Willkommen im CAFÉ HOLUNDER
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Das Verschwinden der Mädchen von der
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Quellensammlung

Böse Witze


 

 

Hüther zu Ritalin
In einem wirklich beeindruckenden Vortrag vor ca. 400 Teilnehmern hat Prof. Dr. Hüther heute in Köln Eltern von betroffenen Kindern geraten, Methylphenidat immer nur als Notlösung und nur dann, wenn das Kind ein überentwickeltes dopaminerges System hat, anzuwenden. Auf die Frage, wie lange, meinte er: "Zwei Wochen. Und dann absetzen und im Rahmen einer familienbezogenen Psychotherapie sehen, ob das Kind Fortschritte gemacht hat. Wenn ja, um so besser. Wenn nein, dann Ritalin wieder für ca. 2 Wochen geben (vielleicht schon geringer dosiert), wieder absetzen und nachsehen, welche Fortschritte die Familientherapie macht, und so weiter." Auf keinen Fall dürfe der Zustand einer jahrelangen Medikation passieren.
Auf die Frage, wie man denn diagnostisch feststellen könne, ob ein überentwickeltes dopaminerges System vorliege, meinte er, dass das genau die Crux der ADHS-Diagnostik sei. Man könne dies beim Kind nicht feststellen, sondern müsse es mit Hilfe einer sehr sorgfältigen Psychodiagnostik "vermuten". Dass dies in der gegenwärtigen Praxis sorgfältig genug geschehe, bezweifele er. Von 10 Diagnosen seien ca. 8 (also 80 Prozent aller Diagnosen!) wahrscheinlich falsch. In diesem Zusammenhang betonte er die Gefahr einer psychischen Abhängigkeit der Kinder vom Medikament insofern, als Verhaltensänderungen nicht aus dem Kind selbst heraus kommen, sondern von der Tablette gemacht werden, was sich auf das Selbstbewusstsein, die Selbststeuerungsentwicklung der Kinder und eben auch auf ihre frontkortikale Hirnentwicklung nachteilig auswirken könne.

H.-R. Schmidt

21.2.2002

 

 

ZEITZEUGEN
Babyflüsterer

Ich stelle vor:
Tracy Hogg
, eine englische Krankenschwester mit Spezialisierung auf entwicklungsgestörte Neugeborene und Kleinkinder, erforschte in den letzten 24 Jahren bei über 5000 Babies und Kleinkindern deren Schreien, Körpersprache, Ausdruck und nonverbales Verhalten. Mit ihrer Begabung, schwierige Babies zu verstehen, erwarb sie sich inzwischen den Spitznamen "Babyflüsterer". Seit sie vor 8 Jahren in die USA kam, trainiert sie Eltern mit schwierigen Neugeborenen, damit die Eltern ihr Baby verstehen und frühe Eltern-Kind-Beziehungsstörungen von Anfang an vermieden werden können. Sie wurde in den USA schnell bekannt. Viele Ärzte schicken Eltern zu ihr. Sie trainiert vor allem stillende Mütter, aber auch Vätergruppen von schwierigen Babies und Kleinkindern. Ich finde es ganz toll, wie diese Frau Eltern hilft, mit ihren schwierigen Kleinkindern umgehen zu lernen, damit erst gar keine psychischen Folgeschäden wie ADHS entstehen können. Und, lieber Herr Schmidt, hätten Sie gedacht, dass sie auch noch so gut aussieht???

Babyflüsterer Literatur Rezension

MfG Dörte
23.2.2002

 

Kinderkommission des Deutschen Bundestages warnt

Nicht für jeden Zappelphilipp Pillen

Die Kinderkommission des Deutschen Bundestages hat davor gewarnt, hyperaktive Kinder vorschnell mit Psychopharmaka zu behandeln: Vorher müsse abgeklärt werden, ob überhaupt hirnorganische Ursachen vorlägen. Auch schlechte Angewohnheiten wie stundenlanges Fernsehen könnten dazu führen, dass sich die Kinder danach als Zappelphilipp abreagieren.

 

Hier noch einige kleine Kostbarkeiten aus Prof. Hüthers wunderbarem Vortrag am 21.2.2002 in Köln:

1. "Als ich noch als Kind im Kinderwagen ausgefahren wurde, lag ich mit dem Gesicht zu meiner Mutter da drin. Irgend jemand kam dann auf die Idee, die Kinderwagen umzudrehen, so dass die Kinder heute oft nach vorn gucken, also von der Mutter weg. Das ist für die Babies ungünstig. Ausserdem gibt es Kinderwagen, die haben dann noch vorn eine durchsichtige Wand, so dass das Kind gut rausschauen kann. Das nenne ich Überstimulation und Reizüberflutung."

2. "Wenn man Keimzellen eines Menschen, der vor 100 000 Jahren lebte, heute klonen könnte, also diesen Menschen von einer Leihmutter austragen und in unserer heutigen Welt aufwachsen ließe, würde er sich völlig unauffällig und genauso wie ein heutiges Kind entwickeln. Genetisch hat sich nämlich bei uns Menschen in den letzten 100 000 Jahren rein gar nichts verändert. Alles, was uns heute von den damaligen Menschen unterscheidet, ist "Kultur" oder "Umwelt" oder "Lernen" und hat mit Genetik nichts zu tun."

3. "Dass Neugeborene bei Mensch und Tier wie automatisch nach den Brustwarzen der Mutter suchen, hat nichts mit einem genetischen Programm zu tun, wie man lange glaubte. Es hat vielmehr damit zu tun, dass die Babies ihrer Nase nachgehen: die Brustwarzen strömen nämlich denselben Duft aus wie das Fruchtwasser im Mutterleib, und den haben sich die Babies bereits vor der Geburt eingeprägt. Sie können ja noch nicht wissen, dass es an der Brust was zu essen gibt. Das merken sie dann erst, nachdem sie ihrer Nase gefolgt sind. Man hat schwangeren Hasenmüttern Zitronensäure ins Fruchtwasser gespritzt und diesen Duft dann der Mutter auf den Rücken gerieben. Die Hasenbabies sind dann nach ihrer Geburt sofort auf den Rücken der Mutter gekrochen, obwohl dort ja keine Zitzen sind."

4. "Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Was das Aufziehen von Kindern betrifft, waren die Indianer oder andere Ureinwohner wahrscheinlich kultivierter als wir heute."

5. (Man sieht das Foto eines Kindes, das stolz eine große Schlange um den Hals hängen hat, im Hintergrund der Vater des Kindes): "Die Angst vor Schlangen ist ein altes und starkes, genetisch bedingtes Verhaltensprogramm. Hier sehen Sie aber einen einfachen Beleg dafür, dass Erziehung und Identifikation mit dem Vater (der Vater tritt mit einer Schlangennummer im Varieté auf) ein solches Programm ausschalten kann. Erziehung kann die Genetik jederzeit überwinden."

6. "Wenn Sie mich nach der Behandlung Ihres Kindes fragen, muss ich sagen: Ich bin kein Kliniker, fragen Sie also lieber Ihren Arzt oder Apotheker."

7. (Auf die Frage, wie lange man ein Kind mit Ritalin behandeln sollte): "Zwei Wochen, eingebettet in eine familienbezogene Umstrukturierung der kindlichen Lebenswelt, dann den ersten Auslassversuch. Heute war eine Telefonaktion, da haben mir Eltern z.B. erzählt, dass ihr Sohn jetzt 15 ist und seit seinem 6. Lebensjahr ununterbrochen und ohne sorgfältige Überwachung Ritalin schluckt. Also da wird es sehr fatal, so darf es nicht gehen." (Auf die Nachfrage, ob man in den Schulferien z.B. mit Ritalin aussetzen sollte): "Ja natürlich! Die Kinder müssen doch lernen, dass sie aus sich selbst heraus in der Lage sind, ihr Verhalten zu steuern. Es darf doch auf Dauer nicht eine Pille sein, die das macht. Das entmündigt ein Kind, das schwächt sein Vertrauen in seine Selbststeuerungskraft."

8. (Auf die Frage, dass Ritalin seit mehreren Jahrzehnten im Einsatz sei und man nichts über Langzeitschäden wie Parkinson bisher erfahren habe): "Seit 1956 wird Methylphenidat weltweit gegeben. Um die Langzeitauswirkungen seither prüfen zu können, müssten Sie ca. 200 Leute untersuchen, die seither das Mittel genommen haben und mit einer sorgfältig ausgesuchten Kontrollgruppe vergleichen. Das ist methodisch praktisch unmöglich, das schaffen Sie in 20 Jahren nicht, das hat auch noch keiner versucht. Deshalb weiss man es einfach nicht, was bisher aus den Leuten geworden ist. Wenn man nichts hört, sagt das zunächst mal gar nichts."

9. "Wenn Sie die Medikation mit Methylphenidat vergleichen mit Psychotherapie, dann ist das Medikament immer stärker. Das bügelt einfach alles glatt, so stark ist es. Das wirkt bei jedem Menschen konzentrationssteigernd wie Speed und Kokain, nicht nur bei ADS. Die Piloten im Weltkrieg haben es bekommen, damit sie wie gut gelaunte Zombies konzentriert gegen den Feind fliegen konnten. Studenten nehmen es, um sich besser aufs Examen vorbereiten zu können. Wichtig für die starke Rauschwirkung ist, dass man es pulverisiert schnupft oder in Flüssigkeit aufgelöst intravenös spritzt. Wenn Sie es oral schlucken, wirkt es viel langsamer und schwächer."

Liebe Grüße, Frauke
24.2.2002

 

Liebe Gäste,
als fleissiger Café-Holunder-Gast erinnern Sie sich natürlich an eine der Forderungen Hüthers:

"Durch Früherkennung besonders gefährdeter Kinder und die Einleitung geeigneter präventiver Maßnahmen muß sich die Ausbildung einer ADHS-Symptomatik verhindern lassen".

Deshalb finde ich Dörtes ZEITZEUGIN Tracy Hogg auch so interessant und vorbildlich. Hier ein weiteres Beispiel, diesmal aus Deutschland, wie es laufen muss:

Sprechstunde für Schrei-Babys hat sich bewährt

Seit zehn Jahren bestehende Münchner Beratungseinrichtung konnte in 89 Prozent aller Fälle weiterhelfen

MÜNCHEN (ras). Frühkindliche Probleme bei der Nahrungsaufnahme, bei den Schrei- und Schlafgewohnheiten treten weit häufiger auf als angenommen wird. Nach den jetzt zehnjährigen Erfahrungen der "Münchner Sprechstunde für Schreibabys" durchläuft jedes vierte bis fünfte Kind Schreiphasen im Kleinkindalter.

Dabei werden die betroffenen Eltern von ihrem Umfeld, aber auch von den behandelnden Ärzten häufig im Stich gelassen. Oft werden sie lediglich mit Durchhalteparolen beschwichtigt.

Zwar stellt man auch in der Münchner Modelleinrichtung im Kinderzentrum fest, daß Schreiprobleme in den ersten Monaten häufig harmlos sind und sich meist auswachsen. Aber bei etwa vier Prozent der Schreibabys sind jedoch das anhaltende Schreien und die chronische Unruhe Vorboten einer leidvollen Biographie. Oft fallen diese Kinder später mit massiven Verhaltens- und Aufmerksamkeitsstörungen auf.

Besonders sensibilisiert sollten die Ärzte dann sein, wenn das anhaltende Schreien in Kombination mit anderen Verhaltensauffälligkeiten auftritt, sagt Professor Mechthild Papousek, Leiterin der "Münchner Sprechstunde für Schreibabys." Bei etwa 40 Prozent der betroffenen Kinder müsse bei dieser Kombination mit dem Auftreten eines Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHD) gerechnet werden.

Angesichts der Komplexität des Störungsbildes sieht Papousek "eklatante Lücken" im Versorgungsnetz. Keine Berufsgruppe sei derzeit für diese speziellen Probleme im Säuglingsalter ohne weitere Zusatzqualifikation fachlich gewappnet. Zudem fehlten bundesweit interdisziplinäre Beratungsstellen für das Säuglings- und Kleinkinderalter mit einem qualifizierten Angebot von Eltern-Säuglings-Behandlungen.

Deshalb erstaunt es nicht, daß in den vergangenen zehn Jahren 2100 Familien das spezielle Beratungs- und Behandlungsangebot im Kinderzentrum wahrgenommen haben. Die Ergebnisse sind ermutigend. Mit einem vergleichsweise geringen Aufwand von durchschnittlich 3,9 Terminen konnte 89 Prozent der Kinder weitergeholfen werden. 45 Prozent der Kinder wurden vollständig therapiert, bei weiteren 44 Prozent wurde immerhin erreicht, daß sich die Kinder in ihrem Sozialverhalten und der Beziehungsbindung stabilisieren konnten.

Für ausgesprochen problematisch hält es Papousek, daß die Diagnose "Frühkindliche Regulationsstörung" bisher nicht im anerkannten Diagnose-Klassifizierungssystem (ICD 10) berücksichtigt worden ist. Dementsprechend stehen den Ärzten weder in der GOÄ noch im EBM entsprechende Leistungslegenden zur Verfügung. Diese seien jedoch zusätzlich zum Forcieren der Weiterbildung längst überfällig, da ansonsten weder eine rechtzeitige Behandlung noch eine frühe Diagnostik sichergestellt werden könnten.

Quelle: Ärzte-Zeitung vom 18.1.2002

 

Hallo,

noch eine Randbemerkung zum Hüther-Vortrag in Köln. Ich habe die folgende Beobachtung im Publikum gemacht, die ich auch immer wieder in den einschägigen Internet-Foren wiederfinde: Im Publikum gab es 3 Hauptgruppen:

  • die Zustimmer
  • die Nachdenklichen
  • die Rigiden

Den Zustimmern war alles nicht neu, sie waren informiert, sie folgtem dem Vortrag mit Kopfnicken und klatschten am Schluss am längsten. Sie bildeten mindestens die Hälfte des Publikums (im Internet melden sie sich praktisch nie).

Die Nachdenklichen wirkten sehr interessiert, manchmal skeptisch, manchmal zögernd zustimmend, insgesamt aufgeschlossen-abwägend. Sie bildeten etwa ein Viertel des Publikums. Sie klatschten am Schluss mittellang und verließen den Saal mit neugierigem Fragezeichen im Blick (im Internet melden sie sich manchmal, werden dann aber schnell "belehrt" bzw. verschreckt).

Die Rigiden schienen überhaupt nicht zugehört zu haben. Sie outeten sich am Schluss in der Diskussion als "Betroffene" und stellten die üblichen "Standardfragen" ("macht Ritalin süchtig", "macht Ritalin Parkinson", "warum zahlt meine Krankenkasse meine ADS-Ärztin nicht" etc.), die entweder mit Hüthers Vortrag wenig zu tun hatten, oder die sie ihrem Therapeuten oder Arzt stellen müssten (was wieder sehr deutlich machte, wie schlecht sich diese Betroffenen von ihren Ärzten/Therapeuten beraten fühlen). Einige dieser Rigiden waren anfangs wohl gekommen, um Hüther "Dampf zu machen", aber davon war dann überhaupt nichts zu bemerken, keinerlei Kritik an seinen Thesen. Sehr schade, denn diese Leute werden dann wieder im Internet ins Blaue hinein meckern. Sie klatschten am Schluss nur kurz und verließen den Saal, wie sie ihn betreten hatten: Verstört (im Internet findet man sie sehr häufig).

Ulli
25.2.2002

 

"Aufklärung tut nötig"
meint Kollege M. Winkler in rührend falscher Diktion. Weiter schreibt er:

"Überfällig, dass sich die Presse der Agitation der Scientologen in und um ADHS bzw. die Ritalintherapie annimmt und z.B. auf die Machenschaften von Herrn Kaeding hinweist. Unverständlich aber, dass dann für eine Veranstaltung geworben wird, die zweifelos in einem anderen Extrem der Esoterik bzw. Heilpraktierlehre (oder -leere) angesiedelt zu sein scheint und u.a. einem Herrn Hüther und obskuren anderen "Berufenen" ein Forum gibt. Leider wird die Schulmedizin in Sachen ADHS offenbar immer noch als völlig obsolet angesehen. Insofern muss man dem Tenor des Artikels zustimmen, dass die "Szene" zerstritten auftritt bzw. für den Laien erscheint. Aufklärung tut also weiterhin nötig. Wir werden auch weiterhin in einer vorderen Front dranbleiben..."
(http://add-online.blogspot.com/)

Während man dem ersten Satz dieses Zitats vorbehaltlos zustimmt, sträuben sich einem danach natürlich die Haare zu Berge. Mit dieser ganz typischen selbstherrlichen Arroganz schadet sich die Schulmedizin schon seit vielen Jahren selbst, offensichtlich ohne es zu bemerken. Schuld sind natürlich Andere. Die "Szene" tritt keineswegs zerstritten auf, wie der engagierte Kollege Winkler behauptet. Vielmehr gebärden sich die Herren Winkler und ihre traditionelle Schulmedizin rigide und uneinsichtig, wenn es darum geht, ihre wissenschaftlich ganz unbegründete Machtposition zu hinterfragen. Selbsthinterfragen war in der Schulmedizin noch nie besonders gefragt, aber gerade deshalb um so nötiger, gerade in Sachen ADHS. Der ADHS-Diskurs steht auch für eine selbstkritische Revision unserer gegenwärtigen Schulmedizin. Traurig, dass sie diese Chance wieder einmal zu verpassen scheint. Da passen Fachleute wie Hüther, die ein integratives Modell anbieten, natürlich gar nicht ins traurig-alberne Machtspiel.
Es zeugt von blinden Flecken, die Dinge so darzustellen, als würde die Schulmedizin in Sachen ADHS für obsolet angesehen. Richtig ist, dass sich die Schulmedizin in Sachen ADHS selbst für obsolet erklärt, weil sie einem völlig unmöglichen und überholten biopsychiatrischen Krankheitsmodell "ADHS" wie verbiestert anhängt. Und alles auf dem Rücken unserer Kinder, wenn man sogar stolz verkündet, "in einer vorderen Front" sozusagen in den Krieg zu ziehen.
Könnte man stattdessen nicht endlich in einen fruchtbaren, kritischen und wirklich wissenschaftlichen Dialog eintreten?

H.-R. Schmidt
26.2.2002

 

Zur spezifischen Methylphenidat-Wirkung
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

Erst kürzlich habe ich wieder von einer Mutter gehört, deren Kinderarzt ihr empfahl, beim unruhigen Söhnchen einfach mal Ritalin auszuprobieren, und wenn es wirke, sei die Diagnose "ADHS" damit bestätigt. Dieser Irrglaube steckt in sehr vielen Elternköpfen (und Ärzteköpfen wohl auch noch), das habe ich immer wieder festgestellt. Die meisten Eltern glauben, um Ritalin geben zu können, bedürfe es der Diagnose "ADHS", und wenn das Mittel wirkt, wäre klar, dass ihr Kind an "ADHS" leidet. Ein fataler Zirkelschluss.

In einem früheren Beitrag habe ich mich mit diesem Problem bereits auseinander gesetzt. Seriöse wissenschaftliche Studien zur spezifischen Wirkung von Methylphenidat bei "ADHS" sind aus verständlichen Gründen sehr selten. Schließlich kann man keinen gesunden Kindern zu wissenschaftlichen Zwecken Ritalin geben (obwohl genau dieser Großfeldversuch derzeit weltweit unkontrolliert läuft!). Deshalb ist die Studie von Klein RG u.a. so kostbar und aufschlussreich.

Diese Autoren haben die Hypothese überprüft, derzufolge Stimulanzien bei antisozialen Verhaltensstörungen ("conduct disorder", das sind aggressive, gewalttätige, kriminelle oder zerstörerische Kinder) nicht hilfreich seien. Man geht gewöhnlich davon aus, dass Methylphenidat, das bei Kindern mit "ADHS" wirkt, auf die Symptomatik solcher antisozialer Verhaltensstörungen keinen hilfreichen Einfluss hat. Methylphenidat soll also ganz spezifisch auf die "ADHS"-Symptomatik wirken.

84 Kinder mit antisozialer Verhaltensstörung, wovon 2 Drittel auch ADHS hatten, das andere Drittel aber nicht, wurden 5 Wochen lang mit Methylphenidat bzw. Placebo behandelt und in ihrem Verhalten von Lehrern, Eltern und Klinikern genau beobachtet. Die Erwartung war also, dass sich das Medikament nur auf die "ADHS"-Symptomatik auswirken dürfte. Ganz entgegen dieser Erwartung zeigte sich aber eindeutig, dass das Medikament die Symptomatik der antisozialen Verhaltensstörung bei allen Kindern bedeutsam reduzierte, unabhängig davon, ob ein Kind auch noch "ADHS" hatte oder nicht.

Methylphenidat hat demnach auch eine eindeutige Wirkung auf die Symptome einer gewöhnlichen Verhaltensstörung, und nicht nur auf die Symptomatik von "ADHS". Dies zeigt sehr deutlich, dass Methylphenidat unspezifisch wirkt und seine Wirkung keinen diagnostischen Rückschluss erlaubt. Sonst müsste man ja gemäß der bisherigen "ADHS"-Logik folgern, diese Untersuchung hätte bestätigt, dass die Wirkung von Methylphenidat die Diagnose einer antisozialen Verhaltensstörung begründe. Und das sagt ja sicher keiner. Aber wenn es um "ADHS" geht...

Oder allgemein: Eltern, bei deren Kind Methylphenidat symptomdämpfend wirkt, können nicht schon deshalb davon ausgehen, dass "ADHS" vorliegt. Es kann auch eine Verhaltensstörung sein, für die das Medikament gar nicht gedacht (und vielleicht langfristig auch hirnschädigend) ist. Noch allgemeiner: Methylphenidat wirkt immer, egal ob einer was hat oder nicht. So ist das eben mit einem Psychopharmakum.

27.2.2002

 

Hey, originell! Hypies
Und die Ringelnatz-Vorstellung: Sehr liebevoll, ganz toll!

Preiser
27.2.2002



 

Zitat vom 22.08.01 in schularzt.de:

Herr Kollege Helmut Bonney, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie (und Kinder- und Jugendarzt) aus Heidelberg schreibt in dem Buch „Systemische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie“:

"Jüngste Forschungen über Effekte von Methylphenidat am sich entwickelnden Gehirn belegen im Tierversuch, dass die frühe Anwendung dieses Stimulanz eine bleibende Verminderung der Dopamintransporterdichte im Striatum um 50% verursacht
( Moll et al. 2001)."

Hier das Abstract aus Medline:

J Child Adolesc Psychopharmacol 2001, Spring;11(1):15-24: Early methylphenidate administration to young rats causes a persistent reduction in the density of striatal dopamine transporters.
Moll GH, Hause S, Ruther E, Rothenberger A, Huether G.
Department of Child and Adolescent Psychiatry, University of Gottingen, Germany.

Methylphenidate is widely and effectively used for the treatment of attention deficit hyperactivity disorder during early childhood and adolescence, but until now possible effects of this treatment on brain development and the maturation of monoaminergic systems have not been investigated systematically. This experimental animal study describes the effects of methylphenidate administration (2 mg/kg/day) for 2 weeks to very young (prepubertal) and somewhat older (postpubertal) rats on the densities of dopamine, serotonin, and norepinephrine transporters in the striatum and in the midbrain. As shown by ligand-binding-assays, the K(D) values of all three transporters were unaffected by this treatment. No alterations were found for the Bmax values of [3H]-paroxetine and [3H]-nisoxetine binding, but the density of dopamine transporters (Bmax values of [3H]-GBR binding) in the striatum (but not in the midbrain) was significantly reduced after early methylphenidate administration (by 25% at day 45), and this decline reached almost 50% at adulthood (day 70), that is, long after termination of the treatment. This is the first empirical demonstration of long-lasting changes in the development of the central dopaminergic system caused by the administration of methylphenidate during early juvenile life.

Ohne jetzt in Panik zu verfallen, denke ich, wir sollten gut über die Ergebnisse dieser Tierversuche, die sich natürlich nicht ohne Weiteres auf Menschen übertragen lassen, nachdenken und bestätigende oder widersprechende Anschlussstudien abwarten! Mich überraschen sie nicht so sehr, weil ich aufmerksam die Forschungsergebnisse zu Ecstasy und anderen Amphetaminen registriert habe, die auch zunehmend auf bleibende Veränderungen in Neurotransmitter-Systemen bei chronischem Konsum hinweisen. Nur werden diese Erkenntnisse drogenpolitisch eingesetzt, z. B. um Jugendlichen zu signalisieren "Lasst die Finger von diesem gefährlichen Zeug!" Die Aachener Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Beate Herpertz-Dahlmann und ihre Oberärztin Ina Grzella wiesen übrigens in Diskussionen schon häufiger darauf hin, dass bei Methylphenidat ähnliche Veränderungen im dopaminergen System zu erwarten seien.

Ich werde auch weiterhin Methylphenidat verordnen, aber - wie bisher - nur wenn andere Möglichkeiten ausgeschöpft sind und krisenhafte Zuspitzungen drohen. Auch eingedenk nicht auszuschließender Langzeitwirkungen!

 

Alte Nativen zu Riddelien
Ein Interview mit Dibblpsüch HaErSchnott
(Zugleich ein vergeblicher Beitrag zum Anheben des intellektuellen Niveaus in ADS-Internetforen)

Frage: Herr Dibblpsüch, Sie wurden neulich mutterseelenallein im vorderen Wagen der Straßenbahnlinie 23 in Hamburg gesehen, während der bekannte Seientologe Hubbelbart und weitere 124 Menschen im hinteren Wagen fuhren. Gestehen Sie, was haben Sie mit diesen Leuten zu tun?

Schnott: Also, das ist ganz einfach: Ich kenne keinen dieser 124 Leute.

Frage: Na, das beruhigt! Aber Sie sind doch ein Freund von Prof. Verhütherli, nicht wahr? Das macht Sie sehr verdächtig. Was hat es bei ihm mit dem Hubbelbart auf sich?

Schnott: Was seinen Hubbelbart betrifft: das ist Geschmacksache! Ich selber bin ja kein Bartträger.

Frage: Aha! Prof. Verhütherli behauptet ja, dass das Mondamintransportersystem bei unruhigen Rindern durch die Gabe von grünen Affen-Alpen aus USA zum Schrumpfen kommt. Der Versuch wurde ja inzwischen an unruhigen mami-mäusen und daffy-daggies wiederholt. Notorische Stänkerer wie der Rinderarzt Dr. Filgus (alias Otto Bäuren) behaupten nun aber unter frenetischem Beifall ihres Kuhstalls, dass sie selbst unter ihrem geschrumpften Mondaminsystem keineswegs leiden und dass hinter allem bloß dieser Hubbelbart steckt.

Schnott: Das enthebt sich meiner Unkenntnis. Ich empfehle Beethovenblüten-Therapie zur Verhinderung des Mondaminschrumpfungssyndroms (MSS) bei Rindern und Tierärzten. Auch mit Milka-Schokolade habe ich gute Erfolge, denn die kommt von glücklichen Kühen. Wenn man sie gegeben hat, muss man Rindern und Tierärzten hinterher allerdings immer vom Kleckern sehr sehr sorgfältig den Hubbelbart abwischen.

Frage: Sehr sehr aufschlussreich! Wenn man sich im Kuhstall so umhört, sollen ja immmer die Älteren schuld sein, wenn die Rinder unruhig sind. Was sagen Sie dagegen?

Schnott: Das ist ungerecht gegenüber den Kälbern. Auch die wollen mal schuld sein! Man muss ihnen in seinem eigenen Kuhstall nur so lange mit Macht zusetzen, bis sie endlich nachgeben und einsehen, MSS zu haben und dann sogar noch ganz stolz ein Buch darüber schreiben. Es geht aber in Wirklichkeit gar nicht um Schuld, es geht vielmehr um den Hubbelbart in uns selbst.

Frage: Wie dürfen wir dies missverstehen?

Schnott: Wie immer.

Frage: Danke! Herr Dibblpsüch, welche alten Nativen ausser Milka und grünen Affen-Alpen sowie Beethovenblüten empfehlen Sie uns sonst noch beim MSS?

Schnott: Heiliger Streit mit dem Papst, Otto, Dick & Doof, Hubbelbart, Popeye, dem Bundeskanzler, den Drogen- und Sektenbeauftragten und dem Froschkönig hilft unseren paranoiden Rindern sicher. Das muss intensiviert werden, denn sonst haben unsere Politiker ja nichts mehr zum Lachen. Wir brauchen glückliche Politiker, nicht nur glückliche Kühe. Im Übrigen muss man nur die Kühe im Kuhstall selber fragen. Sie sagen zu allem ganz deutlich:
Muuuh!
Das sollte uns sehr sehr zu denken geben.

Ulli
1.3.2002

 

Starker Tobak: RITALIN UND KRIMINALITÄT

Das ist sehr spannender Lesestoff! Der bekannte Kriminalhauptkommissar Wimmer schaut hinter die Kulissen!
Klicken Sie auf der Startseite auf "Aktuelles aus raum und zeit 116", dann auf den Beitrag "Ritalin und Kriminalität II"). Und dann warm anziehen!!!

Preiser
2.3.2002

 

ADHS-Vorbeugung

Die "ADHS"-Forschung hat sich bisher in tausenden von Studien fast ausschließlich mit der Suche nach organisch-genetischen Ursachen sowie mit der medikamentösen Behandlung beschäftigt, ohne überzeugend fündig zu werden. Eben weil die Identifikation beweisbarer Ursachen bisher nicht gelungen ist, hat man sich mit Präventionsfragen fast überthaupt noch nicht befasst. Es gibt fast keinerlei Berichte über kontrollierte Effekte psychotherapeutischer Behandlungen, die etwas über die Entwicklung dieser Kinder von Geburt an aussagen. Man weiss auch noch fast gar nichts über die mittel- und langfristigen Verhaltensweisen und Besonderheiten von Familien mit "ADHS"-Kindern. Hier liegen große Aufgaben vor uns, und langsam kommt dieser wissenschaftliche Zug ins Laufen. In Deutschland z.B. wird an der sog. "Profilstudie" des BV-AÜK und der Charité Berlin gearbeitet.

Ich bin fest überzeugt, dass die bessere Erforschung psychotherapeutischer Behandlungsmöglichkeiten die heute noch dominierende medikamentöse Behandlung in Zukunft weitgehend ersetzen oder stark zurückdrängen wird, so dass man eines Tages nur noch ca. 15 Prozent der heute medikamentös behandelten Kinder weiterhin medikamentös unterstützend und auch zeitlich begrenzter behandeln wird.

Eine der ganz wenigen prospektiven Studien, die sich mit der frühen Vorbeugung gegen die "ADHS"-Symptomatik befassen, stammt von GC Rappaport u.a. 51 Kinder im Alter zwischen 2 bis 4;5 Jahren, die unter Unaufmerksamkeit, Sprachstörungen und/oder motorischen Entwicklungsstörungen mit und ohne Hyperaktivität litten, wurden im Alter von 8 bis 10 Jahren nachuntersucht, nachdem sie nicht-medikamentös mit Beschäftigungs- und Sprachtherapie behandelt worden waren. 20 dieser 51 Kinder hatten die Diagnose "ADHD", und 8 von diesen 20 hatten Geschwister mit ebenfalls einer "ADHD"-Geschichte. Diese Kinder konnten mit ihren unbehandelten Geschwistern als Kontrollgruppe verglichen werde. Es zeigte sich bei ihnen im Schulalter ein bedeutsamer Rückgang der "ADHD"- Problematik. Die Autoren stellen fest, dass ihre Stichprobe noch zu klein für Verallgemeinerungen ist und regen Überprüfungen an größeren Gruppen an.

Ich sage: Nur zu!

H.-R. Schmidt
3.2.2002

 

Helmut Bonney, Kinderpsychiater und Familientherapeut, Heidelberg

Gut gesagt...
"Jeder, der sich ernsthaft auf die Suche nach den Ursachen einer Fehlentwicklung macht, muß diesen Weg auch konsequent bis zu seinen Anfängen hin verfolgen. Ansonsten läuft man allzu leicht Gefahr, die Folgen einer Fehlentwicklung mit deren Ursachen zu verwechseln. Dann muß man zwangsläufig ein unzureichend ausgebildetes Gleichgewichtssystem oder ein falsch entwickeltes dopaminerges System oder einen schlecht funktionierenden Frontallappen oder einen fehlgeschlagenen Erziehungs- und Sozialisationsprozeß oder eine frühe Bindungsstörung für die Entstehung des betreffenden Störungsbildes verantwortlich machen. Und dann verabreicht man eben dem dopaminergen System ein Medikament, der Frontallappen bekommt eine Verhaltenstherapie, den Lehrern und Erziehern zeigt man die rote Karte und die Eltern steckt man in ein Büßerhemd und läßt sie mit einem möglichst schlechten Gewissen ziehen.

Was man damit nicht erreicht und wohl auch nicht erreichen will, ist die eigentlich zwingend notwendige Veränderung der Verhältnisse, unter denen unsere Kinder heute aufwachsen müssen. Überall dort, wo Erwachsene die Anhäufung materieller Güter, das eigene Wohlergehen und die individuelle Bedürfnisbefriedigung zur wichtigsten Richtschnur ihrer Lebensgestaltung zu machen beginnen, kann sich irgendwann nur noch das entfalten, was durch Konkurrenz, Erfolgsdruck, Neid und Habgier hervorgebracht wird. Alles andere verkümmert. Auch Kinder verkümmern."

(Quelle: G. Hüther u. H. Bonney: "Neues vom Zappelphillipp", S. 143. Walter 2002)

 

ZEITZEUGEN (3)

Russell Barkley,
Director of Psychology, Professor of Psychiatry und Neurology, University of Massachusetts (USA).

R. Barkley, einer der Nestoren der ADHS-Forschung, vertritt seit einiger Zeit eine neue Sicht von ADHS: Nicht mehr ein Aufmerksamkeitsdefizit, sondern ein Mangel an Selbstkontrolle mache die Grundstörung bei ADHS aus. In einem Interview mit frontline, das ich hier ausschnittweise (teils etwas frei) übersetze, erläutert er seine Position. Anschließend kommentiere ich dies aus meiner Sicht der Dinge.

Frage: "Ihr Konzept der Selbstkontrolle (bei ADHS) unterscheidet sich von der Sicht anderer Fachleute. Wie sind Sie auf Selbstkontrolle gekommen?

Barkley: Nun, ich habe begonnen, die Selbstkontrolle bei ADHD-Kindern zu untersuchen, weil wir bemerkten, dass die Aufmerksamkeitsprobleme der Kinder nichts mit ihrer Umweltwahrnehmung zu tun hatten. Es war mehr ein Problem, bei irgendetwas nicht so lange durchhalten zu können wie andere. Und sie konnten den Ablenkungen um sich herum nicht so gut wie andere widerstehen, besonders wenn sie es mit langweiligen und sehr eintönigen Aufgaben zu tun hatten. Das hat uns dazu gebracht anzunehmen, dass sie Probleme mit ihrer Verhaltenskontrolle haben, nicht mit ihrer Umweltwahrnehmung. Das würde bedeuten, dass das Problem darin liegt, wie sie den output ihres Gehirns -ihr Verhalten- organisieren, und nicht darin, wie sie den input, der mit ihrer Wahrnehmung ins Gehirn gelangt, verarbeiten.

Wir fanden, dass sich die ADHD-Kinder Dingen, die sie in ihrer momentanen Situation vorfinden, durchaus aufmerksam zuwenden können, so dass es wirklich kein Aufmerksamkeitsproblem bei ihnen ist. Worauf sie sich aber nicht konzentrieren können, das ist das, was danach kommt, was jeweils als nächstes getan werden muss, um auf die jeweilige Zukunft des momentanen Verhaltens vorbereitet zu sein. Sie halten nicht inne, um an die Folgen dessen zu denken, was momentan abläuft. Sie haben also kein Aufmerksamkeitsproblem; sie haben stattdessen ein Problem mit ihren Intentionen. Damit meine ich Verhaltensweisen, die wir einsetzen, um auf das vorbereitet zu sein, was vor uns liegt: unsere Ziele; unsere Pläne; die Erkenntnis, besser weiter zu arbeiten; das Beachten des Beispiels anderer Menschen, damit man vorbereitet ist, wenn eine Situation eintritt. Das ist es, was ADHD-Kinder nicht tun.

Frage: Es gibt 6000 Studien, hunderte von doppelblinden Untersuchungen, und trotzdem besteht immer noch Uneinigkeit (über ADHD). Wieso?

Barkley: Es gibt teilweise deshalb Uneinigkeit über ADHD, weil wir Medikamente anwenden, um die Krankheit zu behandeln, und die Menschen dies beunruhigend finden. Aber es gibt auch Beunruhigung, weil ADHD als (genetisch-biologische) Krankheit eine tiefsitzende Überzeugung verletzt, die die Menschen über das Verhalten von Kindern haben. Wir sind alle mit der fast unbewussten Vorstellung aufgewachsen, dass kindliche Verhaltensstörungen weitgehend zurückzuführen seien auf die Art und Weise, wie sie von ihren Eltern und Lehrern erzogen werden. Dass es ein Problem der Kindererziehung sei, wenn ein Kind außer Kontrolle ist, stört und nicht gehorcht.

Wir verdanken es FREUD und WATSON und anderen, die unser Alltagswissen prägen, uns glauben zu machen, dass Verhaltensprobleme erlernt seien. Und nun kommt diese Krankheit ADHD daher, die kindliches Verhalten sehr stark stört, und hat nichts zu tun mit Lernen oder elterlichen Erziehungsfehlern. Damit werden diese tiefsitzenden Überzeugungen über missratene Kinder und ihre Verhaltensstörungen natürlich verletzt.

Und solange es diesen Konflikt gibt zwischen Wissenschaftlern, die sagen, die Krankheit sei überwiegend genetisch und biologisch bedingt, und der Öffentlichkeit, die sagt, soziale Ursachen seien ausschlaggebend, wird es weiter heftige Kontroversen geben.

Unter den Wissenschaftlern, die ihre Karriere dieser Krankheit gewidmet haben, gibt es keine Kontroverse. Es gibt keine wissenschaftlichen Treffen, auf denen irgendeine Kontroverse über diese Krankheit erwähnt würde, über ihre Gültigkeit als Krankheit, über den Nutzen der Stimulanzbehandlung mit Mitteln wie Ritalin. Da gibt es einfach keine Kontroverse. Die Wissenschaft spricht für sich selbst."

MEIN KOMMENTAR:
Diese beiden Passagen verdeutlichen Barkleys Position in aller Kürze sehr gut. Die begrüßenswerte Abkehr vom bisherigen problematischen Aufmerksamkeitsdefizit-Konzept müsste eigentlich zu einer neuen Bezeichnung des Gesamtsyndroms führen. Vielleicht sollte man es nun besser "Selbstkontroll-Defizit-Störung" (SDS) nennen? Offen bleibt, wie man das postulierte Defizit an Selbstkontrolle messen kann, um in der Praxis diagnostisch vorgehen zu können. Reicht es, wie bisher mit unvollkomenem Instrumentarium vorzugehen und dann einfach ein solches Selbstkontroll-Defizit zu vermuten? Hoffentlich nicht. Offen bleibt auch wieder, inwiefern dieses Defizit spezifisch ist oder nicht doch auch bei vielen anderen Verhaltensstörungen vorkommt? Wie sähe also die Differentialdiagnostik aus?

Erstaunlich ist aber wieder die krasse Leugnung von psychosozialen Lern- und Erfahrungsfaktoren in der Entwicklung von Verhaltensstörungen. Ich gehe davon aus, dass Barkley diese Faktoren nicht generell leugnet, sondern nur bei seinem bisherigen und neuen ADHD-Konzept. Eine generelle Leugnung würde ihn ja als Wissenschaftler völlig unseriös machen. Das kann heute niemand mehr generell leugnen. Es handelt sich dabei keineswegs um "Alltagswissen", dass uns Blender wie Freud und Watson eingeredet hätten, sondern um von der Wissenschaft vielfach belegtes Wissen, das nicht zuletzt deshalb zu Alltagswissen wurde.

Nun wäre ja gar nichts gegen die These einer lern- und erfahrungsunabhängigen, genetisch-biologisch verursachten Störung ADHS einzuwenden, wenn Barkley sie wissenschaftlich belegen könnte. Das kann er aber nicht, weshalb es eben eine These und keine Wahrheit ist und bleibt. Es gibt zwar eine Menge wissenschaftlicher Belege über die Mitwirkung bzw. über das Einhergehen (nicht Verursachung) biologisch-genetischer Faktoren bei "ADHS", aber noch praktisch keinerlei Belege für die Erfahrungsunabhängigkeit, die Barkley behauptet. Aus dem Umstand, dass sich die ADHS-Forschung bisher praktisch überhaupt nicht um die Verifizierung solcher Umweltfaktoren gekümmert hat (was an der einseitig biologistischen Orientierung der amerikanischen Psychiatrie und Psychotherapie á la Barkley liegt), kann nicht auf deren Unwirksamkeit geschlossen werden. (Wie wenig sich die amerikanische Öffentlichkeit oftmals für psychologische Fragestellungen interessiert, wurde in der jüngeren Vergangenheit deutlich, wenn Jugendliche in ihrer Schule Amok liefen: die Öffentlichkeit fragte sich dann jeweils, woher die Kids die Waffen hatten und ob man die Waffengesetze verschärfen müsse, nicht aber, warum diese Kids sich Waffen besorgt haben).

So extrem, wie Barkley den Faktor Erfahrung leugnet, leugnet heute kein "Erfahrungsanhänger" mehr genetische Faktoren. In Deutschland ist solch eine Position, wie sie Barkley in diesem Punkt vertritt, gottlob nirgends mehr zu finden. Sie würde ja jegliches sozialpolitisch-sozialpsychologische Engagement für unsere Kinder zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen für überflüssig erklären; eine völlig verantwortungslose Position.

Dass Begriffe wie "Selbstkontrolle", "Selbstbeherrschung", "Selbstdisziplin", "Selbstwertgefühl", "emotionale Intelligenz" "Motivverzicht", "Motivaufschub", Triebverzicht", "Selbstreflektion" usw., die wohl alle mit Barkleys "self-control" zu tun haben, in der Psychologie bereits eine längere Forschungstradition haben und sich sein Konzept wieder mal genauso durch Erfahrung, zumindest durch das Zusammenspiel von "Genetik" und Erfahrung begründen liesse, scheint ihn nicht weiter zu berühren. Bei Aussagen wie "das Beachten des Beispiels anderer Menschen..." springt mir das Wort "Bindungsforschung" praktisch ins Gesicht! Überhaupt lenkt die "output"-Orientierung seines neuen Konzepts viel stärker auf den Resonanzboden dieses outputs, eben die "Umwelt" hin, als es das frühere "input"-Konzept nahelegte.

Aber wer sagt das! Für Barkley sind ja nur Forscher oder Kliniker relevant, die ihre gesamte bisherige, jahrzehntelange Karriere dem Phänomen ADHS gewidmet haben, so wie er selbst. Alle anderen sind gar keine Fachleute. Er hat ja der berühmten "Konsens-Konferenz" zu ADHS 1998 auch vorgeworfen, gar keine wissenschaftliche, sondern eine politische Konferenz gewesen zu sein (was sicher teilweise zutrifft; gleichwohl fand er die Konferenz vernünftig), weil so viele dieser "Nichtfachleute" eingeladen gewesen seien. Man kann nur hoffen, Barkley betrachtet nicht nur diejenigen als echte Fachleute, die seiner Meinung sind. Wenn sich allerdings nur diese Art von Fachleuten zu Konferenzen trifft, gibt es natürlich keinerlei Kontroversen über ADHS. Aber ist das dann noch kritische Wissenschaft?

Da ich schon weiss, dass ich meine weitere Karriere nicht allein "ADHS" bzw. "SDS" widmen möchte, schweige ich aber jetzt lieber.

Mit Gruß, H.-R. Schmidt
5.3.2002

 

Diese Tagung empfehle ich Ihnen!

 

 

 

Ein Buch, das Sie wirklich lesen sollten

H. Amft, M. Gerspach, D. Mattner:
Kinder mit gestörter Aufmerksamkeit
ADS als Herausforderung für Pädagogik und Therapie

Kohlhammer 2002, EUR 19.-

Dieses Buch der drei Darmstädter Hochschulprofessoren für Sozialmedizin bzw. Heilpädagogik Amft, Gerspach und Mattner sollten Sie sich nicht entgehen lassen. Es hinterfragt alles, was Sie bisher über ADS zu wissen glaubten, aus nüchterner wissenschaftlicher Sicht. Die drei Beiträge der Autoren ergänzen sich zu einem wirklich kritischen, fundierten und ausgewogenen Gesamtbild über ADS/HKS/MCD. Sie werden hier viele meiner Positionen wiederfinden.
Hier eine kleine Leseprobe zum Thema: ADS: Was ist wissenschaftlich gesichert? (S. 51):

(Zitat) 1. Es gibt Kinder mit ZNS-bedingten Aufmerksamkeitsproblemen.

2. Ein Rückschluss von Aufmerksamkeitsproblemen auf deren Ursache ist unzulässig.

3. Nur wenn eine cerebrale Dysfunktion objektiv nachgewiesen werden kann, ist die Bildung einer kausalen Hypothese zwischen cerebraler Dysfunktion und Aufmerksamkeitsproblemen zulässig. Alles andere ist Spekulation.

4. Cerebrale Dysfunktionen führen nicht zwangsläufig zu Verhaltens- und Entwicklungsproblemen. Im Gegenteil: Ca. 75% der Kinder mit nachweislicher cerebraler Dysfunktion weisen psychiatrisch keine Auffälligkeiten auf.

5. Normal ist, dass Kinder leichte cerebrale Dysfunktionen gut kompensieren können. Nur ca. 25% der Kinder mit nachweislicher cerebraler Dysfunktion weisen psychiatrische Auffälligkeiten auf, wobei dies im Einzelfall einen kausalen Zusammenhang noch nicht begründet, weil diese Störungen auch andere Ursachen besitzen können.

6. Zu fragen ist vielmehr, ob nicht in erster Linie psychosoziale Faktoren als ursächlich dafür angesehen werden müssen, dass es einem kleinem Teil der Kinder nicht gelingt, ihre cerebrale Dysfunktion zu kompensieren.

7. Wird bei einem Kind mit Aufmerksamkeitsproblemen eine cerebrale Dysfunktion objektiv nachgewiesen, so beweist dies noch nicht eine Kausalität zwischen cerebraler Dysfunktion und Aufmerksamkeitsproblemen. Denn diese Aufmerksamkeitsprobleme können auf anderen Ursachen basieren (Zitatende).

Ich weise besonders auf den Punkt 6 hin, den ich immer schon für ganz wichtig gehalten habe. Aber machen Sie sich bitte Ihr eigenes Bild.

Mit Gruß, H.-R. Schmidt


8.3.2002

 

 

Passend zur obigen Buchempfehlung:

Einladung zum 2. Freitagsgespräch
am 12.4.2002, 16-18 Uhr

Prof. Dr. Manfred Gerspach, Fachhochschule Darmstadt, spricht und diskutiert zum Thema:

Zappelphilipp & Co:
ADS als Herausforderung für Pädagogik und Therapie

Ort: Heinrich-Meng-Institut des Erftkreises
Kaiserstr. 6, 50321 Brühl

Veranstalter: Erftkreis, Heinrich-Meng-Institut, Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt
Leiter der Abt. Erziehungsberatung u. Familientherapie

Die Teilnahme ist kostenfrei. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt.
Persönliche Anmeldung unter Angabe Ihres Namens, Ihrer Anschrift und Ihrer E-Mail-Adresse (Sie erhalten eine Teilnahmebestätigung per E-Mail) bitte
HIER

Lesen Sie auch noch einmal unter Artikel 2000 (Gerspach)

 

ADS und Psychotherapie

von Werner Hauser

In nahezu allen hergebrachten ADS-Internetseiten und populären ADS-Ratgebern finden Sie den mehr oder weniger dringenden Rat, eine Medikation bei ADS nicht ohne begleitende Verhaltenstherapie und Elterntraining durchzuführen. Wenn Sie dies als fachlicher Laie lesen, gehen Sie sicher davon aus, dass dieser Rat überall deshalb so kategorisch gegeben wird, weil ihn wissenschaftliche Forschungsergebnisse begründen.
Weit gefehlt!

Verhaltenstherapie und Elterntrainings sind zwar allgemein bewährte und in ihrer Wirksamkeit wissenschaftlich recht gut belegte Verfahren. Sie zu empfehlen ist also allgemein vollkommen berechtigt. Dass aber ausschließlich diese Methoden bei "ADS" indiziert sein sollen, alle anderen nicht, bedarf besonderer Begründung.

Wenn es eindeutige Forschungsergebnisse gäbe, die belegen, dass Verhaltenstherapie bei ADS wirksamer ist als Familientherapie oder Kinderpsychotherapie oder Ergotherapie oder Autogenes Training oder Grüne Algen oder Homöopathie oder gar keine Therapie oder... (die Reihe ließe sich noch sehr weit fortsetzen), dann wäre der Rat zur Verhaltenstherapie berechtigt. Aber: Solche Forschungsergebnisse gibt es nicht.

Wenn man also wissenschaftlich gar nicht begründen kann, warum eine bestimmte Psychotherapiemethode angezeigt sein soll, andere aber nicht, fragen Sie sich natürlich, wie die Autoren dazu kommen, diesen Rat dennoch zu geben.

Nun, die Antwort ist einfach: Weil sie es aufgrund ihrer Theorie von ADS so glauben! Sie glauben nämlich, ADS sei eine genetisch bedingte, vererbbare Hirnstoffwechselstörung, die von der Umwelt, der Erziehung und der Erfahrung völlig unabhängig ist. Wenn ich sage, sie glauben dies, will ich zum Ausdruck bringen, dass dies wissenschaftlich in keiner Weise hinreichend belegt ist. Aber wenn man dies so glaubt, scheint Verhaltenstherapie die geeignete Methode zu sein, weil dabei z.B. die elterliche Erziehung eines Kindes keine Rolle spielt, die Familie mit ihrer ganz eigenen Dynamik keine Rolle spielt, die sonstige Umwelt des Kindes (Kindergarten, Schule, Wohnumfeld) keine Rolle spielt. Nur das angeblich kranke Kind ist Ansatzpunkt der Therapie. Seine angebliche hirnorganische Krankheit lässt sich zwar nicht heilen, aber mit Medikamenten und mit Trainingsmethoden mildern. Die Eltern und die sonstige Umwelt können erzieherisch eigentlich gar nichts falsch gemacht haben, sie werden ein bisschen unterstützt, nicht mehr "gleich in die Luft" zu gehen.

So fügt sich die Empfehlung zur Verhaltenstherapie nahtlos ins biologistische ADS-Konzept ein. Aber wieder: Weit gefehlt!

Denn Verhaltenstherapie leugnet ja die Umwelt, die Lernerfahrungen eines Kindes in seiner Familie keineswegs! Woran sie ansetzt, sind ja ganz individuelle Lernerfahrungen. Wie passt dies nun aber zusammen mit der (sowieso durch nichts begründbaren) Überzeugung, ADS sei erfahrungsunabhängig? Sollen nur sekundäre, ADS-reaktive Erfahrungen wegtrainiert werden?

Wie dem auch sei, wissenschaftlich lässt sich der ausschließliche Rat zur Verhaltenstherapie nicht begründen. Die gegenwärtige Praxis sieht ja so aus, dass die meisten Langzeitmedikationen bei Kindern keinerlei Psychotherapie einschließen. Ritalin tut es auch ganz allein. Wie Prof. Dr. Hüther sagt: "Das Medikament bügelt alles flach." Selbst in der berühmten MTA-Studie hat Barkley seine eigene Verhaltenstherapiemethode im Vergleich mit Ritalin besiegt.

Ich fände es zusammenfassend ehrlicher, wenn die überzeugten ADSler raten würden, Ritalin zu geben, und sonst gar nichts. Wenn sie weiterhin Verhaltenstherapie empfehlen, wiedersprechen sie sich darin, dass ADS erfahrungsunabhängig sei. Der Einwand, bei der Verhaltenstherapie würden nur die als Folge von ADS gelernten Verhaltensweisen behandelt, nicht ADS selbst, ist wissenschaftlich durch nichts belegt. Wenn man bedenkt, dass ca. 80 Prozent der gegenwärtig als ADS diagnostizierten Kinder nur verhaltensgestört sind (also gar kein ADS haben), ist der allgemeine Rat zur Psychotherapie natürlich erstrangig.

Seriös wäre also der Rat, jede bewährte und wissenschaftlich anerkannte Psychotherapie (ob Familientherapie, Heilpädagogik, Spieltherapie, Ergotherapie, Verhaltenstherapie...) erst einmal ohne Medikation ernsthaft durchzuführen. Manchmal (viel, viel seltener, als behauptet) bleibt nichts Anderes übrig als eine Medikation. Aber der Rat hierzu sollte sehr viel stärker hintanstehen.

9.3.2002

 

HÜTHER im SPIEGEL!

 

 

 

 

WOW, ein Zittern geht durch die selbstgefällige ADS-Welt.

Vom SPIEGEL über den FOCUS rollt eine ADS-kritische Hütherwelle durch den gesamten deutschen Blätterwald. Die Reaktionen sind wie gehabt:


1. Ignorieren ("Augen zu und durch", hoffentlich nicht nach Art der Lemminge?)
2. Unwissenheit ("Ritalin macht spätestens mit 40 Parkinson", ausser man isst regelmäßig Labskaus, aber auch das bringt nur Schlamsel, "Die Ratten hatten ja gar kein ADS!" (besonders originell))
3. Rufschädigung ("Der Hüther hat bestimmt kein ADS-Kind", "Der will doch nur sein Buch promoten", "Von dem distanzieren sich ja schon seine Göttinger Kollegen", "Mit 8 Klicks kommt man von seiner Seite zu den Scientologen: AHA!!") etc.). Schon die alten Römer haben ja den Überbringer einer schlechten Nachricht den Löwen vorgeworfen
4. Hilfeeeerufe ans ADS-Forum, wo man sich durch Falschinformationen bereitwillig rasch wieder einlullen lässt
5. Psychosomatische Störungen ("Ekelhaft", "Pfui Teufel, Herr Kollege", "Ich kann gar nicht sagen, wie ich kotzen muss", "Mir ist so schlecht", "Bin auf 180")
6. Verfolgungsideen ("Was läuft da für eine Kampagne?", "Wer hat es da immer wieder auf uns abgesehen?", "Muss man uns immer so verunsichern?")
7. Mordgelüste ("Kann man solche Leute nicht mundtot machen?")

Ist es nicht immer wieder verblüffend, wie schwer es den Menschen fällt, einfach etwas nachdenklich zu werden und ihre althergebrachten Überzeugungen ein wenig zu hinterfragen ("upzudaten" in neudeutsch)? Da müssen starke verdrängte Schuldgefühle am Werke sein.

Ulli
11.3.2002

 

Das ist Kirsten, wie wir sie schon lange lieben! Klarer und kompetenter Kopf: eine schöne Blume im Forensumpf!

http://f17.parsimony.net/forum29914/messages/6048.htm

MfG Dörte
13.3.2002

 

 

Systemisches Seminar Heidelberg

Eine sehr erfreuliche Entwicklung: Herr Hüther (Göttingen) und Herr Bonney (Heidelberg) werden im Rahmen ihres systemischen Seminars Heidelberg Fortbildungen zum Themenkomplex ADHS anbieten, die vom Feinsten sind. Die ideale Verbindung von Hirnforschung und Psychiatrie/Psychotherapie, die beide verkörpern, verspricht wirkliche Weiterbildung in einem klinisch-wissenschaftlichen Bereich, in dem seit Jahren immer die gleichen einseitigen organopathologischen Positionen wiederkäut werden. Psychotherapeutischer Fortschritt ist angesagt, damit unseren Kindern und Familien wirklich umfassend geholfen werden kann.
Café Holunder wünscht schon mal viel Erfolg!

H.-R. Schmidt
13.3.2002

 

Prof. Dr. Hartmut Amft, Sozialmediziner an der Fachhochschule Darmstadt:

Ist ADS eine Krankheit?

Genau genommen, leben wir Menschen ständig in einem Aufmerksamkeitsdefizit, aber wir merken es nicht. In jeder Sekunde ist im menschlichen Organismus ein Informationsquantum von 10 hoch 7 bis 10 hoch 9 bit zu verarbeiten, wobei nur ein minimaler Bruchteil ins Bewusstsein gelangt (vgl. Garcia 1983, 133). Um handlungsfühig zu sein, müssen wir unsere Aufmerksamkeit fokussieren. Ahnlich wie ein punktstrahlender Bühnenscheinwerfer nur ein kleines Feld beleuchtet und alles andere im Dunkeln lässt, erfasst unser Bewusstsein immer nur einen winzigen Teil der Informationsmenge, ein Hunderttausendstel oder gar nur ein Zehnmilliardstel. Wenn wir beispielsweise starke Zahnschmerzen haben, können wir uns meist auf nichts anderes konzentrieren. Und wenn wir ein spannendes Buch lesen, nehmen wir von der übrigen Welt nichts mehr wahr.

ADS ist die Abkürzung für "Attention Deficit Syndrome" und eine amerikanische Erfindung. "Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom" ist lediglich eine "Eindeutschung". M.E. ist in keinem der deutschen Lehrbücher der Kinder- und Jugendpsychiatrie...ein Krankheitsbild namens ADS zu finden. ADS als Diagnose ist auch nicht aufgeführt im derzeit gültigen Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation, also der lCD 10 der WHO...

Es ist natürlich nicht so, dass es keine erziehungsschwierigen, lernunwilligen, zappeligen und unruhigen Kinder in Deutschland gegeben hätte. Die deutsche Kinderpsychiatrie hat aber nie von dem "Syndrom des erziehungsschwierigen Kindes" gesprochen. Warum nicht? Nicht, dass die deutsche Psychiatrie besonders kinderfreundlich gewesen wäre. Der Grund ist auch nicht, dass die Psychiatrie meinte, ein erziehungsschwieriges Verhalten könne nicht als Krankheit angesehen werden, weil dieses in der Regel das Resultat eines nicht gelingenden Erziehungsprozesses sei. Nein, der Mainstream der deutschen Kinderpsychiatrie war vielmehr bis in die 80-er Jahre hinein der Ansicht, dass, wenn ein Kind bei der Erziehung Schwierigkeiten macht, das Hirn des Kindes nicht richtig funktioniere...
Das sog. Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ist in erster Linie eine Verhaltensbewertung, die Kinder von außen erfahren. ADS ist keine Krankheit und erst recht keine Krankheitseinheit, sondern eine behaviorale Beschreibung eines sozial unerwünschten Verhaltens.

(Quelle: H. Armft: Die ADS-Problematik aus der Perspektive einer kritischen Medizin. In: Amft/Gerspach/Mattner: Kinder mit gestörter Aufmerksamkeit. Kohlhammer 2002).

 

RATTEN SIND KEINE MENSCHEN

Einige Bemerkungen zu den verschiedenen Stellungnahmen gegen den Hüther-Artikel.

1) Die Scientologen sind überall

Den Vorwurf, man sei Scientologe, wenn man sich kritisch oder warnend gegen Ritalin äußert, den kenne ich aus dem Internet zur Genüge.
Doch wenn auf der Ebene der Fachlaute (wie von Frau Stollhoff)  der Vorwurf erhoben wird, man sympathisiere mit Scientology oder distanziere sich nicht genug davon, dann finde ich es nur noch peinlich. Denn die allermeisten ADS-Kritiker, Ritalin-Warner und Alternativ-Behandler haben absolut gar nichts mit den Scientologen zu tun. Daß man in der Argumentation gegen Ritalin auch auf Untersuchungen und Berichte stößt, die
auch die Scientologen für ihre Argumentation benutzen, ist nur natürlich. Aus diesen "Berührungspunkten" eine Folgerung der Zugehörigkeit oder nur Sympathie abzuleiten, ist absurd und zeugt von wenig Differenzierungsvermögen.
Also was soll dann der Vorwurf? Man will sich wohl nicht inhaltlich mit diesen Kritikern auseinandersetzen, anders kann ich mir das nicht erklären. Dieser Schuß wird allerdings irgendwann nach hinten losgehen, wenn sich die zu Unrecht diffamierten dagegen wehren und dann zugegeben werden muß, daß an diesen Vorwürfen nichts dran ist. Und wenn mehr Leute merken, daß man damit nur die inhaltliche Auseinandersetzung vermeiden will.


2) Panikmache

Der Vorwurf, Hüther verbreite Panik, ist vielerorts zu lesen. Aber er ist bei genauerem Hinsehen völlig haltlos.
In meinen Augen sind die Formulierungen, daß unbehandeltes ADS (wohlgemerkt mit Medikamenten und VT) zu schweren Folgen führe, wie Kriminalität, Drogensucht und Persönlichkeitsstörungen, die wahren Panikmacher. Das versetzt die Eltern doch viel eher in Angst und Schrecken.  (Wenn ich mich vor die Wahl gestellt sähe, daß mein Kind entweder ein psychopathischer, drogensüchtiger Krimineller wird oder später mal an Parkinson erkrankt, ich würde wohl zweiteres vorziehen.)
Doch was ist dran an solchen Horrorvisionen? Nichts, wenn man genau schaut. Die Studien, auf die diese Aussagen sich beziehen, die sollte man mal methodisch genauer beleuchten, dann wären solche Aussagen nicht mehr haltbar. (Wie in den meisten dieser Studien, sind die Begleitfaktoren, wie psychologische, soziale und umweltbedingte Einflüsse völlig vernachlässigt worden.)
Ein noch besseres Argument liefern die Hüther-Gegner selbst. Denn sie wollen Hüthers Hypothesen damit entkräften, daß statistisch nicht häufiger Parkinson beobachtet werde, und das, obwohl Ritalin seit vielen Jahren verwendet wird. Nun handelt es sich bei Hüthers Hypothese um mögliche Spätfolgen, die zahlenmäßig erst in einigen Jahren zu sehen wären.
Anders bei der Kriminalität und der Drogensucht, denn das sind im jugendlichen und jungen Erwachsenen-Alter auftretende angebliche Folgen.  Da müßte sich ein statistischer Rückgang inzwischen bemerkbar gemacht haben, wenn die entsprechende Behandlung tatsächlich einen präventiven Charakter haben sollte. Nun, das ist nicht der Fall, eher das Gegenteil ist eingetreten. Warum, ist einfach zu erklären, denn Persönlichkeitsstörungen, Delinquenz und Drogensucht entstehen in erster Linie durch eine nicht gelungene Sozialisation und da sind eben die psychosozialen Faktoren von entscheidender Bedeutung. Und um eine Prävention in dieser Hinsicht zu erreichen, wären alle Behandlungskonzepte unter Einbeziehung eben dieser Faktoren besser als "Medikamente plus VT".
Es ist doch viel plausibler, daß die Vernachlässigung dieser psychosozialen
Faktoren im propagierten Behandlungskonzept (Medikamente plus VT),  nicht schützt, sondern im Gegenteil gerade den Boden bereitet für eine Entwicklung in Richtung Delinquenz.
Und die rückblickende Zuordnung straffällig gewordener Menschen zu dem Krankheitsbild "ADS" ist nahezu absurd, solange die Diagnose dieser Störung nicht eindeutig möglich ist.


3) Finanzierung

Der Hinweis, die Untersuchungen von Hüther seien von einer konkurrierenden Pharmafirma finanziert worden, wird wiederholt als Kritik geäußert. Ob dem so ist, entzieht ich meiner Kenntnis. Aber der dahinter versteckte Vorwurf der Korruption ist diffamierend und soll wohl auch nur von der inhaltlichen Diskussion ablenken.
Doch ein Vorschlag zur Güte: die nächste Versuchsreihe wird von der Firma Novartis finanziert. Und darüberhinaus wird in Zukunft bei allen Symposien, Tagungen, Arztpraxen, Studien und Forschungen öffentlich gemacht, welche Pharmafirma wieviel Gelder dazu bereitgestellt hat.


4) Ratten sind keine Menschen

Wohl wahr, und der Hinweis von Skrodzki, daß es etwas anderes ist, "Rattenhirne zu untersuchen als ADS-Kinder zu behandeln", der war wohl überfällig. Denn die Mehrzahl der Fachleute und Betroffenen hat das wohl noch nicht gewußt.
Hüther selbst allerdings ist sich dessen sehr wohl bewußt, nicht umsonst betont er, daß er kein Kliniker sei. Aber das wird ihm ja nun wiederum auch vorgeworfen.
Im Ernst, natürlich ist die Übertragbarkeit von Tierexperimenten auf den Menschen begrenzt. Das gilt für alle Versuche dieser Art und man kann berechtigterweise der Ansicht sein, diese Versuche seien überflüssig oder moralisch (gegenüber dem Lebewesen Tier) unverantwortlich. Nichtsdestotrotz liefern solche Experimente Hinweise auf mögliche Bedenklichkeiten beim Menschen und die sollte man auch ernst nehmen. Wenn man (unwissenschaftlich) über diese Ergebnisse nachdenkt, könnte man sogar
vermuten, daß die Einflüsse auf das menschliche Gehirn vielleicht noch gravierender sind, weil im Gegensatz zum Rattenhirn das Menschenhirn noch viel veränderbarer ist.

Kim
18.3.2002

 

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