Willkommen im CAFÉ HOLUNDER
ARCHIV:

ADS: Gibt´s das wirklich?

ADS-Bücher: Kritisch
betrachtet

Ritalin: Ein folgen-
schwerer Irrtum

Aus der Sicht unserer
Kinder

Das Verschwinden der Mädchen von der
Bildfläche

Gibt es ein Bisschen ADS?

Exklusiv: Die HÜTHER-Studie

Das Anlage-Umwelt-
Problem

Oh wie verführerisch
ist doch das ADS!

Alternativen bei ADS

Fragiles X-Syndrom

Alternative Behandlung
bei ADD

Familie und ADS

Alternative Sichtweisen bei ADS

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 1

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 2

Quellensammlung

Böse Witze

Jacob Cartoons


AD(H)S-KRITIK
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Willkommen im Café Holunder, in dem "ADS" bzw. "ADHS" ("Aufmerksamkeits- Defizit- Störung mit oder ohne Hyperaktivität") kritisch hinterfragt wird. Sie starten hier auf der aktuellen Seite 37. Oben sind alle 36 vorhergehenden Seiten verlinkt. Auch auf den Seitenbalken finden Sie viele weitere interessante Informationen zu unserer Aktion. Sie denken bei ADHS kritisch?
Wie Ihr Hans Reinhard Schmidt.

Eine Generation wird krankgeschrieben
lautet der Untertitel des vielbeachteten Buches Die Ritalingesellschaft von Richard DeGrandpre. Auch die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) mit Terje Neraal, der auch zum Kuratorium unserer KONFERENZ ADHS gehört, nennt ihre ausgezeichnete Stellungnahme zu ADHS so.
Der selbstdenkende Zeitgenosse findet hier alles, was er über den großen Schwindel namens ADHS wissen sollte.
Zur Weiterverbreitung wärmstens empfohlen:
Eine Generation wird krankgeschrieben

 

 


Alles ADHS - oder was?
Gemeinsamer Bundesausschuss regelt zweifelhafte ADHS-Diagnostik

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist ein Organ der Selbstverwaltung von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen, das gesetzliche Gesundheitsvorgaben in die Praxis umsetzen soll. Seine Richtlinien haben untergesetzlichen Charakter und sind für alle Beteiligten verbindlich.

Im März dieses Jahres hat der G-BA Einzelheiten der Medikation und Diagnostik für den Umgang mit ADHS bei Erwachsenen
geregelt (1). Dabei legt er fest, dass die Diagnostik einer Erwachsenen-ADHS auch die retrospektive Störungsmessung aus der Kindheit umfassen muss, und bestimmt hierfür als angeblich bewährtes Instrument die deutsche Kurzform der Wender Utah Rating Scale (WURS-K) von Rösler u. a.(2).

Es gehört zu den Kuriositäten des Konstrukts ADHS, dass man diese angebliche Hirnfunktionsstörung von Kindheit, ja von Geburt an haben muss, weshalb man dann als Erwachsener, der bisher unerkannter ADHSler isr, diesen frühen Start leider nachträglich belegen können muss. Davon abgesehen, dass ein solches Procedere grundsätzlich stark störungsanfällig sein muss, soll die WURS-K dennoch ein geeignetes Instrument sein.

Die Wender Utah Rating Scale (WURS) hatte ursprünglich 61 Items und wollte nicht nur ADHS, sondern auch eine ganze Reihe anderer psychiatrischer Probleme erfassen (3). Ward u. Wender (4) haben deshalb später 36 Items eliminiert und gefunden, dass die restlichen 25 Items am besten zwischen ADHS und Gesunden sowie Depressiven unterscheiden.

Die Arbeitsgruppe um Stein fand aber anschließend, dass der Fragebogen nach wie vor sehr heterogen ist und immer noch
viele andere psychiatrische Störungen (wie depressives, ängstliches oder sozialgestörtes Verhalten) misst (5). McCann u. a.
fanden dann, dass sogar fast jede zweite ADHS-Diagnose falsch war. Fast jeder Zweite, der die Diagnose ADHS erhalten hätte, war falsch diagnostiziert (6).

Die Kurzform der WURS eignet sich also kaum für den Einsatz in einem psychiatrischen Kollektiv. Das bestätigt auch Stein, der darauf hinweist, dass die Anwendung der WURS wegen ihrer erheblichen Überschneidung mit vielfältigen Komorbiditäten in einem Patientenkollektiv zweifelhaft ist (5). Die vom G-BA vorgeschriebene deutsche Adaption WURS-K von Retz-Junginger aus 2002, die nur noch 21 Items enthält und etwa 10 Minuten Bearbeitung erfordert, unterscheidet sich von den Vorgängerversionen nicht wesentlich (7).

Der vom G-BA vorgeschriebene Fragebogen WURS-K erscheint also kaum geeignet, um ADHS-Patienten von Patienten mit anderen psychiatrischen Störungen zu unterscheiden. Das verwundert auch nicht, sind doch ADHS-Symptome grundsätzlich völlig unspezifisch. Es ist zu befürchten, dass die nur ca. 10 Minuten dauernde Durchführung der WURS-K klinische Praktiker dazu verführt, viel zu viele psychisch gestörte Menschen fälschlich mit ADHS zu diagnostizieren und ihnen damit eine störungsspezifische Therapie zu erschweren.

Oder sollte das Ganze beabsichtigt sein, um die Zahl von ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen künstlich zu erhöhen?


Quellen:

1. http://www.g-ba.de/institution/presse/pressemitteilungen/482/
2. http://www.testzentrale.de/programm/homburger-adhs-skalen-fur-erwachsene.html
3. Wender P., Reimherr F., Wood D., 1981, Attention deficit disorder ("minimal brain
dysfunction") in adults: A replication of diagnosis and drug treatment. Arch. Gen.
Psychiatry, 38, 449-456
4. Ward M., Wender P., Reimherr F., 1993, The Wender Utah Rating Scale: An Aid in the
Retrospective Diagnosis of Childhood Attention Deficit Hyperactivity Disorder.
Am. J. Psychiatry, 150, 885-890
5. Stein M., Sandoval R., Szumowski E., Roizen N., Reinecke M., Blondis T., Klein Z.,
1995, Psychometric Characteristics of the Wender Utah Rating Scale (WURS):
Reliability and Factor Structure for Men and Women. Psychopharmacology
Bulletin, 31, 425-433
6. McCann B., Scheele L., Ward N., Roy-Byrne P., 2000, Discriminant Validity of the
Wender Utah Rating Scale for Attention Deficit Hyperactivity Disorder in Adults.
J. Neuropsychiatry Clin. Neurosci., 12, 240-245
7. Brunklaus, A.: Vergleich von Symptomen des Hyperkinetischen
Syndroms bei politoxikomanen Patienten in Suchtbehandlung und gesunden Kontrollprobanden.
Dissertaion 2006, Medizinische Fakultät der Charité – Universitätsmedizin Berlin


Das Märchen vom biochemischen Ungleichgewicht.

Trotz tausender Forschungsstudien ist nach wie vor nicht bekannt, welche Transmitterverhältnisse bei ADHS im Gehirn genau vorliegen sollen. Die Ätiologie von ADHS ist in Wahrheit unbekannt. Das hindert viele ADHS-Gläubige seit Jahren nicht daran, sich selbst und der Welt einzureden, im Gehirn von ADHSlern gäbe es ein irgendwie geartetes biochemisches Ungleichgewicht bzw. eine Dysfunktion als Ursache der Krankheit.

So lesen wir: ADHS ist eine neurobiologische Störung, die mit einer Veränderung der Gehirnhormone einhergeht und hier sind besonders die Gehirnhormone Noradrenalin und Dopamin betroffen (1). Vom Kommafehler abgesehen ist hier auch die Bezeichnung "Gehirnhormone" bemerkenswert. Oder: Angeborene – genetische - Veränderungen in der Struktur und Zusammenarbeit verschiedener Hirnbereiche und der Chemie unserer Botenstoffe führt zu den beschriebenen Auswirkungen. (auch hier wieder ein Deutschfehler) ((2). Oder: Alle bisher wissenschaftlich gefundenen Resultate genetischer und bildgebender Untersuchungen ... weisen auf eine genetisch bedingte Störung im Dopamin- und Noradrenalin-System als eine wesentliche Ursache der ADHS hin (3). Oder: Man nimmt heute an, dass bei AD(H)S beim Zusammenwirken verschiedener Hirnabschnitte im Bereich der Schaltstellen der Hirnzellen (Synapsen) die verantwortlichen Überträgerstoffe (Neurotransmitter) vor allem das Dopamin nicht optimal wirken. Es handelt sich also in gewissem Sinne um eine Stoffwechselstörung im intrazellulären Bereich (4) (Besonders hanebüchen, nicht nur wieder wegen des Deutschfehlers, sondern auch wegen der Behauptung, dass Dopmain nicht optimal wirke und sich das Ganze sogar intrazellulär und im Zusammenspiel bestimmter Hirnabschnitte abspiele, als spiele im Gehirn nicht immer alles miteinander). Oder: Seit den 90’er Jahren geht man von einem neurobiologischen / neurochemischen Ansatz aus, da biologische Untersuchungen zeigen, dass betroffene Patienten unter einem Ungleichgewicht der Botenstoffe Serotonin, Dopamin und Noradrenalin im Gehirn leiden, wodurch die Informationsweiterleitungen zwischen den Nervenzellen einzelner Hirnbereichen nicht hinreichend funktioniert (5) (schon wieder ein falsches Deutsch).

Soweit ein paar willkürlich herausgegriffene Beispiele (bei denen ihr schlampiges Deutsch mit ihrer wissenschaftlichen Rezeption zu korrelieren scheint), man findet ähnliche Behauptungen auch sonst zu Hauf. Aber deshalb werden sie natürlich nicht wahrer. Ritalin wirkt bei ADHSlern und Normalos in Bezug auf eine Aufmerksamkeitssteigerung ja bekanntlich gleich, weshalb bei ADHSlern schon mal gar kein Ungleichgewicht vorliegen kann (6). Die Ursachen und Entstehungsbedingungen der ADHS sind noch nicht vollständig geklärt, stellt denn auch die Bundesärztekammer nüchtern fest (7). Strukturelle und funktionelle neurologisch-bildgebende Verfahren konnten bisher keinerlei spezifische Ätiologie entdecken, stellt Furman fest (8).

Bis heute wurde bei keiner einzigen psychiatrischen Krankheit ein biochemisches Ungleichgewicht als Ursache gefunden. Das Märchen vom biochemischen Ungleichgewicht hat sich die schlaue Pharma ausgedacht, um den Einsatz ihrer Produkte (die deshalb natürlich nicht wirkungslos sind), wissenschaftlich zu begründen. Relativ unstrittig ist nur, dass Methylphenidat ein Dopamin-Wiederaufnahmehemmer ist. Der Stoff verändert also ein wahrscheinlich völlig normales biochemisches Gleichgewicht hin zu einem Ungleichgewicht. Das einzige biochemische Ungleichgewicht, das man bei psychiatrischen Krankheiten findet, erzeugen also die Medikamente selber. Sie helfen nicht einem Ungleichgewicht ab, sondern sie erzeugen es erst. So wie Alkohol nicht gegen ein biochemisches Ungleichgewicht hilft, sondern erst eines erzeugt. Wenn man am nächsten Tag den berühmten Kater hat, versucht sich das Gehirn wieder ins alte Gleichgewicht zu bringen. Bei Ritalin etc. nennt man dies Rebound. Es ist nichts anderes als ein Psychopharmaka-Kater.

Darauf weist nicht nur der weltberühmte Psychiater Peter R. Breggin hin (9), auch der renommierte Princeton-Neurowissenschaftler Barry Jacobs sagt: Diese Pharmaka verändern das Niveau synaptischer Übertragung unter das Niveau, das unter normalen Umweltbedingungen erreicht wird. Deshalb sollten alle Verhaltensreaktionen, die unter diesen Bedingungen entstehen, eher als pathologisch...betrachtet werden (10). Auch der berühmte Harvard-Vorsteher und ehemalige NIMH-Direktor Steven Hyman hat dies bereits vor 10 Jahren betont (ebd.).

Eltern müssen also wissen: Im Hirn ihrer unruhigen Kinder gibt es kein biochemisches Ungleichgewicht als Ursache. Ritalin macht erst eins.

(1) http://www.adhs-deutschland.de/Home/ADHS/ADHS-ADS/ADHS.aspx
(2) http://www.kinderaerzte-forchheim.de/informatives/adhs
(3) http://www.therapiezentrum-esslingen.de/index.php?option=com_content&view=article&id=70:adhs-neurobiologie&catid=51:adhs&Itemid=95
(4) http://www.tokol.de/index.php/adhs-spektrum-parken-185/ursache-parken-36
(5) http://www.dr-gumpert.de/html/adhs.html#c490
(6) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21297951
(7) http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/ADHSkurz.pdf
(8) http://www.ads-kritik.de/ADS-Kritik31.htm
(9) http://www.breggin.com/index.php?option=com_content&task=view&id=297
(10) B. Jacobs, zit. in F. Hasler, Neuromythologie, transcript 2012, S. 134-135


ADHS ist keine Krankheit
Tabletten sind bequemer
Prof. Dr. Gerald Hüther, der renommierte Neurobiologe und Hirnforscher, bringt es dieser Tage im ZDF wieder einmal genau auf den Punkt: ADHS und Ritalin sind für Eltern, Lehrer, Ärzte und die Pharmaindustrie bequemer als ein anderer pädagogischer Umgang mit unseren Kindern. Klicken Sie hier, und er sagt es Ihnen!

Café Holunder Februar 2013

 


DSM-5: Fressgelage-Störung

Im DER SPIEGEL 3/2013 berichtet der renommierte Wissenschaftsjournalist Jörg Blech über die immer mehr zunehmende Seuche der Medizinalisierung, Psychiatrisierung und Biologisierung normaler menschlicher Verhaltensweisen zum Zwecke ihrer Medikalisierung (WOW, so viele Worte mit -ung!). Darunter zählt auch die im revidierten DSM-5 (Diagnostisches und statistisches Manual Psychischer Störungen) vorgesehene Ausweitung der ADHS-Diagnose für praktisch jedes Lebensjahr, vom Baby bis zum Senior. Das DSM-5 erscheint im kommenden Mai und stößt international auf starken Protest. Man muss sich das genau vorstellen: Ganze 158 Fachleute brüten in USA neue psychiatrische Diagnosen aus, die dann weltweit ganze Bevölkerungsgruppen praktisch über Nacht quasi zu Verrückten machen können. Und 70 Prozent dieses Gremiums haben persönliche finanzielle Verbindungen zu teils einer ganzen Latte von Pharmakonzernen. Der bei uns überwiegend angewendete ICD-Katalog wird sich dem neuen DSM-5 nach nicht langer Zeit anschließen.

Neue Krankheiten sind z.B. die Fressgelage-Störung (vulgo Heißhunger); die leichte kognitive Störung (vulgo Schusseligkeit); Trauer z. B. nach dem Tod eines Familienangehörigen, die länger als 14 Tage dauert: Major Depression; die disruptive Launenfehlregulationsstörung (vulgo Jähzorn); die Tage vor den Tagen: prämenstruelle dysphorische Störung. Und eben auch ADHS, das als hirnorganische Entwicklungsstörung betrachtet wird, die in praktisch jedem Lebensalter diagnostiziert werden kann.

Bald sind wir also alle verrückt und sollen die entsprechenden Psychopharmaka schlucken. Ritalin also auch fürs Vorschulkind ab 2 Jahren. Wenn Sie sich gegen diesen Wahnsinn wehren wollen (und das werden Sie tun, wenn Sie nicht wirklich verrückt sind!), dann schließen Sie sich dem internationalen Protest gegen den DSM-5 an, indem Sie diese Petition signieren:
Petition gegen DSM-5
Sie müssen nur den Sign-Button klicken und sich dann ganz unten nach der Petition im Formular eintragen. Wenn eine Spendenseite erscheint, können Sie diese einfach ausklicken, wenn Sie nichts spenden wollen.

Seien Sie dabei, wenn es darum geht, individuell zu sein, ohne als verrückt diagnostiziert zu werden.
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Jörg Blech: Die Psycho-Falle. Der Spiegel 3/2013

Cafe Holunder Januar 2013


Das Buch des Monats:
Felix Hasler: Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung


Dieses Buch ist ein wahrer Leckerbissen für alle, die von jeher nicht an die vollmundigen Lebens- weisheiten der Hirnforscher à la Roth, Spitzer, Hüther, Singer, Markowitsch und andere glaubten, und erst recht für all diejenigen, die sich bisher noch gar nicht gefragt hatten, wie diese Kapazitäten denn das alles belegen können, was sie da so in die Welt der ehrfürchtig Hirnforschungsgläubigen hinausposaunen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Nahezu nichts von den angeblich objektiven Forschungsergebnissen der Hirnforschung, wie sie derzeit im klinischen Alltag der Psychiatrie und Psychotherapie geglaubt werden, ist wirklich wissenschaftlich belegt. Das meiste sind Banalitäten, Mythen oder von der Pharma gesponserte Marketingaussagen.
Ein Beispiel, das uns hier besonders interessiert, ist die These vom zerebralen Transmitter-Ungleichgewicht, speziell vom Dopaminmangel, als Ursache für psychische Störungen, speziell ADHS. Es gibt in Wahrheit keinen einzigen wissenschaftlich seriösen und replizierten Beleg dafür, dass ein wie auch immer geartetes Transmitter-Ungleichgewicht (ob Serotonin oder Dopamin oder sonstwas) die Ursache für irgendeine psychisch-psychiatrische Störung wäre. Stanford-Psychiater und Preisträger David Burns, der intensive Grundlagenforschung zum Serotonin-Metabolismus betrieben hat, sagt: "Ich sah nie einen überzeugenden Beweis dafür, dass irgendeine psychiatrische Erkrankung -Depression eingeschlossen- auf eine Serotonin-Mangelfunktion des Gehirns zurückzuführen ist" (Hasler S.128). Das gleiche gilt für die Dopamin-Mangeltheorie bei ADHS, wie Francois Gonon aufgezeigt hat (Gonon 2009). Stattdessen gibt es eine ganze Reihe von Studien, die das glatte Gegenteil der Mangeltheorien belegen (Hasler S.128). Der renommierte USA-Psychiater Allen Frances, Vorsitzender der Arbeitskomission für den DSM IV, fasst es lapidar so zusammen: "Unsere Neurotransmitter-Theorien sind nicht viel weiter als die Säftelehre der Griechen" (Hasler S.130).

Wie ist es zu verstehen, dass die Dopmaminmangel-These bei ADHS dennoch auch von Fachleuten hartnäckig geglaubt wird? Hasler hat dafür die Antwort: Erstens ist die These eines Transmittermangels für Laien so einfach zu verstehen (so, wie man Insulin gibt bei Zuckerkrankheit, braucht das ADHS-Hirn eben mehr Dopamin). Zweitens propagiert sie die Pharmalobby massiv und mit ihr viele akademische Mietmäuler und gesponserte Wissenschaftler, die trotz massiver Interessenkonflikte keinen Anlass für Bescheidenheit sehen, sowie, nicht zu vergessen, unkritische Medien, die gern plakative Sensationen berichten. Und drittens passt alles perfekt in den Mainstream der Biologisierung menschlichen Verhaltens, der das alte Leib-Seele-Problem ganz einfach abgeschafft hat, indem er das Wort Seele streicht.

Wussten Sie, dass nicht wenige Wissenschaftler ihre Forschungsstudien gar nicht mehr selber schreiben? Sie erhalten von der Pharmaindustrie einen Forschungsauftrag und schicken ihre Ergebnisse dann an die Pharmafirma, die ein ausschließliches Recht auf die Daten hat. Die Pharmafirma wertet dann erst einmal die Studienergebnisse in ihrem Marketinginteresse aus und gibt die Daten dann an eine Firma, die auf die Abfassung geeigneter Studientexte spezialisiert ist. Die urspünglichen Wissenschaftler werden dann zwar als die Autoren genannt, damit alles auch recht wissenschaftlich wirkt, wissen aber nach Abschluss ihrer Studie oft selber gar nicht, was genau herausgekommen ist. Wenn sie am Endtext der Studie dann Einwände haben, müssen sie damit rechnen, als Autor nicht mehr genannt zu werden. Wenn man das weiß. wundert es einen auf einmal gar nicht mehr, welche Unmengen an ADHS-Studien z.B. J. Biederman in USA ausspuckt, der Millionen an verschwiegenen Sponsorgeldern der Pharma eingestehen musste. Auch in Deutschland haben Universitäten inklusive ihrer Psychiatrie Verträge mit Pharmakonzernen, deren Inhalt geheim bleiben soll (der Steuerzahler, der die Universität finanziert, darf also nicht wissen, ob die dortige Wissenschaft pharma-unabhängig arbeitet).

Felix Hasler: Neuromythologe. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung.
Transcript 2012.


ADHS: Wenig Interesse an Missbrauch oder Vernachlässigung unserer Kinder!
Es wird Zeit für ein besseres Modell von ADHS

Sobald ein Kind die Diagnose ADHS hat, interessieren sich Kliniker kaum noch dafür, ob psychosoziale Ursachen wie Missbrauch oder Vernachlässigung mitspielen. Darauf weist die Londoner Kinder- und Jugendpsychiaterin Louise Marie-Elaine Richards in einer Studie hin (1). Bei einem Vergleich von ADHS-Kindern mit verhaltensgestörten Kindern fanden Kliniker, die die Diagnose der Kinder nicht kannten, bei beiden Gruppen gleich viele psychosoziale Auffälligkeiten. Wenn sie allerdings die Diagnose kannten, übersahen sie solche Faktoren bei ADHS häufig (2).

Für die Kinder kann das verheerende Folgen haben, wenn ihr wirkliches Leid mit der medizinischen Pseudodiagnose ADHS verdeckt und unerkannt bleibt. Richards fordert deshalb, die bereits umfangreich erforschten psychosozialen Faktoren bei Ätiologie, Diagnostik und Therapie von ADHS nicht länger zu leugnen. „Es wird Zeit für die bessere Integration von bio-psycho-sozialen Faktoren bei ADHS“, sagt sie zu Recht.

Die Bedeutung psychosozialer Faktoren bei der Entstehung einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wurde bisher erheblich vernachlässigt. Die deutlichen Zusammenhänge von ADHS mit seelischer Gesundheit der Eltern, Kindesmisshandlung, posttraumatischer Belastungsstörung, Anpassungsstörung, Vernachlässigung, gestörter Familiendynamik, häuslicher Gewalt, niedrigem psychosozialem Status und anderen Umwelteinflüssen dürfen nun nicht länger ausgeblendet bleiben. Kliniker unterschätzen bislang die Bedeutung solcher psychosozialer Faktoren und sehen sie bestenfalls als Folgen von ADHS, nicht aber auch als Ursachen. Neurobiologische Forschungen, die den Einfluss von frühem Missbrauch und Anpassungsstörungen auf die Hirnentwicklung zeigen, müssen ebenfalls zur Kenntnis genommen werden.

Die Bedeutung vieler vorliegender Befunde zum Einfluss psychosozialer Faktoren bei ADHS sowohl für Kliniker als auch für die allgemeine Öffentlichkeit ist weitreichend, vor allem auch für unser Schulsystem. Das bisher einseitig biologisch-medizinische Krankheitsmodell ADHS, das Verhalten nur beschreibt, aber nicht erklärt, muss endlich qualifiziert werden.

Quellen:
(1) Richards, LM.: It is time for a more integrated bio-psycho-social approach to ADHD
Clin Child Psychol Psychiatry. 2012 Oct 26.
(2) Overmeyer S, Taylor E, Blanz B, Schmidt MH: Psychosocial adversities underestimated in hyperkinetic children. J Child Psychol Psychiatry. 1999 Feb;40(2):259-63


Mein Opa hat Alzheimer? Das gibt´s doch nicht!

So könnte ein Buchtitel in Anlehnung an einen bekannt gewordenen Beitrag von H.-R. Schmidt über ADHS lauten (1). Das Buch heißt aber anders: Vergiss Alzheimer. Die Wahrheit über eine Krankheit, die keine ist. In PSYCHOLOGIE HEUTE 11/2012 wird es besprochen. Die Biologin Cornelia Stolze sagt darin: "Der Morbus Alzheimer ist ein Konstrukt. Ein nützliches Etikett, mit dem sich wirkungsvoll Forschungsmittel mobilisieren, Karrieren beschleunigen, Gesunde zu Kranken erklären und riesige Märkte für Medikamente und diagnostische Verfahren schaffen lassen" (2) (3).

Wie sich doch die Dinge gleichen! Als hätte die Autorin nicht über Alzheimer, sondern über ADHS geschrieben. Die Symptome von Alzheimer müssen nämlich nichts mit Proteinablagerungen im Gehirn zu tun haben (so wenig wie diejenigen von ADHS mit irgendwelchen spezifischen körperlichen Prozessen). sondern sie können viele Ursachen haben: Depressionen, Medikamenten-Langzeitwirkungen, Alkohol, Mangelernährung, Dehydrierung, Infektionen, Durchblutungsstörungen des Gehirns, Schlaganfall... Obwohl viele dieser Ursachen gut behandelbar sind, werden sie wegen der Pseudodiagnose Alzheimer immer öfter verkannt und deshalb gar nicht behandelt. So wie ADHS lässt sich auch Alzheimer nicht objektivieren: Die sog. Plaques-Theorie, derzufolge Eiweißablagerungen in der Hirnrinde die Ursache der Krankheit sein sollten, die man aber erst mittels Sektion nach dem Tode feststellen konnte, ist in den letzten Jahren widerlegt worden (Stichwort:
Nonnenstudie).

Quellen:
1)
Hans-Reinhard Schmidt: Mein Kind hat ADHS? Das gibt´s doch nicht!
2) Burkhard Plemper: Alzheimer - eine "lohnende" Diagnose? In: Psychologie Heute 11/2012
3) Cornelia Stolze: Vergiss Alzheimer. Kiepenheuer u. Witsch 2011
4) Cornelia Stolze:
Pille sucht Patient


Die 7 häufigsten (boshaften?) Falschinformationen über die ADHS-Kritik
(plus eine kostenlose Dreingabe)


Befürworter des ADHS-Konstrukts pflegen sich, wenn überhaupt, mit den fundierten Argumenten der ADHS-Kritiker leider nur polemisch und wissenschaftlich unseriös auseinanderzusetzen. Hier die 7 häufigsten Falschbehauptungen und Unterstellungen gegen die ADHS-Kritik, und ihre Richtigstellungen:

Falschbehauptung 1:
Wer die Existenz von ADHS bezweifelt, negiert die Nöte von "Betroffenen".
Richtigstellung: Wenn ein Arzt bezweifelt, dass Fieber eine eigene Krankheitsentität ist, wird er natürlich dennoch nach der Fieberursache suchen und dem Fieberpatienten spezifisch helfen. Um Menschen mit psychischen Schwierigkeiten zu helfen, braucht es "ADHS" nicht. Im Gegenteil: Wer ADHS bezweifelt, sucht viel differenzierter nach der richtigen Hilfe, denn die Diagnose ADHS ist leichtfertig. Umgekehrt wird also eher ein Schuh daraus: Wer ADHS promotet, wird den Problemen der Betroffenen nicht gerecht.

Falschbehauptung 2:
Einem ADHS-Betroffenen Psychopharmaka zu verweigern kommt der Verweigerung gleich, einem Kurzsichtigen eine Brille zu verordnen.
Richtigstellung: Kurzsichtigkeit kann man als Fehlfunktion klar objektivieren, ADHS aber nicht. Deshalb hinkt diese Gleichsetzung von Fehlsichtigkeit mit ADHS gewaltig.

Falschbehauptung 3:
Die Ursache von ADHS ist längst bewiesen.
Richtigstellung: Die Ursache von ADHS ist ungeklärt.

Falschbehauptung 4:
ADHS wird bis zu 80% vererbt.
Richtigstellung: Dieses Ergebnis kritikwürdiger Methoden der Verhaltensgenetik lässt sich mit modernen molekulargenetischen Methoden nicht bestätigen. Man findet hier nur Varianzanteile von maximal 5%, was klinisch vollkommen uninteressant ist, weil eben mindestens 95% des Verhaltens nicht durch genetische Faktoren abgedeckt sind.

Falschbehauptung 5:
ADHS hat viele "Begleitstörungen", wie Depression, Tourette, Bulimie, Tics, Sucht, Autismus, Asperger etc. etc.
Richtigstellung: In Wahrheit ist es umgekehrt: All diese unterschiedlichen Störungen können Symptome von Unruhe und Unkonzentriertheit verursachen.

Falschbehauptung 6:
ADHS ist eine Fehlfunktion des Gehirns
Richtigstellung: Alle bisher gefundenen angeblichen zerebralen Ursachen oder Spezifitäten von ADHS können Folgen unterschiedlicher Hirnnutzungsbedingungen sein. Auf deutsch: Alle bisherigen Befunde können ADHS nicht kausal erklären und begründen. Noch anders formuliert: Wenn Londoner Taxifahrer ein anderes Gehirn haben als ein britischer Landwirt, beweist das nicht eine LTD (Londoner Taxifahrer-Krankheit), sondern eher die Komplexität des Londoner Straßensystems.

Falschbehauptung 7:
ADHS hat es immer schon gegeben, früher hieß es nur z.B. MCD oder POS.
Richtigstellung: Es gab natürlich immer schon mehr oder weniger unruhige, unkonzentrierte Kinder und Erwachsene sowie epochal unterschiedliche Bewertungen solchen Verhaltens. Es gab auch immer schon kindliche Entwicklungsverzögerungen oder -störungen. Aber aus all dem ein einheitliches "ADHS" zu machen, bedeutet, eine Krankheit zu erfinden, ein zum Wohle der Ärzte und der Pharmaindustrie fabriziertes Konstrukt zu basteln.

(Falschbehauptung 8:
ADHS gibt es. Der Beweis: Ich habe es!
Richtigstellung: Der Glaube ist des Menschen Himmelreich).

Cafe Holunder im September 2012


Jerome Kagan: ADHS ist eine Erfindung.
Auf einer Liste der 100 bedeutendsten Psychologen des 20. Jahrhundert rangiert Jerome Kagan auf Platz 22, noch vor Carl Gustav Jung oder Iwan Pawlow. Sein ganzes Berufsleben hat der Forscher mit der Beobachtung und Erforschung von Babys und Kleinkindern verbracht. In einem Interview im SPIEGEL 31/2012 wird er u.a. auch nach ADHS gefragt. Wir zitieren:

SPIEGEL: Experten sprechen davon, dass 5,4 Millionen amerikanische Kinder die für das Zappelphilipp-Syndrom ADHS typischen Symptome zeigen. Und Sie wollen uns sagen, dass es sich bei dieser psychischen Krankheit nur um eine Erfindung handelt?
Kagan: Korrekt, sie ist eine Erfindung. Jedes Kind, das schlecht in der Schule ist, wird heutzutage zum Kinderarzt geschickt, und der sagt: Es ist ADHS, und hier ist Ritalin. Dabei haben 90 Prozent dieser 5.4 Millionen Kinder gar keinen gestörten Dopaminstoffwechsel. Das Problem ist: Wenn Ärzte ein Medikament zur Verfügung haben, stellen sie auch die entsprechende Diagnose.
SPIEGEL: Was bedeutet es, wenn Millionen amerikanische Kinder fälschlich für psychisch krank erklärt werden?
Kagan: Nun, es bedeutet vor allem mehr Geld für die Pharmaindustrie und mehr Geld für Psychiater und Forscher.
SPIEGEL: Und was bedeutet es für die betroffenen Kinder?
Kagan: Für die ist es ein Signal, dass etwas mit ihnen nicht in Ordnung ist - und das kann lähmend wirken. Ich bin nicht der einzige Psychologe, der so argumentiert. Aber uns gegenüber steht ein mächtiges Bündnis: Pharmakonzerne, die ein Milliardengeschäft machen, und ein Berufsstand, der eigene Interessen verfolgt.
(DER SPIEGEL 31, 2012, S. 95).

Wir sollten Jerome Kagan zum Ehrenvorsitzenden unserer
KONFERENZ ADHS machen!


Sind Eltern- und Verhaltenstrainings bei "ADHS" wirkungslos? Die chronischen Denkfehler der ADHS-Forschung
Dänische Forscher verbreiten dieser Tage, Eltern- und Kinder-Verhaltenstrainings bei ADHS seien nutzlos, schadeten allerdings auch nicht, Ritalin allein richte es mal wieder.
Man muss aber davon ausgehen, dass die Diagnose ADHS bestenfalls nichts anderes darstellt als eine schlichte Beschreibung von Verhalten ganz unterschiedlicher Genese. Mal ist das erfasste Verhalten völlig ohne Krankheitswert, mal hat es eine von mindestens 50 unterschiedlichen Ursachen, wie sie bereits vor Jahren Spitzcok von Brisinski und Thomas Armstrong beschrieben haben.

Die daenischen Forscher sammeln mal wieder eifrig Kinder mit der Diagnose ADHS, ohne genau nachzuschauen, welche Grundstörung sich hinter der Symptomatik verbirgt. Stellen Sie sich bitte einmal vor, sie stellen eine Gruppe von Kindern mit folgenden Grundstörungen zusammen:

- Zwei Depressive, die zuhause in einer chronischen Scheidungssituation der Eltern leben
- zwei völlig gesunde Kinder, die ihre überforderten Eltern und/oder Lehrer stressen
- einen Legastheniker
- drei in unterschiedlichen Bereichen entwicklungsverzögerte Kinder
- ein sexuell missbrauchtes Kind
- ein geistig leicht behindertes Kind
- ein Kind mit Epilepsie
- ein Kind mit Essstörungen
- ein Kind mit Schlafstörungen.

Nun behandeln sie diese 13 Kinder, die alle die Diagnose ADHS haben, weil sie unkonzentriert und/oder unruhig sind, entweder mit einem Training zur Sozialen Kompetenz (SKT) oder mit Ritalin. Was wird dabei herauskommen? Manchen Trainings-Kindern wird geholfen, anderen geschadet, bei wieder anderen hat das Training gar keinen Effekt. Im Durchschnitt kommt also plus-minus Null heraus. Die Gruppe ist ganz einfach viel zu inhomogen. Ein uniformes Verhaltenstraining kann bei solch unterschiedlichen Störungen nicht gleichermassen wirken. Ist damit also die Wirkungslosigkeit solcher Trainings belegt? Natürlich nicht, denn bei einer solch unzuverlässigen, unspezifischen Allerwelts-Pseudodiagnose "ADHS" beweist die Studie nur dies: Es gibt einfach gar keine spezifische Krankheit ADHS.

Und was die Wirkung von Ritalin anbelangt: Stellen Sie sich eine Gruppe von fieberkranken Kindern vor, bei denen man die Wirkung eines Wadenwickels untersuchen will: Bei den meisten Kindern wird das Fieber sinken, aber ihre Fieberursache wird völlig ignoriert: das Kind kann Krebs haben oder eine Lungenentzündung oder eine banale Erkältung oder einen psychischen Schock oder...

Ritalin unterdrückt nur die Symptome, wie ein Wadenwickel. Dabei die Ursache der Symptome zu ignorieren, ist sehr verführerisch.

Storebe O.J., et. al.: Social skills training for Attention Deficit Hyperactivity Disorder (ADHD) in children aged 5 to 18 years. Child Psychiatric Clinic, Psychiatric Department, Region Zealand, Birkevaenget 3, Holbaek, Denmark.
2011
Storebe O.J., et. al.: Social-Skills and Parental Training plus Standard Treatment versus Standard Treatment for Children with ADHD – The Randomised SOSTRA Trial http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3380035/

Bastian 2012


Endlich: ADHS-Diagnostik revolutioniert

Neulich kam eine Mutter mit ihrem Söhnchen in meine Praxis und meinte, dass der ADHS habe, stünde fest, und ich solle es gefälligst diagnostizieren, sonst bekäme sie ja die verdammten Pillen nicht. Auf meine Frage, wie der Gute denn heiße, sagte die Mutter: "Tell Schmitz". Da war alles sofort klar: Diagnose ADHS. Mutter total begeistert, aber Aufklärung wünschend.

Ich zitierte eine Studie israelitischer Forscher, derzufolge ADHS-Kinder kurze, seltene und viel Aktivität ausdrückende (Wilhelm Tell war immerhin ein Jäger!) Vornamen haben im Vergleich zu Nicht-ADHSlern. Die Autoren empfehlen denn auch, den Vornamen zur Diagnostik heranzuziehen. Das verkürzt die Diagnostik immens und ermöglicht es, endlich noch mehr ADHS-Kinder frühzeitig (sofort nach der Taufe) erkennen und präventiv medikamentös behandeln zu können.Ritalin also bereits in den Babybrei. Taufende Pfarrer sollen per Gesetz verpflichtet werden, die Vornamen ihrer Taufkinder dem Gesundheitsamt zu melden, damit entsprechende Schritte staatlicherseits rechtzeitig eingeleitet werden können.
Der Vater meines kleinen Patienten hieß übrigens mit Vornamen Zap (Kurzform von Zappelphilipp). Ein weiterer Beweis für die Vererbung von ADHS.
Der Nächste bitte...

Shoval G. u.a. (2012): Are Names of Children with Attention-Deficit-Hyperactivity-Disorder More 'Hyperactive'?
Are Names of Children with Attention Deficit... [Psychopathology. 2012] - PubMed - NCBI

Ulli


Schwarze Materie und ADHS
Die Seifenblase Verhaltensgenetik

Als 2001 das menschliche Genom entziffert war, gingen viele Forscher davon aus, dass nun die Forschungsergebnisse für die genetischen Ursachen psychiatrischer Krankheiten nur so purzlen würden. Die Jahre davor hatte man mit den zweifelhaften Methoden der quantitativen Verhaltensgenetik geglaubt, bis zu 90% Erblichkeit bei ADHS gefunden zu haben. Aber: Mit den vielversprechenden Methoden der neuen Molekulargenetik ließ sich dies bisher einfach nicht bestätigen. Was ist da los?

Bobb u.a. haben 2004 alle über 100 Forschungsstudien zur Genetik der ADHS der Jahre 1991-2004 kritisch gesichtet, darunter 3 genomweite Assoziationsstudien mit 94 Polymorphismen und 33 Kandidatengenen. Sie finden, dass ADHS eine sehr "komplexe" Störung mit vielfältiger, aber jeweils schwacher genetischer Beteiligung sei, und fassen dann zusammen, dass es nur für 4 Gene einigermaßen gesicherte, aber nur bescheidene, und auch nur statistische Zusammenhänge gibt. 36 % aller Studien konnten Zusammenhänge finden, 47 % aber nicht, die restlichen 17 % zeigten nur 'Trends", wobei man diese 17 % statistisch nicht gesicherten Studien durchaus zu den erfolglosen 47 % addieren darf. Damit sind also 64 % aller Genstudien zu ADHS in 13 Forschungsjahren ergebnislos geblieben. Aber auch bei den "positiven" Ergebnissen besteht nach wie vor das Problem einer nur sehr bescheidenen Beteiligung dieser Gene an ADHS-Verhalten, betonen die Autoren. Die Befunde decken meist nur ca 5% des Verhaltens ab, 95% bleiben also unklar. Die Kausalität ist dabei ohnedies immer unklar, ein statistischer Zusammenhang zweier Merkmale besagt ja vielleicht nicht viel mehr, als dass der Storch die Kinder bringt, weil die Geburtenzahl im Zusammenhang mit der Rückkehr der Störche aus dem Süden steigt.

Der bekannte amerikanische Forscher Jay Joseph hat 2011 die Fortschritte der Verhaltensgenetik der letzten 20 Jahre insgesamt, also inklusive ADHS, kritisch analysiert und kommt zu einem sehr ernüchternden Ergebnis:
Trotz erheblicher Methodenkritik an der quantitativen Genetik mit all ihren Vergleichen von gemeinsam oder getrennt aufgewachsenen Zwillingen, Adoptiv- und Geschwisterkindern behaupten immer noch Wissenschaftler, dass ADHS zu bis zu 90% vererbt sei, obwohl, wie gesagt, Familien- und Zwillingsstudien in Wahrheit überhaupt keine Aussage über Genetik versus Umwelt zulassen, all die auftretenden Unterschiede lassen sich auch vollständig durch nicht-genetische Einflüsse erklären.

Was die molekulargenetische Verhaltensforschung anbelangt, so konnte Plomin, der international anerkannte Verhaltensgenetiker, im Jahre 2011 keinen einzigen replizierten, also in Nachfolgestudien bestätigten, Genfund anführen. Statt nun aber den Schluss aus diesem jahrzehntelangen Forschungsdisaster zu ziehen und festzustellen, dass es einfach gar keine Gene gibt, die komplexes menschliches Verhalten bestimmen, proklamieren die Verhaltensgenetiker in Analogie zur schwarzen Materie im Weltall die sog. „unentdeckte Erblichkeit“ (missing heritability), um die krasse Differenz zwischen quantitativen und molekulargenetischen Befunden zu erklären. Es müsse diese Erblichkeit auch molekulargenetisch ganz einfach geben, man habe sie bisher nur noch nicht entdeckt.

Joseph resümiert: „Wir können nicht erwarten, dass die führenden Verhaltensgenetiker eingestehen, dass die Grundannahmen ihres Forschungsgebiets falsch sind, dass ihre hochgelobten Forschungsmethoden massiv fehlerhaft und durch Umwelteinflüsse konfundiert sind, und dass familiäre, soziale, kulturelle, ökonomische und politische Einflüsse es sind, - und nicht genetische-, die psychiatrische Störungen und die Variation menschlichen Verhaltens hauptsächlich begründen.“ (Joseph 2011).

Warum angesichts dieses Forschungsstandes immer noch Fachleute behaupten, ADHS sei genetisch bedingt, ist eigentlich nur noch durch betriebsbedingte Borniertheit zu erklären.


Joseph, J. (2011): THE CRUMBLING PILLARS OF BEHAVIORAL GENETICS
http://www.criticalpsychiatry.net/?p=624
Bobb, AF (2004): Molecular genetic studies of ADHD: 1991 to 2004.
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15700344


Renate Schmidt und die Pharma, Teil 2:
Pharmawerbung auf Umwegen

Wir haben in 2011 über die verkappte Werbeaktion des Pharmariesen Shire berichtet (1), der unter Schirmherrschaft von Renate Schmidt (SPD), ehemalige Bundesfamilienministerin, über ADHS "aufzuklären" gedenkt und die Aktion "ADHS und Zukunftsträume" gegründet hat (2). Shire möchte in Deutschland ins ADHS-Geschäft bei Erwachsenen kommen, und weil in Deutschland offene Medikamentenwerbung verboten ist, versucht es der Konzern durch die Hintertür einer solchen vorgeblichen Aufklärung. Die Aktion hat auch einen Beirat, dem nicht nur Klaus Wenzel als Präsident des bayerischen Lehrerverbands, sondern auch Dr. Myriam Menter, Geschäftsführerin von "ADHS Deutschland e.V.", angehören. Ein Beleg dafür, dass ADHS Deutschland e.V. an ADHS-pharmagesponserten Aktionen beteiligt ist.

Die Frankfurter Rundschau berichtet nun in ihrer Ausgabe vom 18. April 2012 über eine Veranstaltung dieser Aktion unter der Überschrift: Pharmawerbung auf Umwegen (3). Hier distanziert sich der bekannte Kölner Psychiater Prof. Dr. Lehmkuhl von Aussagen von Frau Schmidt, wie sie sie auch kürzlich in der Talkshow Lanz von sich gegeben hat. Auch Hans Reinhard Schmidt als Sprecher der Konferenz ADHS (4) kommt zu Wort.

Dass sich der bayerische Lehrerverband vor eine pharmagesponserte ADHS-Veranstaltung spannen lässt, ist ein Skandal. Aber dass sich die ADHS-Szene mit derart halbseidenen Aktionen nur weiter fleißig am eigenen Stuhl sägt, ist kein Skandal, sondern eher suizidal.

1. http://www.ads-kritik.de/ADS-Kritik36.htm
2.
http://www.adhs-zukunftstraeume.de/default.aspx
3.
ADHS-Hersteller Shire: Wie ein Pharmakonzern das Werbeverbot austrickst | Wirtschaft - Frankfurter Rundschau
4.
http://www.adhs-konferenz.de/


Im Westen nichts Neues
Kölner ADHS-Netzwerk nimmt Stellung

Das Viergestirn Döpfner, Banaschewski, Rösler und Skrodzki vom Zentralen ADHS-Netzwerk in Köln hat eine Stellungnahme zu häufigen angeblichen Fehlinformationen der Presse zu ADHS veröffentlicht (3). Darin heißt es u.a. (Zitat):

ADHS kann ab dem Grundschulalter in der Regel zuverlässig diagnostiziert werden. Die Behauptung, dass ADHS kein spezifisches Störungsbild sei, ist nicht haltbar.


Die Autoren bestätigen indirekt, dass ADHS im Vorschulter nicht zuverlässig diagnostiziert werden kann. Dennoch werden Kinder bereits im Vorschulalter diagnostiziert. Aber was genau ab dem Grundschulalter angeblich in der Regel zuverlässig diagnostiziert werden kann, ist durchaus unklar: Sind es unspezifische, vieldeutige Verhaltensweisen mit und ohne Störungscharakter, hinter denen keine einheitliche Krankheit steht? Oder ist es genau das, nämlich eine spezifische Krankheit?
Wenn es sich um eine spezifische Krankheit handeln soll, so muss sie sich ätiologisch und/oder symptomatologisch von anderen Krankheiten relativ klar abgrenzen lassen. Und genau hier ist die Forschungslage völlig unklar. Es gibt noch fast keine differentialdiagnostische ADHS-Forschung, die wissenschaftlichen Forschungskriterien genügt und die diesbezügliche Spezifität von ADHS belegen könnte. Besonders pikant: Banaschewski selber hat dies, was die Ätiologie anbelangt, andernorts bestätigt, weshalb seine gegenteilige Behauptung hier doch sehr verwundert (Zitat): So far, a specific pathophysiological pathway has not been identified (1). Er stellt fest, dass die bisherige Forschung die Frage, ob es ADHS als von anderen unterscheidbare spezifische Störung überhaupt gibt, im Unklaren lasse. Aus seiner Forschungsübersicht bisheriger Vergleiche von ADHS mit anderen neuropsychologischen, neurobiologischen und genetischen Korrelaten zieht er den Schluss, dass es bisher keine ADHS-Spezifität gibt.
Die hohe Zahl von Falschdiagnosen in der klinischen Praxis zeigt ja auch, dass es praktisch (und wohl auch theoretisch) unmöglich ist, eine „reine“ bzw. spezifische ADHS zu finden, die sich symptomatologisch nicht erheblich oder gänzlich deckt mit anderen Störungsbildern bzw. Krankheiten. Die Behauptung, dies sei widerlegt, ist falsch.

Weiter heisst es:
Über die Ursachen von ADHS liegen empirisch gut gesicherte Erkenntnisse vor. Die Behauptung, dass die Ursachen gänzlich ungeklärt, vermutlich aber in Reizüber-flutung und mangelnder Erziehungskompetenz zu suchen sind, ist nicht haltbar.

Die Ursachen von ADHS sind in Wahrheit ungeklärt, sowohl was psychosoziale, neurobiologische, hirnmorphologische oder –funktionelle als auch genetische Faktoren betrifft. Bei keinem der bisherigen Befunde ist die Kausalität (Ursache bzw. Folge) geklärt. Ob auch Reizüberflutung und mangelnde Erziehungskompetenz Ursachen sind, ist bisher mangels entsprechender Forschung ebenso wenig geklärt. Daraus ihre ursächliche Bedeutungslosigkeit abzuleiten, ist nicht zulässig. Aus der klinischen Wirklichkeit, dass Ärzte kaum mangelnde Erziehungskompetenz als Ursache feststellen können und lieber an ADHS als körperliche Störung glauben, Fachleute in den deutschen Erziehungsberatungsstellen aber umgekehrt, lässt sich ersehen, dass die Diagnostik einer mangelnden Erziehungskompetenz viel mehr Zeit und viel weniger Profitdenken voraussetzt, als sie ein Arzt aufbringen kann. Die Behauptung, ADHS resultiere nicht aus mangelnder Erziehungskompetenz und psychosozial-familiären Störungen, leugnet einen chronisch blinden Fleck in der Alltagspraxis überlasteter deutscher Ärzte und schließt aus einem Forschungsdefizit auf die Nichtexistenz eines Phänomens.

3
. Weiter heisst es: ADHS ist keine Erfindung der letzten Jahrzehnte
Dass die Autoren hier wieder mit dem albernen angeblichen ADHS-Prototyp des Hoffmann´schen Zappelphilipps daherkommen, kann man nicht gerade als wissenschaftliche Argumentation betrachten, obwohl sie diesen Begriff der Wissenschaftlichkeit dauernd wie eine Monstranz vor sich hertragen. Dr. Philipp Julius von Fabricius, renommierter Frankfurter Arzt und das reale Vorbild für Hoffmanns Zappelphilipp, litt als Kind keineswegs an einer Krankheit oder Störung ähnlich „ADHS“. Der bekannte „Literaturdetektiv" Prof. Dietmar Grieser sagt hierzu: Dass spätere Forscher…aus dem bloßen „Taufpaten“ ein hypernervöses Kind, ja sogar einen Epileptiker machen werden, ist ein Fall von Überinterpretation, der dem kerngesunden Philipp Fabricius nur ein müdes Lächeln entlocken kann (2).
Dass es immer schon extrem unruhige und/oder unaufmerksame Kinder gab, ist ohnedies jedermann bekannt. Symptomatologisch gibt es dafür aber viele unterschiedliche Ursachen. Gerade deshalb ist ADHS als codifizierbare und abrechnungsfähige Krankheit durchaus eine Erfindung der letzten Jahrzehnte, in die Welt gesetzt durch einen schlichten Mehrheitsbeschluss –gegen Widerstände- amerikanischer Ärzte im Jahre 1967.
Die begründeten Widerstände der damaligen Ärzte -und nicht nur dieser- gegen das Konstrukt ADHS dauern fort.


1. Banaschewski T, Hollis C, Oosterlaan J, Roeyers H, Rubia K, Willcutt E, Taylor E.
Towards an understanding of unique and shared pathways in the psychopathophysiology of ADHD: Dev Sci. 2005 Mar;8(2):132-40.
2. Dietmar Grieser: Paulinchen war allein zu Haus. Inselverlag 1992 (das obige Bild von Philipp von Fabricius stammt aus diesem Buch).

3. Stellungnahme Zentrales ADHS-Netzwerk


Aus für Concerta in Europa

Das ADHS-Medikament Concerta darf in Europa in der Erstbehandlung Erwachsener nicht mehr angewendet werden. Das entsprechende Verbot in USA steht bevor.

Nachdem der Hersteller Johnson & Johnson nicht in der Lage war, die Überlegenheit des Medikaments über Placebo klar zu belegen, und nachdem sich zeigte, dass es stattdessen Angst-, Aggressions- und Erregungszustände verursachen kann, wurde ihm keine Zulassung für Erwachsene erteilt.

Unveröffentlichter Concerta-Report

Cafe Holunder 07.03.2012


Leon Eisenberg
ADHS: Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung

Sie wissen es vielleicht noch nicht: Der renommierte amerikanische Psychiater Leon Eisenberg, der 2009 verstarb, kann als Erfinder der Krankheit ADHS gelten. Das erklärt der ebenfalls renommierte Biologe und Wissenschaftsjournalist Jörg Blech, den wir hier schon mehrfach kennengelernt haben, in DER SPIEGEL 06/2012 in seiner sehr lesenswerten Titelgeschichte Die gestresste Seele. Wir zitieren daraus in Kursivschrift den Absatz, der sich auf ADHS bezieht:

Die Karriere der heute wohl bekanntesten aller seelischen Kinderkrankheiten begann 1935: Damals hatten Ärzte in den USA erstmals versucht, zappeligen und unkonzentrierten Grundschülern ein Hirnleiden anzuhängen. Diese Kinder hätten mit den Folgen einer Gehirnentzündung zu kämpfen, hieß es, und litten am sogenannten postenzephalitischen Syndrom. Dieser Begriff konnte sich allerdings nicht durchsetzen – viele der angeblich betroffenen Kinder hatten niemals eine Enzephalitis gehabt.

In den sechziger Jahren war es dann der US-Psychiater Leon Eisenberg, der dem Krankheitsbild, unter neuem Namen, zum Durchbruch verhalf. Abends spielte der Arzt zu Hause mit seinen eigenen Kindern; tagsüber kümmerte er sich um schwierige Schüler – und probierte Psychopharmaka an ihnen aus. Anfangs experimentierte er mit Dextroamphetamin, später verschrieb er Methylphenidat zum Pausenbrot. Und siehe da: Die Mittel veränderten das Verhalten; temperamentvolle Kinder wurden gefügig.

Auf einem Seminar der Weltgesundheitsorganisation kämpften Eisenberg und sein Kollege Mike Rutter 1967 darum, die angebliche Hirnstörung als eigenständige Krankheit in den Katalog der psychiatrischen Leiden aufzunehmen. Den eher psychosomatisch geprägten Ärzten in der Runde ging das zu weit, doch Eisenberg und Rutter ließen nicht locker – und setzten sich durch. Im „Diagnostischen und Statistischen Manual" ist die „hyperkinetische Reaktion des Kindesalters" anno 1968 aufgetaucht und hat darin bis heute ihren Platz, und zwar unter dem inzwischen gebräuchlichen Namen ADHS.

Damit war eine Erkrankung in der Welt, die es vielen recht machte. Die Vorstellung, ADHS habe genetische Ursachen und sei damit angeboren, entlastete die Eltern. An der Erziehung könne es nicht liegen, wenn das eigene Kind nicht funktioniere wie gewünscht. Und so gibt es in Deutschland in jeder Grundschulklasse inzwischen statistisch ein Kind mit der Diagnose ADHS. Damit Tobemarie und Zappelphilipp ruhiger werden, erhalten sie Mittel wie Medikinet und Ritalin. Das freut die Industrie: Der Verbrauch des darin enthaltenen Betäubungsmittels Methylphenidat erreicht jedes Jahr neue Rekorde. Wurden 1993 noch 34 Kilogramm in Apotheken umgeschlagen, waren es im vorigen Jahr 1760 Kilogramm.

Ein Blick in die USA zeigt, dass durchaus noch Luft nach oben ist. Von den zehnjährigen Jungen schluckt mittlerweile bereits jeder zehnte ein ADHS-Medikament und das jeden Tag. Doch ausgerechnet der wissenschaftliche Vater von ADHS hat die Explosion der Verschreibungen mit wachsendem Entsetzen verfolgt. Leon Eisenberg übernahm später die Leitung der Psychiatrie am renommierten Massachusetts General Hospital in Boston und wurde zu einem der bekanntesten Nervenärzte der Welt. In seinem letzten Interview, sieben Monate vor seinem Tod an Prostatakrebs im Alter von 87 Jahren, distanzierte er sich von seiner Jugendsünde.

Ein großer, hagerer Mann mit Brille und Hosenträgern öffnete 2009 die Tür zu seiner Wohnung am Harvard Square, lud an den Küchentisch und schenkte Kaffee aus. Niemals hätte er gedacht, erzählte er, dass seine Erfindung einmal derart populär würde. „ADHS ist ein Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung", sagte Eisenberg. „Die genetische Veranlagung für ADHS wird vollkommen überschätzt“.

Stattdessen sollten Kinderpsychiater viel gründlicher die psychosozialen Gründe ermitteln, die zu Verhaltensauffälligkeiten führen können, sagte Eisenberg. Gibt es Kämpfe mit den Eltern, leben Mutter und Vater zusammen, gibt es Probleme in der Familie? Solche Fragen seien wichtig, aber sie nähmen viel Zeit in Anspruch, sagte Eisenberg und fügte seufzend hinzu: „Eine Pille verschreibt sich dagegen ganz schnell."

Den ADHS-Geist, den er gerufen hatte, wurde Eisenberg nicht mehr los.

DER SPIEGEL 06/2012


10 Jahre Café Holunder
Liebe Gäste,
unser Café Holunder feiert sein zehnjähriges Bestehen! In ganz Deutschland ist es inzwischen bekannt, und es hat wesentlich dazu beigetragen, die Modekrankheit ADHS kritisch zu hinterfragen. Vielen Eltern, Lehrern, Fachleuten und angeblich Betroffenen konnte dabei geholfen werden, selber oder im Umgang mit ihrem Kind oder ihrer Klientel nicht in die ADHS-Medikamentenfalle zu tappen, sondern immer genau nachzusehen, worin die Probleme eines Menschen psychosozial oder medizinisch wirklich wurzeln.
In der KONFERENZ ADHS haben wir die Unterstützung renommierter Fachleute gewonnen und unserem Café sozusagen einen Seminarraum anschließen können. Während Sie also im Café auch weiterhin Ihren Café Latte schlürfen, sich informieren, unterhalten und austauschen können, bietet die Konferenz wissenschaftliche Beiträge und Informationen, nebst unseren Pressemitteilungen.
Besuchen Sie uns also weiter so gerne wie bisher, und bleiben Sie kritisch!

Ihr Café Holunder im Januar 2012


Das ADHS-Diagnose-Dilemma
(ADD)
Diagnose zu oft und zu oft falsch

Bei der kürzlichen Veröffentlichung des Arztreports 2012 der Barmer GEK wird ADHS (Aufmerksamkeitsstörung mit Hyperaktivität) als eine „neue Kinderkrankheit“ erwähnt, die im Vormarsch und obendrein teuer sei.

Dass ADHS eine spezifische, gar „neue“ Kinderkrankheit sei, darf allerdings nach wie vor erheblich bezweifelt werden. Die bisherige Forschung lässt die Frage der Spezifität einer Krankheit namens ADHS weiter offen. ADHS ist vielmehr ein diagnostischer Sammeltopf vieler ganz unterschiedlicher anderer Störungen. Etwas überspitzt lässt sich sagen, dass es ADHS ohne Ritalin schon lange nicht mehr gäbe, wie seinerzeit die Modediagnose MCD (Minimale Cerebrale Dysfunktion).

Und was die Zunahme der Diagnose anbelangt: Bereits im Jahr 2000 fand man, dass mehr als die Hälfte der ADHS-Diagnosen bei Kindern nicht den Diagnoserichtlinien entsprach und damit falsch war. Fast 75 % der Kinder, die mit Methylphenidat behandelt wurden, hatten eine falsche ADHS-Diagnose (Angold 2000). Im Jahre 2010 berichtete Todd Elder nach der Untersuchung der Daten von 12 000 Kindern, dass es in USA wahrscheinlich 1 Million Kinder mit einer falschen ADHS-Diagnose gibt.

Und nun wurde in diesen Tagen in der Schweiz untersucht, ob sich Fachleute an die offiziellen Diagnoserichtlinien halten, wenn sie gebeten werden, eine ADHS-Diagnose bei Kindern zu stellen. Im Unterschied zu den vorgenannten Studien, in denen bereits existierende Diagnosen nachgeprüft wurden, wurden hier die Diagnostiker direkt zu vorgegebenen Fallvignetten befragt, was sicherlich ein besonders strenges Kriterium darstellt. Und dennoch stellten auch hier 17 % der 1000 einbezogenen Diagnostiker falsche Diagnosen, bei Jungen sogar doppelt so häufig wie bei Mädchen, obwohl die Symptomatik dieselbe war.

Auch sonst gibt es einen Wildwuchs an ADHS-Diagnostik, die mangelnde Reliabilität und Objektivität der Diagnosepraxis ist hinreichend belegt. Manche Diagnostiker orientieren sich an ihrem Bauchgefühl (Winkler), andere immer noch an Methylphenidat als Diagnostikum nach dem Motto: wenn es wirkt, ist es eben ADHS (Schimanski).

ADHS wird viel zu oft und zu oft fasch diagnostiziert. Die Diagnose macht blind für psychologische Zusammenhänge.


Quellen:
Angold A, Erkanli A, Egger H.L, Costello E.J. (2000): Stimulant treatment for children: a community perspective. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry
. 2000 Aug;39(8):975-84.
Bruchmüller K, Margraf J, Schneider S. (2012):
Is ADHD diagnosed in accord with diagnostic criteria? Overdiagnosis and influence of client gender on diagnosis. J Consult Clin Psychol. 2012 Feb;80(1):128-38.
Elder, T.E
. (2010): The importance of relative standards in ADHD diagnoses: evidence based on exact birth dates. J Health Econ. 2010 Sep;29(5):641-56.
Schimanski, H-Chr.(2012):
http://www.schimansky-netz.eu/formulare/aussenfiltertest-bei-adhs.pdf
Winkler, M. (2012):
http://adhsspektrum.wordpress.com/2012/01/03/was-ist-adhs-und-was-nicht/
Pressemitteilung Konferenz ADH


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