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Liebe Gäste,
Sie werden sicher verstehen (oder sicher nicht), dass ein solch großkalibriger Fachmann wie der international bekannte amerikanische Psychiater Dr. Peter R. Breggin hier nicht länger fehlen darf. Wir bringen deshalb einen Auszug aus seinem neuen Buch "The Ritalin Fact Book", und zwar natürlich nicht deshalb, weil Breggin ein oder kein Scientologe ist, sondern weil die aufrüttelnde Story von Alec auch für uns viel Wahres und sehr Ernstzunehmendes vermittelt. Breggin ist mit Sicherheit kein Scientologe (so wenig wie wir hier auch). Seine Ehefrau war allerdings vor über 20 Jahren in ihrer ersten Ehe mal Mitglied dieser Vereinigung, hat sich davon damals aber eindeutig distanziert.
Dass man von Scientology einerseits und vor allem von fanatisierten ADHS-Funktionären bzw. der Pharma-Lobby andererseits rasch vereinnahmt oder in eine Ecke abgeschoben wird, hat Breggin erlebt. Und wir hier auch. Aber solche leicht durchschaubaren Nebenkriegsschauplätze sollten uns nicht wirklich davon ablenken, dass die um sich greifende Medikation unserer Kinder mit Psychopharmaka ein sehr ernstes Problem darstellt, vielleicht weniger wegen der nach Breggin verheerenden Wirkung der psychiatrischen Medikamente selbst, sondern weit mehr wegen der damit einhergehenden notorischen Leugnung der psychosozialen Verhältnisse, die unseren Kindern die Verhaltensprobleme erst verursachen. Aber Breggin weiss das auch, wie aus dem Fallbericht deutlich wird.

Wenn Sie mehr über diese bedingt interessanten Breggin-Hintergrundgeschichten erfahren möchten, empfehlen wir die folgenden Links:
Breggin bei den hypies
Gingers Testimony
McCarthy lebt
Frontline Interview
Café Holunder

Dr. Peter R. Breggin
Alecs Geschichte

(Übersetzung: Hans-Reinhard Schmidt)

Alecs Reise durch die medikamentenorientierte biologische Psychiatrie wird vielen Eltern, die ihre Kinder bei ähnlichen Erlebnissen begleiteten, unheimlich bekannt vorkommen. Geschichten wie diese werden in der modernen Psychiatrie leider immer alltäglicher. Sie beleuchten lebendig und schmerzhaft die Gefahren psychiatrischer Diagnosen und der medikamentösen Behandlung von Kindern.

Alec kam in schrecklichem Zustand in meine Praxis. Körperlich und psychisch war er mit seinen 11 Jahren unreif. Er war mager, und die Selbstkontrolle seiner Gefühle war sehr gering. Alec hatte alle seine Freunde verscheucht und sein älterer Bruder wollte nie mehr mit ihm sprechen. Sogar sein Fußballtrainer hatte es mit ihm aufgegeben, und seine Schule machte Druck, ihn in eine Einrichtung für ernsthaft emotional Gestörte zu geben.

Alec wimmerte, jammerte oder bekam bei der geringsten Herausforderung einen heftigen Wutanfall. Aber hinter all seiner gespielten Tapferkeit konnte man leicht das verwundete, verletzte Kind spüren. Wenn er davon sprach "sterben zu wollen" oder dass ihn "alle hassen", fühlte ich bei ihm echte Verzweiflung über sein Leben. Wenn ich echte Anteilnahme an ihm zeigte, hörte er auf zu klagen und war eifrig bemüht, zu hören, was ich zu sagen hatte.

Als Alec mich aufsuchte, hatte er bereits seit mehr als 5 Jahren psychiatrische Medikamente genommen. Sein Psychiater verschrieb ihm gleichzeitig 5 Psychiatrika: das langwirkende Stimulanz Concerta, den milden Stabilisator Depakote (Divalproex), das Sedativum Klonopin (Klonazepam), das beruhigende Antihypertonikum Clonidine und das Erwachsenen-Antipsychotikum Risperdal (Risperidone).

Alec entwickelte daraufhin Gesichtszuckungen und Spasmen und hatte kürzlich erzählt, wie abends vor dem Einschlafen in seinem Zimmer "Geister" erscheinen. Sein voriger Psychiater hatte daraufhin erklärt, Alec habe Halluzinationen. Er warnte, Alec würde Zeichen einer sich entwickelnden kindlichen Schizophrenie zeigen und müsste wahrscheinlich in die Klinik, damit man seine Medikation intensivieren könne.

Was hat solch ein Fall mit ADHS zu tun?

Alecs erste Diagnose im Alter von 6 Jahren war ADHS. Damals bekam er Ritalin. Er hätte aber auch mit einem anderen Stimulanz beginnen können, das Ergebnis wäre wahrscheinlich dasselbe gewesen.

Ich riet Alecs Eltern, die Behandlung erst einmal nur mit den Erwachsenen zu beginnen und Alec erst später zu einem eigenen Termin hinzu zu ziehen. Ich wollte von Anfang an die Bedeutung der Erwachsenen betonen, sich zusammen zu setzen und die Ursachen und Lösungen für Alecs Probleme zu verstehen. Von Beginn an stellte ich klar, dass Alecs Probleme nicht, wie man ihnen bisher erzählt hatte, irgendeiner Hirnstörung entspringen. Ich wusste, wir würden Alec auf den richtigen Weg bringen , wenn wir die Belastungen und Konflikte in seiner Umgebung lösen. Während Alec daran arbeiten würde, seine Einstellung und sein Verhalten zu verändern, würden seine Eltern und Lehrer ihre Bemühungen, ihn zu fördern und zu erziehen, verbessern.

Auf meinen Rat hin brachten Alecs Eltern seine mütterliche Großmutter mit, die täglich mit ihm zusammen war, während die Eltern beide berufstätig waren. In der ersten halben Stunde dieser Sitzung wurde offenkundig, dass die gesamte Familie einen wichtigen Punkt in Alecs Leben vergessen hatte: dass Alec mit 6 Jahren ein normales Kind gewesen war, als der Kinderarzt mit Ritalin anfing.

Die Medikation hatte, wie in so vielen Fällen, mit einer Empfehlung der Schule, ihn untersuchen zu lassen, begonnen. Mit Beginn der zweiten Klasse hatte die Lehrerin festgestellt, dass Alec in der Schule nicht aufpasse, tagträume und leicht ablenkbar sei, dass er manchmal "ADHS-Verhaltensweisen" zeige, wie Dazwischenrufen und "ohne Erlaubnis vom Stuhl Aufstehen". Sie empfahl den Eltern eine Untersuchung auf ADHS und gab ihnen ein Blatt mit der Überschrift "Connor-Skala" mit, auf dem sie schon mal angekreuzt hatte, welche besonderen Verhaltensweisen Alec zeige.

Die Connor-Skala ist, wie die offiziellen diagnostischen Kriterien für ADHS, nichts anderes als eine Liste von typischen Verhaltensweisen von Kindern, die in einer Schulklasse die besondere Aufmerksamkeit des Lehrers herausfordern. Die Lehrerin hatte aber an einem ADHS-workshop teilgenommen und dort gelernt, dass die Connor-Skala ein zuverlässiges Diagnoseinstrument sei, um ADHS festzustellen.

Bis zu diesem Punkt hatte Alec nie ein Problem zu Hause gehabt. Er war ein niedlicher kleiner Junge, der mit allen gut zurechtkam, sogar mit seinem älteren Bruder. Der Kinderarzt jedoch warf einen Blick auf die Connor-Skala, stimmte zu, dass Alec ADHS habe und verordnete Ritalin.

Die schulischen und medizinischen Berichte, die die Eltern mitgebracht hatten, zeigten, dass Alec sich innerhalb weniger Tage nach dem Ritalin-Start "verbessert" hatte. Die Lehrerin berichtete, dass der kleine Junge nun "viel leichter in der Klasse zu haben" sei und sein "störendes Verhalten" verschwunden sei. Es schien wie ein Wunder.

