatsache, dass Prozac die Selbstachtung von Frauen steigert und sie es mit Hilfe der Tabletten zum Beispiel schaffen, sich von übel wollenden Ehemännern zu lösen und eine Berufskarriere zu starten. Insofern bringen Ritalin und Prozac beide Geschlechter zu ähnlichen Verhaltensmustern: Die Männer sind weniger aggressiv, die Frauen sind selbstbewusster.

SPIEGEL: Klingt nach einer politisch korrekten Welt.

Fukuyama: Genau. Ich habe nichts dagegen, dass Frauen selbstbewusster werden und Jungs still sitzen können. Aber wenn die Natur Männer und Frauen nicht mit den exakt gleichen Eigenschaften ausstattet, warum sollen wir das dann korrigieren? Das ist ja das Hauptproblem bei den Manipulationen am Menschen: Wenn uns irgendein Aspekt an der Persönlichkeit nicht gefällt, dann bauen wir den Menschen so um, wie es der gerade herrschenden Ideologie oder dem politischen Trend entspricht. Kommt die nächste Ideologie, wird alles wieder umgebaut.....

SPIEGEL: Man könnte ja auch fragen: Was spricht gegen Friedlichkeit? Ein Hitler unter Ritalin, ein Stalin - das vergangene Jahrhundert wäre friedlicher gewesen.

Fukuyama: Man könnte das die tragische Situation des Menschen nennen: ...alle guten Dinge sind mit den schlechten Dingen verbunden. Es ist möglich, dass Napoleon oder Cäsar von ähnlichen Kräften angetrieben wurden wie Beethoven oder van Gogh. All diese Leute hatten aussergewöhnliche Ambitionen, es waren keine normalen, gut ausbalancierten Leute. Ich glaube, dass alles, was aussergwöhnlich ist am menschlichen Charakter, alles, was aussergewöhnlich ist in der menschlichen Geschichte ein Ergebnis ist von Ehrgeiz, Aggression, Gefühlen, großen Sehnsüchten, dem Wunsch, etwas zu erreichen, was man noch nicht hat. Die Tabletten, über die ich gesprochen habe, würden das alles auslöschen.

(Quelle: DER SPIEGEL 21/2002, S. 123 ff.)

Beigesteuert von Dörte
20.5.2002

 
Gewissensfrage 2
Markieren Sie, was Sie für richtig halten:
Da ADHS eine medizinische Krankheit ist, ist eine auch jahrelange Behandlung mit Psychopharmaka so lange unverzichtbar, bis ADHS heilbar ist. 46,29%
Psychopharmaka sollten bei Kindern nur im Notfall und dann nicht länger als 6 Monate bei begleitender Psychotherapie gegeben werden 53,71%
Gesamtbeteiligung: 175  

Mehr als die Hälfte von 175 Antworten vertreten eine Meinung, die von den vorsichtigen Fachleuten, die auf Psychotherapie den Schwerpunkt legen, empfohlen wird. Aber dennoch liegen die beiden Antwortgruppen ziemlich eng beieinander, ein Beleg dafür, wie kontrovers das Thema in der Öffentlichkeit diskutiert wird.


22.5.2002

 

Hans-Reinhard Schmidt

Familienkonstellationen

Immer wieder wird behauptet, dass Geschwisterkinder in einer Familie unter denselben psychologischen Bedingungen aufwachsen und Unterschiede zwischen ihnen demnach genetische Ursachen haben müssten. Aber auch Unterschiede zwischen verschiedenen Familien, die auf den ersten Blick ziemlich gleich aussehen, werden in Ermangelung besseren psychologischen Wissens nicht selten mit unterschiedlicher "Erbmasse" erklärt.

Familie Huber und Familie Müller ähneln sich beispielsweise in vielen Merkmalen: Beide Väter und Mütter sind etwa gleich alt, beide Väter von Beruf Kfz-Mechaniker, die Frauen Bürokauffrauen. Beide Familien haben zwei Kinder, jeweils zuerst eine Tochter und dann einen Sohn, in ähnlichem Alter. Beide Familien leben am Rande einer Großstadt, wo sie alle geboren und aufgewachsen sind. In beiden Familien gibt es ansonsten keine Besonderheiten, wie Krankheiten, Personenverluste, irgendwelche Tragödien. Zwei völlig unauffällige "Normalfamilien" also. Und doch ist in der Familie Huber der Sohn Pit stark verhaltensauffällig, er schwänzt die Schule und fällt durch seine Aggressivität auf. Pit wurde untersucht und ist im medizinischen Sinne nicht krank.

Wie ist seine Verhaltensstörung psychologisch zu erklären?

Um diese Frage zu beantworten, möchte ich die Theorie der Familienkonstellationen von Walter Toman, eine Operationalisierung psychoanalytischer Konzepte, kurz vorstellen, denn mit ihrer Hilfe können wir Pits Problem besser verstehen.

Familienkonstellation und Duplikationstheorem

In der individuellen Entwicklung bauen Motive sozusagen kumulativ aufeinander auf. In ontogenetisch jüngeren Motiven wirken ontogenetisch ältere Motive weiter. Man kann dies auch einfacher ausdrücken: Je ähnlicher eine gegenwärtige Beziehung einer älteren (frühkindlichen) ist, um so besser ist sie der Person bereits bekannt und um so weniger Deprivation erfährt sie darin.

Man kann also sagen, daß eine später im Leben eingegangene Personbeziehung um so befriedigender verläuft, je ähnlicher sie einer früher im Leben bestandenen Beziehung ist. "Unter sonst vergleichbaren Bedingungen haben ontogenetisch spätere (extrafamiliäre) soziale Beziehungen um so mehr Aussicht auf Dauer und Erfolg, je ähnlicher sie ontogenetisch früheren (intrafamiliären) sozialen Beziehungen sind" (Duplikationstheorem, Toman 1968).

Als Minimalkriterien zur Charakterisierung sozialer Beziehungen werden Alter und Geschlecht einer Person verwendet. Anhand des Lebensalters aller Kinder einer Familie läßt sich die Stellung einer Person in ihrer Geschwisterreihe feststellen.

In einer Drei-Kinder-Familie z. B. kann ein Junge Ältester, Mittlerer oder Jüngster sein, und zwar Ältester von zwei jüngeren Schwestern oder Brüdern, oder von einer (nächstjüngeren bzw. jüngsten) Schwester und einem (nächstjüngeren bzw. jüngsten) Bruder; Mittlerer von zwei Brüdern oder Schwestern oder von einem (älteren bzw. jüngeren) Bruder oder einer (älteren bzw. jüngeren) Schwester; Jüngster von zwei älteren Brüdern oder Schwestern, oder von einer (nächstälteren bzw. ältesten) Schwester und einem (nächstälteren bzw. ältesten) Bruder. Die Eltern selbst stammen ebenfalls aus einer Familie mit oder ohne Geschwister ab. Sie können deshalb sozusagen als ehemalige Kinder ebenfalls in diesen Kategorien beschrieben werden.

Ein Beispiel für solch eine Familienkonstellation ist unsere oben erwähnte Familie Müller: Herr Müller hatte in seiner früheren Familie eine jüngere Schwester, Frau Müller in ihrer Familie einen älteren Bruder. Beide haben zusammen einen älteren Sohn und eine jüngere Tochter. Symbolisch läßt sich Familie Müller so kennzeichnen:

b(s)/bs/(b)s.

s steht für ‚Schwester‘, b für ‚Bruder‘. Ältere Geschwister stehen vor den jüngeren, der Schrägstrich / trennt die einzelnen Personen, man kann ihn auch mit ‚soziale Beziehung mit‘ umschreiben. In Klammern stehen jeweils die Geschwister der betreffenden Person.

Eine soziale Beziehung wird also um so günstiger eingestuft, je mehr zwei Personen füreinander frühere innerfamiliäre Beziehungen wiederholen. Je nach dem Grad dieser Wiederholung unterscheidet man mehr oder weniger komplementäre Beziehungen. Auch die Ehe der Eltern sowie die Beziehungen jedes Elternteiles zu seinen Kindern können unter diesem Gesichtspunkt beurteilt werden.

Im Beispiel der Familie Müller haben wir folgenden Sachverhalt: die Eltern wiederholen miteinander (was Alter und Geschlecht ihrer Geschwister betrifft) frühere innerfamiliäre Beziehungen. Herr Müller war von daher an den Umgang mit einer jüngeren Schwester gewohnt. Diese ‚Gewohnheit‘ kann er bei seiner Frau fortführen, da sie den Umgang an einen älteren Bruder gewohnt ist. Auch Frau Müller kann also im Kontakt zu ihrem Mann sozusagen eine frühere "Beziehungs-Gewohnheit‘ fortsetzen. Die Beziehungen der Eltern zu den jeweils andersgeschlechtlichen Kindern tragen ebenfalls diese Merkmale völliger Komplementarität, während die Beziehungen zum jeweils gleichgeschlechtlichen Kind Identifikationsbeziehungen sind (gleiche Position zwischen Elternteil und gleichgeschlechtlichem Kind).

Im Volksmund funktionieren Komplementaritätsbeziehungen nach dem Motto "Gegensätze ziehen sich an", während es bei Identifikationsbeziehungen nach dem Motto läuft "Gleich und gleich gesellt sich gern". Die Psychoanalyse sagt, dass es bei Beziehungen von Menschen verschiedenen Geschlechts (Mann und Frau, Vater und Tochter, Mutter und Sohn) nach dem Komplementaritätsprinzip besser funktioniert. Bei Beziehungen zwischen Menschen desselben Geschlechts (Vater und Sohn, Mutter und Tochter) klappt es hingegen besser nach dem Identifikationsprinzip. Wenn diese Prinzipen allerdings durch Unverträglichkeiten in den jeweiligen Geschwisterpostionen behindert werden, kann es zu (chronischen) Beziehungskonflikten kommen.

Diese theoretischen Formulierungen sind empirisch prüfbar. Und man hat sie natürlich auch geprüft und weitgehend zutreffend gefunden. Z.B. hat man aus einer Stichprobe von 2300 Familien diejenigen herausgesucht, bei denen die Paarbeziehung der Eltern komplemetär war (also folgende Paare: b(s)/(b)s oder (s)b/s(b)) und bei denen sie nicht komplementär war (also b(b)/s(s) oder (b)b/(s)s, und dann nachgeschaut, wieviele Paare in diesen beiden Gruppen geschieden waren. Wie theoretisch erwartet, war in der komplementären Gruppe kein einziges Paar geschieden, in der nicht komplementären Gruppe dagegen gab es 16% Scheidungen (Toman 1991).

In unserer Familie Müller erwarten wir also keinerlei Geschwisterrollenkonflikte, weder beim Elternpaar noch bei den Eltern-Kind-Beziehungen. Wie sieht es aber in unserer Familie Huber mit dem Sorgenkind Pit aus?

Diese Familie hat die folgende Konstellation: b(s)/sb/s(s). Vater Huber hatte früher also eine jüngere Schwester, Mutter Huber eine ältere Schwester. Diese Ehebeziehung ist also nicht komplementär, die Eltern haben einen Altersrang- oder Machtkonflikt (jeder will der "Boss" sein, so wie früher). Beide Eltern haben mit dem Geschlecht ihres Sohnes insofern Rollenprobleme, weil keiner von ihnen früher einen Bruder hatte (Geschlechtskonflikt). Die Tochter kann sich aufgrund ihrer mit der Mutter identischen Geschwisterposition ganz gut mit der Mutter identifizieren, der Sohn mit seinem Vater aber nicht (beide haben nicht-identische Positionen). Wir finden also in der Familie Huber einen Machtkonflikt in der Elternehe (der sich auch in mangelnder Kooperation in der Kindererziehung ausdrücken wird) und einen Identifikationskonflikt Pits mit seinem Vater, ausserdem Geschlechtskonflikte beider Eltern mit Pit. Pit hat in seiner Familie also mehr seelische Probleme als seine Schwester, und als die Kinder der Familie Müller sowieso.

Zugegeben, das wirkt auf Sie, liebe(r) Leser(in), sicher etwas künstlich und schwer verständlich. Ich habe die Wissenschaft von den Familienkonstellationen hier auch nur grob vereinfacht dargestellt, um Sie vielleicht ein wenig neugierig zu machen und Ihnen ansatzweise zu zeigen, was die Familienforschung so alles bietet und was in der Diagnostik von Kindern eine Rolle spielen kann. Wenn Sie alles gründlich im Original nachlesen (besonders Literatur 1) und danach als Spiel in Ihrer Familie, Verwandtschaft oder Bekanntschaft einmal anwenden, gibt es sicher verblüffende Erkenntnisse und regen Gesprächsstoff. Viel Spaß dabei!

Lesen Sie auch hier.

***

Literatur:
1.
W. Toman: Familienkonstellationen. Ihr Einfluss auf den Menschen. Beck 1991, 5. Aufl.
2. W. Toman, S. Preiser: Familienkonstellationen und ihre Störungen. Enke 1973
3. W. Toman, U. Gasch, H.-R. Schmidt: Individuelle Freundschaftssysteme. Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) Forschungsbericht 1972
4. A. Langenmayr: Familienkonstellation, Persönlichkeitsentwicklung, Neurosenentstehung. Hogrefe 1978

©
Café Holunder
24.5.2002


Sehr lesenswert!


Es gibt nicht nur Verhaltenstherapie!

Mehr Sinn macht meistens:

Bovensiepen/Hopf/Molitor (Hrsg.): Unruhige und unaufmerksame Kinder. Psychoanalyse des hyperkinetischen Syndroms. Brandes&Apsel 2002

Auf dieses Buch haben alle gewartet, die der einseitigen Betonung der Verhaltenstherapie bei der Behandlung von "ADHS" aus guten Gründen skeptisch gegenüber stehen, bietet sie doch kaum Möglichkeiten, dem gestörten Verhalten eines Kindes einen Sinn abzugewinnen und durch tieferes Verstehen der intra- und interpsychischen Zusammenhänge nicht nur dem betroffenen Kind, sondern der gesamten Familie zu helfen. Und ordnet sie sich doch allzu reibungslos ins zweifelhafte schulmedizinische Krankheitskonzept "ADHS" mit seiner notorischen Psychopharmaka-Behandlung ein.

Nicht zuletzt aus diesen ideologischen Gründen wird von Medizinern (wenn überhaupt) oft ausschließlich Verhaltenstherapie empfohlen, obwohl die moderne Psychoanalyse und die Psychoanalytische Pädagogik horizonterweiternde Sichtweisen und Methoden anzubieten haben. Während das schulmedizinisch-verhaltenstherapeutische "ADHS"-Konzept traditionell ausschließlich am "kranken" Kind als Patient ansetzt (um nicht zu sagen: herumdoktert) und intra- sowie interpsychische Systemzusammenhänge vernachlässigt, versteht sich die moderne Psychoanalyse als Methode, aus der heraus das Kind und seine Psyche im Zusammenhang mit seiner (familiären) Umwelt verstehbar wird. Und erst das bringt wirkliche Heilung.

Das Buch gliedert sich in vier Teile: Teil 1 behandelt psychoanalytische, bindungstheoretische und neurobiologische Perspektiven. Teil 2 befasst sich mit Wegen der Behandlung. Teil 3 bringt ausführliche Behandlungsbeispiele aus der Praxis, und Teil 4 rundet mit sozialpsychologischen Aspekten ab. Auch der bekannte Aufsatz von Hüther findet sich im Original, angereichert mit erweiterten "Nachbemerkungen".

Praktisch zu allen Aspekten der gegenwärtigen kontroversen "ADHS"-Diskussion wird pointiert und wohltuend kritisch Stellung bezogen. Das schulmedizinische "ADHS"-Konzept wird so kritisch hinterfragt und durchleuchtet, dass eigentlich wenig davon Bestand behält. Das macht viel Hoffnung, bietet doch das schulmedizinische Konzept mit seiner fatalen (und unbewiesenen) Behauptung einer genetisch bedingten, vererbbaren und unheilbaren Hirnfunktionsstörung betroffenen Eltern und Kindern kaum Hoffnung.

Ein wunderbares und hoffnungmachendes Buch. Man muss sich nur darauf einlassen können.

H.-R. Schmidt
28.5.2002

 

ZEITZEUGEN (13)
Rolf Robischon: Ein kreativer Lehrer

Rolf Robischon, Diplompädagoge, Rektor, Autor, Cartoonist , ca. 62, verheiratet, zwei erwachsene Söhne (einer in Cambridge, einer in Berlin), während des Studiums mindestens  25 verschiedene Erwerbstätigkeiten
Bauauarbeit (auch Untertage), Briefträger, Eilbote, Tellerwäscher, tagelang Schnee schaufeln, Statist in einer Oper,  Aushilfe in einer Buchhandlung,
Nachtwache,Versuchsperson für Herzkatheter und Magensonde  und in der Sportmedizin für die Olympischen Spiele Mexico, Paketsortierung,  Möbelpacker, Beifahrer, Imbisshilfe, Tankwart, Großmarktordner,
Krankenpfleger bei Frühgeborenen, Sterbenden und in Psychiatrien, und so weiter...
seit fast vierzig Jahren Lehrer, zur Lehrerfortbildung fortgebildet, aber nie von den Schulbehörden in Baden-Württemberg eingesetzt. Seit fast dreißig Jahren Schulleiter der Johannes-Grundschule  Bad Krozingen-Hausen direkt bei Freiburg im Breisgau.

Mein Konzept 
(Selbstorganisiertes kooperatives Lernen/ Robischon-Pädagogik) brachte mir allerhand Misstrauen und Gegenwehr  meiner lieben vorgesetzten Behörden ein mit zahlreichen Überprüfungen bis vor etwa drei Jahren.
Inzwischen  gilt die Manana-Regel: Warten bis der Querulant verstorben ist.

Bei etlichen Eltern und natürlich den Kindern ist es  anders.
Kinder lernen tatsächlich nur selber. 
Und Eltern merken, dass es ihrem Kind gut geht
und dass es etwas kann.
Angst  macht einigen, dass bei mir ihre Kinder  nicht vorbereitet werden 
auf einen  "üblichen"  Umgang mit dem Lernen mit Druck, Auslese, "Unterrricht" 
und ständigen Kontrollen (Pegelmessungen für Abfragewissen).

Kinder lernen bei mir selbstständig und miteinander zu lernen und zu arbeiten. 
Druck ist überflüssig, nein schädlich oder verletzend.
Und sie erreichen was für sie erreichbar und wichtig ist.
Im Schuljahr 2001/2002 habe ich zum letzten Mal 
mit einer ersten Klasse angefangen.

 

"Aber er hat ja gar nichts an!" sagte endlich ein kleines Kind. "Hört die Stimme der Unschuld!" sagte der Vater; und der eine zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte.

Märchenstunde. Heute:
Des Kaisers neue Kleider
von Chr. Andersen

Nach der Märchenstunde kann man im Foyer folgende Gespräche belauschen:

Sapinkel: "Obwohl es wie immer keiner glaubt, hab ich den Sinn des Märchens für uns ADSler voll verstanden: Der König hat ADS, aber das Kind will es nicht glauben. Weil das Kind auch ADS hat. Das Kind ist wahrscheinlich das uneheliche Kind vom Kaiser und hat es von dem geerbt. So ist das Leben, das ich studiert habe!"
Shrek: "Nein, der Kaiser glaubt bloß, ADS zu haben, alle anderen glauben es mit ihm, nur das Kind nicht."
Gorby: "So eine bescheuerte Logik kann nur einer haben, der zuviel Zeit hat, um geistig nackt rumzulaufen! Ich hol mir jetzt eine Badewanne, um zu kotzen!"
Klingelhose: "Was bezwecken Sie mit Ihrer Aussage, oh Shrek? Als angehender Optiker sage ich, der Kaiser ist (mit oder ohne Klamotten) durchschaut! Er hat nur behauptet, nackt zu sein, weil er ein heimlicher Flitzer ist."
Infoproll aus Tasmanien: "Dem Kind sage ich: Unsere innere Leere zu kennen, fördert unseren Zwang, durch extremes Verhalten zu beweisen, wer wir sind! Deshalb: Den Shrek radikal auslöschen!"
Harold: "Hat der Kaiser eigentlich auch eine Frau? Weiss jemand, ob man eine Frau mit Homopathie ganz schnell rumkriegen kann? Bin sehr in Not und warte auf umgehende Tipps!"
Gerch: "Macht Nacktlaufen eigentlich herzlos? Anunpfirsich macht Nacklaufen ja eher geil, und deshalb schreib ich ein Märchen über Nacktlaufen und Liebe und bitte um möglichst knackige Berichte (möglichst mit Foto)."
Klingelhose: "Also ich behalte lieber mein Höschen an...Cordula Altmaus sagt das zu Herrn Lügert auch, das wäre besser. Und Herr Dr. Trottel hat es bescheinigt."
Ratzebabyfatz: "Überhaupt stört mich am meisten, dass der Kaiser als Volkserzieher keine ProAktiv-Windel getragen hat."
Klingelhose: "Muss ich dann etwa beim Flitzen eine Windel tragen? Das wäre aber sehr hinderlich!"
Chefin: "Ich kann mir Windeln leider derzeit sowieso nicht leisten, Ron Sommer kriegt von mir noch Geld...Und "Brigitte" zahlt auch nicht viel."
Eine besoffene Mutter: "Getz versteh ich garnix meh, hat der Kaiser nu Klamotte an oddä nich? Wat soll dat mitdä Windeln? Seit ihr all bescheuertoddäwat?"
Kopfschüttel: "Kopfschüttel. Mir ist das sowieso ergal, ob der Klamotten anhatte oder wie man es nennt, hüperchinesisches Sümtrom, AhdeeEß mit oder ohne, ob es generisch ist oder ausm Milieu, Dachschaden oder Schwiegermutter. Hauptsache, ich und mein Kind haben es! Mein Arzt sagt immer: "Frau M, ich will ja nur Ihr Bestes!" Und damit meint er meinen Krankenschein."
Lass Aschaffenburg aus: "Nacktlaufen wird vererbt, zu 99 Prozent vom Urgroßonkel. Das hat mir Frau Dr. Stallaff gesagt, als ich sie neulich in Hamburg am FKK-Strand traf. So ohne weißen Arztkittel hätte ich sie fast nicht erkannt, sie hatte aber eine Schachtel Ritalin am Goldkettchen umhängen."
Angelo (Onkel Gertrud): " Hab leider derzeit nen Hexenschuss (zu viele Hofknickse), deshalb konnte ich gar nicht sehen, wie der Kaiser rumlief. Daggi hat aber bestätigt, dass er Kleider anhatte. Und deshalb sage ich: Aua, mein Rücken..."
Ein kleines Kind: "Die spinnen, die ADSler!"

Ulli
2.6.2002

 

Forscher baff über Menschengene

Kaum Unterschiede zu Erbanlagen der Maus

NEU-ISENBURG (eb). Das Erbgut des Menschen ist dem der Maus ähnlicher als bisher angenommen. Das hat die jetzt fast vollständige Sequenzierung von Chromosom 16 des Menschen ergeben. So gebe es nur von 14 der 731 Gene auf dem Menschen-Chromosom keine entsprechenden Erbanlagen bei der Maus, berichten Richard J. Mural vom Unternehmen Celera Genomics und seine Kollegen (Science 296, 2002, 1661). Auch auf den Chromosomen 3, 8, 12 und 21 gebe es große Übereinstimmungen des genetischen Materials. Die Befunde verdeutlichen den hohen Wert von Menschen zur Erforschung von Krankheiten, so die Forscher. Viele der untersuchten Gensequenzen seien an Erkrankungen der Maus beteiligt.

Quelle: Mäusezeitung

Micky Maus
5.6.2002

 

Hallo zusammen!
eines der verbreitetsten Bücher im deutschen Sprachraum ist "Unkonzentriert? Hilfen für hyperaktive Kinder und ihre Eltern" von W. Eichlseder (Beltz 3. Aufl.1999). Die Erstausgabe erschien 1992, und seither behauptet Eichlseder unverdrossen, dass bewiesen sei, das hyperkinetische
Syndrom (HKS) sei eine medizinische, angeborene und vererbbare Krankheit.

Weil nun mal zu jeder ordentlichen medizinischen Krankheit eine organische Ursache gehört, schreibt der Autor auf S. 79 unter der Überschrift "Das pathophysiologische Substrat" denn auch ganz definitiv, dass man unter einem solchen Substrat "die dem psychischen Fehlverhalten zugrunde liegende physiologische Fehlfunktion" verstehe. Und weiter: "In unserem Falle handelt es sich um eine Funktionsstörung im Synapsenbereich bestimmter Neuronen des zentralen Nervensystems."

So definitiv, so ungenau. Der Laie denkt beim Lesen, der Doktor muss es ja wissen. Eine Seite später wird er dann aber schon vorsichtiger: "Beim HKS scheint es sich um eine Fehlsteuerung des Neurotransmitter-Stoffwechsels zu handeln." (S. 80). Ja, was denn nun? Scheint es sich...? Eben war man noch ganz beruhigt, weil gesagt wurde, was Sache ist, und nun wird man schon wieder verunsichert?

Auf Seite 83 kommt dann die nackte Wahrheit heraus: "...streng wissenschaftlich gesehen, steht der endgültige Beweis noch aus" (für das Substrat und die Vererbung). Also so was! Es ist also alles doch gar nicht wissenschaftlich bewiesen?

Bevor der erzürnte Leser aber das Buch zurückgeben möchte, wird er auf S. 97 endlich wieder beruhigt:" Wie erwähnt leiden die hyperaktiven Kinder an einer angeborenen Stoffwechselstörung."

Auch sonst ein seltsames Buch. Es enthält keinerlei Literaturverzeichnis, obwohl an vielen Stellen Literatur zitiert wird. Meist wird die Quelle nicht mal im Text genannt, es wird einfach behauptet, dieses oder jenes "habe sich gezeigt...", sei "gefunden worden", etc. Im Kapitel "Ätiologie" wird z.B. auf "Weiss&Hechtman" Bezug genommen (AHA, werden Sie sagen!), aber ohne Jahresangabe und sonstigen Quellenhinweis. Der Leser soll Dr. Eichlseder offenbar gefälligst vertrauen und alles schön brav und unbesehen glauben, was er so erzählt. Wo kämen wir hin, wenn man kein Vertrauen mehr hätte zu seinem Doktor! Z.B. auch zur Geschichte vom verrückten Hund, der Amphetamin bekam und eine Stunde später das reinste Schoßhündchen war. Als er tot war, habe man in seinem Gehirn einen Dopaminmangel festgestellt, der natürlich die Ursache für seine anfängliche Bösartigkeit gewesen war, keineswegs etwa die Folge seiner vermutlich längeren und hochdosierten Amphetaminbehandlung. Und dazu, dass die Erblichkeit von HKS sich in einer familiären Häufung beweise.
Irgendwie ein Märchenbuch!

Mein lieber Meister (Eichls-)Eder!

Werner H. alias Pumuckel
7.6.2002

 

DAS VERSAGEN DER ELTERN

Kurz vor acht Uhr morgens, gleich schlägt der Gong zur ersten Stunde, jetzt kommt wieder das Drücken. Drei, vier Kinder sind es jedes Mal, die zu ihrer Lehrerin Luise D. rennen, kaum dass sie im Türspalt erscheint, die in den Arm genommen werden wollen, "guten Morgen" sagen und kurz den Kopf ankuscheln.

Frau D. mag das eigentlich nicht, das Drücken, es ist ihr unangenehm, obwohl sie die Kinder ja schätzt, die sie gerade durch die dritte Grundschulklasse in einer Landschule nahe Augsburg führt. "Ich bin doch nicht ihre Mama", sagt sie, und an manchen Tagen muss sie sich überwinden dazu.

Aber die Kleinen gieren nach Nähe, nach Wärme, nach Aufmerksamkeit. Zu Hause, glaubt Pädagogin D., werden die wohl von niemandem richtig gedrückt, es sei halt keine Zeit, morgens schon gar nicht. Und dann gab es diesen tristen Wintertag, als Luise D. schon eher zur Schule musste, kurz nach sieben. Da lagen etwa 30 Kinder von der ersten bis zur vierten Klasse im großen Windfang vor den Klassenzimmern, schliefen auf ihren Jacken und Taschen, das Butterbrot angebissen in der Hand.

Mütter und Väter, die zur Arbeit in die Stadt müssen, hatten ihre Kinder schon abgeliefert. Der Hausmeister, selbst Vater von Teenagern, sperrt also jetzt das große Tor immer früher auf, obwohl das verboten ist. Aber draußen in der Kälte können sie doch auch nicht bleiben, bis die Schule anfängt. "Seit ich das gesehen habe, nehme ich sie öfter in den Arm", sagt Lehrerin D., "die tun mir richtig Leid."

Der Schultag in Deutschland beginnt nur für wenige Kinder so, wie er beginnen sollte. Mütter, die ihre Sprösslinge nach einem gesunden Frühstück vor die Tür bringen, das Pausenbrot verstauen, die Jacke noch mal zuknöpfen und einen Kuss aufdrücken, scheinen wie ein Relikt aus alten Zeiten, wie das Tischgebet oder das Sonntagskleid, das sich nur wenige bewahrt haben.

Statt Frühstück gibt es immer öfter Zeichentrick im Fernsehen, Tom und Jerry, Glücksbärchis, Calimero flimmern über den Bildschirm, kaum dass die Schüler nach zu kurzer Nacht die Augen aufkriegen. Das hilft gegen das Alleinsein, wenn der Tag anbricht. Die Mutter schläft noch oder ist schon zur Arbeit, der Papa wohnt anderswo. Den Kopf voll mit flitzenden, kreischenden Figuren, mit megabunten Bildern und coolem Sound, erreichen die Kids das Schulhaus.

Die Lehrer sehen es ihnen an. "Das sind die Schüler, die in der ersten Stunde schon aussehen, als gehörten sie eigentlich ins Bett", berichtet der Amtschef des bayerischen Kultusministeriums, Josef Erhard. Viele sind in der Grundschule schon überfordert mit dem einfachsten Stoff. Nicht, weil sie dümmer sind als die Kinder in Finnland oder Korea oder dümmer, als ihre Eltern es waren. Sie schaffen das Lernen nicht, das Sitzen, die Konzentration. "Das Leben der Kinder ist aus den Fugen", sagt Pädagogin D.

Lehrer, Rektoren und Kultusbeamte quer durch die Republik erzählen die gleichen Geschichten von Schülern, die alles haben, tolle Klamotten, neue Computer, üppiges Taschengeld, alles — außer Ruhe, Zeit und Zuwendung. Sie reden nicht von Brennpunktschulen in Kreuzberg, auch nicht von Mädchen und Jungen, die zu Hause wegen schlechter Noten verprügelt werden oder aus total zerrütteten Familien kommen. Sie reden von der Normalität. Für sie steht fest: Einen bedeutenden Teil der Schuld am schlechten Abschneiden deutscher Schüler beim Pisa-Test tragen die Eltern.

Schon auf dem flachen Land, wo die Wohnungen bezahlbar sind und die Menschen bodenständig, stammen nach Schätzungen von Lehrern rund ein Drittel der Kinder in manchen Klassen aus Patchwork-Familien, getrennt von Vater oder Mutter. In größeren Städten sei es fast die Hälfte. Das bedeutet, in den meisten Fällen leistet die Mutter werktags die Erziehung allein, muss arbeiten, den Haushalt machen, die Kinder vom Training oder von der Klavierstunde abholen. Abends ist sie müde, zu gestresst, um Vokabeln zu diktieren. Den Blick in die Schulhefte hat sie sich bald abgewöhnt. Wenn es Probleme mit dem Lernen gibt, glaubt sie, wird es ihr schon jemand sagen.

Am Wochenende dann ziehen Tochter oder Sohn mit Rollerskates und Gameboy zum Papa, ohne Schulbücher.

Nach Aussagen einer Gesundheitsstudie aus dem Großraum Stuttgart leiden die Kinder an chronischem Unwohlsein, an Kopfschmerzen, Übergewicht, Schlafstörungen, diffusen Ängsten. Der Biorhytbmus der Kinder gerät durch den unsteten Lebenswandel und die fehlenden Strukturen aus dem Gleichgewicht.

Das Ergebnis: Die Jungen und Mädchen verschließen sich entweder vor der Außenwelt, verdösen die Zeit, betäuben sich mit Dauer-Fernsehen oder stupiden Computerspielen. Sie suchen ihre Nische in der virtuellen Welt. Oder sie werden zum Störenfried — nervös, zappelig und extrem anstrengend.

Dagegen scheint es in Deutschlands Kinderzimmern jetzt ein Zaubermittel zu geben: Ritalin. Das Medikament, ein Psychopharmakon, verspricht Heilung, wenn Kinder die so genannte Aufmerksamkeits-Defizit-Störung mit Hyperaktivität (ADHS-Syndrom) zeigen. Um das Krankheitsbild wirklich festzustellen, bedarf es gründlicher Untersuchung, nicht nur durch Kinderärzte, sondern auch durch dafür geschulte Psychiater.

Die Praxis aber sieht anders aus. Bis zu einem Fünftel der Grundschüler nimmt heute Ritalin, verschrieben bisweilen von Röntgenärzten, Zahnärzten, Gynäkologen. "Die Kinder dämmern völlig weg", sagt die Pädagogin Luise D. Für gestresste Eltern, so scheint es, ist das vermeintliche ADHS eine bequeme Erklärung. Das Kind ist unruhig, stört den Unterricht, will nicht einschlafen, will sich nichts merken und schon gar nicht folgen. Der schnelle Griff zum ärztlich verordneten Ruhigsteller löst das Problem, schließlich kennt jeder Eltern in der Nachbarschaft, die das Zaubermittel ebenfalls anwenden.

(Quellenausschnitt: DER SPIEGEL 24/2002, S. 60 ff.)

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