Willkommen im CAFÉ HOLUNDER
ARCHIV:

ADS: Gibt´s das wirklich?

ADS-Bücher: Kritisch
betrachtet

Ritalin: Ein folgen-
schwerer Irrtum

Aus der Sicht unserer
Kinder

Das Verschwinden der Mädchen von der
Bildfläche

Gibt es ein Bisschen ADS?

Exklusiv: Die HÜTHER-Studie

Das Anlage-Umwelt-
Problem

Oh wie verführerisch
ist doch das ADS!

Alternativen bei ADS

Fragiles X-Syndrom

Alternative Behandlung
bei ADD

Familie und ADS

Alternative Sichtweisen bei ADS

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 1

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 2

Quellensammlung

Böse Witze

Jacob Cartoons


ADS-KRITIK
36 35 34 33 32 31 30 29 28 27 26 25 24 23 22 21 20 19 18 17 16 15 14 13 12 11 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1


Liebe Gäste,

herzlich willkommen auf der 31. Seite von Café Holunder, das dieses Jahr stolze 5 Jahre alt wird!
Als Auftakt komme ich noch einmal auf
Lydia Furman zurück, die wir im Forum schon kurz kennengelernt haben. Furman ist Ärztin am Rainbow Babies & Children’s Hospital, Cleveland, USA. Ihr lesenswerter Beitrag im Journal of Child Neurology verdient gerade hier bei uns eine besondere Würdigung, fasst sie doch sehr treffend zusammen, was wir bereits seit Jahren feststellen. Ich übersetze kommentarlos das Abstract:

Was ist ADHS ?

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wird als die meistverbreitete neuropsychologische kindliche Störung dargestellt. Wir bezweifeln aber, dass ADHS eine Krankheit per se ist. Stattdessen handelt es sich vielmehr um eine Ansammlung von Symptomen aller möglichen emotionalen und psychologischen Störungen und/oder Lernschwierigkeiten. Immer mehr Kinder, vor allem Jungen, werden mit ADHS diagnostiziert und ganz simpel mit Stimulanzien behandelt. Eine sorgfältige Sicht der wissenschaftlichen Studien lässt an diesem Zustand Bedenken aufkommen:

Die Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität sind nicht spezifisch für ADHS. Andere sog. komorbide psychiatrische Diagnosen und Lernprobleme wie Depressionen und Ängste überschneiden sich in der Symptomatik zu 12 bis 60 Prozent mit ADHS. Dazu kommen diagnostische Probleme und die Erfolge evidenzbasierter Behandlungsmethoden ohne Einsatz von Psychostimulanzien.

Es gibt keinen zuverlässigen neuropsychologischen Test für ADHS. Strukturelle und funktionelle neurologisch-bildgebende Verfahren konnten keinerlei spezifische Ätiologie entdecken. Ein eindeutiger genetischer Marker konnte ebenso wenig gefunden werden, und Erblichkeitsstudien sind mit familiären Umweltfaktoren konfundiert. Die Gültigkeit der revidierten Conners-Skala wurde inzwischen ernsthaft in Frage gestellt, Eltern- und Lehrerfragebögen für Schulkinder sind häufig diskrepant und legen den Schluss nahe, dass der Gebrauch subjektiver, mit Einschätzskalen oder Interviews erhobener Daten keine zuverlässige diagnostische Grundlage abgibt. Studien, die das Verhalten unter Stimulanziengabe erforschten, zeigten keine Unterschiede zwischen ADHS- und Nicht-ADHS-Kindern.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die derzeit herrschende Lehre, ADHS sei eine spezifische neuropsychologische Krankheit, einer genaueren wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhält. Wir müssen stattdessen die erzieherischen, psychologischen, psychiatrischen und familiären Bedürfnisse der Kinder besser berücksichtigen, um ihnen gerecht zu werden.

Freundliche Grüße,
H.-R. Schmidt
20.2.2006


Einladung zum
Westerburger Dialog
Thema
ADS:
Erkrankung - Erfindung
- Erziehung?