Aber innerhalb weniger Monate verschlimmerte sich Alecs Verhalten und zum ersten Mal bekam er deshalb ein kleines Problem zu Hause. Der Kinderarzt erhöhte die Ritalin-Dosis, und Alec "verbesserte" sich wieder für eine Weile. Der Kinderarzt versicherte den Eltern, alles sei nur eine Frage der richtigen Einstellung auf das Medikament.

Dieser Kreislauf wiederholte sich mehrere Male. Mit Dosiserhöhungen und dann mit Veränderungen der Stimulanzbehandlung wurde Alec jeweils vorübergehend zu Hause und in der Schule ruhiger und umgänglicher. Und dann wurde sein Verhalten jeweils schlimmer als je zuvor, und die Dosis wurde wieder erhöht oder verändert.

In meiner ersten Sitzung mit den Erwachsenen der Familie wurde deutlich, dass die dauernden Hochs und Tiefs unter dem Einfluss der Medikamente ihre Hoffnung genährt, den Blick auf die Wirklichkeit der krankmachenden Medikamente aber verdunkelt hatten.

Die Großmutter erinnerte sich, dass Alec innerhalb weniger Wochen nach dem Ritalin-Beginn abends zunehmend unruhiger wurde. Er wurde ängstlich und rebellisch und weigerte sich, zu Bett zu gehen. Sein Kinderarzt -anscheinend unwissend, dass man agitierten Kindern kein Stimulans geben darf- erhöhte tatsächlich Alecs Dosis durch die zusätzliche Gabe einer Nachmittagsdosis. Als Alec weiterhin zunehmend unruhiger wurde, verschrieb er ihm zusätzlich das Beruhigungsmittel Klonopin, um ihn zu beruhigen und schlafen zu lassen.

Als die Eltern einmal vergaßen, die Medikamente auf einen Wochenendausflug mitzunehmen, artete Alecs Verhalten erschreckend aus. Er benahm sich wie ein "Monster", das man mit Gewalt daran hindern musste, sich selbst und seine Familie körperlich zu verletzen.

Alecs Eltern riefen an diesem Wochenende den Notarzt an, aber der Kinderarzt sagte ihnen nichts über mögliche ernsthafte Entzugserscheinungen von Ritalin und Klonopin. Er deutete nicht einmal an, dass Alecs Verschlechterung daher kommen könnte. Stattdessen sagte er nur, Alec dürfe die Medikamenteneinnahme niemals unterbrechen, nicht bis an sein Lebensende. Alec war damals 8 Jahre alt.

Alecs Verhalten wurde durch die Medikamente immer schlimmer. Gegen Ende der dritten Schulklasse überwies ihn der Kinderarzt zu einem Psychiater, der der Familie als landesweit anerkannter Fachmann für die medikamentöse Behandlung von Kindern beschrieben wurde.

Der Psychiater hörte sich die Geschichte an und erklärte: " Bei Ihrem Sohn entwickelt sich eine bipolare Störung!" Die Behandlung des Kinderarztes sei bisher zwar richtig gewesen, aber nun komme eine grundlegende genetische und biologische "Bipolare Störung" an die Oberfläche. Er erklärte weiter, bipolare Krankheit sei ein anderer Ausdruck für manisch-depressive Krankheit und Alec zeige leichte Wechsel zwischen manie-ähnlicher Störbarkeit zur Depression. Er stimmte dem Kinderarzt darin vollkommen zu, dass Alec für den Rest seines Lebens Medikamente nehmen müsse.

Der Psychiater erwähnte mit keinem Wort, dass Ritalin, wie jedes Stimulans, extremen Kontrollverlust bewirken kann, und dass in Kombination mit Klonopin oder irgendeinem anderen Tranquilizer die Wahrscheinlichkeit für eine "Enthemmung" mit sehr bedrohlichem emotionalem Kontrollverlust steigt. Stattdessen verschrieb er zusätzlich Depakote, um die "bipolare Störung" unter Kontrolle zu bekommen.

Alec war inzwischen neuneinhalb Jahre alt und ging in die vierte Klasse. Als er Schulangst entwickelte und zunehmende Ängste und Unruhe zeigte, verschrieb der Psychiater noch Clonidine, ein Anti-Hypertonikum für Erwachsene. Damit war der Junge unter dem Einfluss von vier Psychopharmaka: Adderall, Klonopin, Depakote und Clonidine.

Der Psychiater versäumte zu erwähnen, dass Clonidine bei keiner einzigen psychiatrischen Krankheit zur Behandlung zugelassen ist. Stattdessen erzählte er den Eltern, es werde als "mildes Stabilisierungsmittel" verwendet. In Wirklichkeit ist Clonidine ein gefährliches Medikament zur Behandlung von Hypertonie bei Erwachsenen, das inzwischen zur bevorzugten Behandlung aufsässiger Kinder verwendet wird, weil es sie stark ruhigstellt. Ich habe erlebt, wie Kinder unter Clonidine mitten in der Sitzung einschlafen. Der Psychiater versäumte auch, den Eltern zu sagen, dass Clonidine in Verbindung mit einem Stimulans die Herzfunktion stören und tötliche Arrhythmien verursachen kann. Jedoch warnte er sie zutreffend davor, dass der Blutdruck steigen könne, wenn sie Clonidine plötzlich absetzen.

Als Alecs Verhalten unter den vier Medikamenten immer heftiger und explosiver wurde, bestätigte der Psychiater, dass Alec eine bipolare Störung habe. Während des Schuljahres veränderte er einige der Dosierungen und experimentierte mit verschiedenen Stimulantien. Inzwischen begann Alec zu erzählen, dass er sich umbringen wolle.

Voller Angst und Enttäuschung brachten die Eltern Alec zu einem weltberühmten Psychiater am Nationalen Institut für Seelische Gesundheit (NIMH) in Bethesda, Maryland. Der neue Arzt bestätigte "alles", was die beiden vorherigen Ärzte gemacht hatten. Aber er bot eine neue Version an. Er erklärte, die entstehende bipolare Störung sei tatsächlich eine entstehende schizo-affektive Erkrankung - eine Mischung aus bipolarer Störung und Schizophrenie. Er verschrieb das Antipsychotikum Risperdal, so dass Alecs Register nun ganze 5 psychiatrische Medikamente umfasste, einige davon in Erwachsenendosen. Alec war nun 10 Jahre alt und wog weniger als 32 Kg.

Der Psychiater erklärte nicht, dass Risperdal von der FDA nur für Erwachsene und nur zur Behandlung der Schizophrenie zugelassen ist. Auch ließ er etwas weg, was er den Eltern bei einem Minimum an ethischem oder medizinischem Standard , das man von ihm verlangen kann, hätte sagen müssen und was die Eltern tragischerweise ganz allein entdecken mussten.

Drei Monate nach Risperdal-Beginn fing Alec an, seltsame Bewegungen zu machen, als ob er mit einem riesigen Kaugummi im Mund kämpfte. Seine über sein Verhalten ohnedies frustrierten Eltern versuchten mit Gewalt, seinen Mund zu öffnen, um zu sehen, auf was er da herumkaute. Dann dachten sie, er schneide ihnen, oder schlimmer: einer nur eingebildeten Person, Grimassen. Bald begann er auch mit den Augen zu blinzeln, als sähe er Ausbrüche glitzernden Lichts.

Als die Eltern Alecs Zustand dem NIMH-Experten berichteten, erklärte er, Alec zeige Zeichen von Tourette, eine Erkrankung unklarer Ursache, die eine Mischung aus Tics und Vokalisierungen umfasse. Er sagte ihnen nicht, dass Antipsychotika wie Risperdal üblicherweise andauernde Zuckungen, wie Alec sie zeigte, verursachen.

Der Psychiater entschied, dass Alecs zunehmende Berichte über abendliche "Geister" und "seltsame Schatten" von seiner schizophrenie-ähnlichen Krankheit ausgelöste Halluzinationen sein könnten. Er wollte Alecs Risperdal-Dosierung erhöhen, in der Hoffnung, damit sowohl die Tics als auch die Halluzinationen unter Kontrolle zu bekommen.

Tatsächlich kann Risperdal -wie andere Antipsychotika auch- genau die Tics und unnormalen Bewegungen kurzzeitig unterdrücken, die es selbst verursacht; aber damit verursacht es möglicherweise erst besonders starke Entstellungen und sogar körperliche Behinderungen.

In meiner Praxis habe ich Kinder untersucht, deren Genick durch Risperdal-induzierte Spasmen des Genicks und der Schulter schmerzhaft in seiner Form verdreht war. Ich habe Kinder gesehen, deren Augen sich zeitweise in die Augenhöhlen verdrehten. Ich habe ein Kind untersucht, dessen Atmung durch Zwerchfellkrämpfe gestört war.

Kinder mit solchen medikamenten-verursachten Tics und Krämpfen gehören zu den tragischsten Fällen, die ich in meiner Praxis als Psychiater untersuchen musste. Für ihre Störungen gibt es keine erfolgversprechende Therapie, und nur wenige dieser Kinder mit solch deutlichen Tics und Krämpfen wurden wieder gesund - trotz Monaten und Jahren ohne Medikamente. Wenn die Störungen erst einmal einige Wochen und Monate angedauert haben, werden sie meist irreversibel.


Alecs Großmutter rettet ihn vor dem Psychiater

Als Alec diese seltsamen Symptome zu zeigen begann, bekam seine Großmutter den Verdacht, dass die Medikamente etwas mit seinem schlimmen Zustand zu tun haben könnten. In Büchereien, Buchläden und im Internet machte sie sich über die Medikamente sachkundig. Sie entdeckte eines meiner Bücher: "Ihr Medikament ist vielleicht Ihr Problem - Wie und Warum man mit psychiatrischen Medikamenten aufhören sollte" (1999), Coauthor Dr. David Cohen. Sie erfuhr, dass Alecs Tics und Krämpfe eine Tardive Dyskinesia sind, eine neurologische Erkrankung, die gewöhnlich von Antipsychotika wie Risperdal, Mellaril, Navane, Prolixin, Thorazine und Haldol verursacht wird. Die FDA verlangt, dass alle Antipsychotika (auch Neuroleptika genannt) einen Warnhinweis auf Tardive Dyskinesia anführen müssen, inklusive der neuesten Medikamente wie Zyprexa und Seroquel.

Antipsychotika produzieren in jedem Jahr ihrer Anwendung bei erstaunlichen 5-8 Prozent der Patienten Tardive Dyskinesia; bei vierjähriger Anwendung kumulativ also bei 20-32 Prozent der Patienten. Ohne wissenschaftliche Belege kamen einige Ärzte auf die Idee, Risperdal verursache nicht so stark wie andere Antipsychotika Tardive Dyskinesia. Dies ermöglichte die weitverbreitete Verschreibung bei Kindern. Ich habe viele Risperdal-verursachte Fälle von Tardive Dyskinesia gesehen, und andere Fälle werden in der Literatur dargestellt.

Nachdem die Großmutter mein Buch gelesen hatte, drängte sie Alecs Eltern, mich aufzusuchen. Meine Praxis war damals voll, aber als meine Frau die tragische Familiensituation erfuhr, die Alecs Mutter auf unserem Anrufbeantworter wiederholte, sorgte sie für einen Notfalltermin bei mir. Alec war nun 11 Jahre alt und in der 5. Klasse.

Vom ersten Kontakt mit den Eltern an war klar, dass die psychiatrischen Medikamente Alec zerstörten. Wenn der Prozess anhielte, würde Alec wahrscheinlich als geistig behinderter Erwachsener mit entstellenden und sogar behindernden Tics und Krämpfen im Gesicht und am Körper, die ihn für jedermann als Verrückten erscheinen lassen, enden. Ich erklärte den Eltern, dass Stimulantien Tics verursachen oder zu ihrer Entstehung beitragen können, aber seltener und weniger schwerwiegend als Antipsychotika. Ich bat die Eltern, Alec als Notfall noch diesen Abend zu mir zu bringen.

Als ich Alec das erste Mal sah, zeigte er eindeutige Symptome von Tardiver Dyskinesia. Obwohl ich so etwas oft genug erlebt habe, machte mich das, was ich vorfand, doch sehr traurig. Ich war wieder bestürzt, dass einer meiner Kollegen einem Kind Risperdal verschreiben konnte und dann die zerstörerischen Folgen andauernd übersah. Alecs Kaubewegungen und Gesichtstics waren schon so ausgeprägt, dass ihn seine Mitschüler deshalb hänselten. Wenn seine Tics nicht nachließen oder verschwanden, würden sie seine weitere psychosoziale Entwicklung als Teen ernsthaft gefährden. Weil der Kautic seinen Kiefer beeinträchtigte, waren auch sein Essverhalten und seine Zähne gefährdet. Wenn die Medikamente nicht abgesetzt würden, könnte das Voranschreiten der Störung jeden Körpermuskel erfassen, von den Armen, den Beinen, dem Torso bis zum Sprechen, Schlucken und Atmen.

Weil Alec das Risperdal nur wenige Monate genommen hatte, und weil seine Eltern bereit waren, in engem Kontakt zu mir zu bleiben, plante ich ein rasches einwöchiges Ausschleichen. Innerhalb einer Woche hatten die Eltern bereits das Gefühl, er sei schon wieder "viel mehr unser Alec". Seine Tics und Krämpfe verschlimmerten sich allerdings vorübergehend, wie man es oft in der Entzugsphase beobachten kann, nachdem die Medikamente reduziert oder abgesetzt wurden.


Die Arbeit mit Alec

Alec war ein begabtes, mutiges Kind, das sich kämpferisch mit aller Macht gegen die Verwirrungen seines Lebens und die Gifte in seinem Gehirn zu behaupten versuchte. Ich konnte leicht den reizenden und freundlichen Jungen sehen, der aufgeblüht war, bis die psychiatrischen Medikamente in sein Leben traten.

Ich erklärte Alec, seine Geschichte zeige mir, dass er an keinerlei psychiatrischer Krankheit leide und dass seine Verhaltensstörungen aus einer Kombination von Medikamenten und der Schwierigkeit seiner Eltern, ihn richtig zu behandeln, herrührten. Ich erklärte weiter, dass es eine Menge Mitarbeit seinerseits erfordern werde, sein Verhalten wieder in Ordnung zu bekommen.

Ich erinnerte ihn daran, dass er, bevor er damals Medikamente bekam, keinerlei Probleme hatte, sein Verhalten zu kontrollieren, wie alle anderen Kinder auch. Er reagierte auf meine Erklärungen, wie hart er daran arbeiten müsse, um sein Verhalten wieder unter Kontrolle zu kriegen, mit überraschendem Eifer.

Daraufin fragte er: "Was ist mit ihnen?", und machte eine heftige Bewegung in Richtung seiner Eltern. Ich erklärte, er solle sich gegenüber seinen Eltern etwas respektvoller verhalten. Er könne davon ausgehen, dass ich dies ernst meinte, und zur Überraschung seiner Eltern akzeptierte er es. Ich sagte weiter zu ihm, dass ich ihm immer versuchen würde zu antworten, wenn er in respektvoller Weise fragen würde. In dieser Hinsicht müssten auch seine Eltern und seine Großmutter ihren Teil dazu beitragen. Sie müssten eine konsistentere und vernünftigere Umgangsart mit ihm entwickeln und mehr Zeit mit ihm verbringen.

"Es ist klar, dass deine Eltern und deine Großmutter dich lieben", erklärte ich, "aber ihnen wurde von Ärzten eingeredet, dass du dein Verhalten nicht kontrollieren kannst und dass sie dir dabei auch nicht helfen könnten. Das hat der ganzen Familie sehr geschadet. Wir werden diese Situation rasch ändern können, wenn sich alle darauf einigen, miteinander mit mehr Selbstbeherrschung und Respekt in der Familie umzugehen."

