Willkommen im CAFÉ HOLUNDER
ARCHIV:

ADS: Gibt´s das wirklich?

ADS-Bücher: Kritisch
betrachtet

Ritalin: Ein folgen-
schwerer Irrtum

Aus der Sicht unserer
Kinder

Das Verschwinden der Mädchen von der
Bildfläche

Gibt es ein Bisschen ADS?

Exklusiv: Die HÜTHER-Studie

Das Anlage-Umwelt-
Problem

Oh wie verführerisch
ist doch das ADS!

Alternativen bei ADS

Fragiles X-Syndrom

Alternative Behandlung
bei ADD

Familie und ADS

Alternative Sichtweisen bei ADS

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 1

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 2

Quellensammlung

Böse Witze


ADS-KRITIK
36 35 34 33 32 31 30 29 28 27 26 25 24 23 22 21 20 19 18 17 16 15 14 13 12 11 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1

Liebe Gäste,
nach hoffentlich erholsamer Sommerpause möchte ich Eltern und Fachleuten, die mich immer wieder nach einer ganz knappen Zusammenfassung (die website ist ja mittlerweile ziemlich groß geworden) und nach Empfehlungen bei "ADHS" fragen, einen kleinen Leitfaden anbieten. Ich habe ihn schon mehrfach verwendet. Er darf jederzeit hier herauskopiert und weiter verwendet werden, z.B. in Elterngruppen, auf Elternabenden und Fortbildungen in Schule oder Kindergarten, in anderen websites oder einfach so zum privaten Gebrauch.

Außerdem freue ich mich ganz besonders, ab sofort den Cartoonisten Jacob auf der Startseite begrüßen zu dürfen. Seine Cartoons sind dort wöchentlich neu.

Bleiben Sie uns inzwischen wie bisher gewogen!
Ihr Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

Hat mein Kind ADHS?
- Ein kritischer Leitfaden für Eltern -

Verunsicherte Eltern

Eltern unruhiger, unaufmerksamer oder besonders lebhafter Kinder hören heute immer öfter Ratschläge wie : "Lass ihn doch mal auf ADHS testen." Oder: "Meiner war auch so, aber seit wir endlich die Diagnose ADHS haben und er Ritalin nimmt, ist es viel besser in der Schule mit ihm geworden." Oder: "Ich kann einen Arzt empfehlen, der bei ADHS kompetent ist und Ritalin verschreibt. Geh doch auch mal zu ihm (aber rasch, denn er hat sehr lange Wartezeiten!)"

ADHS, das Kürzel für "Aufmerksamkeits-Defizitstörung mit (oder ohne) Hyperaktivität", ist mittlerweile zur am häufigsten gestellten kinderpsychiatrischen Diagnose geworden. In den USA stieg die Zahl der als angeblich behandlungsbedürftig eingestuften Kinder von 1 Million im Jahr 1990 auf über 10 Millionen Kinder im Jahr 2000. In Deutschland rechnet man derzeit mit bis zu 400 000 angeblich behandlungsbedürftigen Kindern. Kein anderes Medikament verzeichnete denn auch derartige Zuwachsraten wie Methylphenidat (Handelsnamen z.B. Ritalin oder Medikinet). Weltweit nehmen derzeit jeden Tag ca. 10 Millionen Kinder solche auf das meist noch in Entwicklung begriffene Gehirn wirkende Psychopharmaka ein.

Was hat es aber bei kritischer Betrachtung mit diesem Phänomen "ADHS" wirklich auf sich? Handelt es sich tatsächlich um eine medizinisch-neuropsychologische Krankheit, um eine genetisch bedingte, vererbbare, ursächlich erziehungsunabhängige und unheilbare Stoffwechselstörung des Gehirns, die mit Psychopharmaka behandelt werden muss, wie es bestürzte Eltern in der Presse und vielerlei wohlfeilen Elternratgebern lesen, wie es in einschlägigen Internetforen behauptet und von angeblich "Betroffenen" und einigen Fachleuten mit Nachdruck verbreitet wird?

Was sollten Eltern wissen, wenn sie mit einem solchen "Verdacht auf ADHS" bei ihrem Kind konfrontiert werden? Lassen Sie uns deshalb folgende Fragen in aller Kürze kritisch hinterfragen:

  • Gibt es "ADHS" überhaupt?
  • Ist "ADHS" eine Hirnfunktionsstörung?
  • Ist "ADHS" genetisch bedingt?
  • Ist "ADHS" erziehungsunabhängig?
  • Ist "ADHS" vererbbar?
  • Ist "ADHS" unheilbar?
  • Wie wirkt "Ritalin"?
  • Was verbirgt sich hinter "ADHS"?
  • Was sollten Eltern beachten?

Hier der vollständige Beitrag

H.-R. Schmidt
16.9.2004

 

Der Zappelphilipp: Ein Kind armer Eltern?

Eine Studie von St. Sauver JL u.a. von der Majo-Clinic, USA, hat jetzt zeigen können, dass es zwei Hauptrisiko-Faktoren für ADHS bei einem Kind gibt: Ein Junge zu sein und Eltern mit schlechter Schulbildung zu haben. Eine gute Schul-/Ausbildung der Eltern verringerte das Risiko, später die Diagnose ADHS zu bekommen, schlechte Bildung vergrößerte es, besonders bei Jungen im Vergleich zu Mädchen.

Wie passt dies nun zu den Behauptungen, ADHS sei genetisch bedingt und eine organische Hirnfunktionsstörung? Einem gestandenen Biologisten fällt die Antwort natürlich nicht schwer:

Geringer Sozialstatus sei selbstverständlich genetisch bedingt und eine Komorbidität von ADHS, wird er sagen. Arme Leute seien genetisch minderwertig und hätten häufiger kranken Nachwuchs. Dass die Mädchen aus der Reihe tanzen liege daran, dass die Forscher die "Träumer" außer acht gelassen hätten. Dass solche Theorien schon mal bei den Nazis schreckliche Wirklichkeit geworden waren: Das habe damit natürlich rein gar nichts zu tun.

Dass die Studie die kulturell-psychosoziale Bedingtheit der Diagnose ADHS belegt, könnte man ja eigentlich auch sagen. Aber das würde natürlich alles über den Haufen werfen und darf deshalb nicht sein.

Preiser
20.9.2004

 

Helga Rühling

Kritische Thesen zur psychiatrischen Diagnose AD(H)S

Vorgetragen am 12.7.2004 auf einer Sitzung der PsychoSozialenArbeitsgemeinschaft Bielefeld (ein freiwilliger Zusammenschluss von MitarbeiterInnen der Psychosozialen Szene von Psychiatrischen Krankenhäusern über Beratungsstellen bis zu städtischen Ämtern)

  1. 1. Die inflationäre Vergabe der AD(H)S-Diagnose stellt eine unzulässige Reduktion gesellschaftlicher Probleme auf individuelle kindliche Störungen dar und verhindert notwendige schulische Reformen. Je nach Bewertung werden inzwischen bis zu 17% einer Schulklasse als aufmerksamkeitsgestört betrachtet. In manchen Kindereinrichtungen haben bereits bis zur Hälfte aller Kinder mit der AD(H)S-Diagnose zu tun bekommen.
  2. Kinder, die sich nur an wenige Regeln halten, innere und äußere Unruhe verbreiten, sind zunächst eine pädagogische Herausforderung.
  3. Impulsivität und Bewegungslust sind ursprüngliche kindliche Bedürfnisse. Durch Erziehung lernen Kinder, ihre Bedürfnisse durch soziales Verhalten zu kontrollieren.
  4. Das sich entwickelnde Temperament ist abhängig von der genetischen Ausstattung, vorgeburtlicher und frühkindlicher körperlicher, emotionaler und kognitiver Erfahrung.
  5. Anfassen, Gestalten, Verändern und Erklimmen werden Kindern zunehmend vorenthalten. Kinder müssen aber "begreifen" und sich bewegen, damit ihr Gehirn sich adäquat entwickeln kann.
  6. Bewegungseinschränkungen und vor allem frühkindliche psychische Beziehungserfahrungen prägen nachhaltig.
  7. Erst durch Beziehung und Emotion können biologische Lernspuren entstehen. Das für Aufmerksamkeit notwendige adäquate Ausschütten von Botenstoffen im Vorderhirn ist also nicht nur durch genetische Determination, sondern in gleicher Weise durch Sozialisation und Lernerfahrungen bedingt.
  8. Probleme mit der Aufmerksamkeit (wie leichte Ablenkbarkeit) oder mit der Beherrschung der eigenen Impulse, einschließlich der Bewegungs-Impulse, entstehen in der Auseinandersetzung mit der Umwelt: im Stuhlkreis im Kindergarten, im Klassenraum, am Arbeitsplatz. Die Umwelt kann fördern und motivieren, aber auch überreizen und ablenken oder beziehungsreich verwirren.
  9. Es gibt tatsächlich vermehrt unruhige, impulsive und unzufriedene Kinder. Ihre Probleme werden auf alle Fälle verstärkt durch eine unruhige Umwelt mit schnellem Wechsel von Beziehungspersonen, Orten, Bildern und Beschallungen und nicht zuletzt durch die negativen Sanktionen für die eigentlich sinnvollen und verständlichen hyperaktiven Reaktionsmuster.
  10. Die Pädagogik in Familie, Kindergarten und Schule hat sich auf die veränderte Umwelt noch nicht angemessen eingestellt, bzw. sie verfolgt Ziele fernab von individueller Unterstützung und differenzierter Förderung. Sie ähnelt z.T. eher der in Medien und Werbung präsentierten Fülle von immer mehr gleichzeitig angebotenen Informationen und Reizen akustischer und visueller Art.
  11. AD(H)S ist eine beschreibende psychiatrische Diagnose, d.h. eine Übereinkunft von Fachleuten, ohne Annahmen über Ursachen, d.h. auch: sie kann verändert werden. AD(H)S ist auf Dauer zu allgemein und missverständlich definiert: v.a. sind die angewandten Fragebögen in hohem Maße von individueller Frustrationstoleranz der Eltern und Pädagogen abhängig. Mangelnde Aufmerksamkeit, Impulsivität oder Hyperaktivität sind unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen: sie können ein Symptom für eine schwerwiegende Störung, Krankheit oder Behinderung sein, oder auf eine gut lösbare Krise hinweisen, auch wenn sie länger anhalten.
  12. AD(H)S-Symptome ähneln auch denen einer posttraumatischen Belastungsstörung oder aggressiven Verhaltensweisen in Folge erheblicher emotionaler Vernachlässigung oder ständiger Überforderung.
  13. Die nach den Leitlinien der Fachverbände vorausgesetzte genaue diagnostische Abklärung ist weit von der Realität des deutschen Medizin-Betriebs entfernt, in dem die geforderten ausführlichen Untersuchungen nicht ausreichend bezahlt werden. Die unscharfe Definition von AD(H)S hat schon in den USA zu einer beträchtlichen Anzahl von Fehldiagnosen geführt, Deutschland zieht eifrig nach.
  14. Die zwischen Fach- und Elternverbänden und der Drogenbeauftragten geschlossenen Konsensus-Vereinbarungen zur Behandlung mit Methylphenidat erst nach Scheitern anderer psychotherapeutischer und pädagogischer Hilfen werden häufig missachtet.
  15. Methylphenidat (Ritalin und Co) ist eine Droge, die bei vielen Menschen die Aufmerksamkeit steigert, ähnlich Zigaretten und Alkohol. Und es ist eine Krücke für unruhige Kinder und zunehmend auch unruhige Erwachsene. Das Medikament hilft einigen Menschen, gesellschaftlich unauffälliger bzw. weniger störend zu wirken. Es ermöglicht in den allermeisten Fällen keine langfristigen Verhaltensänderungen und Leistungssteigerungen, wie oft erhofft wird.
  16. Die bestrittene Suchtgefahr kann nicht unabhängig vom gesellschaftlichen Umgang mit Medikamenten und anderen stofflichen Hilfsmitteln zum Wohlbefinden gesehen werden. Eine als notwendig erachtete regelmäßige Medikamenteneinnahme, um sich sozial anpassen zu können, bedeutet ein hohes Maß von Abhängigkeit. Die wenigen Studien sind in der Regel retrospektiv und nicht überzeugend.
  • Literatur:
    Helga Rühling: ADS – Hilfen für unruhige Kinder. Rowohlt, Reinbek 2003
  •  