Referenten:

  • Dr. med. Michael Winterhoff Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Bonn
  • Hans-Reinhard Schmidt Diplom Psychologe, Leiter der Erziehungs- und Familienberatungsstelle für die Städte Wesseling und Brühl, Betreiber der Website www.ads-kritik.de

Moderation: Herbert Seitz-Stroh Diplom Psychologe, Ltd. Psychologe der Rehbergklinik, Herborn

Programm
14:00 Uhr
Begrüßung: Wilfried Kehr, Leiter des Diakonischen Werkes im Westerwaldkreis
14:10 Uhr
Einführung: Herbert Seitz-Stroh, Diplom Psychologe
14:15 Uhr
Mein Kind hat ADS? - Das gibt's doch nicht!
Hans-Reinhard Schmidt
, Diplom Psychologe
15:00 Uhr
Pause Imbiss und Getränke
15:15 Uhr
"Löcher" in der Psyche vieler Heranwachsender? Überlegungen zu frühkindlichen Reifungsdefiziten.
Dr. med. Michael Winterhoff

16:45 Uhr
Diskussion
17:30 Uhr
Ende der Tagung

Veranstalter: Diakonisches Werk im Westerwaldkreis
Psychologische Beratungsstelle

Datum:
Mittwoch, 26. April 2006
Zeitrahmen:
14:00 Uhr - 17:30 Uh
Veranstaltungsort: pfarrer-ninck-haus (Evangelisches Gemeindehaus), Danziger Straße 7, 56457 Westerburg
Tagungsgebühr:
15,00 Euro (zahlbar an der Tageskasse)

Schriftliche Anmeldungen mit diesem Anmeldebogen (bitte ausdrucken, ausfüllen und per Post oder Fax abschicken)

Die Veranstaltung wird bei der Ärztekammer, der Psychotherapeutenkammer und dem IFB als Fortbildungsveranstaltung zertifiziert. Entsprechende Teilnahmebescheinigungen werden ausgestellt.


Satire Neues aus der ADHS-Forschung:
Nationalgefühl hilft gegen ADHS

Man weiss bereits, dass Religiosität gegen ADHS helfen kann. Nun sind die beiden Forscher Prof. Dr. mult.Trutbert Pothmann-Brebeck und sein Kollege Dr. Friedolin Auerbach-Doppeldecker von der Berliner Carité der Vermutung nachgegangen, dass auch nationale Gefühle und Nationalstolz als therapeutische Alternative gegen ADHS helfen können. Sie spielten erwachsenen ADHS-Patienten Nationalhymnen vor und konnten feststellen, dass die ADHS-Symptomatik daraufhin erheblich nachließ. Der Effekt überdauert derzeit zwar noch nicht die Dauer der Nationalhymne, aber die Forscher arbeiten bereits an einem handlichen ADHS-MP3-Player, über den die Patienten den ganzen Tag Nationalhymnen hilfreich zugespielt bekommen können. Ob es Zusammenhänge zwischen ADHS und Rechtsradikalismus gibt, steht als nächstes auf der Versuchsanordnung.

Mit einem interessanten Lehrfilm stellen die Forscher den bisherigen hilfreichen Effekt unter Beweis. Der Film zeigt die beiden Wissenschaftler (die zwecks Doppelblindversuch beide Melonen tragen) in der Arbeit mit einem erheblich unterdosierten erwachsenen ADHSler. Beim Erklingen der Nationalhymne bessert sich die Symptomatik schlagartig, allerdings aufgrund der oppositionellen Tendenz des Patienten vorerst nur kurzfristig. Aber der Anfang sei damit gemacht. Man könne den weiteren Forschungsergebnissen sehr optimistisch entgegensehen, so Auerbach-Doppeldecker in der RTL-Sendung "BILD dir deine Fachmeinung".

Hier geht´s zum Lehrfilm. Tipp: Wem das Herunterholen zu lange dauert, der möge seine Ritalindosierung überprüfen.

Ulli
16.3.2006


FDA fordert erweiterte Warnhinweise für ADHD-Medikamente

WASHINGTON (Dow Jones)--Die US-Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) fordert erweiterte Warnhinweise für Medikamente zur Behandlung von Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHD). Wie die Behörde am Dienstag unter Berufung auf das Ergebnis einer Untersuchung mitteilte, soll damit die Aufmerksamkeit für die Risiken von Psychosen und Manien im Zusammenhang mit ADHD-Medikamenten erhöht werden.

Die FDA legte eine aktualisierte Sicherheitsstudie für mehrere ADHD-Medikamente darunter ,Concerta" von Johnson & Johnson, ,Adderall" der Shire Pharmaceuticals Group, "Strattera" der Eli Lilly & Co und ,,Ritalin" der Novartis AG vor. In der Studie wurden die Risiken von ADHD-Medikamenten in Bezug auf Herz- und Gefäßkrankheiten und psychische Schäden untersucht. Die nun geforderte Verschärfung der Wamhinweise bezieht sich den Angaben zufolge vor allem auf die Risiken einer Psychose im Zusammenhang mit einer ADHD-Behandlung.

