Willkommen im CAFÉ HOLUNDER
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ADS: Gibt´s das wirklich?

ADS-Bücher: Kritisch
betrachtet

Ritalin: Ein folgen-
schwerer Irrtum

Aus der Sicht unserer
Kinder

Das Verschwinden der Mädchen von der
Bildfläche

Gibt es ein Bisschen ADS?

Exklusiv: Die HÜTHER-Studie

Das Anlage-Umwelt-
Problem

Oh wie verführerisch
ist doch das ADS!

Alternativen bei ADS

Fragiles X-Syndrom

Alternative Behandlung
bei ADD

Familie und ADS

Alternative Sichtweisen bei ADS

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 1

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 2

Quellensammlung

Böse Witze


 

 

"Oh wie schön ist Panama....."
Über die Suche der Hirnforscher nach dem Stoff
oder dem Ort im Hirn, der uns glücklich macht


Gerald Hüther, Psychiatrische Klinik der Universität Göttingen

Die Macht, mit der psychoaktive Substanzen (Psychopharmaka und Drogen) unsere Stimmungen und Gefühle verändern können, ist ein faszinierendes Phänomen. Den Hirnforschern ist es in den letzten Jahren gelungen, das Geheimnis dieser Wirkungen zu lüften: Nervenzellen verwenden chemische Signale (Botenstoffe, Transmitter, Hormone) um miteinander zu kommunizieren. Und psychoaktive Substanzen verändern diese normalerweise ablaufenden „Unterredungen“ so, dass das gesamte, im Hirn ablaufende „Gespräch“ von einzelnen Nervenzellverbänden dominiert und in eine bestimmte Richtung gedrängt wird. Das Ergebnis erlebt man als eine charakteristische Veränderung des affektiven Zustandes, also des Gefühls.

Psychostimulanzien wie Kokain führen (durch Stimulation der Freisetzung von Dopamin) zu übersteigertem Antrieb bis hin zu psychotischen Allmachtsgefühlen, Etaktogene wie Ecstasy bewirken (durch Stimulation der Freisetzung von Serotonin) eine Harmonisierung, Öffnung und rauschartige Glückszustände. Ähnlich, aber wesentlich schwächer ist die Wirkung von Fluctin (Prozac), einem Antidepressivum, das inzwischen 37 Millionen Amerikaner allmorgendlich als „Psychokosmetikum“ einnehmen, um ihren offenbar recht frustrierenden Alltag bei einigermaßen guter Stimmung zu überstehen. Bestimmte Botenstoffe, die normalerweise nur bei besonders gravierenden Ereignissen ausgeschüttet werden (Opiate bei Stress, Oxytocin bei der Geburt und beim Stillen) können – von außen zugeführt – z.T. sehr tiefgreifend unser Verhalten und Empfinden verändern (Opium als Droge, Oxytocin als „Bindungs- oder Liebeshormon“).

Das Bekanntwerden all dieser Wirkungen hat wesentlich zur Verbreitung der sonderbaren Vorstellung beigetragen, unsere Gefühle seien letztlich nur das Ergebnis von Veränderungen unserer „Hirnchemie“. Inzwischen ist die anfängliche Euphorie über die Möglichkeiten der chemischen Manipulierbarkeit von Stimmungen und Gefühlen jedoch bereits weitgehend verflogen. Entweder mußte man feststellen, dass die Drogen mit der Zeit immer mehr an Wirkung verloren, weil sich das Gehirn an die „chemischen Zwischenrufer“ anpasst und deren „Gerede“ zunehmend überhört, oder es traten unerwünschte Nebenwirkungen zutage, die den gewünschten Effekt z.T. erheblich störten (hierzu zählt u.a. der sich ausbreitende Libidoverlust bei Prozac-Konsumenten). Mit Chemie, so die bittere Erkenntnis, ist das Gehirn auf Dauer offenbar nicht in ein beständiges Beglückungsorgan zu verwandeln.

Die Blüte der „Hirnchemiker“ begann endgültig zu verblassen, als es in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit Hilfe sogenannter „bildgebender Verfahren“ (Computertomographie) möglich wurde, einem Menschen der musiziert, sich etwas schönes vorstellt, glücklich ist oder Angst hat sozusagen ins Hirn zu schauen. Dabei wurde deutlich, dass bei all diesen Nutzungsarten bestimmte Bereiche des Gehirns besonders aktiv werden: Limbische Regionen wenn Emotionen geweckt werden, die Amygdala (Mandelkern) wenn Angst empfunden wird, der Frontallappen, wenn Handlungen geplant werden etc. Die so erzeugten „Hirnbilder“ mit ihren grellbunten Flecken erweckten nicht nur bei Laien den Eindruck, dass man damit nun endlich auch die Regionen gefunden hätte, die für die Entstehung menschlicher Gefühle wie Lust, Angst, Trauer, Liebe etc. verantwortlich sind.

Doch die Begeisterung über die Entdeckung dieser „Gefühlszentren“ währte ebenfalls nur kurz. All zu schnell wurde deutlich, dass das mit einem bestimmten Gefühl im Gehirn einhergehende „Aktivierungsmuster“ individuell sehr unterschiedlich ausfiel, dass es in hohem Maße durch Vorerfahrungen bestimmt war, und dass es sich durch neue Erfahrungen verändern konnte. Das daraus abgeleitete Konzept der „erfahrungsabhängigen Plastizität neuronaler Verschaltungen“ bildete den Grundstein für eine neue dynamische Betrachtungsweise der Funktion des menschlichen Gehirns: Ein Gefühl wie Freude oder Glück bleibt zwar nach wie vor gebunden an die Freisetzung bestimmter Botenstoffe und die dadurch ausgelöste Aktivierung bestimmter Nervenzellverbindungen und Netzwerke. Aber die komplexen Netzwerke und Verschaltungen, die darüber bestimmen, was wir suchen und wo wir suchen, was uns glücklich macht, werden erst im Lauf unserer Entwicklung in ganz bestimmter und individuell sehr unterschiedlicher Weise angelegt, gefestigt und stabilisiert. Was ein einzelner Menschen also anstrebt, was er zu erreichen sucht, was er als besonderes Glück betrachtet und was in ihm ein Gefühl höchster Freude, eben ein Glücksgefühl auslöst, hängt deshalb ganz entscheidend von den Erfahrungen ab, die dieser Mensch im Lauf seines bisherigen Lebens machen konnte oder aber zu machen gezwungen war. Diese individuellen Erfahrungen bestimmen darüber, ob es jemand als besonderes Glück erlebt, entweder viel oder aber wenig Geld zu besitzen, entweder ein festes oder aber gar kein zu Hause zu haben, entweder jemanden lieben zu dürfen oder von jemanden geliebt zu werden, entweder anderen etwas abgeben zu dürfen oder von anderen etwas geschenkt zu bekommen.