    ...und seitdem nimmt sie nun Ritalin!
    Aus dem Alltag eines "Betroffenen"

    Hallo!
    Da ich neu hier bin zuerst etwas allgemeines:
    Ich habe mich in letzter Zeit recht intensiv (und nicht ganz freiwillig) mit ADS (ADD, ADHS, ADSH, MCD...?) auseinandergesetzt. Besonders im Internet. Dabei mußte ich feststellen das es unheimlich viele, mitunter auch recht seltsame, merkwürdige Seiten zu diesem Thema gibt. Dies scheint mir einer der wenigen Internetauftritte zu sein wo die ganze Problematik ADS recht kritisch, aber auch sehr offen und mit nicht ganz unerheblicher Selbstironie, trotzdem aber mit dem nötigen Ernst behandelt und hinterfragt
    wird! Deshalb jetzt auch mal einige Bemerkungen und Fragen von mir.

    Seit meine Freundin (übrigens bald meine Frau) das erste Mal etwas intensiver (als mir lieb war) mit ADS konfrontiert wurde, ein ehemaliger Bekannter von mir ist ADSler, hat sie eigentlich nur noch darauf hin gearbeitet ADS auch haben zu "müssen". Einige Symptome / Hinweise darauf waren ja auch vorhanden. Die innere Unruhe, Stimmungsschwankungen, etc... Was mich aber schon sehr verwundert und irritiert hat war die Intensität mit der sie selbst auf ADS "hingearbeitet" hat. Die Zeit und Energie welche sie investiert hat um zu recherchieren, nachzuforschen, sich zu belesen. Was mir aber richtig Sorgen gemacht hat -und immer noch macht-, ist die Tatsache, daß sie gar kein Gegenargument, keinen Hinweis in eine andere Richtung mehr anerkennt. Das ging und geht soweit, daß sie gar nicht mehr akzeptiert das andere auch eine Meinung haben. Ich meine damit nicht das sie die Meinung anderer (auch meine) anerkennen soll, sondern nur das sie registrieren soll, dass es auch andere Meinungen / Einstellungen zu diesem Thema gibt. Egal ob richtig oder falsch.

    Aber nicht mal das tut sie. War ja auch alles so einfach zu erklären auf einmal. Wenn sie was vergessen hat, mal nicht zugehört hat, unkonzentriert war oder so. "Das ist nun mal bei ADSlern so", habe ich dann zu hören gekriegt. Obwohl eine dahingehende Diagnose zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht stand! Aber zurück. Wie gesagt, Anett hat sehr intensiv an "ihrer" ADS gearbeitet. Sie hat dann mehrere Arzttermine bei unterschiedlichsten Ärzten gemacht, wo ihre "Wunschdiagnose" jedoch nicht bestätigt wurde. Das war natürlich nicht zufriedenstellend. Also hat sie sich (heimlich) von eben diesem besagten
    ehemaligen Bekannten Ritalin besorgt und unter seiner "Aufsicht" und mit seiner Hilfe einen "Selbstversuch" durchgeführt. Was logischerweise auch zu nicht ganz unerheblichen Diskrepanzen zwischen uns geführt hat.

    Erstens kam ich mir vor wie ins 17. Jahrhundert zurückversetzt und zweitens war es natürlich auch ein ganz absoluter Vertrauensbruch. (Deswegen habe ich auch diesem Bekannten, der selbstverständlich immer nur das Beste wollte, auch die Freundschaft unwiderruflich gekündigt.) Auf jeden Fall hat sich Anett danach angeblich besser gefühlt, war nach eigener Aussage "besser drauf". Was ich aber weder bestätigen noch widerlegen kann, da ich sie ja zu diesem Zeitpunkt nicht gesehen habe. Wie gesagt, das wurde ja heimlich getan, während ich auf Montage in Österreich war. Auf jeden Fall war das für sie der letzte und ultimative Beweis für ADS. Anett hat dann, ich weiß nicht wie, in 90 Kilometer Entfernung eine Ärztin ausgemacht, eine angebliche Spezialistin für solche Fälle.(Erst später habe ich erfahren das diese Ärztin selber ADS-Patientin ist und sich von ihrem Bruder, ebenfalls Arzt, behandeln läßt).

    Dort sind wir zweimal gewesen. Ich habe sie jedesmal begleitet, wollte und will ja auch wissen was mit ihr los ist. Beim ersten Arztbesuch galt es einen Fragebogen auszufüllen (Schon mal Schlüsselbund vergessen? Schon mal in einen andern Raum gegangen und dann nicht mehr gewußt warum?), Blutentnahme, röntgen, fertig. 20 Minuten, Diagnose sehr
    wahrscheinlich ADS! Das zweite Mal dauerte nur 10 Minuten. Da weiß ich aber nicht was im Behandlungszimmer passiert ist, was gesprochen wurde oder so. Jedenfalls kam Anett mit Medikinet wieder raus. Erstmal 12 oder 15 Stück oder so.

    Danach gab es nur noch eine kurze (telefonische!) Rücksprache, dann kam ein Ritalinrezept mit einem beigefügten Einnahmeplan. Per Post!! Ja, und seitdem nimmt sie nun Ritalin. Nächste Woche Freitag sind die dann alle. Ich bin mal gespannt, ob ich dann irgendein Statement von ihr zu hören kriege wie es weitergeht! Wenn ich sie selber darauf anspreche endet das jedes Mal entweder im Streit oder es wird von vornherein abgeblockt (siehe oben)!