Vergangenen Monat hatte ein Beratergremium der FDA bereits gefordert, den meisten Medikamenten eine so genannte ,,Black-Box-Warnung" vor möglichen Herzattacken oder -infarkten vorzuschreiben. Eine ,,Black-Box-Warnung" ist die schärfste Warnung der FDA und wird von der Behörde in der Regel nur bei schwerwiegenden Risiken verlangt.

Ob die nun geforderten verschärften Warnhinweise für psychische Risiken ebenfalls in einer Black-Box-Warnung erfolgen sollen, teilte die FDA nicht mit. Viele Pharmahersteller warnen bereits jetzt in den mehrseitigen Fachinformationen der Medikamente vor möglichen psychischen Belastungen durch die ADHD-Behandlung. In der kommenden Woche will sich ein Beratergremium auf Basis der FDA-Studie mit den Risiken der AHDH-Medikamente befassen und möglicherweise konkrete Warnhinweise empfehlen.

Von Jennifer Corbett Dooren, Dow Jones Newswires
FAZ.NET vom 15.3.2006


ADHS und Tardive Dyskinesie

In einem bekannten ADHS-Internetforum berichtet eine Mutter:
"Ich habe einen 10-jährigen Sohn und er hat ADS. Er wurde im letzten Jahr auf ADS getestet und bekommt seit Mai letzten Jahres, erst Medikinet später dann Medikinet Retard. Seit ca. 3 Monaten hat er allerdings Tics entwickelt. Tics hatte er vorher noch nie! Er verdreht die Augen unkontrolliert nach oben und blinzelt anschließend mehrmals schnell hintereinander. Außerdem muss er ständig seine Finger bewegen. Er ist zunehmend unruhiger und in der Schule wohl auch nicht mehr so aufmerksam. Seine Lehrerin sagt, es ist zwar nicht so krass wie ohne Medikamente, aber es war schon wesentlich besser und die Tendenz ist, dass es sich immer mehr verschlechtert".
Im besagten Forum wird diese alarmierende Symptomatik verkannt und verharmlost. Man rät der Mutter sogar zu einer medikamentösen Dosiserhöhung oder zur Wahl eines anderen Psychopharmakums (ohne einen Arzt zu befragen).

Worum handelt es sich:
Die von der Mutter umschriebene Symptomatik könnte eine Tardive Dyskinesie sein. Tardive Dyskinesie-Syndrome treten während und nach der Gabe von Dopaminrezeptorblockern auf. Es handelt sich um ein extrapyramidales Syndrom, das aus den Spätfolgen der Behandlung mit Neuroleptika und Psychopharmaka folgt. Zumeist sind es Bewegungsstörungen im Gesichtsbereich (Zuckungen, Schmatz- und Kaubewegungen) oder Hyperkinesen (unwillkürliche Bewegungsabläufe) der Extremitäten. mit kauenden, grimassierenden, eher rhythmischen Bewegungen im Kieferbereich, Zungen- und Mundbereich, mit Zungenwälzen in Ruhe, eventuell gelegentliches Herausfahren der Zunge aus dem Mund ("fly catchers tongue"). Die Atmung kann in Mitleidenschaft gezogen sein. Häufig sind rhythmische Bewegungen der Hände wie "Klavierspielen in der Luft" und Wippen des Rumpfes, (Beckendyskinesie, kopulatorische Dyskinesie). Hier im Café Holunder hat Breggin ein erschütterndes Fallbeispiel dazu berichtet (
Alec´s Geschichte).

Ein wesentliches Kriterium ist das Andauern der Symptome auch lange nach dem Absetzen der verursachenden Pharmaka. Typischerweise werden die tardiven Dyskinesie-Syndrome mit der Zeit immer schlimmer oder machen sich oft erst bemerkbar nach dem Absetzen der Dopaminrezeptorblocker. Eine Dosiserhöhung beseitigt die Symptome zwar oft, macht alles aber in Wirklichkeit nur noch schlimmer, weil der hirnschädigende Prozess dann im Hintergrund unverändert weiterläuft, symptomatisch aber gar nicht mehr auffällt. Manche Ärzte begehen auch den ernsten Kunstfehler, die Symptome mit zusätzlichen starken Medikamenten beheben zu wollen, was in einer Katastrophe enden muss. Ernsthafte Nebenwirkungen werden dabei nur unterdrückt, statt dass das hirnschädigende Psychopharmakum einfach ausgeschlichen wird. Breggin hat im Café Holunder dafür ein erschreckendes klinisches Fallbeispiel berichtet.

