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Hallo liebe Gäste,
die Qualität wissenschaftlicher Forschungsergebnisse steht und fällt mit der methodischen Güte ihrer Untersuchungspläne.
Man muss ja in der Regel die Originaluntersuchungen studieren, um zu sehen, mit welcher Forschungsmethode sie erstellt wurden, um ihre Qualität beurteilen zu können. In meinem Beitrag zu einer vielzitierten Biederman-Studie habe ich Ihnen bereits ein kleines Beispiel geliefert, welche Kritik man dann anbringen kann, so dass zunächst eindeutig wirkende Untersuchungsergebnisse recht fraglich erscheinen.

Ich hatte hierauf früher bereits einmal ausführlich hingewiesen, möchte es aber kurz wiederholen anläßlich der in einem anderen Forum geführten Diskussion über eine amerikanische Studie von B. Seay über Zusammenhänge von Alkoholabhängigkeit und ADHS bei Jugendlichen (die M. Winkler lobenswerter Weise übersetzte; leider nicht fehlerfrei: es hatten nicht 54 Prozent der Gesamtstichprobe eine Alkoholabhängigkeit, sondern 54 Personen, also nur ca. 9 Prozent; das aber nur am Rande. http://f17.parsimony.net/forum29914/messages/5316.htm
http://www.psychologie-online.ch/add/add/alkohol.htm).

Es geht um den wesentlichen Unterschied zwischen einem retrospektiven oder einem prospektiven Untersuchungsplan. Was es damit auf sich hat, zeige ich wieder an dem kleinen Beispiel, das M. Dornes in seinem (sehr empfehlenswerten) Buch "Die frühe Kindheit", S. 218 anführt:

Nehmen wir an, Sie befragen 200 Eltern in Bezug auf Kindesmisshandlung und Sie finden 10 Eltern, die ihr Kind misshandeln. Nun befragen Sie diese 10 Fälle und finden, dass in 9 von ihnen das Elternteil in der eigenen Kindheit selbst misshandelt worden ist. Ihr Untersuchungsergebnis sähe also so aus, dass in 5 Prozent ihrer Gesamtstichprobe aktuelle Kindesmisshandlung vorkommt, und dass 90 Prozent der Eltern, die als Kind selbst misshandelt wurden, später ihr Kind wieder misshandeln.
Sie hätten dies mit einer retrospektiven Untersuchungsanordnung herausgefunden.

Wenn Sie stattdessen ihre Stichprobe von 200 Eltern zunächst danach befragt hätten, wieviele der Eltern als Kind misshandelt worden sind, hätten sie z.B. 49 Elternteile gefunden. Bei weiterer Untersuchung dieser 49 Eltern hätten Sie gefunden, dass 9 von ihnen ihr eigenes Kind wieder misshandeln. Ihr Untersuchungsergebnis sähe diesmal so aus, dass ca. ein Viertel der Eltern ihrer Gesamtstichprobe als Kind misshandelt wurden, dass aber nur 18 Prozent von ihnen ihr Kind wieder misshandeln (und 80 Prozent nicht).
Sie hätten dies mit einer quasi-prospektiven Untersuchungsanordnung herausgefunden.

Eine "reine" prospektive Untersuchung sähe so aus, dass Sie die misshandelten Kinder Ihrer Stichprobe ca. 25 Jahre später noch einmal untersuchen und nachschauen, wieviele von ihnen ihr eigenes Kind wieder misshandeln oder nicht. Dabei stellen Sie z.B. fest, dass von den ursprünglichen 10 misshandelten Kindern eines inzwischen verstorben und 3 kinderlos sind. Von den verbliebenen 6 würden 2 (also 33 Prozent) ihr eigenes Kind misshandeln.

Sie erhalten also teilweise krass unterschiedliche Forschungsergebnisse, je nach Untersuchungsplan. Bei der rein retrospektiven Untersuchung übersehen Sie zwangsläufig all die misshandelten Eltern, die ihr eigenes Kind später nicht misshandeln; solche Eltern tauchen z.B. in der Klinik, in der Sie Ihre Stichprobe gesammelt haben, gar nicht auf. Retrospektive Untersuchungsergebnisse müssen grundsätzlich immer mit besonderer Vorsicht genossen werden, prospektive sind wesentlich hochwertiger und eindeutiger (aber in der Forschungspraxis eben auch viel aufwendiger, teurer und manchmal gar nicht möglich).

Die Untersuchung von Seay ist rein retrospektiv. Deshalb kann man darüber tage- und wochenlang diskutieren, recht schlau wird man aus solchen Untersuchungen aber nie. Dazu sind sie zu fehlerträchtig, zu viele unkontrollierte Variabeln gehen in sie ein.

H.-R. Schmidt
31.12.2001

Eine gewagte Behauptung,
meint jedenfalls H.-R. Schmidt


Kürzlich hörte ich einen Fachmann sinngemäß folgenden Satz sagen (ich habe ihn auch schon mal irgendwo auf einer fachlichen website gelesen, wo ihn sogar ein Psychologe sagte):

"Es geht gar nicht, dass Eltern ihr Kind so erziehen, dass es ADS-typische Symptome entwickelt".

Der Sprecher wollte damit die allgemein verbreitete These untermauern, dass ADS-Symptome nicht erziehungs- bzw. milieubedingt entstehen können, sondern eben alleiniger Ausdruck einer angeborenen neurobiologischen Hirnstoffwechselstörung seien.
Das halte ich für eine sehr gewagte Behauptung, und zwar aus folgenden Gründen:

1. Es wird grundsätzlich geleugnet, dass auch bei "ADS" "Körper" und "Seele", bzw. Genetik und Erfahrung, in ihrem Wechselspiel eine wesentliche Rolle spielen. Das leugnet heute auch der eingefleischteste ADSler nicht mehr. Es gilt eigentlich mittlerweile als Selbstverständlichkeit, dass Kinder mit "angeborenem" mittelschweren ADS in einem besonders günstigen Milieu keine oder nur minimale Symptome entwickeln können, und vice versa. Psychotherapie bei ADSlern, die ja auch immer empfohlen wird, schafft nichts Anderes als ein besonders günstiges ("therapeutisches") Erfahrungsmilieu und hätte als Methode der Wahl gar keinen Sinn, wenn ADS-Symptome erfahrungsunabhängig wären.

2. Es wird behauptet, es gäbe ADS-typische Symptome. In Wirklichkeit sind alle ADS-Symptome unspezifisch, die Diagnose "ADS" oder "HKS" muss auch heute noch in einem Ausschlussverfahren gefunden werden, d.h. eine Reihe von anderen (vielleicht sogar auch noch unbekannten) Störungen, die sehr ähnliche oder identische Symptome verursachen, müssen erst sorgfältig ausgeschlossen werden. Es gibt also keine ADS-typischen Symptome, sondern nur Symptome, die man sich am Schluss des (hoffentlich!) sehr sorgfältigen Ausschlussverfahrens mit "ADS" erklärt, wenn nichts Anderes gefunden wurde.

3. Der Sprecher geht davon aus, dass ADS-Symptome durch Erziehung (ich sage besser: Erfahrung) nicht verursacht, aber wohl moduliert werden können. Was ADS im engeren Sinne (als Hirnstoffwechselstörung) anbelangt, würden ihm HÜTHER u.a. sicher im ersten Teil des Satzes widersprechen. Sie würden daran erinnern, dass die Hirnentwicklung, auch die gestörte, durchaus auch erfahrungsabhängig verläuft. Aber auch allgemein kann man die Verursachung der unspezifischen ADS-Symptomatik durch Erfahrung heute nicht mehr leugnen, vor allem wenn das o.g. Ausschlussverfahren milieubedingte Einflüsse übersieht oder ihre verursachende Wirkung geringschätzt.
Dass die Symptome durch Erfahrung modulierbar sind, habe ich oben bereits erwähnt ("Psychotherapie"), und es zeigt ja die grundsätzliche Beeinflussbarkeit der Störung durch Erfahrung. Dass die Hirnstoffwechselstörung trotz erfolgreicher Psychotherapie unverändert (sozusagen im Hintergrund) weiter (lebenslänglich) vorhanden wäre, wird zwar ebenfalls behauptet, ist aber nirgends nachgewiesen. Auch hier würde HÜTHER wahrscheinlich an die Plastizität des menschlichen Hirns erinnern. Methylphenidat kann ja in (sorgfältig!) ausgewählten Fällen auch nicht heilen, sondern auf chemischem Wege bestenfalls neue Erfahrungsmöglichkeiten eröffnen, deren Nutzung dann mittel- und langfristig den wirklichen "Heilungserfolg" ausmachen kann, wie ich vermute. Also auch hier käme es in vorderster Linie auf korrigierende Erfahrung an (wofür das Medikament nur das Vehikel ist), um Störungen zu überwinden.

Mein Facit: Eine solch gewagte Behauptung, die den Milieufaktor bzw. die Erfahrung so extrem ausblendet, hätte ich mich nicht getraut. Sie?

2.1.2002

Hallo Herr Schmidt,
vielleicht haben Sie es hier schon mal gelesen:
http://www.adhs-hilfe.de/index.htm

unter "Spezifisches" finden Sie fast den selben Satz. Gut, nicht? Krieg ich jetzt den "Café-Holunder-Preis"?
Herzliche (Neujahrs-, aber auch sonst) Grüße, Ihre Dörte
3.1.2002

Liebe Dörte, genau das war die Stelle! Super! Über den Preis werde ich grübeln. Vielleicht das neue Buch von HÜTHER?

Grüße, H.-R. Schmidt
3.1.2002

Wolf-Rüdiger Horn, Kinderarzt und Suchtbeauftragter des BVKJ (Berufsverband der Kinder- u. Jugendärzte)
(am 22.08.01 in PÄDINFORM – KJGD):

In der heutigen Ausgabe der JAMA erscheint unter "Medical News & Perspectives" ein Beitrag von Brian Vastag mit dem Titel "Pay Attention: Ritalin Acts Much Like Cocaine".
Er greift noch einmal die Forschungsergebnisse von Nora Volkow zum Wirkmechanismus von Methylphenidat im Dopaminstoffwechsel auf, erklärt (leider, leider in Englisch) das "Pragmatische Paradox" der durchaus segensreichen Wirkung der Substanz trotz chemischer Nähe zu Kokain und anderen Drogen. Ein Leckerbissen für Neurophysiologie-Freaks!

Dann aber, ziemlich am Schluss auch der Abschnitt: "The long-term dopamine effects of taking methylphenidate for years, as many do, are another unknown. The only two large epidemiological studies conflict. One reports more drug addiction in children with ADHD who took methylphenidate compared with children with ADHD who took no drug (J. Learn. Disabil. 1998; 31: 533-544); the other shows the opposite result (Pediatrics 1999; 104:e20)." (Auf Deutsch: Die Langzeitauswirkungen aufs Dopaminsystem bei jahrelangem Methylphenidatgebrauch, wie ihn viele praktizieren, sind weiterhin unbekannt. Die einzigen beiden großen epidemiologischen Studien hierzu widersprechen sich. Die eine findet mehr Drogensucht bei Kindern mit ADHD, die Methylphenidat nahmen, im Vergleich zu Kindern mit ADHD, die kein Methylphenidat nahmen; die andere behauptet das Gegenteil (Übersetzung von H.-R. Schmidt)).

Möglicherweise macht chronischer Ritalinkonsum doch anfälliger für eine verminderte Hirnaktivität von Dopamin ähnlich wie Kokain? "It's a key question nobody has answered." (Diese Kernfrage hat noch niermand beantworten können).
W.-R. Horn

Meine aktuelle Buchempfehlung:

Im Februar erscheint das aus meiner Sicht hochinteressante Buch von HÜTHER und BONNEY: "ADS Verstehen" (Patmos-Verlag). Prof. HÜTHER dürfte Ihnen als regelmäßigem Gast hier bereits ein klein wenig bekannt sein. Aber auch Prof. BONNEY ist hier im Café Holunder kein Unbekannter (s.hier links unter "Alternativen bei ADS"). Ich verspreche mir und Ihnen Einiges von diesem Buch. Beide Wissenschaftler bringen ja die Entwicklung wirklich im Sinne einer ausgewogenen (nicht biologistischen) Neubewertung kreativ voran.
Mit Gruß, Ihr H.-R. Schmidt

3.1.2002
Hallo,
sehr anschauliche Stimmungsbilder der psychosozialen Rahmenbedingungen unserer Kinder lesen Sie hier:
http://www.stern.de/wissenschaft/spezial/17554_33513.html
http://www.stern.de/wissenschaft/spezial/17554_26009.html?seite=1

Ob nicht hier die WIRKLICHEN Ursachen für "ADS" liegen?
H.-R. Schmidt
4.1.2002

Brüderlein und Schwesterlein
Über Geschwister
von Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

Wenn Sie gefragt werden, ob es zwischen Ihren beiden Kindern in der Konzentrationsfähigkeit mehr Ähnlichkeit gibt als zwischen zwei fremden Kindern aus verschiedenen Familien, antworten Sie wahrscheinlich mit Ja. Genau so würden Sie wohl auf die Frage antworten, ob es zwischen eineiigen Zwillingen, die in der selben Familie aufgewachsen sind, in Bezug auf ihre Intelligenz mehr Übereinstimmung gibt als zwischen eineiigen Zwillingen, die getrennt voneinander in verschiedenen Familien aufgewachsen sind.

Und beide Antworten wären falsch! In Wirklichkeit gibt es, wenn man seelische bzw. geistige Merkmale betrachtet, zwischen wildfremden Kindern im Durchschnitt mehr Übereinstimmung als zwischen Geschwisterkindern, zwischen getrennt aufgewachsenen Zwillingen mehr als zwischen gemeinsam aufgewachsenen. Das verblüfft zunächst. Aber es kann als nachgewiesen gelten, dass sich fremde Kinder und getrennt aufgewachsene Zwillinge in z.B. ihrer Intelligenz im Durchschnitt mehr ähneln als Geschwisterkinder bzw. gemeinsam aufgewachsene Zwillinge. Ähnliches gilt für eine Reihe anderer psychologischer Merkmale, wie Konzentrationsfähigkeit, Gedächtnis, Leistungsbereitschaft und auch Persönlichkeitseigenschaften.

Der "gesunde Menschenverstand" geht ganz im Gegensatz dazu immer wieder davon aus, dass Geschwisterkinder deshalb, weil sie in der selben Familie aufwachsen, die selbe "Umwelt" erleben, so dass Unterschiede zwischen ihnen eben nicht auf diese Umwelt, sondern auf "Vererbung" bzw. die "Gene" zurückzuführen sein müssten. Wenn also in der Familie ein Kind ADS hat und das andere nicht, wird darin ein Beweis für die ausschließlich genetische Verursachung von ADS gesehen. Auch wenn beide Kinder einer Familie ADS haben, wird darin ein Beweis für die genetische Verursachung gesehen. Aber wie so oft, ist es natürlich wieder einmal nicht ganz so einfach!

In Wirklichkeit erleben nämlich Geschwisterkinder ebenso wie gemeinsam aufwachsende Zwillinge ganz unterschiedliche familiäre Umwelten, obwohl sie in der selben Familie aufwachsen. Sie unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht (Alter, Geschlecht, Aussehen, Geburtsrang, Geschwisterrollenkompatibilität zu einem oder beiden Elternteilen, Erziehungsstil der Eltern, Life-Events im Leben der Familie je nach Alter des Kindes..., wobei diese Unterschiede bei eineiigen Zwillingen geringer ausgeprägt sind. Eineiige, gemeinsam aufwachsende Zwillinge erleben ihre familiäre Umwelt ähnlicher (aber nicht identisch) als Geschwisterkinder).
Zwei Jungen aus verschiedenen Familien haben z.B. schon mal das Geschlecht gemeinsam, während sie beide in ihren Familien vielleicht eine Schwester haben, von der sie sich im Merkmal "Geschlecht" stärker unterscheiden als voneinander. Oder: Zwei Mädchen aus verschiedenen Familien, die beide einen älteren Bruder haben, ähneln sich psychologisch in mancherlei Hinsicht mehr als jeweils Bruder und Schwester.

Dieser ebenfalls gut belegte Sachverhalt kann aber die eingangs geschilderten Umstände allein nicht erklären. Fremde Kinder und getrennt aufgewachsene Zwillinge erleben ja auch verschiedene Umwelten (was aber angesichts der immer stärker werdenden Angleichung der Familien in hochentwickelten Gesellschaften immer weniger zutrifft). Nicht-blutsverwandte, fremde Kinder haben normalerweise keine gemeinsamen Gene. Geschwisterkinder haben dagegen im Durchschnitt 50 Prozent, eineiige Zwillinge 100 Prozent gemeinsame Gene. Deshalb kann der Umstand, dass Zwillinge und (geringer) auch Geschwister gehäuft gemeinsam die Diagnose "ADS" bekommen, natürlich auch auf "die Gene" zurückzuführen sein. Aber eindeutig ist dies nicht, solange diese "ADS-Gene" nicht identifiziert sind, und wenn man das Beispiel der Schizophrenie-Forschung oder der Alzheimer-Krankheit heranzieht, sollte man sich beim Finden solcher genetischen Ursachen keinerlei vorschnelle Hoffnungen machen. Bei Schizophrenie scheinen hunderte verschiedene Gene im Sinne eines Puzzles Einzelteile in völlig unbekannter Art und Weise beizusteuern. Bei Alzheimer sind meines Wissens erst 3 solche Gene bekannt.

Von grundsätzlichen Unsicherheiten der "ADS"-Diagnose sei hier einmal ganz abgesehen: "ADS"-Häufungen bei Geschwistern, in Familien und bei Zwillingen können auch im subjektiven Erleben der "Betroffenen", in der Fragwürdigkeit alltäglicher Diagnosepraxis, in der Mehrdeutigkeit sog. "ADS-Symptome" sowie in der Unzulänglichkeit der Forschungsdesigns begründet sein. Eine in dieser Hinsicht typische Aussage eines "ADS"-betroffenen Erwachsenen, der mitteilte, dass er "überall ADS bei anderen Menschen entdeckt, seit er selbst die Diagnose hat", mag diesen Sachverhalt verdeutlichen. Wenn über Geschwister gesagt wird, sie seien beide hyperaktiv, muss das keineswegs bedeuten, dass beide "ADS" haben. Hyperaktivität (was immer das genau sein mag) kann ja bei jedem der Geschwister verschiedene Ursachen haben.

Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten zwischen Geschwistern können also im Durchschnitt theoretisch zu 50 Prozent auf "die Gene" und zu 50 Prozent auf "die Umwelt" zurückgeführt werden. "So oder so", sagt man dazu im Alltag, um zum Ausdruck zu bringen, dass man es im Grunde nicht weiss.

Verfechter einer genetischen ADS-Theorie werden einwenden, dass der Umstand, dass Geschwisterkinder gehäuft die Diagnose "ADS" haben, in Anbetracht ihrer relativen umweltbedingten "Unähnlichkeit" wiederum die Genetik hervorhebt. Sie könnten Recht haben; entgegenhalten kann man ihnen aber, dass Geschwister ja "unähnlich", aber dennoch gemeinsam schädigend aufwachsen können: das erste Kind einer Familie leidet z.B. unter der Alkoholkrankheit der Mutter, das zweite (nachdem die Mutter abstinent geworden war), unter der Ablehnung des Vaters, der davon überzeugt ist, dieses Kind stamme vom Liebhaber seiner Frau.

Man muss sich aber nun fragen, warum es so ist, dass sich Kinder aus fremden Familien und getrennt aufgewachsene Zwillinge mehr ähneln als Geschwisterkinder und gemeinsam aufgewachsene Zwillinge.

Die psychologische Erklärung liegt in der natürlichen Geschwisterrivalität, die es nur bei gemeinsam aufwachsenden Kindern gibt. Geschwister wollen (müssen) sich voneinander abgrenzen, unterscheiden, um ihre ganz eigene und unverwechselbare Individualität zu entwickeln. Auch bei gemeinsam aufwachsenden Zwillingen lässt sich dies beobachten, wenn es nicht sogar von den Eltern bewusst gefördert wird. Dieser Faktor übt eine starke Wirkung auf "die Gene" aus, er kann genetische Dispositionen im Verhalten umformen, zurückdrängen oder befördern. Er begründet die eingangs genannten Unterschiede.

Genetische Ursachen ließen sich am deutlichsten aufzeigen, wenn man getrennt aufgewachsene, eineiige Zwillinge untersucht (was natürlich meist unmöglich ist, sowas gibt´s einfach zu selten). Warum? Weil sich bei ihnen der familiäre Umweltfaktor am besten kontrollieren ließe. Geschwisterrivalität wäre als Einflussfaktor ausgeschlossen. Eineiige, aber gemeinsam aufwachsende Zwillinge unterliegen im Vergleich zu ihnen "ähnlicheren" Umwelteinflüssen, vergleichbar Geschwisterkindern, die aber noch "unähnlichere" Familien erleben. Auch bei Einzelkindern würde zumindest der prägende Einfluss der Geschwisterrollen wegfallen.

6.1.2002

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