    Ich bin jetzt ziemlich ratlos und hilflos. Zumal ich den Eindruck habe, daß es ihr nicht wirklich besser geht! Im Gegenteil! (Aber vielleicht will ich das ja auch bloß so sehen, weil ich doch so eine gänzlich andere Meinung habe!) Manchmal ist Anett richtig teilnahmslos, fast schom apathisch. Sitzt dann einfach da, geweitete Pupillen, jede Frage muß ich zwei- dreimal stellen. Aber selbst dann ist nicht sicher das ich auch eine Antwort kriege. Ist das eigentlich normal? Oder mache ich mir hier unbegründete Sorgen? Oder hängt das Eine mit dem Anderen gar nicht zusammen? Na ja, ich lasse das jetzt einfach mal so hier im Raum stehen. Vielleicht sollte ich mir auch mal Ritalin verpassen lassen um das besser zu verstehen. Habe nämlich letztens auch meinen Geldbeutel im Auto vergessen. Und im Supermarkt war ich auch schon und habe nicht alles mitgebracht! Und
    das sind doch eigentlich deutliche Zeichen, oder?

    Ich merke aber gerade das mein "Alter Ego" Zynismus durchkommt. Und deshalb mache ich jetzt wirklich Schluß für heute!

    J.St.
    9.10.2004

     

    Heilsame Ernüchterung
    Nur bescheidene genetische Beteiligung bei ADHS – Die Mehrheit der Genstudien ergebnislos

    In diesen Tagen haben AJ Bobb u.a. alle über 100 Forschungsstudien der letzten 13 Jahre (1991-2004) zur Genetik der ADHS kritisch gesichtet, darunter 3 genomweite Assoziationsstudien mit 94 Polymorphismen und 33 Kandidatengenen.

    Sie zitieren zunächst Smalley (1997), der ADHS für eine sehr "komplexe" (?!) Störung mit vielfältiger, aber jeweils schwacher genetischer Beteiligung hält, und fassen dann zusammen, dass es nur für vier Gene einigermaßen gesicherte, aber nur bescheidene Beteiligungen gebe. 36 % aller Studien konnten Zusammenhänge finden, 47 % aber nicht, die restlichen 17 % zeigten nur "Trends", wobei man diese 17 % statistisch nicht gesicherten Studien aus meiner Sicht durchaus zu den erfolglosen 47 % addieren darf. Damit sind dann 64 % aller Genstudien zu ADHS in den letzten 13 Jahren ergebnislos geblieben. Aber auch bei den "positiven" Ergebnissen bestünde nach wie vor das Problem einer nur bescheidenen bzw. vergleichsweise schwachen Beteiligung dieser Gene an "ADHS", betonen die Autoren.

    Behauptungen einer angeblich gesicherten genetischen Verursachung bzw. Bedingtheit von "ADHS" sollte man nun also endlich nicht mehr verbreiten.

    Abstract

    Dörte
    19.10.2004

     

    Im Spiegelkabinett: Komorbidität

    Wenn Sie unter Migräne leiden, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass Sie auch noch unter anderen Störungen leiden, zum Beispiel unter einer Depression, unter gestörtem Sozialverhalten, Schlafstörungen oder unter Panikattacken. Man spricht dann von Komorbiditäten, also von häufig gemeinsam auftretenden Störungen. Wenn Sie allerdings Fieber haben, haben Sie sicher auch noch andere Störungen, ohne dass man hier von Komorbiditäten spricht. Der Unterschied zwischen beiden Beispielen liegt natürlich darin, dass Migräne als eigenständiger Störungskomplex, Fieber aber nur als zunächst unspezifisches Symptom gilt.

    Wie die möglichen Beziehungen zwischen Komorbiditäten jeweils sind, weiss man nicht immer genau. Es ergeben sich häufig undurchschaubare, komplizierte Überlappungen unterschiedlicher Störungsbilder, Krankheiten bzw. Syndrome, die differentialdiagnostisch schwer abgrenzbar erscheinen. Es ist möglich, dass gemeinsam auftretende Störungen eine gemeinsame Ursache haben, die man entweder kennt oder nicht. Es kann aber auch sein, dass sie unterschiedliche Ursachen haben, die ihrerseits wieder in Beziehung stehen. Es kann außerdem sein, dass es sich gar nicht um voneinander abgrenzbare, spezifische Krankheiten handelt, sondern nur um Symptome einer gemeinsamen Grunderkrankung. Ob die Panikattacken Folge oder Ursache der Migräne sind oder beides von etwas Drittem (Unbekannten) ausgelöst wird, bleibt offen. Schließlich können gemeinsam auftretende Krankheiten auch in keinerlei Beziehung zueinander stehen, wenn man sich z.B. beim Fußballspielen eine Sehne zerrt und unter Birkenpollenallergie leidet.

    Wenn es um klassische medizinisch-körperliche Krankheiten geht, ist es schon schwierig genug, Komorbiditäten relativ eindeutig zu erklären. Wenn man eine Virusgrippe hat, sind Fieber, Appetitlosigkeit, Kopfschmerz etc. in der Regel Symptome dieser Erkrankung, aber für sich allein betrachtet keine eigenständigen Krankheiten. Sie sind als Symptome auch bei vielen anderen Krankheiten vorhanden, so dass sie allein keine eindeutige Diagnose der Grunderkrankung erlauben. Es sind unspezifische und mehrdeutige Symptome. Ob sie für Grippe oder Blutkrebs stehen, muss immer gesondert untersucht werden.

    Wenn es aber um psychiatrische Störungen geht, die sich nicht objektiv "körperlich" diagnostizieren lassen, befindet man sich endgültig in einem ziemlich verwirrenden Spiegelkabinett. Hier kommt es ganz besonders auf die Spezifität einzelner Symptome und Syndrome an. Diese Störungen müssen mindestens ein oder mehrere Kardinalsymptome aufweisen, die spezifisch und nicht vieldeutig sind (z.B. "Stimmen-Hören" oder charakteristische Denkstörungen bei der Schizophrenie). Leider begibt sich die Schulmedizin nicht selten auf den nosologischen Irrweg, irgendein unspezifisches Symptom herauszupicken oder fantasievolles Syndrom zusammenzustellen und zu einer neuen medizinischen Grunderkrankung zu erklären (sozusagen eine Krankheit per definitionem oder durch Abstimmung in einem nicht-repräsentativen Gremium zu erfinden) und danach alle möglichen "komorbiden" Störungen in (ursächlichem) Zusammenhang mit ihr zu sehen. Je unspezifischer die erfundene Grundkrankheit ist, umso mehr "Betroffene" finden sich unter ihrem Label ein und um so mehr Komorbiditäten wird man zu ihr finden, was den scheinbar ernsthaften Charakter der angeblichen Grundkrankheit nur noch zu betonen und die Krankheitserfindung zu rechtfertigen scheint.

