Willkommen im CAFÉ HOLUNDER
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ADS: Gibt´s das wirklich?

ADS-Bücher: Kritisch
betrachtet

Ritalin: Ein folgen-
schwerer Irrtum

Aus der Sicht unserer
Kinder

Das Verschwinden der Mädchen von der
Bildfläche

Gibt es ein Bisschen ADS?

Exklusiv: Die HÜTHER-Studie

Das Anlage-Umwelt-
Problem

Oh wie verführerisch
ist doch das ADS!

Alternativen bei ADS

Fragiles X-Syndrom

Alternative Behandlung
bei ADD

Familie und ADS

Alternative Sichtweisen bei ADS

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 1

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 2

Quellensammlung

Böse Witze


 

 

Karl Gebauer

Befestigungsversuche am "Schiefen Turm
von Pisa".

Die Bedeutung des Emotionalen in Bildungsprozessen.

Vortrag vom 21. 3. 2002 in der Universität Hannover
(Regionale Lehrerfortbildung der Bezirksregierung Hannover)


Aufpassen um jeden Preis
Gereizte Erwachsene, unruhige Kinder und hundert Jahre Suche nach Aufmerksamkeit
Von Elisabeth von Thadden

"Und wenn die Suche nach der richtigen Schule, der größeren Wohnung, dem richtigen Therapeuten die Familie noch ruheloser macht, als sie es ohnehin war? Wenn die Verstrickung in jahrelange Therapieversuche das zuverlässige Ritalin als einzigen Ausweg erscheinen lässt? Wenn die ganze Familie in heillose Lernstörungsodysseen verwickelt ist und sich selbst die Schuld gibt, weil ja Erziehung als Privatsache gilt? Wenn eine Familie - und es sind viele - Aufmerksamkeit zuletzt nur noch für eines aufbringen kann, für die Aufmerksamkeitsdefizitstörung nämlich?" (zit. E. v. Thadden)

Kim
22.6.2002


Biofeedback teilweise effektiver als Ritalin

Biofeedback ist ja nichts anderes als eine psychotherapeutische (auf Übung und Erfahrung basierende) Methode, z. B. die eigene Hirnfunktion willentlich zu beeinflussen, und damit gewünschte Verhaltensänderungen (z.B. Konzentrations- und Aufmerksamkeitssteigerungen) zu erzielen. In dieser interessanten Studie wurde eine mit Ritalin behandelte ADHS-Kindergruppe mit einer nur mit Biofeedback behandelten verglichen. Biofeedback war überall gleich effektiv, teilweise eindeutig überlegen. Leider gab es keine Placebo-Kontrolle und Doppelblind-Bedingung. Aber vielleicht doch:

Ein weiterer Beleg dafür, dass "ADHS" keineswegs umwelt- und erfahrungsunabhängig ist, sondern durch Psychotherapie im weiteren Sinne jederzeit zu beeinflussen. Und ohne Psychopharmaka!

"ADHS" ist ja aus meiner Sicht sowieso nur die ungenaue Sammelbezeichnung für alle möglichen Verhaltensstörungen.

Preiser
24.6.2002


Priv.Doz. Dr.med. Hendrik Stegner
Hyperkinetische Störung und Aufmerksamkeitsdefizit-
syndrom


Wir beobachten in der BRD eine starke Zunahme dieser Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen. Zunehmend häufig werden aber auch bei Erwachsenen diese Diagnosen gestellt. Dabei werden diese Begriffe so allgemein verwendet, daß sie zu einer großen Konfusion und damit häufig zu einer unsachgemäßen Behandlung führen.
Bedenkt man, daß die Verordnung von Methylphenidat (Ritalin) als dem Medikament der Wahl in den letzten 5 Jahren um das 40fache zugenommen hat, dann muß man hier von einer epidemieartigen Zunahme sprechen. Dies läßt an andere Epidemien in der Geschichte der psychosomatischen Erkrankungen, wie etwa die Hysteriewelle des ausgehenden 19. Jahrhunderts denken.

Was sind die wesentlichen Faktoren, die berücksichtigt werden müssen ?

1.) Diagnose:
Diese Störungen fanden Eingang in die internationalen Klassifikationen DSM IV und ICD 10 und damit sind sie zu anerkannten Krankheiten geworden. Die Diagnosekriterien betreffen die drei Kernsymptome: Aufmerksamkeitsstörung, Hyperaktivität und Impulsivität. Bereits an dieser Stelle beginnen die Schwierigkeiten, weil diese Symptome die unterschiedlichsten Ursachen haben können. Unser Verständnis ist, daß ein gezeigtes Verhalten grundsätzlich auch einen Sinn für den Betroffenen macht. Es gilt also, dieses Verhalten zu verstehen. Zudem zeigt sich, daß es bei diesen Symptomen ganz generell um eine Auseinandersetzung des Kindes mit seiner Umwelt geht und deshalb darf sich die Diagnostik nicht auf das Individuum beschränken, sondern muß das soziale Umfeld mit einbeziehen. Nach unseren Erfahrungen findet man z.B. bei Familien mit einem betroffenen Kind sehr häufig massive familiäre Konflikte oder schwerwiegende traumatische Ereignisse wie Verlustsituationen. Diese Konflikte bestehen übrigens schon eindeutig vor Auftreten der Symptome. Diese Probleme sind für die Betroffenen sehr bedrohlich und werden deshalb oft nicht bewußt wahrgenommen - sie können also auch nicht direkt benannt werden. Dies erklärt auch, warum in vielen Untersuchungen diese Dimension gar nicht erfaßt wird. Interessanterweise kommt oft auch den Ärzten dieses „Nicht-Hinterfragen“ entgegen. Denn würde man auf solch familiäre Konflikte stoßen, dann müßte man ja auch Behandlungsmöglichkeiten für die Familie anbieten, und diese komplexe Behandlung übersteigt oft den ambulanten Rahmen und die Möglichkeiten der Ärzte selbst. Es bildet sich also ein stilles Einverständnis zwischen Arzt und Familie mit dem Ergebnis, den Indexpatienten medikamentös zu behandeln.
Die Diagnostik muß sich also auf mehrere Informationsquellen und Verhaltensbeobachtungen in unterschiedlichen Situationen stützen. Entscheidend ist die genaue Untersuchung der psychodynamischen und familiären Hintergründe, die bei solchen Familien besonders schwierig ist.
Nach unserer Erfahrung werden diese Diagnosen viel zu häufig gestellt.

2.) Therapie:

Die Therapie beginnt bereits mit der ausführlichen biographischen Anamnese und einem Familiengespräch, wodurch bereits hier das störende Verhalten in einen neuen Kontext gestellt werden kann. Oft wird auch ein massiv abwertendes Verhalten gegenüber solchen Kindern beobachtet und bereits hier kann entgegengewirkt werden, indem auch auf die Stärken und Fähigkeiten des Kindes hingewiesen wird. Abhängig von den Ergebnissen dieses Erstgesprächs muß ein Therapieprogramm entsprechend der individuellen Situation der Familie erstellt werden. Wir haben in der Klinik ein multimodales Therapiekonzept, das folgende Bausteine umfaßt: Einzelpsychotherapieangebote, Gruppentherapie oder Paargespräche für die Mütter/Väter sowie Familiengespräche, wobei wir verschiedenen Therapieformen wie systemische, tiefenpsychologische oder verhaltenstherapeutische kombinieren. Für die Kinder – mit oder ohne Bezugsperson - bieten wir Heilpädagogik und Bewegungstherapie an. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Behandlung der Kinder in der Schule, die ja oft besonders konfliktreich erlebt wird und mit vielen Mißerfolgserlebnissen behaftet ist. Ein weiterer Baustein ist die konkrete Anleitung der Eltern im Umgang mit den Kindern in einer speziellen Elterngruppe.

Allgemeine Therapieziele sind
- Die negativen Interaktionen in den Familien zu durchbrechen
- Die Kinder in ihrer sozialen Kompetenz zu fördern
- Das oft sehr schlechte Selbstwertgefühl dieser Kinder durch positive Erlebnisse zu steigern
- Ein Verständnis für die Hintergründe des gezeigten Verhaltens zu schaffen und falls schwelende Konflikte vorhanden sind, entsprechende therapeutische Hilfe anzubieten.

Bewährt hat sich ein Vorgehen, das sowohl systemische, symptomorientierte, edukative und psychodynamische Ansätze verbindet.

Positiv möchte ich anmerken, daß sich im südbadischen Raum mehrere Schwerpunktpraxen herausgebildet haben, die der komplexen Diagnostik und Therapie solcher Störungsbilder gerecht werden, und daß zunehmend kritische Stimmen gegen die leichtfertige Verordnung von Methylphenidat laut werden. Eine medikamentöse Therapie ohne die oben beschriebenen begleitenden therapeutischen Angebote ist abzulehnen.


Quelle: Badische Zeitung am 24.5.02.
Priv.Doz. Dr.med. Hendrik Stegner, Diplompsychologe, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Facharzt für Kinderheilkunde,
Chefarzt Klinik für Familienrehabilitation, Glotterbad

Dörte
26.6.2002


37 Grad? Ojemine!

Diese ZDF-Sendung am 25.6.2002 mit dem Titel "Ausser Rand und Band" brachte doch tatsächlich unfreiwillig fast alles zum Tragen, was man dem Konstrukt "ADS" kritisch vorhalten muss. Eigentlich war die Sendung als seriöse Aufklärung über die Krankheit ADS gedacht, aber, wie gesagt, das ging ganz unfreiwillig vollkommen in die Hose.

Besonders krass kam wieder einmal die charakteristische Verleugnung familiendynamischer Einflüsse bzw. Rahmenbedingungen bei 3 vorgestellten "ADS-Kindern" zum Ausdruck: In keinem der Beispiele wurde ein Vater gezeigt oder nur mit einem einzigen Wörtchen auch nur erwähnt. Man sah immer nur gestresste Mutter-Kind-Beziehungen, so, als wären alle gezeigten Mütter alleinerziehend. Vielleicht waren sie das sogar? Ob die Ausblendung des Vaters aus dem Seelenleben der Kinder vielleicht irgendetwas mit "ADS" zu tun haben könnte, interessierte niemanden. Ob die Erziehungsfehler der gezeigten Mutter damit etwas zu tun haben könnten, ebenso wenig. Warum auch, ist ADS doch eine Hirnfunktionsstörung, was interessiert uns da das Familienleben der Kinder? Elterliche Erziehungsfehler sind ja angeblich bestenfalls die Folge der Krankheit.

Viele Ungereimtheiten störten: Ein zappeliger Junge wird als "Hypo" diagnostiziert; das dauernde Weinen eines Kindes wird als ADS-typisch verharmlost; offenkundige Mutter-Kind-Beziehungsstörungen (wobei die Mutter eines kleinen Mädchens richtiggehend "böse" wirkte, das Kind versteckte einmal die Ritalintabletten, um sie nicht nehmen zu müssen, hatte aber gegen die Mutter keine Chance) werden gar nicht wahrgenommen; die "Berührungsempfindlichkeit" eines kleinen Jungen wird als krankheitstypisch hingestellt, wo das Kind vielleicht nur hellauf empört auf die kalt-autoritäre Mutter reagierte. Ein Jugendlicher, der in Erwachsenen-ADS-Jargon daherredet und sich mit "seinem ADS" sehr interessant vorkommt. Als man sah, wie das kleine Mädchen sehr zärtlich sein Pony pflegt und streichelt, fragt sich niemand, wann die Eltern ihr kleines Mädchen das letzte Mal so zärtlich behandelt haben mögen. Stattdessen erzählt uns die Mutter mit vorwurfsvoller Miene, dass das Kind sie fertigmache und sie mit dem ernsthaften Gedanken gespielt habe, es ins Heim zu geben.

Über die bisherige familiäre Lebensgeschichte der Kinder und ihrer Eltern erfuhr man gar nichts. Das machte unfreiwllig sehr deutlich, wie wenig dies auch sonst bei der ADS-Diagnostik interessiert. Ich halte dies für eine sublime Form von Kindesmisshandlung, die familiäre Realität von Kindern dermaßen fahrlässig auszublenden. Hierin zeigt sich die wirkliche Aufmerksamkeitsstörung, nämlich die der Diagnostiker.

Nur noch peinlich die anschließende sog. Expertenrunde, die der wohltuend kritische Moderator Steinbrecher aber auch nicht mehr retten konnte. Döpfner und ein ärztlicher Psychotherapeut namens Fleischmann. Das schwache Niveau dieser beiden Experten war verblüffend. Fleischmann betonte, dass man Ritalin niemals geben dürfe, nur damit Kinder in der Schule besser würden, um dann im gleichen Atemzug zu berichten, dass sein eigener Sohn Ritalin nehme und damit im Abitur immerhin einen Durchschnitt von 2,8 geschafft habe.

Und Döpfner? Ziemlich oberflächlich für einen der Spitzenfachleute auf diesem Fachgebiet. Behauptet er doch allen Ernstes, dass ADS-Kinder (warum nennt er sie überhaupt so, wo er doch sonst korrekterweise stets nur von HKS spricht?) als Jäger á la Hartmann in unsere Sammlergesellschaft einfach nicht hineinpassen. Dass ADS genetisch bedingt sei, sei so gut wie nachgewiesen, erzählt er dem Zuschauer. Kritik an Ritalin á la Hüther tut er mit geringschätzigem (und falschem) Hinweis auf angeblich nur "5 Ratten" ab. Die nicht erforschten Langzeitwirkungen von Ritalin tut er ebenso ab mit dem Pseudoargument, in 50 Jahren sei da noch nichts bekannt geworden (wo er sicher weiss, dass seit den erst relevanten 80er Jahren noch nicht so viele Jahre vergangen sind, dass Parkinson im höheren Lebenalter bereits aufgetreten sein kann; ausserdem hat noch gar keiner systematisch danach geforscht). Und dass Fleischmann selbst ADS hat, erkennt Döpfner an dessen lebendiger Mimik und am "impulsiven" Sprechen, obwohl er sonst immer betont, die Diagnostik sei ein sehr aufwendiges Unterfangen.

Das tat alles sehr weh!

37 Grad war wirklich schon sehr viel besser!

H.-R. Schmidt
27.6.2002


Pressemitteilung der SPD-Bundestagsfraktion
vom 26. Juni 2002

Besonderes Augenmerk auf Kinder- und Jugendmedizin richten
(Ausschnitt)

...Die Ätiologie und Vorkommenshäufigkeit des Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndroms (ADHS) muss wissenschaftlich geklärt werden. Zudem sollten Behandlungsleitlinien mit modalen Therapiekonzepten entwickelt werden, die verhindern, dass verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche lediglich medikamentös ruhig gestellt werden. Nötig ist vielmehr eine ganzheitliche Therapie, die psychotherapeutische Aspekte einschließt. Darüber hinaus müssen die Langzeitwirkungen des Wirkstoffs Methylphenidat erforscht werden. Die Medikamente, die ihn enthalten, unterliegen immerhin dem Betäubungsmittelgesetz. Das Stellen der Diagnose “ADHS” und die Verschreibung von Methylphenidat muss entsprechend qualifizierten Ärzten vorbehalten werden.
Last, but not least: Trotz des Wahlkampfs war es möglich, einen fraktionsübergreifenden Antrag einzubringen. Das unterstreicht, dass sich die Fraktionen ihrer Verantwortung für die junge Generation bewusst sind und die Sache über parteipolitisches Kalkül stellen.

Werner
27.6.2002


Der Deutsche Bundestag hat am 27. 6. 2002 den folgenden interfraktionellen Antrag von 122 BundestagsabgeordnetInnen einstimmig beschlossen:

1. Der Deutsche Bundestag stellt fest:

Immer häufiger wird bei Kindern die Diagnose "Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätssyndrom" (AD HS) gestellt.

ADHS tritt vermutlich bei 2 bis 10 % aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland auf. Genaue Erhebungen zur Epidemiologie gibt es jedoch bislang noch nicht.

Mit dem Störungsbild ADHS wird eine im Vergleich zu dem sonstigen Eiitwicklungsstand eines Kindes übermäßige Unaufmerksamkeit, lmpulsivität und Hyperaktivität bezeichnet (vgl. Diagnostic Statistical Manual of Mental Disorders - DMS IV). Der Begriff der Unaufmerksamkeit bringt hierbei die Schwierigkeit dieser Kinder zum Ausdruck. begonnene Aufgaben konsequent zu Ende zu führen. Mit Impulsivität ist vor allem ein vorschnelles, unbedachtes Verhalten umschrieben. Der Begriff der Hyperaktivität weist auf eine überhöhte motorische Unruhe hin.

Die typischen Probleme von Kindern mit ADHS zeigen sieh insbesondere dann, wenn längere Aufmerksamkeit sowie zielgerichtete Tätigkeiten verlangt werden (z. B. in der Schule, bei den Hausaufgaben oder bei Gruppenaktivitäten). Die Lebensqualität der Kinder und ihre sozialen Kontakte sind durch die Störung stark beeinträchtigt. Für Eltern, Erzieher und Ärzte ist es nicht immer leicht, mit den ständig "unter Strom" stehenden Kindern umzugehen.

Eine Diagnose des ADHS gestaltet sich schwierig. Die wissenschaftliche Diskussion zu den medizinischen Ursachen von ADHS ist bisher noch nicht abgeschlossen. Man ist sich unter den Wissenschaftlern noch uneins über die Ursachen der Erkrankung.

In der öffentlichen Diskussion wird daher häufig die Frage aufgeworfen, ob es sich bei ADHS lediglich um eine "Modeerkrankung" handele. Festgemacht wird dies an der Tatsache, dass es sich bei den aufgeführten Symptomen des ADHS um ureigene Charakteristika des kindlichen Wesens handelt - ungebremste lmpulsivität, geringe Ausdauer und überschießende Energien.

In der medizinischen Wissenschaft geht man jedoch von einer ernst zu nehmenden Erkrankung aus, deren Symptome durch ein für den Entwicklungsstand des Betroffenen abnormes Ausmaß geprägt sind und vor dem Alter von 6 Jahren auftreten. Derzeit geht man in der medizinischen Wissenschaft davon aus, dass das ADHS psychophysiologische Ursachen hat und durch eine Störung in der Informationsverarbeitung des Gehirns (Dopaminstoffwechsel) verursacht ist.

Aus diesem Grunde versucht man, die Krankheit medikamentös mit Hilfe des Wirkstoffes Methylphenidat (Ritalin, Medikinet) zu behandeln, das zu einer Konzentrationserhöhung von Dopamin im Gehirn führt. Mit dieser Form der Behandlung von ADHS hat es in den letzten Jahren in Deutschland spürbare Erfolge gegeben, die für viele Kinder und ihre Angehörigen positive Auswirkungen mit sich gebracht haben.

Doch die Behandlung mit Methylphenidat ist nicht unproblematisch:

Methylphenidat, das in die Gruppe der Amphetamine gehört und abhängig machen kann, fällt unter das Betäubungsmittelgesetz. Es wird als ein in seiner Wirkung nicht zu unterschätzendes Medikament eingesetzt, um zu erreichen, was Eltern und Erziehern nicht mehr gelingt: die vielen überdrehten. unaufmerksamen Kinder ruhig zu stellen, um konzentriertes Lernen zu ermöglichen.

Dabei drängt sich die Frage auf, ob eine so herbeigeführte Ruhigstellung der Kinder nicht mit einer Schädigung in Form von Nebenwirkungen und einer möglichen Medikamentenabhängigkeit erreicht wird.

In der Arzneimittelliste der Ärzte (Rote Liste) werden immerhin mögliche Nebenwirkungen wie Angst, Schlaflosigkeit und Verfolgungswahn aufgeführt. Letztendlich lässt sich nicht sagen, in welchem Ausmaß die Nebenwirkungen der Lebensqualität einzelner Kinder nicht eher schaden. Zudem liegen keine wissenschaftlichen Untersuchungen über Langzeitfolgen der Einnahme von Methylphenidat vor.

Die Verbrauchszahlen der letzten Jahre zeigen, dass bei der Anwendung des Arzneimittels Methylphenidat diese Unsicherheiten nicht immer ausreichend Beachtung finden. Der unter dem Betäubungsmittelgesetz stehende Wirkstoff Methylphenidat mit seinem prinzipiell hohen Ahhängigkeitspotential scheint allzu leichtfertig verschrieben zu werden.

Besonders besorgniserregend ist hierbei die Tatsache, dass ein großer Teil der Methylphenidat-Verordnungen nicht von Kinderärzten oder Kinderpsychiatern vorgenommen wird, sondern auch vor allem von Hausärzten, aber auch Laborärzten, HNO-Ärzten, Frauenärzten, Radiologen und sogar von Zahnärzten. Nicht selten kommt es daher zu Fehldiagnosen in Abgrenzung zu anderen ähnlichen Störungsbildern, die nicht hirnorganische Ursachen haben. So ist das ADIIS von Störungen des Sozialverhaltens und bestimmten Lebensgewohnheiten, wie z. B. übermäßigem Fernsehkonsum als Auslöser einer Hyperaktivität, nur schwierig abzugrenzen.

Die Folgen einer Einnahme von Methylphenidat im Falle einer solchen Fehldiagnose sind ebenfalls noch ungeklärt. Trotzdem wird das Medikament an Kinder und sogar Säuglinge verabreicht, deren Körper sich noch in der Entwicklung befindet.

Die Daten der Bundesopiumstelle zeigen, dass von 1993 bis 2000 der Verbrauch von Methylphenidat auf das 13,6fache gestiegen ist. In den letzten beiden Jahren kam es jeweils zu einer Verdopplung der ausgelieferten Mengen an Methylphenidat.

Diese alarmierenden Daten zeigen, dass für die Sicherung eines verantwortungsbewussten Einsatzes von Methylphenidat zur erfolgreichen Behandlung des ADHS unbedingt weitere gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen.

In Fachkreisen besteht national und international Ubereinstimmung darin, dass eine ausschließlich medikamentöse Behandlung ungenügend ist.

Da ADHS vor allem das Sozialverhalten des Kindes beeinflusst, sollten neben einer sorgfältigen medikamentösen Behandlung des Kindes auch psychotherapeutische Behandlungs- und Betreuungsmaßnalimen mit einbezogen werden. Ein solcher multimodaler Therapieansatz findet in Deutschland leider nur selten seine Anwendung. Eine umfassende Aufklärung über Hyperaktivität und alternative Behandlungsansätze muss vorangetrieben werden.

2. Der Deutsche Bundestag unterstützt folgende von der Bundesregierung eingeleitete Maßnahmen:

- Der Deutsche Bundestag anerkennt, dass im Rahmen der Diskussion um den Einsatz von Methylphenidat die Bundesregierung die Bestimmung zur Prävalenz von ADHS in den vom Robert Koch-Institut für das Jahr 2002 vorbereiteten Kinder- und Jugend-Gesundheitssurvey mit einbezogen hat.

- In diesem Sinne begrüßt der Deutsche Bundestag ebenfalls den von der Bundesregierung geplanten Aufbau einer systematischen Analyse der Verordnungsdaten über Methylphemdat, die den ansteigenden Verbrauch von Methylphenidat analysieren soll.

- Der Deutsche Bundestag begrüßt die Beauftragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, eine Informationsbroschüre zu ADHS und seiner Behandlung herauszugeben. So können Eltern und Erzieher in Form eines handlichen Informationsmaterials über die Schwierigkeiten der Diagnose und Behandlung von ADHS informiert werden.

- Der Deutsche Bundestag würdigt die Förderung kooperierender Versorgungsstrukturen (Kompetenznetzwerk ADHS) im Sinne eines multimodalen Behandlungsansatzes unter Einbeziehung des Lebensumfeldes des Kindes.

3. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,

1. bei der Bundesärztekammer darauf hinzuwirken, dass Diagnostik und Therapie des ADHS nur durch hierfür qualifizierte Ärzte durchgeführt werden. Mit einer solchen Maßnahme kann dem Kernproblem einer unsicheren oder Fehldiagnose des ADHS sowie einer allzu leicbtfertigen Verordnung von Methylphenidat entgegengewirkt werden. Es bedeutet eine Verbesserung des verantwortungsbewussten Einsatzes von Methylphenidat, wenn nur fachlich qualifizierte Ärzte eine Diagnose stellen, die unter Berücksichtung des umfassenden multimodalen Behandlungsansatzes eine Behandlung mit Methylphenidat kompetent betreuen können;

2. zusätzlich zu der Erhebung zur Epidemiologie des ADHS weitere wissenschaftliche Untersuchungen zum Verlauf der Krankheit einzuleiten, insbesondere zum Vorkommen im Erwachsenenalter und der genauen Störung der Stoffwechselerkrankung (Dopaminstoffwechsel). Die wissenschaftliche Diskussion über die Ursachen des ADHS ist noch nicht abgeschlossen. Hier müssen Wissenslücken geschlossen werden;

3. die Forschung im Bereich der Langzeitfolgen der Einnahme von Methylphenidat voranzutreiben. Dies ist gerade für die Verabreichung an Kinder vordringlich, deren Körper sich noch in der Entwicklung befindet. Dazu zählen:

— Untersuchungen zur Auswirkung eines auf das Gehirn und seine Informationsverarbeitung wirkenden Stoffes auf das Wachstum und die Entwicklung des Gehirnes bei Säuglingen, denen der Wirkstoff verschrieben wird.

Untersuchungen zum Abhängigkeitspotential von Methylphenidat, die ein besonderes Augenmerk auf die Auswirkungen von Methylphenidat im Falle einer Fehlindikation legen;

4. verstärkt Ärzte, Eltern und Erzieher über den Stand der Wissenschaft und die mit der Anwendung von Methylphenidat verbundenen Vor- und Nachteile aufzuklären. Hierzu gehören z. B.:

Informationsquellen wie z. B. die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie auch für Nicht- Fachleute lesbarer und verständlicher zu formulieren.

In die Fachinformation der Hersteller Informationen über das international anerkannte multimodale Behandlungsprinzip und über Gefahren einer einseitigen und leichtfertigen Behandlung aufzunehmen.

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