Willkommen im CAFÉ HOLUNDER
ARCHIV:

ADS: Gibt´s das wirklich?

ADS-Bücher: Kritisch
betrachtet

Ritalin: Ein folgen-
schwerer Irrtum

Aus der Sicht unserer
Kinder

Das Verschwinden der Mädchen von der
Bildfläche

Gibt es ein Bisschen ADS?

Exklusiv: Die HÜTHER-Studie

Das Anlage-Umwelt-
Problem

Oh wie verführerisch
ist doch das ADS!

Alternativen bei ADS

Fragiles X-Syndrom

Alternative Behandlung
bei ADD

Familie und ADS

Alternative Sichtweisen bei ADS

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 1

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 2

Quellensammlung

Böse Witze


ADS-KRITIK
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Liebe Gäste,
auch dieses Jahr ist Prof. Dr. G. Hüther wieder in Köln mit einem gerade auch für ADHS sehr wichtigen und immer noch unterschätzten Thema. "Nie wieder sind Kinder so lernfähig, wie zwischen dem ersten und sechsten Lebensjahr. Diese Erkenntnis von Neurobiologen und Pädagogen ist heute bei Eltern und Erziehern weit bekannt und fokussiert ihre Aufmerksamkeit auf die ersten Lebensjahre. Denn, wird das Angebot der enormen Vernetzungsmöglichkeiten im Gehirn nicht genutzt, verkümmert es. Die gewachsene Sensibilität für die wichtige Phase der frühkindlichen Entwicklung ist erfreulich, treibt aber andererseits, wenn die Angst vorherrscht, ja nichts falsch zu machen, ja nichts zu versäumen, die seltsamsten Blüten.
Gerade in der frühen Zeit kommt es darauf an, Kinder nicht als bloße Objekte von Pädagogik und Bildung zu sehen, sondern ihnen die nötige Freiheit zu geben, so daß sie sich selbst entfalten und ihre Umgebung kennenlernen können. Ebenfalls thematisiert werden die wichtige, oftmals vernachlässigte Rolle der Religion in diesem Prozeß der frühkindlichen Weltaneignung und sinnvolle erzieherische Hilfestellungen" (zit. aus dem
Programm der Karl-Rahner-Akademie).

Am 4. Dezember 2003, 19 Uhr:
Karl-Rahner-Akademie Köln
Prof. Dr. Gerald Hüther
Professor für Neurobiologie an der Universität Göttingen:
» Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht«

MfG Dörte
7.10.2003

 

 

 
GEWISSENSFRAGE 15
Wie sehen Sie es?
Geben Eltern lieber Ritalin, als ihre psychologischen Familienverhältnisse zu verbessern?
Ja, viele 41 34,75 %
Ja, einige 19 16,10 %
Das ist die absolute Ausnahme 9 7,63 %
Nein, in keinem Fall 49 41,53 %
Gesamtbeteiligung: 118  

Unsere 15. Gewissensfrage endete wieder sehr kontrovers. Immerhin 51 % der Antwortenden bestätigen die Frage vollkommen oder teilweise, während sie die anderen 49 % teilweise oder gänzlich verneinen. Wiedermal ein Indiz für stark kontroverse Diskussion zum Thema "ADHS". Und das ist gut so!

 

Nicola Raschendorfer
ADS: Und wenn es das gar nicht gibt?
Handlungsalternativen und Strategien für den Alltag

Und schon wieder ein ADS-Ratgeber, der erfreulich aus der Reihe tanzt! Die Reihe der Bücher, die ADS nicht aus der schulmedizinisch-genetisch-biologistischen Sicht betrachten, wird immer länger. Und diese Bücher sind wirklich hilfreich.

Die Pädagogin Nicola Raschendorfer befasst sich zunächst kritisch mit all dem, was bei ADS bisher als angeblich bewiesen scheint, von der Stoffwechseltheorie über die fragliche Testdiagnostik bis zu einer ausführlichen Abhandlung des Medikamenteneinsatzes. Das liest sich leicht und hat doch viel Hintergrund. Besonders fundiert wird sie dann im zweiten Buchteil (Handlungsalternativen und Strategien für den Alltag), in dem es wirklich sehr konkret und hilfreich um Verhaltensweisen und erzieherische Grundeinstellungen und -praktiken im Umgang mit unruhigen und unkonzentrierten Kindern geht. Sie betont dabei für das Kürzel ADS, dass A wie Aufmerksamkeit etwas ist, was man nicht einfach hat, sondern herstellen muss; dass D wie Defizite durch Handlungsstrategien ausgeglichen werden können, und dass S wie Störungen keine Krankheit sind, der mit Medikamenten begegnet werden kann. Ihre Strategien und Handlungsalternativen sind sehr lesenswert, obgleich sie in der Praxis bei einigen Eltern wohl professioneller Begleitung und Hilfestellung bedürfen. Auch Lehrer finden in diesem Buch viele wertvolle Anregungen und Wegweisungen im Umgang mit ihren schwierigen Schülern. Überhaupt ist das Buch sehr praxisorientiert und zeigt in leicht und einleuchtend zu lesender Art viele hilfreiche Wege im Umgang mit schwierigen Kindern.
Niemand kann mehr behaupten, es gäbe keine Alternativen zu Ritalin. Es ist nur leider anstrengender und persönlich anspruchsvoller, im Regelfall auf Psychopharmaka zu verzichten und Verhaltensänderungen auf der Seite der Erwachsenen einzuüben. Für den, der dies dennoch aufrichtig versuchen will, empfehle ich dieses Buch.

Nicola Raschendorfer
ADS: Und wenn es das gar nicht gibt?
Handlungsalternativen und Strategien für den Alltag
Verlag an der Ruhr 2003
Euro 9.80

H.-R. Schmidt
9.10.2003

 

Psychotherapie bei "ADHS"

Hier ein kleiner Artikel von mir aus dem Bulletin ALS 98, 3/2003 (Bern, Ch) zur kontrovers diskutierten Frage des Stellenwerts von Psychotherapie. Ich stelle sie ja bekanntlich an erste Stelle, Ritalin kommt immer erst "Unter ferner liefen..."., während der gegenwärtige mainstream leider die Rangfolge immer noch eher umkehrt. Hier finden sich auch einige empirische Belege für die Wirksamkeit von Psychotherapie, ohne zu verheimlichen, dass der gegenwärtige Forschungsstand noch sehr arg zu wünschen übriglässt. Kommt aber Zeit, kommt (mehr) Rat!

In diesem Sinne ist sich ganz sicher, Ihr
Hans-Reinhard Schmidt
25.10.2003

 

 

ZEITZEUGEN (17)
Dracula, der Pfähler
Vampyrismus als Komorbidität von ADHS?

"Er war nicht sehr groß, aber untersetzt und muskulös. Sein Auftreten wirkte kalt und hatte etwas Erschreckendes. Er hatte eine Adlernase, geblähte Nasenflügel, ein rötliches, mageres Gesicht, in dem die sehr langen Wimpern große, weit-offene, grüne Augen umschatteten; schwarze buschige Brauen gaben ihnen einen drohenden Ausdruck. Er trug einen Schnurrbart. Breit ausladende Schläfen ließen seinen Kopf noch wuchtiger erscheinen. Ein Stiernacken verband seinen Kopf, von dem schwarze gekräuselte Locken hingen, mit seinem breitschultrigen Körper."

So beschreibt Nikolaus Modrussa, der im 15. Jahrhundert Legat des Papstes am ungarischen Hof war, den Siebenbürgener Fürsten Vlad Tepes, den rumänischen Iwan den Schrecklichen, Vorbild des Mythos "Graf Dracula". In diesen Tagen des Halloween müssen wir seiner gedenken, nicht zuletzt, weil gerade in diesen Tagen der Vampyrismus als neueste Komorbidität von "ADHS" entschlüsselt wurde. Verkörpert doch gerade Graf Dracula den getriebenen, unsterblich-untoten (Blut-) Jäger á la Hartmann in uns allen. Das ewig Unheimlich-Sehnsüchtige an Sexualität und Tod als schlicht unsterblich-untote, genetische und unheilbare Hirnstoffwechselstörung. Man hat denn auch bei Vampyristen kleinere Hirne, dickeres Blut, verlängerte Eckzähne, heimliches Onanieren, stilles Nägelbeissen und Fledermausohren gefunden. Diese Komorbidität lässt sich diagnostisch aber in erster Linie dadurch objektivieren, dass die Betroffenen keinen Schatten werfen und kein Spiegelbild zeigen. Nur intensivste VT in Verbindung mit höchstdosiertem Ritalin kann helfen, wobei die Betroffenen menschlich-jungfräulichem Frischblut mit simultaner Sonnenlichteinstrahlung sowie flukturiendem Kruzifix-Zeigen ausgesetzt werden müssen (sog. Aversionstherapie; gute Exorzisten nennt Ihnen fast jede ADHS-SHG oder jeder ADHS-Verband). Im ICD 11 und DSM V sind von den machthabenden Psychiatern dieser Welt bereits die neuen Diagnoseziffern F.98.2.3.8.11 ("ADHS mit objektiviertem Vampyrismus") bzw. V 62.90.1.799 ("ADHD as a special Religious or Spiritual Problem") vorgesehen. Entsprechende von der Plasmaindustrie finanzierte Weiterbildungen laufen international bereits an. Fressereferenten und ADHS-Tierärzte (Thema: "Dracula, das Tier im Menschen") verschicken schon entsprechende Standard-Brandbriefe an alle Weltregierungen im Allgäu, denen Cornelia inbrünstig zustimmt. Aber auch vor diversen Quacksalbern, die bereits Hubbard-Kruzifixe, Biofeedback-Blutwurst, Tomatis-Therapie oder Afa-Blutorangen propagieren, muss gewarnt werden. Auch der einschlägig als Blutsauger bekannte HRS führt als Allheilmittel seine neue SAFT (="Siebenbürgener Anti-Dracula- Familien-Therapie") ins Feld.

Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich Fürst Vlad Tepes zwar als schwerst misshandeltes Kind (er musste als Kind in Gefangenschaft u.a. Menschenfleisch, Tierkot und Tierhoden essen und wurde massiv sexuell missbraucht), aber seine späteren sadistischen Racheaktionen (u.a. ließ er 10 000 Türken lebendigen Leibes pfählen, ließ Besuchern ihre Hüte am Kopf festnageln und aß Menschenfleisch) sind nach neuesten Erkenntnissen der ADHS-Forschung nicht durch diese belanglosen Traumata, sondern beruhigenderweise eindeutig genetisch-hirnbiologisch begründet.

"Er kam im Nebel an meinem Fenster herauf, wie ich Ihn schon oft zuvor gesehen; heute jedoch kam Er in Menschengestalt, greifbar, nicht als Gespenst, und Seine Augen glühten wie die eines Menschen, der in höchster Wut ist.... Mit seiner linken Hand hatte er Frau Minas Hände umfaßt und hielt sie mit ausgestrecktem Arm weit von sich; seine Rechte umklammerte ihren Nacken und drückte sie mit dem Gesicht an seine Brust. Ihr weißes Nachthemd war mit Blut bespritzt... Der Mond verdunkelte sich einen Augenblick, als eine Wolke an ihm vorbeizog; und als das Gaslicht unter dem Streichholz... aufflammte, sahen wir nichts mehr als einen dünnen Dampf. Dieser verschwand, ehe wir uns noch zu fassen vermochten, durch den Spalt unter der Tür..."

Eltern sollten auch ein ernstes Warnsignal darin sehen, wenn ihr Kind dem "Halloween-Wahn" (ICD F 39.4.5.6.1099 ) verfällt, also plötzlich Tomatensaft trinkt, der Mutter auf den Hals starrt, gern Bleistifte spitzt, die Hände wäscht, sich zu Weihnachten einen Sarg wünscht, tagsüber eine Sonnenbrille trägt, nach Sonnenaufgang nicht aufstehen und nach Sonnenuntergang nicht ins Bett will, nicht gern in die Kirche geht, HRS gut findet, Tartar und blutige Steaks essen will, seine kleine Schwester zum Fressen gern hat, von Hähnchen am Grillspieß begeistert ist, keinen Hut aufsetzen mag, Knoblauchzehen in die Biotonne wirft, sich maskieren und schminken will, sinnlos Kürbisse aushöhlen, nach Sonnenuntergang draußen herumgeistern und Erwachsenen pathologische Streiche spielen möchte. Es könnte Vampyrismus als Komorbidität von ADHS sein!

Aber es droht Rettung: Ihr ADHS-Facharzt berät Sie auf Krankenschein, für Euro 10.- oder gegen eine Blutspende (bitte achten Sie aber vorher unbedingt darauf, ob er ein Spiegelbild wirft!!!).

"Das Grauen ist der Menschheit bester Teil" (Goethe über "ADHS")

Ulli
31.10.2003

 

"Ich sage Ja - der Arzt sagt Nein!"
Merkwürdige Diagnosekämpfe zwischen Mutter und Arzt

Ein einzigartiges Phänomen, das man meines Wissens nur bei ADHS findet, liegt in der Beobachtung, dass Mütter davon überzeugt sind, ihr Kind habe die Krankheit ADHS, der Arzt oder Psychologe die Diagnose aber nicht bestätigen kann und die Mutter darüber dann äußerst unglücklich ist. Ja, sie ist unglücklich und unzufrieden, dass ihr Kind KEIN ADHS hat! Normalerweise würde man erwarten, dass sie glücklich ist, dass ihr Kind nicht an einer genetisch bedingten Hirnfunktionsstörung leidet. Aber weit gefehlt! Man stelle sich das mal bei irgendeiner anderen ernsten Krankheit, wie z.B. Krebs, vor! Und wenn man manche pseudowissenschaftlichen Bücher über ADHS liest (wie z.B. dasjenige über das "Hochrisiko ADS"), dann ist ja ADHS angeblich eine toternste Krankheit. Wieso also sind manche Mütter so unzufrieden, wenn ihre selbstgefundene ADHS-Diagnose nicht bestätigt wird? In Internetforen liest man viele erstaunliche Beispiele hierfür. Eine Mutter ist z.B. seit 12 Jahren davon überzeugt, ihr Kind habe ADHS. Aber bei Untersuchungen könne sich ihr Kind immer dermaßen geschickt verstellen und so nett sein, dass die Fachleute immer abwinken würden. Andere Mütter beklagen sich darüber, dass die Fachleute standardisierte Tests bei der Diagnostik verwenden (worüber sie doch eigentlich beruhigt sein sollten) und die Schilderungen der Mutter selbst angeblich gering schätzen, also der Mutter irgendwie nicht glauben. Dabei hat die Mutter die Diagnose doch längst selbst gestellt!

Wenn man genauer hinschaut und mit solchen Müttern ausführlich darüber spricht, dann stellt man fest:

  • sie sind bisher durchweg an inkompetente Fachleute geraten, die ihnen nicht geholfen haben
  • sie haben sich aber auch von kompetenten Fachleuten bisher nicht wirklich helfen lassen wollen, weil es psychisch weh hätte tun können
  • sie leiden unter starken Schuldgefühlen wegen persönlicher und familiärer Versäumnisse, fühlen sich aber ausserstande, daraus Folgerungen zu ziehen
  • sie haben bisher nie ernsthaft sich selbst bzw. ihre Familie als Störungsursache für ihr Kind reflektiert
  • sie sind also sozusagen mit ihrem Latein am Ende, weil sie subjektiv keine Erklärung für die Schwierigkeiten mit ihrem Kind haben
  • sie lesen in ADHS-Ratgebern und einschlägigen Internetforen über ADHS und stellen die entsprechende Diagnose für ihr Kind, weil
  • sie im Konstrukt ADHS eine entlastende und monokausale Krankheitsursache für all ihre Probleme erleben und
  • sie Ritalin als Medikament für die Krankheit ADHS als Rettung ersehnen, denn
  • sie wüssten andererseits, wenn ihr Kind NICHT ADHS hätte, keine rationale Erklärung für sein Verhalten (s.o.)

Die ADHS-Diagnose hat also einen psychisch stark entlastenden Effekt, der sogar größer ist als das Leid angesichts einer festgestellten medizinischen Krankheit. Das leugnen diese Mütter auch gar nicht, begründen es aber damit, dass ihre Schuldgefühle vorher eben vollkommen unbegründet oder von unfähigen Fachleuten als falsche Störungsursache nur "eingeredet" waren.

Wenn nun ADHS wirklich eine objektivierbare medizinisch-körperliche Krankheit wäre, könnte da ja auch durchaus etwas dran sein. Ist es aber eben nicht! Und deshalb hat die ADHS-Diagnose in solchen Fällen psychoanalytisch betrachtet eher eine Abwehrfunktion. Und das ist eigentlich sehr schlimm, denn damit wird den Kindern nicht geholfen, sondern über den Verschiebebahnhof ADHS genau deshalb geschadet. Die Diagnose ADHS sozusagen als unterlassene Hilfeleistung.

Preiser
11.11.2003

 

Psychopille zum Pausebrot

Während es in China Zeiten gab, zu denen ein Arzt von seinen gesunden Patienten lebte und für jeden Kranken bezahlen musste, lebt unser Gesundheitssystem von seinen Kranken. Dass dies dazu verführen kann, neue Krankheiten zu erfinden, haben wir hier bereits behandelt. Gegenwärtig sind die angeblichen Wechseljahre des Mannes solch ein Versuch, Hormone an selbigen Mann zu bringen, nachdem die Östrogennachfrage bei Frauen wegen des gesteigerten Krebsrisikos dramatisch gesunken ist.

Der SPIEGEL-Wissenschaftsredakteur Jörg Blech, dessen diesbezüglichen SPIEGEL-Beitrag wir im Café Holunder ebenfalls bereits erwähnt haben, klärt in seinem Buch "Die Krankheitserfinder - Wie wir zu Patienten gemacht werden" ausführlich über Beispiele und Mechanismen des disease-mongering, des Erfindens von Krankheiten aus wirtschaftlichen Gründen, auf, und widmet auch "ADHS" ein lesenswertes Kapitel unter der Überschrift "Psychopille zum Pausebrot".

"Die Pharmaindustrie definiert die Gesundheit des Menschen gegenwärtig neu, so dass die Gesundheit ein Zustand ist, den keiner mehr erreichen kann. Viele normale Prozesse des Lebens - Geburt, Alter, Sexualität, Nicht-Glücklichsein und Tod - sowie normale Verhaltensweisen werden systematisch als krankhaft dargestellt", heisst es im Klappentext des Buches. Und zu "ADHS" schreibt der Autor:

"Die kleinen weißen Tabletten verändern die Kinder. Nina beispielsweise, eine acht Jahre alte Grundschülerin aus Mittelehrenbach in der Fränkischen Schweiz, zappelte früher ständig herum. Sie brauchte drei Stunden für die Hausaufgaben und sagte ihrer Mutter: »Ich habe so viel im Kopf Seit anderthalb Jahren jedoch ist das anders. Nina schluckt seither jeden Tag »Konzentrationspillen«, wie sie in der Familie genannt werden. »Sie kommt in der Schule besser mit und ist gewissenhafter bei der Sache«, erzählt Ninas Mutter, während die Tochter auf der Blockflöte »Hänschenklein« spielt. Lange habe sie gezögert, ihrer Tochter das Medikament zu geben. Doch ohne das Ritalin gehe es nicht: »Nina möchte ja normal funktionieren.«. Auch Felix, ein neun Jahre alter Blondschopf aus dem nahen Forchheim, hat sich - aus Sicht seiner Eltern - zum Guten verändert: Früher war der Sohn »ständig in Bewegung, unruhig und konnte sich nicht konzentrieren«, sagt die Mutter. »Mit dem Kind stimmte irgendetwas nicht.« Das findet sie jetzt nicht mehr...

Wie Nina und Felix bekommen jeden Tag mehr als 50000 Kinder in Deutschland Psychostimulanzien, die sie ruhig und aufmerksam machen sollen. Die Pillen sollen ein Leiden bekämpfen, das sich wie eine Seuche auszubreiten scheint: das »Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom« (ADS), das häufig mit »Hyperaktivität« einhergehen soll (ADHS). Mit der Zahl der Diagnosen steigt auch die Zahl der kleinen Konsumenten. Ritalin und Medikinet, so die Namen zweier konkurrierender ADHS-Medikamente, finden in Deutschland einen Absatz wie nie zuvor. Der Verbrauch des Wirkstoffs Methylphenidat, der unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, hat sich in der jüngsten Vergangenheit sprunghaft erhöht, meldet die zuständige Bundesopiumstelle in Bonn. Das Aufputschmittel wirkt direkt im Gehirn und erhöht die Aufmerksamkeit. Wurden 1993 gerade einmal 34 Kilogramm Methylphenidat verbraucht, waren es 2001 bereits 693 Kilogramm - in nur einem Jahrzehnt eine Steigerung um mehr als das 20fache.

Viel größer noch als die Zahl der Verschreibungen ist die Zahl der Eltern, die fürchten, auch ihr Spross leide unter der unheilvollen Krankheit. Mehr als 60 deutschsprachige Bücher zum Thema ADHS stillen den Informationshunger. Auf Veranstaltungen lauschen Hunderte Zuschauer, wenn Psychologen, Ärzte und Betroffene über die wichtigsten Fragen streiten: Wie erkenne ich, ob mein Kind betroffen ist? Wer hat Schuld, die Erziehung der Eltern oder die Gene? Kann Ritalin helfen? Und ist ADHS überhaupt eine Krankheit - oder nur eine Modeerscheinung? Wie immer, wenn es um Erziehung geht und um Kindeswohl, ist die Debatte leidenschaftlich und durchsetzt mit Beschuldigungen: Wer seinem Kind die Psychopille zum Pausenbrot gibt, der gilt schnell als Rabeneltern; wer sich gegen Ritalin ausspricht, dem wird schnell unterstellt, ein Freund der Scientologen zu sein. Die Sekte verdammt jede Psychodroge als Teufelszeug - um gleichzeitig ihre Gehirnwäsche als Schlüssel zu einem schönen Leben zu propagieren.

Horrorgeschichten über den Missbrauch von Methylphenidat heizen die Stimmung weiter auf: In den USA konsumieren Jugendliche und junge Erwachsene die Kmderpille sogar als Lifestyle-Droge, die den Hunger zügeln und die Müdigkeit vertreiben soll. Die Tabletten werden geschluckt oder zu Pulver zerstampft und dann geschnupft. »Einige Süchtige lösen die Tabletten in Wasser auf und spritzen sich die Mixtur«, sagt das amerikanische Justizministerium. Die Injektionen könnten zu »ernsten Schäden in den Lungen und der Netzhaut des Auges« führen und »schwer wiegende seelische Abhängigkeit verursachen«, warnt die Behörde. Wie in den Vereinigten Staaten, wo schätzungsweise fünf Millionen Schüler Tag für Tag Methylphenidat einnehmen, wird inzwischen auch in Deutschland keine seelische Störung bei Kindern und Jugendlichen häufiger diagnostiziert als ADHS. Schätzungen zufolge sollen zwei bis zehn Prozent aller Kinder betroffen sein demnach säßen in jeder Schulklasse rein rechnerisch bis zu zwei Zappelphilippe, die medizinischer Hilfe bedürfen.

Die ADHS-Hysterie kennt kein Halten mehr. Nicht nur Ärzte suchen nach unentdeckten Fällen, sondern auch Lehrer screenen ihre Klassen. In Hamburger Schulen etwa kursieren Flugblätter (»Hilfe zur Selbsthilfe«), um den Blick des Kollegiums für betroffene Kinder zu schärfen. Auch bei Felix in Forchheim drängte die Klassenlehrerin zur ärztlichen Untersuchung. Wenig später bekam der Junge dann zum ersten Mal das »Giftle«, wie einige Eltern in der fränkischen Stadt das Methylphenidat nennen. Andernorts erinnern Mütter ihre Kinder per Anruf auf dem Handy oder per SMS-Nachricht daran, die Tablette in der zweiten Pause einzunehmen. Manchmal geben sogar die Lehrer den Kindern die Pillen - juristisch heikel, immerhin handelt es sich um ein Betäubungsmittel. Ältere Schüler tragen Pillendosen, die fiepen, sobald die nächste Tablette fällig ist.

Auch eine steigende Anzahl von Erwachsenen gilt neuerdings als befallen von pathologischer Zerstreutheit und krankhafter Unrast. »Hyperaktivität ist keine Kinderkrankheit«, behauptet die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. Im Bundesgebiet litten »bis zu zwei Millionen Erwachsene« unter entsprechenden Symptomen. »Konzentrationsstörungen und ungerichtete Impulsivität machen es ihnen schwer, den Alltag zu bewältigen.« Abhilfe sollen Psychopillen schaffen: Es habe »sich gezeigt, dass Erwachsene, wie auch Kinder, gut auf stimulierende Medikamente ansprechen«. Die Industrie hat die neue Zielgruppe der Alten bereits am Wickel. »ADHS, eine treue Begleiterin ein ganzes Leben lang«, frohlockt der Ritalin-Hersteller, der Weltkonzern Novartis. In Basel ließ er im Mai 2002 geladene Ärzte schulen, wie das Leiden »mit Stimulanzien und/oder Antidepressiva« zu behandeln sei. Aber vor allem kümmert sich Novartis um die Kinder. So hat der Konzern für die Kleinen kürzlich ein Bilderbuch auf den Markt gebracht. Das Pharmamärchen erzählt die Geschichte des Kraken »Hippihopp«, der »fürchterlich ausgeschimpft« wird weil er »überall und nirgends ist« und ihm viele Missgeschicke passieren. Doch zum Glück erkennt Doktorin Schildkröte, was Hippihopp hat: »ein AufmerksamkeitsdefizitsyndrOm!« Mehr noch, sie weiß auch, was ihm fehlt: »eine kleine weiße Tablette.«

Hinter dem grassierenden Medikamenten-Konsum steckt viel mehr als bloßes Zappeln. Pharmafirmen und manche Nervenärzte stricken seit Jahrzehnten daran, fahrige und schlecht konzentrierte Zeitgenossen als kranke und behandlungsbedürftige Menschen darzustellen. Doch nie zuvor wurde der Mythos vom hyperaktiven Kind so leidenschaftlich gepflegt wie heute. Mindestens zwölf verschiedene Substanzen, die gegen das Zappelphilipp-Syndrom verabreicht werden sollen, befinden sich gegenwärtig in der klinischen Entwicklung.

Was jetzt Milliardenumsätze verspricht, hat harmlos angefangen: Der Frankfurter Nervenarzt Heinrich Hoffmann war es, der 1845 ein nervöses Kind im Kinderbuch »Struwwelpeter« beschrieb. Hoffmanns »Zappelphilipp« kann einfach nicht still sitzen: »Er gaukelt / Und schaukelt / Er trappelt / Und zappelt / Auf dem Stuhle hin und her« - bis Philipp mit dem Tischtuch Teller, Besteck und Terrine zu Boden reißt. Ein halbes Jahrhundert später, anno 1902, druckte dann die britische Ärztezeitschrift Lancet den Aufsatz eines Arztes, der Kinder mit »behinderter Willenskraft« und »merklichem Unvermögen, sich zu konzentrieren« beobachtet haben wollte. Doch die eigentliche Karriere des ADHS beginnt erst Jahrzehnte später. Sie geht zurück auf einen Zufallsfund im Labor: Leandro Panizzon, ein bei der Firma Ciba tätiger Chemiker, synthetisierte die Substanz Methylphenidat im Jahre 1944 und probierte sie im Selbstversuch aus, der allerdings kein nennenswertes Ergebnis brachte. Seine Frau Marguerite, genannt Rita, naschte ebenfalls von der Substanz - und registrierte eine durchaus belebende Wirkung. Fortan nahm Rita den Stoff gelegentlich vor dem Tennis-spielen ein, weshalb Chemiker Panizzon die Substanz nach ihr benannte: Ritalin.

Zunächst wurde das Mittelchen nur Erwachsenen gegeben, um Zustände wie gesteigerte Ermüdbarkeit, depressive Verstimmungen und Altersverwirrung zu behandeln - das Krankheitsbild, das Ritalin berühmt und berüchtigt machen sollte, war damals noch nicht erfunden. Erst in den 60er Jahren wurden Befunde bekannt, denen zufolge Methylphenidat und eine verwandte Substanz namens Dexedrine auf Schüler mit Lernschwierigkeiten einen bemerkenswerten Effekt ausübten. Wegweisend waren Versuche des Psychologen Keith Conners und des Psychiaters Leon Eisenberg mit Dexedrine an zwei Schulen in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland, die von schwarzen Kindern der Unterschicht besucht wurden. Als die Substanz an die Schüler ausgegeben wurde, nahm das sonst so nervige Gedränge und Getobe in den Erziehungsanstalten ab. Die behandelten Kinder besserten »Verhalten in der Klasse, Einstellung zur Autorität und Teilnahme an der Gruppe«, berichteten ihre Lehrer - sie hatten einen Weg gefunden, die Zustände an Ghetto-Schulen erträglicher zu gestalten. Dieses und ähnliche Ergebnisse veranlassten das National Institute of Mental Health und einige Pharmafirmen, weitere Studien mit den Kinderpillen durchzuführen. Bald berichteten Zeitungen über die vermeintlichen Wundermittel, und die Zahl der Verschreibungen stieg rasant. Allerdings blieb vollkommen unklar, wogegen man die Pillen eigentlich verschrieb.

Das Dilemma der fehlenden Indikation wurde von amerikanischen Ärzten Ende der 60er Jahre mit einem Trick gelöst, dessen Folgen bis heute nachwirken: Die Medikamente selbst könne man doch benutzen, so die Wissenschaftler, um das Kranksein der Kinder zu diagnostizieren: Wer sein Verhalten ändert, nachdem er die Mittel geschluckt hat, der ist krank. Umgekehrt sind jene Kinder gesund, die nicht auf die Substanz ansprechen. Dieser Winkelzug war es, der der heute gängigen massenhaften Abgabe von Psychodrogen an Kinder den Weg ebnete. Bis dahin wäre es undenkbar gewesen, Kindern Amphetamine und ähnliche Substanzen zu verabreichen, nur weil sie sich in der Schule und zu Hause unbotmäßig verhielten. Nun aber war die Situation eine andere: Es galt ein medizinisches Syndrom zu kurieren. Die Krankheit wurde erst durch die Existenz von Psychopillen ermöglicht; die Diagnose wurde festgelegt durch die Therapie. Damals, im Jahre 1970, erhielten 200 000 bis 300 000 US-Kinder Medikamente, die das Verhalten ändern. Seither ist ihre Zahl - in den USA und in Deutschland - kontinuierlich gestiegen. »Funktionelle Verhaltensstörung« nannten Pharmafirmen das Phänomen, bis die amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde FDA diese unscharfe Bezeichnung untersagte. Prompt wurde das Leiden umbenannt in »minimale zerebrale Dysfunktion«, später geisterte der Begriff »hyperkinetische Störung« durch Kindergärten und Grundschulen. Schließlich erfand der amerikanische Psychiatrieverband anno 1987 das bis heute gängige Kürzel ADHS." (zit. J. Blech: Die Krankheitserfinder, S.Fischer 2003, S. 109 - 116).

Wussten Sie, dass Ritalin nach dem Vornamen einer Frau benannt ist? Wie sympathisch, nicht wahr? Aber wussten Sie auch, dass zuerst zufällig eine irgendwie verhaltenswirksame chemische Substanz entdeckt und erst danach eine dazu passende "Krankheit" erfunden werden musste?
Jörg Blech schreibt weiter:

"Der im fränkischen Forchheim praktizierende Kinderarzt Klaus Skrodzki ist ein vehementer Befürworter. »Wenn die Entwicklung bei einem Kind nach unten geht, müssen wir mit Medikamenten eingreifen«, sagt er. Der agile Mann arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten als niedergelassener und allseits beliebter Kinderarzt. Er hat Nina, Felix und vielen anderen Kindern in und rund um Forchheim Methylphenidat verschrieben. Dass Skrodzki zum deutschen Ritalin-Pionier wurde, hat mit seinem eigenen Sohn zu tun, dem vor 27 Jahren geborenen Florian. »Er fiel bereits im Kindergarten auf. Malen klappte überhaupt nicht, und vieles ging ihm kaputt«, erzählt der Vater. In der Grundschule kam der Arzt-sohn nicht mit. Nach sechs Wochen nahm der Vater ihn aus der Klasse und ließ ihm von einem Kollegen Methylphenidat verschreiben. 20 Jahre ist das her. Die Schulleistungen blieben dennoch bescheiden: Florian verließ die Schule ohne Abschluss, schaffte später aber eine Ausbildung zum Fachwerker im Gartenbau und eine weitere zum Pferdewirt. Heute mistet er Ställe auf einem Gestüt aus und gibt Kindern Reitunterricht. Seine Mutter sagt: »Er kann besser mit Pferden umgehen als mit Menschen. « Seither schwört Vater Skrodzki darauf, allzu zappelige und unaufmerksame Kinder mit Medikamenten zu behandeln. »Mit dem Methylphenidat gibt man dem Kind eine Chance, seine Fähigkeiten nach außen zu zeigen«, sagt er. Auf die Frage, was an Kindern mit ADHS so typisch, so einzigartig sei, antwortet der Arzt: »Die können mich hier in der Praxis zur Weißglut bringen.« Dann fügt er hinzu: »Sie sind aber oftmals viel interessanter als die anderen Kinder.« Auch Patienten unter sechs Jahren verschreibt Skrodzki die Substanz, wenn er es für richtig hält - obwohl selbst die Hersteller davor warnen. Sein jüngster Methylphenidat-Patient war drei Jahre alt. »Ich habe befürchtet, dass die Mutter das Kind erschlägt«, rechtfertigt der Doktor die Verschreibung" (zit. J. Blech: Die Krankheitserfinder, S.Fischer 2003, S. 118 - 119).

Dass sog. "Betroffene" nicht die objektivsten Advokaten für "ADHS" sind, ist verständlich und allzu gut bekannt. Aus dem Umstand, dass die Psychodroge Methylphenidat wirkt, schließen sie nur allzu leicht darauf, dass ihr Kind an einer organischen Krankheit leide. Dass dies falsch ist, sollte mittlerweile jedermann wissen. Methylphenidat wirkt eben z.B. auch bei ganz "gewöhnlichen" psychosozialen Verhaltensstörungen, ein Umstand, der in fast allen einschlägigen ADHS-Forschungsstudien glattweg übersehen wird. Wenn allerdings ein Arzt anscheinend vorwiegend aus seiner eigenen Betroffenheit heraus agiert, muss einen das wirklich sehr nachdenklich stimmen.
Jörg Blech schreibt weiter:

"Methylphenidat hinterlässt Spuren im Gehirn
Zwar scheint Methylphenidat nicht süchtig zu machen, wenn man es als Tablette schluckt. Denn es wirkt viel langsamer als Kokain und erzeugt nicht den typischen »Kick«. Jedoch fällt die Substanz, wie bereits erwähnt, als Amphetamin unter das Betäubungsmittelgesetz: Sie muss nach den gleichen restriktiven Richtlinien verschrieben werden wie etwa Morphium
- mit dreifach ausgestelltem Rezept und der Pflicht, die Verordnungen zehn Jahre lang aufzubewahren. Unter den Nebenwirkungen, mit denen bei Ritalin-Einnahme gerechnet werden müsse, führt die Arzneimittelliste des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (»Rote Liste«) psychomotorische Erregungszustände, Angst, Schlaflosigkeit und Verfolgungsideen an; nach abruptem Absetzen bei Langzeitbehandlung drohten Entzugserscheinungen. Vielen Kindern verdirbt das Mittel zudem den Appetit. Wie schwerwiegend die Nebenwirkungen sein können, das hat die sieben Jahre alte Jasmin aus dem holsteinischen Norderstedt erfahren müssen. »Sie bekam nervöse Zuckungen an dem Händen, biss sich die Lippe blutig und krümmte sich abends mit Bauchschmerzen im Bett«, sagt der Vater. Nach drei Monaten hat er die Tochter von Ritalin erlöst und sucht jetzt verzweifelt nach einer pillenfreien Therapie. Schließlich wird befürchtet, dass die stete Gabe von Methylphenidat das kindliche Wachstum störe: Einer Studie zufolge blieben Dauerkonsumenten in einem Zeitraum von zwei Jahren im Durchschnitt 1,5 Zentimeter kleiner als Vergleichskinder.

Die Furcht vor möglichen Spätfolgen lässt viele Ärzte und Eltern ebenfalls davor zurückschrecken, die Psychodroge zu verabreichen. Die Medikamente verändern die Rahmenbedingungen, in denen sich das kindliche Gehirn entwickelt. Denn eines ist unbestritten: dass das Methylphenidat im Denkorgan dauerhaft Spuren hinterlässt. So beeinflusst die Substanz, welche Gene in den Nervenzellen an- und abgeschaltet werden. Eine Gruppe um den Göttinger Neurowissenschaftler Gerald Hüther fand bei Tierexperimenten Veränderungen in Nagerhirnen. Die Forscher verabreichten jungen Ratten Methylphenidat, ließen sie erwachsen werden und untersuchten deren Gehirne: In einer kleinen Hirnregion war die Zahl der Dopamin-Transporter um die Hälfte verringert. Dies könnte laut Hüther zu einem Mangel an Dopamin führen - und damit langfristig Parkinson auslösen. Verabreiche man Kindern Methylphenidat, warnt der Göttinger Wissenschaftler in einem viel zitierten, umstrittenen Aufsatz, laufe »man Gefahr, die Voraussetzungen für die Entstehung« der gefürchteten Schüttellähmung »zu verbessern«. Bezeichnend für den Streit um Methylphenidat: Ausgerechnet Hüthers Kollege Aribert Rothenberger, der die Rattenhirne gemeinsam mit ihm untersuchte, distanziert sich von der Angst einflößenden Interpretation. Hüthers Warnungen bezögen »ihre Überzeugungskraft« aus einer »Mischung aus Spekulation und Teilwahrheiten«, schrieb der Direktor der Göttinger Kinder- und Jugendpsychiatrie in einem offenen Brief an die nun vollends verunsicherten Eltern" (zit. J. Blech: Die Krankheitserfinder, S.Fischer 2003, S. 127 - 129).

Aber lesen Sie unbedingt selber weiter! Solche kritischen Bücher braucht das Land, findet Ihr
Hans-Reinhard Schmidt
21.11.2003

Jörg Blech: Die Krankheitserfinder. S. Fischer 2003, 256 Seiten, 17,90 Euro.

 

Nichts Neues übers "ADHS - Gehirn"

Eine offenbar unendliche Geschichte: Die angeblich "ADHS"-typischen oder sogar "ADHS"-verursachenden Gehirnbesonderheiten! In einer nur scheinbar neuen Untersuchung wurde wieder einmal etwas gefunden, was man schon länger aus anderen Untersuchungen wusste (s. "ADHS" und Hirnvolumen). Damit man diese und viele, viele andere Studien richtig einordnen kann, hier noch einmal ein Zitat von Hüther und Bonney zum wirklichen Stand des Wissens:

"Die im Gehirn von ADHS-Patienten gefundenen Veränderungen
Weltweit ist inzwischen etwa eine Viertelmillion wissenschaftlicher Beiträge erschienen, in denen all die vielen Abweichungen der Struktur und Funktion des Gehirns von ADHS-Patienten gegenüber gleichaltrigen, »normalen« Kontrollpersonen beschrieben sind. Das Spektrum dieser Veränderungen ist beeindruckend. Es reicht von den am einfachsten feststellbaren Fehlern und Defiziten bei der Lösung bestimmter Testaufgaben über nur noch mit komplizierten Apparaten feststellbare Abweichungen der Arbeitsweise des Gehirns bis hin zu Veränderungen der chemischen Zusammensetzung der Rückenmarksflüssigkeit. Die Mehrzahl dieser Untersuchungen wurde an Schulkindern und Jugendlichen durchgeführt, manche auch erst bei erwachsenen ADHS-Patienten, also zu einem Zeitpunkt, an dem die Verhaltensstörung in der Mehrzahl der Fälle bereits über Jahre hinweg entscheidenen Einfluß darauf genommen hatte, wie diese Patienten ihr Gehirn benutzten. Ob diese so spät festgestellten Veränderungen bereits vorhanden waren, als die Kinder die ersten Symptome von ADHS zeigten, also im Kleinkind- oder Kindergartenalter, ist bisher kaum untersucht worden.

Solange man aber nicht weiß, welche Veränderungen am Beginn einer Störung auftreten und welche erst im weiteren Verlauf entstehen, läuft man ständig Gefahr, die erst später auftretenden und dann meist auch gut meßbaren Folgen für die Ursachen der Störung zu halten. So geht es uns heute, wenn wir all die vielen im Gehirn von ADHS-Patienten gemessenen Veränderungen einzelner neurobiologischer Parameter bewerten sollen, nicht viel anders als den Ärzten vor der Entdeckung der bakteriellen Erreger von Infektionskrankheiten. Feststellen konnten sie bei einem infizierten Menschen vieles, den erhöhten Puls, das Fieber, die veränderte Zusammensetzung des Urins. Hätten sie damals bereits über die heute verfügbaren Techniken verfügt, so wäre die Liste der im Verlauf einer Infektionskrankheit meßbaren Veränderungen ähnlich lang geworden wie die der heute angeblich festgestellten »Anomalien« im Gehirn von ADHS-Patienten. Dennoch handelt es sich ¿ wie man inzwischen weiß ¿ bei all diesen im Verlauf einer Infektionskrankheit objektiv meßbaren Veränderungen einzelner physiologischer und biochemischer Parameter nicht um die Ursachen, sondern um ganz normale Reaktionen des Körpers auf eine primäre Störung. Im Fall der Infektionskrankheit ist diese primäre Störung inzwischen bekannt. Deshalb verschreiben umsichtige Ärzte nicht primär kreislaufstabilisierende und fiebersenkende Mittel, sondern ein Antibiotikum, und das auch nur dann, wenn die Gefahr besteht, daß die eigene Abwehrkraft des Patienten nicht ausreicht, um die Erreger an ihrer weiteren Ausbreitung zu hindern. Im Fall von ADHS kennen wir die primäre Störung nicht. Ob im Gehirn dieser Kinder tatsächlich zu wenig (oder vielleicht auch zu viel) Dopamin freigesetzt wird, läßt sich auch mit Hilfe der neuen bildgebenden Verfahren nicht nachweisen. Und alle Veränderungen einzelner Parameter, die man mit diesen Techniken messen kann, liefern nur sehr indirekte Hinweise auf eine veränderte Aktivität des dopaminergen Systems. Auch alle in den letzten Jahren mit Hilfe molekularbiologischer Techniken unternommenen Anstrengungen, eine charakteristische, nur bei ADHS-Patienten vorkommende Störung oder einen spezifischen Defekt auf der Ebene der genetischen Anlagen festzustellen, sind bisher erfolglos geblieben. So stehen wir heute vor einem Berg von Befunden, die eine Vielzahl von Veränderungen einzelner Parameter im Gehirn von ADHS-Patienten beschreiben. Wir wissen jedoch nicht, welche dieser Veränderungen primär, also von Anfang an vorhanden waren, und welche erst später, als sekundäre Folgen einer solchen primären Störung aufgetreten sind".
(zit. Hüther/Bonney: "Neues vom Zappelphilipp", Walter 2003, S. 56-58)

So sieht es wirklich aus, meint auch Ihr
H.-R. Schmidt
26.11.2003

 

GEWISSENSFRAGE 16:
Wie ist Ihre Meinung?

Die (auch langfristigen) Nebenwirkungen von Methylphenidat (z.B. Ritalin) bei Kindern sind gegenüber den positiven Effekten zu vernachlässigen
Ja 45 40,18 %
da bin ich mir nicht sicher 14 12,50 %
Nein 53 47,32 %
Gesamtbeteiligung: 112
 

Das Gras wächst nicht schneller... (siehe oben)
Prof. Hüther belegte mit dieser Indianerweisheit in seinem gut besuchten Vortrag am 4.12.2003 in Köln, dass es Kindern nicht nützt, sondern schadet, wenn man ihrer natürlichen Entdeckerfreude, Neugier, Ausdauer und Leistungslust mit übertriebenem Leistungsdruck, Hektik, Vertrauensverlust, psychischenm Stress und Reizüberflutung begegnet. Moderne Hirnforschung, Psychologie und Pädagogik untermauern diese Weisheit eindrücklich. Im kürzlich erschienen Buch "Kinder brauchen Spielräume" von K. Gebauer und G. Hüther betonen die Autoren: "Es ist Zeit, in unserer Gesellschaft das zu retten, was sich nicht funktional rechtfertigen lässt. Es ist Zeit, für die Dinge einzutreten, die keine Zwecke haben, für das Spiel, für die Musik, für die Stille, für alle poetischen Fähigkeiten des Menschen. Sie haben keine Lobby und sie bringen keine Profite. Aber sie stärken unsere Seelen."

Lissi B.
6.12.2003

 

Medizinalisierte Kindesmisshandlung

Was man da so alles in ADS-Internetforen über die sogenannten Nebenwirkungen von Ritalin und Konsorten bei Kindern zu lesen kriegt, kann einen wirklich das Grausen lehren! Erschreckend ist, wie viele Eltern entweder ihrem behandelnden Arzt nicht vertrauen oder ihn nicht fragen können oder sich nicht trauen, schlicht: ärztlicherseits völlig unzureichend betreut werden beim Einsatz starker und in ihrer Langzeitwirkung aufs kindliche Gehirn mangelhaft erforschter Psychodrogen bei ihren kleinen Kindern. Was sie so alles hinsichtlich der Medikamentierung im Internet wildfremde Leute, deren Kompetenz sich meist auf das Herumdoktern am eigenen Kind beschränkt, fragen, statt ihren Arzt, ist einfach unglaublich. Erschreckend ist vor allem, wie unkritisch und wie so ganz nebenbei die teilweise an Kindesmisshandlung und mutwillige Körperverletzunmg grenzenden Medikamentenwirkungen hingenommen und von anderen Lesern kommentiert werden. Von einer Medikation abzuraten und ernsthaft nach nichtmedikamentösen Behandlungen zu fragen oder darauf zu dringen, ist offenbar verpönt. Nicht mal Mitgefühl mit dem Kind wird geäußert. Jedenfalls tut es keiner. Da schildert z.B. eine Mutter, dass sie ihrem Sohn morgens Amphetaminsaft gebe und, weil keine Wirkung zu spüren sei, nach 6 Stunden noch einmal die gleiche Dosis. Das Kind muss sich daraufhin übergeben und wird so schwindelig, dass es nicht mehr aufrecht sitzen kann, am Tag darauf Durchfall bekommt und einen Tag nicht zur Schule gehen kann. Vorher hatte das Kind auch schon mit anderen Mitteln (Ritalin und Ritalin SR) offenbar "Probleme" wegen der Nebenwirkungen. In der Diskussion dann keinerlei Rede davon, warum das Kind überhaupt diese Stimulanzien nehmen muss, was das Kind denn wirklich hat (denn "ADS" ist ja vielleicht nur ein Abwiegeln der wirklichen Probleme des Kindes), ob es nicht auch medikamentenfreie Alternativbehandlungen geben könne, und warum die Mutter ihre Probleme offenbar nicht mit dem behandelnden Arzt so bespricht, dass sie sich gut informiert und aufgeklärt fühlt. Kein Wort davon. Stattdessen wird fleissig über Dosierungen, Medikamentenwirkungen und (nicht übertragbare) traurige eigene Erfahrungen berichtet, die dann schonungslos verallgemeinert werden.
Ich finde, das Ganze ist eine medizinalisierte Art von Kindesmisshandlung. Hat schon mal jemand die Behörden auf so einen Fall aufmerksam gemacht?

Gisela T.-P.
11.12.2003

 

Psychopathologie und Drogenmissbrauch bei Eltern von "ADHS-Kindern"
oder: Die Notwendigkeit einer familienbezogenen Intervention bei "ADHS"

Chronis AM u.a. von der Universität Maryland, USA, fanden in einer interessanten Studie, dass Mütter von 3-7jährigen Kindern mit ADHS plus Verhaltensstörungen im Vergleich mit einer Kontrollgruppe bedeutsam häufiger unter Gemüts- und Angststörungen sowie Drogen- und Kokainmissbrauch litten und selbst bereits bei verhaltensgestörten Eltern aufgewachsen waren. Die Väter litten verstärkt unter Alkoholproblemen. Die Autoren betonen denn auch die Notwendigkeit einer therapeutischen Einbeziehung der Psychopathologie der Eltern in das Behandlungskonzept. Nicht allein die Störung des Kindes dürfe im Mittelpunkt stehen, sondern auch diejenige der Eltern.

Dies bestätigt eindringlich unser Plädoyer für eine Familientherapie als Methode der Wahl bei Kindern mit "ADHS". Wie bei allen kindlichen Verhaltensstörungen, so muss auch bei "ADHS" die ausschließlich kindzentrierte (oder am Kind als Symptomträger herumdokternde) Unart der sog. multimodalen und ausschließlich medikamentösen "Therapie" endlich aufgegeben werden zugunsten einer differenzierten, familienbezogenen systemischen Intervention. Kinderärzte sollten deshalb intensiv mit ihren regionalen Erziehungsberatungsstellen zusammenarbeiten, denn hier wird Familientherapie unter Einbeziehung von Arzt, Kindergarten bzw. Schule seit langem mit Erfolg praktiziert.

H.-R. Schmidt
15.12.2003

 

Zappelige Weihnachten
oder: ADHS bei Erwachsenen

Café Holunder wünscht entspannte Weihnachten!
24.12.2003

 

ADS-Siegeszug nicht aufzuhalten!
Es ist einfach nicht mehr zu übersehen: ADS dringt endlich in praktisch alle Lebensbereiche vor! Nicht nur Babies, Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren sind inzwischen von ADS befallen, nein, auch in alle Bereiche unserer Arbeits- und Wirtschaftswelt breitet sie sich segensreich und gewinnbringend (!!!) aus. Sei es die Welt der Schlagermusik, der Altenpflege, der Stadtentwicklung, des Steuerwesens oder der Gebäudereinigung: ADS ist endlich überall! Klicken Sie durch die kleine Auswahl von links unten, und Sie werden staunen, wie ADS allenthalben blüht und gedeiht (womit wir gleichzeitig einer vielsagenden Bitte nachkommen, endlich einmal auch andere ADS-websites hier zu verlinken):
http://www.ads-schlager.de/
http://www.ads-pflege.de/
http://www.ads.de/
http://www.adse.ch/
http://www.ads-stadtentwicklung.de/default_m.html
http://www.textlink-ads.de/
http://www.ads-sportverwaltung.de/
http://www.ads-kapitalanlagen.de/
http://www.bondage-ads.de/
http://www.ads-steuer.de/
http://www.ads.at/
http://www.karo.de/produkte/hersteller/ADS.htm
http://www.ads-gebaeudereinigung.de/

Und nun einen guten Rutsch ins spannende Neue Jahr 2004,
wünscht allen Ihr
Ulli
31.12.2003

 

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