    Das Konstrukt "ADHS" ist ein mittlerweile schon klassisches Beispiel. Hier artet das Ganze inzwischen zu fast lächerlichen Uferlosigkeiten aus, so dass nahezu alles, was ein Mensch an psychischen Problemen haben kann und was sich mehr oder weniger mit den vieldeutigen "ADHS"-Symptomen überlappt, als komorbid zu "ADHS" betrachtet wird: "ADHS" als erfundene bewusst unspezifische Grundkrankheit, und in ihrem Fahrwasser Depressionen, Magersucht, Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen, Autismus, Legasthenie, Eheprobleme usw. usw. Dass all diese Störungen eigene Krankheitsbilder mit eigener Lebens- und Psychodynamik, eigener biografischer Entwicklung mit spezifischen Kardinalsymptomen sein könnten, wird schlichtweg ignoriert, weil bei ihnen allen Verhaltensweisen vorkommen, die angeblich spezifisch für "ADHS" seien. Alles kommt undifferenziert in den Sammeltopf "ADHS". Weil sich Methylphenidat immer mehr im Sinne eines Gehirndopings als Universalstimulanz fürs Volk erweist (Stichwort "Cognitive Enhancer"), liegt der Verdacht nahe, dass man zur Verschleierung dieser Realität immer stärker pseudomedizinische Indikationen erfinden wird.

    Für Betroffene (vor allem für Kinder und Jugendliche) hat das Ganze meist verheerende Folgen. Betroffene äußern sich z.B. bestürzt darüber, ihr autistisches Kind habe nun obendrein auch noch "ADHS", als ob man mit der Diagnose "Autismus" nicht schon genug gestraft wäre. Oder essgestörte junge Frauen haben angeblich als Grundstörung "ADHS", weshalb eine Methylphenidatbehandlung hilfreich sei und die psychodynamische Ursache ihrer Störung keine weitere Beachtung verdiene, usw.

    Bereits 2001 haben Kaplan BJ u.a. auf die Fragwürdigkeit der Komorbidität bei "ADHS" aufmerksam gemacht. Sie betonen, dass es im letzten Jahrzehnt einen gewaltigen Anstieg der Studien gegeben habe, die eine starke Überschneidung der Symptome/Syndrome bei kindlichen Entwicklungsstörungen aufgezeigt haben und dies mit Komorbiditäten erklärt hätten. Die Autoren kritisieren den Terminus Komorbidität deshalb, weil bei all diesen symptomatischen Überlappungen die Annahme eigenständiger Grunderkrankungen unbegründet sei. Man dürfe psychiatrische Krankheiten nicht als Realitäten begreifen. Bei 179 untersuchten Schulkindern fanden die Autoren, dass die Hälfte der Kinder mit mindestens zwei verschiedenen Diagnosen erfassbar war, besonders die mit "ADHS" diagnostizierten Kinder. Angesichts einer dermaßen großen Diagnoseunsicherheit plädieren die Autoren dafür, das Konstrukt der Komorbidität für unangemessen zu betrachten.

    Bei "ADHS" lassen sich die vieldeutigen und unspezifischen Kardinalsymptome differentialdiagnostisch nicht zuverlässig nur einer spezifischen und abgrenzbaren Grundkrankheit "ADHS" zuordnen, weshalb die Diagnose denn auch "klinisch", d.h. sehr willkürlich bleiben muss. Und weil "ADHS" als Grundkrankheit nicht abgrenzbar ist, ist es auch unmöglich, Komorbiditäten zu definieren.

    H.-R. Schmidt
    3.11.2004

     

    Frag´ Dr. van den Haag!
    Heute: Emilia P. bei ihrem Arzt

    Emilia P.: Ich muss mich zunächst entschuldigen, dass ich den letzten Termin nicht einhalten konnte. Aber mein Sohnemann hatte mein Citalopram geschluckt und ich habe deshalb Lexotamil genommen, worauf ich so schwindelig war, dass ich beim nächsten Verkehrskreisel geschlagene 3 Stunden im Kreis gefahren bin, bevor ich meinen Sohn von unserem Dachgiebel herunterholen konnte. Mein Mann konnte auch nicht helfen, weil er gerade seine einsetzende Ritalinwirkung ausnutzen und das wöchentliche Kreuzworträtsel in der Bäckerblume lösen musste.

    Dr. van den Haag: Na, besser als durchdrehen! Und der Sohn will eben mal hoch hinaus. Wenn ich mein Seroxat nicht nehme, erkenne ich solche Verkehrskreisel erst gar nicht und fahre meist einfach grade drüber weg. Aber was kann ich heute sonst noch für Sie tun, liebe Emily?

    Emilia P.: Emilia bitte! Also ich vertrage das Melleril nach Neurocil plus Truxal einfach nicht. Meine Angst und Depris sind dann zwar ein bissel besser, aber ich fühle mich so schrecklich tonnenschwer wie ein Elefant, so dass ich gar nicht mehr aus dem Haus gehe, weil ich, wenn mich der Hauswirt sieht, als Elefant gegen meinen Mietvertrag verstoße, wo Haustiere ausdrücklich verboten sind.

    Dr. van den Haag: Aber meine liebe Othilie! Das bilden Sie sich doch nur ein. Sie sind doch kein Elefant, das wissen Sie doch genau!

    Emilia P.: Emilia bitte! Ja schon, aber weiß das mein Hauswirt auch?

    Dr. van den Haag: (Rülps) Haben Sie denn auch Atomoxetin schon mal probiert? Bei mir hilft es jedenfalls hervorragend, ich bin dann immer überzeugt, ein guter Arzt zu sein, harharhar!

    Emilia P.: Der Name ist mir zu unheimlich, da habe ich es lieber mit Strattera versucht. In Kombination mit Imipramin und Prozac nebst einer Prise Bromaxepan fühle ich mich zwar immer noch als Elefant, kann aber wie Walt Disney´s Dumbo immerhin mit meinen Riesenohren wunderschön fliegen. Aber nach 45 Minuten kriege ich dann dermaßen Höhenangst, dass ich eine Dreifachpackung Praxiten nachschieben muss, um die Ohren halbwegs wieder anlegen und landen zu können. Wenn ich dann gelandet bin, krieg ich aber solche Panikattacken, Schüttelfrost und Rededrang, dass ich 4-5 Seroxat nehme, bevor ich mich mit Baldrian aufs Riesenohr legen muss. Von Schlafen dann aber keinerlei Rede, ich träume dann die schrecklichsten Dinge, wie z.B. dass mein Vater seinen Rüssel nach mir ausstreckt und der Tierarzt mir den Stoßzahn zieht.

    Dr. van den Haag: Liebe Amalie, wirklich schrecklich, das nimmt mich ja glatt richtig mit, lassen Sie uns mal gleich einige Valium schlucken.

    Emilia P.: Ich heiße Emilia! Wieso können Sie sich das nicht endlich merken, du alter Sack? Wieso nehme ich eigentlich jahrelang alle möglichen Medikamente und lerne dann doch immer nur solche beknackten Typen wie dich kennen? Wie nennt man diese Krankheit? Elefantose?

    Dr. van den Haag: Genau, Erika, als alter Sack stehe ich nur noch auf Tolvon mit Prozac, und nach 20 Minuten dann noch Truxal. Das wirkt, sage ich dir. Evelyn, da fühlst du dich wie ein Elefant im Porzellanladen. Genau das Richtige für einen guten Arzt. Hier, greif zu, Trevilor, Ritalin SR, Imipramin, Seroxat, Lexotamil, Prozac, Melleril, Valium, Neurocil, Haribo, Hanuta, BicMac, alles Ärztemuster. Hau alles rein, Ellenor, und du wirst GESUND!

    (40 Minuten später):
    Emilia P.: Tatsächlich, lieber Dr. Frack, jetzt fühl ich mich echt blendend. Aber hilf mir bitte mal, ich hab meinen Vornamen vergessen...Emily?... Erika?...Amalie?...Bic Mac? Scheißegal, ich flieg jetzt weg...

    Ulli
    15.11.2004

     

    Zur Entstehung und Therapie von ADS
    Gerald Hüther, in: Michael Passolt (Hg.) Hyperaktivität zwischen Psychoanalyse, Neurobiologie und Systemtheorie, 2. korrigierte und erweiterte Auflage, Ernst-Reinhardt-Verlag, 2004

    „Wenn man die hier beschriebenen bisher vorliegenden Erkenntnisse über den Einfluss der jeweils vorgefundenen Entwicklungsbedingungen auf die Ausreifung des antriebsstimulierenden dopaminergen Systems und der antriebslenkenden und handlungsleitenden präfrontalen und kortikolimbischen Verschaltungsmuster zusammenführt, so lässt sich folgende Modellvorstellung zur Entstehung von Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörungen ableiten:

    Bereits während früher Phasen der Hirnentwicklung, also lange vor der Manifestation des Störungsbildes, scheint es durch überhäufige Aktivierung des sich entwickelnden dopaminergen Systems zu einer übermäßigen Stimulation von axonalem Wachstum und ’axonal sprouting’ der in striatale, limbische und insbesondere frontocorticale Projektionsgebiete einwachsenden dopaminergen Projektionen zu kommen.

    Als mögliche Ursachen für die zu starke Stimulation dopaminerger Neurone im Mittelhirn spielen frühe Reizüberflutung und/oder unzureichende Reizabschirmung eine besondere Rolle. Unsichere Bindungsbeziehungen, fehlende Strukturen und Rituale, inkompetente Erziehungsstile, Überlastung der Eltern und daraus resultierende übermäßige Reizexposition dürften hierfür auf Seiten der primären Bezugspersonen maßgeblich sein.
    Auf Seiten der Kinder wären angeborene Störungen verschiedenster Genesen, frühe Traumatisierungen, eine besondere Sensibilität und Reizoffenheit und ein ’mismatch’ zwischen elterlichen Erwartungen und kindlichen Reaktionen Faktoren, die zu einer Überstimulation des dopaminergen Systems führen. Wie neuere Untersuchungen mittels ’embryo-transfer’ und ’cross-fostering’ bei Mäusen gezeigt haben, können besonders empfindliche Verhaltensweisen bereits intrauterin erworben werden (Crabbe/Phillips 2003, Francis et al. 2003). ....
    Gleichzeitig verhindern die o.g. Störfaktoren (Überreizung, Inkonsequenz elterlicher Erziehungsstile, wenig Sicherheit bietende Bindungsbeziehungen, elterlicher Erwartungsdruck, Überreizung und mangelnde Reizabschirmung) den Aufbau und die Konsolidierung innerer handlungsleitender Repräsentanzen. Die Angebote an neuronalen Verschaltungen und synaptischen Kontakten können unter diesen Bedingungen nur unzureichend genutzt und stabilisiert werden, und es kommt zu einem maladaptiven ’pruning’-Effekt (Rückbildung nicht nutzungsabhängig stabilisierter Angebote).
    Die damit einhergehende unzureichende Entwicklung exekutiver Frontalhirnfunktionen führt ihrerseits (über Defizite auf der Ebene von Impulskontrolle, Aufmerksamkeitsfokussierung, Handlungsplanung und Folgenabschätzung) wiederum zu einer Überstimulation und einer übermäßig häufigen Aktivierung dopaminerger Neurone im Mittelhirn.
    Damit gerät das betreffende Kind in einen Teufelskreis von überstark entwickeltem Antrieb und unzureichend entwickelter Antriebskontrolle, der nur schwer von Außen zu durchbrechen ist. Eine Vielzahl anderer Funktionen und Ausreifungsprozesse wird dadurch in einer Weise beeinflusst, dass es im Zuge nutzungsabhängiger Anpassungsprozesse nachfolgend zu Veränderungen auf unterschiedlichen funktionellen und strukturellen Ebenen und in verschiedensten Bereichen innerhalb des ZNS kommen kann.“ (S. 124/125)

    Huethers Gedanken zur Therapie demonstrieren deutlich, daß neurobiologische Sichtweisen gerade nicht zur Favorisierung medikamentöser Reaktionen führen:
    „Inzwischen ist mit Hilfe funktioneller bildgebender Verfahren am Beispiel verschiedenster psychiatrischer Störungen nachgewiesen worden, dass psychotherapeutische Interventionen ebenso wie medikamentöse Behandlungen sogar noch im adulten Gehirn zu nutzungsabhängigen Umstrukturierungen neuronaler Netzwerke und synaptischer Verschaltungen führen können. Aus entwicklungsneurobiologischer Perspektive ist davon auszugehen, dass derartige strukturelle Reorganisationsprozesse um so leichter auslösbar sind und um so besser gelingen, je früher sie initiiert werden, d. h. je jünger der Patient ist und je plastischer die in seinem Gehirn angelegten neuronalen und synaptischen Verschaltungsmuster noch sind. Die nachhaltigsten Veränderungen bisheriger Nutzungsmuster lassen sich bei Kindern durch Veränderungen des jeweiligen sozialen Beziehungsgefüges erreichen, das das bisherige Denken, Fühlen und Verhalten der betreffenden Kinder ermöglicht, bestimmt und gefestigt hat. Welche psychotherapeutische, psychosoziale oder pädagogische Intervention sich hierfür am besten eignet und die nachhaltigsten Veränderungen auszulösen imstande ist, muss für jedes Kind unter Berücksichtigung seiner bisherigen Entwicklung und seines sozialen und familiären Umfeldes individuell entschieden werden. Wenn all diese Versuche scheitern und auf diesem Wege keine Besserung erreichbar ist, so mag eine medikamentöse Behandlung im Einzelfall in Betracht gezogen werden.“ (S. 125).

    Kassandra
    November 2004

     

    Zeitzeugen (19)
    Hans Georg Schlack

    "Innerhalb von 10 Jahren (1992-2002) hat die Verordnung von Methylphenidat in Deutschland eine Steigerung um rund das 20fache erfahren. Daraus kann der Schluss gezogen werden, dass eine entsprechend große Zunahme von Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen bei Kindern erfolgt ist oder aber sich (auch) die Behandlungs- und Verordnungsgewohnheiten geändert haben. Es ist bedenklich, daß die enorme Zuwachsrate der Pharmakotherapie des ADHS wenig wahrgenommen, die soziogenen Faktoren in der Pathogenese kaum diskutiert und deshalb Möglichkeiten der Prävention vernachlässigt werden. In diesem Beitrag wird ein integratives pathogenetisches Modell mit besonderer Berücksichtigung beeinflußbarer psychosozialer Faktoren vorgestellt."

    So der international renommierte Prof. Dr. Hans Georg Schlack, Pädiater und Leiter des Kinderneurologischen Zentrums Bonn, der nach 26 Jahren außerordentlich erfolgreicher und höchst kompetenter Arbeit kürzlich in den Ruhestand verabschiedet wurde. Wir haben seine unkomplizierte, unabhängige, fachlich höchst kompetente und dem Alltag unserer Kinder doch so nahe Arbeit immer sehr geschätzt. Die ganz besondere Betonung psychosozialer Einflüsse bei den Krankheiten und Verhaltensauffälligkeiten von Kindern hat ihn unter den deutschen Ärzten immer sehr positiv herausgehoben. Seine Kritik des therapeutischen Wildwuchses und des unreflektierten Störungssuchens bei Kindern sind von nachhaltiger Bedeutung. Wir danken Herrn Prof. Schlack auch von hier aus für die jahrezehntelange kindgerechte Zusammenarbeit sehr herzlich!

    Sein Nachfolger wird übrigens Dr. Helmut Hollmann sein, den wir in der Zusammenarbeit mit dem SPZ des Brühler Heinrich-Meng-Instituts bereits fachlich und persönlich sehr schätzen gelernt haben und der nun nach einem Zwischenstopp in Berlin wieder ins Rheinland zu seiner Familie zurückkehrt.

    Café Holunder
    November 2004

     

    1000 mal hundert
    berührt...

    Klaus Lage hat 1000mal berührt, und 1000mal ist nichts passiert.
    Gilbert Bécaud war "Mr. 100 000 Volt".

    Café Holunder
    aber ist nun das "Café 100 000 Gäste", und es ist viel passiert!

    Seit seiner Eröffnung vor 3 Jahren wurde es in diesen Tagen zum 100 000sten Mal besucht, wobei man wissen muss, dass unser Besucherzähler nur jeweils einmal zählt, egal, wieviele Beiträge und Unterseiten mann oder frau dann jeweils aufmacht. Es werden also wirklich nur die Besucher gezählt, und nicht die Zahl ihrer Kaffees, Holunderliköre oder Kuchenstücke, die sie bestellen.

    Und kein Gast ging mehr so aus dem Café heraus, wie er hineingegangen war. Angeregt, nachdenklich und ermutigt die einen. Beunruhigt, aufgewühlt und wütend die anderen. Und es scheint so, als sollte es noch längere Zeit so bleiben, bis einmal die Geschmäcker für unsere Holundertorte, die Liköre, den Kaffee, die Pistazienpralinen und all die anderen Feinheiten nicht mehr so unterschiedlich sein werden. und es allen gleich gut schmeckt.

    Aber dann wird das Café Holunder schließen, denn Einheitsgeschmack bietet jedes beliebige andere Café auch. Inzwischen allen Gästen ein entspanntes Weihnachtsfest und einen glatten Rutsch ins Neue Jahr!

    Ihr Café Holunder

    12.12.2004

     

    "ADHS"-Vorbeugung (5)
    Affektspiegelung und Selbstkontrolle

    Eine Alltagsbeobachtung im Supermarkt (oder sonstwo): Das Kind im Einkaufswagen erbärmlich und aus voller Seele schreiend, die Mutter mit versteinertem oder krebsrotem Gesicht, vielleicht sogar mit dem Kind schimpfend, es anschreiend oder im Extremfall schlagend . . Die Umgebenden werfen der geplagten Mutter vorwurfsvolle Blicke zu oder machen abfällige Bemerkungen, weil sie sich und ihr Kind offensichtlich nicht unter Kontrolle hat. Zwei Menschen - und zumindest ansatzweise auch die Umgebenden - außer Affektkontrolle.

    Ein angeblich charakteristisches Merkmal von "ADHS" ist die mangelhafte Selbstkontrolle, besonders diejenige der Affekte und Emotionen und der sog. exekutiven Funktionen. Für den amerikanischen ADHS-Guru R.A. Barkley sind Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsdefizite denn auch nicht die Kernsymptome bei "ADHS", sondern lediglich die Folge der (angeblich frontokortikal und genetisch bedingt) gestörten Impuls- und Selbstkontrolle. Allerdings ist nirgends wissenschaftlich belegt, dass dieser Mangel an Selbstkontrolle angeboren oder genetisch bedingt ist. Im Gegenteil, es gibt immer mehr neuropsychologische Erkenntnisse darüber, dass er umweltbedingt-erziehungsabhängig ist. Was die Psychoanalyse und die Bindungstheorie schon wussten, wird immer mehr von der Neuropsychologie und der Hirnforschung bestätigt: Beziehungen, Bindungen und psychosoziale Lernerfahrungen formen und steuern die Hirnentwicklung von Anfang an sogar schon vorgeburtlich intrauterin. G. Hüthers Hirnforschungen und sein "ADHS"-Modell verdeutlichen dies aufs Trefflichste.

    Wir haben bereits mehrmals Beiträge zur Frühprävention kindlicher Verhaltensstörungen wie "ADHS" gebracht, z.B. unter Babyflüsterer, Schreibabies, ADHS-Vorbeugung, Das Baby beim Psychoanalytiker. Heute möchte ich ein weiteres originelles Puzzlesteinchen zum Thema Frühprävention vorstellen, nämlich die sogenannte "mütterliche Affektspiegelung". Dieses ursprünglich von Gergely und Watson 1996 entwickelte Konzept beschreibt, wie Erwachsene die Emotionen eines Säuglings oder Kleinkindes im Sinne einer frühen Selbstkontroll-Unterstützung des Kindes beeinflussen können. Solange die Ich-Funktionen, sprich die Selbstkontrolle, beim Kind noch nicht entwickelt sind, muss der Erwachsene (wie gesagt, nicht nur die Mutter!) diese Kontrolle sozusagen vormachen oder stellvertretend übernehmen, damit die Emotionen des Kindes unter Kontrolle kommen und das Kind nicht hemmungslos überschwemmen. Das Konzept beansprucht, den Schlüssel zum Verständnis des Zusammenhangs zwischen frühen Erfahrungen und späterer Anfälligkeit für psychosozialen Stress zu liefern.

    Konkret wird die Alltagsbeobachtung erfolgreicher Mütter herangezogen. Das sind diejenigen Mütter, die es von Hause aus schaffen, die Erregungen ihres emotional aufgewühlten Kindes zum friedlichen Abklingen zu bringen und das Kind zu trösten, und zwar so: Zunächst ahmt die Mutter die emotionalen Laute des Kindes annähernd nach und klinkt sich damit sozusagen in den emotionalen Zustand des Kindes ein. Dies geschieht natürlich nicht in verhöhnender oder äffisch-demütigender Weise, sondern wirklich ernsthaft mitfühlend. Also ein Ausdruck von Empathie (Affektspiegelung). Gleichzeitig unterscheidet sich aber die mütterliche Emotionsäußerung von derjenigen des Kindes dadurch, dass sie nur eine "Als-ob"-Version liefert. Zum Beispiel übertreibt die Mutter ihren Ausdruck bewusst etwas, oder sie zieht ihn leicht ins Warmherzig-Humorvolle, unterfüttert ihn mit Lautmalereien und Worten. Die Mutter spiegelt also einerseits den kindlichen Affekt, und sie variiert ihn andererseits in Richtung "harmlos", "ist ja nicht so schlimm", "wird ja wieder gut", "Mama ist ganz ruhig". Ausschlaggebend ist: Die Mutter lässt sich von der Emotion des Kindes nicht überwältigen und hinreissen, sondern sie bleibt einfühlsam und gelassen und stellt somit ein Modell für Selbstkontrolle dar, an dem das Kind sich orientieren und in seiner eigenen Selbstkontrolle wachsen kann.

    Und auch das hilft stark, "ADHS" (und vieles mehr) zu vermeiden. Um auf die eingangs geschilderte Beobachtung im Supermarkt zurück zu kommen: Wie wäre es, wenn die Mutter schon am Eingang vorgeschlagen hätte, dass sie heute mal sagen würde, was sie kaufen will, und das Kind müsse dann den jeweiligen Artikel immer suchen. Mutter fährt dazu das Kind durch die Ladenregale und hilft ein wenig. Spaß total!

    Zu vertiefen im Buch des Monats:
    Dieter Katzenbach: Wenn das Lernen zu riskant wird. In: Frank Dammasch/Dieter Katzenbach: Lernen und Lernstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Brandes u. Apsel 2004.

    H.-R. Schmidt
    18.12.2004

    SPRECHSTUNDE

    PsychoMetriX

    Heinrich-Meng

    Jugend-
    Beratung


    Impressum

    Ihr Beitrag

    ADS-Disk
    Forum

    Kunst im Café

    Counter

    Diese Seite:
    Counter

    bke Bundeskonferenz für Erziehungs-
    beratung: