Willkommen im CAFÉ HOLUNDER
ARCHIV:

ADS: Gibt´s das wirklich?

ADS-Bücher: Kritisch
betrachtet

Ritalin: Ein folgen-
schwerer Irrtum

Aus der Sicht unserer
Kinder

Das Verschwinden der Mädchen von der
Bildfläche

Gibt es ein Bisschen ADS?

Exklusiv: Die HÜTHER-Studie

Das Anlage-Umwelt-
Problem

Oh wie verführerisch
ist doch das ADS!

Alternativen bei ADS

Fragiles X-Syndrom

Alternative Behandlung
bei ADD

Familie und ADS

Alternative Sichtweisen bei ADS

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 1

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 2

Quellensammlung

Böse Witze

Jacob Cartoons


ADS-KRITIK
36 35 34 33 32 31 30 29 28 27 26 25 24 23 22 21 20 19 18 17 16 15 14 13 12 11 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1

Liebe Gäste,

machen Sie es sich bitte wieder bequem, genießen Sie einen Kaffee, einen Espresso oder was immer Sie mögen, und studieren Sie weiter sorgfältig die neuen kritischen Beiträge zum Thema "ADHS". Wir beginnen unsere 35. Seite mit einer bemerkenswerten Studie von Lydia Furman, Cleveland, Ohio, USA, in der das Wesentliche zum gegenwärtigen wissenschaftlichen Stand zu "ADHS" zusammengefasst wird. Wir finden, diese Studie sagt Entscheidendes aus und grenzt sich deutlich ab vom populären, wohlgefälligen schulmedizinischen Einheitssermon der unkritischen und oftmals unwissenschaftlichen Veröffentlichungen zu "ADHS". Wer von Ihnen sich wirklich umfassend über "ADHS" informieren will, darf an dieser Studie nicht achtlos vorübergehen. Wir sind gespannt darauf, ob und wie dies von den ADHS-Selbsthilfeorganisationen aufgenommen wird, von den medizinischen Schulorganisationen ganz zu schweigen. Unsere Prognose: sie werden es wieder einmal ganz einfach ignorieren. Aber Sie, lieber nachdenklicher Gast, doch hoffentlich nicht!

Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt
September 2008

Lydia Furman:
Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS): Bestätigen neue Forschungen die alten Konzepte?

Ziel dieser Studie ist es, die Begründungen zu prüfen, die dafür oder dagegen sprechen, ADHS als eine gültige Störungseinheit gemäß dem DSM IV (Diagnostisches Statistisches Manual, 4. Ausgabe) zu klassifizieren. Hierzu wurden Studien ausgewertet, wie sie auf PubMed veröffentlicht werden, wobei sich die Auswahl auf von Fachleuten überprüfte Studien, zusammenfassende Studien, Konsenserklärungen, "White Papers" und Ergebnisse professioneller Tagungen konzentrierte. Dabei wurden Daten zu Forschungsergebnissen und der wissenschaftlichen Gültigkeit ihrer Aussagen gesammelt .

Wir fanden, dass die Forschungsergebnisse zur genetischen oder neuroanatomischen Ursache für ADHS ungenügend sind. Untersuchungen zeigen, dass Defizite der Exekutivfunktionen ADHS nicht erklären können. Die psychometrischen Eigenschaften der weithin verwendeten Ratingskalen genügen nicht den Standards, die zur Messung einer Störung erfüllt sein müssen.

Schlussfolgerungen: Es ist unwahrscheinlich, dass eine eigenständige Störung ADHS existiert. Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität sind Symptome vieler verschiedener behandelbarer medizinischer, emotionaler und psychosozialer Einflüsse, die Kinder betreffen können.

Furman L.M.
Division of General Academic Pediatrics, Rainbow Babies and Children's Hospital, Cleveland, Ohio 44106, USA>
Attention-deficit hyperactivity disorder (ADHD): does new research support old concepts?
J Child Neurol.2008 Jul;23(7):775-84


ADHS im Internet: Was taugt das?
Café Holunder macht den Test

In der bunten Internetvielfalt tummeln sich eine Menge Seiten von Laien und/oder Organisationen und (immer noch einigen) Foren zum Thema ADHS. Café Holunder kennt sie alle und hat sie geprüft. Wir starten hier eine Testreihe, in der wir solche Seiten wissenschaftlich und qualitativ unter die Lupe nehmen.

Wir prüfen die Seiten nach 3 qualitativen Hauptkriterien:

  1. Wird die Seite von Laien oder Fachleuten gemacht (laut Impressum)? Wenn von Laien: Wie wirken Fachleute mit?
  2. Welche Auffassung von ADHS wird wie vertreten?
  3. Wie "lebt" die Webseite?

Erläuterungen:
Grundsätzlich setzen wir voraus: Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass "ADHS" als eigenständiges Krankheitsbild existiert. Dass ADHS genetisch verursacht, vererbbar oder unheilbar sei, ist wissenschaftlich nicht belegt, ebenso, wie Methylphenidat ("Ritalin") genau wirkt und welche Langzeitwirkungen es auf das in Entwicklung begriffene kindliche Gehirn hat
(1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9).

Zu 1:

Als Fachleute stufen wir alle Absolventen einschlägiger Hochschulabschlüsse ein (Mediziner, Psychologen, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Heilpädagogen, aber auch spezialisierte Heilpraktikter u. vergl.), die in der Forschung oder therapeutisch mit Kindern und/oder Erwachsenen tätig sind. Andere sind Laien, wobei wir zu prüfen versuchen, inwieweit die Fachleute oder Laien im Einzelfall wirklich in einem umfassenden Sinne kompetent für ADHS sind. Nicht selten sind hier Laien zwar belesener, aber nicht unbedingt kompetenter als Fachleute. Wir schätzen die allgemeine fachliche Kompetenz der Seite ein.
Die jeweils begründete Einschätzung ergibt folgende Punkte:
Ungenügend: 0 Punkte
Ausreichend: 1 Punkt
Gut: 2 Punkte


Zu 2:
Dies ist unser Hauptkriterium. Wir prüfen hier, ob und wie ADHS als eigenständiges medizinisches Krankheitsbild vertreten und als genetisch bedingte, vererbbare, unheilbare Hirnfunktionsstörung propagiert wird. Oder ob auch andere Auffassungen gewürdigt werden, vor allem solche, die verursachende milieubedingte Einflüsse sowie die psychosoziale kindliche Entwicklung und die Neuroplastizität des in Entwicklung begriffenen kindlichen Gehirns berücksichtigen. Es wird geprüft, inwieweit der Einsatz von Psychopharmaka ("Ritalin") als erstrangig oder nachrangig zu anderen Therapien propagiert wird.
Die jeweils begründete Einschätzung ergibt folgende Punkte:
Ungenügend: 0 Punkte
Ausreichend: 3 Punkte
Gut: 6 Punkte

Zu 3:
Hier schätzen wir ein, wie die Seite ansonsten so "rüberkommt", also so etwas wie die Anmutung oder das Ambiente. Wie ist die Seitengestaltung und Handhabung? Wie aktuell ist das Forum oder das Gästebuch? Welcher Umgangsstil herrscht? Wie vielfältig sind Links auf andere Seiten? Verfolgt die Seite Werbe- und/oder kommerzielle Zwecke? Wird die Seite von der Pharmaindustrie gesponsert?
Die jeweils begründete Einschätzung ergibt folgende Punkte:
Ungenügend: 0 Punkte
Ausreichend: 1 Punkt
Gut: 2 Punkte

Die Gesamtbewertung kann demnach zwischen 0 und 10 Punkten variieren:
Ungenügend:
0 - 2 Punkte: Mangelhafte, einseitige und dem wissenschaftlichen Stand zu ADHS nicht entsprechende, leblose Webseite zu ADHS
Mangelhaft:
3 - 5 Punkte: Dem wissenschaftlichen Stand zu ADHS zweifelhaft entsprechende Webseite, die alternative Auffassungen berücksichtigt
Befriedigend
4 - 7 Punkte: Dem wissenschaftlichen Stand zu ADHS nahekommende, lebhafte Seite, die alternative Sichtweisen deutlich berücksichtigt
Empfehlenswert
8 - 10 Punkte: Dem wissenschaftlichen Stand zu ADHS entsprechende, kritische und lebhafte Seite.

In Kürze lesen Sie hier den ersten Test!

_____________________
1) Furman, L.M. Attention-deficit hyperactivity disorder (ADHD): does new research support old concepts?
Division of General Academic Pediatrics, Rainbow Babies and Children's Hospital, Cleveland, Ohio 44106, USA>
J Child Neurol.2008 Jul;23(7):775-84
2)
Wallis D, Russell HF, Muenke M. Genetics of Attention Deficit/Hyperactivity Disorder. Texas Institute for Genomic Medicine, Medical Genetics Branch, National Human Genome Research Institute, National Institutes of Health, and Shriners Hospitals for Children-Philadelphia: J Pediatr Psychol. 2008 Jun 3
3) Riedesser, P.: Einige Argumente zur ADHS-Kontroverse in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. In: Marianne Leuzinger-Bohleber/Yvonne Brandl/Gerald Hüther (Hrsg.): ADHS – Frühprävention statt Medikalisierung. Theorie, Forschung, Kontroversen. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, 2006, S. 111 ff.
4)
Furman L. What is attention-deficit hyperactivity disorder (ADHD)? Department of Pediatrics, Case Western Reserve University School of Medicine, Rainbow Babies and Children's Hospital, Cleveland, OH 44106, USA. J Child Neurol2005 Dec;20(12):994-1002.
5) Banaschewski T, Hollis C, Oosterlaan J, Roeyers H, Rubia K, Willcutt E, Taylor E. Towards an understanding of unique and shared pathways in the psychopathophysiology of ADHD. Child and Adolescent Psychiatry, University of Göttingen, von-Siebold-Str. 5, D-37075 Göttingen, Germany. Dev Sci.2005 Mar;8(2):132-40.
6)
Moll GH, Hause S, Rüther E, Rothenberger A, Huether G. Early methylphenidate administration to young rats causes a persistent reduction in the density of striatal dopamine transporters. Department of Child and Adolescent Psychiatry, University of Göttingen, Germany. J Child Adolesc Psychopharmacol.2001 Spring;11(1):15-24.
7)
Brandon CL, Steiner H.: Repeated methylphenidate treatment in adolescent rats alters gene regulation in the striatum. Eur J Neurosci. 2003 Sep;18(6):1584-92
8)
Bolanos CA, Barrot M, Berton O, Wallace-Black D, Nestler EJ.: Methylphenidate treatment during pre- and periadolescence alters behavioral responses to emotional stimuli at adulthood. Biol Psychiatry. 2003 Dec 15;54(12):1317-29.
9) Gatley SJ, Volkow ND, Gifford AN, Fowler JS, Dewey SL, Ding YS, Logan J. Dopamine-transporter occupancy after intravenous doses of cocaine and methylphenidate in mice and humans. Medical Department, Brookhaven National Laboratory, Upton, NY 11973, USA Psychopharmacology (Berl) 1999 Sep 1;146(1):93-100.


Bundespsychotherapeutenkammer:

ADHS-Medikamente viel zu oft verschrieben
Fast jedes zweite "ADHS-Kind" bekommt ausschließlich Psychopharmaka ohne Psychotherapie. Die diagnostischen und therapeutischen Leitlinien werden oft nicht eingehalten:


Aerzteblatt

 

 


Aus einem Du wird ein Es

Matthias Wenke, der im Café Holunder u.a. durch seine "Entdeckung" der Tränendrüsen-Sekretions-Dysfunktion (TDSD) bekannt ist, hat auf dem 6. ADHS-Kongress in Schwerin einen Eröffnungsvortrag gehalten, der sehr eindrucksvoll herausarbeitet, wie bei "ADHS" aus einer empathischen, sinnhaft-verstehenden Beziehungsaufnahme eine "objektivierende", distanzierende, klinische Sicht wird, die kindliches Verhalten als fremd und rätselhaft erscheinen lässt. Ritalin erscheint dann folgerichtig als scheinbare Rätsellösung.
Lesen Sie den Vortrag
hier


Psychostimulanzien meist überflüssig

Unaufmerksame, hyperaktive und impulsive Kinder teilen sich weniger über Worte als über ihr Verhalten anderen Menschen mit. Deshalb bleiben ihre Botschaften oft unerhört und rufen bei anderen Unverständnis und Hilflosigkeit hervor. Das Buch eröffnet über beziehungs- und familiendynamische Kenntnisse einen Zugang zur Innenwelt der Kinder mit ADHS. Zehn detaillierte Fallgeschichten beschreiben die bedürfnisangepasste, familientherapeutische Behandlungsarbeit. Anhand einer Studie an 93 nach diesem Modell behandelten Kindern wird gezeigt, dass eine medikamentöse Therapie mit Psychostimulanzien in der Regel überflüssig ist. Das Behandlungskonzept wird zudem ausführlich in einem praktischen Teil begründet.

Das Buch wendet sich an alle Berufsgruppen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben: Therapeuten, Psychologen, Lehrer, Erzieher und andere in sozialen Berufen Beschäftigte. Auch interessierten Laien sowie betroffenen Eltern oder Jugendlichen ist diese Lektüre zu empfehlen.

Mit Beiträgen von Terje Neraal, Elke Rosenstock-Heinz, Anna Maria Sant Unione, Anne Sparenborg-Nolte, Helmut Wagner und Matthias Wildermuth

Psychosozial


Francois Golon
ADHS: Die Dopamin-Theorie ist überholt

Trotz tausender Forschungsstudien ist nach wie vor nicht bekannt, welche Transmitterverhältnisse bei angeblichen "ADHSlern" im Gehirn vorliegen sollen. Der französische Forscher Francois Gonon vom Nationalen Forschungsinstitut der Universität Bordeaux hat in einer aktuellen Studie die sog. Dopaminmangel-Theorie kritisch untersucht und sagt im Abstract dazu Folgendes:

Obwohl Psychostimulanzien die Kernsymptome von ADHS lindern, bestätigen neuere Untersuchungen, dass ihre Langzeit-Heilungserfolge bei Kindern gleich Null sind. Psychostimulanzien erhöhen das extrazelluläre Dopamin, wobei zahlreiche Überblicksstudien behaupten, sie würden dadurch einen genetisch bedingten Dopaminmangel ausgleichen. Diese sog. Dopaminmangel-Theorie basiert aber auf einer zu stark vereinfachenden Dopamin-Belohnungstheorie. Ich stelle die Richtigkeit dieser Theorie für ADHS in Frage und betone die Schwäche der bisherigen neurochemischen, genetischen, neuropharmakologischen und bildgebenden Befunde, die diese Theorie belegen sollen.

Als Resultat stelle ich heraus, dass man diese Theorie nicht mehr in den Vordergrund einer Behandlungsbegründung von ADHS mit Psychostimulanzien rücken sollte.

Abstract


ADHS: Keine Einigkeit bei Dreieinigkeit

Dieser Tage ziehen wieder die Heiligen 3 Könige von Tür zu Tür und wünschen ein gutes Neues Jahr. Aufmerksamkeitsdefizit, Impulsivität, Hyperaktivität: das sind die bekannten 3 Heiligen aus dem ADHS-Land. Wir haben uns schon öfter darüber ausgelassen, wie vieldeutig und unscharf diese angeblichen Kernsymptome definiert und gemessen werden, wie unzuverlässig und willkürlich die auf sie gründende ADHS-Diagnose daherkommt. Ganz zu schweigen von der völlig ungeklärten Frage, was dabei wirklich zu messen versucht wird: unspezifisches, situatives Verhalten oder eine veritable medizinische Krankheit? Aber eine weitere Frage bleibt bisher vollkommen unbeantwortet: Wer hat sich eigentlich diese syndromatische Dreieinigkeit ausgedacht? Warum gerade diese Verhaltensweisen, warum gerade deren drei? Und besteht überhaupt Einigkeit über diese Dreieinigkeit?
Keineswegs! Nicht einmal die Kernfrage, ob diese 3 Symptome wirklich ein Syndrom bilden oder für ganz unterschiedliche Störungen bzw. Krankheiten stehen, ist klar. Überwiegend unterscheidet man einfach zwischen ADHS mit oder ohne Hyperaktivtät als sogenannte Subtypen. Ein Aufmerksamkeitsdefizit soll also immer dabei sein, Hyperaktivität kommt beim kombinierten Subtyp hinzu. Hyperaktivität alleine scheint gar nicht erst vorzukommen. Oder doch? Und wo bleibt die Impulsivität? Ist sie wirklich ein eigenes Symptom oder nicht nur ein Aspekt der Hyperaktivität?

Diamond bezweifelt schon länger, dass ADHS ohne Hyperaktivität überhaupt ein Subtyp von ADHS ist. Es sei vielmehr eine andere Störung als ADHS, sowohl hinsichtlich der Ätiologie, der typischen Verhaltensweisen, der Komorbiditäten und der medikamentösen Behandlung. Adams u.a. greifen dies erneut auf und regen entsprechende weitere Forschungen an.

Das sogenannte Träumerchen hat demnach gar keine ADHS, es hat irgendwas anderes! Ist also wieder eine neue Krankheit "entdeckt"?

50 Jahre ADHS - und kein bisschen weise!

Alpha
04.01.2009


Gibt´s ADHS in Mexiko?

Auf der intensiven und dennoch bisher wenig erfolgreichen Suche nach einer genetischen Ursache oder wenigstens spezifischen Beteiligung von „ADHS“ wurde wiederholt über schwache Zusammenhänge zwischen „ADHS“ und zwei unterschiedlichen genetischen Markern berichtet. Dabei handelt es sich um Zusammenhänge zwischen dem Gen des humanen Dopamintransporters DAT1 sowie der 7R-Variante des DRD4-Gens. Angeblich tragen etwa die Hälfte der ADHS-Kinder diese Variante.

M.L. Gabriela u.a. fanden nun in einer Gruppe mexikanischer „ADHS“-Patienten keinerlei Zusammenhänge zwischen „ADHS“ und diesen genetischen Markern. Allerdings gab es solche Zusammenhänge mit anderen Diagnosen, nämlich mit Angststörungen und Depressionen. Was sagt uns das alles nun?

Auf diese gute Frage gibt es wieder einmal ganz unterschiedliche Antworten:

  • Es gibt in Mexiko kein ADHS
  • Es gibt in Mexiko kein genetisch bedingtes ADHS
  • In Mexiko wird die Diagnose ADHS anders gestellt als anderswo
  • Es gibt die besagten genetischen Zusammenhänge bei ADHS gar nicht, sondern bei Angststörungen und Depressionen
  • Es gibt unspezifische Zusammenhänge zwischen diesen genetischen Markern und allen möglichen seelischen Störungen
  • Bei jedem 2. Kind ist ADHS genetisch bedingt
  • Bei jedem 2. Kind ist ADHS nicht genetisch bedingt
  • Es gibt sowohl genetisch als auch nicht genetisch bedingtes ADHS
  • Angststörung und Depression sind auch nur ADHS (laut DSM IV)
  • Angststörung und Depression schließen ADHS aus (laut ICD 10)
  • Die besagten genetischen Marker haben gar nichts mit Verhaltensauffälligkeiten zu tun

Welche dieser (und vieler weiterer) Antworten bevorzugen Sie?


10 Jahre später:
MTA: Die große Ernüchterung

Das amerikanische National Institute of Mental Health NIMH veröffentlichte bereits 1999 die ersten Ergebnisse seiner sogenannte MTA-Studie (Multimodal Treatment Study of Children with Attention Deficit Hyperactivity Disorder). Die führenden ADHS-Therapien sollten damit überprüft werden. Die MTA-Studie ist wohl die größte Forschungsstudie, die es in der Kinderpsychiatrie bisher gegeben hat. An ihr nahmen 579 Schulkinder im Alter von 7 bis 9 Jahren teil. Verglichen wurde über einen Zeitraum von 14 Monaten der Einfluss

  • einer optimierten medikamentösen Therapie,
  • einer Verhaltenstherapie,
  • einer Kombination aus optimierter medikamentöser (Methylphenidat-) Therapie und Verhaltenstherapie sowie
  • einer Standardtherapie (gewöhnliche Grundversorgung).

Nach Auffassung der Autoren zeigte sich damals eine klare Überlegenheit der Pharmakotherapie über eine Verhaltenstherapie und Grundversorgung. Man ging sogar so weit, zu folgern, dass eine Methylphenidat-Behandlung im Kindesalter späteren Drogenmissbrauch und Delinquenz im Jugend- und Erwachsenenalter verhindern könne. .

Als im Jahre 2007 eine Folgestudie nach 36 Monaten erschien, zeigten sich zur Verwunderung der Forscher aber keinerlei Unterschiede mehr zwischen den unterschiedlich behandelten Gruppen. Egal, was zur Anwendung gekommen war, die Kinder zeigten alle gleichermaßen deutliche Verbesserungen, sogar die nur im Sinne einer Grundversorgung behandelten. Auch späterer Drogenmissbrauch bzw. Kriminalität ließen sich bei ADHS-Kindern nicht über das Maß hinaus verringern, das bei Nicht-ADHSlern erwartet werden kann

Nun bestätigen die Forscher nach 6 und 8 Jahren späterer Nachuntersuchung der Versuchspersonen: Es gibt keinerlei Langzeitunterschiede der behandelten (bzw. im Sinne einer Grundversorgung nur unspezifisch behandelten) Gruppen, egal, ob mit oder ohne Psychopharmaka, nur Verhaltenstherapie oder Grundversorung!

Die übliche Rede von Ritalin als Goldstandard einer ADHS-Behandlung ist einer Ernüchterung gewichen.  Angesichts der erheblichen Nebenwirkungen (z.B. Wachstumsstörung) der Psychopharmaka sollte der Goldstandard nun endgültig in einer Psychotherapie liegen.

Molina, B.S u.a.: MTA at 8 Years: Prospective Follow-up of Children Treated for Combined-Type ADHD in a Multisite Study. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry.2009 Mar 23.


Keine Klarheit über ADHS-Ursache
Widersprüchliche Datenlage zu ADHS und Dopamin

Die letzten 10 Jahre galt ziemlich unumstritten, dass eine erhöhte Dopamintransporterdichte (DAT) im Gehirn von ADHSlern die biologische Ursache dieser angeblichen Krankheit sei. Dougherty u.a. hatten 1999 in einer Studie mit 6 ADHS-Patienten eine um 70 % erhöhte Transporterdichte gefunden (Dougherty 1999). Einige weitere Studien konnten dies später mit anderen Methoden teilweise bestätigen (Krause 2000). Die Dopamintransporter sorgen dafür, dass der Botenstoff Dopamin aus dem synaptischen Spalt zwischen zwei Nervenzellen immer wieder zurückgeholt wird. Wenn DAT also erhöht sei, werde zuviel Dopamin zurücktransportiert, sodass im synaptischen Spalt ein dauernder Dopaminmangel herrscht, nahm man an. ADHS also als eine Dopaminmangelkrankheit. Auch Hüther und Bonney sehen 2002 noch eine Bestätigung dieser Theorie der erhöhten Transporterdichte, folgern daraus aber nicht einen Dopaminmangel, sondern vielmehr einen Überschuss (Hüther 2002).

Die Dopaminmangel-Theorie ist derzeit immer noch am populärsten und liegt anderen ADHS-Theorien mal mehr, mal weniger zugrunde. Ein solcher Dopaminmangel bei ADHS wurde bis heute aber nirgends nachgewiesen. Der französische Forscher Francois Gonon vom Nationalen Forschungsinstitut der Universität Bordeaux hat in einer aktuellen Studie diese Theorie kritisch untersucht und sagt im Abstract dazu Folgendes:

Psychostimulanzien erhöhen das extrazelluläre Dopamin, wobei zahlreiche Überblicksstudien behaupten, sie würden dadurch einen genetisch bedingten Dopaminmangel ausgleichen. Diese sog. Dopaminmangel-Theorie basiert aber auf einer zu stark vereinfachenden Dopamin-Belohnungstheorie. Ich stelle die Richtigkeit dieser Theorie für ADHS in Frage und betone die Schwäche der bisherigen neurochemischen, genetischen, neuropharmakologischen und bildgebenden Befunde, die diese Theorie belegen sollen. Als Resultat stelle ich heraus, dass man diese Theorie nicht mehr in den Vordergrund einer Behandlungsbegründung von ADHS mit Psychostimulanzien rücken sollte (Gonon 2009).

Auch die Sache mit der erhöhten Transporterdichte hat sich in letzter Zeit in weiteren Studien nicht bestätigen lassen. Bisherige Studien krankten oft daran, dass nicht klar war, ob die gefundenen Hirnveränderungen nicht etwa nur die Folge von früherer Medikation waren. Volkow u.a. fanden in einer neueren Studie mit nie medizierten ADHS-Patienten, die sie mit Gesunden verglichen, denn auch keinerlei Hinweis auf eine solche erhöhte Transporterdichte. Ganz im Gegenteil zeigte sich überraschenderweise ein umgekehrter Trend: die Gesunden hatten dichtere Dopamintransporter als die ADHSler (Volkow 2007). In einer Übersicht über 12 andere Studien verschiedener Forscher mit größeren Versuchsgruppen und verfeinerter Methodik zeigen Swanson und Volkow ein insgesamt widersprüchliches Bild: In 2 Studien zeigte sich eine Tendenz zu niedrigerer Transporterdichte bei ADHS, in einer weiteren eine sogar bedeutsam niedrigere, in 4 anderen kein Unterschied, und in 5 Studien eine Tendenz zum Anstieg, davon aber nur in einer einzigen (nämlich derjenigen von Dougherty aus 1999) ein starker. Die Mehrheit der Studien konnte also keine bedeutsam erhöhte Transporterdichte bei ADHS finden, wie sie Dougherty vor nunmehr 10 Jahren in seiner kleinen Studie ohne eine Kontrollgruppe und mit fraglicher früherer Medikationsfolge seiner Versuchspersonen gesehen hatte. Swanson und Volkow betrachten deshalb die Theorie der erhöhten Transporterdichte bei ADHS als überholt und wundern sich, dass sie nach wie vor in der Literatur als belegt hingestellt wird. Sie sehen stattdessen die Theorie bestätigt, derzufolge Stimulanzien bloße Dopamin-Agonisten sind, also Substanzen, die die Wirkung von Dopamin im Gehirn lediglich nachmachen, ohne dass irgendeine Anomalie im Gehirn vorliegt (Swanson u. Volkow 2009).

Trotz tausender Forschungsstudien ist also nach wie vor nicht bekannt, welche Transmitterverhältnisse bei angeblichen "ADHSlern" im Gehirn vorliegen sollen und welche diesbezügliche biologische Ursache "ADHS" haben könnte.

Literatur:

Dougherty, D.D., Bonab, A.A., Spencer, T.J., Rauch, S.L., Madras, B.K., Fischman, A.J.:
Dopamine transporter density in patients with attention deficit hyperactivity disorder. Lancet. 1999 Dec 18-25;354(9196):2132-3.
Gonon, F.:
The dopaminergic hypothesis of attention-deficit/hyperactivity disorder needs re-examining. Trends Neurosci. 2009 Jan;32(1):2-8.
Hüther G. , Bonney, H.: Neues vom Zappelphilipp. Walter 2002.
Krause, K.-H., Dresel, St., Krause, J.: Neurobiologie der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Psycho 26, 2000
Swanson, J.M., Volkow, N.D.: Psychopharmacology: concepts and opinions about the use of stimulant medications. J Child Psychol Psychiatry. 2009 Jan; 50(1-2):180-93.

Volkow, N.D., Wang, G.J., Newcorn, J., Fowler, J.S., Telang, F., Solanto, M.V., Logan, J., Wong, C., Ma, Y., Swanson, J.M., Schulz, K., Pradhan, K.: Brain dopamine transporter levels in treatment and drug naïve adults with ADHD. Neuroimage. 2007 Feb 1;34(3):1182 90.


Der Zappelhitler

Der Struwwelpeter ist das erfolgreichste Buch der Kindergeschichte. Der Frankfurter Nervenarzt Heinrich Hoffmann hat 1844 für seinen kleinen 3jährigen Sohn kein rechtes Weihnachtsgeschenk gefunden und deshalb selber fast 12 kindliche Moritaten ersonnen und gezeichnet, darunter auch die Geschichte vom Zappelphilipp. Der Struwwelpeter musste inzwischen schon für eine Menge anderer Zwecke herhalten: Viele Parodien, Burlesken oder Schmähfabeln wurden aus ihm gemacht. Bald schon gab es einen Tierstruwwelpeter, eine Struwwelliese und in neuerer Zeit sogar einen Struwwelskinhead.
Dabei ist der Name "Struwwelpeter" keine Hoffmann´sche Erfindung, denn schon 80 Jahre vorher hatte man den nicht selten verwahrlost daherkommenen Studenten Wolfgang Goethe so bezeichnet. Café Holunder hat den armen Zappelphilipp auch bereits mehrmals für seine schnöden Zwecke eingespannt. Es wurde z.B. zweifelsfrei bewiesen, dass Hitler an ADHS litt
http://www.ads-kritik.de/ADS-Kritik21.htm
Aber eine der dreistesten Adaptionen des Zappelphilipp ist diejenige in ADHS-Kreisen, derzufolge Hoffmann die Krankheit ADHS beschrieben habe. In ADHS-Kreisen wird doch tatsächlich nicht selten diese Überzeugung als Beleg dafür behauptet, dass es ADHS schon immer gegeben habe, es sich also nicht um eine moderne Erfindung handeln könne. Dabei hat Hoffmann nur den pädagogischen Zeigefinger erheben wollen, um seinen Sohn nicht nur spannend zu unterhalten, sondern auch ein "Musterkind" aus ihm zu machen, was ihm hoffentlich nicht gelungen ist.

Die sehr originelle Neuauflage als Reprint eines britischen Struwwelpeters aus 1941 möchte ich Ihnen zur erbaulichen kleinen Lektüre empfehlen: Struwwelhitler als witzige englische Antwort auf Hitlers Weltkrieg, mit einem Vorwort keines Geringeren als des bekannten Hitler-Biografen Joachim Fest, erschienen im Autorenhaus-Verlag Berlin 2009. Es sind die englischen Originaltexte der Brüder Philipp (!) und Rober Spence, die das Büchlein unter dem Pseudonym "Dr. Schrecklichkeit" verfassten, neben einer gelungenen deutschen Übersetzung angeführt. Als Beispiel hier eine Szene:

Schaut, das ungezogn´e Kind
schaukelt immer mehr geschwind.
und jetzt kippt er, meiner Seel´,
Adolf plärrt aus vollster Kehl,
packt das Tischtuch feste an,
alles wird noch schlimmer dann:
Unten auf dem Boden stapeln
Gläser, Messer, Löffeln, Gabeln.
Tante B. war starr vor Wut,
als sie sah, das ging nicht gut!
Onkel Sam schaut grimmig aus:
"Adolf, du bist uns ein Graus!"

Tante B. steht für Britannia, Onkel Sam ist natürlich Amerika. Eines wird wieder mal ganz klar: Mit Ritalin wäre der 2. Weltkrieg verhindert worden!


Werner 2009


Konferenz ADHS

SPRECHSTUNDE

PsychoMetriX

Heinrich-Meng

Jugend-
Beratung


Impressum

Ihr Beitrag

ADS-Disk
Forum

Kunst im Café

Counter

Diese Seite:
Counter

bke Bundeskonferenz für Erziehungs-
beratung: