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Oh wie verführerisch
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Quellensammlung

Böse Witze


 

 

Ein buntes Gemisch von Kindern
Thomas Armstrong: Das Märchen vom ADHS-Kind
Junfermann-Verlag 2002

Die Lektüre dieses Buches führt dazu, die Existenz von ADHS als deutlich unterscheidbarer medizinischer Krankheit endgültig ad acta zu legen. Es gibt kein ADHS, es gibt kein ADHS-Kind, sondern es gibt viele verschiedene Kinder mit vielen verschiedenen Gründen für ihre Unaufmerksamkeit und Unruhe. ADHS als medizinische Krankheit ist ein Mythos, ein Märchen.

Das ist die Kernthese, die Armstrong im ersten Teil seines leicht zu lesenden und sehr spannenden Buches ausleuchtet. Das Märchen von ADHS wird gründlich entmystifiziert. Die starke Umweltabhängigkeit der bei verschiedenen Fachleuten noch dazu unterschiedlichen Syndromatiken, die Unmöglichkeiten der Differentialdiagnostik, das von einer Maschinenmetaphorik geprägte biologistische Krankheitsmodell und die Ergebnislosigkeit der jahrzehntelangen Suche nach genetischen oder körperlichen Ursachen, das "Abstempeln" und Stigmatisieren der betroffenen Kinder sowie die Entlarvung der riesigen ADHS-PR-Kampagne werden eindrücklich dargestellt.

ADHS sei eine simplifizierende Antwort auf die komplizierte Welt unserer Kinder und tue den Kindern damit Unrecht. Armstrong liefert einige sehr interessante nicht-biologische Erklärungen für ADHS, darunter die Annahme, dass das Konstrukt ADHS als soziale Intervention dafür diene, die bestehende soziale Ordnung aufrecht zu erhalten. Er zitiert dafür das Beispiel des um 1850 sehr angesehenen amerikanischen Arztes S.A. Cartwright, der die Neigung der Negersklaven, wegzulaufen, als medizinsche Krankheit ("Drapetomanie") entdeckt hatte. Die sozialinterventive Funktion dieser neuen Krankheit bestand darin, das Nachdenken über die wirklichen, psychosozialen Gründe für das Flüchten der Sklaven zu verhindern. Aber das ist nur eine von sieben Erklärungen des Autors dafür, dass "ADHS" gesellschaftlich benötigt wird.

Eine sehr differenzierte Darstellung der Vor- und Nachteile der Medikation der Kinder mündet in die Empfehlung, Ritalin nur in 3 Fällen anzuwenden: Wenn eindeutige neurologische Krankheiten diagnostiziert wurden (Hirnschäden, Bleivergiftungen, Parkinsonismus, Narkolepsie etc.), wenn für kurze Zeit im Sinne einer Krisenintervention Kindern, die schwere Krisen (akute Traumata durch Gewalterfahrung oder massive Familienkrisen etc.) durchmachen, rasch geholfen werden muss, und wenn nach allerdings wirklich ernsthafter Erfahrung, dass nichts Anderes hilft, nur noch Ritalin übrigbleibt.

Der Hauptteil des Buches stellt 50 Vorgehensweisen zum Umgang mit grundsätzlich allen auffälligen Kindern (und damit auch mit ADHS-Kindern) dar, die alle ohne Psychopharmaka und ohne Zwang auskommen. A propos Zwang: Verhaltensmodifikation und die damit einhergehenden Praktiken, wie sie in der gängigen Ratgeberszene propagiert werden, lehnt der Autor als zu autoritäre Kontrollstrategien ab. Die vorgestellten Vorgehensweisen haben alle eines gemeinsam: Sie brauchen keinerlei Medikament (auch kein homöopathisches, pflanzliches oder vitaminäres) und keinen Zwang und sie haben sich empirisch und/oder wissenschaftlich bewährt. Auf diese Weise berücksichtigt Armstrong in seiner Auswahl kognitive, edukative, soziale, verhaltensbezogene, psychologische, ökologische und physische Ansätze. Zu jeder Vorgehensweise werden wissenschaftliche Bezugsquellen angeführt. Auch die Familientherapie wird als wichtig erkannt. Ich finde diese Zusammenstellung genial. Ein Fragebogen erleichtert es Eltern, die für ihr Kind geeigneten Vorgehensweisen einzugrenzen. Ein ausführliches Anmerkungs- und Literaturverzeichnis ergänzt das Buch.

Mindestens Eines bleibt nach der Lektüre: Die Überzeugung, dass es viele fruchtbare und kreative Alternativen zur totlangweiligen Trias "Ritalin - Elterntraining - Verhaltenstherapie" bei kindlichen Verhaltensstörungen gibt, die mit dem Etikett "ADHS" nur verkleistert werden sollen (wobei sowieso die wenigsten Kinder und Eltern diese Trias absolvieren, meist bleibt es ja skandalöserweise allein bei Ritalin).

Ich empfehle dieses Buch nicht nur allen Eltern sehr, sondern auch allen "ADHS"- Fachleuten zur Horizonterweiterung und Neuorientierung. In jeder Erziehungsberatungsstelle Deutschlands sollte dieses Buch Beratern als Handreichung dienen, Eltern und Kinder zu begleiten und zu unterstützen.

Raus aus der Sackgasse "ADHS"!

Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt
3.9.2002

 

Gut gesagt....

"Wenn aus psychoanalytischer Sicht festgestellt werden kann, daß die Ursachen von ADS und ADHS in der frühen, häufig sogar in der allerfrühesten Entwicklungsphase des Kindes liegen, wird diese Sichtweise von der Neurobiologie, der Bindungstheorie, der Objektbeziehungstheorie und der Traumatheorie untermauert. Bezüglich erster spricht Perry die Vermutung aus, "dass die neuronalen Bahnen von Kindern mit genuiner ADHS, d.h. pervasiver Hyperaktivität, als Reaktion auf bedrohliche oder traumatische Situationen entstanden sind" (Tischler 2001). Auch Hüther ordnet die im Gehirn von ADHS-Kindern gefundenen neurobiologischen Veränderungen nicht als genetisch bedingte Defizienz ein, sondern versteht sie als "sekundäre Anpassung an veränderte Nutzungsbedingungen" (Hüther 2001). Er stellt die bisherigen Hypothesen, die von einem Dopaminmangel bei ADHS-Kindern ausgehen, in Frage und kommt zu dem Ergebnis, daß das Gegenteil — eine verstärkte Freisetzung von Dopamin — der Fall ist, die durch die Gabe von Ritalin — falls dieses Medikament verabreicht wird — noch erhöht wird und schließlich abfällt. Diesem Oszillieren zwischen erhöhter und verminderter Dopaminfreisetzung bei medikamentöser Einnahme entspricht bei diesen Kindern das Oszillieren zwischen erhöhter Ruhelosigkeit und plötzlich abfallendem Antrieb. Die These von Hüther (2001) ist nun, daß ADHSKinder durch die verstärkte Aktivierung ihres dopaminergen Systems ohnehin zu einem besser entwickelten Antriebssystem aktiviert werden und gerade dadurch so leicht stimulierbar sind und zu erhöhtem Antrieb, großer Unruhe, ständiger Suche nach neuen Stimuli, zu Ablenkbarkeit und mangelnder Konzentrationsfähigkeit sich getrieben fühlen. Eine durch diese Verhaltensmerkmale ausgelöste Verwicklung in psychosoziale Konflikte mit einhergehender emotionaler Verunsicherung führt "im Zuge der dadurch ausgelösten Stressreaktionen zu einer vermehrten Ausschüttung von bestimmten Transmittern und Hormonen, die ihrerseits nun noch zusätzlich dazu beitragen, diejenigen neuronalen Verschaltungen und synaptischen Verbindungen zu stabilisieren und zu bahnen, die das Kind zur Wiederherstellung seines emotionalen Gleichgewichts aktiviert" (Hüther 2001). Das bedeutet, daß das zunächst auffällige Verhalten sich in seiner Auffälligkeit noch verstärkt — das Unruhigsein wird zu einem Nicht-mehr-zur-Ruhe-Kommen, aus dem Störenfried wird ein sich abgeschoben und ausgegrenzt fühlender Außenseiter."

Zitiert aus: G. Häußler: Das ADHS aus psychoanalytischer Sicht. Prax. Kinderpsychol.Kinderpsych. 6/02

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"Die Behandlung hyperkinetischer Störungen rückte in den letzten Jahren zunehmend in das Blickfeld einer interessierten und kritischen Öffentlichkeit. Insbesondere die medikamentöse Behandlung mit Methylphenidat wird in der Fach- und Laienpresse hinsichtlich Nutzen und Risiko, aber auch in bezug auf die Frage nach einer Über- oder Unterversorgung kontrovers und heftig diskutiert. Hierbei ist nicht zu leugnen, daß in den letzten zehn Jahren ein deutlicher Anstieg der Verordnungsmenge an Methylphenidat zu beobachten ist (Schubert et al. 2001). Die Anzahl der abgegebenen Tagesdosen zeigt im Zeitraum von 1991 bis 1997 eine deutliche Zunahme. Nimmt man das Jahr 1991 als Bezugsgröße, so hat sich bis 1998 die Anzahl der abgegebenen Tagesdosen fast verzwölffacht, bis 1999 gar verzwanzigfacht. Allerdings ist hierbei der niedrige Ausgangswert und die deutlich geringere Zunahme in den letzten Jahren zu beobachten.

Aus einer Arbeit von Angold et al. (2000) geht hervor, daß dreiviertel der Kinder, die mit Stimulanzien behandelt wurden, die nach DSM-IV notwendigen diagnostischen Kriterien für ADHD nicht erfüllten. Nach dieser Untersuchung wird zwar nicht zuviel verschrieben, allerdings erreichen die Medikamente zu einem erheblichen Anteil nicht die diagnostische Zielgruppe. Die Diskussion über die Häufigkeit der Methylphenidat-Therapie sollte deshalb genutzt werden, um auf Probleme der Qualitätssicherung und der Einhaltung von Standards bei der Behandlung hinzuweisen. Es stehen z. Zt. keine ausreichenden versorgungsepidemiologischen Daten zur Verfügung, die uns darüber Auskunft geben könnten, in welchem Umfang die notwendigen diagnostischen und therapeutischen Anforderungen eingehalten bzw. umgesetzt werden. So konnten Frölich und Döpfner (1997)3 zeigen, daß sich eine individualisierte Eingangs- und Verlaufsdiagnostik bei Kindern und Jugendlichen mit hyperkinetischen Störungen für die differentielle Indikation und Überprüfung einer auf die jeweilige Situation des Patienten zugeschnittenen Therapie als notwendig erwiesen hat. Lehmkuhl und Döpfner (2002) benennen als häufige Schwachstellen bei der Umsetzung der medikamentösen Behandlung folgende Aspekte:

  • mangelnde Diagnostik,
  • Nichtberücksichtigung von Behandlungsalternativen,
  • fehlende Integration der medikamentösen Behandlung in ein multimodales Behandlungskonzept,
  • mangelnde Titrierung und Verlaufskontrolle.

Aus den vorhandenen Defiziten der Versorgungspraxis leitet sich die Forderung nach einem Gesamtkonzept ab, das sich auf evidenzbasierte Leitlinien zur Diagnostik und Behandlung bezieht und insbesondere präventive Programme früh einsetzen sollte."

Zitiert aus: Gerd Lehmkuhl, Ulrike Lehmkuhl
Editorial in Praxis Kinderpsychol. Kinderpsych. 6/02

Werner
6.9.2002

 

Wie "ADHS" entsteht

Dass "ADHS" keine biologische oder medizinisch-organische Krankheit ist, wie uns die ADS-Lobby glauben machen will, wird hauptsächlich dadurch deutlich, dass man trotz jahrzehntelanger Forschung bisher keinerlei biologisch-pathophysiologischen Marker hierfür gefunden hat. Es existiert aber darüber hinaus eine sehr gute wissenschaftliche Untersuchung über die umweltabhängige Entstehung von "ADHS", also der Symptome Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörung. Sie stammt von CARLSON EA u.a. und ist wahrscheinlich die einzige in ihrer Art (im Vergleich zu tausenden bisherigen Untersuchungen, in denen vergeblich organische Ursachen gesucht wurden).

Diese Studie ist rein prospektiv. Man hat 191 Kleinkinder (ab dem Alter von 6 Monaten) zu einem Zeitpunkt, als sie noch unauffällig waren und keine Verhaltensstörungen aufwiesen, 14 Jahre lang alle 6 Monate gründlich körperlich und psychologisch untersucht. Die Studie wurde in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts begonnen und 1995 veröffentlicht. Dieses aufwendige methodische Vorgehen ist deshalb so kostbar, weil (Sie erinnern sich?) nur rein prospektive Studien dieser Art wirkliche Aussagen über Ursachen und Folgen bestimmter Beobachtungen (hier "ADHS") zulassen.

Die Untersuchungsergebnisse waren eindeutig. Die Forscher fanden heraus, dass vor allem Familienkriterien eine Voraussage zulassen, ob Kinder "ADHS" entwickeln werden oder nicht. "In der frühen Kindheit liess die elterliche Zuwendung sehr viel deutlichere Voraussagen auf frühe Ablenkbarkeit (einem Vorläufer späterer Hyperaktivität) zu als frühe biologische oder (eher genetisch bedingte) Temperamentsfaktoren. Elterliche Zuwendung und familiäre Kontextfaktoren (wie eheliche Geburt, Ausmaß der emotionalen Zuwendung, die die primäre Bezugsperson des Kindes erhielt etc.) plus frühe Ablenkbarkeit ließen eine zuverlässige Vorhersage auf Hyperaktivität in der mittleren Kindheit zu."

"ADHS" ist eine Sammelbezeichnung für unterschiedliche umwelt-, erziehungs- und gesellschaftsabhängige Entwicklungsstörungen, aber keine organische Krankheit.

H.-R. Schmidt
9.9.2002

 

Liebe Gäste,
in der heute erschienenen Oktoberausgabe von PSYCHOLOGIE HEUTE finden Sie 3 sehr gute Beiträge über "ADHS". "Eine Pille gegen die Überforderung" ist der erste überschrieben, der dritte bringt einen Ausschnitt aus Richard DeGrandpres Buch "Die Ritalingesellschaft. ADS: Eine Generation wird krankgeschrieben", und der zweite ist ein Interview mit Gerald Hüther, das wir im Folgenden wiedergeben:

KINDER UNTER STRESS

Kindergehirne sind keine Maschinen
Der Neurobiologe GeraId Hüther warnt vor den Langzeitfolgen des Medikaments Ritalin

PSYCHOLOGIE HEUTE Die Verschreibung von Psychostimulanzien an Kindergarten- und Schulkinder wegen ADHS ist in Deutschland in den letzten Jahren um das Vierzigfache gestiegen. Erleben wir zurzeit die epidemische Ausbreitung einer neuen Hirnkrankheit bei Kindern?

GERALD HÜTHER Was sich in den letzten Jahren epidemisch ausgebreitet hat, ist wohl eher die Bereitschaft vieler Ärzte, allzu schnell zum Rezeptblock zu greifen, wenn ihnen Kinder mit solchen Verhaltensauffälligkeiten vorgestellt werden. Auch scheint es immer mehr Eltern, Erzieher und Lehrer zu geben, die gern bereit sind, gestörtes kindliches Verhalten als eine Krankheit zu betrachten, die mit Medikamenten therapiert werden muss.

PH Was hat Sie als Neurobiologe veranlasst, sich mit einem Buch* direkt an Eltern und Erzieher zu wenden?

HÜTHER: Den bisherigen medizinischen Modellen des als ADHS oder auch ADS bezeichneten Störungsbildes liegt ein völlig veraltetes Konzept von der Funktionsweise und der Entwicklung des menschlichen Gehirns zugrunde. Das war der Forschungsstand von vor 20 Jahren, der ist heute überholt. Und da diese Modellvorstellungen nicht mehr zu dem inzwischen gewachsenen Erkenntnisstand passen, sind auch die bisher für die Ritalinbehandlung zugrunde gelegten Annahmen nicht mehr haltbar. Das sollte man denen, die sich ratsuchend an die Ärzte wenden, also den betroffenen Eltern und Erziehern, auch offen sagen.

PH Können Sie das näher erläutern?

HUTHER Bisher wurde eine organisch bedingte Stoffwechselstörung im Gehirn des Kindes für die ADHS-Symptomatik verantwortlich gemacht. Die Kinder, so hieß es, litten unter einem Dopaminmangel und könnten daher ihre Impulse und ihr Verhalten nicht adäquat steuern. Dies sei ein organischer und daher lebenslang vorhandener Defekt, der sich am besten durch die Einnahme von Medikamenten korrigieren ließe, die die Dopaminfreisetzung stimulieren. Also Ritalin. Dahinter steht das Konzept vom Gehirn als Maschine: Wenn Schmiermittel fehlt, wird es ersetzt, und dann läuft der Mechanismus wieder rund. Wir wissen aber heute, dass das Gehirn ein sehr komplexes und anpassungsfähiges Organ ist. Es strukturiert sich —vor allem in den sich erst nach der Geburt entwickelnden Bereichen, also etwa im Stirnhirn — erst durch den Gebrauch, der von ihm gemacht wird. Die Lebensbedingungen des Kindes, das heißt, die Qualität der Beziehungen, in denen es lebt, und seine Möglichkeiten, sich zu bewegen, aktiv zu werden, zu spielen und soziale Kontakte zu knüpfen — das alles beeinflusst die Ausreifung und die weitere Entwicklung des kindlichen Gehirns. Methylphenidat, der Wirkstoff von Ritalin, ist ein Amphetamin, also ein Aufputschmittel, das die Arbeitsweise des kindlichen Gehirns erheblich verändert. Die mittel- und längerfristigen Auswirkungen dieses Eingriffs sind noch völlig unerforscht.

PH Wie wirkt Ritalin auf den Hirnstoffwechsel?

HUTHER Dopamin ist der Botenstoff, der von den Nervenenden eines fein verzweigten Projektionsbaumes von Nervenzellen ausgeschüttet wird, die im Mittelhirn lokalisiert sind. Ein Projektionsbaum reicht in die Basalganglien, ein anderer zieht in limbischen Hirngebiete, und ein dritter innerviert das Frontalhirn. Dieses dopaminerge System wird immer dann erregt, wenn etwas Aufregendes, emotional Bewegendes passiert. Die damit einhergehende, massive Dopaminausschüttung in den Projektionsgebieten hat einen starken antriebssteigernden Effekt. In der Fachsprache heißt das reinforcing. In niedrigen Dosierungen als Tabletten eingenommen, hemmt Methylphenidat die Wiederaufnahme von Dopamin und erzeugt einen kontinuierlichen Ausfluss des in den dopaminergen Nervenenden gespeicherten Dopamins. Die Folge ist eine Selbsthemmung jeder weiteren Dopaminfreisetzung durch neue, eintreffende Reize. Wissenschafflich ausgedrückt: Es erfolgt eine Aktivierung von Autorezeptoren an den dopaminergen Präsynapsen. Die Stimulation dieses Systems durch neuartige, aufregende Reize bleibt nun "ohne Effekt‘. Das heißt, dass durch neue Stimuli keine verstärkte Dopaminausschüttung mehr stattfindet. Das Kind kann sich besser konzentrieren, ist weniger durch äußere Reize ablenkbar und durch innere Impulse angetrieben. Im Frontalhirn können neue Nutzungsmuster ausgebildet und stabilisiert werden. Auf neue Reize reagiert es nicht mit Aufregung, sondern bleibt stur bei der einen Sache, die es angefangen hat.

PH Ist darum das Ritalin bei Eltern, Lehrern und Ärzten so beliebt?

HÜTHER Ja, die Kinder verhalten sich angepasster. Doch statt das Kind durch einen Eingriff in seinen Hirnstoffwechsel anzupassen, sollten wir uns fragen, was sich an den kindlichen Entwicklungsbedingungen heute derart verschlechtert hat, dass so viele Kinder eine AHDS-Symptomatik entwickeln. Wir sollten uns fragen, ob vielleicht unser gegenwärtiges Erziehungssystem den kindlichen Lernbedürfnissen nicht gerecht wird; oder ob eine Form der Wohlstandsverwahrlosung vorliegt, die immer häufiger zu frühkindlichen Beziehungsstörungen führt. Die Ausformung und Stabilisierung komplexer Verschaltungen im frontalen Kortex ist ein schwieriger Prozess, der unter Bedingungen eines mangelnden Reizschutzes in Form sicherer emotionaler Bindungen kaum gelingen kann.

PH Worauf gründen Sie Ihre Warnung vor der Ritalinbehandlung?

HÜTHER Wie Tierversuche gezeigt haben, wird durch die Methylphenidatbehandlung während der Phase der Hirnentwicklung, also vor der Pubertät, die weitere Ausreifung und Ausformung der dopaminergen Innervation unterdrückt. Wenn Kinder ein zu stark ausgebildetes dopaminerges System besitzen, würde es auf diese Weise zurückgestutzt. Bei Kindern mit einem normal entwickelten dopaminergen System jedoch würde eine weitere Ausformung dieses Systems unzureichend sein. Als Spätfolge dieses Defizits kann es zu einer erhöhten Gefahr der Ausbildung eines Parkinsonsyndroms im höheren Lebensalter kommen.

PH Welche Alternativen gibt es zur Ritalinbehandlung?

HÜTHER Es gibt die breite Palette von Möglichkeiten der Beratung, der Familien-, Verhaltens- und Psychotherapie. In Schweden zum Beispiel ist dem schnellen Griff des Arztes zum Ritalinrezept per Gesetz ein Riegel vorgeschoben. Ritalin — ein kurzfristiger Einsatz kann sinnvoll sein, um eine Therapie überhaupt möglich zu machen — darf in Schweden nur von einem Kinderpsychiater verordnet werden. Gleichzeitig muss sowohl die medikamentöse als auch jede andere Therapie, ohne die das Medikament nicht gegeben werden darf, genau dokumentiert werden. Das ist derart aufwendig, dass der Medikalisierung von Verhaltensproblemen und Erziehungsdefiziten durch Eltern und Erziehungsinstitutionen, wie wir das zur Zeit in Deutschland erleben, enge Grenzen gesetzt sind. Und das ist gut so, denn Kindergehirne sind keine Maschinen, die man mit Schmiermitteln zum Laufen bringen kann.

Das Gespräch mit Gerald Hüther führte Elisabeth C. Gründler
Quelle:
PSYCHOLOGIE HEUTE OKTOBER 2002

H.-R. Schmidt
11.9.2002

 

IN DER RITALINFALLE

Interview mit Prof. Dr. Reinmar du Bois zur dramatischen Häufung angeblicher ADS-Erkrankungen. du Bois ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Olgahospital Stuttgart.

400.000 Kinder in Deutschland sollen von Hyperaktivität, nicht selten verbunden mit einem Aufmerksamkeitsdefizit <ADS> betroffen sein. Haben wir vor zehn Jahren und länger diese Erkrankung einfach nicht bemerkt oder woher kommen plötzlich derart viele Erkrankte? Erfinden Arzte, unterstützt von Lehrern, womöglich eine Krankheit, damit sie sie therapieren können?

Verschiedene Umstände führen zu einem Ansteigen der Fälle. Denken wir an den enormen Ansturm der Sinnesreize, denen Kinder ausgesetzt sind. ADS könnte also unter anderem ein Zivilisationsphänomen sein. Das allein erklärt aber nicht den sprunghaften Anstieg der Fälle. Hyperaktivität oder Aufmerksamkeitsdefizit bei Kindern betreffen Phänomene, die es schon immer in großer Häufigkeit gegeben hat, die auch von unserem Fachgebiet schon lange so benannt worden sind. Dann ist eine Popularisierung dieser Begriffe eingetreten. Immer mehr Erscheinungen schwierigen Verhaltens bei Kindern wurden als hyperaktiv bezeichnet, - Dinge, für die mein Fachgebiet natürlich auch andere Begriffe hat.

ADS ist inzwischen nicht mehr nur das, was es immer war: eine ernstzunehmende Problematik, sondern ist zugleich eine Modediagnose, ein Generalverdacht bei jeglichen Auffälligkeiten des Verhaltens von Kindern. Hier kommen Kettenreaktionen in Gang, die kaum noch kontrollierbar sind. Ohne diese dramatische Änderung in den diagnostischen Gewohnheiten der Ärzte ist der sprunghafte Anstieg des Vorkommens nicht erklärbar.

Natürlich müssen wir tatsächliche Zunahmen und Verschlimmerungen in Betracht ziehen. So etwas ist ja auch bei Essstörungen und bei Selbstverletzungstendenzen bekannt. Aber hier ist die Zunahme nicht so exorbitant wie bei HKS bzw. ADS, wo wir ja richtige Quantensprünge erleben.

Sind denn diese Störungen eindeutig definiert?

Sie werden von verschiedenen Seiten beschrieben. Einmal ist es eine Aufmerksamkeitsstörung, also eine Unfähigkeit der Kinder, ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren und sich nicht ablenken zu lassen von gleichzeitig stattfindenden anderen Reizen. Zum anderen handelt es sich um sichtbare motorische Unruhe. Die Aufmerksamkeitsstörung ist für sich genommen nicht pathologisch. Jeder Mensch ist ab-lenkbar oder kann es sein. Das ist abhängig vom Grad der Wachheit und der seelischen Aktivierung, und es ist sehr stark abhängig von der Selbstmotivation, der Bereitschaft, sich auf etwas Bestimmtes hin zu sammeln. Die Entschlossenheit zu so einer inneren Sammlung, der Wille, sich selbst zur Ordnung zu rufen, differiert unter den Menschen und bezeichnet letztlich einen Verhaltensstil. Bestimmte Kinder können das gut, andere nicht so gut. Das heißt aber nicht, dass sie es überhaupt nicht können. Unter bestimmten Umständen - in einer optimalen Motivation oder bei Ermunterung bzw. bei bestimmten Bedingungen drum herum - sind sie dazu durchaus in der Lage. Psychologische Tests zeigen sogar, dass sie es qualitativ nicht schlechter können als andere Kinder auch, nur nicht so oft und leider nicht immer, wenn es nötig wäre. Diese Störung passiert also auf einer ganz hohem Stufe von Selbstorganisation. Sie ist kein ganz grundlegendes Defizit, sondern eher ein in der psychischen und kognitiven Organisation sehr weit oben organisiertes Verhaltensmerkmal, eine dynamische Eigenart des Reagierens, die im Laufe der Entwicklung schließlich auch biologisch verankert wird. Von daher merken Sie bereits, dass es eine sehr schwer definierbare Störung ist, ganz anders als ein Leistungsdefizit nach einem Schlaganfall bei einem älteren Menschen. Im letzteren Fall ist messbar, dass jemand etwas im Vergleich zu Kontrollgruppen schlechter kann. So ist das beim Aufmerksamkeitsdefizit nicht. Es ist sehr stark verwoben mit dem normalen Verhalten und mit verschiedenen Bedingungen, die auf dieses einwirken. Am besten beschreibt man das Phänomen als eine Erschwernis bei der Selbstmotivation.

Das klingt so, als hätten die Kinder es bei gutem Willen in der Hand, sich anders zu verhalten...

Das wäre zu einfach. Wenn Sie Einzelfunktionen, z.B. die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden oder Unwichtiges auszublenden oder Dinge der Reihe nach zu erledigen, messen, dann finden Sie keine signifikanten Abweichungen von anderen Kindern und doch konzentrieren sich diese Kinder schlechter. Daraus schließen wir, dass es gar nicht diese Leistungen sind, die nicht erbracht werden können. Vielmehr gelingt das willkürliche Aufrufen dieser Leistungen, die man eigentlich erbringen kann, nicht. Wenn Sie die Kinder in einer Testsituation haben, einzeln und unabgelenkt, dann können sie ihnen Störreize geben, verschiedenste Aufgaben stellen und sie werden meist entdecken, dass sie genauso schnell sind, genau so wenig ablenkbar wie andere Kinder. Nur in der "real life situation‘ - in der Schulklasse oder innerhalb eingefahrener Beziehungen, wo es darauf ankommt, wie sich das Kind erlebt und motiviert - da macht es seine Sache schlechter.

Was macht den Unterschied zu HKS, dem hyperkinetischen Syndrom aus?

Ein Aufmerksamkeitsdefizit geht in den meisten Fällen, gerade bei Grundschulkindern, noch mit Hyperaktivität einher. Das ist allen bekannt. Was weniger bekannt ist, dass es etliche allgemein nervöse, getriebene, motorisch unruhige Kinder gibt, die nicht aufmerksamkeitsgestört sind. Das heißt, es gibt weitere Formen von Unruhe, speziell bei Kindern. Kindliche Unruhe ist noch unspezifischer und noch schwerer zu fassen als das Aufmerksamkeitsdefizit. Diese bloß unruhigen Kinder stören also eher die anderen als sich selbst. Das kann natürlich ebenfalls zu sozialen Problemen führen. Aber erst in der Kombination mit ADS treten die wirklich schwierigen Fragen im familiären Zusammenleben und in der Schule auf.

Trifft es zu, dass vorwiegend Jungen betroffen sind und welche Erklärung haben Sie dafür?

Ja das trifft zu. Jungen neigen von Anfang an stärker dazu, innere Spannungen über die Motorik nach außen abzuführen. Überhaupt muss man sich zum Verständnis der Hyperaktivität den Prozess der Hirnreifung genauer anschauen. Wir wissen recht gut, dass erbliche Faktoren die Hirnreifung stören können. Diese Annahme reicht aber nicht aus, um die Hyperaktivität in jedem Fall ausreichend zu erklären. Wir wissen ebenfalls, dass frühe negative Erlebnisfaktoren auf die Hirnreifung einwirken. Jede Hirnreifung korrespondiert mit bestimmten Umwelt- und Erlebnisbedingungen. Wenn ein Kind permanent sehr widersprüchlichen Signalen ausgesetzt wird, bisweilen auch einer starken Reizüberflutung, dann wieder nicht genug Reize angeboten bekommt, dann kann auch dies die Hirnreifung stören und zur Entwicklung von hyperaktiven Mustern führen. Und besonders problematisch ist es natürlich, wenn Anlagefaktoren und ungünstige Erlebnisbedingungen zusammentreffen. Wir dürfen uns nicht mit der Diagnose ADS und Hyperaktivität begnügen, ohne zu klären, welche psychischen Stressfaktoren früher und in der Gegenwart auf das Kind einwirken.

Viele Psychologen, aber auch verantwortungsbewusste Pädagogen sind besorgt über die häufige Verschreibung von Ritalin oder andere Präparate mit gleichem Wirkstoff an Kinder. Die Verschreibungshäufigkeit hat sich binnen zehn Jahren mehr als verzehnfacht. Das deutet auf eine leichtfertige Verordnung hin bzw. belegt es die Aussage eines Arztes bei der Tagung der TK, wonach wegen langer Wartezeiten auf Psychotherapie Ärzte "zur Überbrückung" Ritalin verschreiben. Wie beurteilen Sie die Verschreibungszahlen?

Das ist ein ganz heikles Thema, zumal es auch innerhalb meines eigenen Fachgebietes sehr unterschiedlich gehandhabt wird. Es gibt Ärzte, die Stimulantien ausgiebig und während der gesamten Kindheit und Jugend verschreiben, andere, die sie nur sehr behutsam und über kürzere Zeiträume verschreiben. Es gibt solche, die eher niedrige und andere die extrem hohe Dosierungen verschreiben. Das Problem beginnt damit, dass hier offensichtlich ein Medikament existiert, welches das psychische Grundproblem, sich nicht konzentrieren zu können, und das Grundproblem einer unwillkürlichen Unruhe positiv beeinflusst. Jeder Mangel an Spannkraft, Leistungsbereitschaft und Konzentration kann durch Stimulantien verbessert werden, nicht nur mit Methylphenidat, sondern auch mit anderen Amphetaminen, auch mit starkem Kaffee oder Tee, nicht nur bei diagnostiziertem ADS, auch bei undiagnostizierter Müdigkeit oder Unlust, nicht nur bei Kindern, auch bei Erwachsenen.

Schlimmer noch: Untersuchungen haben gezeigt, dass die einzig als wirksam nachgewiesene kognitive Therapie durch Methylphenidat ersetzt werden könnte, da dieses Medikament allein denselben Besserungseffekt hat. Offensichtlich haben wir hier eine Substanz, die in Aussicht stellt, daß mit ihrer Hilfe den Kindern ein weniger schwieriges Leben möglich wird, etwa so wie manche Patienten bei der Einnahme von Jodtabletten keinen Kropf kriegen oder andere bei der Einnahme von Antikonvulsiva keine epileptischen Anfälle. Nur dass die Vorbeugung im hiesigen Fall nicht so konkret ist und - wie soll man es ausdrücken - der allgemeinen Hebung der Lebensqualität dient.

Ist es nicht problematisch, wenn schon Kinder denken, dass sie mit Hilfe eines Medikaments im Leben besser zurecht kommen können?

Nun ja. Auch andere Kinder mit chronischen Erkrankungen müssen akzeptieren, dass sie ständig von medikamentöser Hilfe abhängen. Die Frage ist nur, ob das ADS dasselbe ist wie eine chronische Erkrankung. Dazu sind die Lebensprobleme, die sich aus dem ADS ergeben können, eigentlich zu unbestimmt und medizinisch nicht zu fassen. Dem Eindruck, dass Ritalin hilft, kann sich am Anfang niemand entziehen. Es wirkt ganz frappierend. Die Eltern sagen oft, sie haben plötzlich ein völlig anderes Kind. Langfristig ist der Effekt nicht mehr so eindrucksvoll. Die Verschreibung der modernen Antidepressiva in den USA ist ein weiteres Beispiel, wie ungenau Psychopharmaka verschrieben werden können. Aber diese Antidepressiva haben wenigstens deutliche Nebenwirkungen. Ohne dass man unter stärkeren Depressionen leidet, würde man sie wohl nicht langfristig einnehmen. Nennenswerte Nebenwirkungen konnten aber für Methylphenidat auch in Langzeitstudien nicht nachgewiesen werden.

Also wird eine falsche Einstellung zum Nutzen der Medikamente begünstigt?

So könnte man sagen. Da verrutscht ein ethischer Maßstab, wenn wir uns Medikamente für so eine breit gestreute und zivilisatorisch mitbedingte Problematik zumuten wollen. Deshalb bin ich auch so besorgt. Das ist die Hauptrichtung meiner Kritik. Ich kann nicht in meiner Rolle als Arzt sagen, das Methylphenidat, das verschreibe ich nicht, das ist gefährlich, das hilft nicht. Aber ich kann und muss aus einer ethischen Grundhaltung heraus davor warnen, mit der Diagnose ADS allzu großzügig umzugehen und dann für dieses ADS sofort Methylphenidat in Betracht zu ziehen. Was wäre das für eine Gesellschaft, die hier nicht kritisch aufmerkt? Leider sehen das die Betroffenen, vor allem die Eltern, oft nicht so. Ich erlebe in Diskussionsrunden über Hyperaktivität betroffene Eltern, die keine Kritik am Methylphenidat vertragen, es fast fanatisch verteidigen, und sich verunglimpft fühlen, wenn ich so argumentiere. Sie sehen in meinen Warnungen nur eine Kritik an ihrer persönlichen Handlungsweise. Sie verstehen nicht den Unterschied zwischen ihrem persönlichen Fall und dem generellen Problem. Sie haben möglicherweise auch Schuldgefühle, hätten diese aber nicht nötig. Ich selbst könnte ja als Arzt ihrem Kind das Medikament verschreiben und ihnen versichern, dass es gerechtfertigt ist.

Deshalb kann man ihnen Warnungen doch aber nicht ersparen.

Nein. Die Zielgruppe meiner Kritik sind aber nicht die Eltern, sondern die Öffentlichkeit und die Ärzte-schaft, so weit sie durch ihr Verhalten einer großzügigen und kaum überprüften Abgabe dieser Substanz den Weg bereitet. Im Einzelfall sehe ich durchaus die Leidenssituation von Kindern und Eltern und verschreibe nach genauer Prüfung ebenfalls dieses Medikament. Es ist wie gesagt die Breite und die Menge, in der der Wirkstoff verschrieben wird - und das nicht selten außerhalb einer gründlichen Prüfung -‚ die so besorgniserregend ist. Noch wird Ritalin zwar nicht dem Trinkwasser beigemischt, aber das belegen die Daten der Krankenkassen - eben doch von einer begrenzten Zahl von Ärzten in un- beschreiblich hohem Umfang verschrieben. Das muss aufhören. Es bedarf vor der Entscheidung über eine solche Therapie der fachlich qualifizierten Untersuchung des Kindes, seiner körperlichen und psychischen Verfassung, seines Leistungsvermögens, seiner Lebensumstände. Auch die Einleitung einer psychotherapeutischen Betreuung gehört dazu.

Wer kann das richtig diagnostizieren? Wann ist welche Kooperation gefragt?

Wir rennen den Tatsachen hinterher. Ich würde mir wünschen, die Kinder würden in jedem Fall einem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie vorgestellt. Das sollte uns die Sicherheit geben, dass bei Verschreibung von Ritalin dann eine medizinische, ja besser eine psychiatrische Indikation vorliegt. Davon sind wir weit entfernt. Es gibt auf der einen Seite große Gruppen von Ärzten, denen diese Verschreibung nicht geheuer ist, andererseits kleinere Gruppen, die Methylphenidat in großem Umfang verschreiben. Es ist unumgänglich, neben den Kinderpsychiatem, die Kinder- und Jugendfachärzte in die Beratung und schließlich auch die Verschreibung von Methylphenidat einzubeziehen. Nur so werden genug Familien erreicht und aufgeklärt. Die Kinderärzte müssen bezüglich des ADS so sachkundig sein, dass sie dem suggestiven Effekt dieser Diagnose nicht erliegen, sondern kritisch abwägen. Sie sollten mit der Kinder-und Jugendpsychiatrie zur weiteren Klärung zusammenarbeiten. Die überall stattfindenden Weiterbildungen zum Thema ADS, die vor allem auch in Schulen stattfinden, haben dazu geführt, dass allenthalben ADS Fälle entdeckt werden. Das ist wie ein Sog. Heute kommen viele Eltern in die kinderpsychiatrische Sprechstunde mit der fertigen Überzeugung, dass ihr Kind ADS habe. Nur dieses eine Problem scheint noch zu existieren und scheint alle Probleme zu erklären. Damit einher geht eine Verflachung und Trivialisierung des Verständnisses jeglicher kindlicher Probleme, die sich angeblich alle vom ADS ableiten lassen. DAS ADS-Konzept steht einer Differenzierung und Vertiefung eines Verständnisses im Wege.

Wann gehören aus Ihrer Sicht Psychologen mit ins Boot?

Die Psychologen sind in unserem Fachgebiet Seite an Seite mit den Ärzten bei der Klärung von Verdachtsfällen tätig und holen sich eventuell Unterstützung, wenn es um medizinische Fragen oder um die Verschreibung von Medikation geht. In der Therapie sind sie in großem Umfang an der Gewährleistung der Versorgung beteiligt und unverzichtbar. Mit Therapie meine ich in erster Linie die kognitive Selbstinstruktionstherapie zum Training von Aufmerksamkeitstechniken. Desillusionierend ist die Erkenntnis, dass - zunächst einmal und in der Sofortwirkung - Ritalin allein vergleichbar gute Effekte erzielt wie Ritalin in Kombination mit Psychotherapie. Aber was sagt uns das? Es kann ja wohl nicht gemeint sein, dass man durch Medikamente die gleiche Qualität der Hilfe erfährt wie durch menschliche Unterstützung.

Geht es nicht auch darum, dass Menschen lernen, sich ohne Medikament zu motivieren?

Natürlich. Der Standard, den wir in der Kinderpsychiatrie vertreten, ist deshalb: Keine Medikation ohne psychotherapeutische Hilfe. Der Sockel dieser Hilfe besteht in der eben erwähnten Selbstmotivationstherapie (kognitive Verfahren, bei denen man den Kindern hilft, ihre Aufmerksamkeit besser zubündeln) und in Elternschulen und Beratung. Das ist auch für die Eltern sehr entlastend. Beides kann auch gruppentherapeutisch angeboten werden. Das beste Zeitfenster für diese Dinge ist zwischen 6 und 10 Jahren, also im Grundschulalter. Kinder in diesem Alter machen bereits spontan, ohne dass man es ihnen zeigen muss, enorme Fortschritte in der Art, wie sie sich anpassen an das, was ihnen in der Schule z. B. an Aufmerksamkeit abverlangt wird. Die Selbstinstruktion ist etwas, was den Kindern sehr nahe liegt. Fast kommen sie von selbst auf die Methoden, mit denen sie sich zur Ordnung rufen müssen, wenn sie schlecht aufpassen können, es sei denn, sie sind nicht zusätzlich auch noch ein bisschen schwächer begabt und dadurch überfordert. Manche Kinder müssen einfach von der Überforderung befreit werden.

Verspricht die vom BGM beabsichtigte Veränderung der Verschreibungsordnung für Ritalin und vergleichbare Präparate Besserung?

Das tut sie wahrscheinlich nicht. Nur Ärzte, die ohnehin nicht an der Verschreibung teilnehmen, bleiben ausgeschlossen. Diejenigen, die schon bisher übermäßig viele Rezepte ausstellen, ohne sich intensiv genug und qualifiziert um die Patienten zu kümmern, werden die Hürde der neuen Vorschrift mühelos nehmen. Sie werden nicht einmal ihre Verschreibungsgewohnheiten ändern müssen.

Das Gespräch führte Christa Schaffmann
Quelle: REPORT PSYCHOLOGIE 9/2002

Preiser
16.9.2002

 

 

Sag mir, wer dich sponsert, und ich sage dir, wer du bist...

"Internationale Pharmakonzerne wie Novartis oder Anigen haben in den USA eine neue Form von Schleichwerbung erfunden. Sie bezahlen Film-Stars wie Kathleen Turner oder Lauren Bacall dafür, dass sie in TV-Interviews intime Details über Krankheiten ausplaudern, an denen sie oder gute Bekannte leiden, und die Behandlung, die ihnen angeblich geholfen hat. So berichtete Bacall kürzlich in der NBC-Morgenshow "Today" über einen Freund, der zwischenzeitlich an einer seltenen Augenkrankheit erblindet sei, und empfahl dann das von Novartis vertriebene Medikament Visudyne, das gerade erst von den US-Behörden zugelassen wurde. Dass die Schauspielerin von Novartis bezahlt wurde, erfuhren die Zuschauer nicht. CNN hat nun eine Direktive erlassen, nach der Talkgäste über finanzielle Verbindungen zur Pharmaindustrie befragt werden müssen, bevor sie über medizinische Fragen sprechen wollen."

Quelle: DER SPIEGEL 38/2002

Wir schlagen vor, dass auch Referenten auf ADHS-Kongressen und Funktionäre sogenannter "ADHS-Selbsthilfegruppen" und "ADHS"-Verbände in dieser Weise ab sofort regelmäßig befragt werden sollten.

Ulli
19.9.2002

 

Als wären wir mit "ADS" nicht schon gestraft genug! Der notorische J. Biederman, dessen oft methodisch zweifelhafte ADHS-Gefälligkeitsstudien wir hier bereits mehrfach kritisiert haben, hat neue Geldgeber gefunden, wie der STERN in seiner aktuellen Ausgabe schreibt:

Pille sucht Patient

US-Psychiater verordnen immer häufiger Medikamente gegen MANISCHE DEPRESSION - selbst Kindern. Die Diagnose ist umstritten, der Nutzen für die Pharmaindustrie offensichtlich

Ein Leben ohne Medikamente wird der neunjährige Mick womöglich nie mehr kennen lernen. Seit vier Jahren nimmt der Junge aus dem US-Staat Illinois täglich Tabletten. Zuerst war es nur eine Sorte, bald wurden es zwei. Seit einigen Monaten bekommt das Kind vier verschiedene Präparate.

Es ist kein Herzfehler, keine Epilepsie, die Micks Mutter Diane noch heute den Tag segnen lässt, als der Arzt zum Rezeptblock griff. Die rätselhaften und erschreckenden Launen des Jungen, so erzählt sie, gaben den Ausschlag. Verstockt und scheu begegnete Mick anderen Menschen, dann wieder war er überdreht und hyperaktiv das Drama gipfelte darin, dass Mick beinahe von einem dreistöckigen Haus gesprungen wäre: "Ich kann fliegen" rief er. Diane konnte ihn gerade noch stoppen.

Micks Diagnose lautet "Bipolare Störung", früher "manische Depression" genannt. US-Mediziner stellen sie neuerdings vermehrt auch Kindern. So oft, dass es fast den Anschein hat, als sei eine neue Epidemie ausgebrochen. Gerade hat das Nachrichtenmagazin "Time" dem Phänomen eine Titelgeschichte gewidmet.

Die Fachwelt streitet nun darüber, ob da eine Modekrankheit geschaffen oder wirkliches Leiden gelindert wird. Nach bisheriger medizinischer Erfahrung nämlich beginnen die Symptome gewöhnlich in der Jugend und im frühen Erwachsenenalter. Dann indes ist eine Behandlung selbst mit stark wirksamen Medikamenten tatsächlich angebracht: Das Leiden ruft nicht nur heftige Gefühlsschwankungen von Euphorie, Überaktivität, Eigensinn und Selbstüberschätzung bis hin zu völliger Niedergeschlagenheit und höchster Reizbarkeit hervor, sondern kann auch drastische Langzeitfolgen haben. Drogen-und Alkoholmissbrauch sind bei den erwachsenen Betroffenen dreimal so häufig wie im Bevölkerungsdurchschnitt, die Selbstmordrate wird auf 15 bis 20 Prozent geschätzt.

Der Trend, den Ausbruch der Krankheit nun bereits ins Kindesalter zu verlegen, hat mehrere Väter. Der Psychiater Joseph Biederman vom Massachusetts General Hospital in Boston etwa ist überzeugt, dass immer mehr, immer jüngere Kinder betroffen sind. Ärzte hätten bislang übersehen, dass das Leiden oft bereits mit fünf Jahren ausbreche. Weil viele Kinderärzte dies nicht wüssten, stimmt Demitri Papolos, Forschungsdirektor der Juvenile Bipolar Research Foundation in Pawling (New York) ein, werde in 80 bis 85 Prozent der Fälle ein anderes psychisches Leiden diagnostiziert. Daher verschrieben die Doktoren dann Medikamente, die entweder nicht helfen oder alles nur noch schlimmer machen. Rang eins der Fehldiagnosen belege dabei das längst furios in Mode gekommene Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom ADHS. Mehr als fünf Millionen US-Schüler schlucken Psychopharmaka dagegen.

Mit entsprechender Konsequenz will Papolos nun auch Rezepte für kleine Bipolar-Patienten ausgestellt sehen. Denn er ist sicher, dass bereits in jungen Jahren therapiert werden muss. ‚Wenn man diese Krankheit nicht frühzeitig behandelt, wird sie immer schlimmer wie ein Tumor‘; argumentiert er. Und Psychiater Biederman setzt bei seinen jungen Patienten bereits ein ganzes Arsenal von Medikamenten ein. Die meisten von ihnen wurden gegen andere Erkrankungen, zum Beispiel Schizophrenie oder Epilepsie, entwickelt und sind für Kinder nie getestet worden.

Wann kommt die Psycho-Mode zu uns?

DER NEUE PSYCHIATRIETREND hat trotzdem das Zeug dazu, ein Massenphänomen zu werden wie ADHS: Manch einer von Biedermans Kollegen hat bereits Zwei- und Dreijährigen eine Bipolare Störung attestiert. Seminare und Kongresse werden abgehalten und helfen, das vermeintliche Problem zu internationalisieren, Internetseiten und Selbsthilfegruppen entstehen, und zwei Stiftungen widmen sich bereits der Beratung von Eltern und der Vermittlung spezialisierter Ärzte, die freilich von der Korrektheit der Bipolare-Kinder-These überzeugt sind. Wie frühere US-Psycho-Trends könnte auch dieser bald nach Deutschland schwappen.

Viele Mediziner beunruhigt das. Womöglich, so der kritische Bremer Pharmakologe Peter Schönhöfer, stecke hinter der neuen Krankheitswelle etwas anderes: der Versuch nämlich, sowohl natürliche Stimmungsschwankungen der Kinder als auch schwerwiegende familiäre Probleme zur medikamentenpflichtigen Krankheit umzudefinieren. "Das ist in der Arzneimittelbranche eine gängige Strategie zur Markterweiterung", konstatiert der Mitarbeiter des Informationsdienstes "arzneitelegramm". "Disease mongering" heißt die Methode: Zunächst würden Ängste vor "bislang unerkannten", aber weit verbreiteten Gesundheitsstörungen geschürt, dann fänden sich bald Abnehmer für neue Pillen.

Längst zielen die Hersteller dabei nicht mehr nur auf klassische Alterserscheinungen wie Haarverlust, Erektionsstörungen oder Osteoporose ab. "Aus den Erfahrungen mit ADHS hat die Industrie gelernt, dass auch die Behandlung von Kindern ein extrem guter Markt sein kann", so Schönhöfer. So stieg allein in Deutschland die Zahl der Verordnungen von ADHS-Medikamenten wie Ritalin und Medikinet zwischen 1995 und 2000 von 1,3 Millionen Tagesdosen um mehr als das Zehnfache auf 13,5 Millionen an. In den USA, wo schon einige 100 Kinder im Krabbelalter unter den Konsumenten sind, liegt der Pro-Kopf-Verbrauch bereits fast zehnmal so hoch wie hierzulande. Ironie dabei:

ADHS-Medikaniente wie Ritalin oder das Amphetamin Adderall können bei Kindern eben jene Symptome hervorrufen, die typisch für eine Bipolare Störung sind. Kaum verwunderlich, dass sich auf den Sponsorenlisten von US-Selbstbilfegruppen wie der CABF oder der JBRF die Produzenten jener Medikamente wiederfinden, die so gut gegen Bipolare Störungen wirken sollen. Selbst bei der National Mental Health Association reicht die Liste der Spender von Abbott Laboratories über Bristol-Myers Squibb und Eli Lilly bis hin zu Organon, Pfizer und Wyeth-Ayerst Pharmaceuticals. Sie alle kämpfen um einen Milliardenmarkt, der in den 90er Jahren ins Gigantische anschwoll, insbesondere wegen des Welterfolgs des Antidepressivums Prozac. Dessen Hersteller Lilly hatte bei der Einführung des Mittels vor 14 Jahren einen Jahresumsatz von 70 Millionen Dollar erwartet. Erreicht wurden in den besten Zeiten fast drei Milliarden. Als Prozacs Patentschutz jedoch vergangenes Jahr ablief stürzten die alles entscheidenden US-Verkaufszahlen ab. Zyprexa, das neu zugelassene Medikament des Konzerns gegen Bipolare Störungen, könnte als entscheidender Umsatzträger ein würdiger Nachfolger werden. Die entsprechend aufwendig betriebenen Informationskampagnen, freilich auf die Kernzielgruppe der erwachsenen Patienten beschränkt, wecken auch den Ehrgeiz der Konkurrenz.

Und so erhält auch der Forschungspionier Joseph Biederman von mehreren Firmen seit Jahren Geld für seine Studien. Bei der erst vor zwei Jahren gegründeten "Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen" (DGBS) sieht es nicht anders aus.

Der DGBS-Experte für Diagnostik, der Chemnitzer Psychiater Peter Bräunig, findet es "nicht ehrenrührig", mit der Pharmaindustrie zusammenzuarbeiten. ‚Wir wären sonst schlichtweg nicht existenzfähig." Bräunig prophezeit: "Wir werden genau wie die Amerikaner die Problematik erkennen, dass viele der mit ADHS etikettierten Kinder eigentlich in den Topf der Bipolaren Störungen gehören." Andere deutsche Fachkollegen sind zurückhaltender. Sicher gebe es auch bei Kindern vereinzelt Fälle von Bipolarer Störung, räumt der Kinderpsychiater Jörg Fegert von der Universität Ulm ein. "Aber die sind extrem selten." Und Michael Schulte-Markwort, Leiter der Arbeitsgruppe "Depression im Kindes- und Jugendalter" am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, ist überzeugt: »Das ganze Phänomen spielt sich im Promillebereich ab. Ich sehe keine Anzeichen, dass sich daran in den vergangenen Jahren etwas geändert hat. Und ich kenne keine einzige Studie, die etwas anderes auch nur vermuten lässt."

Nichtsdestotrotz hält sich Joseph Biederman für einen Mann mit strengen Prinzipien, wie man auf der Website der von ihm wissenschaftlich betreuten CABF erfährt: "Es ist unmöglich, einen Patienten zu behandeln, wenn man keine Diagnose hat." Kritiker, die seine Fixiertheit auf die eigenen Thesen als "Biedermania" belächeln, fügen hinzu: Im Zweifelsfall könnte man die passende Krankheit ja selbst erschaffen.

Quelle: CORNELIA STOLZE in: STERN 39/2002

Beigesteuert von Björn H.
24.9.2002

 

Mein Vater war auch hyperaktiv...

Die Behauptung, "ADS" sei genetisch bedingt und vererbbar, wird von der ADS-Gemeinde (oder soll man sagen: -Sekte?) unverdrossen geglaubt und trotzig weiter verbreitet.

Diese Überzeugung beruft sich auf Familien-, Zwillings- und Adoptionsstudien. Wenn man also in Familien "ADS"-Häufungen findet, wird dies als Beleg für Genetik und Vererbung genommen. Wenn man bei eineiigen Zwillingen höhere Übereinstimmung für "ADS" findet als bei zweieiigen Zwillingen, wird dies ebenso als Beleg genommen. Und wenn man bei adoptierten Kindern "ADS" findet, in ihrer Adoptionsfamilie aber nicht: dito.

Jay Joseph hat diese Forschung, für die vor allem auch Faraone und Biederman in den USA stehen, kritisch unter die Lupe genommen und kommt zum Ergebnis, dass es keine Nachweise für die genetisch bedingte Vererbung von "ADS" gibt.

Familienstudien sind für diese Fragestellung wissenschaftlich völlig sinnlos, weil sich der Umwelt- und der Genfaktor hier nicht trennen lassen. Beide Faktoren sind in einer Familie konfundiert, also stets gleichzeitig wirksam und in Forschungsstudien nicht auseinander zu halten. Diese Studien liefern also überhaupt keinen Aufschluss, ob "ADS" vererbt oder "erlernt" ist.

Dass eineiige und zweieiige Zwillinge in Familien in einer identischen Umwelt aufwachsen (und sich deshalb in Forschungsstudien der Umweltfaktor konstant halten lässt, so dass Unterschiede auf die identische Genetik der eineiigen Zwillinge zurückgehen müssten), ist ein alter psychologischer Irrtum. Geschwisterkinder wachsen subjektiv in relativ verschiedenen Familien auf. Ob man erstgeborener Sohn oder ein Nesthäkchen ist, macht eine stark unterschiedliche Umwelt für die Kinder aus. Dies gilt auch (in abgeschwächter Weise) für zweieiige Geschwister, und in noch schwächerer Ausprägung für eineiige Zwillinge. Eineiige, in derselben Familie aufgewachsene Zwillinge haben also nicht nur dieselbe genetische Ausstattung, sondern auch eine fast identische psychologisch-subjektive Umwelt. Wenn sie häufiger gemeinsam "ADS" haben, kann das also wieder genauso auch an ihrer gemeinsamen Umwelt liegen. Zweieiige Zwillinge haben verschiedenere subjektive Umwelten und eben deshalb seltener gemeinsam "ADS".

Joseph kritisiert bei den Adoptionsstudien deren methodische Fehler (dass sie nicht doppelblind waren, und dass man die leiblichen Eltern der Adoptionskinder nie mit untersucht hat).

Fazit: Man sollte endlich klar sehen, dass es mit der Überzeugung von der Genetik und Vererbung von "ADS" wissenschaftlich nicht weit her ist.

Karsten B.
28.9.2002

 

Nachfolgender Artikel dürfte m.E. deutlich machen, dass die Einschätzung, dass Ritalin bzw. Methylphenidat keine Langzeitschäden verursache, wohl nichts mehr als ein (gefährliches) Märchen ist. Auf einer Podiumsdiskussion hier vor Ort wurde mir vom Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie verdeutlicht, dass die ewigen Vergleiche zwischen Kokain und Ritalin nicht exakt seien. Wenn schon verglichen werde, dann sei der Wirkstoff der Designerdroge Ecstasy (dem Ritalin; HRS) wesentlich ähnlicher. Spontane Reaktion einer Schulpsychologin: "Dann umso schlimmer!"
Pikanterweise häufen sich die Forschungsergebnisse über die hirnorganischen Schäden von Ecstasy in den letzten Jahren gewaltig und die Vermutung liegt nahe, dass es mit Ritalin auch nicht anders ist. Vor allem wenn es Kindern jahrelang verschrieben wird, was keine Seltenheit ist. Damit bekommt Prof. Hüther Flankenschutz (Stichwort: Parkinson-Gefahren) von unverdächtiger Seite. Vergleichende Forschung (Tierversuche etc.) dürften wohl in der nächsten Zeit gemacht werden, dann wird es eng für die Pharmafirmen und die Verschreiber, schließlich waren bereits die Volkow-Ergebnisse (Vergleich Kokain-Ritalin) ein herber Rückschlag für die "Stimulanzienfans".

Zur aktuellen Ecstasy-Forschung ein Buchtip:
Rainer Thomasius (Hrsg.)
Ecstasy - Wirkungen, Risiken, Interventionen
Ein Leitfaden für die Praxis
Enke Verlag, Stuttgart 1999, 208 Seiten
(ISBN 3-432-30101-4)

Man findet über seine Forschungen auch einiges im Internet. Hier die angekündigte Meldung:

allnews Samstag, 28. September 2002
Bleibende Hirnschäden: Eine Ecstasy-Nacht reicht 
Washington (dpa) - Eine Nacht im Ecstasy-Rausch kann US-Forschern zufolge ausreichen, um schwere bleibende Schäden im Gehirn zu erleiden. Wer in einer Nacht, wie bei den Konsumenten üblich, drei oder mehr Dosen der Droge nehme, müsse als junger Erwachsener oder auch Jahre später mit Parkinsonismus rechnen, den Symptomen der Parkinsonschen-Krankheit, warnen die Forscher im US-Fachjournal "Science" (Bd. 297, S. 2260) vom Freitag. Dazu zählen Zittern und eingeschränkte Mimik. Frühere Studien hatten schon gezeigt, dass Ecstasy die von der Hirnsubstanz Serotonin gesteuerten Zentren für emotionale Kontrolle und Wahrnehmungsfähigkeit attackiert und nachhaltig schädigen kann. Jetzt untersuchte das US-Team um George Ricaurte von der Johns Hopkins Universität in Baltimore (US-Staat Maryland) in Tierversuchen die Auswirkungen von Ecstasy auf die von dem Botenstoff Dopamin abhängigen Nervenzellen im Tierversuch. Die Forscher gaben zwei Arten von Menschenaffen die ihrem
Gewicht entsprechende Dosis der Partydroge - ähnlich wie in Ecstasy-Nächten üblich - in zwei oder drei Gaben im Abstand von je drei Stunden. Anschließend untersuchten sie eine Hirnregion (Striatum), in der viele der von Dopamin gesteuerten Nerven enden, und fanden 60 bis 80 Prozent der Nervenzellen zerstört. Es ist bekannt, dass der Verlust der Kontrolle über
Bewegungen und andere Erscheinungen von Parkinsonismus bei 80 bis 90 Prozent der dopaminabhängigen Nervenzellen einsetzt, schreiben die Autoren in "Science". Da die Produktion von Dopamin im Verlauf des Lebens abnimmt, könnte der Verlust der von dem Nervenleiter gesteuerten Zellen durch nur eine Ecstasy-Nacht ausreichen, um später unter Parkinson-Symptomen zu leiden. "Ecstasy galt bisher als sichere Droge unter jungen Leuten, weil es keine unmittelbaren Schäden erkennen lässt", bedauerte Ricaurte. "Doch wer Ecstasy oder (den Hauptinhaltsstoff) MDMA nimmt, sollte sich bewusst machen, dass die Droge Hirnzellen zerstören kann und dass der nervenzerstörende Effekt schon bei den normalerweise üblichen Party-Dosen einsetzt", warnte der federführende Autor der Studie. Zwar seien die Versuche an den Menschenaffen noch kein Beweis dafür, dass die Droge die schweren Schäden auch im Hirn junger Leute hervorruft, aber doch Anlass zur "Riesensorge".
Quelle:
www.netdoktor.de

Hubert Geue
30.9.2002

 

ADHS ist die Krankheit, die sie zu behandeln vorgibt

Die neue amerikanische disease-mongering-Masche ("Wie erfinde ich eine neue Massenkrankheit, um mein Medikament besser zu verkaufen?") hat ja bekanntlich herausgefunden, dass sehr viele sog. "ADHS"-Kinder angeblich falsch diagnostiziert und medikamentiert seien. Statt "ADHS" hätten sie nun "Bipolare Störungen" (Manisch-depressive Psychosen) und müssten nicht mit Psychostimulanzien, sondern mit Antipsychotika behandelt werden.

Auch aus unserer Sicht sind "ADHS"-Kinder falsch diagnostiziert, allerdings aus ganz anderen Gründen: einerseits, weil sich gar kein abgrenzbares, medizinisch fassbares Krankheitsbild "ADHS" feststellen lässt, andererseits, weil sich diese Kinder mit bewährteren und unstrittigeren anderen Diagnosen besser (soll heissen: individueller und ohne Medikamente) behandeln lassen. Darüber haben wir hier schon sehr viel gesagt.

Interessant ist aber, zu verfolgen, wie die von uns hier so hochgeschätzten biologistischen amerikanischen Psychiater auf ihre Idee mit der bipolaren Störung gekommen sein mögen: Sie diagnostizierten bei Kindern die Hirnkrankheit "ADHS" und verordneten Ritalin. Dann stellten sie später fest, dass einige dieser Kinder immer unglücklicher zu werden schienen. Sie schienen Gefühlsschwankungen zwischen "Manie" und "Depression" zu zeigen. Und was schlossen diese Fachleute daraus? Dass die Kinder nicht Ritalin, sondern Antipsychotika bräuchten, weil sie offenbar bipolar gestört sind. Auf die naheliegende Überlegung, dass die Stimmungsschwankungen der Kinder durch Ritalin ausgelöst worden sein könnten, kamen sie nicht.

Cherland und Fitzpatrick haben 98 mit "ADHS" diagnostizierte Kinder, die mit Stimulanzien behandelt worden waren, mit einer Kontrollgruppe von Kindern verglichen, die ebenfalls "ADHS" hatten, aber nicht mit Medikamenten behandelt worden waren. Der Vergleich bezog sich auf einen Zeitraum von 5 Jahren. In der Gruppe der medikamentös behandelten Kinder entwickelten sich bei 6 bis 11,7 Prozent der Fälle (je nach Fragestellung) ernsthafte psychotische Symptome heraus, in der Kontrollgruppe in keinem einzigen Fall. Obwohl diese Studie retrospektiv war und man nicht genau weiss, warum die Kontrollgruppe nicht medikamentös (oder ob anderweitig) behandelt worden war, muss das Ergebnis sehr nachdenklich stimmen. Bei "ADHS" hat man ja bereits gerne übersehen, dass Hirnveränderungen bei ADHS-Patienten durch Psychopharmaka erzeugt worden sein können und keineswegs die Ursache der Krankheit sind. Statt die Medikamente dann aber abzusetzen, hat man nur noch mehr davon verordnet, um die Hirnkrankheit, die man unmerklich selbst erzeugt hat, zu bekämpfen (und in Wirklichkeit zu verschlimmern). Irrwitzig, nicht wahr?

Handelt es sich bei den sogenanten Bipolaren Störungen der "ADHS"-Kinder nicht auch nur um iatrogene Störungen, also um Störungen, die der Arzt durch die Medikation mit Ritalin selbst unmerklich erzeugt hat? In diesem Falle wäre die Ritalin-Medikation ein Behandlungsfehler gewesen, der zur sofortigen Absetzung des Medikaments führen muss, aber nicht zum Wechsel auf wirkliche Psychopharmaka-Kanonen wie Erwachsenen-Antipsychotika.

Mit Gruß, Ihr
Hans-Reinhard Schmidt
1.10.2002

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