"Wenn Sie das sagen, Doc," sagte Alec, lachte dann über seinen respektlosen Ton und bewies seine Fähigkeit zur Selbstkontrolle, indem er respektvoller hinzufügte: "Dr. Breggin." Ich musste auch lachen. Ich mochte dieses begabte Kind.

Nach dem sofortigen Absetzen des Risperdals als Notfall setzten wir die anderen Medikamente über die nächsten Monate hin langsam ab. Die Eltern waren zutiefst dankbar, dass ihr Sohn wieder zu ihnen zurückfand. Ich arbeitete mit der ganzen Familie, gelegentlich auch mit seinen Lehrern und dem Schuldirektor, damit sie mit seinem manchmal schwierigen Verhalten umgehen konnten.

Wenn ich mit Alec gelegentlich allein war, betonte ich, dass es nicht, wie er befürchtete, der Plan der Erwachsenen sei, sein Verhalten gegen seinen Willen zu ändern. Ich erklärte ihm, wie es in seinem eigenen Selbstinteresse liege, mehr Selbstdisziplin und Verantwortung zu gewinnen. Kinder reagieren auf eine vernünftige Diskussion viel besser, als viele Professionelle zu glauben scheinen. Sie wollen wissen, wie und warum sie ihr Verhalten ändern sollen. Unglücklicherweise hatte keiner der früheren Ärzte einmal mit ihm über seine eigene Fähigkeit, sein Verhalten zu steuern, gesprochen, warum er es so und so machen sollte und wie er es tun könnte.

Alec wuchs im ersten Jahr meiner Betreuung mehrere Zoll und wurde auch kräftiger. Seine Körperhaltung wechselte von einem wütenden Buckelkerl zu einer aufrechten Lafette, und sein Gesichtsausdruck verwandelte sich von düsterem Trotz in die ganze Bandbreite normaler und oftmals angeregtester Gefühle.

Alecs Schulnoten reichten von Hart-am-Abgrund-vorbei bis meistens C, später eine Mischung aus A und B. Er wurde wieder zu dem hellen Kind, das er gewesen war, bevor er psychiatrische Medikamente bekam.

Nachdem Alec mehrere Monate medikamentenfrei war, gehörte er zu den wenigen glücklichen Kindern, deren Tardive Dyskinesia sich vollständig auflöste. Eine sorgfältige Untersuchung zeigte zwar noch unnormale Zungen- und Kieferbewegungen, besonders bei Müdigkeit oder Anstrengung, die aber, wenn sie überhaupt jemand bemerkte, wie schlechte Angewohnheiten wirkten. Wahrscheinlich wurde Alec deshalb so gesund, weil seine Großmutter sofort misstrauisch geworden war, als die Tics auftauchten, und weil wir die Medikamente rechtzeitig stoppen konnten, bevor er sie Monate und Jahre eingeommen hatte.

Nach zwei Jahren beendeten Alec und seine Eltern die regelmäßige Behandlung bei mir, aber ich höre immer noch gelegentlich von Alec. Er ruft gern mal an, um mir Guten Tag zu sagen. Er macht Fortschritte in einer regulären High-School-Klasse, zeigt weder in der Schule noch zu Hause besondere Verhaltensprobleme. Er möchte aufs College gehen. Ich bin sicher: Nachdem er sich nicht mehr für geistig krank hält und sein Hirn giftfrei ist, wird er weiter blühen und gedeihen.

(Aus: Peter R. Breggin, M.D.: The Ritalin Fact Book. What your doctor won´t tell you about ADHD and stimulant drugs. Perseus Publishing 2002, S. 5-15.)

Café Holunder
6.11.2002

 

Ritalinwirkung bei "Gesunden"

Eine immer wieder diskutierte Frage ist die der Wirkung von Methylphenidat (MP) bei gesunden Menschen. Viele Studien hierzu gibt es wirklich nicht. Aus Tierversuchen weiss man schon einiges über hirnschädigende Einflüsse, aber beim Menschen hat man hier meist nur Vermutungen oder Befürchtungen. WANG u.a. haben aber 1996 einer Gruppe gesunder erwachsener Freiwilliger übliche Medikamentendosen von MP verabreicht und dann PET-Scans ihrer Hirne gemacht. Genau wie Kokain verringerte Ritalin die Hirndurchblutung um 23-30 Prozent, und zwar in allen Hirnregionen, auch in den Frontallappen, in denen die höchsten menschlichen Funktionen lokalisiert sind. Das menschliche Hirn wird also als Folge der Ritalingabe schlechter ernährt und mangelhaft mit Sauerstoff versorgt.

Wenn die Durchblutung des Herzens mangelhaft ist, kann ein ernster Herzfehler entstehen. Welche Wirkung mag die Ritalin-bedingte Mangeldurchblutung und -versorgung des Gehirns auf Dauer haben? Dass in sehr vielen Studien bei ADSlern kleinere Hirne gefunden wurden, könnte hierin eine Erklärung finden, denn diese Versuchspersonen waren durch die Bank mit Psychostimulantien behandelt worden.

Eines scheint aber klar zu sein: Wenn ein Kind unter Ritalineinfluss ruhiger und inaktiver wird, leidet es in Wirklichkeit unter einer mangelhaften Hirndurchblutung und -versorgung, die die gesamte Hirnaktivität beeinträchtigt. Keine schöne Vorstellung!

MfG Dörte
13.11.2002

 

Misshandlung schadet dem Gehirn

Wissenschaftler Gerald Hüther fordert entschlossene Hilfsprogramme

In viel stärkerem Maße als bisher angenommen prägen frühe Erfahrungen ganz unmittelbar das Gehirn. Darauf weist der Göttinger Neurologe Prof. Dr. Gerald Hüther hin.

VON ULRIKE WALDEN

Dass die Seele leidet, wenn Kindern Gewalt angetan wird, ist bekamt. Dass aber psychische und körperliche Verletzungen ("Traumata") die biologische Struktur des Gehirns massiv beeinflussen und seine Reife verhindern können, wird auch von Fachleuten erst zögernd wahrgenommen. Lange, betont Hüther, wurde nämlich davon ausgegangen, dass die Hirnentwicklung in erster Linie genetisch programmiert sei. Als Konsequenz der neuen Forschungsergebnisse fordert der Wissenschaftler höchst eindringlich:

"Es muss mehr getan werden, um zu verhindern, dass Kinder von ihren Eltern misshandelt, vernachlässigt oder missbraucht werden." Nicht nur um das Leid dieser Kinder zu beenden, sondern auch um die immensen Kosten zu vermeiden, "die auf Grund der vielfältigen Störungen der Hirnentwicklung von diesen Opfern direkt (als spatere Straftäter oder Drogenabhängige) oder indirekt (als spätere überforderte Eltern oder Langzeitpatienten) verursacht werden." Der Kölner Kinderschutzbund und andere Helfer setzen deshalb auf Vorbeugungsprogramme, für die Spenden benötigt werden.

Kein anderes Lebewesen, so Hüther, komme mit einem "derart offenen, lernfähigen und durch eigene Erfahrungen in seiner weiteren Entwicklung und strukturellen Ausreifung formbaren Gehirn zur Welt" wie der Mensch. Das bedeutet aber auch: Dieses wichtige Organ ist extrem anfällig.

Das kindliche Gehirn wisse nicht, wie es Nervenzellen und -knotenpunkte zu bilden und miteinander zu verknüpfen habe. Von diesen Bausteinen produziere es daher einen Überschuss. Erhalten blieben aber nur jene Verbindungen, die auch funktionell genutzt würden. Dieser Prozess dauere in den jüngeren Regionen des Gehirns noch lange nach der Geburt an. Wird die Entwicklung an irgendeinem Punkt gestört, beeinträchtigt das die Reifung. Dabei spiele die Umwelt eine Rolle: Und die Art der Erfahrungen — denn die Gefühle, die aufkommen, wenn Neues verarbeitet wird, haben einen Einfluss darauf, welche "Leitungen" im Gehirn gefestigt werden. Angst und Stress —beide Zustände kann ein kleines Kind noch nicht kontrollieren oder durch positive Erfahrungen dämpfen—haben zur Folge, dass das noch nicht "fertige" Gehirn seine "alten" Bereiche in Alarm versetzt. Es kommt zu einer Notfallreaktion (Erstarrung, Hilflosigkeit), die wiederum "Verschaltungen" zerstört, die bereits gebahnt worden waren. Fatal wirkt es sich zum Beispiel aus, wenn plötzlich die Mutter verschwindet. Oder wenn der Mensch, der Sicherheit verkörpert, keinen Halt bietet. Ältere Kinder verlieren das Vertrauen, in der Welt klar zu kommen. Die Konsequenzen für das Gehirn, so Hüther, seien katastrophal. Als Spätfolgen früher Traumatisierung seien inzwischen belegt: verringertes Hirnvolumen, Defizite im Körper- und Schmerzempfinden, Lern-, Gedächtnis-, Bewegungs- und Verhaltensstörungen, außerdem psychiatrische Krankheiten.

(Quelle: Kölner Stadtanzeiger 16.11.2002)

 

Noch ein einfaches Argument,

warum "ADHS" keine medizinische Krankheit sein kann:

Bei der gängigen "ADHS"-Diagnostik soll bekanntlich beachtet werden, dass die Symptome in zwei oder mehr Lebensbereichen des Kindes ausgeprägt auftreten. Es wird nicht verlangt, dass sie in allen Lebensbereichen auftreten. Es wird im Gegenteil ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die betroffenen Kinder in bestimmten Situationen völlig unauffällig sein können (wenn sie etwas besonders interessiert, wenn sie besonders positiv motiviert sind, wenn sie z.B. mit dem Vater und ohne Mutter zusammen sind, wenn der Schulunterricht kreativ gestaltet ist, usw.).

Wie soll dies mit einer körperlich begründbaren Krankheit zusammenpassen?

Bei einer echten körperlichen Krankheit, wie z.B. einer Muskeldystrophie oder einem frühkindlichen Hirnschaden wären wir ja geschockt, wenn das betroffene Kind je nach Situation mal gesund und mal krank wäre, wenn es also nicht in allen Lebensbereichen die typischen Krankheitssymtome hätte. Wir würden mit dem Kind wohl gleich zum Psychiater oder Psychologen laufen (und bezeichnenderweise tun das die Eltern bei "ADHS" ja auch sehr häufig; eigentlich müssten sie doch aber zum Internisten oder Neurologen). Das zeichnet ja körperliche Krankheiten im Unterschied zu psychogenen Störungen aus, dass sie nicht oder kaum umwelt- und vor allem nicht stark beziehungsabhängig sind.

An dieser Stelle wird immer eingewendet, dass "ADHS"-Kinder unter günstigen Umweltgegebenheiten zwar durchaus symptomfrei, aber nicht frei von der Krankheit "ADHS" seien. Aber wer hat diese Behauptung jemals bewiesen? Ohne Symptome kann man "ADHS" ja gar nicht diagnostizieren, es ist ja eine reine Verhaltensdiagnostik. Und zu sagen, ein symptomfreies Kind hätte dennoch "ADHS", ist schon sehr tollkühn. Es ist reiner Aberglaube.

Wenn die Verfasser der ADHS-Diagnosekriterien logisch vorgegangen wären, hätten sie feststellen müssen, dass ein Kind, dass unter günstigen, ihm angepassten Umweltbedingungen symptomfrei ist, kein "ADHS" im Sinne einer medizinischen Krankheit haben kann.

So herum würde ein Schuh daraus,

meint jedenfalls Preiser
19.11.2002

 

Ritter Fips und das Blutbad

Oder: Ein Nachruf
Oder:
Letztmalige Warnung

»Ha«, rief Herr Fips, »was kann es schaden,
ich tu das auch mal: ich geh baden!
Füllt mir die Wanne, seid so gut,
mit frischem, warmem Drachenblut!
Dann bin ich« — (was in aller Mund war!) —
»genau wie Siegfried unverwundbar!«
Ein Trog wurde herbeigeschafft,
den füllte man mit Drachensaft —
denn Drachen gab‘s zu der Epoch
in jeder Menge, noch und noch!
Als nun Herr Fips dem Bad entstieg
(vor Augen schon den großen Sieg!),
da merkte unser Rittersmann:
er hatte noch die Rüstung an...

Schlußfolgerung:
Wer baden geht, egal in was, der tue unbekleidet das.

Heinz Erhardt

Ulli
21.11.2002

 

ZEITZEUGEN (15)

Alexander Mitscherlich

Der Neurologe, Psychoanalytiker, Psychologe und Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Alexander Mitscherlich wäre am 20.9.2002 120 Jahre alt geworden. Er hat die erste Psychosomatische Klinik einer deutschen Universität vor 52 Jahren in Heidelberg gegründet. Sie bildet bis heute ein Zentrum, aber auch ein Spiegelbild für die Entwicklung der noch jungen Psychosomatik in Deutschland. Mit wenigen Mitarbeitern erprobte Mitscherlich zunächst die "Reichweite der Psychoanalyse in der Medizin", bevor ihn seine sozialpsychologischen Forschungen über die Grenzen dieser Medizin hinaus trieben und als Autor der "Unfähigkeit zu trauern" oder der "Vaterlosen Gesellschaft" , auch (mit Fred Mielke (Hg.): "Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses", u. v. a. bekannt machten.

Für das Sigmund-Freud-Institut war das Jahr 1956, der 100. Geburtstag Sigmund Freuds, ein entscheidendes Datum. Damals veranstaltete das Frankfurter Institut für Sozialforschung eine Vortragsreihe. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, dessen Leiter, unterstützten Alexander Mitscherlich nach Kräften bei der Wiedereinführung der Psychoanalyse in Deutschland. Unter Alexander Mitscherlich, der das "SFI" gegründet und bis 1976 geleitet hat, wurde es zu einem weltbekannten Zentrum der Aufklärung und Gesellschaftskritik. Seit 1964 spielt die psychosomatische Medizin am SFI eine wichtige Rolle. Alexander Mitscherlich hat in jener Zeit selbst die Weichen für eine klinische Orientierung der Psychoanalyse am SFI gestellt. 18 wissenschaftliche Mitarbeiter gibt es heute am SFI. Sie arbeiten in der Weiterbildung von Ärzten und Psychologen zu Psychoanalytikern.

Ein Zitat von ihm für unsere Seite:
"Die erfolglose Forschung nach den primären Krankheitsursachen im Hirnorgan dauert jetzt schon mindestens 100 Jahre."
(Alexander Mitscherlich 1966)

Seither sind weitere 36 Jahre erfolglos verstrichen. Aber niemand will es wohl wahrhaben.

Ausgewählte Schriften

 

Gerald Hüther
Und nichts wird fortan so sein wie bisher...
Die Folgen traumatischer Kindheitserfahrungen für die weitere Hirnentwicklung

In diesem Aufsatz in der neuen Ausgabe der Zeitschrift "Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie" 116, 4/2002 arbeitet HÜTHER erneut die Bedeutung psychosozialer Entwicklungsbedingungen für die Strukturierung des kindlichen Gehirns heraus. Er betont dabei zunächst

"Neben dem bereits bei den Säugetieren »erfundenen« Schutz der Nachkommen durch Verlagerung der störanfälligsten Entwicklungsschritte in den Mutterleib, wurden bei den Primaten und insbesondere beim Menschen Sicherheit bietende Bindungen zur entscheidenden Voraussetzung für die Ausbildung lernfähiger, plastischer Gehirne (vgl. Hüther, 2000). Nichts erzeugt so viel unspezifische Erregung im Hirn (und vor allem in den emotionalen Zentren) eines Kleinkindes, wie das plötzliche Verschwinden der Mutter. Offenbar ist der Verlust der bis dahin vorhandenen, Sicherheit bietenden Bezugsperson die bedrohlichste und massivste Störung, die das sich entwickelnde Gehirn treffen kann (vgl. Gunnar, 1998).

Wie in Tierversuchen (»maternal deprivation«) unnötig oft repliziert, gilt das bereits für Ratten und in noch stärkerem Ausmaß und mit noch nachhaltigeren Folgen für die weitere Himentwicklung von Primaten. Das Gehirn dieser bedauernswerten Versuchstiere entwickelt sich unter diesen Bedingungen nur zu einer notgereiften Kümmerversion dessen, was daraus hätte werden können (Übersicht in: Hüther, 1998). Auch alle weiteren Erkenntnisse, die mit Hilfe derartiger »Tiermodelle« bisher zutage gefördert wurden, wären allein durch bloßes Nachdenken ebenso sicher vorhersehbar gewesen, nämlich:

  • Je früher die Trennung erfolgt, desto globaler ist die Retardierung des Gehirns auch noch im erwachsenen Zustand ausgeprägt.
  • Am stärksten wird diejenige Hirnregion betroffen, die sich zum Zeitpunkt des Verlustes der Mutter in einer sog. »growth spurt« Phase befindet, in der also besonders komplexe Wachstums- und Differenzierungsprozesse besonders rasch ablaufen.
  • Immer wird nachfolgend auch die Entwicklung derjenigen Strukturen und Subsysteme beeinträchtigt, die sehr spät reifen und deren Komplexitätsgrad vom jeweils erreichten Komplexitätsgrad der bereits entstandenen, älteren Strukturen und Subsysteme abhängig ist (frontaler Cortex, monoaminerge Systeme).
  • Manches lässt sich nach einer solchen Störung später noch aufheben und kompensieren, anderes nicht.

Die menschliche Entsprechung dieser »maternal deprivation« ist die frühkindliche Traumatisierung." (zit. S. 468). Später führt er aus:

"Viele der aus diesen Überlegungen ableitbaren Spätfolgen früherer Traumatisierung sind inzwischen bereits empirisch belegt:

  • verringertes Himvolumen, erweiterte Ventrikel (vgl. De Bellis et al., 1999),
  • verringerte Dicke des Corpus callosum (vgl. Teicher et al., 1993),
  • verringertes Volumen des Hippocampus (vgl. Stein et al., 1997, Bremner et al., 1997),
  • Defizite der Frontalhirnentwicklungen, besonders im Bereich der rechten Hemisphäre (vgl. Schore, 2001),
  • Defizite auf der Ebene der sensorischen Integrationsfähigkeit, z.B. Körperempfinden (vgl. Young, 1992), Schmerzempfinden (vgl. van der Kolk und Ducey, 1989), Bewegungskoordination (vgl. Streeck-Fischer et al., 2000),
  • vielfältige Verhaltensstörungen (vgl. Putnam, 1993),
  • Defizite auf der Ebene von Lernen und Gedächtnis (vgl. Pollak et al., 1998),
  • Dissoziative Symptome (vgl. Spiegel und Cardena, 1991; Putnam, 1993),
  • Gestörte Affektregulation (vgl. van der Kolk et al., 1996; Schore, 2000),
  • Manifestation unterschiedlicher psychopathologischer Störungsbilder: Somatisierungsstörungen, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Drogenabhängigkeit (vgl. Saxe et al. 1994), selbstverletzendes Verhalten (vgl. van der Kolk et al., 1991), Depressionen, Zwangsstörungen, EssStörungen, Angst-Störungen, ADHS etc. (vgl. Swatt et al., 1990, Post et al., 1994, Cichetti and Toth, 1995, Dammasch, 2002)." (zit. 472).

In der bisherigen "ADHS"-Hirnforschung wurden Aspekte der Neuroplastizität, i.e.S. intrauterine und frühkindliche Traumata bisher überhaupt nicht bedacht und müssen deshalb als durchgehende unkontrollierte Fehlervariable alle bisherigen Untersuchungsergebnisse grundsätzlich in Frage stellen.

Hier der komplette Artikel

Preiser
28.11.2002

 

Ein "gefährliches" Buch

Ich habe in letzter Zeit öfter gelesen, dass Thomas Armstrong in seinem Buch "Das Märchen vom ADHS-Kind" angeblich im Grunde akzeptiere, dass es "ADHS" tatsächlich gibt. Leute, die das behaupten, haben das Buch entweder gar nicht gelesen, oder sie informieren wieder mal bewusst falsch, damit dem Buch seine aufklärende "Gefährlichkeit" genommen werden soll und die Leute es nicht kaufen.

Wie Armstrong wirklich denkt, kann man aber sofort in seinem Vorwort ganz klar sehen:

"In dem bezaubernden Kinderbuch-Klassiker Die Chroniken von Narnia gibt es eine Szene, in der die Konigin von Unterland den Prinzen Rilian und seine Reisegefährten zu verzaubern versucht, indem sie ein grünes Pulver in ein Feuer streut und dann auf einer Art Mandoline ein monotones Lied spielt. Dieser Zauber erschwert es den Gefangenen, zu denken. Der Prinz vergißt, daß er Oberhaupt von Narnia ist, und auch die Erinnerung seiner Freundin Jill an ihr Leben in England verblasst. Alle fangen an, der grünen Hexenschlange zu glauben, daß ihre wahre Heimat das Gefängnis in der Unterwelt ist, in dem sie zur Zeit eingesperrt sind. Glücklicherweise gelingt es einem narnischen Moorwackler namens Trauerpfützler, sich diesem Zauber zu entziehen, und er hilft den anderen, einen klaren Kopf zu bekommen und sich an ihre wahre Identität zu erinnern. So gelingt es schließlich, den Zauber zu brechen.

Diese Szene kommt mir oft in den Sinn, wenn ich über die erstaunliche Ausbreitung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS genannt, nachdenke. Durch massive und aggressive Beeinflussung der Öffentlichkeit und mit Unterstützung der Ärzteschaft ist Millionen von Eltern und Lehrern die Überzeugung angehext worden, daß eine klar identifizierbare psychische Krankheit mit Namen »Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung« tatsächlich existiert und Millionen von Kindern befallen hat. Regale voller wohlmeinender Bücher und Tonbandkassetten versuchen besorgten Eltern zu erklären, wie sie »ihrem ADHS-Kind« helfen können. Wenn ich diese Bücher lese, Experten zuhöre, die Vorträge über diese Thematik halten, und mich mit Studien über ADHS beschäftige, spüre ich, wie ich ebenfalls allmählich vom grünlichen Zauberpulver der Königin eingelullt werde und wie eine leise Stimme in mir flüstert: »Weißt du, Thomas, es gibt tatsächlich Kinder, die unter ADHS leiden!«

Doch dann meldet sich der weise Trauerpfützler in mir und bringt eine tiefere Wahrheit zum Ausdruck, in der all das mitschwingt, was mir in bezug auf Kinder, Wachstum und Lernen am Herzen liegt:
"ADHS gibt es nicht! Diese Kinder leiden nicht unter einer Störung!"

(Zit. Thomas Armstrong: Das Märchen vom ADHS-Kind. 50 sanfte Möglichkeiten, das Verhalten Ihres Kindes zu verbessern – ohne Zwang und ohne Pharmaka, S. 17. Junfermann 2002).

Werner
1.12.2002

 

Durchgriff ist angesagt
(auch mittels Psychopharmaka)

Über "Messies" in STERN-TV vom 3.12.2002

Erinnern Sie sich? Nach der deutschen Wiedervereinigung gab es Ossies und Wessies. Nun aber gibt es Messies!
Sie fragen mit Recht, was das nun wieder sei?

Jeder von uns ist mehr oder weniger schlampig, besonders zu Hause. Manche sind besonders schlampig, sammeln meterhoch allen möglichen Kram, bis sie in ihrer Wohnung kaum noch laufen können und manchmal sogar "amtlich" entrümpelt werden müssen. Da hört der Spaß dann auf und man denkt sofort, diese Menschen brauchen Hilfe, sind irgendwie krank.

Worin ihre Krankheit nun aber genau besteht und ob es überhaupt eine ist (vor allem eine einheitliche, ein Syndrom), weiss man leider nicht. Es könnte (wie immer) eine körperlich und/oder seelisch begründbare Störung sein. Für die Annahme, dass es eine seelische begründbare Störung ist, findet man auch deutliche Hinweise, dafür dass es etwas Körperliches ist, nicht. Was macht der gute Amerikaner in solch einer Lage?
Wir kennen es von "ADHS": er erfindet eine medizinische Krankheit. Er nennt diese teilweise chaotischen Menschen "Messies" (vom englischen mess=chaos). Das ist am einfachsten und kann mit Tabletten behandelt werden. Niemand muss sich dann lange mit den Lebensschicksalen dieser Menschen beschäftigen und in vielen Behandlungsstunden daran arbeiten. Wer soll das machen und bezahlen? Wer hat dazu Lust? Die neue Modediagnose "Messie" lässt keine Fragen offen. Wie beruhigend!

In der STERN-TV-Reportage vom letzten Dienstag konnte man es im Fernsehen genau beobachten: wie unmöglich chaotisch diese Menschen sind, wie faszinierend zugemüllt ihre Wohnungen aussehen und was für liebens- und bedauernswerte Trottel sie doch sind, die niemand ernst nehmen muss. Jemand muss bei ihnen ganz einfach einmal kräftig sauber machen, ausräumen, die Wohnung wechseln, rabiat wegschmeissen, woran ihr Herz hängt. Durchgriff ist angesagt, denn so geht es ja schließlich nicht! Ein "Architekturbüro" hat sich mangels niveauvollerer Aufträge der Aufgabe angenommen, die Wohnung eines Messies rational leer zu rümpeln und gleich ganz umzubauen (zum Preis von mehreren tausend Euro, aber Strafe muss eben sein). War das ein Genuss, zu sehen, wie aus dem Schrotthaufen wieder eine blitzblanke Wohnung wurde!

Was interessirt einen da das traurige und unverdaute Lebensschicksal des Messies, der als Kind misshandelt, seelisch vernachlässigt, zwanghaft ordentlich und autoritär erzogen wurde, dessen Eltern sich alkoholisiert dauernd geprügelt haben, dessen geliebter Opa (der einzige Mensch, der etwas für den Messie übrig hatte) früh verstarb (solche Menschen mit einem Vermüllungsproblem jedenfalls kenne ich)? Der zu seinen Sammelstücken eine persönlich-liebevolle Ersatzbeziehung pflegt und ein vergammeltes T-shirt so umsorgt, wie er es als Kind selbst nie erleben durfte? Wer sich als Kind "weggeworfen" fühlte, wirft ungern etwas weg. So einfach habe ich es gehört von Messies.

Aber wen interessiert das? Es gehört aufgeräumt, basta! Und wenn einer mit "Therapie" kommt, dann bringen wir ihn zu Frau Dipl.-Psych. Cordula Neuhaus nach Esslingen, die ist nämlich spezialisiert auf "Messies". Und dreimal dürfen Sie raten, wie sie die Messies versteht: Es handelt sich beim Messie selbstverständlich um eine Durchblutungsstörung im Gehirn, und da helfen bloß Psychophamaka. Messies sind (wer hätte dies gedacht!) alles "ADSler"! Und diese Durchblutungsstörung scheint die Psychologin mit einem Intelligenztest und einem Konzentrationstest diagnostizieren zu können. So sah man es jedenfalls im Fernsehen, und das Fernsehen lügt ja bekanntlich nie.

Kennen wir das nicht alles von "ADHS"? Mir trieb es jedenfalls die Scham- und Wutröte ins Gesicht. Regt das außer mir eigentlich niemanden auf, wie hier mit Menschen umgegangen wird?

Ich fürchte: Nein!

Ihre Waltraud G.
4.12.2002

 

Eltern, Hand aufs Herz!

Wenn Sie ein "ADS"- oder "ADHS"-diagnostiziertes Kind haben, überlegen Sie doch mal, wie die Diagnostik bei Ihrem Kind genau aussah. Was wurde differentialdiagnostisch bei Ihrem Kind wie (mit welchen Untersuchungsmethoden) wirklich genau berücksichtigt?

Es gibt bekanntlich zahlreiche Störungsbilder, die eine identische oder sehr ähnliche Symptomatik zeigen können wie "ADS" bzw. "ADHS" und die differentialdiagnostisch ausgeschlossen bzw. erkannt werden müssen :

Autistische Störungen - Hospitalismus - Bindungsstörung - Reaktionen auf schwere Belastungen - Anpassungsstörungen - Schlafstörungen - stereotype Bewegungsstörung - Störungen des Sozialverhaltens - auf den familiären Rahmen beschränkte Störung des Sozialverhaltens - Störung des Sozialverhaltens bei fehlenden sozialen Bindungen - Störung des Sozialverhaltens bei vorhandenen sozialen Bindungen - Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem, aufsässigen Verhalten - Angststörungen - Depression - Ticstörungen - Substanzabusus (Alkohol, Drogen, Koffein, Medikamente) - hebephrene Schizophrenie - Manie - emotional instabile Persönlichkeitsstörung - Borderline-Persönlichkeitsstörung - Anorexia nervosa - Leserechtschreibstörung/Legasthenie - Rechenstörung - Zentrale Hörstörung/auditive Wahrnehmungsstörung - Störung der visuellen Wahrnehmung - kombinierte Störung schulischer Fertigkeiten - Hochbegabung - Lernbehinderung - Geistige Behinderung - Frühkindliche Hirnschädigungen - Leichte kognitive Störung vor, während oder nach einer Vielzahl zerebraler und systemischer Infektionen und körperlicher Erkrankungen (einschließlich HIV) - Chorea minor (Sydenham) - Enzephalitis (akut oder subakut, z. B. subakute sklerosierende Panenzephalitis) -Enzephalomyelitis disseminata (Multiple Sklerose ) - Organische Persönlichkeitsstörung nach lokaler Hirnschädigung - Postenzephalitisches Syndrom - Organisches Psychosyndrom nach Schädel-Hirn-Trauma - Sehstörungen - Hörstörungen - Allergien (z. B. Neurodermitis) - Epilepsie (Absencen, komplex-partielle Anfälle) - Hyperthyreose - andere Stoffwechselerkrankungen (Diabetes mellitus, Phenylketonurie, usw.) - Chromosomale Störungen wie z.B. Fragiles X-Syndrom, Klinefelter-Syndrom, usw.) - neurotoxische Substanzen, z. B. Bleiintoxikation Zink-, Eisen-, Magnesium- oder Vitaminmangel - Medikamentöse Nebenwirkungen (z. B. Phenobarbital, Carbamazepin, Fluoxetin, andere antriebssteigernde Antidepressiva) - Ehekonflikt der Eltern - Krankheitsfall in der Familie - Alkoholproblem oder andere psychische Störung eines oder beider Elternteile - Misshandlung - sexueller Missbrauch - Beziehungsprobleme zu Erziehern/Lehrern und/oder Gleichaltrigen
(entlehnt von Ingo Spitczok von Brisinski).

Sie wissen ja, "ADHS" ist angeblich eine Ausschlussdiagnose, und wenn andere Störungen nicht sorgfältig ausgeschlossen werden, wird ganz leicht falsch diagnostiziert. Nicht zuletzt deshalb waren in USA 75% der ADS-Kinder falsch diagnostiziert (Angold et al.). Ich glaube ja nicht nur aus diesem Grund, dass man "ADS" gar nicht diagnostizieren kann, weil es kein einheitliches und klar abgrenzbares Syndrom ist. Die Differentialdiagnose ist einfach unmöglich.

Hand aufs Herz: Wie sieht es bei Ihrem "ADSler" aus?

