Willkommen im CAFÉ HOLUNDER
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ADS: Gibt´s das wirklich?

ADS-Bücher: Kritisch
betrachtet

Ritalin: Ein folgen-
schwerer Irrtum

Aus der Sicht unserer
Kinder

Das Verschwinden der Mädchen von der
Bildfläche

Gibt es ein Bisschen ADS?

Exklusiv: Die HÜTHER-Studie

Das Anlage-Umwelt-
Problem

Oh wie verführerisch
ist doch das ADS!

Alternativen bei ADS

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Alternative Behandlung
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Familie und ADS

Alternative Sichtweisen bei ADS

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 1

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 2

Quellensammlung

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Jacob Cartoons


ADS-KRITIK
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Willkommen im Café Holunder, in dem "ADS" bzw. "ADHS" ("Aufmerksamkeits- Defizitstörung mit oder ohne Hyperaktivität") kritisch hinterfragt wird. Sie sind hier auf der Seite 36. Oben sind alle anderen Seiten verlinkt.
Denken Sie kritisch! Ihr Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt

Unwort des Jahres 2011:
"ADHS-Kind"
Die Gesellschaft für Deutsche Sprache wählt seit 1971 die Ausdrücke, die die öffentliche Diskussion des betreffenden Jahres besonders bestimmt haben. 2011 ist "Stresstest" das Wort des Jahres. Auf den zweiten Platz wählten die Sprachwissenschaftler den Finanzbegriff "hebeln", außerdem kamen Worte wie "guttenbergen" und "Merkozy" auf die Liste.
Das Unwort des Jahres steht allerdings noch aus, es wird erst im kommenden Januar gewählt. Wir haben deshalb der Kommission den Vorschlag gemacht, als Unwort des Jahres 2011 auszuwählen:
ADHS-Kind.
Dieser Ausdruck stigmatisiert tausende Kinder mit der Diagnose einer angeblichen Hirnfunktionsstörung und behindert die Öffentlichkeit darin, die wirklichen psychosozialen Probleme der Kinder zu erkennen und zu lösen. Er ist deshalb als Unwort sehr gut geeignet.


Die Nationale Ethikkommission
im Bereich Humanmedizin der Schweiz NEK-CNE

hat eine bemerkenswerte Stellungnahme über die „Verbesserung“ des Menschen mit pharmakologischen Wirkstoffen veröffentlicht. Darin heißt es (Zitat):

Enhancement bei Kindern
Besondere Aufmerksamkeit verdient das Enhancement bei Kindern. Hier ist eine steigende Tendenz zu pharmakologischen Eingriffen zu beobachten, die noch nicht (voll) urteilsfähige Personen betreffen, über die Erwachsene, in der Regel die Eltern, auch in gesundheitlichen Belangen entscheiden dürfen. Diese Tendenz erfährt durch die Motivation der Eltern, nur
„das Beste“ für ihr Kind zu wollen und sicherzustellen, zusätzlich Auftrieb [26]. Dabei wird oft „das Beste“ mit Blick auf das zukünftige Leben in der Gesellschaft definiert: Die Eltern wünschen in der Regel, dass das Kind im Wettbewerb um Ausbildung und Arbeitsplatz gut bestehe, indem vor allem seine kognitiven, aber auch emotionalen und sozialen Fähigkeiten verbessert und seine „Stressresistenz“ gesteigert werden. Dieser Wettbewerb beginnt bereits sehr früh, verstärkt beim Schuleintritt. Bekanntlich zeigen Psychopharmaka auch bei gesunden Kindern Wirkung. Entsprechend gross ist der Anreiz für die Eltern, solche Mittel einzusetzen, um die Aufmerksamkeit und Konzentration des Kindes zu fördern und es damit konkurrenzfähiger zu machen. Eine derartige „Optimierung“ der kindlichen Fähigkeiten geschieht ohne Zeitaufwand und auch unbemerkt, so dass sich die Eltern kritischen Bemerkungen nicht stellen müssen.

Nach Angaben des US President’s Council on Bioethics stimmt der Einsatz von Psychopharmaka wie Ritalin® und Concerta® nicht mit der Anzahl der gestellten Diagnosen und Therapieindikationen überein, und es ist eine Tendenz hinsichtlich des Geschlechts (Knaben), des Alters (jüngere Kinder) und der Region (Stadt) festzustellen [26, S. 75; 80]. Eine solche Tendenz ist neben sprachregionalen Unterschieden auch in der Schweiz zu beobachten [27, 28]. Der Verbrauch an Ritalin® in der Schweiz ist zudem zwischen 1996 und 2000 von 13,7 kg auf 69 kg markant gestiegen, vor allem in der Altersgruppe der 5- bis 14-jährigen, [28]. Die durchschnittliche Dosierung wurde innerhalb dieser vier Jahre um ca. 10% erhöht [28]. Leider liegt trotz zahlreicher parlamentarischer Vorstösse kein differenzierter, repräsentativer Bericht aktuelleren Datums zur gesamtschweizerischen Verschreibungspraxis und zum Verbrauch von Psychopharmaka bei Kindern vor [27, 28, 29, 30]. Ein solcher Bericht wäre jedoch aufschlussreich, um auch die Ursachen klären zu können, warum z.B. Methylphenidat, unter anderem bekannt als Ritalin®, das seit über 55 Jahren in der Schweiz in Gebrauch ist, in den letzten 15 Jahren so viel häufiger zum Einsatz gekommen ist.

Aus ethischer Perspektive ist die Tatsache von Belang, dass die Diagnose beispielsweise eines Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms, eines oppositionellen Trotzverhaltens oder einer Angststörung eine fachliche Herausforderung darstellt, weil die Abgrenzung zwischen normalen und krankhaften kindlichen Verhaltensweisen schwierig zu ziehen ist [31]. Ebenfalls ist anzunehmen, dass durch den Anstieg des Verbrauchs von Psychopharmaka sich auch die Standards verschieben bzw. verschoben haben, welche Verhaltensweisen eines Kindes oder Jugendlichen sozial verträglich und „normal“ sind – oder eben als krankhaft eingestuft werden. Da die Diagnosestellung auch von solchen gesellschaftlichen Bewertungen sowie einem Interesse, dass sich Kinder im Kindergarten und in der Schule angepasst verhalten, beeinflusst ist, ist eine weitere Zunahme der Verschreibungen zu erwarten. Dieses Beispiel zeigt, dass die Abgrenzung zwischen Enhancement und Therapiebedürftigkeit kulturell und historisch variabel ist – und damit auch ethischer Reflexion bedarf.

Selbstverständlich kann man gegenüber dieser Entwicklung positiv eingestellt sein, weil offenkundig wünschenswerte Eigenschaften des Kindes und damit seine soziale Integration gefördert werden. Solche Förderung wird von einigen sogar zur moralischen Pflicht erhoben. Die NEK-CNE hat hier jedoch Bedenken. Denn durch die Einnahme von pharmakologischen Wirkstoffen zu Zwecken des Enhancement wird das Verhalten des Kindes ohne jegliche Eigenleistung verändert [32]. Darin liegt ein Eingriff in die Freiheit und die Persönlichkeitsrechte des Kindes. Weil pharmakologische Wirkstoffe zwar Verhaltensveränderungen verursachen, das Kind aber damit nicht lernt, wie es solche Verhaltensänderungen selbst erzielen kann, wird dem Kind eine wichtige Lernerfahrung für eigenverantwortliches Handeln vorenthalten [26]: nämlich sein Verhalten durch eigene Entscheidungen – und nicht (allein) durch fremde Mittel – zu beeinflussen und damit Verantwortung übernehmen zu können. In diesem Sinne wird durch Enhancement die Freiheit des Kindes empfindlich eingeschränkt und es in seiner Persönlichkeitsentwicklung gehemmt.

Der Konsum pharmakologischer Mittel kann noch weitere Auswirkungen auf den Charakter haben, weil dem Kind vermittelt wird, dass es nur mit Hilfe solcher Mittel in sozial anerkannter Weise „funktioniert“. Insofern seine Charaktereigenschaften medikamentös angepasst und von Psychopharmaka abhängig gemacht werden, hat es Folgen für seine Persönlichkeitsbildung und sein Selbstwertgefühl und könnte die Ausbildung von Mustern für Suchtverhalten begünstigen [19]. Der Konformitätsdruck, unter dem Kinder von Seiten der Eltern und Bildungseinrichtungen stehen, erzwingt einen Standard an Normalität, der die Toleranz gegenüber Kindlichkeit abnehmen lässt. Auch könnte sich die Vielfalt von Temperamenten und Lebensweisen reduzieren und damit letztlich das Recht des Kindes auf einen offenen Lebensweg gefährdet werden. Die NEK-CNE plädiert dafür, die Lebensverhältnisse den Interessen und Bedürfnissen der Kinder anzupassen. Denn die Qualitäten der Kindheit, die nicht Aspekte des gesellschaftlichen Wettbewerbs und der Leistungsfähigkeit betreffen, sondern das Spielen, die Freundschaft und die erfolgsentlastete Muße ausmachen, könnten anderenfalls an Wertschätzung verlieren – und damit auch die Kindheit selbst (Zitatende).

Dem ist nichts hinzuzufügen. Wir werden diese sehr anerkennswerte Stellungnahme an deutsche Stellen und die Politik weiterleiten.

Quelle: Über die "Verbesserung" des Menschen mit pharmakologischen Wirkstoffen. Stellungnahme Nr. 18/2011 der Nationalen Ethikkommission der Schweiz NEK-CNE.
http://www.bag.admin.ch/nek-cne/04229/04232/index.html?lang=de

Aerzteblatt

November 2011


ADHS nur noch freitags!
Die Holländer haben eine grandiose Idee: Um den ewigen Streit um die Modekrankheit ADHS beizulegen, gibt es ab sofort in den Niederlanden nur noch freitags ADHD (englisch für ADHS) (siehe Foto). Wir finden das einen guten Kompromiss, sind Kinder doch damit an immerhin 6 Wochentagen völlig gesund. Freitags können sie dann krankheitsbedingt zu Hause bleiben und ins gesunde Wochenende gleiten, oder ihr Ritalin nehmen, das der Körper danach in Ruhe wieder abbauen kann.

Nachahmung empfohlen!

Ullis Satire
Sept. 2011


Ullis Satire
ADHS und PID
Der Deutsche Bundestag hat die begrenzte Freigabe der Präimplantationsdiagnostik (PID) beschlossen. Nun bietet sich endlich für betroffene Familien die Möglichkeit, die genetisch bedingte, vererbbare Hirnfunktionsstörung ADHS präimplantativ diagnostizieren und eliminieren zu können. Eltern, die seit mehreren Generationen von dieser ernsthaften Störung, die spätere Drogensucht, Kriminalität und Unfallhäufigkeit mit sich bringt, betroffen sind, können nunmehr dafür Sorge tragen, ein unbelastetes Kind zu bekommen.
Die Lobby der Pharmaindustrie hatte zwar heftig auf das Grundgesetz hingewiesen, demzufolge die Würde der Pharmaindustrie ja bekanntlich unantastbar ist, aber die Parlamentarier ließen sich davon zum Glück nicht beeindrucken. Sinkende Umsätze an "Ritalin" sind also mittelfristig zu befürchten. Da allerdings Methylphenidat für Erwachsene noch gerade rechtzeitig freigegeben wurde, werden die Einbußen nicht ganz so schmerzlich sein.


ADHS Deutschland, Renate Schmidt (SPD) und die Pharma
Am 5. April 2011 fand in den Räumen der Bundespressekonferenz Berlin eine bemerkenswerte Werbekampagne statt: Der Pharmakonzern Shire Deutschland lud zum Thema ADHS ein. Schirmherrin war Renate Schmidt (SPD), ehemalig MdB und Bundesfamilienministerin. Frau Dr. M. Menter, Vorsitzende von ADHS Deutschland e.V. und Prof. M. Holtmann von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik Hamm waren ebenfalls vertreten.
Konferenz ADHS hatte rechtzeitig von der Veranstaltung erfahren und die Presse informiert. Auf Nachfrage von Pressevertretern bei ADHS Deutschland e.V. nach Einzelheiten der Werbeveranstaltung wenige Tage vorher wurde behauptet, man wisse nichts von der Sache. Das ist also eine glatte Lüge gewesen, denn die Vorsitzende Frau Menter war ja dort persönlich anwesend.
Aber das wundert uns nicht: Shire produziert Adderall, ein Psychostimulanz gegen Narkolepsie und ADHS, und will in Deutschland gegen Ritalin endlich mehr Marktanteile erobern. Adderall hat ein recht hohes Sucht- und Missbrauchspotential, es wird gegen Übergewicht missbraucht und Im Sinne von Neuroenhancement verwendet. Man kann es im Internet leicht rezeptfrei kaufen. Die Veranstaltung war denn auch von Shire bezahlt, was ADHS Deutschland sicher gerne verheimlicht hätte. Schiefgegangen!
Ein klarer Fall von Pharma-Sponsering des ADHS Deutschland e.V., sowie einer offenbar unterbeschäftigten und einseitig informierten, erstaunlich naiven Bundespolitikerin. Konferenz ADHS wird die Öffentlichkeit mit einer Pressemitteilung ueber diesen Vorgang informieren.

Experten fordern: ADHS-Diagnostik muss besser werden
http://eraratawap.ifrance.com/
Hollywood-Droge Adderall: Schlank und immer fit


Krauses Zeug
Sigmund Freud und ADHS

Wussten Sie schon, dass Sigmund Freud mehr über ADHS gewusst hat als all seine Schüler und Nachfolger? Wenn Sie ein einigermaßen kundiger Psychoanalyse-Anhänger sind, dann stutzen Sie jetzt sicherlich, gibt es doch von Anfang an einen grundsätzlichen Dissens zwischen Psychoanalyse und ADHS. Während die Psychoanalyse die psychischen Verarbeitungsmechanismen menschlicher Erfahrungen thematisiert, beharrt die ADHS-Forschung nach wie vor auf einer kausal genetischen, also erfahrungsunabhängigen Verursachung. Und der gute alte Sigmund habe dies angeblich schon vorhergesehen. Soll man das wirklich glauben? Das Ehepaar Drs. Johanna und Klaus-Henning Krause, er Neurologie-Professor, sie Fachärztin und Psychoanalytikerin, will uns dies jedenfalls glauben machen (1). Die beiden zitieren einige Textstellen von Freud, die angeblich belegen, dass er die körperlich begründete ADHS bereits gekannt habe. Als Hauptbeleg wird folgendes Freud-Zitat angeführt:

Es gibt Menschen, die man als allgemein vergeßlich bezeichnet und darum in ähnlicher Weise als entschuldigt gelten läßt wie etwa den Kurzsichtigen, wenn er auf der Straße nicht grüßt. Diese Personen vergessen alle kleine Versprechungen, die sie gegeben, lassen alle Aufträge unausgeführt, die sie empfangen haben, erweisen sich also in kleinen Dingen als unverläßlich und erheben dabei die Forderung, daß man ihnen diese kleineren Verstöße nicht übel nehmen, d. h. nicht durch ihren Charakter erklären, sondern auf organische Eigentümlichkeit zurückführen solle. Ich gehöre selbst nicht zu diesen Leuten und habe keine Gelegenheit gehabt, die Handlungen einer solchen Person zu analysieren, um durch die Auswahl des Vergessens die Motivierung desselben aufzudecken.“ (2, S.173).

Dieses Zitat wird von den Autoren als Beleg dafür herangezogen, dass Freud „in geradezu seherischer Weise“ die „organische Eigentümlichkeit“ von ADHS erkannt habe (1, S. 62). Bei genauem Lesen des Zitats meint Freud aber natürlich genau das Gegenteil. Er beschreibt nämlich einen Abwehrmechanismus mancher Menschen, die ihre neurotische Eigenart (Vergesslichkeit, Unzuverlässigkeit) lieber als eine organische Eigentümlichkeit denn als Neurose entschuldigt haben möchten. Freud kennt diesen Abwehrmechanismus bei sich selber nicht und geht im Übrigen davon aus, dass er unbewusst motiviert ist. Primär organische Syndrome als unbewusst motiviert zu betrachten, wie man Krause und Krause folgend annehmen müsste, wäre ja ein psychoanalytisches Unding. Nicht grundlos stammt das Freud-Zitat aus der „Psychopathologie des Alltagslebens“ mit dem Untertitel „Über Versprechen, Vergessen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum“. Damit meinte Freud keineswegs organische Krankheiten.

Freud hat etwas ganz anderes gemeint: Die Neigung mancher Menschen, ihre seelischen Konflikte zu rationalisieren, zu somatisieren oder (wie man heute sagen würde) zu biologisieren. Und damit hat er tatsächlich „in seherischer Weise“ den grundlegenden Abwehrcharakter solcher Konstrukte wie ADHS trefflich beschrieben.

Dass Freud konstitutionelle (heute sagen wir: genetische) Faktoren nie verkannte, obwohl er die Bedeutung der Erfahrungen eines Menschen so betonte, ist klar. Aber dass er solche Phänomene wie Epigenetik bzw. Genexpression bereits vor nun fast 100 Jahren erkannte, wird in diesem Zitat deutlich:

„Verwahren wir uns an dieser Stelle gegen den mißverständlichen Vorwurf, als hätten wir die Bedeutung der angeborenen (konstitutionellen) Momente geleugnet, weil wir die der infantilen Eindrücke hervorgehoben haben. Ein solcher Vorwurf stammt aus der Enge des Kausalbedürfnisses der Menschen, welches sich im Gegensatz zur gewöhnlichen Gestaltung der Realität mit einem einzelnen verursachenden Moment zufrieden geben will. Die Psychoanalyse hat über die akzidentellen Faktoren der Ätiologie viel, über die konstitutionellen wenig geäußert, aber nur darum, weil sie zu den ersteren etwas Neues beibringen konnte, über die letzteren hingegen zunächst nicht mehr wußte, als man sonst weiß. Wir lehnen es ab, einen prinzipiellen Gegensatz zwischen beiden Reihen von ätiologischen Momenten zu statuieren; wir nehmen vielmehr ein regelmäßiges Zusammenwirken beider zur Hervorbringung des beobachteten Effekts an. Beide bestimmen das Schicksal eines Menschen; selten, vielleicht niemals, eine dieser Mächte allein. Die Aufteilung der ätiologischen Wirksamkeit zwischen den beiden wird sich nur individuell und im einzelnen vollziehen lassen. Die Reihe, in welcher sich wechselnde Größen der beiden Faktoren zusammensetzen, wird gewiss auch ihre extremen Fälle haben. Je nach dem Stande unserer Erkenntnis werden wir den Anteil der Konstitution oder des Erlebens im Einzelfalle anders einschätzen und das Recht behalten, mit der Veränderung unserer Einsichten unser Urteil zu modifizieren. Übrigens könnte man es wagen, die Konstitution selbst aufzufassen als den Niederschlag aus den akzidentellen Einwirkungen auf die unendllich große Reihe der Ahnen.“ (3).

Wenn Freud noch leben würde, wäre ADHS für ihn eine Neurose.


(1) Krause, J., Krause, K.-H.: ADHS im Erwachsenenalter: Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei Erwachsenen. Schattauer 2009
(2) Freud, S.: Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Ges. W. Bd. 4, Fischer 1961
(3) Freud, S.: Zur Dynamik der Übertragung. Ges. W. Bad. 8, Fischer 1961
Bild: Der Standard at.

Berthold B., 2010


Café Holunder unterstützt Kampagne gegen Pädophilie im Internet
Stephanie zu Guttenberg als Präsidentin des Vereins Innocense in Danger steht für die teils umstrittene RTL-Sendung, in der sexuelle Anmache von Minderjährigen im Internet öffentlich gemacht und angeprangert wird.
Café Holunder unterstützt dieses Anliegen grundsätzlich. Im Bild sehen Sie Stephanie zu Guttenberg mit Hans Reinhard Schmidt.

 


Cafe Holunder auf Youtube

Hallo! Ab sofort finden Sie Cafe Holunder auch auf
Youtube. Als erstes Video erscheint eine dreiteilige Lesung von Hans Reinhard Schmidt aus seinem im Folgenden vorgestellten Buch.
http://www.youtube.com/watch?v=z2l1ZCtoOCY

 

 

 


ICH LERNE WIE EIN ZOMBIE
Plädoyer für das Abschaffen von ADHS

Dieses Buch muss man lesen,.wenn man sich wirklich umfassend und objektiv informieren will. Eltern unruhiger, unaufmerksamer oder einfach sehr lebhafter Kinder hören immer öfter: "Lass es doch mal auf ADHS testen." Nicht selten greifen sie solche Ratschläge dankbar auf und sind erleichtert, endlich eine Erklärung für das auffällige Verhalten ihres Kindes gefunden zu haben. Anderen Eltern reden ÄrztInnen, PsychologInnen, LehrerInnen und ErzieherInnen ein, ihr Kind habe ADHS – und sie sind keineswegs erleichtert, sondern am Boden zerstört.
ADHS, das Kürzel für "Aufmerksamkeits-Defizitstörung mit – oder ohne – Hyperaktivität", ist weltweit zur am häufigsten gestellten kinderpsychiatrischen Diagnose geworden. In Deutschland rechnet man derzeit mit bis zu 500 000 angeblich behandlungsbedürftigen Kindern. Kein anderes Medikament verzeichnet derartige Zuwachsraten wie Methylphenidat, v.a. bekannt als Ritalin. Jeden Tag nehmen weltweit ca. 10 Millionen Kinder solche auf das noch in Entwicklung begriffene kindliche Gehirn wirkende Psychopharmaka ein.
Was hat es aber bei einer kritischen Betrachtung mit dem Phänomen "ADHS" wirklich auf sichum eine medizinisch-neuropsychologische Krankheit, die ? Handelt es sich tatsächlich langjährig mit Psychopharmaka behandelt werden musssollten Eltern wissen, wenn sie mit dem "Verdacht auf ADHS" ? Was konfrontiert werden?
Antworten sowie sehr viele Hintergrundinformationen und Forschungsergebnisse, die der modische ADHS-Mainstream gerne ignoriert, bietet dieses unbedingt lesenswerte Buch von Dipl-Psychologe Hans-Reinhard Schmidt

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Alm oder Ritalin?
Ritalin stellt ruhig

Es rauscht wieder mal erheblich im ADHS-Blätterblatt! Einige vorweihnachtliche Presse- veröffentlichungen haben die Gemüter der braven deutschen ADHS-Gemeinschaft stark aufgewühlt. Der STERN, der SPIEGEL und auch GEO haben sich mit ADHS und Ritalin auf eine Weise beschäftigt, die bei Anhängern des schulmedizinischen ADHS-Konstrukts wieder mal für helle Empörung gesorgt hat. In allerlei seitenlangen und teils polemischen sowie fachlich falschen Stellungnahmen haben sich ADHS-Verbände und Foren an ihre Fans und die Verlage gewendet, Überlegungen zur Anrufung des Presserats und sogar der europäischen Menschenrechtskomission (!) in den Diskurs geworfen, sowie sich haareraufend geschworen, keine solchen „bunten Blätter“ mehr zu kaufen. Sie werfen den Redaktionen Falschinformation der Öffentlichkeit vor, scheuen sich aber gleichzeitig nicht, in ihren eigenen Stellungnahmen so manchen Unsinn zu behaupten.

Worum geht es?
Unter wissenschaftlicher Begleitung von G. Hüther verbrachten einige ADHS-Kinder 8 Wochen auf einer Alm, wobei sie auf ihre gewohnte tägliche Ritalin-Dosis verzichteten. Der STERN berichtete darüber. Den Kindern ging es dort offenkundig sehr gut, sie und ihre Eltern waren sehr zufrieden mit dem Erfolg. Dahinter steckte die Überzeugung, dass ADHS keine krankhafte Hirnfunktionsstörung sei, sondern eine angelernte Verhaltensproblematik, die genauso wieder verlernt werden könne. Für die konservative ADHS-Gemeinde eine Provokation. Für die Wissenschaft eine immer aktueller werdende Variante im Diskurs um ADHS.  Der SPIEGEL berichtete über den Missbrauch von Psychostimulanzien im Sinne des Neuro-Enhancements bzw. Hirndopings und schilderte den tragischen Werdegang einer ritalinsüchtigen Pharmazeutin. Ritalin und Sucht? Für die konservative ADHS-Gemeinde eine Provokation. Für die Wissenschaft nach wie vor eine offene Frage.

„Nie wieder kaufe ich den STERN“
So oder ähnlich lautete die trotzig-kindliche Reaktion vieler sogenannter ADHS-Betroffener. STERN, SPIEGEL und GEO können dies natürlich leicht verkraften, denn die weit überwiegende Mehrheit der Leser denkt wie sie. Wir wollen hier nicht ausführlicher eingehen auf die Stellungnahmen von  z.B.
ADHS-Deutschland oder TOKOL. Der geneigte Leser möge sie sich selber zu Gemüte führen. Dort wird z.B. solch Unsinn behauptet, dass bestimmte Trägerstoffe der Ritalinpillen Depressionen auslösen können. Die vor Empörung nur so strotzenden Antworten an die Redaktionen von SPIEGEL und STERN blieben denn auch ohne jede Reaktion, nirgends wurden sie veröffentlicht. Keine Redaktion veröffentlicht solche ellenlangen Stellungnahmen. Ein Beleg für die Weltfremdheit der ADHS-Gemeinde, oder anders ausgedrückt: reine ADHS-Selbstbefriedigung.

Aber auf eine Klage in diesen Stellungnahmen möchten wir doch einmal etwas ausführlicher eingehen, weil sie immer wieder vorgebracht wird, aber dadurch natürlich nicht wahrer wird: J. Streif bringt sie so vor: Die Fehler beginnen…mit der Aussage, hunderttausende von Kindern würden mittels Methylphenidat (MPH) „ruhiggestellt“. Abgesehen von der Frage, warum der „stern“ im Weiteren mit großer Hartnäckigkeit für den Markennamen „Ritalin“ Werbung macht, ist der Begriff der „Ruhigstellung“ angesichts eines Medikamentes, das zu den Stimulanzien zählt, schlicht falsch. ADHS-Deutschland . Auch TOKOL und einige andere blasen ins gleiche Horn.

Ritalin stellt ruhig
Eines ist klar: Ritalin ist ein Stimulanz, das pharmakodynamisch u.a. wie folgt wirkt:

  • stimmungsaufhellend und euphorisierend
  • vermittelt ein Gefühl erhöhter Energie
  • steigert die Aufmerksamkeit, Wachheitsgrad und Leistungsfähigkeit
  • senkt den Appetit
  • vertreibt Müdigkeit
  • Blutdruck und Puls steigen
  • die Pupillen erweitern sich
  • die Muskulatur wird stärker durchblutet
  • Sauerstoff und Glucosekonzentration im Blut steigen an
  • Zum Teil können auch empathogene und halluzinogene Effekte auftreten (n. Rätsch 1998).

Aber das alles interessiert in der Praxis natürlich nur Wissenschaftler oder hoffentlich manchmal auch Ärzte. Eltern, Lehrer und Erzieherinnen interessiert das nicht. Sie interessieren sich allein für das wunschgemäß veränderte Verhalten eines pillen-schluckenden Kindes.Sie geben dem Kinde Ritalin, weil es das Verhalten paradoxerweise beruhigt, weil es die Kinder ruhiger macht, ruhig stellt. Psychostimulanzien können nämlich nach vielerlei Aussagen von ADHS-Fachleuten und Betroffenen

  • die Ablenkbarkeit reduzieren,
  • die Fähigkeit, Aufgaben abzuschliessen, verbessern,
  • Hyperaktivität und Ruhelosigkeit reduzieren
  • und die Impulsivität abschwächen (Rossi & Winkler)

Hyperaktivität und Ruhelosigkeit zu reduzieren, bedeutet natürlich nichts anderes als ruhigmachen, ruhigstellen. Eichlseder fand, dass 71 % der Eltern, die wegen ADHS zu ihm in die Praxis kamen, über motorische Unruhe ihres Kindes klagten. Er stellt fest, dass die Verabreichung von Amphetaminen die Kinder „in positivem Sinne“ verändert, was nichts anderes heißt, als dass sie auch motorisch ruhiggestellt werden (Eichlseder) . Leslie Iversen fragt: Wie lässt sich die scheinbar paradoxe Wirkung der Psychostimulanzien erklären, die Kinder mit ADHS beruhigt und ihre kognitive Leistungsfähigkeit verbessert? (Iversen 2009). Auch Sponsel stellt klar: Das Amphetamin Ritalin® wirkt bei Kindern eher beruhigend. Sponsel

Besonders klar wird die ruhigstellende Wunschwirkung aber in den vielen Beobachtungen der Ritalin-Mütter, die sich in einschlägigen Internetforen austauschen: Eine Mutter teilt mit: Gegessen hat er sowieso mehr schlecht als recht mit ihnen, ewig Bauchschmerzen, ruhig und traurig. Hauptsache, er passt gut auf und schreibt schön!.... Eine andere Mutter schreibt: Die Wirkung scheint bei ihm auch sehr lange zu halten. Ich habe das Gefühl, daß es mehr als 4 Stunden wirkt, heute war er wirklich von 9 Uhr morgens ( Einnahme) bis 16 Uhr sehr ruhig und ausgeglichen. Mein Sohn nimmt jetzt seit Samstag 10 mg Ritalin morgens ( im Moment um 8-8.30 Uhr, da wir in Urlaub sind) und er scheint 1/2 Stunde später tatsächlich ruhiger/mitarbeitswilliger zu sein als vorher. Vor der Tablette nörgelt er rum, danach ist er den "liebsten" Sohn... ADS-Hyperaktivität . Bei Tokol liest man in einem Erfahrungsbericht eines Betroffenen: METHYLPHENIDAT wirkt bei AD(H)S in der Form, dass es diesen Fluss, auf dem die Schiffchen schwimmen, beruhigt und so der Betroffene die Möglichkeit hat, den Kurs der Schiffe richtig zu lenken…

Wer die alltägliche Ritalinwirkung auf Kinder beobachtet, hat überhaupt keinen Zweifel an der ruhigstellenden Wirkung des Psychopharmakons. Diese Wirkung ist einer der Hauptgründe für die massenhafte Verschreibung. Es ist ein Skandal, dass die ADHS-Lobby diese Realität nach wie vor ausblenden und schönreden will. Es passt einfach nicht in ihr medizinisch- biologistisches Krankheitsmodell von ADHS, dass Eltern, Lehrer und Erzieherinnen ganz einfach Kinder, denen sie in ihrem familialen und beruflichen Alltag nicht gerecht werden wollen oder können, mittels Psychopharmaka pflegeleicht und ruhiggestellt machen wollen. ADHS hat ganz einfach eine genetisch bedingte Krankheit zu sein. Eltern-, Lehrer- oder Erzieherinnenverantwortung oder ihr Versagen passen da nicht ins Bild.

Diese Leute sind langsam aber sicher von Vorgestern. ADHS entpuppt sich nämlich immer mehr als das, was es wirklich ist: Eine psychogene Verhaltensstörung. Psychotherapie und Psychoedukation heilen. Ritalin stellt nur ruhig.

Literatur:
L. Iversen: Speed, Ecstasy, Ritalin. Amphetamine – Theorie und Praxis. Huber 2009
Chr. Rätsch: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Botanik, Ethnopharmakologie und Anwendung. Stuttgart: Wiss. Verl.-Ges. Aarau 1998

O. Belchamps
08.01.2010


Frag` Dr. van den Haag!
Heute: Evidenzbasierte Medizin empfiehlt:

Kümmel für Kümmerling

Otthilie Kümmerling: Herr Dr. van den Haag, ich brauche wieder meine Monatstonne Edronax gegen mein ADHS nebst komorbider Depression. Also rücken Sie schon Ihren vorausgefüllten Rezeptblockbuster raus und überziehen Sie Ihr Budget!
Dr. van den Haag:
Edronax nützt nix! Das verschreib ich nit meh.
Otthilie Kümmerling:
Was soll das heißen, bedeuten und gleichzeitig aussagen bzw. klarstellen? Will sagen richtigstellen? Oder aufklären? Immerhin haben Sie mir dies Zeug jetzt 6 Jahre lang verschrieben. Geholfen hat es zwar nix, aber ich bin mittlerweile davon total abhängig. Also zücken Sie schon Ihr Ding, Ihren Füllfederhalter!
Dr. van den Haag:
Lassen Sie uns hierauf erstmal einen Kümmel trinken, Frau Kümmerling. Es ist so, dass die meisten Dingens gegen Depressionen nix nützen, nach neuen Erkenntnissen der evidenzbasierten Medizin.
Otthilie Kümmerling:
Prost, Dokterchen. Aber sag einer an, wenn dem so ist, wieso hat er dann das Zeug so lange verschrieben (bitte einen zweiten, doppelten Kümmerling auf diesen Schock gereicht zu bekommen. Dankesehr!)
Dr. van den Haag:
Prost, Otthilie, aber ich konnte ja nicht wissen, dass die Pharma immer nur positive Forschungsergebnisse veröffentlicht, und die negativen versteckt. Die Firma hat mir ja auch nich schlecht extra gelöhnt dafür, wenn ich das Zeug verschreibe. Aber weissu, Otthilie, trinken wir noch nen Kümmerding, und alles andre muss dich ja garnich kümmeln.
Otthilie Kümmerling:
Prosit, Dokter! Fühle mich bereisdeulich besser im Sinne von beschwingt und total dudeljöh! Besuch bei Dir lohnt sich doch jesmal. Was heiss übichens evdensbas Medizin (hickup hoch zwei)?
Dr. van den Haag:
Das is Mezin die wo sich nach Foschungsdergenissen von Herrn
Sawicki richtet. Aber mein liebe Kümmeling, darauf können wir verzichennichwahr? Haupsach wiaham unsan Kümmel-Ding, nichwahr!
Otthile von Kümmerling:
Dann verschreim Sie mir mal gleich nen Hektoliter davon, gen mein ADHS mit koformidabler Deperession! Offleibel sebstänlich.


Wo die starken Kerle wohnen...

Nach dem Bericht im STERN nun im TV in der Serie 37 Grad
http://37grad.zdf.de/ZDFde/inhalt/14/0,1872,1020910_idDispatch:9388100,00.html

 

 


Ein halbes Jahr später: stern fragt nach.
ADRIANS NEUES LEBEN

Sie sollten lernen, ohne Tabletten auszukommen. Dazu verbrachten 11 Jungen mit ADHS
den Sommer 2009 auf einer Südtiroler Alm. Der stern, der über das Projekt berichtete,
hat einige der Eltern und Kinder erneut befragt. Wie kommen die Jungs heute in ihrem
Alltag zurecht?
Von 11 Kindern nehmen ein halbes Jahr später 10 keine Tabletten mehr.

Hier für alle, die geschworen haben, niemehr den stern zu kaufen, zum heimlichen Lesen
:
Alm statt Ritalin


Hüther widerlegt?

Sehr schade, dass so viele ADHS-Fans in ihrer teils wahnhaften Kritik an der von Prof. Dr. Gerald Hüther im Zusammenhang mit Methylphenidat bereits 2001 geäußerten Parkinson-Sorge überhaupt nicht verstehen, worum es genau geht. Derzeit macht eine Studie von Rössner u.a. unter der triumphalen Überschrift die Runde : "Hüther endgültig widerlegt". Erstaunlich, was in diese Studie alles hineinphantasiert wird. Worum geht es wirklich?

Trotz tausender Studien zur Medikamentenwirkung werden die Nebenwirkungen und Folgen einer Methylphenidatbehandlung erst in letzter Zeit etwas intensiver untersucht. Dabei zeigen sich besorgniserregende Befunde. Moll, Hüther u.a. machten 2001 den Anfang und fanden im Tierversuch, dass Methylphenidat dauerhafte Hirnveränderungen bzw. -schädigungen erzeugt (Moll 2001). Hüther machte auf ein dadurch möglicherweise erhöhtes späteres Parkinsonrisiko aufmerksam und löste damit in ADHS-Kreisen eine heftige und andauernde, aber völlig irrationale Empörung aus (Hüther 2002). Erst in jüngster Zeit haben Rössner u.a. im Tierversuch Moll und Hüther darin bestätigt, dass Methylphenidat das Dopaminsystem bei ADHS sozusagen „zurückstutzt“, beim hyperaktiven ADHS-Subtyp stärker als beim nur unaufmerksamen. Sie haben allerdings nicht untersucht, wie sich Methylphenidat auf ein von Hause aus „normales“ Dopaminsystem auswirkt, und genau hierauf bezog sich ja Hüthers Parkinsonverdacht. Hüther warnte ja davor, dass Methylphenidat bei Kindern, die gar kein überentwickeltes Dopaminsystem haben, Langzeitschäden bewirken könnte. Viele derzeit mit Methylphenidat behandelte Kinder haben nämlich wahrscheinlich gar kein übermäßig ausgeprägtes dopaminerges System, und wenn bei denen eine „Rückstutzung“ bewirkt werde, könnte es langfristig bedenklich sein. Die Aussage, dass Hüthers Parkinsonverdacht widerlegt sei, lässt sich also aus dieser Studie nicht ableiten.

Roessner, V., Sagvolden, T., Dasbanerjee, T., Middleton, F.A., Faraone, S.V., Walaas, S.I., Becker, A., Rothenberger, A., Bock, N.: Methylphenidate normalizes elevated dopamine transporter densities in an animal model of the attention-deficit/hyperactivity disorder combined type, but not to the same extent in one of the attention-deficit/hyperactivity disorder inattentive type. Neuroscience. 2010 Mar 6


ADHS und Sucht
Im Mai veranstaltet die Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. eine Tagung zum Dauerthema ADHS und Sucht. G. Hüther wird den Einleitungsvortrag halten. Wir nehmen dies zum Anlass, dazu noch einmal eine kleine Zusammenfassung zu bringen. Es handelt sich um einen Abschnitt des demnächst im Centaurus-Verlag erscheinenden Buches Ich lerne wie ein Zombie. Plädoyer für das Abschaffen von ADHS von Hans-Reinhard Schmidt. Die Literaturquellen können dort nachgelesen werden.

"Ritalin" erhöht Alkoholkonsum


Wie Kokain


Gene Haislip, Abteilungsleiter der DEA (USA), sagt: "Wir sind das einzige Land der Welt, in dem Kinder eine solch riesige Menge von Stimulantien verschrieben bekommen, die praktisch die gleichen Eigenschaften haben wie Kokain" (zit. DeGrandpre 2002). Methylphenidat wirkt bekanntlich grundsätzlich wie Kokain und ist diesem auch pharmakologisch fast identisch (Volkow 1995, Vastag 2001). Und Kokain ist eindeutig gefährlich und suchterzeugend, sein Kauf, Verkauf und Gebrauch sind klare kriminelle Handlungen. Das Paradoxe an Methylphenidat als Medikament besteht denn auch weniger in seiner nur scheinbar beruhigenden Wirkung auf unruhige Kinder, sondern in dem Umstand, dass es angeblich nicht süchtig macht. Wie ist das zu erklären?

Zum Einen liegt dies an der oralen Einnahme. Eine orale Einnahme verzögert die Wirkstoffaufnahme und gilt deshalb generell nicht als ideale Förderung für Sucht. Sie verhindert durch ihren Umweg über den Verdauungstrakt den "Kick", das rasche "High" einer Droge. Die Kinder merken meist nicht viel von der schleichenden Medikamentenwirkung. Wer "Ritalin" missbrauchen will, umgeht denn auch die orale Einnahme z.B. durch Schnupfen oder Spritzen. Dann wirkt es bei vergleichbarer Dosierung wie Kokain. Als Medikament ist Methylphenidat ausserdem relativ niedrig dosiert, so dass neben seiner oralen Verzögerung auch diese Niedrigdosierung einer Suchterzeugung entgegen wirkt. Im Vergleich zu anderen Psychopharmaka wie z.B. Prozac, das erst nach Wochen wirkt, stellt sich die Ritalinwirkung dennoch aber schon nach wenigen Minuten ein. Ritalin ist also trotz Niedrigdosierung und oraler Anwendung über den Verdauungstrakt ein starkes Psychopharmakon mit grundsätzlich hohem Missbrauchs- und Suchtpotential.

Derzeit wird gern verbreitet, dass die Frage, ob Methylphenidat süchtig mache, endgültig mit Nein zu beantworten sei: In der Tat gab es eine Reihe wissenschaftlicher Studien, die zeigten, dass angeblich von ADHS betroffene Menschen, die nicht mit Methylphenidat behandelt wurden, ein etwas höheres Risiko zu späterer Drogenabhängigkeit aufwiesen als mit dem Psychopharmakon behandelte Patienten oder angeblich Gesunde. Methylphenidat mache nicht süchtig, es verhindere sogar spätere Drogensucht, wurde aus den Studien geschlossen (z.B. Barkley 2003). Dass bei diesen Studien unzulässige Kausalitäten zwischen Drogensucht und Verhalten á la ADHS hergestellt wurden, sei hier nur am Rande betont. Ob einer Drogensucht ein ADHS zugrundeliegt oder die Drogensucht nicht vielmehr Verhaltensstörungen á la ADHS hervorbringt, ist in Wahrheit ungeklärt. Davon einmal abgesehen waren diese Studien aber auch sonst methodisch eher bescheiden und ihr Wert deshalb zweifelhaft. Sie verwendeten meistens Selbstauskünfte der befragten Personen, die bekanntlich subjektiv verfälscht sein können. Hin und wieder ergab sich sogar der Verdacht methodischer Manipulation: die allgemein bekannten kritischen Einwände gegen eine lobbygesteuerte Praxis wissenschaftlicher Veröffentlichungen im Phar-mabereich müssen gerade hier besonders ernst genommen werden (Diller 2004).

Ins Bild passen auch nicht Forschungsergebnisse über Ritalin und Rauchen. Dass D-Amphetamin (Dexedrin) den Zigarettenkonsum erhöht, ist bereits bekannt. Aber obwohl Methylphenidat zu den meistverschriebenen Substanzen zählt und sehr ähnliche Wirkungen wie Dexedrin zeigt, ist sein Zusammenhang mit dem Zigarettenkonsum erstaunlicherweise bisher nicht genau erforscht. Dass angebliche ADHSler mehr rauchen, ist bekannt. Aber dass Methylphenidat das Rauchen verstärkt und damit suchtfördernd wirkt, wird bestritten. Rush u.a. konnten aber bestätigen, dass Methylphenidat bei gesunden Personen den Zigarettenkonsum eindeutig erhöht. Nachdem die Versuchspersonen (Raucher ohne ADHS, die nicht den Wunsch hatten, mit Rauchen aufzuhören) im halbblinden Versuch MPH bzw. ein Placebo bekommen hatten, rauchten sie als Folge der MPH-Gabe und in linearer Abhängigkeit von der Dosis die nächsten vier Stunden mehr Zigaretten gieriger als sonst, aßen weniger und nahmen weniger Kalorien zu sich (Rush 2005). Erst kürzlich konnten Vansickel u.a. bestätigen, dass Methylphenidat bei rauchenden ADHSlern den Zigarettenkonsum nicht senkt, sondern steigert (Vansickel u.a. 2011). Wie das die üblichen Ritalin-Propagandisten mit ihrer Behauptung vereinbaren, es verhalte sich alles in Wirklichkeit genau umgekehrt - MPH wäre nicht suchtfördernd, sondern geradezu suchteindämmend - würde ich gerne mal wissen.


Wird hier unter den Teppich gekehrt?

Russell Barkley u.a. fanden übrigens, dass die Stimulantiengabe bei Kindern durchaus den Kokainmissbrauch als Erwachsener fördere (Barkley 2003). Die Autoren bringen diesen statistisch bedeutsamen Zusammenhang dann aber methodisch wieder zum Verschwinden, indem sie den Schweregrad von ADHS und Verhaltenssstörungen parallelisieren. Man weiß aus anderen Untersuchungen, dass in solchen Fällen gern unterschieden wird zwischen "reinem" ADHS und Verhaltensstörungen, und dass dann unliebsame Ergebnisse gern auf die Verhaltensstörungen, nicht aber auf ADHS zurückgeführt werden (oder umgekehrt, wie es eben so passt).

Dieses Vorgehen von Barkley u.a. kritisiert denn auch Lydia Furman. Sie äußert ihr Erstaunen darüber, welche Mühe sich die Autoren gäben, ein ihnen unbequemes Forschungsergebnis zum Verschwinden zu bringen (Furman 2003). Sie meint, die Autoren hätten "unglücklicherweise" herausgefunden, dass eine Stimulantienbehandlung bei Kindern den späteren Kokainmissbrauch wahrscheinlicher mache, und gäben sich dann große Mühe, dem Leser deutlich zu machen, dass daran angeblich doch nichts sei. Furman verdächtigt die Autoren der Datenmanipulation im erwünschten Sinne. Die Autoren seien nicht objektiv und neutral, sondern unterlägen ihrer Voreingenommenheit im Sinne einer grundsätzlichen Pro-Stimulantien-Einstellung, der sich die statistischen Daten zu fügen hätten. Schließlich strengten sie sich nicht gleichermaßen an, ihre anderen, erwünschteren Ergebnisse ebenso kritisch zu überprüfen. Darauf entgegnet Barkley, dass das betreffende Ergebnis Zufall sein könne. Denn in vielen anderen, ebenfalls kritischen Überprüfungen habe sich nirgends ein Zusammenhang zwischen Stimulantienbehandlung in der Kindheit und Drogenmissbrauch als Erwachsener gezeigt. Er bleibe bei seiner Überzeugung, dass es keinerlei überzeugenden Beleg für einen solchen Zusammenhang gebe. Der Leser solle sich selbst ein Bild davon machen, ob er, Barkley, voreingenommen sei (Barkley 2003, im Anschluss an Furman 2003).

Biedermann u. a. fanden in einer zehnjährigen Studie, dass eine Methylphenidatbehandlung für eine deutliche spätere Alkoholabhängigkeit sorgte, und nicht etwa für einen Schutz vor anderen Substanzen wie Nikotin oder illegalen Drogen, wie es bisher Forscher behauptet hatten (Biederman 2008). Während man früher gedacht hatte, Methylphenidat schütze vor späterer Sucht, zeigte sich also auch hier keinerlei Schutzfaktor. Stattdessen trat erhöhter Alkoholkonsum auf. Die Leute haben also unverändert geraucht und kamen unverändert schwer an illegale Drogen heran. Dafür haben sie aber mehr getrunken. Soll das etwa bestätigen, dass Methylphenidat nicht süchtig macht? Eher umgekehrt wird ein Schuh daraus.


"Wir waren höllisch überrascht!",

so die international renommierte und bereits erwähnte Hirnforscherin Nora Volkow über ihren Befund, dass Methylphenidat nicht nur genauso, sondern sogar stärker wirkt als Kokain. "Das hatten wir nicht erwartet!" (Volkow 1995). Die werbewirksame Behauotung, Ritalin sei lediglich ein harmloses Stimulans, wurde bisher von vielen Ärzten, der Pharmalobby und ADS-Funktionären weit verbreitet und von vielen Millionen hilfesuchender Eltern gern angenommen. Man ließ sich all die Jahre allzu gern dadurch täuschen, dass Ritalin geringere Nebenwirkungen und kaum Suchtpotential im Vergleich mit anderen bzw. anders dosierten Amphetaminen zu entwickeln schien. Dabei war bei Usern und Klinikern aber recht schnell bekannt, dass Methylphenidat, ein Amphetaminabkömmling wie auch Exstasy, Speed, Pervitin, bei entsprechender Dosierung und Einnahme, wie alle Amphetamine oder "Weckamine", süchtig machen kann und schädliche neurologische Wirkungen hat. Bei gleicher Dosierung und Zuführung wirkt es, wie bereits erwähnt, wie Kokain. Andererseits trugen die "hilfreichen" Wirkungen der Substanz auf die Verhaltensprobleme sogenannter ADHS-Kinder das ihrige zur Verharmlosung der Schattenseite dieser Droge bei. Dieser Glaube an eine harmlose, segensreiche Wundermedizin wurde mit dem Aufsatz: "Warnung! Ritalin wirkt wie Kokain!" von Brian Vastag im Journal of American Medical Association gründlich erschüttert (Vastag 2001). Vastag diskutierte die Ergebnisse der Ritalin- und Kokainforschungen der Gruppe um Nora Volkow, die ihre Daten damit zusammenfasst, dass der Glaube, Ritalin sei ein harmloses Stimulans, "vollkommen unzutreffend" sei. G. Ricaurte u.a. berichten über die von ihnen im Tierversuch festge-stellte ernsthafte Hirnschädigung durch partyübliche Dosierungen von Exstasy, der bekannten und ebenfalls stets verharmlosten Mode- und Partydroge (Ricaurte 2002). Auch Exstasy ist ein Amphetamin-Abkömmling, so wie Ritalin. Auch die Befunde Gerald Hüthers u.a., denen zufolge Methylphenidat im Tierversuch dauerhafte Hirnveränderungen erzeugt, sind noch in lebhafter Erinnerung (Moll 2001).


Es ist alles komplizierter

Die Forschungsstudien von Nora Volkow zeigen, dass die Dinge komplizierter sind, als bisher behauptet (u.a. Volkow 1999, 2003, 2008). Die Forscher untersuchten die Auswirkungen langfristiger oraler Methylphenidatgabe auf Kokainsucht und striatale Dopamin-D2-Rezeptoren im Tierversuch. Sie fanden, dass bei längerfristiger Behandlung im Jugendalter die Neigung zur Kokainsucht im Erwachsenenalter abnahm, während die Verfügbarkeit der dopaminären D2-Rezeptoren über das Normalmaß der Kontrollgruppe hinaus anwuchs. Während in der Kontrollgruppe die D2-Verfügbarkeit mit wachsendem Alter abnahm, stieg sie in den behandelten Gruppen mit der Behandlungsdauer an. Bei kurzfristiger Behandlung zeigte sich allerdings eine unter das Normalmaß absinkende D2-Verfügbarkeit. Da man inzwischen aus anderen Studien von Volkow u.a. weiß, dass eine niedrige D2-Rezeptorenzahl bei Mensch und Tier mit erhöhter Neigung zur Drogensucht einhergehen könnte (Volkow 1999), befürchten die Autoren denn auch zu recht, dass sich bei entsprechender Behandlungsdauer in entsprechendem Behandlungsalter eine erhöhte Neigung zur Drogensucht im Erwachsenenalter entwickeln könnte.

Volkow und Swanson stellen in jüngerer Zeit erneut heraus, dass es nach wie vor eine Kontroverse gebe, welche Effekte die frühe Methylphenidatgabe auf eine spätere Drogensucht habe (Volkow 2008). Tatsache sei zunächst, dass Methylphenidat genauso wie andere suchtgefährdende Drogen die Dopaminkonzentration im Gehirn erhöhe und potenziell suchtgefährdend ist. Tatsache sei auch, dass Methylphenidat und Amphetamine mit der Gefahr einer Suchtentstehung missbraucht werden. Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass der Zeitpunkt im Leben eines Menschen, zu dem er potentiell suchtgefährdenden Substanzen (wie Alkohol oder Nikotin) ausgesetzt ist, eine wesentliche Rolle für eine spätere Abhängigkeit spielt: Je früher. desto schädlicher. Jeder erfahrene Kliniker kann bestätigen, dass früher Gebrauch von Suchtmitteln spätere Drogensucht befördert. Schon Stanton hat dies herausgestellt (Stanton 1979). Andererseits wird behauptet, dass es für Kinder und Jugendliche mit ADHS geradezu suchtverhindernd sei, sie möglichst früh mit Methylphenidat zu behandeln. Wenn man bedenkt, dass Kinder mit ADHS ohnedies stärker zu späterer Drogensucht neigen sollen, ist diese Kontroverse von erheblicher Bedeutung. Es sei verwunderlich, stellen die Autoren fest, wie wenige Studien sich mit dieser Kontroverse bisher befassten (Volkow 2008).

Aus Tierversuchen weiß man schon länger, dass kokainsüchtige Tiere Methylphenidat als Kokainersatz wählen. Dasselbe wird von kokainsüchtigen Menschen berichtet (Breggin 2002). Lambert fand, dass mit Methylphenidat behandelte ADHS-Kinder als junge Erwachsene ein erhöhtes Risiko für Kokainmissbrauch hatten (Lambert 1988; Lambert u. Hartsough 1998).
Volkow und Swanson zitieren zwei Forschungsstudien, die eine von Biederman u.a. (Biederman 2008), die andere von Mannuzza u.a. (Mannuzza 2008): Biederman verglich die spätere Drogensucht von medikamentierten versus nicht medikamentierten ADHSlern. Mannuzza untersuchte den Zusammenhang zwischen dem Lebensalter zu Beginn einer Medikation in der Kindheit mit späterem Drogenkonsum als Erwachsener. Er verglich auch den Drogengebrauch in einer ADHS-Gruppe im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne ADHS und fand einen erhöhten Drogenmissbrauch in der ADHS-Gruppe. Dass Drogenmissbrauch keineswegs spezifisch für ADHS ist, sondern bei nahezu jeder psychischen Störung komorbid ist, ist z.B. für die Schizophrenie bekannt, bei der fast jeder zweite Kranke auch Drogenmissbrauch zeigt (Volkow 2009).

In beiden von Volkow und Swanson zitierten Studien ergab sich denn auch ein hoher Drogenmissbrauch in den Erwachsenengruppen (bis zu 45%), aber beide Studien zeigten auch, dass die kindliche Medikation mit Methylphenidat keinerlei (weder steigernden noch senkenden) Einfluss auf Drogenmissbrauch im Erwachsenenalter hatte. Diese Studien waren methodisch zwar nicht fehlerfrei (zu kleine Versuchsgruppen, nicht gleichverteilte und unklare Medikationsbedingungen und -dauern, etc.) und geben deshalb auf die wichtige Frage nach dem Zusammenhang zwischen Lebensalter bei Beginn der Medikation und späterem Drogengebrauch keine klare Antwort. Man weiss aber aus anderen Studien, dass der Beginn einer Methylphenidattherapie in der Pubertät (im Unterschied zum Beginn in der Kindheit) die spätere Sensitivität für Kokain erhöht (Volkow 2003). Volkow und Swanson verweisen hier auf die zu diesem Zeitpunkt noch laufende MTA-Studie, die hoffentlich mehr Aufschluss hierüber liefern könnte.

Festzuhalten ist aber, dass beide zitierten Studien herausfinden, dass der Einsatz von Methylphenidat keineswegs späteren Drogenmissbrauch reduziert, wie vorher gern behauptet wurde. Auch die Annahme, frühe Methylphenidatgabe verringere das Entstehen von Verhaltensstörungen besser als eine spätere Gabe, wodurch auch späterer Drogenmissbrauch reduziert werde, lässt sich durch die bisherigen Ergebnisse der großen MTA-Studie nicht belegen: Dort hat sich gezeigt, dass die frühe Methylphenidattherapie spätere Verhaltensstörungen nicht verhindern kann. Auch die Tatsache, dass sich in USA trotz eines dramatischen Anstiegs der Methylphenidatgabe die Zahl von Verhaltensstörungen nicht verringert hat, bestätigt dies (Volkow 2008).

Man kann davon ausgehen, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, ob und unter welchen Bedingungen Methylphenidat spätere Drogensucht unbeeinflusst lässt, eindämmt oder fördert. Die bisherigen Studien sind zu undifferenziert und methodenschwach, sie haben sich z.B. noch nie mit der so wichtigen Frage beschäftigt, ob die Methylphenidatgabe nicht im Sinne einer Substitution (wie Methadon für Heroin) selbst bereits eine Drogenabhängigkeit kaschieren kann. Wenn eine psychische Störung mit erhöhter Suchtgefahr einhergeht, kann ja die Gabe eines Amphetamin-abkömmlings durchaus die Möglichkeit einer legalisierten, medizinisch verbrämten Suchtförderung bedeuten. Der Kinderarzt sozusagen als Drogendealer. Der SPIEGEL erzählt die Geschichte der ritalinsüchtigen Pharmazeutin Maria Westermann, die ihren Alltagsstress anfangs mit einer Pille alle zwei Tage beschwichtigen konnte. Aber bald konnte sie auf die tägliche Dosis nicht verzichten, und nach sieben Monaten musste sie 10 Tabletten täglich einnehmen, um die gewünschten Effekte zu erreichen. Als sie nach zwei Jahren bis zu 18 Tabletten am Tag schluckte, begann sie zu zittern und hatte ständige Kopfschmerzen. Nun ging es mit ihr bergab. Sie wurde reizbar, entwickelte paranoide Verfolgungsideen und musste stationär in eine Suchtklinik gehen (Der Spiegel 44/2009). Man muss befürchten, dass solche Fälle immer mehr zunehmen werden und die Behauptung, Ritalin mache nicht süchtig, Lügen strafen.


Die zweite Seite der Medaille

Dies führt uns nahtlos zur in der bisherigen Argumentation sträflich ausge-blendeten Betonung psychosozialer Einflüsse auf die Entstehung von Drogensucht. Die bisherigen Ausführungen mögen lediglich als neurobiologische Korrelate psychischer Erfahrungen gelten. Hat Drogensucht eher soziale oder biologische Ursachen? Das ist die typische Frage mit der Sowohl-Als-auch-Antwort. Volkow und ihre KollegInnen entdeckten einen Mechanismus im Hirn, der zumindest unterschiedliche Reaktionen auf Rauschmittel erklären kann. Demnach spielt, wie gesagt, die Anzahl der Dopamin-D2-Rezeptoren im Hirn eine Rolle: Je weniger dieser Rezeptoren vorhanden sind (warum auch immer), desto eher schätzt eine Versuchsperson Methylphenidat. Menschen mit (warum auch immer) höherer Rezeptorzahl, an denen normalerweise der Botenstoff Dopamin "andockt", beschrieben den Effekt von Methylphenidat eher als unangenehm. Aber Volkow und KollegInnen räumen immerhin ein, dass es noch "anderer Faktoren" bedürfe, um die Entstehung einer Drogenabhängigkeit zu erklären (Volkow 1999). Diese Einschränkung lässt hoffen, dass in Zukunft in solche Untersuchungen endlich auch solche Faktoren im Sinne von Erfahrungen und Umweltfaktoren einbezogen werden.

Denn diese „anderen“ Ursachen (und die Antwort auf die obigen Warum-Auch-Immer-Fragen) liegen ohne Zweifel in den lebensgeschichtlich begründeten Lernerfahrungen eines Menschen, in den unterschiedlichen Nutzungsbedingungen seines Gehirns (Hüther 2002) begründet. Dass frühkindliche Traumatisierungen und psychosoziale Mangelerfahrungen vielfältige Verhaltens-, Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörungen zur Folge haben können, ist mittlerweile wissenschaftliches Allgemeingut und muss hier nicht gesondert belegt werden. Dennoch wird dies in der internationalen Therapie und Diskussion von ADHS nach wie vor total ausgeblendet. Früh gestörte Familienverhältnisse und Bindungsstörungen (Brisch 2009), symtomneurotisch bzw. charakterneurotisch gestörte Familiendynamiken (Richter 1976; 2007), insbesonders auch frühe Vaterlosigkeit bei Söhnen (Fthenakis 1985) sind lange bekannt als Risikofaktoren u.a. für spätere Sucht und Kriminalität. In keiner bisherigen ADHS-Studie wurden derartige lebensgeschichtliche Traumatisierungen bisher entsprechend einkalkuliert bzw. kontrolliert. Die Forschung zu ADHS ist bezeichnenderweise bisher nahezu ausschliesslich biologistisch ausgerichtet, sie wird so die Frage nach den Zusammenhängen von Sucht und ADHS nie umfassend beantworten können.

Mai 2011. Literaturliste auf Wunsch erhaeltlich.


ADHS bei Erwachsenen
Ritalin hilft auch ohne ADHS

Die ADHS-Erwachsenen-Diagnose ist derzeit noch eine relative Rarität, nimmt aber auch als Folge des erheblichen pharmazeutischen Werbedrucks immer mehr zu. Immer mehr Forschungsstudien erscheinen, die die segensreiche Methylphenidatwirkung auch bei Erwachsenen belegen. Das Ziel ist, den Markt zu erweitern und Methylphenidat auch für Erwachsene zuzulassen. Es gibt bereits Kliniken mit ADHS-Ambulanzen oder Stationen für Erwachsene, wobei man bei näherer Betrachtung des Therapieangebots den Eindruck gewinnt, dass diese Entwicklung eher dem härter gewordenen marktwirtschaftlichen Wettbewerb unter den Krankenhäusern als einem wirklichen klinischen Bedarf zuzuschreiben ist. Man fragt sich bereits, was danach kommt: Methylphenidat bei Senioren-ADHS, besonders zu empfehlen für die Bewohner von überforderten Altenheimen?
Dass Methylphenidat in seiner Wirkung keinen Unterschied macht zwischen ADHS-diagnostizierten Erwachsenen und Normalpersonen, konnten Agay u. a. erst kürzlich in einer methodisch guten Studie belegen: Es verbesserte in jedem Fall und in demselben Ausmaß kognitive Leistung und Entscheidungsprozess der Versuchspersonen, egal, ob sie angeblich ADHS hatten oder nicht (Agay 2010). Der Grazer Psychiater und Gerichtssachverständige Prof. Dr. Peter Hofmann bringt es auf den Punkt: "Das ADHS ist die gebräuchlichste Ausrede, um Österreich flächendeckend mit Amphetaminen zu versorgen!" (Hofmann 2010).

Agay, N., Yechiam, E., Carmel, Z., Levkovitz, Y.: Non-specific effects of methylphenidate (Ritalin) on cognitive ability and decision-making of ADHD and healthy adults. Psychopharmacology (Berl). 2010 Apr 28

http://tinyurl.com/2g7tu57

Cafe Holunder Mai 2010


ADHS: Ritalin statt Erziehung?

Was Praktiker und Psychotherapeuten seit langem aus ihrem Alltag kennen, haben nun erneut Forscher bestätigt:
Stockholm – An einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (AHDS) leiden bevorzugt Kinder aus sogenannten schwierigen Familienverhältnissen. Schwedische Public Health-Forscher führen in Acta Paediatrica (2010; 99: 920-924) die Hälfte aller Erkrankungen auf ein niedriges Bildungsniveau der Mutter und auf Alleinerziehende zurück (1). Die Forscher fanden einen starken Zusammenhang zwischen ADHS und sozioökonomischen Faktoren. Mütter mit der geringsten Schulbildung hatten zu 130 Prozent häufiger ein Kind mit ADHS als besser ausgebildete Mütter.
Kinder von Alleinerziehenden bekamen 54 Prozent häufiger Medikamente verordnet als Kinder, die zusammen mit beiden Elternteilen wohnen. Die Tatsache, dass die Familien Sozialhilfe erhielten, erhöhte die Wahrscheinlichkeit einer AHDS-Medikation um 135 Prozent.

Mütter mit geringer Bildung sind oft auch in anderen Bereichen sozial benachteiligt, schreiben die Autoren: Es gebe mehr Stressfaktoren und die Kinder seien häufiger schwer erziehbar. Alleinerziehenden fehle es häufig an Zeit, Geld und sozialer Unterstützung. Hinzu kämen nicht selten Familienkonflikte durch Trennung und Scheidung sowie die Abwesenheit eines Elternteils (1).

Die gefundenen Zusammenhänge müssen natürlich kausal nicht bedeuten, dass widrige sozioökonomische Familienverhältnisse die Ursache seien für ADHS und die Medikation. Aber der gefundene eindeutige und starke Zusammenhang gibt dennoch sehr zu denken. Sollten die Eltern etwa in ungünstigen sozioökonomischen Verhältnissen leben, weil sie selber genetisch bedingt unter ADHS leiden, das sie wiederum an ihre Kinder vererben, so, wie sie es selber bereits von ihren Eltern geerbt haben? Niedrige Bildung und gestörte Familienverhältnisse also Folge genetischer Ursachen? Diese Horrorvorstellung, die an den Rassenwahn des Hitlerfaschismus erinnert, wagt wohl ernstlich niemand zu postulieren. Also wird es wohl eher doch kausal so sein, dass widrige Familienbedingungen, die psychosozial "vererbt" werden, die Ursache für vielerlei psychische Störungen und Entwicklungshindernisse, also auch "ADHS", sind.

Erziehung, Psychoedukation und frühe Hilfen für benachteiligte Kinder sind also das Rezept. Nicht das Ritalin-Rezept.

(1)
Aerzteblatt


Navi bei ADHS unbrauchbar

Wie neueste Forschungsergebnisse belegen, sind die in Autos üblichen Navigationsgeräte (Navi) bei ADHS unbrauchbar. Die mildtätige Ritalingabe hilft aber auch hier.
Ohne Medikation neigen ADHSler allerdings aufgrund ihrer typischen oppositionellen Tendenz dazu, den Anweisungen des Navis entgegenzutreten und sie entweder zu ignorieren oder ihr genaues Gegenteil auszuführen. ADHSler verfahren sich also mithilfe des Navis generell. Allerdings arbeitet die Industrie mittlerweile an einem ADHS-Navi, das jeweils das Gegenteil der korrekten Anweisungen mitteilt und die oppositionelle Tendenz des ADHSlers dazu benutzt, auch ohne Ritalin problemlos ans Wunschziel zu gelangen.

Quelle: Zeise

© Ullis Satire


ADHS: GENE SIND KEIN SCHICKSAL
Wir sind nicht die Marionetten unserer Gene.
Gene bestimmen unser Leben weit weniger, als wir glauben und als uns nur zu gerne suggeriert wird.
Das Mathe-Gen, das Glücks-Gen, das biologisch vorbestimmte Übergewicht: alles Mythen. Wir selbst haben den größten Einfluss auf unser Leben und unsere Gesundheit.
Tatsächlich bestimmen unsere Gene nur zum Teil unsere Geschicke. Größeren Einfluss haben Erfahrungen, Gedanken, soziale Beziehungen und Umweltfaktoren. So werden unsere Gene durch unseren Lebensstil wie Ton geknetet und geformt.
Der Bestsellerautor und Biologe Jörg Blech zeigt, wie wunderbar wandelbar unsere Gene sind und wie sehr wir selbst unser Leben und unsere Erbanlagen steuern können. Seine Schlussfolgerungen, die sich aus dem neuesten Zweig der Genforschung, der Epigenetik, ergeben, sind revolutionär und werden erstaunliche Auswirkungen auf unsere persönliche wie auch gesellschaftliche Lebensweise haben.

Auf das Konstrukt ADHS angewandt, bedeutet dies die Abkehr von der Vorstellung einer ausschliesslich genetisch bedingten Krankheit.


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