Die wichtigsten Erfahrungen werden bereits während der frühen Kindheit gemacht und als gebahnte Verschaltungsmuster im Gehirn verankert. Sie sind bestimmend für das, was ein Mensch später zu erreichen sucht und was ihn – wenn er das Gewünschte schließlich erreicht hat – so besonders glücklich macht. Was immer das im Einzelfall auch sein mag, in einem Aspekt gleichen sich all unsere Bemühungen: Wir versuchen mit Hilfe unseres Gehirns einen Zustand herbeizuführen, der uns hilft eine irgendwie verloren gegangene innere Balance wiederzufinden, eine irgendwie eingetretene Störung unseres emotionalen Gleichgewichtes zu beseitigen oder auszugleichen. Wir streben also alle danach, einen Zustand innerer Harmonie zwischen den verschiedenen und z.T. sehr unterschiedlichen Aktivitäten der einzelnen regionalen neuronalen Netzwerke und Verarbeitungszentren in unserem Gehirn zu erreichen. Angesichts der vielen, immer wieder auftretenden Störungen dieser inneren Harmonie ist dieses Ziel jedoch nur schwer und bestenfalls für kurze Zeit erreichbar.

Immer wieder müssen wir erleben, wie kurzlebig das Gefühl der Freude und des tiefen Glücks ist, das sich immer dann einstellt, wenn es uns wieder einmal gelungen ist, Einklang mit uns selbst, in uns selbst und mit allen was uns umgibt herzustellen. Allzu schnell wird dieser harmonische Zustand wieder gestört: Durch neue, aufregende Wahrnehmungen, durch von außen geweckte oder von innen entstehende drängende Bedürfnisse und Wünsche, durch nicht erfüllte Erwartungen, durch verletzte Gefühle, durch neue Anforderungen, durch Spannungen und Konflikte mit anderen Menschen. Immer dann, wenn das harmonische Zusammenwirken der vielen regionalen Netzwerke in unserem Gehirn gestört wird, wenn einzelne Bereiche überstark erregt, wenn die dort entstehende Unruhe nicht unter Kontrolle gebracht werden kann und sich in tieferliegende limbische Bereiche auszubreiten beginnt, ist auch das Glücksgefühl rasch zu Ende. Dann macht sich ein Gefühl von Verunsicherung, Angst und Stress breit. Es ist spürbarer Ausdruck der Tatsache, dass wir wieder einmal „aus dem Gleichgewicht“ geraten sind, und dass wir etwas tun müssen, um den Einklang zwischen uns und unserer äußeren Welt, zwischen unserem Denken, Fühlen und Handeln und zwischen dem was wir wollen, und dem was wir können herzustellen. Wir müssen versuchen, das in unserem Gehirn entstandene Durcheinander wieder in geordnete Bahnen zu bringen, die gestörten Verarbeitungsprozesse wieder zu harmonisieren und zu synchronisieren. Gelingt uns das nicht, so macht uns dieses Durcheinander in unserem Gehirn über kurz oder lang krank, entweder psychisch oder körperlich.

Wer irgendwie noch kann, rappelt sich daher immer wieder auf und macht sich auf die Suche nach dem verlorenen Glück. Manche suchen es dort, wo es am leichtesten zu finden ist (und greifen zu Drogen), viele suchen es dort, wo sie es bisher schon immer gefunden haben (und werden von den einmal gefundenen und gebahnten Strategien zur Bewältigung ihrer Ängste immer abhängiger), einige versuchen auch, sich die störende äußere Welt und andere Menschen effektiver vom Leibe zu halten (und werden dabei immer einsamer) und wieder andere versuchen, sich noch besser als bisher an die vorgefundenen Verhältnisse anzupassen (und verlieren sich auf diese Weise zunehmend selbst). Nur wenigen gelingt das Kunststück, sich immer wieder neu auf die immer wieder neuen Herausforderungen einer sich ständig wandelnden Welt einzulassen, diese Welt zu gestalten und sich von dieser Welt gestalten zu lassen. Sie machen den Weg zu ihrem Ziel.

Oh, wie schön ist Panama.............. eine glückliche Reise, aber nur solange man noch unterwegs ist. Am Ziel seiner Wünsche angekommen, hat man leider nichts mehr, worauf man sich freuen kann. Diesem Dilemma, so scheint es, können auch Hirnforscher nicht entgehen.

Literatur zum Weiterlesen:
G. Hüther: Biologie der Angst, Vandenhoeck & Ruprecht, 1997.
G. Hüther: Evolution der Liebe, Vandenhoeck & Ruprecht, 1999.
G. Hüther: Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Vandenhoeck & Ruprecht, 2001.
G. Hüther, K. Gebauer: Kinder brauchen Wurzeln, Walter-Verlag, 2001.
G. Hüther, H. Bonney: Neues vom Zappelphilipp, Walter-Verlag 2002.

Aus: Win-Future

 

Frag´
Dr. van den Haag!

Ab sofort finden Sie hier im Café Holunder eine ADHS-Sprechstunde mit dem international bekannten ADHS-Fachmann Dr. van den Haag. Heute fragt Sübülle (37) aus Sü.:

Hallo,
bei meiner Tochter ist ADS bereits diagnostiziert worden. Bei meinen anderen 7 Kindern steht der Diagnosetermin auch schon fest.
Beim Studium vieler ADHS-Ratgeber ist mir nun endlich klargeworden, warum unsere Ehe so komisch läuft. Ich wär schon fast ausgeflippt, aber nun weiß ich es: bei allen genannten Symptomen schrie ich:" JAAAA so ist mein Mann!"
Leider wird er nie deshalb zu einem Arzt gehen oder geschweige die Diagnose eines Arztes anerkennen.
Wie gehe ich damit um? Wer hat auch 8 ADHS-Kinder? Was kann ich tun, und vor allem: Was kann ich tun? Was also kann ich bloß tun (tun)?
Sübülle aus Sü.

Es antwortet Dr. van den Haag:
Liebe Sübülle, dass du selber auch ADHS hast, liegt auf der Hand. Also ist dein Mann der einzige bei euch, der sich gegen die Diagnose sträubt. Aber mach dir nichts draus, Sübülle, in fast jeder Familie gibt es ein normales Familienmitglied. Bei euch ist es eben leider dein Mann. Es gibt immer noch viel zu wenige Familien, in denen ausnahmslos alle sich zur Diagnose bekennen. Ein Familienmitglied tanzt meist aus der Reihe, ohne zu merken, dass gerade darin seine Störung zum Ausdruck kommt. Statt sich wie die Anderen die Diagnose zu holen, schlägt es sich als Normalo durchs Leben und will absolut nichts wissen von ADHS. Aber es kommt der Tag (oder die Nacht), wo die Diagnose ADHS der Schlüssel zum Erfolg und der Türöffner für brillante Karrieren sein wird. Immer mehr komplette Familien sind dann ADHSler und beziehen die kostengünstige Familien-Jahrespackung Ritalin. ADHS gehört dann einfach zum guten Ton in jeder Familie. Nicht nur das: ADHSler werden zu den Auserwählten gehören, und dein Mann steht dann ganz einsam in seiner Normalo-Ecke. Dann wird er sich schon noch besinnen und endlich auch zum ADS-Arzt gehen.
Unkonzentrierte und impulsive Grüße von
Dr. van den Haag


5.8.2003

 
GEWISSENSFRAGE 13
Wie ist Ihre Meinung?
In ca. 10 Jahren ist "ADHS" abgeschafft
Ja, ganz sicher 51 43,97 %
Vielleicht 1 0,86 %
Eher nicht 3 2,59 %
Auf gar keinen Fall 61 52,59 %
Gesamtbeteiligung: 116

Diese Gewissensfrage zeigt wieder sehr deutlich die unversöhnliche Polarisierung der Meinungen zu ADHS. Mittlere bzw. etwas unsichere Positionen werden fast gar nicht eingenommen. Es ist alles schwarz-weiss.

Café Holunder 8/2003

 

ADS-Hilfen für "unruhige" Kinder

Die Diplompsychologin Helga Rühling aus der Erziehungsberatungsstelle Bethel legt ein Buch vor, in dem sie auf einfach zu lesende Weise kritisch und aus jahrelanger klinischer Erfahrung schöpfend Eltern unruhiger Kinder anspricht. Es gelingt ihr, das wirklich Wichtigste zum Thema ADS für Eltern zusammen zu fassen, und zwar nicht in der sonst in Elternratgebern notorischen Art und Weise, bei der ich immer den Eindruck gewinne, einer schreibe vom anderen ab. Rühling vertritt den erzieherischen, umwelt- und familienbezogenen Ansatz und hebt sich auch in dieser Richtung sehr wohltuend von vielen anderen pseudowissenschaftlich-biologistischen Ratgebern ab, die Eltern viel dummes Zeug einreden wollen (ADS sei eine Krankheit, sei genetisch bedingt, vererbbar, unheilbar, nur Ritalin sei die angemessene Therapie, etc). An all dem setzt die Autorin Zweifel an, ohne sich aber allzu sehr in eine Kampfposition, die Eltern nichts nützen würde, zu verlieren. Stattdessen legt sie den Schwerpunkt auf den erzieherischen Alltag mit schwierigen und unruhigen Kindern, bringt viele kurzgefasste Beispiele und dazu passende erzieherische Grundregeln, die allesamt einleuchten und hilfreich sein können. Hier spricht eine sehr erfahrene klinische Praktikerin.
Ich empfehle dieses Buch allen interessierten Eltern als Grundorientierung beim Modethema ADS. Wer nicht immer nur den üblichen schulmedizinischen ADS-Einheitsbrei serviert bekommen möchte, sondern einen erweiterten Horizont bevorzugt, ist hier bestens bedient.

Helga Rühling: ADS - Hilfen für unruhige Kinder. rororo 2003, Euro 9.90

H.-R. Schmidt
7.8.2003

 

Die Krankheitserfinder

Der heutige DER SPIEGEL bringt die Dinge mal wieder trefflich auf den Punkt. Systematisch erfinden Pharma-Firmen und Ärzte neue Krankheiten. Wir haben uns hier schon verschiedentlich damit beschäftigt (Angst vor der Krankheit, Pille sucht Patient). Phänomene des normalen Lebens werden mit allen Mitteln der Kunst als krankhaft dargestellt. Die Behandlung von Gesunden sichert das Wachstum der Medizinindustrie, und wir alle zahlen mit, ob wir wollen oder nicht.

Wussten Sie, dass 75 Prozent aller Deutschen einen angeblich zu hohen Cholesterin-Spiegel aufweisen, weil Ärzte bei einer Konsenskonferenz den empirisch gemessenen wirklichen Durchschnittwert von 260mg pro Deziliter Blut willkürlich auf 200mg absenkten? Und auch ADHS samt "oppositionellem Verhalten" ist eine dieser erfundenen Krankheiten, an der Novartis und angeschlossene Ärzte gutes Geld verdienen. Auch hier handelt es sich um ein so weitläufig und willkürlich beschriebenes angebliches Störungsbild, dass praktisch alle Eltern unruhiger Kinder sich darin spontan wiederfinden müssen.

Krankheitserfinder verdienen ihr Geld, indem sie gesunden Menschen einreden, sie seien krank. Dabei legen die Psychiater beim Ersinnen neuer Krankheiten zweifellos die größte Fantasie an den Tag. Persönliche und soziale Probleme werden zu medizinischen Problemen umgemünzt (so auch sehr häufig bei ADHS). Im seinerzeitigen amerikanischen Katalog nach dem 2. Weltkrieg gab es ganze 26 seelische Leiden. Im derzeitigen DSM-IV sind es bereits 395, ein Ende nicht abzusehen.

Und auf der anderen Seite der Tiefpunkt der Frauenheilkunde: Die Forscher um Valerie Beral aus Oxford, England, zeigen dieser Tage mit ihrer Studie an über 1 Million Engländerinnen endgültig, dass die vorbeugende Östrogengabe bei Frauen das Krebsrisiko eindeutig erhöht. Viele frühere Studien hatten scheinbar belegt, dass die Östrogenbehandlung segensreich sei. Diese Studien waren aber alle fehlerhaft. Besonders der Ulmer Frauenarzt Christian Lauritzen hat die deutschen Frauenärzte über Jahre hinweg einseitig geprägt. 40 Jahre lang wurden Frauen so mit maßgeblicher Unterstützung der Hormonindustrie im Glauben gehalten, vorbeugende und langfristige Östrogenbehandlung sei segensreich.

Ist es derzeit mit ADS und Ritalin nicht ganz genau so? Werden nicht auch hier die angeblich segensreichen Wirkungen überbetont, die vorhandenen Risiken (besonders bei Langzeitbehandlung) nicht sträflich verleugnet? Sind nicht auch hier die zitierten Studien allesamt fehlerhaft? Spielen nicht auch hier Profitinteressen von Pharmaindustrie und Ärzten eine verhängnisvolle Rolle zum Nachteil unserer Kinder?

Eltern müssen (und können!) sich ganz eigene Gedanken machen, wenn ihnen manche ADHS-Schulmediziner und -psychologen ihre ADHS-Weisheiten anbieten.

WalterH
11.8.2003

 

Mafiose Strukturen

habe er bei seinen Recherchen zum Thema ADHS festgestellt, teilte der renommierte Wissenschaftsjournalist Hans-Christoph Koch auf einer Pressekonferenz in Hamburg mit, an der auch Prof. Hüther, Göttingen, teilnahm. Mehrere Mitwirkende am bevorstehenden arte-Themenabend vom 16.9.2003 zum Thema ADHS berichteten dort über ihre Erfahrungen bei der Vorbereitung dieses Themenabends, der bereits einmal verschoben wurde. Noch nie sei er dermaßen unter Druck gesetzt worden wie diesmal, berichtete Koch. "Das sind mafiose Strukturen".

Wer die bisher kurze, aber lebhafte Geschichte unseres Café Holunder verfolgt hat, weiss, dass das leider vollständig zutrifft. Auch wir wurden immer wieder massiv mit Strukturen bekannt, die sich in nichts von autoritär-kriminellen Organisationen wie Mafia oder Scientology unterscheiden. Einseitige Ritalin-Befürworter und -gegner unterscheiden sich eben in ihrer persönlichen Pathologie nur sehr wenig. Extremisten sind sich alle gleich, egal, welches Extrem sie sich aufs Panier geschrieben haben. Dabei haben wir allerdings die interessante Erfahrung gemacht, dass es meist nur vordergründig um Ritalin geht. In Wirklichkeit geht es um die Frage der elterlichen Verantwortung für die Probleme unserer Kinder. Und dabei ist die sogenannte Schuldfrage der Knackpunkt: Sind Eltern (und die Gesellschaft) schuld bzw. verantwortlich für die Verhaltensprobleme ihrer Kinder, oder sind die Kinder nur schicksalhaft ("genetisch") medizinisch krank (und die Eltern/-die Gesellschaft) damit also frei zu sprechen)? Um diese ganz heiße Frage geht es in Wirklichkeit, so polarisierned und damit einseitig sie auch wieder sein mag.

Die "Mafia" beantwortet diese Frage damit, dass die Kinder genetisch krank sind und Medizin schlucken müssen, am besten jahre- oder lebenslang. Scientology verneint das heftig, allerdings unter Verweis auf ihre pseudoreligiöse Heilslehre, der sie psychisch Labile zuführen möchte.

Und was meint die "schweigende Mehrheit" der Eltern, Psychotherapeuten, Mediziner, Heilpädagogen? Die schweigende Mehrheit sieht es so: Noch nie war es so leicht, sich von der Verantwortung für die Probleme unserer Kinder zu verabschieden. Ritalin sei Dank!

Werner
20.8.2003

 

Die Qual der Wahl

Wer Literatur zum Modethema ADHS sucht, tut sich schwer, aus dem unübersichtlichen Angebot wirklich Lesenswertes heraus zu filtern. Die meisten Bücher sind schlecht bis verantwortungslos, weil sie ein nicht ausreichend belegtes medizinisch-biologisches Krankheitsbild ADHS als wissenschaftliche Tatsache verkaufen und verschreckte Eltern mit zweifelhaften Behandlungsmethoden und Erziehungsratschlägen malträtieren. Deshalb hier zu Ihrer Orientierung eine kleine (und sicher nicht vollständige) Liste aus meiner Sicht sehr empfehlenswerter Bücher, die alle über den engen Tellerrand des einseitigen (und falschen) medizinischen Krankheitsmodells ADHS hinausblicken. Die meisten kennen wir hier im Café Holunder bereits. Es sind alles Bücher, die seriöse Alternativen zu Ritalin beschreiben:

Gerald Hüther und Helmut Bonney
Neues vom Zappelphilipp: ADHS-Kinder besser verstehen und behandeln
Walter 2002

H. Amft, M. Gerspach, D. Mattner:
Kinder mit gestörter Aufmerksamkeit
ADS als Herausforderung für Pädagogik und Therapie
Kohlhammer 2002
Judith Reichenberg-Ullmann und Robert Ullmann,
Es geht
auch ohne Ritalin
Michaels 2002

Bovensiepen/Hopf/Molitor (Hrsg.):
Unruhige und unaufmerksame Kinder. Psychoanalyse des hyperkinetischen Syndroms.

Brandes&Apsel 2002

Thomas Armstrong:
Das Märchen vom ADHS-Kind

Junfermann 2002

Richard DeGrandpre
Die Ritalingesellschaft. ADS: Eine Generation wird krankgeschrieben.
Beltz 2002
L.H. Diller:
ADS & Co. Braucht mein Kind Medikamente?
Walter 2003

Helga Rühling
ADS - Hilfen für unruhige Kinder.
rororo 2003

Peter R. Breggin
The Ritalin Fact Book: What your doctor won´t tell you about ADHD and stimulant drugs
Perseus 2002
H. Köhler
War Michel aus Lönneberga aufmerksamkeitsgestört?
Freies Geistesleben 2002
Brand/Breitenbach/Maisel
Integrationsstörungen
edition bentheim 1997
R. Voß (Hrsg.)
Pillen für den Störenfried? Absage an eine medikamentöse Behandlung abweichender Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen.
Hoheneck 1983
R. Voß/R. Wirtz
Keine Pillen für den Zappelphilipp. Alternativen im Umgang mit unruhigen Kindern
rororo 2000
Nicola Raschendorfer
ADS - Und wenn es das gar nicht gibt? Handlungsalternativen und Strategien für den Alltag
An der Ruhr 2003

MfG, Dörte
28.8.2003

 

Also doch:
Ritalin verlangsamt das Wachstum!

Ob regelmäßige Methylphenidatgaben das Wachstum der Kinder beeinflusst, wird schon lange kontrovers diskutiert. In letzter Zeit hatte sich die Auffassung verbreitet, dass es keinen diesbezüglichen Einfluss gibt. Nun zeigen aber Lisska MC und Rivkees SA vom Department of Pediatrics, Yale University School of Medicine, New Haven, USA in einer vergleichenden und prospektiven Studie, dass es doch einen eindeutigen Zusammenhang zu geben scheint: Tägliches Methylphenidat (Ritalin) verlangsamt das Körperwachstum der Kinder.

Das Wachstum von 84 täglich mit Methylphenidat behandelten Kindern wurde 2 Jahre lang mit demjenigen ihrer unbehandelten Geschwister verglichen. Es zeigte sich ein signifikanter Unterschied in dem Sinne, dass die Medikation das Wachstum verlangsamte, und dies auch im Zusammenhang mit unterschiedlichen Medikamentendosierungen (10-80mg täglich).

Die Autoren, die auf den dramatischen Anstieg der Methylphenidatgabe im letzten Jahrzehnt aufmerksam machen, folgern aus ihrer Studie, dass der wachstumsverzögernde Effekt von Methylphenidat stärker ist als bisher angenommen.

Preiser
30.8.2003

 
 
Wie beurteilen Sie es?
Werden bei der ADHS-Diagnostik psychosoziale Faktoren genügend einbezogen?
Ja 22 24,72 %
da bin ich mir nicht sicher 13 14,61 %
Nein 54 60,67 %
Gesamtbeteiligung: 89  
 

DIE LÜGE VON DEN KRANKEN KINDERN

Unruhige, aggressive Kinder: ADHS scheint die Krankheit unserer Zeit zu sein. Aber Kritiker halten sie für eine Erfindung der Pharmaindustrie

Vor der Geburt wünschte sich Ute Drenk einen wilden Jungen. "Einen kleinen Rabauken", wie sie sagt. Doch Nico übertraf alles an Wildheit, was sie sich hätte vorstellen können. Bei jeder Kleinigkeit rastete ihr fünfjähriger Sohn aus, schrie und tobte. Im Kindergarten war er der Schrecken der anderen: Er nahm ihnen das Spielzeug weg und verhielt sich extrem feindselig. Die Folge: Nico wurde gemieden. "Wenn wir auf den Spielplatz kamen, zogen sich die anderen Eltern mit ihren Kindern von uns zurück", erklärt Ute Drenk die Auswirkungen.

In der Schule störte Aaron ständig und nervte die Lehrer. Ahnliche Erfahrungen machte auch das Ehepaar Müller mit seinem achtjährigen Sohn Aaron. Die Lehrer beschwerten sich bei den Eltern, weil er ständig den Unterricht störte, Auch die Hausaufgaben waren für die Eltern jedes Mal eine große Belastung. Aaron war ständig abgelenkt, bei den kleinsten Problemen geriet er völlig außer sich.

Die Eltern suchten Hilfe bei Beratungsstellen und Ärzten. Die Diagnose: Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS).

ADHS-Kinder leiden unter Wahrnehmungsstörungen, sie können Sinnesreize nicht angemessen verarbeiten. Die Kinder sind leicht ablenkbar, unkonzentriert, impulsiv, haben eine niedrige Frustrationsgrenze und Schwierigkeiten, Regeln und Anweisungen zu befolgen. Sie sind für Eltern, Erzieher und Lehrer eine ständige Herausforderung. "Wir tun alles für das Kind, aber es kommt nichts zurück", klagt eine verzweifelte Mutter, die sich abgelehnt fühlt. Das genaue Krankheitsbild ist schwer zu erfassen, objektive Kriterien gibt es nur wenige. Ab wann ist das Verhalten eines Kindes nicht mehr normal? Wo ist die Grenze zwischen lebhaft und hyperaktiv? Oft bestimmen individuelle Einschätzungen die Diagnose. Im Klartext: Bei einer Grippe lässt sich die Krankheit eindeutig medizinisch nachweisen. Bei ADHS gibt es keine eindeutige Methode, die Krankheit festzustellen. Wann das Verhalten des Kindes noch als normal oder schon als krankhaft gilt, hängt also nicht von klaren medizinischen Fakten ab, sondern von der persönlichen Einschätzung des Arztes.

Millionen-Geschäft der Pharma-Industrie mit ADHS
Auch die Ursachen für ADHS sind noch nicht vollständig erforscht. Wissenschaftler gehen von biologischen und genetischen Gründen aus. Aber auch Umwelt- und soziale Faktoren sollen eine wichtige Rolle spielen. Aber ist ADHS überhaupt eine Krankheit? Für die Pharma-Industrie besteht daran kein Zweifel. Die Angaben, wie viele Kinder betroffen sind, schwanken zwischen 500 000 bis zu zwei Millionen. Man geht davon aus, dass im Schnitt in jeder Schulklasse mindestens ein ADHS-Kind ist. Von dieser Störung sind zu 80 bis 90 Prozent Jungen betroffen.

Und naturlich sieht die Pharma-Lobby nur ein effektives Mittel dagegen: Methylphenidat, das meist unter den Namen Ritalin oder Medikinet gehandelt wird. Geschätzte 150 000 Kinder bekommen hierzulande täglich Ritalin verabreicht, damit ist Deutschland in Europa Spitzenreiter. In anderen europäischen Ländern ist man zurückhaltender, in Italien ist Ritalin gar nicht zugelassen. Kein Wunder, immerhin gehört es zu den Amphetaminen. Es ist ein Stimulanzium, das unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. Trotzdem ist der Verbrauch in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren um das 20fache gestiegen. Eine Entwicklung, die Marion Caspers-Merk, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, misstrauisch macht. Die inflationäre Verschreibungspraxis deutet auf einen laschen Umgang mit dem Medikament.

Sie werden zu Robotern und verlieren ihre Lebensfreude
Ein Kinderarzt verordnete Nico Drenk Ritalin direkt nach dem ersten Gespräch mit den Eltern - ohne ausführliche Diagnose. Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten. "Nico hat gar nicht mehr gelacht, saß nur noch trüb in der Ecke", sagt Ute Drenk. "AlIes, was ich gesagt habe, hat er widerspruchslos gemacht - wie eine Puppe. Ich habe ihn gar nicht mehr wiedererkannt."

"Das Medikament verändert die Arbeitsweise und Struktur des Gehirns. Das Antriebssystem wird ausgeschaltet", erklärt der Neurobiologe Gerald Hüther: "Der Patient wird dadurch wie eine Maschine oder ein Roboter. Er verliert seine Neugier und Impulsivität." Hüther weist warnend darauf hin, dass die Langzeitwirkungen von Ritalin nicht ausreichend getestet sind. Auch Nebenwirkungen wie Übelkeit, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Depressionen und Wachstumsstörungen werden von den Befürwortern heruntergespielt. Außerdem bleiben bei den Kindern Witz, Kreativität und Individualität auf der Strecke. Da wirkt es wie Hohn, dass Mediziner ADHS-Kindern häufig ein hohes Maß an Kreati- vität, Fantasie, Originalität und Sprachwitz attestieren. Doch Kinder sollen funktionieren und sich den Erfordernissen der Erzieher anpassen. Schüler müssen konzentriert sein, ruhig, aufmerksam, rücksichtsvoll und sollen Leistung bringen - Anforderungen der Erwachsenenwelt. Kindgerecht ist das nicht. Statt ausreichend Bewegung haben viele einen vollen Terminplan oder hocken ständig vorm Computer. Viele Eltern haben kaum Zeit für ihre Kinder, denen es oft an emotionaler Zuwendung fehlt.

Die Kinder müssen ein gesellschaftliches Problem ausbaden
Der Schulpsychologe Dieter Krowatschek aus Marburg betreut seit 20 Jahren verhaltensauffällige Kinder - und setzt dabei nicht auf Medikamente. Durch Spiele, Konzentrationstraining, Regel-und Entspannungsübungen will er betroffenen Kindern helfen. Er verteilt viel Lob. ADHS-Kinder haben meistens nur geringes Selbstvertrauen, weil sie ständig kritisiert werden. Krowatscbek nimmt Eltern und Lehrer in die Pflicht. Sie sind gefordert, ihr Verhalten zu hinterfragen.

Die vergangenen Jahre spiegeln für ihn eine gesellschaftliche Entwicklung wider: "Die Anforderungen an die Kinder und ihre Lebensbedingungen haben sich dramatisch verändert." Die Kinder brauchen geregelte Tagesabläufe, eine ausgewogene Ernährung, viel Bewegung und wenig Fernsehen. "90 Prozent unserer Eltern können diese Minimalanforderungen aber nicht erfüllen", sagt Krowatschek. Medikamente sind der bequemere Weg: Ärzte und Psychologen sprechen Eltern damit von der eigenen Verantwortung frei. Bei ADHS prallen laut Gerald Hüther Weltanschauungen aufeinander: "Auf der einen Seite steht die Auffassung, dass Kinder funktionieren sollen, notfalls mit Psychopharmaka. Auf der anderen Seite die Haltung, ein Kind blühen zu lassen und zu schauen, welchen Dünger es braucht, um sich zu entfalten." Familie Drenk hat sich für Letzteres entschieden. Die Eltern haben Ritalin bei Nico abgesetzt und machen eine Familientherapie: mit Nico - und mit Erfolg.

Thomas Kunze in GONG 37/2003

 

Das Drama des unruhigen Kindes

Der arte-Themenabend vom 16.9.2003 war das Beste, was man zum Thema "ADHS" bisher im TV überhaupt sehen konnte. Wir haben heute allen Mitwirkenden und Machern des Abends unsere Anerkennung und unseren Dank übermittelt. Wie Sie vielleicht noch wissen, war dieser Themenabend aufgrund des massiven Widerstands der ADS-Funktionärslobby bereits einmal vom Programm abgesetzt worden.

Der Widerstand wird nach dem Themenabend verstehbar: Hier wurde einmal wirklich unvoreingenommen und kritisch über Konstrukt, Diagnostik und Therapie von "ADHS" berichtet. Die Psychopharmakabehandlung wurde hinterfragt und nur für die wenigen Fälle gut geheißen, in denen sie wirklich unverzichtbar ist. Auf der anderen Seite fanden medikamentenfreie psychotherapeutische Behandlungen und Veränderungen elterlicher Einstellungen breiten Raum. Renommierte Fachleute wie Hüther, Bonney, Voß, von Lüpke und Krowatschek kamen ausführlich zu Wort, und auch Barkley durfte natürlich nicht fehlen, fand sich aber mit seiner antiquierten Biologistik auf ziemlich verlorenem Posten wieder. Die einseitige, pharmafreundliche und am "kranken" Kind herumdokternde ADS-Lobby bekam kräftig ihr Fett weg. Die teilweise militanten Eltern-SHGs und Martin Winklers add-online mussten sich die berechtigte Frage der Pharmaabhängigkeit gefallen lassen. Gerade Winkler, der Hüther, Bonney und auch mich gerne verunglimpft ("...unter aller Kanone") und immer wieder mal so ganz nebenbei in die Scientologen-Ecke schiebt, wundert sich nun im arte-Forum über die Frage nach seiner Pharmaunabhängigkeit. Dabei gilt er im Internet schon als "Pillen-Doktor" für ADHS, was angesichts seines erstaunlich einseitigen Engagements für medikamentöse Behandlungen auch nicht weiter verwunderlich ist.

Der Themenabend ist zwar vorbei, Videoaufzeichnungen werden aber noch lange für die Verbreitung der besseren Wahrheit über "ADHS" sorgen.

In diesem Sinne weiter!
Ihr H.-R. Schmidt
17.9.2002

Lieber Herr Schmidt,  
vielen Dank für den Hinweis auf den ARTE Themenabend
. Ich fand ihn auch super, nur leider fehlten die einzelnen Fazetten. Es wurde nicht über die aufmerksamkeitsgestörten nicht hyperaktiven Kinder gesprochen. Aber ich habe entdeckt, daß die Sendungen noch mal wiederholt werden. Wär echt gut wenn sich´s möglichst viele anschauen.    

19. September 15.15 Uhr bis 16.10 Uhr: Ich schaukle schon auf einem Bein  
20. September 18.05 Uhr bis 19.00 Uhr
: Zappelphilipps Leid  
22. September 14.30 Uhr bis 16.50 Uhr
: Alle drei Sendungen: Zappelphilipps Leid. Ich schaukle schon auf einem Bein. Guck mal, wie ich gucke.  

Gruss
Margit Fey

19.9.2003

 

Kontrolle von Diagnose und Behandlung hyperkinetischer Kinder in Europa

Empfehlung Nr. 1562 der Europäischen Versammlung des Europarates (2002)

Liebe Gäste,
die Parlamentarische Versammlung ist eines der zwei im Statut verankerten Organe des Europarates. Sie steht stellvertretend für die wichtigsten politischen Strömungen der Mitgliedstaaten. Vertreterinnen und Vertreter von 45 nationalen Parlamenten unseres Kontinents unterschiedlicher Struktur arbeiten im Rahmen der Versammlung zusammen. Ihre Beratungen sind in bedeutsamer Weise richtungsweisend für die Arbeit des Ministerkomitees und für die zwischenstaatlichen Arbeitsbereiche des Europarats. Die Versammlung nimmt auch insofern Einfluss auf die Regierungen, indem die Mitglieder die Ideen der Versammlung an ihre nationalen Parlamente weitergeben.

Im letzten Jahr hat diese wichtige Versammlung eine sehr gute Empfehlung zu ADHS verfasst, die wir Ihnen im Folgenden übersetzt wiedergeben. Beim Lesen werden Sie schnell merken, welche Gegenkräfte dadurch mobilisiert wurden. Besonders die in der Empfehlung verlangte Verschärfung der Verordnungsrichtlinien für Psychostimulanzien und die deutliche Kritik an der Pharmaindustrie haben die einschlägigen Lobbyisten aktiviert, so dass der Ministerrat im Frühjahr 2003 eine teilweise recht peinliche Reaktion ablieferte, in der er mangels sachlicher Argumente auf die übliche Scientology-Masche hereinfiel. Warnungen vor Scientology sind sicher immer notwendig, gerade auf dem Gebiet der Psychiatrie und der Medikamentierung. Aber Sachargumente allein deshalb zu ignorieren, weil sie von Scientology missbraucht werden oder missbraucht werden könnten, ist ein wirklich allzu billiger und dummdreister Trick. Er besagt im übertragenen Sinne, dass wir unsere Kinder nicht mehr lieben dürfen, weil es Pädophile gibt. Aber machen Sie sich bitte Ihr eigenes Bild!

Kontrolle von Diagnose und Behandlung hyperkinetischer Kinder in Europa
Empfehlung Nr. 1562 der Europäischen Versammlung des Europarates (2002)

1. Die Parlamentarische Versammlung ist besorgt, weil immer mehr Kinder in bestimmten Mitgliedsstaaten des Europarates die Diagnose "Aufmerksamkeits- Defizit/Hyperaktivitätsstörung" (ADHS), "Hyperkinetische Störung" oder verwandte Begriffe erhalten und mit zentralnervös wirkenden Mitteln wie Amphetaminen oder Methylphenidat behandelt werden, Mittel, die eine Konvention der Vereinten Nationen (UN) im Jahre 1971 als kontrollpflichtige Drogen einstufte (Schedule II), nachdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sie als missbrauchsgefährlich, als substanzielles öffentliches Gesundheitsrisiko und als therapeutisch wenig bis mäßig nützlich beurteilt hatte.

2. Für den Europarat als Menschenrechtsorganisation, der die Rechte der Kinder schützt und nach europaweiten Antworten auf soziale und gesundheitliche Probleme einschließlich des Drogenmissbrauchs sucht, ist dieses Thema von besonderer Bedeutung. Die Parlamentarische Versammlung unterstreicht in Übereinstimmung mit den Rechten des Kindes der Vereinten Nationen, dass immer dann, wenn Kinder betroffen sind, das Interesse des Kindes von vorrangiger Bedeutung sein muss. Kinder haben darüberhinaus das Recht auf bestmögliche gesundheitliche und medikamentöse Behandlung und Schutz vor illegalem Drogenmissbrauch.

3. Obgleich genaue Ursachen unbekannt sind, werden ADHS und hyperkinetische Störungen, definiert mit Beschreibungen anhaltender und schwerer Verhaltenprobleme mit Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität und daraus resultierenden Funktionsstörungen, von medizinischen, psychologischen und wissenschaftlichen Organisationen, einschließlich der WHO, weithin anerkannt. Die Versammlung ist dennoch besorgt darüber, dass diese Störungen mit zwei unterschiedlichen Kriterienkatalogen diagnostiziert werden: der eine stammt von der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft und ist weltweit in Anwendung; der andere und strengere stammt von der WHO. Die Versammlung hält es für notwendig, dass die Grundlage dieser unterschiedlichen Standards überprüft wird, um eine Klärung und Vereinheitlichung der Diagnose- und Behandlungskriterien zu erreichen.

4. Es wird allgemein anerkannt, dass diese verhaltensbezogen definierten Störungen die soziale, erzieherische und psychologische Entwicklung mancher Kinder eindeutig beeinträchtigen, ein geringes Selbstwertgefühl und emotionale sowie soziale Probleme mit sich bringen und ihre Entwicklungsmöglichkeiten ernsthaft behindern können. ADHS-Symptome können bis ins Jugend- und Erwachsenenalter reichen, verbunden mit anhaltenden emotionalen und sozialen Problemen wie Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Drogenmissbrauch. Die Belastung der Betroffenen, ihrer Familien und der Gesellschaft kann zwar nicht genau gemessen werden, kann aber beträchtlich sein.

5. Die Kontroverse um ADHS dreht sich nicht nur um die Frage, ob sie zuverlässig als Normalitätsabweichung oder Krankheit betrachtet werden kann, sondern vor allem darum, ob man solche Fälle mit zentralnervös wirkenden Stimulanzien behandeln darf, Mittel, deren symptom-reduzierende, aufmerksamkeitssteigernde und hyperaktivitätsmindernde Wirkung einige psychiatrische Studien zwar belegt haben, deren Langzeitwirkungen aber unklar sind und die keine Heilung bewirken können.

6. Die Parlamentarische Versammlung geht davon aus, dass bei Diagnose und Behandlung dieser Störungen strengere Kontrollen eingeführt werden sollten und betont die Wichtigkeit einer vorsichtigen Handhabung, solange es Zweifel an den Langzeitauswirkungen von Medikamenten gibt, auch im Bewusstsein dessen, dass Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen, wie alle seelischen und verhaltensbezogenen Störungen, einem komplexen Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren entstammen. Auch empfiehlt die Versammlung mehr Forschung zu Fragen angemessener Begleitung und erzieherischer Hilfestellungen für Kinder mit ADHS-Symptomen, zum Zusammenhang zwischen Verhalten und medizinischen Problemen wie Allergien oder toxischen Reaktionen, und zu alternativen Behandlungsformen wie z.B. Diät.

7. Die Parlamentarische Versammlung ist darüber enttäuscht, dass die pharmazeutische Industrie bisher die Werte und Prinzipien des Europarates nicht immer angemessen beherzigt hat; sie wünscht sicher zu stellen, dass die medizinische und wissenschaftliche Gemeinschaft in Zukunft im besten Interesse der Gesamtgesellschaft handelt, und sie fordert den Ministerrat auf, diese Entwicklung zu überwachen.

8. Die Parlamentarische Versammlung fordert den Ministerrat deshalb auf

  • das European Health Committee zu beauftragen, in Zusammenarbeit mit der Pompidou-Gruppe, dem Europäischen Committee for Social Cohesion, dem Steering Committee on Bioethics und dem Steering Committee on Education, sowie in enger Zusammenharbeit mit geeigneten internationalen Organisationen

a. eine Untersuchung der Diagnose und Behandlung von Kindern mit Symptomen einer ADHS in Europa durchzuführen;
b. dasjenige Vorgehen herauszustellen, dass die Rechte und Interessen dieser Kinder am besten berücksichtigt; und
c. eine Empfehlung für die Regierungen der Mitgliedsstaaten zu entwerfen, die Diagnose und Behandlung ihrer Kinder mit ADHS-Symptomen und ähnlichen Störungen unter Berücksichtigung des Prinzips der Vorsicht und der ethischen Standards gemäß den Werten und Prinzipien des Europarates zu überprüfen.

  • die Pompidou-Gruppe in Zusammenarbeit mit geeigneten internationalen Organisationen einzuladen, um die Richtlinien für den Absatz psychotroper Medikamente zu verschärfen;

  • die Regierungen der Mitgliedsstaaten einzuladen,

a. um Diagnose und Behandlung von Kindern mit ADHS-Symptomen und ähnlichen Störungen strenger zu überwachen;
b. um die Forschung zu Prävalenz, Ursachen, Diagnose und Behandlung (besonders im Hinblick auf alternative Behandlungen wie z.B. Diät) dieser Störungen und vor allem zu den Langzeiteffekten der für die Behandlung verordneten Psychostimulanzien und den damit verbundenen möglichen sozialen, erzieherischen und kulturellen Faktoren zu koordinieren und voran zu bringen;
c. um für Eltern hyperaktiver Kinder Informationen darüber zu erstellen, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt;

  • die WHO gemeinsam mit der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft einzuladen, um ihre diagnostischen Kriterien bei hyperkinetischen Störungen und ADHS im Hinblick auf Klärung und Vereinheitlichung von Diagnose und Behandlung zu überarbeiten

(Übersetzung aus dem Englischen: H.-R. Schmidt)
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