Brisinski stellt übrigens auch Folgendes klar:
"Weit verbreitet ist die Ansicht, dass es sich bei ADS/ADHS um eine Stoffwechselstörung handelt. Als Beleg für diese Hypothese wird meist angeführt, dass sich in Gruppenvergleichen Unterschiede im Bereich des Dopamin-Stoffwechsels finden lassen oder dass Methylphenidat als in den Dopamin-Stoffwechsel eingreifende Substanz wirkt. Allerdings gibt es trotz umfangreicher Forschung auf diesem Gebiet bis heute kein biologisches bzw. physiologisches Untersuchungsverfahren, mit dem sich, analog etwa zum Diabetes mellitus, im klinischen Alltag beim Patienten ADS/ADHS zweifelsfrei feststellen lässt. Außerdem ist unklar, ob die psychosoziale Symptomatik Folge der Abweichungen im Stoffwechsel ist oder umgekehrt. Spitzer (2000) hat in seiner Publikation "Was Psychiater von Flusskrebsen lernen können" anhand der Ergebnisse tierexperimenteller Studien die enge Wechselwirkung von psychosozialen und chemophysikalischen Faktoren sogar für kurzfristige Ereignisse eindrucksvoll erläutert. U. a. referiert er dort eine Studie, die nachweist, dass ein Kampf zweier männlicher Flusskrebse von etwa 20 Minuten zu einer anhaltenden Veränderung des Serotonin-Stoffwechsels führt: Ein psychosoziales Ereignis von kurzer Dauer führt zu einer dauerhaften biologischen Veränderung einhergehend mit verändertem psychosozialem Verhalten." (Brisinski, a.a.O.).

H.-R. Schmidt
6.12.2002

 

WAS MIR SO AUFFÄLLT...

Wenn man etwas über ADS bei Erwachsenen liest, wundere ich mich immer sehr. Und zwar:

1. Einerseits wird immer betont, dass eine ADS-Diagnose sehr sorgfältig gemacht werden muss und aufwändig sei, weil vieles andere, was genauso aussieht, ausgeschlossen werden müsste.

2. Ausserdem soll ADS bei Erwachsenen einhergehen mit einem frühen Beginn in der Kindheit (ab 6 Jahren).

Bei heutigen Erwachsenen muss also immer rückblickend eine ADS bereits in der Kindheit diagnostiziert werden. Welch ein Kunststück! Und wie wird das gemacht? Wie kann man rückblickend all die anderen Störungen sorgfältig und aufwändig ausschließen, die genau so aussehen wie ADS? Man kann Erwachsene doch nicht mehr rückblickend untersuchen, ob Sie als 6jährige bereits eine damals unerkannte Schilddrüsenfehlfunktion, latente Epilepsie oder Wahrnehmungsstörung hatten, ob sie eine Bleivergiftung hatten oder ihre Familie in Spannung lebte, usw.
Ich glaube, man fragt die Leute einfach, ob sie schon als Kind "zappelig" oder "unkonzentriert" waren, und wenn sie antworten JA, dann war`s das! Passt ja dann sehr schön ins Konstrukt.


Claudia
10.12.2002

 

Hier ein weiterer Beitrag aus der Rubrik Rätsel Differentialdiagnostik, verbunden mit der dringenden Aufforderung an alle ADSler, sich an alte Zeckenbisse zu erinnern:

Aufmerksamkeitsdefizit? Nein, Borreliose!
Die richtige Diagnose wurde fast zufällig gestellt

KÖLN (rs) - Glück im Unglück hatte eine 18-jährige Schülerin. Ihre Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen wiesen eindeutig auf ADHS . Noch dazu war sie als Kind motorisch immer besonders aktiv. Erst die Liquoranalyse ergab die eigentliche Ursache der Symptome: Neuro-Borreliose.
Seit neun Monaten war es besonders schlimm. Die Gymnasiastin konnte sich kaum mehr konzentrieren, brauchte ewig für ihre Hausaufgaben, war ständig abgelenkt und erreichte das Klassenziel nicht. Jetzt wurde ein Psychiater zu Rate gezogen. Weder die neurologische noch die psychiatrische Untersuchung ergab irgendwelche Auffälligkeiten. Zwar schweifte die Patientin öfter vom Thema ab und wirkte ein wenig verlangsamt, sie sprach und antwortete jedoch völlig klar und konkret. Die Diagnose "Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung" (ADHS) lag nahe, eine Stimulanzien-Therapie wurde avisiert.

Wichtige Frage:Bestand die Störung schon im Kindesalter?
Aber diese Diagnose darf bei Erwachsenen nur gestellt werden, wenn sich die Symptomatik bereits im frühen Kindesalter nachweisen lässt. Das war der Fall, wie die Eltern bestätigen konnten. Zwar habe ihre Tochter problemlos die Grundschule absolviert, war sozial integriert und emotional stabil, aber die motorische Unruhe bestand von klein an. Auch habe sie sich nie alleine beschäftigen können, sei nur selten konzentriert bei der Sache gewesen und mit ihrem Redefluss allen auf die Nerven gegangen.
Doch der Psychiater wollte zunächst noch die Meinung eines Neurologen einholen. Die Anamnese wurde erneut durchgekaut, nach Vorbefunden gefragt. Zum Glück! Denn da fiel den Eltern wieder ein, dass ihre Tochter zwei Jahre zuvor ähnliche "Schwächen" gezeigt hatte. Damals hatte man eine Neuroborreliose diagnostiziert und intravenös Antibiotika gegeben. Daraufhin erfolgte die entsprechende Labordiagnostik. Im Liquor ließen sich tatsächlich Borrelien-Antikörper nachweisen.
Nun erfolgte statt der Stimulanzien-Therapie eine antibiotische Behandlung - selbstverständlich intravenös. Die Symptome bildeten sich im Lauf der folgenden drei Monate vollständig zurück. Eine Kontrolle der Borrelientiter erbrachte nur eine leichte Erhöhung der Antikörper.

Quelle: Nervenheilkunde 21 (2002) 160-163.

Ulli
11.12.2002

Hallo,
vielen Dank für dieses kleine Fundstück, Ulli!
Eltern sollten aber nicht nur nach Zeckenbissen forschen, sondern auch tief in den Hals ihrer Kinder gucken. Es gibt auch falsche "ADHS"-Diagnosen bei Kindern, die bloß einen Rachenkatarrh im Zusammenhang mit einer Streptokokken-Infektion (PANDA) hatten. Das kann man hier nachlesen:

Waldrep DA.: Two cases of ADHD following GABHS infection: a PANDAS subgroup?
J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 2002 Nov;41(11):1273-4.


Mir geht es dabei um die "Unmöglichkeiten" der Differentialdiagnostik bei "ADHS". Bei wievielen der gegenwärtig diagnostizierten Kinder werden die grob geschätzt 100 Störungen, die ein ähnliches oder identisches Symptombild machen können, wirklich sorgfältig ausgeschlossen?

Und noch eine mögliche und diesmal weit verbreitete Ursache für "ADHS" wurde gefunden: Schnarchen!
Wer nachts schlecht schläft, ist tags unaufmerksam und hyperaktiv. Leuchtet ein, nicht wahr? Ob Schnarchen genetisch bedingt, vererbt und unheilbar oder nur eine schlechte Angewohnheit ist, müssen weitere Forschungen herausfinden. Aber schon mal eine Möglichkeit zur privaten Diagnostik: Wenn Sie ihren Sohn nachts schnarchen hören, dann spricht dies für "ADHS".

Chervin RD et al.: Inattention, hyperactivity and symptoms of sleep-disordered breathing.
Pediatrics. 2002 Mar;109(3):449-56.

Zeckenbiss, Schnarchen, Rachenkatarrh! Nicht genug damit, auch ein Kropf macht "ADHS"! Aber auch so ein Kropf ist soziokulturell definiert. Sagte doch schon die kropferte Kreszenz aus dem Allgäu zu ihrer kropferten Schwester, als sie beide das erste Mal in einer Großstadt spazieren gehen und entsetzt feststellen, dass niemand sonst einen Kropf hat: "Könna mir froh sein, dass mir alle unsere Gliedmaßen beieinander ham!"

Dtsch Med Wochenschr 2002 Jun 7;127(23):1250-2
Rohrer T, Gassmann K, Pohlenz J, Dorr HG.:
Resistance to thyroid hormone - goiter and attention deficit-hyperactivity disorder as main manifestation.

H.-R. Schmidt
2.1.2003

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