Die tardiven Dyskinesien sind nach langfristigen Therapien mit Psychopharmaka also häufig unheilbar und sprechen auch auf Antagonisten wie Betablocker nicht mehr an. Das Gehirn ist unwiderruflich zerstört, die Betroffenen sind für ihr restliches Leben behindert.

Was heisst das für die eingangs zitierte Mutter?
Es handelt sich also um mögliche Dauerschädigungen des menschlichen Gehirns als Folge der Medikation mit Neuroleptika und Psychopharmaka. Dass auch Psychostimulantien wie Methylphenidat (Ritalin etc.) solche ernsthaften Schäden verursachen können, hat ebenfalls
Breggin in einer sehr sorgfältigen Analyse vorliegender, aber von der Schulmedizin gern unterschlagener Forschungsergebnisse betont. Man kann der Mutter also nur dringend raten, das Medikament sofort abzusetzen und nach guten psycho-sozialtherapeutischen Hilfsmöglichkeiten für sich und ihr Kind zu suchen, inklusive eines besseren Kinderarztes.

P.S.: Das besagte Internetforum ist auch sonst eine wahre Fundgrube klinischer Fallstudien und dem erschreckenden schulärztlichen Umgang mit "ADHS". Mütter schildern dort ihre Erfahrungen. Wenn man das regelmäßig liest, kann man nur eine Schlussfolgerung ziehen:
ADHS gehört endlich in die Hände von Nicht-Ärzten (Psychologen, Heilpädagogen, Sozialarbeitern, Homöopathen, auch Super-Nannys). Ärzte brauchen wir dabei nur im Rahmen einer medizinischen Ausschlussdiagnose.

Dörte
30.3.2006


Zeitzeugen (22)

Sigmund Freud

Der Entdecker des Unbwussten und der Psychoanalyse wird dieser Tage 150 Jahre alt und erlebt derzeit eine Renaissance. Immer mehr neurobiologische und neuropsychologische Forschungen zeigen, dass es beispielsweise wirklich ein Unterbewusstsein gibt oder dass Psychotraumata Niederschläge im Zentralnervensystem nach sich ziehen. Auch sonst bestätigt sich mit modernen Forschungsmethoden vieles von dem, was Freud lediglich durch Menschenkenntnis herausgefunden hatte. So erfreut sich die Psychoanalytische Theorie einer Neuauffrischung und Revision im Sinne einer konstruktiven Weiterentwicklung.
Auch für unser Thema "ADHS" bietet sich psychoanalytisch betrachtet Interessantes. So kann man sagen, dass jede kulturelle Epoche ihre spezifischen psychogenen Störungen aufweist. Zu Freuds Zeiten dominierte sozusagen eine Verbündung mit dem Über-Ich. Strenge Normen und sittlich-sexuelle Gebote und Tabus, die unangreifbare Autorität der Eltern und der Obrigkeit erzeugten seelische Krankheiten wie die Hysterie, Angststörungen oder Zwangskrankeiten.

Dies hat sich inzwischen grundsätzlich gewandelt. Heute dominiert sozusagen eine Verbündung mit dem Es. Eine Tempo- oder Schnellfeuergesellschaft (DeGrandpre), in der man nicht mehr warten kann, in der die Eltern, die Lehrer oder die Politiker (der Staat) keine Respektspersonen mehr sind, in der rasche Triebbefriedigung und Hedonismus angesagt sind, in der Kinder häufig ihren Eltern "über den Kopf wachsen" und parentifiziert sind, erzeugt neue, nämlich externalisiernde seelische Störungen: zum Beispiel innerlich unsichere, sozial unangepasste, halt- und rücksichtslose, hyperaktiv-impulsive Kinder. Diesen sogenannten ADHS-Kindern fehlt ein äußerer und damit innerer klarer Bezugsrahmen, sie sind sich selbst überlassen und seelisch verwahrlost. Eine Mutter sagt zu ihrem aggressiven pubertierenden Sohn prototypisch: "Mach, was du willst!" Und genau dies macht er auch seit Jahren.

Kein Wunder, wenn Verhaltenstherapie bei diesen Familien fruchtet, bietet sie doch den festen und strukturierenden Rahmen, den die Kinder familiär und gesellschaftlich im Grunde früh vermissen. Denn sie leiden nicht an einer medizinischen Krankheit. Sie leiden an kulturell mitbestimmten seelischen Störungen.

Auch das lehrt uns Freud.

http://www.150jahre-freud.de

Café Holunder
Mai 2006


Ist mein Kind noch normal?

Unruhig und unkonzentriert: Bei Kindern mit diesen Symptomen wird häufig ADHS diagnostiziert. Zu oft, sagen Experten und kritisieren vor allem die schnelle Verschreibung von Psychopharmaka.

In der Juniausgabe 2006 der neuen Zeitschrift emotion können Sie einen kritischen Beitrag zum Thema lesen. Es kommen darin Hüther, HRSchmidt, Huss und DeGrandpre vor.

 


Seifenblase Ritalin

Wenn von Therapie der ADHS gesprochen wird, wird zwar offiziell eine multimodale Therapie empfohlen (also eine Kombination von erstrangiger psychotherapeutischer und stets nachrangiger medikamentöser Behandlung). Im Alltag ist das aber nach wie vor die Ausnahme. Überwiegend bedeutet "Therapie" die ausschließliche Gabe von Psychopharmaka. Wenn überhaupt eine Art von Psychotherapie stattfindet, dann eine nachrangige-nebensächliche. Meist wird sie von Betroffenen nicht ernst genommen. Kein Wunder auch: "Ritalin" wirkt prompt und mühelos. Wozu psychotherapeutisch hart an sich arbeiten, wenn es die Pharmaindustrie im Gehirn so einfach zu erledigen scheint? Pille einwerfen und gut!

Die Kurzzeitwirkung von "Ritalin" auf menschliches Verhalten ist eindeutig belegt. Dabei ist die Diagnose eher unwichtig, der Stoff wirkt in vielen Verhaltensbereichen. Eine der ersten Anwendungen war ja bekanntlich die Ruhigstellung von amerikanischen Ghetto-Kindern in chaotischen Schulklassen (die verzweifelten Lehrer der Berliner Rütli-Schule haben davon kürzlich wahrscheinlich noch nichts gehört...).

Wenn es aber um die therapeutische Langzeitwirkung geht, sieht es düster aus:

  • Ausschließlich mit "Ritalin" behandelte Kinder haben keine bessere Langzeitprognose als unbehandelte (Charles & Shain 1981)
  • Bei Kontrollen 9 Monate nach Therapieende ausschließlich mit "Ritalin" behandelter Kinder waren alle Therapieeffekte wieder verschwunden (Pelham u.a. 1980)
  • Nur mit "Ritalin" behandelte ADHS-Kinder wurden später 10 - 20mal so oft kriminell wie unauffällige Kontrollkinder (Satterfield u.a. 1982)

Die Therapieeffekte bei "Ritalin" zerplatzen also wie eine Seifenblase, sobald man die Pille absetzt, von den bekannten und unbekannten (Langzeit-)Nebenwirkungen ganz zu schweigen. Die aus dieser Beobachtung hergeleitete Behauptung, ADHS sei unheilbar und müsse deshalb lebenslänglich medikamentiert werden, ist zynisch und hat nur den Umsatz der Pharmaindustrie im Auge. Von wirklicher Therapie kann im Grunde gar keine Rede sein. Menschliches Verhalten wird nur vorrübergehend im Sinne einer soziokulturellen Erwünschtheit medikamentös angepasst.

Es muss nun endlich die offizielle Lesart ernstgenommen werden: Erstrangig muss Psychotherapie im Sinne einer systemischen Familientherapie sein, in die sich eine Medikamentation im Einzelfall hilfreich einfügen kann. Wie gesagt: Im wohl überlegten Einzelfall, also in höchstens 5 Prozent der "ADHS"-Fälle.

Die (billige) Pille muss nachrangig sein. Das müssen uns unsere (teuren) Kinder wert sein. Denn psychotherapeutisch erzielte Verhaltensänderungen haben einen entscheidenden Vorteil: sie sind keine Seifenblasen, sondern nachhaltig.

Literatur:

Satterfield JH, Hoppe CM, Schell AM.
: A prospective study of delinquency in 110 adolescent boys with attention deficit disorder and 88 normal adolescent boys. Am J Psychiatry.1982 Jun;139(6):795-8
Charles L, Schain R.:
A four-year follow-up study of the effects of methylphenidate on the behavior and academic achievement of hyperactive children. J Abnorm Child Psychol.1981 Dec;9(4):495-505.
Pelham WE Jr, Wheeler T, Chronis A.:
Empirically supported psychosocial treatments for attention deficit hyperactivity disorder. J Clin Child Psychol.1998 Jun;27(2):
190-205.

H.R.Schmidt
24.5.2006


Diagnose ADS: Hilfestellung oder Verunsicherung?
Eine Betrachtung der Problematik aus verschiedenen Perspektiven in der Auseinandersetzung mit der Individualpsychologie und die daraus resultierenden Erkenntnisse für die Individualpsychologische Erziehungsberatung.

So lautet der Titel einer Diplomarbeit, die Annerös Treichler aus der Schweiz ausarbeitet. Ich habe ihr in einem online-Interview dafür einige Fragen kurz beantwortet:

Die Diagnose ADS ist für viele Eltern insofern hilfreich, als sie von Schuldgefühlen befreit. In der Familientherapie wird davon ausgegangen, dass das Kind Symptomträger einer familiären Unstimmigkeit ist. Wie gehen Sie mit den Schuldgefühlen und der Verunsicherung der Eltern um?

Die bei ADHS vermeintliche Befreiung der Eltern von Schuldgefühlen ist eine arge Selbsttäuschung und einer der Gründe, warum das gegenwärtige ADHS-Konstrukt so angenommen wird (der zweite Grund liegt in der Medikamentenwirkung).

Schuldgefühle sind grundsätzlich erst einmal etwas Positives, weil sie nach Reflektion, Änderung und Verbesserung von Missständen streben, genauso wie z.B. Angst eine ganz natürliche Schutzfunktion hat. Ohne Schuldgefühle ändern Menschen nichts an Missständen und Fehlern. In der Familientherapie stellt sich schnell heraus, dass die Schuldgefühle der Eltern im Sinne eines absichtlichen, bewussten Fehlverhaltens fast nie begründet sind. Vielmehr zeigt sich, dass das Gefühl der Eltern, dass etwas in der Familie psychodynamisch "schiefläuft", für ihr großes Verantwortungsgefühl und ihren guten Willen spricht. Die anfänglichen Schuldgefühle sind dann rasch verschwunden und eine verstehende, nach Lösungen suchende Athmosphäre verspricht Hilfe und wirkliche Entlastung.

Von Wolfgang Bergman wird unter anderem postuliert, dass der "abwesende Vater" ein Mitverursacher für die Symptomatik ADHS ist, weil er seine wichtige Aufgabe als Orientierungs- und Ordnungsgebender nicht erfüllen kann. Können Sie das bestätigen?

Ja, unbedingt. Besonders mütterliche Überbehütung/Verwöhnung/Überforderung bei väterlicher Abwesenheit bzw. Schwäche spielen anscheinend eine wichtige Rolle, aber wohl nicht allein bei "ADHS", sondern bei vielerlei kindlichen Verhaltensstörungen (z.B. Kriminalität), wie denn auch "ADHS" kein einheitliches Störungsbild darstellt, sondern immer mehr zur Einheitsdiagnose aller möglichen Verhaltensprobleme zu werden scheint.

Martin Dornes weist darauf hin, dass oftmals bereits bei der Geburt unterschiedliche Temperamente spürbar sind: leicht irritierbare, schwer erwärmbare und pflegeleichte Babys. Gemäss dieser Disposition neigen leicht irritierbare Kinder eher dazu, ein ADHS zu entwickeln. Sehen sie dies in ihrer Praxis bestätigt?

Ja. Allerdings müssen schädliche Umwelteinflüsse im Sinne von Erziehungsfehlern oder familiären Störungen etc. hinzukommen. Die unterschiedlichen Temperamente allein bewirken keine spätere Störung.

Welches ist Ihrer Erfahrung nach die häufigste Ursache für die Symptomatik?

Nachlässige, verwöhnende Erziehung (laisser-faire) bei temperamentvollen Kindern.

Wie hoch ist der Prozentsatz an ADS-Kindern, denen in der Familientherapie geholfen werden kann?

Wenn eine Familie diese Therapie intensiv nutzt, schätze ich 90 Prozent. Viele solche Familien nutzen Familientherapie aber ungern, weil die Vorstellung einer körperlichen Krankheit und das angeblich dazugehörige Medikament, wie gesagt, scheinbar entlastet und einfacher funktioniert.

Was hilft ADHS–Kindern am meisten?

Wenn man sie nicht so nennt, sie also nicht pathologisiert, sondern gemeinsam mit ihren Eltern sorgfältig und wohlwollend nach Ursachen und Lösungen im Familienleben sucht.

Gibt es Situationen, in denen auch Sie, als bekannter ADS-Kritiker eine medikamentöse Behandlung als unumgänglich betrachten? Wenn ja, in welchen Situationen? Wie hoch ist der Prozentsatz?

Ja. Von 55 sog. "ADHS"-Kindern, die ich in letzter Zeit gesehen habe, war eine vorübergehende Medikation auch aus meiner Sicht bei 2 Kindern nötig, damit überhaupt eine Psychotherapie starten und fruchten konnte. Die Medikation wurde aber nach einem halben Jahr wieder abgesetzt. Bei 25 dieser Kinder, die MPH einnahmen, als ich sie kennenlernte, wurde die Medikation abgesetzt, was Bedingung für eine Therapie bei mir war. Bei den restlichen gab es zwar eine Diagnose, aber keine Medikation, weil die Eltern sie ablehnten.

Hat die Problematik ADS zugenommen, oder wird sie nur vermehrt thematisiert?

Beides. Die Zahl der orientierungslosen, verwöhnt-vernachlässigten und sozial schlecht angepassten Kinder nimmt offenbar zu, was mit Recht auch vermehrt thematisiert wird. Aber mit der Zunahme einer Krankheit "ADHS" hat das nichts zu tun, die gibt es nämlich gar nicht.

HRSchmidt
30.5.2006


Das betrifft auch ADHS:

DSM-IV und Pharmaindustrie

Mehr als 50 Prozent der Mitglieder der beratenden Fachausschüsse des DSM-Klassifikationssystems haben finanzielle Verbindungen zur Pharmaindustrie. Wie die jüngste Ausgabe der Fachzeitschrift ,,Psychotherapy and Psychosomatics" (75 Nr. 3/2006) berichtet, werden in der Arbeitsgruppe ,,affektive Störungen" sogar 100 Prozent der Mitglieder mit Forschungsgeldern aus dem Pharmasektor gefördert oder haben Beraterverträge mit Pharmafirmen. Bei Angststörungen sind es immerhin noch über 80 Prozent.

,,Immer wieder gab es Diskussionen darüber, warum vertraute oder bewährte Diagnosen bei den regelmäßigen Überarbeitungen verschwanden, z. B. die Neurosen", stellte Bundes-Psychotherapeutenkammer-Präsident Prof. Dr. Rainer Richter fest. Finanzielle Verbindungen sind in denjenigen diagnostischen Bereichen am häufigsten, in denen die pharmakologische Behandlung die Standardbehandlung ist. Angesichts dieser Ergebnisse befürchten die Studienautorinnen einen verdeckten Einfluss der Pharmaindustrie auf das DSM und empfehlen eine stärkere Transparenz der finanziellen Verflechtungen von DSM-Mitgliedern mit der Pharmaindustrie.

Das DSM-IV ist die vierte Version eines Klassifikationssystems für psychische Störungen, das 1952 erstmals von der American Psychiatric Association in den USA herausgegeben wurde (DSM: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders).

Quelle: BPtK-Newsletter 2/2006


Immer mehr Kinder werden mit Psychopharmaka behandelt

New York - In den USA hat sich die Zahl der Kinder, die mit Psychopharmaka behandelt werden, im letzten Jahrzehnt versechsfacht. Neben den ADHS-Medikamenten werden zunehmend auch atypische Neuroleptika zur Behandlung von Verhaltens- und Entwicklungsstörungen eingesetzt. Am häufigsten erhalten Jungen von Eltern europäischer Herkunft diese Medikamente, wie aus einer Studie in den Archives of General Psychiatry (2006; 63: 679-685) hervorgeht.

Mehr als 1,2 Millionen Mal haben US-Ärzte im Jahr 2002 Psychopharmaka an Kinder oder Jugendliche rezeptiert, berichten Mark Olfson von der Columbia University in New York und Mitarbeiter, die Gesundheitsstatistiken der Centers of Disease Control and Prevention (CDC) analysiert haben...

Lesen Sie weiter im Deutschen Ärzteblatt


Nanopartikelanalyse erkennt Krankheiten vor Ausbruch
"nano" in 3sat vom 22.02.06
außerdem in: MDR, SWR, WDR
Moderator: Ingolf Baur
Redaktion: Andrea Wengel

Die Presse und die Medien griffen es dankbar und wieder mal total unkritisch auf: Nun kann man endlich auch ADHS ganz rasch und objektiv diagnostizieren. Mit der Nanopartikelanalyse ist das angeblich möglich. Was es damit wirklich auf sich hat, stellt Dr. Keck sehr differenziert klar.

Lesen Sie den ausführlichen Kommentar zur Sendung von PD Dr. rer. nat. Klaus Keck, Universität Konstanz:
nano

Café Holunder
6.6.2006


Eine Krankheit?
Das Beste, was man derzeit über ADS lesen kann

"Es ist in der Tat an der Zeit, alle beteiligten Experten zusammenzuholen, wie es dieses Buch unternimmt, um einer Krankheit zuleibe zu rücken, die nach Ansicht vieler aber gar keine ist: das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS, dessentwegen weltweit, je nach Schätzung, zwischen 10 und 80 Millionen von Kindern Psychopharmaka verabreicht bekommen, in Deutschland sind es laut Leuzinger-Bohleber etwa 400000. Der Arzt und Sozialmediziner Hartmut Amft gibt an: Im Jahr 1985 wurde in Deutschland von 10000 Kindern eines mit Ritalin behandelt, dem konzentrationsfördernden Methylphenidat, im Jahr 2000 galt bereits eines von hundert Kindern als Ritalin-bedürftig. Die Tendenz setzt sich fort.

Und die Auseinandersetzung um ADHS füllt unterdessen Bibliotheken. Sie polarisiert: Die einen setzen angesichts einer eindeutigen zerebralen Störung, wie sie meinen, auf Medikamente, die anderen kritisieren die Biologisierung und die Pathologisierung von Kindheit, Dritte versuchen sich an einer Mischung der Erklärungen und Therapien".

So Elisabeth von Thadden in DIE ZEIT. Lesen Sie unbedingt selber weiter!

Café Holunder
10.8.2006


Selbstoptimierung mit Pillen und Pulvern

In der Titelgeschichte des neuen stern 33/2006 auf S. 87 wird H.-R. Schmidt zitiert:

Von ,,Medikamentenmissbrauch auf legalem Weg" spricht Hans-Reinhard Schmidt, Leiter der Familien- und Erziehungsberatung für Wesseling und Brühl. Der Psychotherapeut glaubt, dass viele Kinder in Deutschland mit Ritalin behandelt werden, obwohl sie nur schlampig diagnostiziert wurden, nach dem Motto: ,Wenn nichts mehr übrig bleibt, nennen wir es halt ADS."

Belege gibt es dafür allerdings nur in den USA: Die Duke University in Durham fand heraus, dass drei von vier ADS-Kindern falsch diagnostiziert wurden. Doch weil das Medikament auch bei gesunden Kindern "wirkt", sie beispielsweise konzentrierter werden, gibt es immer einen positiven Nebeneffekt. Schmidt behandelte einen 14-Jährigen, der jahrelang Ritalin genommen hatte. ,,Als der Arzt es eines Tages absetzen wollte, weil es nicht mehr nötig war, wollte es der Junge weiternehmen. Er sagte, er sei damit besser in der Schule."

Dörte
10.8.2006


Und wieder: Komorbiditäten?

Die Schulmedizin behauptet bekanntlich, alle möglichen Störungen bzw. Krankheiten (z.B. Verhaltensstörungen) seien keine eigenständigen Auffälligkeiten, sondern oftmals lediglich Begleitphänomene der Grundkrankheit "ADHS". "ADHS" wird also als Kernkrankheit betrachtet, die alle möglichen anderen Störungen im Fahrwasser haben soll. Dass unterschiedliche, eigenständige Krankheitsbilder dieselbe ("ADHS"-)Symptomatik zeigen können, wird dabei erstaunlicherweise regelmäßig übersehen. Dabei weiß man schon lange, dass unterschiedliche Krankheiten die gleichen Symptome machen können. So kann Fieber z.B. für sehr viele unterschiedliche Krankheiten symptomatisch sein. Das "ADHS"-Komorbiditätskonzept ist denn auch nirgendwo wissenschaftlich belegt. Wir haben auf dieses Problem schon verschiedentlich kritisch hingewiesen, z.B.
Im Spiegelkabinett: Komorbidität
Kaplan BJ u.a.

Nun weist auch
TJ. Spencer von der Harvard Medical School, Boston, USA, darauf hin, dass es sich angesichts der großen Überschneidung mit anderen Störungen bei ADHS nicht um eine abgrenzbare, homogene klinische Störung handeln kann, sondern sehr wahrscheinlich um eine ganze Gruppe unterschiedlicher Störungen mit unterschiedlichen Ätiologien und Verläufen, die es genauer zu erforschen gilt.

Dem kann man sich nur anschließen. Wir haben "ADHS" hier immer schon als unspezifischen diagnostischen Sammeltopf bezeichnet. Ein solcher Sammeltopf, der gern als eigenständiges Krankheitsbild daherkommen möchte, bringt aber keinerlei wissenschaftlichen Fortschritt. Im Gegenteil, er wird überhaupt nicht gebraucht.

Preiser
15.9.2006

SPRECHSTUNDE

PsychoMetriX

Heinrich-Meng

Jugend-
Beratung


Impressum

Ihr Beitrag

ADS-Disk
Forum

Kunst im Café

Counter

Diese Seite:
Counter

bke Bundeskonferenz für Erziehungs-
beratung: