Willkommen im CAFÉ HOLUNDER
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ADS: Gibt´s das wirklich?

ADS-Bücher: Kritisch
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Ritalin: Ein folgen-
schwerer Irrtum

Aus der Sicht unserer
Kinder

Das Verschwinden der Mädchen von der
Bildfläche

Gibt es ein Bisschen ADS?

Exklusiv: Die HÜTHER-Studie

Das Anlage-Umwelt-
Problem

Oh wie verführerisch
ist doch das ADS!

Alternativen bei ADS

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Familie und ADS

Alternative Sichtweisen bei ADS

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 1

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Liebe Gäste,
Café Holunder geht nun fröhlich in sein 4. Lebensjahr, und unser Thema ist interessant wie eh und je: Unsere (unruhigen?) Kinder.

Den Auftakt möchte ich mit der wohltuenden Erfahrung machen, dass sich mangels neuer Erkenntnis Altbekanntes oft wiederfindet: "ADHS" als Schwierigkeit der sogenannten Selbstkontrolle. Es ist erstaunlich, wie wenig wirklich Neues die Forschung über unkonzentrierte Kinder in den letzten 30 (oder mehr) Jahren hervorgebracht hat. Neu schien vorübergehend nur die scheinbare Entdeckung einer Krankheit namens "ADHS" zu sein. Aber damit ist es auch schon wieder nicht mehr viel her, wie sich immer mehr durchsetzt. Deshalb:

Unsere impulsiven Kinder
Ein wahrnehmungspsychologisches Konzept als Alternative zu "ADHS"

Die Wahrnehmungspsychologie hat ein Konzept erforscht, das die impulsive versus reflexive Herangehensweise von Kindern bei Denk- und Wahrnehmungsaufgaben betrifft. Überstürztes Arbeiten, vorschnelles Antworten, also unüberlegt-hastig mit vielen Fehlern: So handeln Kinder, die einen impulsiven kognitiven Stil haben. Demgegenüber gehen die reflexiven Kinder überlegt und langsamer vor und machen nur wenige Fehler. Das Konzept der Impulsivität-Reflexivität berücksichtigt also die Faktoren Zeit und Qualität bei einer Aufgabenlösung. Impulsive Kinder sind zu schnell und machen viele Fehler, reflexive sind langsamer und machen wenige Fehler (damit gibt es natürlich auch noch zwei weitere Gruppen: die schnellen und trotzdem fehlerarmen, sowie die langsamen und trotzdem fehlerträchtigen Kinder. Erstere sind wohl eher die Hochbegabten, letztere eher die Behinderten).

Die Forschung verwendete sehr häufig den Matching Familiar Figures Test (MFF oder MFFT, Kagan 1965), der eine zuverlässige Diagnostik des persönlichen kognitiven Stils eines Kindes erlaubt. In Deutschland wurde an der Universität Dortmund auf dem MFFaufbauend der Dortmunder Aufmerksamkeitstest für Kinder und Jugendliche (DAT-KJ) entwickelt (Lauth 1996). Der Test ist nicht einer der sonst üblichen ziemlich stupiden Konzentrations- und Aufmerksamkeitstests, sondern verlangt das genaue Hinschauen und Vergleichen von alltäglichen Figuren, was für die Kinder nicht nur spannend ist, sondern vor allem mehr Bezug zur Alltagsaufmerksamkeit hat als die in den sonstigen Tests verlangte Fließband-Leistung. Ich weiss nicht, ob Sie solche kleinen Rätsel in der Tageszeitung kennen, bei denen es um den Vergleich von zwei komplexen Bildern geht, die sich in einigen Details unterscheiden; so ähnlich funktioniert der Test).

Es zeigten sich bisher vielerlei Zusammenhänge zwischen kognitivem Stil und allgemeiner Aufmerksamkeit, Konzentration, Hyperaktivität, Schulleistung, Legasthenie, Dyskalkulie, "ADHS", etc, so dass man Impulsivität - Reflexivität als eine grundlegende Dimension betrachten kann, die bei allen kognitiven und persönlichkeitsbezogenen Aufgabenstellungen und Verhaltensweisen eine wichtige Rolle zu spielen scheint. Die impulsiven Kinder schneiden regelmäßig schlechter ab, sobald die Aufgaben etwas schwieriger werden (bei leichten Aufgaben sind sie manchmal sogar im Vorteil). Es zeigten sich auch Zusammenhänge mit elterlichen Erziehungsstilen, der Mutter-Kind-Interaktion und der individuellen Lerngeschichte eines Kindes. Inkonsequente oder autoritäre, die Selbstständigkeits- und Selbstkontrollentwicklung behindernde Erziehungserfahrungen des Kindes fördern einen impulsiven kognitiven Verhaltensstil. Schon bei Säuglingen kann man unterschiedliche kognitive Stile beobachten, so dass man annehmen kann, dass die beschriebenen Erziehungsfehler bei einem Kind, das sozusagen von Geburt an eher neugierig und extrovertiert ist, einen impulsiven kognitiven Stil besonders stark fördern. Auch soziale Schichtunterschiede sind deutlich: Impulsive Kinder entstammen häufiger sozial niedrigeren Schichten als die reflexiven. Wenn impulsive Schüler einen impulsiven Lehrer haben, verstärkt das ihre Impulsivität erheblich. Umgekehrt nimmt ihre Impulsivität deutlich ab, wenn sie einen reflexiven Lehrer haben.

Impulsive Kinder sind genauso intelligent wie reflexive, sie können ihre Talente aber wegen ihres überstürzten kognitiven Stils nicht so gut verwirklichen. Reflexive Kinder haben eine bessere Selbstkontrolle, sie können warten, bekommen nicht so rasch Angst vor schwierigen Aufgaben, haben mehr Selbstvertrauen und können deshalb ihre Begabungen insgesamt besser realisieren. In alter klinischer Diktion würden wir sagen: Impulsive Kinder sind neurotisch gehemmt.

Überhaupt scheint der Stein der Weisen in der erzieherischen Förderung der Selbstkontrolle und Selbstständigkeit der Kinder zu liegen. Diese alte pädagogische Weisheit hat die "ADHS"-Forschung erst kürzlich erfreulicherweise wiederentdeckt. R.A. Barkley (1997) sieht in "ADHS" eine Störung der exekutiven Funktionen im präfrontalen Cortex und schlägt anstelle des Begriffs "ADHS" die Bezeichnung BID - Behavior Inhibition Disorder (Störung der Verhaltenshemmung) vor. Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsdefizite sind in seinem Konzept nicht die Kernsymptome, sondern die Folge der gestörten Impuls- und Selbstkontrolle. Solche Annahmen sind von Anderen zwar schon vor 30 Jahren gemacht worden, als es "ADHS" noch gar nicht gab, aber man freut sich ja trotzdem, wenn gerade Barkley wieder dabei landet. Und wenn er nun noch endlich sein ganzes biologistisch-medizinisches Störungs- und Krankheitsbrimborium wegließe, wären wir wieder bei der wirklich lohnenden Frage, wie man Kinder erziehen und unterrichten sollte, damit sie einen einigermaßen reflexiven kognitiven Stil, der sich auch auf ihr sonstiges psychosoziales Verhalten auswirken wird, entwickeln können. Dass impulsive Kinder reflexiver werden können, ist eindeutig belegt, an Trainings, Kursen, Familientherapien, Erziehungsberatungen, Lehrer- und Erzieherinnencoachings - kurz: an kindbezogenen Spielräumen - sollte es nicht mangeln. Alles muss sich darauf ausrichten, dass unsere Kinder Lebensbedingungen vorfinden, die ihnen helfen, selbstkontrollierte, selbstbewusste (beides auch Grundlage eines echten Altruismus), ganz einfach glückliche Menschen werden zu können, die ihre Begabungen angemessen realisieren können.

Richten wir doch endlich darauf unseren Fokus, und nicht mehr auf Pseudofragen nach Genen und Medikamenten für angeblich genetisch und hirnfunktionell kranke oder gestörte Kinder. Unsere "ADHS"-Kinder sind nicht gestört. Sie brauchen nur Spielräume. Und wenn die fehlen, fühlen sie sich im wahrsten Sinne des Wortes: gestört.

In diesem Sinne gemeinsam weiter, Ihr
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt
5.1.2004

Literatur:

Barkley, R. A. (1997): ADHD and the Nature of Self-Control. New York: Guilford Press.
siehe auch:
ZEITZEUGEN 3
Kagan, J. (1965): Impulsive and reflexive children: Significance of conceptual tempo. In: Krumboltz, JD. (Hrsg.): Learning and the educational process. Chicago. Rand McNally S. 133-161.
Lauth, G.W. (1996). Dortmunder Aufmerksamkeitstest (DAT). In: G.W. Lauth & K.D. Hänsgen (Hrsg.). Kinderdiagnostisches System. Göttingen: Hogrefe
Meichenbaum, DH. (1975): Toward a Cognitive Theory of Selfcontrol. Research Report 48, University of Waterloo, Ontario, Canada.
Wagner, I. (2001): Aufmerksamkeitstraining mit impulsiven Kindern. Klotz, 8. Auflage.

 

Macht "Ritalin" süchtig?

Gene Haislip, Abteilungsleiter der DEA (USA): "Wir sind das einzige Land der Welt, in dem Kinder eine solch riesige Menge von Stimulanzien verschrieben bekommen, die praktisch die gleichen Eigenschaften haben wie Kokain" (1). Methylphenidat, der Wirkstoff in ADHS-Stimulanzien wie "Ritalin" u.a., wirkt bekanntlich grundsätzlich wie Kokain und ist diesem auch pharmakologisch fast identisch (2)(3). Und Kokain ist eindeutig gefährlich und suchterzeugend, sein Kauf, Verkauf und Gebrauch sind klare kriminelle Handlungen. Das einzig Paradoxe an Methylphenidat als Medikament besteht denn auch weniger in seiner nur scheinbar beruhigenden Wirkung auf unruhige Kinder, sondern in dem Umstand, dass es offenbar nicht süchtig macht. Wie ist das zu erklären?

Zum Einen liegt dies an der oralen Einnahme des Psychopharmakums Ritalin. Eine orale Einnahme verzögert die Wirkstoffaufnahme und gilt deshalb generell nicht als ideale Verabreichung für Sucht. Sie verhindert den "Kick", das rasche "High" einer Droge. Die Kinder merken meist gar nichts von der schleichenden Medikamentenwirkung. Wer "Ritalin" missbrauchen will, umgeht denn auch die orale Einnahme z.B. durch Schnupfen oder Spritzen. Dann wirkt es bei vergleichbarer Dosierung wie Kokain. Als Medikament ist Methylphenidat ausserdem relativ niedrig dosiert, so dass neben seiner oralen Verzögerung auch diese Niedrigdosierung einer Suchterzeugung entgegen zu wirken scheint. Im Vergleich zu anderen Psychopharmaka wie z.B. Prozac, das erst nach Wochen psychologisch wirkt, stellt sich die Ritalin-Wirkung dennoch aber schon nach wenigen Minuten bis Stunden ein. Ritalin ist also trotzdem ein starkes Psychopharmakum mit hohem Missbrauchs- und Suchtpotential.

Genau wie Alkohol. Hat schon mal jemand Kindern jahrelang Alkohol in geringer Dosierung als Medikament verschrieben? Würde einen nicht wundern, wenn es auch aufmuntert und zufrieden macht. Täglich zwei Löffelchen "Klosterkind Melissengeist"? Oder als Leistungsbelohnung für eine gute Lateinnote täglich einige "Mon Cherie"? Macht garantiert nicht alkoholabhängig!

(1) zit. DeGrandpre, R.: Die Ritalingesellschaft. Eine Generation wird krankgeschrieben. Beltz 2002, S. 137 ff.
(2)
Volkow, ND.: Is Methylphenidate like Cocaine? Arch. Gen. Psych. 52, 1995.
(3)
Vastag, B.:J. Pay attention: Ritalin acts much like cocaine! Americ. Med. Ass. 2001, 286 (8)

Werner
11.1.2004

 

Familie
Aufmerksamkeit
Impulsivität
Reflexivität
FAIR Familienorientiertes Aufmerksamkeitstraining für impulsive Kinder

Wir haben ein Aufmerksamkeitstraining für impulsive Kinder entwickelt, das eine Kombination aus kindbezogenem Gruppentraining mit individueller Familientherapie anbietet. Das ist vollkommen neu. Bisherige einschlägige Trainings und Kurse klammern entweder die Eltern aus, oder sie funktionieren nur bei intakten Familien. Für belastete Familien und selber impulsive Eltern stellen sie meist zu hohe und zu abstrakte Anforderungen, die die Eltern im familiären Alltag nicht nachhaltig umsetzen können, die zu wenig in die psychologische Tiefe gehen und zu wenig auf die jeweils ganz unterschiedliche familiäre Konstellation eines Kindes individuell abgestimmt sind.

FAIR basiert auf dem auf dieser Seite oben umrissenen Impulsivitäts-Refllexivitätskonzept, eingebettet in systemisch-tiefenpsychologisch orientierte Familientherapie. Die kognitiv und im Verhalten impulsiven Kinder werden bei der Einübung eines reflexiven kognitiven Wahrnehmungsstils unterstützt (inkl. häuslicher Übungen mit den Eltern). Parallel dazu wird familientherapeutisch an den individuellen Familiendynamiken gearbeitet, die die kindliche Verhaltensstörung bedingen und/oder aufrechterhalten. Während das Kindertraining in der Spielgruppe stattfindet, erhält jede Familie Einzel-Familientherapie. Da diesem Konzept zufolge Impulsivität viele verschiedene Ursachen hat, muss das therapeutische Vorgehen auch auf jede Familie individuell abgestimmt sein. Ein schematisches Eltern-Einheits-Training in der Gruppe würde dieses Ziel verfehlen. Nur Familientherapie für jede Familie einzeln kann die Besonderheiten jedes Einzelfalles angemessen berücksichtigen. Die Besonderheiten jeder Familie fließen auch ins Kindertraining insofern ein, als auch hier auf jedes Kind individuell -gemäß der Besonderheit seiner Familienkonstellation- eingegangen wird. In jedem Falle werden Kindergarten bzw. Schule angemessen ins Training einbezogen. Erzieherinnen oder Lehrer nehmen je nach Bedarf an den Familientherapien teil.

FAIR ist indiziert für hyperaktive, unkonzentrierte, impulsive Kinder (Alter 8 - 12 Jahre) und ihre (auch unvollständigen) Familien. Die Familien müssen zur intensiven Mitarbeit bereit sein. Alle Familien absolvieren zunächst ein ausführliches anamnestisches Erstgespräch, gefolgt von einer psychologischen Testuntersuchung der Kinder. Nur mindestens durchschnittlich intelligente Kinder mit impulsivem Verhalten und Wahrnehmungsstil werden aufgenommen. Je Training werden 8 Familien zugelassen. Bei ADHS-diagnostizierten Kindern, die bereits Stimulanzien einnehmen (Ritalin, Medikinet, Amphetaminsäfte etc.) erfolgt das Training in enger Zusammenarbeit mit den behandelnden Ärzten mit dem Ziel, die Medikamente auszuschleichen bzw. durch das Training so weit wie möglich überflüssig zu machen.

FAIR-Programm:
1. Familienanamnese/Familienerstgespräch
2. Psychologische Testuntersuchung des Kindes

3. Erster Familien-Treff: Alle 8 Familien treffen sich zur Begrüßung. Allgemeine Einführung in das
FAIR-Konzept
4. Kindergruppe: 16 Treffen zu je 90 Minuten, zwei Treffen wöchentlich
5. Familientherapie: für jede Familie 6 Sitzungen á 60 Minuten ca. vierzehntäglich
6. Zweiter Familientreff: Alle Familien treffen sich zum Erfahrungsaustausch und Abschied
7. Ein halbes und zwei Jahre später: Nachbefragung von Eltern, Kindern, Lehrern, Erzieherinnen (Katamnese).

FAIR findet zunächst nur statt in der
Brühl-Wesselinger Erziehungs- und Familienberatung
50389 Wesseling, Kölner Str. 38
Tel. 02236-39470, Fax 02236-394720, e-mail
hschmidt@wesseling.de
Beginn des 1. Trainings: März 2004 (Termin wird noch bekanntgegeben).
Trainer: Dipl.-Psych.
Hans-Reinhard Schmidt &Team
Die Teilnahme ist kostenfrei. Eine ärztliche Überweisung ist nicht erforderlich.

Wenn Sie im Köln-Bonner Raum wohnen, können Sie sich ab sofort gerne anmelden. Weitere Durchführungsorte sind in Planung. Entsprechende Vorschläge werden gerne aufgenommen.
In 2005 ist eine ausführliche Darstellung des Konzepts in Buchform vorgesehen.

H.-R. Schmidt
12.1.2004

 

Kinder brauchen Spielräume

Wie viele Bücher kursieren inzwischen auf dem Markt der pädagogischen Themenkomplexe rund um die Förderung kreativer Entfaltung in Kindheit und Jugend? Gemessen an dem nicht geringen Angebot könnte rasch gefolgert werden, wir lebten in einem schöpferischen Schlaraffenland unter lauter aufgeklärten Eltern, Lehrern und Erziehern weiblichen wie männlichen Geschlechts. Bastel- und Liederbücher, CDs und Kassetten, Neuerscheinungen und Bearbeitungen lösen einander ab wie die Jahreszeiten, mehr, mehr, immer mehr, als strotze es vor Lust und bunter Vielfalt in den Kinder-, Spiel- und Klassenzimmern.

Doch der Schein trügt, und das nicht zu knapp. Die Vermarktung entsprechender Medien ist die eine, ihre Nutzung die andere Seite: Theorie und Praxis klaffen auseinander wie Geist und Seele, Denken und Fühlen, Vorstellung und Wirklichkeit. An Ideen mangelt es nicht, an ihrer Umsetzung durchaus.

»Kinder brauchen Spielräume« – ein Titel, der beim ersten Hinschauen in der Reihe dieser pädagogisch-kreativen Bücherflut unterzugehen droht, denn, Hand aufs Herz und Zeigefinger an die Stirn getippt: Wer weiß das nicht? Was Kinder brauchen, ist den meisten Eltern längst bekannt. Sie brauchen Liebe, Mutter, Vater, Großeltern und Freunde, ein eigenes Zimmer, erholsamen Schlaf, Geheimnisse, Anregung und Ruhe, die allseits propagierten Regeln, Rituale und Grenzen, Muttermilch und Taschengeld, Bewegung und musikalische Früherziehung, naturbelassenes Holzspielzeug, Vollkornbrot und –, nun wird es modern: ein eigenes Handy für den Notfall.

Unsere Kinder, das steht fest, sollen die best mögliche Förderung und Erziehung erhalten, und das lassen sich manche eine Menge kosten.

Wer also braucht ein Buch mit dem Titel »Kinder brauchen Spielräume«, wenn wir das längst wissen und es nur an einem hapert: dem nötigen Kleingeld?

Nun habe ich Sie bewusst auf eine falsche Fährte gelockt. Denn um Geld geht es in diesem Buch ebenso wenig wie um neue Konzepte und Methoden, auch die Forderung nach mehr Spielplätzen mit Rutschbahn, Schaukel, Wipptier, Klettergerüst und Sandkiste suchen Sie hier vergeblich. Vielmehr geht es um die Schaffung von Freiräumen und Atempausen in der zwischenmenschlichen Beziehung und Begegnung, ein Loslassen von zielstrebigem Handeln im spielerischen Geschehen. Die Rolle der pädagogischen Animation gilt es abzulegen, um der Eigenmotivation Platz zu schaffen, besser noch zu lassen, denn nicht selten ist genügend natürlicher Raum vorhanden, der mit allen Mitteln überaktiven Handelns zugebaut wird, um die »kreativ« Tätigen als funktionstüchtige Bastel-Arbeiter bei Laune bzw. »bei der Stange« zu halten.

Noch etwas wird den Leser des Buches überraschen, so er sich am Titel und den Autorennamen orientiert: Karl Gebauer und Gerald Hüther haben sich in diesem Werk selbst schreibend extrem zurückgehalten, um mit Hilfe einer vielseitigen Auswahl von Artikeln anderer Autoren (männlich wie weiblich) Impulse für neue Lösungswege zu sammeln:

»Ausgangspunkt für die Beiträge in diesem Buch war ein Kongress, der im November 2002 in Göttingen unter dem Thema „Kunst und Erziehung – Erziehung als Kunst“ stattgefunden hat. Dabei ging es uns u. a. darum, den Erziehungsprozess selbst als kreativen Akt zu beschreiben. Die Kunst des Erziehens ist ein dialogischer Prozess, der spätestens mit der Geburt eines Kindes beginnt. Schon in den ersten Monaten erlebt das Kind – wenn der Kommunikationsprozess gelingt –, dass es selbst eine aktive Rolle dabei spielt. Ein Kind sieht sich in den Augen der Mutter, und eine Mutter sieht, was sie in ihrem Kind auslöst. Erziehung als Kunst heißt auch innehalten, sich im andern spiegeln, dem anderen ein Spiegel sein, heißt betrachten und sich betrachten lassen, heißt sprechen und hören, agieren und reagieren, heißt Bewegung von innen nach außen bringen und umgekehrt“ (S. 13/14).

Folgerichtig beginnt die Reihe mit einem Beitrag der Säuglingsforscherin Mechthild Papoušek über »Spiel und Kreativität in der frühen Kindheit«.

Die Verhaltensbiologin Gabriele Haug-Schnabel ermutigt zu einer Erziehung durch »zugewandte und kompetente Begleitung zum selbständigen Erkennen und Handeln«.

Rainer Patzlaff, 26 Jahre seines Lebens Oberstufenlehrer einer Freien Waldorfschule, befasst sich mit »Sprache als künstlerisches Medium der Erziehung«, gefolgt von dem Musiker und Neurologen Eckart Altenmüller über die »Einflüsse von Musikerziehung auf das Gehirn«.

Der Erziehungswissenschaftler Ulrich Gebhard widmet sich der »Bedeutung kindlicher Naturbeziehungen« und der daraus wachsenden »Vertrautheit der Welt«.

Fredrik Vahle ist nicht nur Kinderliedermacher, sondern zugleich Dozent an der Universität Gießen sowie Autor des Beitrags »Das Gewöhnliche auf außergewöhnliche Weise tun – Erkundungen zum kreativen Umgang mit Lärm, Stille, Bewegung und Lied«.

Die analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin sowie Kunsttherapeutin Deta Margarete Stracke schließt den Reigen mit ihrer Beschreibung über den heilsamen Schaffensprozess von Bildern in Psychotherapien mit Kindern und Jugendlichen.

Wem der beiden Autoren und Herausgeber die Einleitung bzw. das Schlusswort aus der Feder geflossen ist, kann ich nur raten: Dem inhaltlichen Schwerpunkt des Epiloges über die Hirnentwicklung des Kindes folgend tippe ich auf Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie an der Universität Göttingen und Mitautor des (an anderer Stelle von mir rezensierten) Ratgebers »Neues vom Zappelphilipp« (Co-Autor Helmut Bonney). Karl Gebauer, viele Jahre Lehrer und Direktor der Leineberg Schule in Göttingen, dürfte sich demnach in den Vorbemerkungen zu Wort gemeldet haben.

Beide Herausgeber haben auf diese Weise nicht nur ein die pädagogische Ratgeberflut in Frage stellendes Werk mit dem Titel »Kinder brauchen Spielräume« geschaffen, sondern zugleich neuen Platz für eigenständige Gedanken mit Hilfe einer gelungenen Auswahl von Beiträgen Impuls gebender Autoren und Autorinnen.

Jutta Riedel-Henck

websites von Jutta Riedel-Henck:
Begegnung statt Erziehung
Trostreich

 
GEWISSENSFRAGE 17
Wie ist Ihre Erfahrung?
"Ritalin" wird in meinem sozialen Umfeld als ganz normales Medikament betrachtet
Stimmt vollkommen 20 19,61 %
Stimmt teilweise 25 24,51 %
Stimmt gar nicht 57 55,88 %
Gesamtbeteiligung: 102

Überwiegend gilt "Ritalin" nicht als ganz normales Medikament. Kein Wunder, denn die "Krankheit" die damit behandelt werden soll, ist nach wie vor vollkommen umstritten. Der Verdacht, dass mit einem Psychopharmakum Erziehungsfehler und Milieuschäden überspielt werden, ist nach wie vor nicht ausgeräumt.

 

Die ständige Frage nach dem WARUM?
Dagmar Dietz: Leben mit drei (angeblich) hyperaktiven Kindern

Anschaulich und streckenweise anrührend schildert die in ADS-Internetkreisen bekannte Autorin das Leben mit ihren drei Kindern Felix, Jonas und Hannah. Es ist eine der typischen Odysseen von sog. ADS-Familien: Entwicklungsschwierige Kinder, Schuldgefühle ehrgeiziger und anspruchsvoller Eltern (die Autorin ist Lehrerin), jahrelange meist fruchtlose Hilfsversuche von teils inkompetenten Fachleuten (Ärzte, Erziehungsberater, Lehrer), aber ohne die Probleme der Kinder rechtzeitig und richtig zu erkennen und an ihrer wirklichen Wurzel anzupacken.

Mit Felix geht es los. Was rumpelt und pumpelt da in meinem Bauch herum, hat sich die erwartungsfrohe Mutter während der Schwangerschaft wahrscheinlich gedacht, denn das bereits vorgeburtlich auffallend unruhige Baby wollte angeblich ununterbrochen bewegt und unterhalten werden. Die werdende Mutter war überzeugt, das Ungeborene werde immer dann sehr unruhig, sobald sie selber entspannen wollte. Sobald sie körperlich oder sonstwie aktiv wurde, schien das Baby guter Dinge zu sein und sich zu beruhigen. Ob dem wirklich so sein kann, daran habe ich allerdings aus der Beobachtung vieler Schwangerer Zweifel. Wenn sie nämlich selbst aktiv und beschäftigt sind, merken sie einfach die Kindsbewegungen gar nicht so deutlich, wie wenn sie sich ausruhen und ihre Aufmerksamkeit auf ihren Bauch samt Inhalt lenken. Wie dem auch sei, man kann die Vermutung nicht ganz von der Hand weisen, dass die werdende Mutter dadurch, dass sie sich bereits jetzt übermäßig und ehrgeizig an die angeblichen motorischen Bewegungsbedürfnisse ihres ungeborenen Babies anpasste, erzieherisch problematisch reagierte. Als das Kind geboren ist, geht es dann recht extrem so weiter, dass sich die Eltern monatelang ausserordentlich aufopferungsvoll, ja übereifrig den starken Bewegungsbedürfnissen des Babies unterordnen (dauerndes Schaukeln, Herumtragen, stundenlange nächtliche Kinderwagen-Ausfahrten zum Leidwesen häuslicher Mitbewohner und nächtlicher Spaziergänger, sehr stressige Stillprozeduren, anstatt frühzeitig zuzufüttern - das Baby hatte womöglich Schluckreflexprobleme -, alles um zu verhindern, dass es schreit oder unzufrieden reagiert. Es entsteht beim Leser der Eindruck übermäßig nachgiebiger und aggressionsgehemmter Eltern. Nicht, dass man ihnen im engeren Sinne Aggressionen dem kleinen Wicht gegenüber empfehlen würde, aber mal ein oder zwei Nächte schreien lassen und insgesamt dem Kind konsequenter dabei zu helfen, Grenzen zu erleben und warten zu lernen (was ja nicht ohne Frustrationserleben abgehen kann), anstatt so überängstlich und überbehütend mit sich sozusagen "den Molli" machen zu lassen und sich jahrelang gutmütig terrorisieren zu lassen: Das hätte aus meiner Sicht vieles für die Zukunft erleichtert. Wie sonst soll ein sehr lebendiges Kind Frustrationstoleranz und Selbststeuerung entwickeln?

Aber so kommen bei Felix offenbar "angeborene" Hyperaktivität und Erziehungsfehler zusammen, weshalb alles mit ihm auch nicht besser, sondern immer schlimmer wird. Ganz unerklärt bleibt, wieso seine von Anfang an zu beobachtenden feinmotorischen Störungen von niemandem richtig eingeschätzt wurden. Man konzentrierte sich offenbar voll darauf, das Schreien und die Hyperaktivität des Kindes überbehütend unter Kontrolle zu bekommen, anstatt die mögliche Ursache psychomotorischer Entwicklungsstörungen, die auch in Nicht-ADS-Zeiten schon früh und erfolgversprechend zu behandeln möglich war, konsequent mit Frühförderung und Ergotherapie anzugehen. Aus meiner Sicht handelt es sich bei Felix denn auch um ein Kind, dessen psychomotorische Entwicklungsstörung von Anfang an verkannt wurde. Wenn man diese Grundstörung in den Fokus gerückt hätte, statt sich völlig verkrampft über Erziehungsversagen und Hyperaktivität zu kaprizieren, wäre die Geschichte vermutlich besser verlaufen, als am Schluss bei "ADHS" bzw.Psychopharmaka zu landen.

Während Jonas, der zweitgeborene Sohn, für mich als psychoreaktiv verhaltensgestört (Stichwort: Schattenkind) beschrieben wird (er ist weder hyperaktiv noch konzentrationsgestört, sondern angeblich "impulsiv"), handelt es sich bei der kleinen Hannah (die weder hyperaktiv noch impulsiv noch unkonzentriert erscheint) offensichtlich um ein teilleistungsgestörtes Kind mit typischen Lernstörungen wie Legasthenie und Dyskalkulie sowie auditiver und visueller Wahrnehmungsstörung (dessen Störungen allerdings frühzeitiger erkannt und deshalb auch erfolgreicher behandelt wurden). Für die Autorin macht das alles aber keinen großen Unterschied: Alle ihre Kinder "haben" letztendlich ADS mit oder ohne H und müssen Psychopharmaka einnehmen. Alle haben angeblich eine "Stoffwechselstörung" im Gehirn, die medikamentös behandelt werden muss. Sozusagen das scheinbar gute Ende aller quälenden Fragen.

Und das stört denn auch sehr an diesem Erfahrungsbericht: Die Suggestion, die Diagnose ADS (sprich: der Psychopharmaka-Einsatz) könnte jahrelange andere Falsch- oder Nichtdiagnosen wettmachen. Nebenbei und unfreiwillig eine Bestätigung der Erfahrung, dass Stimulanzien ziemlich breit und unspezifisch wirken.

Hildegard Bönnisch
20.1.2004

Dagmar Dietz: "Sitz doch endlich still". Bastei-Lübbe 2003, 269 S., € 7,90

Hier eine Kritik des Beitrags von H. Bönnisch. Autor ist der von uns sehr geschätzte Rupert Filgis. Frau Bönnisch wurde um eine Antwort gebeten, die im neuen Forum ADS-Disk erscheinen wird.

 
GEWISSENSFRAGE 18
Wie ist Ihre Meinung?
Café Holunder ist eine der wenigen Internetseiten, die objektiv über ADHS informieren
stimmt vollkommen 133 50,57 %
stimmt teilweise 10 3,80 %
stimmt überhaupt nicht 120 45,63 %
Gesamtbeteiligung: 263

Ein heisse Schlacht geht zu Ende. Mehr als die Hälfte unserer Gäste bestätigt bei Rekordbeteiligung die zur Abstimmung stehende These. Angesichts der Tatsache, dass die meisten unserer Gäste in irgendeiner Weise "ADHS-Betroffene" sind, fühlen wir uns durch dieses Votum sehr bestätigt. Wir sprechen ja mit unserem Café Holunder nicht die durchschnittliche Normalbevölkerung an, sondern ein durchaus stark ausgewähltes Publikum von meistens überzeugten "ADHSlern". Insofern alle Achtung!

Café Holunder
3.2.2004

 

Blech bei Kerner

Jörg Blech ("
Die Krankheitserfinder") ist hier in der Kerner-Talkshow zu hören.

 

 

 

 

Frag´
Dr. van den Haag!

Heute schildert Adelbert P. sein großes Problem:

Lieber fanden Hack, ich möchte so brennend gern mit HRS über ADHS diskutieren und ihn endlich kleinkriegen, aber ich habe versprochen, brav zu sein und es nie wieder zu tun. Je mehr man auf den anspringt, umso mehr Argumente liefert man ihm und bricht dann wieder totalen Quatsch vom Zaun (oder Zaum?) und rückt ihn nur noch mehr ins Lampenlicht (oder Rampenlicht?). Andererseits kann ich so schlecht wegschauen und ihn einfach nicht ignorieren, wie wir es uns in unserem ADHS-Heimatverein versprochen haben (eine Art Omerta, kicher). Einerseits kostet es mich wieder viel Ärger und Rechtfertigen und schlaflose Nächte, wenn ich mit ihm diskutiere. Andererseits kostet es mich genau dasselbe, wenn ich NICHT mit ihm diskutiere. Dabei hätte ich eigentlich so viel Wichtigeres zu tun, zum Beispiel meine ADHS-Fragebögen zu korrigieren und aufzuräumen. Wenn ich mit ihm diskutiere, ziehe ich bloß wieder den Kürzeren. Deshalb raten mir alle meine Freunde auch davon ab. Wenn ich aber nicht mit ihm diskutiere, beherrscht er allein das Feld und vielen Lesern fehlen dann die Gegenargumente, so dass sie umso leichter auf ihn reinfallen. Was soll ich bloß tun?

Es antwortet Dr. van den Haag:
Lieber Adelbert, ich kann das sehr gut nachfühlen, was du an Höllenqualen durchmachen musst. Mir ging´s mit HRS nämlich mal genau wie dir. Er war Patient bei mir, und als er hinterher meine Arztrechnung sah, sagte er empört zu mir: "Das gibt´s doch gar nicht!" Der Mann leugnete also glatt meine Rechnung. Er tat so, als gäbe es sie gar nicht! Genau so geht er bekanntlich mit ADHS um. Ich bekam solche Sorge um mein Honorar, dass ich eine Doppeldosis Valium nehmen musste, um von der Zimmerdecke wieder runter zu kommen. Und das ist auch mein Rat an dich: Eine Doppeldosis. Aber das wusstest du ja sicher selber. Drum frag mich nicht mehr so dummes Zeug, sonst rege ich mich bloß wieder höllisch auf... (Margret, schnell, mein Valium!)

 

Mutter raucht

Dass sich hinter der Diagnose ADHS auch frühe intrauterine Noxen verstecken, wurde in Bezug aufs Rauchen deutlich untermauert. Rauchende Mütter können ihre Kinder in der Schwangerschaft auch psychisch schädigen. Ihre Kinder entwickeln viermal so häufig das Zappelphilipp-Syndrom wie die von nichtrauchenden Frauen. Zu diesem Ergebnis kommt eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Studie, die am Mittwoch in Berlin bekannt wurde. Sie wurde erstellt vom Suchtforschungsverbund Baden Württemberg, den das BMBF mit drei Millionen Euro fördert.

MfG, Dörte
20.1.2004

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