Willkommen im CAFÉ HOLUNDER
ARCHIV:

ADS: Gibt´s das wirklich?

ADS-Bücher: Kritisch
betrachtet

Ritalin: Ein folgen-
schwerer Irrtum

Aus der Sicht unserer
Kinder

Das Verschwinden der Mädchen von der
Bildfläche

Gibt es ein Bisschen ADS?

Exklusiv: Die HÜTHER-Studie

Das Anlage-Umwelt-
Problem

Oh wie verführerisch
ist doch das ADS!

Alternativen bei ADS

Fragiles X-Syndrom

Alternative Behandlung
bei ADD

Familie und ADS

Alternative Sichtweisen bei ADS

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 1

Fundsachen: ADS-Foren kritisch betrachtet Teil 2

Quellensammlung

Böse Witze


 

 

Prozac und die Serotonin-Transporter

Interessanterweise haben HÜTHER et.al. bereits 1999 eine Studie vorgelegt, die der derzeit heftig diskutierten Studie um Ritalin bzw. Methylphenidat sehr ähnelt. Sie hat aber natürlich nicht dieses Aufsehen erregt, weil es damals um das Antidepressivum Prozac (Fluoxetin-Hydrochlorid, Hersteller Eli Lilly, USA, Novartis-Konkurrent!) ging, das nicht wie Ritalin bereits Kleinkindern gegeben, nichtsdestotrotz aber weltweit millionenfach verschrieben wird, in den USA gegen alles Mögliche, von schlechter Laune bis zu Rückenschmerzen.

In der vorliegenden Studie wurden junge Ratten mit dieses Mal 5mg/kg/Tag Prozac ab dem 25. und dem 50. Lebenstag jeweils zwei Wochen lang behandelt (oral über das Trinkwasser). Es zeigte sich eine anhaltende und signifikante Dichtezunahme der Serotonintransporter im Frontalhirn.

Diese Studie ist (wie die derzeit diskutierte Ritalin-Studie für Methylphenidat und das dopaminerge System) die erste empirische Darstellung fortdauernder Auswirkungen der Anwendung von Prozac im Jugendalter auf die Ausreifung des zentralen serotoninen Systems.

Es lässt sich nicht leugnen: Ritalin und Prozac, beides Psychopharmaka, haben diesen Studien zufolge eindeutige und anhaltende Auswirkungen auf Reifungsvorgänge des Gehirns bei jungen Ratten.

Gleichzeitig wird nebenbei deutlich, dass Hüther sowohl ein Lilly- als auch ein Novartis-Produkt gleichermaßen kritisch bewertet.

Mit Gruß, H.-R. Schmidt
20.3.2002

 

 

ZEITZEUGEN (4):
Der Whistleblower

Wenn Sie diesen sehr hübschen und aufschlussreichen Beitrag, den wir Kim verdanken, in Ruhe gelesen haben, verstehen Sie viel besser, was es mit den hitzigen Auseinandersetzungen dieser ADS-Tage wirklich auf sich hat.
Gleichzeitig unsere Buchempfehlung der Woche.
Vielen Dank, Kim!

 

Hallo zusammen,
fleißig wie ich bin: hier alle wissenschaftlichen Veröffentlichungen von Hüther, die ich finden konnte!

Grüße, Frauke
21.3.2002

Hallo Frauke, dafür gibt´s natürlich Blumen! Vielen Dank! H.-R. Schmidt

 

ZEITZEUGEN (5)

Hans Biegert

Hans Biegert, Leiter und gleichzeitiger Träger seiner HEBO-Privatschule in Bonn, tingelt durch die Lande und trommelt in Vorträgen fleißig für seine Schule. Dagegen ist nichts einzuwenden. Was er aber zu sagen hat, bedarf teilweise kritischer Würdigung.
Er gilt als Vertreter der biologistischen ADS-Theorie, nach der ADS genetisch bedingt, also vererbt ist. Seine allgemeine Betonung des Faktors "Vererbung" auch bei Persönlichkeitseigenschaften wird sehr deutlich in einer Ansprache in seiner Schule, die Sie
hier nachlesen können.
Ohne auf
einige wissenschaftliche Ungereimtheiten und Simplifizierungen dieser Rede näher eingehen zu wollen, nehme ich sie hier zum Anlass, noch einmal auf einen wichtigen Aspekt der alten Streitfrage des Zusammenspiels von Anlage und Umwelt aufmerksam zu machen, zumal Herr Biegert prozentuale Verteilungen dieser Faktoren so darstellt, als seien sie wissenschaftlich eindeutig und allgemein gültig.

In der wissenschaftlichen Forschung wird der Erblichkeitsgrad eines Merkmals als ein Schätzwert für den Anteil der genetischen Varianz an der Gesamtvarianz dieses Merkmals definiert. Man geht davon aus, dass sich die Gesamtvarianz eines Merkmals als Summe von genetischer und umweltbezogener Varianz ergibt. Der Schätzwert hängt also jeweils von der Größe der genetischen und der umweltbezogenen Variation in der jeweiligen Untersuchungsgruppe ab und läßt sich nicht ohne Weiteres verallgemeinern. Wenn in einer Untersuchungsgruppe eine sehr geringe Variation umweltgebundener Faktoren vorliegt, folgt daraus logischerweise ein hoher Schätzwert für "Erblichkeit", und umgekehrt: Wenn eine große Variation von Umweltfaktoren vorliegt, ergibt sich ein geringer Wert für "Erblichkeit".

Sie sehen also schon jetzt, dass man "Erblichkeit" derzeit nie absolut ermitteln kann. Man kann sie immer nur schätzen, wobei die Ergebnisse stichprobenabhängig ganz unterschiedlich ausfallen können, und zwar abhängig von der jeweiligen Variation der Erblichkeitsmerkmale und der Umweltmerkmale. In der berühmten sog. "Minnesota-Zwillingsstudie", in der z.B. eine Erblichkeit des Intelligenzquotienten zu 70 Prozent ermittelt wurde, gab es eine nur geringe Variation der Umweltbedingungen, unter denen die untersuchten, getrennt aufgewachsenen Zwillinge aufgewachsen waren. So hatten ihre Eltern alle z.B. das strenge Reglement für Adoptiveltern überstanden, was einer Selektion von Umweltfaktoren gleichkommt. Auch in anderen soziologischen Faktoren gab es keine große Variation, so dass der Schätzwert für "Erblichkeit" hoch ausfallen musste. Wenn der Milieufaktor stark variiert hätte (z.B. wenn der eine Zwilling in einer europäischen Königsfamilie, der andere bei ungarischen Zigeunern oder afrikanischen Buschmännern aufgewachsen wäre), hätte sich ein wesentlich niedriger Wert für "Erblichkeit" ergeben. Aber genau der wäre hochinteressant, würde er doch sozusagen unter harten Bedingungen den Faktor "Erblichkeit" besser einkreisen.

Also: Allgemeingültige Aussagen, wie sie Herr Biegert trifft, wenn er z.B. der Familie 10 Prozent, der Vererbung 50 Prozent usw. einräumt, sind so nicht zulässig. Sie lassen sich immer nur auf ein untersuchtes Kollektiv beziehen (das man dann jeweils auch benennen muss), nie auf die Allgemeinheit. Allgemeingültige Aussagen aus Zwillingsstudien wären nur dann erlaubt, wenn die Variation der Umweltfaktoren in der Untersuchungsgruppe vollständig derjenigen in der Gesamtbevölkerung oder Kultur entsprechen würde. Das ist aber nie der Fall, weil man z.B. gar keine eineiigen Zwillinge, die gleich nach der Geburt getrennt wurden (wobei interessant ist, dass sie auch dann immer noch 9 Monate im Mutterleib dasselbe Milieu hatten) und die danach in stark unterschiedlichen Umwelten aufgewachsen sind, in genügender Zahl finden kann.

Mit Gruß, H.-R. Schmidt
22.3.2002

 

WAS ELTERN BESSER MACHEN KÖNNEN

so heisst der Untertitel des sehr lesenswerten Beitrages "Was ist die ideale Erziehung?" im neuen GEO. Ich möchte daraus Einiges zitieren und kommentieren.

Die Autoren fassen zunächst 3 wichtige Erkenntnisse der neueren psychologischen Forschung, in soliden und methodisch sauberen Studien gewonnen, so zusammen:

  • Eltern haben einen enormen Einfluss auf die Entwicklung ihrer Kinder, was Verhaltensgenetiker in den letzten 10 Jahren zu Unrecht in Abrede gestellt haben (z.B. besonders Steven Pincker, USA, auf den sich auch Herr Biegert -s. ZEITZEUGEN 5- leider immer noch beruft)
  • Es lässt sich ziemlich genau sagen, worin eine gute und effektive Erziehung besteht
  • Eltern können effektive Erziehung lernen.

Man könne heute zwar keineswegs von einer "Erziehungskatastrophe" sprechen, aber die allgemeine erzieherische Verunsicherung der Eltern sei unübersehbar. Erziehung ist in unserer modernen Welt schwieriger geworden und muss sich neuen Herausforderungen stellen, denen sich viele Eltern nicht gewachsen fühlen. Zunehmend werde deshalb auf diese Herausforderungen mit Medikamenten geantwortet und zehntausende "hyperaktiver" Kinder würden mit dem Psychomedikament Ritalin behandelt. Man müsse sich fragen, ob "Hyperaktivität" tatsächlich ein neues Phänomen oder nur ein Modebegriff sei - oder ein altbekanntes Verhalten, das nur durch unsere Verstädterung und die Zerstörung kindlicher Bewegungsräume brisant wird.

Dass der Umweltfaktor (hier: die Familie) ausschlaggebend ist, zeigen die Autoren am Beispiel der bekannten ebenfalls prospektiven finnischen Studie mit Adoptionskindern, deren leibliche Eltern an Schizophrenie litten. Ob diese Kinder in ihren Adoptivfamilien ebenfalls an Schizophrenie erkrankten oder nicht, hing von der Harmonie in der Adoptivfamilie ab: war die Familie harmonisch, erkrankten diese Kinder genauso selten wie Kinder der Durchschnittsbevölkerung; war die Familie disharmonisch, erkrankten sie so häufig, wie es das genetische Gen-Risiko erwarten liess. Harmonisches Familienleben wirkt also wie ein Schutzschild gegen (auch genetische) Risiken jeder Art. Disharmonische Familien dagegen verstärken solche Risiken.

Einen beeindruckenden wissenschaftlichen Beleg der Bedeutung der Eltern hat auch Marion Forgatch (Oregon, USA) jetzt vorgelegt. Sie untersuchte frisch geschiedene, alleinerziehende, in ärmlichen Verhältnissen lebende Mütter mit kleinem Sohn 10 Jahre lang. Dabei verglich sie zwei Gruppen, von denen die eine eine dreimonatige Elternschulung erlebt hatte, die andere nicht. Die Unterschiede bei Müttern und Söhnen waren erstaunlich. Die umfassenden Verbesserungen bei den Kindern, deren Mütter geholfen worden war, wurden auch von ihren Lehrern (die nicht wussten, welche Kinder in welcher Gruppe waren) festgestellt. Es gab keinerlei Medikamente. "Es gibt inzwischen beeindruckende Belege für die Spätfolgen von früher Erziehung", sagt Prof. Dr. Rainer Silbereisen, Jena, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie.

Der autoritative Erziehungsstil (ein missverständlicher Ausdruck), gekennzeichnet durch Warmherzigkeit, Einfühlung, Anregung. Konsequenz, Gegenseitigkeit, Interesse etc. wird dargestellt und am Beispiel des "Triple P" (Positive Parental Program), eines nachgewiesenermaßen effektiven Elterntrainings, als besonders erfolgversprechend für eine gesunde Kinderentwicklung empfohlen (in meiner Familienberatungsstelle praktizieren wir Elemente daraus im Rahmen unserer Familientherapien und Erziehungsberatungen).

Mein Facit: Ein Beitrag, der den Einfluss der Familie auf die Entwicklung auch verhaltenssschwieriger Kinder mit Recht sehr optimistisch darstellt, so eben, wie ihn die moderne Entwicklungs- und Bindungsforschung immer besser belegen kann. Das hergebrachte Konstrukt vom genetisch bedingten, erziehungsunabhängigen "ADS" sollte man nun endlich begraben. Es ist überholt, es hat noch nie gestimmt.

(Quelle: GEO 4/April 2002, S. 126-154)

H.-R. Schmidt
25.3.2002

 

Post aus dem Schwarzwald
von Dr. med. Karlheinz Bayer
(Dieser Beitrag ist im Original für die evang.Zeitschrift Chrismon unter www.chrismon.de erschienen).

Lieber Herr Schmidt,

die Meinung, die ich vertrete entstammt aus fast 25 Jahren Erfahrung mit Drogenabhängigen und deren Wissen um Speed und aus fast 15 Jahren Kontakt mit ADS-Kindern. Mehr und mehr setzt sich übrigens AD-H-S durch, was womöglich auch auf eine stille Lenkung hinweist ... vielleicht würde es therapeutisch Sinn machen in ADS und in HS zu unterscheiden, oder noch besser das "Syndrom" ganz wegzulassen. Wer redet uns hier eigentlich ein, wir hätten es mit einem Syndrom zu tun? Es steckt System dahinter.

Ohne psychologische - Psychotherapeuten käme ich nicht aus in meiner täglichen Arbeit.

Ist Ritalin wirklich das Thema? Oder ist das Thema nicht das hyperaktive (=störende) und das aufmerksamkeitsdefizitäre (=erfolggeminderte) Kind? Oder ist das Thema, daß eine skrupellose Pharmaindustrie in diesem wie in vielen ähnlichen Fällen Hilfen anbietet, die in Wahrheit kontraproduktiv sind?

Ritalin ist chemisch ein Amphetamin, ein Aufputschmittel also. Es ist verwandt mit dem AN1 und dem Pervitin, das die deutschen Flieger des 2.Weltkriegs brauchten, wenn sie ihre Angriffe auf England flogen — sie konnten sich auf ihren mehrstündigen Flügen kein AUFMERKSAMKEITS-DEFIZIT leisten. Genauso ging es einem Teil der Kriegsärztegeneration, die dank der Amphetamine (WECK-Amine) mehrere Tage durchoperierten. Viele dieser Ärzte erlagen nach dem Kriegsende den Folgen dieser Sucht oder nahmen sich das Leben. Ecstasy, die viel gescholtene Disco-Modedroge, ist genauso eng mit Ritalin verwandt.

Ritalin macht daher ebenso süchtig, wie es Pervitin tat und Exstasy tut - der Hersteller lügt, wenn er das herabspielt unter Hinweis auf die richtige Dosierung, denn ein Kriterium der Sucht ist — neben dem Kontrollverlust — immer schon das Verlassen der richtigen Dosis gewesen! Ein weiteres Kriterium ist, wenn ein Medikament nicht wegen seiner unmittelbaren Wirkung, sondern wegen des Wohlfühlens oder wegen sekundärer Vorteile genommen wird, z.B. höherer Leistungsfähigkeit oder besserer Akzeptanz.

Ritalin ist ein Amphetamin, Amphetamine sind suchterregend und deshalb unterliegt Ritalin vollkommen zu Recht dem Betäubungsmittelgesetz und muß ähnlich sorgfältig verordnet werden wie beispielsweise die Opiate. Es ist eine Mär der Pharmaindustrie, Ritalin würde nur deshalb so selten verordnet, weil die Ärzte sich in der Therapie nicht auskennen. Mag ja auch sein, daß die Ärzte gerade wegen der Kenntnis und in sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung verzichten auf Ritalin. Tatsache ist überdies, daß wir eine ausreichende Zahl von Psychotherapeuten hätten. Die Ausbildung speziell für die Arbeit mit hyperaktiven Kindern kostet ohne Zweifel viel Zeit, aber das ist kein Argument gegen die Methode an sich.

Der Skandal ist, daß die 10 % der Ritalin-Verordner womöglich nur deshalb wächst, weil wir uns diese Zeit immer öfter nicht mehr nehmen (können?). Er wächst nicht, weil die Kenntnis um ein segensreiches Medikament gewachsen ist, sondern weil der Zeitdruck zur Kapitulation nötigt — aber nicht zwingt, was die immer noch deutliche Mehrheit von 90 % psychotherapeutisch behandelten Kindern zeigt. So groß ist der Druck zahlenmäßig für die Erzieher und Therapeuten übrigens garnicht. Auf 80 Kinder kommt im Schnitt ein hyperaktives Kind, d.h. es ist ein Kind auf 3 Schulklassen, eines in jedem 7. oder 8. Konfirmandenjahrgang, also wirklich nicht zuviel, obwohl diese einzelnen Kinder tatsächlich den ganzen Laden durcheinanderbringen können. Selbst in medizinisch weniger gut versorgten Gebieten können die Psychotherapeuten diese Zahl verkraften. Den Kindern dieses Angebot nicht und stattdessen Ritalin zu geben, ist eine Form der Unterlassung! Und diese Unterlassung wird auch noch wissenschaftlich verbrämt!

Bei den üblichen Darstellungen der ADHS könnte man den Eindruck gewinnen, es läge eine Art von Mangelkrankheit vor oder gar ein genetischer Defekt. Mitnichten! Die Neurotransmitter (Dopamin, Serotonin etc.) wurden noch nie am lebenden Menschen in eine Norm gebracht, wie man das für den Zucker- oder Gichtwert tun kann und erst recht nicht wurde Dopamin im Synapsenspalt des gerade hyperaktiven Kindes gemessen — wie auch! Kein Mensch weiß, welches Hirnareal welche Mengen an Dopamin ausschüttet, genausowenig wie man weiß, welche Hirnzentren überhaupt und wie sie beteiligt sind. Das einzige, was man sicher weiß ist, dass Ritalin in dieses komplizierte Gefüge eingreift, aber an sehr vielen Stellen und sehr unkontrollierbar. Es stört oder beeinflußt den Schlafrhythmus genauso wie den Appetit (ursprünglich war Ritalin als Schlankheitsmittel auf den Markt gekommen),  es beschleunigt das Herz, beeinflußt das Sexualverhalten und ganz nebenbei auch die Konzentrationsfähigkeit.

All diese Effekte kennt man nicht aus dem Dopaminlabor, sondern aus den Krankenblättern der Psychiatrie und aus den gemeldeten Nebenwirkungen. Ist Ihnen aufgefallen, daß man mit der Frage, was die Ursache des ADH-SYNDROMS sei, stillschweigend akzeptiert hat, daß es sich hierbei um EINE Krankheit und EINE Ursache handeln müsse? Auch das ist fraglich. Zunächst einmal zeigt das Kind ja nichts anderes als Verhaltensauffälligkeiten. Es ist nicht so aufmerksam, wie man es gerne hätte und es ist unruhiger, als man es gerne hätte. Das bin ich zum Beispiel auch dann, wenn ich dringend zur Toilette muß oder meine Gedanken ganz wo anders sind.

Wir finden ADH-Kinder häufig als Kinder nicht intakter Ehen. Oft sind es auch Kinder von — wertneutral — Außenseitern der Gesellschaft, von Anthroposophenfamilien und von Künstlerfamilien wird es behauptet.  Viele kreative und geniale Mitmenschen behaupten von sich, ADH-Kinder gewesen zu sein - sofern sie kreativ sind, sind sie evtl. immer noch ADH-Menschen. ADH könnte auch in einzelnen Fällen die Spätfolge einer minimalen Zerebralparese, also einer schweren Geburt, eines Sauerstoffmangels, einer gestörten Schwangerschaft sein. Viele Kinder  mit ADH-Symptomen weisen andere, körperliche, Störungen auf. Daß der Junge Yannick, den Sie als Beispiel nennen kein Talent zum Fußballspielen hat, ist keine Ausnahme. Fußball, Sport allgemein, verlangt nach einer guten Körperbeherrschung, die ADH-Kindern oft fehlt.

Übrigens ist auch das ein Ansatz zur Behandlung! Zahlreiche hypermobile, aufmerksamkeitsdefizitäre Kinder lassen sich "ganz nebenbei" therapieren, wenn sie einer Krankengymnastik zugeführt werden und sie die Feinmotorik und Koordination dadurch neu lernen.

Ein weiterer Ansatz ist die Sensibilität und das Sozialverhalten. Kinder mit ADH-Symptomen haben mehr Verständnis als "normale" Kinder. Insbesondere im Umgang mit anderen defizitären oder behinderten Kindern (wie auch Erwachsenen) zeigen sie sich ausgesprochen einfühlsam und kompetent.

All diese kreativen Therapieansätze verbaut man sich zu einem Gutteil, wenn man die Keule Ritalin einsetzt. Schon die Aussage, "ich" oder "mein Kind" zeigt ein "Syndrom" und "muß" Ritalin nehmen, um überhaupt "funktionieren" und "normal leben" zu können, hat einen normativen Charakter.

Wenn auf die Symptome und auf die möglichen Ursachen des ADHS eingegangen und die Frage nach der Hilfe gestellt wird, kommt unvermittelt und abrupt das Schlagwort Ritalin. Die Methode, die gerade mal in 10 % aller Behandlungen angewandt wird, wird als einzige vorgestellt. Die 90 % Psychotherapie, Krankengymnastik, Ergotherapie, Sozialarbeit, die Arbeit, die von Lehrern, Eltern, Physiotherapeuten, Psychotherapeuten, Pfarrern, Hausärzten und Mitschülern geleistet wird unterschlagen.

Es ist nicht immer so, daß die Mehrheit recht hat. Aus langjähriger Praxis im Umgang sowohl mit Drogenabhängigen als auch ADH-Geschädigten kann ich aber sagen, daß es in diesem Fall sinnvoller ist, in jedem Fall und so weit es geht, den nicht-medikamentösen Weg zu gehen.

Mit freundlichen Grüßen aus dem sonnigen Schwarzwald,
Ihr
Karlheinz Bayer

Dr.med.Karlheinz Bayer
Allgemeinarzt - Leitender Notarzt im Ortenaukreis, Chirotherapie,
Manuelle Medizin am Kind

 

DER APFEL FÄLLT NICHT WEIT VOM STAMM
Ein kleines ADS-Osterrätsel

von ulli

Frau Meier unterhält sich auf ihrem Damenstammtisch mit ihrer Freundin. Sie sagt: "Mein Sohn Fabian ist genauso ein Unruhegeist und liebenswerter Chaot wie ich. Und für ihn habe ich seit gestern die Diagnose ADHS. Leider ist eins damit ganz klar: Er hat es von mir geerbt!"

Die Freundin, Frau Huber, entgegnet hierauf: "Unser Sohnemann, der Peter, hat auch die Diagnose ADHS. Ich bin aber davon überzeugt, dass er aufgrund der Hektik in unserer Familie so geworden ist. Unser Hausbau, der Tod meiner Eltern, seine Krankenhausaufenthalte in seiner Kindheit: Das hat ihn so gemacht, wie er ist."

Sie sehen also, Frau Meier plädiert für Vererbung, Frau Huber für den Umwelteinfluss bei ADHS.
Und nun unsere Preisfrage:
Wer hat Recht, Frau Meier oder Frau Huber?
Die Lösung finden Sie
hier

Grüße, ulli.
31.3.2002

 

Liebe Gäste,
das Stichwort Neuroplastizität, das für die erstaunliche Anpassungsfähigkeit und viel geringere programmatische Festlegung unseres Gehirns steht und das Sie im Zusammenhang mit unserer Diskussion der Thesen von Prof. Hüther bereits kennengelernt haben, wird hier noch einmal detaillierter von Dr. Karlheinz Bayer allgemeinverständlich und hochinteressant dargestellt. Ich finde es fast atemberaubend, welch spannende Erkenntnisse und neue Blickwinkel sich aus der modernen Hirnforschung auch für die therapeutischen Möglichkeiten und das Verständnis von Phänomen wie "ADHS" ergeben.

Dr. med. Karlheinz Bayer
Stichwort: Neuroplastizität
Exkurs in die Theorie- und Therapieansätze der Neuroplastizität.

Unter der Neuroplastizität versteht man die Umwidmung von nervalen Strukturen, die sowohl zentral wie peripher erfolgen kann. Umwidmung heißt, ab einem gewissen Zeitpunkt (z.B. nach einer Hirnschädigung, aber auch nach einem Lernprozeß) übernehmen andere Hirnbereiche als zuvor die Überwachung und Ausführung von Tätigkeiten und Tätigkeitsmustern.

Im Säuglingsalter ist die Neuroplastizität des reifenden Gehirns oft interpretiert worden als individuelles Nachvollziehen der Evolution des Gehirns, womit zum Ausdruck kommen soll, daß ältere (tiefere) Hirnzentren vor dem Cortex in Erscheinung treten.

Ein ganz anderer Mechanismus scheint bei der Defektheilung stattzufinden, der dem der Umerziehung von Linkshändern ähnelt, aber nicht mit ihm identisch ist.

Das ontogenetisch beste Beispiel einer Neuroplastizität ist die Abkehr von den Primitivreflexen und der Übergang zu spontanen Bewegungsmustern. Hier heißt Neuroplastizität, daß die Pyramidenbahn sich den Weg durch alle älteren Hirnstrukturen sucht.

Viele therapeutischen Methoden zur Überwindung einer Spastik, zu denen die kreuzweise ausgelegten PNF-Muster ebenso zählen wie isometrische Übungen und der Versuch, die Spastik durch postisometrische Relaxation anzugehen, bedienen sich neuronal der Tatsache, daß es eine Neuroplastizität gibt.

Die ontogenetisch festgelegte Neuroplastizität scheint mit etwa dem 7.Lebensjahr abgeschlossen oder zumindest stark eingeschränkt zu sein.

Schwerste Verkehrsunfälle mit Hirnschäden heilen demzufolge in jüngerem Kindesalter deutlich besser und oft ad integrum ab als nach dem 7. Lebensjahr.

Es scheint jedoch auch im Erwachsenenalter noch genügend neuroplastisches Potential zu geben, wie zahlreiche Beispiele nahelegen, auf die eingegangen werden soll.

Der Homunculus
Der Homunculus findet sich in nahezu allen Hirnarealen. Der korrekte Terminus für dieses Phänomen ist die Neuro-Topik. Die Abbildung der sensorischen und motorischen Felder auf dem Gyrus präcentralis und postcentralis stellt eine Zuordnung dar, die es so zwar gibt, die aber keineswegs starr ist. Neurotopische Projektionen finden sich jedoch nicht allein auf dem gyrus prä- und postcentralis, sondern nahezu identisch in der Cerebellarrinde oder im Muster der Thalamusbahnen, kurz in allen bislang hierzu erforschten Hirnabschnitten.

Heute weiß man, daß die Neurotopik nicht statisch ist. Magnetresonanzuntersuchungen und EEGs lassen sich dank der Computertechnik am arbeitenden Gehirn anfertigen und erlauben deshalb Aussagen über die Hirnaktivität am Lebenden und unter Beanspruchung. Aus diesen Untersuchungen weiß man, daß die Feldzuordnungen variieren und sehr viel stärker mit der Inanspruchnahme des Hirns beim Lernen korrelieren als mit einer festen anatomischen Zuordnung von Geburt an.

Die neurotopischen Veränderungen während eines Lernvorgangs scheinen ein Beleg für eine Form der Neuroplastizität zu sein.

Die Homunculus-Hirnareale können auch gelöscht werden oder sie können aus den Fugen geraten. Bei Amputierten konnte nachgewiesen werden, daß die Hirn-Felder, die die Amputation betreffen nach dem Verlust des Glieds kleiner werden, daß sie aber beim Auftreten von Phantomschmerzen dem Schmerz proportional wieder anwachsen. Offensichtlich gibt es demnach neben der anatomischen Neurotopik auch eine Schmerz-Neurotopik, die unabhängig vom existierenden oder amputierten Organ Bestand hat.

Möglich, aber nicht sicher ist, daß sich diese Art der Neurotopik auf den sogenannten akzessorischen oder assoziierten Nebenfeldern der Hirnrinde abspielt.

Komplexe Tätigkeitsmuster bedienen sich ohnehin vieler und wechselnder Nebenfelder vor und hinter dem gyrus präcentralis. Auch die oft postulierte (und sicher im Prinzip zutreffende) Seitigkeit der Hirnfunktionen scheint sich wegen der polytopen Hirnaktivitätsverteilung zu relativieren. Es gibt keine linksseitige Lokalisation fer Areale für das Sprachzentrum, sondern allenfalls eine Linksseitengewichtung aller beteiligten Areale.

Vernetzungs-, Bahnungs- und Lerntheorien
Komplexe Koordinationsmuster, wie sie gebraucht werden für Bewegungen, Sprache und Lernprozesse, beanspruchen viele weitere Hirnareale, die man Assoziationsfelder, sekundäre und tertiäre Zentren nennt. Nachdem die Bewegungen und Lerninhalte jedoch eingeschliffen sind, verschwinden diese Aktivierungsfelder wieder. Gedächtnis scheint das Produkt einer neuronalen Vernetzung zu sein, Bahnung scheint ein Vorgang zu sein, der zu Automatismen im Bewegungsablauf führt.

Ein ganz anderer Aspekt der Neuroplastizität als der der Projektionsfelder, stellt deshalb die Ausbildung der Leitungsbahnen dar. Uninteressant waren diese Hirnbahnen noch nie. Allerdings maß man ihnen eher die Bedeutung von Kanälen und Straßen zu, die die eigentlich wichtigen Hirnzentren miteinander verbinden.

Im Grunde genommen zeigt der Begriff "pyramidal" und "extrapyramidal" schon an, daß sich hier ein Gewichtungswandel vollzieht. Allein schon die Vervierfachung des Hirngewichts von 300 Gramm auf 1200 Gramm beim Erwachsenen geht zu nahezu 100 % auf das Konto der Ausbildung von Bahnen. Krankheitsbilder wie der M.Alzheimer oder die Multiple Sklerose sind keine Nervenzelluntergangsbilder, sondern Krankheiten, die mit der Entmarkung von Bahnen einhergehen.

Die neuronalen Lerntheorien gehen davon aus, daß Gelerntes seinen Niederschlag findet in der Zusammenschaltung und Neuanlegung von Bahnen, ja, daß geradezu Netzwerke aus Bahnen gebildet werden, die ebenso im Fall des Verlernens auch wieder abgebaut werden. Diese Vernetzungstheorien lassen sich belegen mit Phänomenen wie dem der Händigkeit oder dem des Phantomschmerzes.

Das Schmerzgedächtnis
Schmerzgedächtnis ist nicht nur die Erinnerung des bewußten Teils des Großhirns an den individuell gesehen historischen Schmerz. Es gibt daneben das Fortbestehen einer Schmerzempfindung über die Einflußzeit der Schmerzursache hinaus, die unterhalb der Cortex im Thalamus angesiedelt zu sein scheint. Diese prägt das Schmerzgedächtnis.

Das Gedächtnis an einen Schmerz ist in etlichen Etagen gespeichert.
Stark unterschätzt ist der Anteil des 1.Neurons an diesem Schmerzgedächtnis, das segmentale Schmerzgedächtnis. Wenn man Amputationen unter lokaler Anästhesie (im Segment) durchführt, ist das Auftreten von Phantomschmerzen signifikant niedriger als nach Vollnarkose (Ausschaltung der Großhirnrinde) und nochmals deutlich niedriger als bei einer Neurolept-Narkose mit Opiaten (Stillegung des limbischen Systems und des Hypothalamus). Dies mag ein Hinweis darauf sein, daß sich der Schmerz im Rückgrat abspielt und daß die Schmerzwahrnehmung im Thalamus oder im Großhirn lediglich einer Übersetzung oder einer Abschrift ähnlichzusetzen sind. Konsequent weitergedacht würde das u.a bedeuten, daß das Modell der Schmerztherapeuten, deren Therapie in der Gabe von Opiaten als potentester Waffe gipfelt, grundsätzlich falsch ist und daß segmentale Techniken richtiger, ursächlicher wären.

Ein bemerkenswerter Sonderaspekt des Schmerzgedächtnisses ist der übertragene Schmerz (referred pain), der interpretiert werden kann als Schmerzgedächtnis im Rückenmarkssegment. Auf dem referred pain basiert die Existenz von Triggerpunkten, die lokal entfernt vom Schmerzgebiet zur Diagnostik und Therapie herangezogen werden können.

Überschätzt wird hingegen wahrscheinlich der neo-corticale und psychische Anteil des Schmerzgedächtnisses. Nicht daß dieser Mechanismus falsch oder unbedeutend wäre, schließlich prägt er nachhaltig unsere Medizin und Gesellschaft. Zweifelsohne lassen sich über intellektuelle, psychologische und kulturelle Ansätze auch sehr wirksame Therapien aufbauen, die dem Schmerzlernmodell entgegentreten als Schmerzverlerntherapie.

Beide Formen, das segmentale und das neo-corticale Schmerzgedächtnis lassen sich therapeutisch nutzen.

Es soll deshalb nicht alternativ diskutiert werden, ob die segmentale Schmerzausschaltung (TENS, Kältetherapie, Lokalanästhesie) und die zentrale Schmerzausschaltung (Opioide, Antirheumatika) der richtige Weg sind, oder ob es nicht besser ist, die Wahrnehmung umzulenken. Es wird aber mit Sicherheit noch Einiges an Erkenntnissen über die neuronbalen Verknüpfungen, die diesen Prozessen zugrundeliegen, gefunden werden.

Hierbei kann auch die Tatsache helfen, daß es unterschiedliche sensible Rezeptoren gibt. Zumindest das segmentale Schmerzgedächtnis hängt stark mit der Existenz der unterschiedlichen Schmerz- und Tastqualitäten zusammen. Daß die Tastorgane iihre Meldungen primär an ihr Segment weitergeben, ist jedoch kein Beleg für die Wichtigkeit des segmentbezogenen Charakters des Schmerzes. Wiederum ist es so, daß extrapyramidal und pyramidal eine Art Sekundärnutzung stattfindet, wiederum also ein Beleg für die Wichtigkeit der Vernetzung.

Die Tastqualitäten
Mindestens vier Tastqualitäten lassen sich unterscheiden.

  • das Druckempfinden
  • das Vibrationsempfinden
  • das Wärmeempfinden
  • die Schmerzempfindung

Aus diesen ergeben sich zahlreiche Kombinationen, die sowohl auf der Rückenmarksebene verarbeitet werden (Fluchtreaktionen), als auch im Cortex (sensible Wahrnehmung) und im Cerebellum (Propriozeption = Körperselbstgefühl).

Im Therapieansatz benutzt die manuelle Medizin Techniken, die Schmerz durch Dehnung mindert, ebenso wie die Wärme- und Kältetherapie alternative Sensationen zur Schmerzminderung nutzen.

In der postapoplektischen Rehabilitation werden Restfunktionen jeder Art genutzt, um die verlorengegangenen Funktionen wieder zu bahnen. Hier befindet sich eine weitere Ausdrucksform der Neuroplastizität.

Die verschiedenen Qualitäten des Tastsinns lassen sich in der Bautechnik mit Telefonleitungen, Wasserleitungen und Stromleitungen vergleichen. Eine medizinische Katastrophe wie es ein Apoplex ist, wäre mit einer bautechnischen Katastrophe wie einem Hauseinsturz vergleichbar. Bei einem solchen Gebäudeeinsturz wird man zunächst auch prüfen, welche Leitungen noch funktionieren und darauf dann das weitere Vorgehen abstimmen. Ähnlich wie in der Bautechnik lassen sich über erhaltene Reststrukturen Flickarbeiten und Rekonstruktionen herstellen.

Das Teleskop-Phänomen und der Stumpfschmerz
Nach Gliedmassenamputationen treten Phantomschmerzen und Phantomempfindungen auf und man beobachtet, daß diese Wahrnehmungen sich in neuronalen Aktivitäten im Homunculus niederschlagen.

Offensichtlich ist nicht das Glied selbst, sondern seine neuronale Darstellung im Cortex verankert.

Das Teleskopphänomen besagt, daß Körperteile ohne große Hirnrepräsentanz (z.B.der Unterschenkel) im Phantomschmerz untervertreten sind und dominante Körperteile (z.B. die Großzeh) übervertreten. Daraus ergibt sich das Gefühl, daß der amputierte Fuß am Knie angewachsen sei.

Schmerzen, die den Phantomschmerzen bei Amputationen ähnlich sind, finden sich auch nach HWS-Schleudertraumen und nach Bandscheibenoperationen, selbst nach Appendektomien gibt es sie.

Therapeutisch ist der Weg des Beweises, daß es keine Schmerzen mehr geben dürfte durchaus gangbar, soweit dieser Weg nicht auf dem Ausreden, sondern auf dem Vorführen der nicht mehr vorhandenen Schmerzen beruht. Beweisen heißt z.B. im Fall des Schleudertraumas, daß sich durch endgradige Rotation, Seitneigung, Flexion und Extension ein neues Schmerzgedächtnis aufbauen läßt. Durch diese Bewegungsmanöver wird auf denselben Etagen, die wir schon als Schmerzwahrnehmungsetagen kennengelernt haben, die Schmerzumgebung, oder wie wir es auch nennen mögen, neu aufgebaut. Cortical ist es tatsächlich der "Beweis", daß eine Bewegung jetzt straffrei möglich ist. Im Thalamus werden kleine Schmerzen, wie etwa der Kapseldehnschmerz bei endgradigen Bewegungen als neue Schmerzerfahrung hinterlegt und können, da sie die einzigen Schmerzafferenzen aktuell darstellen, das Schmerzgedächtnis abdrängen. Auf der segmentalen Ebene schließlich signalisieren die Muskelspindeln, daß die Norm für den im Schmerzgedächtnis gespeicherten Bewegungsdefekt wieder hergestellt wurde.

In funktioneller Hinsicht ist diese mehretagige Umprogrammierung des Schmerzgedächtnisses auch eine Form der Neuroplastizität. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden die neu erlernten Schmerzinhalte über den weg von Verknüpfungen und Bahnungen zum neuen Schmerzgedächtnis.

Das Neglect-Syndrom im Rahmen des Postapoplexie-Syndroms
Unter dem Neglect versteht man das Gegenstück zum Phantomschmerz. Neglect bedeutet, daß vorhandene, aber gelähmte Körperteile nicht als zum Körper gehörig empfunden werden. Therapeutisch bedeutet die Überwindung des Neglects sehr oft eine Wende in der Rehabilitation. Erstaunlich ist, daß ein Neglect mit simplen Hilfsmitteln und Beweisen, wie Spiegeln oder Fingerabdrücken oder Photos angehbar sind. Hier scheinen sich zentral über eine bewußte Hinwendung neue Bahnen zu bilden, die in der Lage sind, Funktionen wieder herzustellen.

Auch hier ist der Spiegel nicht nur ein Mittel, um die Hirnrinde zu überzeugen. Vielmehr spielt sich ein komplexer Vorgang des Neulernens ab, in den das Sehzentrum oder Tastzentrum ebenso eingebaut sind wie motorische Aktionen, etwa beim Versuch des Wiedergebrauchs der tot geglaubten oder verleugneten Körperteile. Offensichtlich spielt bei der Bewältigung eines Neglects auch der Thalamus eine bedeutende Rolle, denn sehr oft ist eine sehr frühe Wahrnehmung des gelähmten Körperteils eine, wie auch immer geartete, Schmerzanmutung.

Die Frage der Händigkeit
Die Tatsache, daß 90% der Menschen Rechtshänder sind, läßt Rückschlüsse zu auf eine Aufgabenteilung der Arbeit beider Hirnhälften.

Jetzt gibt es die statistische Tatsache, daß der Anteil der Linkshänder in der Bevölkerung mit zunehmendem Lebensalter abnimmt. Ob daß ein Ausdruck für ein biologisches Defizit ist oder einen biosoziologischen Nachteil darstellt ist ungeklärt.

Linkshänder sind statistisch schlechtere Schüler und häufiger unter Sucht- und Milieugeschädigten zu finden.

Linkshänder scheinen dafür in einem postapoplektischen Zustand eine bessere Rehabilitationschance zu haben. Auch besonders erfolgreiche Menschen sind überproportional Linkshänder.

Eine echte Händigkeit oder gar ein Händigkeits-Gen, dessen Existenz gelegentlich gefordert wird, scheinen nicht zu existieren, wohl aber ein right- oder left-shift, den man therapeutisch nutzen kann um Aktionsmuster zu therapeutischen Zwecken auf die Gegenseite auszulagern, was wegweisend sein kann sowohl für die höhere Zahl von Defiziten als auch für die höhere Zahl von Reparatur-Rehabilitations-Ereignissen unter Linkshändern.

Womöglich ist der left-shift die Erklärung für die statistisch höhere Sterblichkeit der Linkshänder in höheren Lebensaltern und ein Ausdruck dafür, daß bei diesen Menschen früh neuroplastische Reparaturen stattgefunden haben, die sie zu Linkshändern machten.

Shift heißt, daß die Aufgabenverteilung nicht in Form einer Gauß-Kurve zu gleichen Teilen nach rechts und nach links verteilt sind, sondern bei Rechtshändern mehrheitlich nach rechts und bei Linkshändern nach links verschoben.

Interessant im Zusammenhang mit der Händigkeit ist auch, daß bestimmte Tätigkeiten von einer Hand gelernt werden und dann auch von der anderen Hand früher und mit weniger Lernaufwand beherrscht werden, aber nicht alle. Das beidhändige Lernen kennen die Manualtherapeuten selbst ja sehr gut, wenn sie Therapien rechter und linker Blockaden durchführen. Sie müssen diese Blockaden beidhändig zu lösen in der Lage sein, die griffe lassen sich spiegelbildlich von einer Seite auf die andere übertragen, und trotzdem lernen wir in den wenigsten Fällen die Griffe zuerst von links und dann neu von rechts, oder umgekehrt. Das Gehirn bahnt vielmehr nach dem für eine Seite Gelernten mit höherer Lerngeschwindigkeit die andere Seite.

Die Tatsache, daß Linkshänder sich im Fall eines Apoplexes signifikant besser rehabilitieren lassen, hängt wahrscheinlich mit der lebenslang trainierten Fähigkeit zusammen, Rechtshändertätigkeiten links umsetzen zu müssen. Dieser Übersetzungsvorgang ist eventuell ein Vorgang, den man als eine neuroplastisch höhere Intelligenz des Linkshänders in einer Rechtshänderwelt erachten kann.

Umtrainieren auf die linke Hand ist bei zahlreichen neurologischen Krankheitsbildern deshalb ein durchaus probierenswerter Versuch, auch und gerade in den Fällen, wo das Umtrainieren garnicht zwingend nötig wäre und einfach nur dem Lernen der Lernfunktionen dient.

Die Enzephalomyelitis disseminata und die Contergan-Geschädigten
Die Multiple Sklerose ist ein Beispiel für den erworbenen und fortschreitenden Verlust an Funktionen, die neuronal gebunden sind, und die MS kann ein Paradebeispiel sein, wie mittels der Neuroplastizität ein Gutteil der Ausfälle kompensiert werden können. Dies geschieht durch ein gezieltes Arbeiten gegen die Spastik, unter Verwendung aller verbleibenden Körperfunktionen mit Hilfe der Techniken von PNF bis PIR. Neuroplastizität kann das Fortschreiten der Krankheit mehr bremsen als die Gabe von Medikamenten (Spasmolytika) oder die Verordnung von Stöcken und Krücken und Gehböcken oder Rollstühlen, die zu allem Überfluß die verbliebenen Restfunktionen lahmlegen.

Typisch für die MS ist ja gerade das partielle Verschwinden von Funktionen und es ist nie so, daß eine Region, ein Arm oder ein Bein nach einem Schub komplett ausfallen. Meist finden sich lokal begrenzte Muskelreaktionen oder umschriebene Ausfälle einiger, aber nicht aller Tastqualitäten. Hier hat es sich bewährt, dem Patienten die Fähigkeit zu vermitteln, die Grenzen zu den gesunden Arealen selbst zu ertasten. Je sorgfältiger ihm diese Grenzziehung gelingt, desto beherrschbarer wir der geschädigte, ausgefallene Teil. Beherrschbar heißt, der Patient lernt rasch, die noch verbliebenen Funktionen wahrzunehmen und soweit zu ntrainieren, daß sogar die erloschenen oder gereizten Funktionen wieder zunehmen. Je genauer er eine Spastik oder einen Krampf lokalisieren kann, desto besser kann er über die Synergisten und Antagonisten arbeiten.

Therapeutische echte Alternativen gibt es zu diesem Vorgehen nicht!

Es ist hypothetisch, aber es ist plausibel, daß die MS eine schubartig verlaufende, herdförmige Überreizung des zentralen Nervensystems ist, in deren Gefolge Mikro-Neglecte auftreten. Dafür spricht die häufig beobachtete Remission nach Schüben und das rasche Fortschreiten, wenn die Therapie nicht sofort einsetzt.

Die Contergan-Dysmelien sind (ebenso wie spina-bifida oder Amelie) Beispiele für Kompensationen bei von Geburt an unvollständigen oder ausgefallenen Funktionen. Interessant ist bei diesen Patienten nicht nur die offenbar umgestellte Neuroplastizität, sondern auch die Auslagerung von Funktionen, beispielsweise von der Hand auf den Mund oder die Füße.

Daß Neuroplastizität und Umwidmungen nichts (oder wenig) mit der Intelligenz zu tun haben, zeigt die Intelligenzverteilung der MS-Kranken und der Contergangeschädigten, die sich nicht unterscheidet von Normalpatienten. Allerdings entwickeln sich Sparten der Intelligenz wie etwa die Kreativität oder das Organisationstalent und die soziale Kompetenz bei den MS- und Contergan-Patienten zwangsläufig überproportional.

Es sollte in diesem kurzen Abriß angedeutet werden, daß über alle Phänomene, die hier aufgezählt wurden und sicherlich über noch wesentlich mehr Phänomene, die nicht aufgezählt wurden, sich die Neuroplastizität therapeutisch nutzen läßt. Es sind nicht nur Kuriositäten und Randgebiete, sondern Prototypen von Krankheiten und Therapieansätzen. Auf dem Gebiet der Neuroplastizität wird sich mit Sicherheit in nächster Zeit auch eine lawinenartige Entwicklung abspielen.
1.4.2002

 

Medikamente oder Psychotherapie?

Immer mehr stellt sich mit Hilfe der modernen bildgebenden Verfahren der Hirnforschung heraus, dass Psychotherapie ähnliche oder identische Wirkungen haben kann wie pharmazeutische Medikamente, ja sogar allein die Erwartung einer Wirkung bei Placebos kann dieselbe, hirnfunktionall nachweisbare Wirkung hervorrufen wie ein Medikament. Im Zusammenhang mit der "Ritalin-Diskussion" bei ADHS ist das deshalb so interessant, weil es erwarten lässt, dass auch hier Psychotherapie, wenn sie vorhanden ist und angenommen wird, das Medikament überflüssig machen kann. Mal sehen, wann das jemand für ADHS nachweist.

Nach einer bekannt gewordenen Studie von Baxter, Schwartz und Mitarbeitern aus dem Jahre 1996 zur Veränderung des Gehirnmetabolismus bei Zwangserkrankungen nach sowohl Pharmako- als auch Psychotherapie liegt nun nämlich eine ähnliche Untersuchung für depressive Störungen vor. Die erweiterte Arbeitsgruppe hat sich diesem Thema zugewandt und 24 Patienten mit unipolaren "major depressive disorder (MDD)" und 16 Kontrollpersonen verglichen. Die Messung der Gehirndurchblutung erfolgte mittels Positron-Emissionstomographie mit Fluorodeoxyglucose, die Werte wurden vor und nach der Behandlung mit einem Antidepressivum oder Psychotherapie erhoben:

Depressive zeigen in der PFT-Untersuchung einen höheren Metabolismus im präfrontalen Kortex, Thalamus und Caudatus, und niedrigeren Metabolismus im Bereich des Temporallappens.

Sowohl mit medikamentöser als auch psychotherapeutischer Behandlung normalisierten sich diese metabolischen Veränderungen.

Die interessanten Bilder geben eindrucksvollen Beleg davon, daß Psychotherapie letztlich sozusagen ein ebenfalls "biologisches" Verfahren ist, da sie zu entsprechenden neurobiologischen Veränderungen im Gehirn führt.

Quelle: A.L. Brody et al.: Regional Brain Metabolic Changcs in Patients With Major Depression Treated With Either Paroxetinc or Interpersonal Therapy. Aus: Arch. Gen. Psychiatry, 2001, 58: 631—640.

Grüße, Preiser
2.4.2002

 

"Non scholae, sed vitae?"
Hallo,
ich bin ja stiller Gast auf dieser Seite und finde viele Anregungen für den Umgang mit meinem Kind, obwohl ich auf der "anderen Seite" der ADS-Kriege stehe.

Wir hatten vor kurzem Elternabend, dort wurden zum ersten Mal für alle Klassen gleichzeitig allgemeine Probleme besprochen.

Vor allem hatten die Lehrer so einiges zu sagen, da momentan die Situation in den Schulen allgemein nicht mehr tragbar ist.

Es scheint nicht mehr normal zu sein, dass ein Kind seine Hausaufgaben immer hat, seine Materialen, Heft und Bücher in Ordnung hält. (Antwort unserer Klassenlehrerin, auf meine Frage, warum dies extra im Zeugnis steht, dass meine Tochter imm HA hat, alle Materialien und alle Hefte ok)

Desweiteren ist es nicht mehr selbstverständlich, dass Kinder morgens ordentlich zur Schule kommen (Farbwahl der Kleidung mal ausgenommen), gewaschen sind und zumindest eine Kleinigkeit  zum Frühstück genommen haben und etwas für das Schulfrühstück dabei haben.

Viele Kinder sind sehr unhöflich und wissen nicht mehr, was es heißt mal für andere zurück zu stecken und zu helfen.

Es wird ebenfalls festgestellt, dass Kinder nicht mehr in der Lage sind, sich ausreichend zu konzentrieren und solch einfachen Aufgaben wie "Abschrift von der Tafel " zu absolvieren.

Anlässlich eines Diktates machte eine Lehrkraft einen Versuch:

"Wie oft müssen einige Kinder das Diktat verbessern, damit die Verbesserung ohne Fehler ist?"

Versuchsverlauf:

1. Verbesserung: 21 von 28 Schülern müssen nochmal verbessern, da mehr als 5 Fehler in der Verbesserung
2. Verbesserung 17 von 21 Schülern müssen noch mal verbessern
3. Verbesserung: 9 von 17
4. Verbesserung: 4 von 9

Wo waren da die Eltern? Wieso werden die Hausaufgaben nicht kontrolliert?

Da fehlt es doch offentsichtlich an Erziehungskompetenz und willen.

Meine Tochter hat mir erzählt, dass es in ihrer Klasse 5 Schüler gibt, die fast nie Hausaufgaben haben, keine Strafarbeiten erledigen und sich an keine Regel  halten. Deren Eltern halten es aber nicht notwendig, sich  um die Kinder zu kümmern. (Obwohl die Schule dies schriftlich anmahnt)

Andere Eltern fahren die "Weichspühlmasche" und empfinden die Leistungsanforderungen als zu hoch und sind der Ansicht, dass die Seelen der Kinder in der Grundschule noch zu sensibel sind, um Leistung zu erbringen.

Dies sind übrigens die Zustände in einer Grundschule und es sind hauptsächlich die " gewöhnlichen " Kinder, bei denen diese Probleme  auftreten.

Ich habe die Lehrerin gefragt, wie sie meine Tochter einschätzt:

" Sie ist anstrengend, hat viele Fragen, einen hohen Bewegungsbedarf .
Aber sie hat immer die Hausaufgaben, man merkt, dass sich um das Kind gekümmert wird und auf die schulischen Belange geachtet wird.

Die Konzentration ist meist sehr gut, sie kann nur nicht so gut mit anderen Kindern, die ihr feindlich gestimmt sind um gehen und geht dagegen körperlich vor. ( Meines Erachtens die einzige Sprache, die diese Knaben verstehen, denn die überhören ein "Lass das").

Die Verhaltenstherapie macht sich sehr gut bemerkbar."

Seit kurzem hat unsere Tochter übrigens die 2. Dosis Ritalin in der Schule einfach unterschlagen. Der Lehrerin ist dies im Unterricht nicht aufgefallen, nur sei meine Tochter streitlustiger und schneller dabei auf unfreundliche Ansprache Ohrfeigen zu verteilen.

Ich glaube nicht, dass die Eltern der "ADS-Kinder" erziehungsunkompetent sind, ich kenne einige, die diesen Stempel haben und deren Kinder besser in der Schule sind und besser erzogen als andere "problemlose Kinder". Diese Kinder sind, egal aus welchem Grund anstrengender und fordern die Eltern heraus.

Dabei gibt es mehrere Sorten von Eltern:

Diejenigen, die gar nichts tun.
Diejenigen, die mangels Information/Angeboten nur Medikamente geben
Diejenigen, die auf obskure Mittel hereinfallen
Diejenigen, die neben den Medikamenten auch oder vielmehr hauptsächlich auf begleitende Therapien setzen. Dabei ist es zunächst einmal uninteressant, auf welcher Basis. Wenn es zum Erfolg führt, dann hat die Therapie seine Berechtigung. Unser Therapeut besteht auf regelmäßigen Elterngesprächen. Er fand es übrigens gut, dass ich meinen Mann, der sehr problematisch ist, endlich in eine Therpie gebracht habe ( es hat 4 Jahre gedauert).

Erziehung ebnet den Weg eines Kindes in das Leben. Die Eltern müssen alles mitgeben, was wichtig ist.

Dazu gehören auch Verbote, Regeln und Strafen.

Kinder brauchen aber auch Liebe, Warmherzigkeit und das Gefühl des "Angenommen seins".

Viele Eltern, es sind meist nicht die der "ADS-Kinder" nehmen Erziehung so nebenbei wahr.

Kinder sind aber keine Gegenstände, sondern lebendig Wesen.

Die Eltern von "schwierigen Kindern", den Kindern, die praktisch schon mit der Geburt ihren eigenen klaren Willen haben, müsste mehr geholfen werden.

Ich hätte mir gewünscht, hätte man meine Sorgen ernst genommen und wäre wirkliche Hilfe gekommen. Aber was musste ich hören:

"Das wächst sich raus", "Ach lass der Kleinen doch Zeit", "Du warst genau so"

Leider urteilen auch Ärzte oft so.

Es wäre allerdings auch zu begrüßen, wenn es mehr Möglichkeiten von Elternschulungen gäbe. So etwas könnte man schon in Sozialkunde lernen. Denn vieles von dem Lehrstoff wird auch in Geschichte behandelt, aber Sozialkunde sollte doch auch solche Fähigkeiten vermitteln: Was sind Erziehungsziele, wie lernt ein Kind diese, wie setze ich die Ziele durch? Ich habe vieles aus den guten Erfahrungen meiner Kindheit übernommen, obwohl mein Kind bei einigen (immer weniger) als schwierig gilt, ist sie nett, hilfsbereit und einfühlsam. Sie gibt viel Liebe weiter und das kann ein Kind nur, wenn es Liebe erfährt.

Es sollten sich einige Eltern zu Herzen nehmen, dass Kinder nicht von Geschenken glücklich werden, sondern von der Zeit und den Gefühlen der Eltern. Ein Nachmittag im Garten ist da mehr Wert als ein neues Spielzeug.

Mit der Erziehung gebe ich meine Lebenseinstellung weiter. Ich persönlich verzichte lieber auf einen großen Urlaub und ein schickes Auto, denn davon hat ein Kind nichts.

Ein Kind braucht Halt und eine klare Linie. Es braucht die Eltern und zwar in der realen Zeit nicht nur kurz am Abend.

Viele Eltern sind sehr überfordert.
Die engagierten Eltern sind oft die mit den "schwierigen Kindern". Vielleicht werden diese auch wegen des großen Engagements eher angegriffen als die der desinteressierten.

Ich finde im übrigen den "Streit um ADS" sehr traurig. Es wird von beiden Seiten nur schwarz-weiß gesehen. Dabei geht es um die Kinder.

Wir gaben (geben?) Ritalin. Momentan will unser Kind dies nicht, weil es das selbst schaffen will. Das ist gut so. Der Kinderpsychologe hilft uns und wir tun alles, was wir können.

Dank der Hilfe meiner KG, die mich mit Akupunktur fit bekommen hat, kann ich nun mehr unternehmen mit dem Kind. Das tut ihm gut.

Ich fände es besser, wenn es weniger Streit gäbe, sondern man gemeinsam zu konstruktiven Ergebnissen käme.

Denn auf beiden Seiten gibt es Denkanstöße, die man in seine Handlungen einbeziehen sollte.

Doris Schmitt
3.4.2002

 

Stichwort: Psychomotorik

Psychomotorische Übungsbehandlungen und -therapien für Kinder gibt es ja bereits seit Langem als sehr bewährte Hilfe bei sensomotorischen Defiziten und Wahrnehmungsstörungen der verschiedensten Arten. Im Zusammenhang mit dem Thema "ADHS" hat Dr.med. Chr. Kannegießer-Leitner ein empfehlenswertes Büchlein herausgebracht, in dem sie psychomotorische Therapie für "ADHS"-Kinder empfiehlt und über ihre reichhaltigen positiven klinischen Erfahrungen berichtet.

Nach ihrer Auffassung liegen bei "ADHS"-Kindern immer Wahrnehmungsstörungen unterschiedlicher Art zu Grunde, die sie denn auch mit großer Fachkompetenz diagnostizieren kann. Ich finde das nicht nur einleuchtend (mit der später folgenden Einschränkung), sondern auch im Hinblick auf die Frage interessant, bei wievielen der derzeit diagnostizierten Kinder Wahrnehmungsstörungen untersucht bzw. übersehen worden sind. Ich befürchte (und kenne selbst solche Fälle), dass hier nicht selten etwas übersehen wird, weil die Fachkompetenz zur Diagnostik fehlt.

Ich habe in einer Erziehungsberatungsstelle gearbeitet, in der es eine Fachkraft für psychomotorische Tanztherapie für Kinder gab, und habe dort die oft erstaunlichen Erfolge beobachten können. Wenn psychomotorische bzw. Wahrnehmungsstörungen diagnostiziert worden waren (von dem international bekannten Kinderneurologen Prof. Dr. G. Neuhäuser), hatte diese Therapie oft Erfolg, meist ohne "Ritalin" und ganz ohne die Diagnose "ADHS" (die gab´s noch gar nicht, und keiner hätte sie gebraucht. Nicht mal die damals sehr verbreitete Pseudo-Diagnose "MCD" gab es für Prof. Neuhäuser. Er war ja auch einer der ersten renommierten Fachwissenschaftler, die zur Abschaffung des Konstrukts "MCD" aufgefordert haben).

Was ich am Ansatz von Kannegießer-Leitner denn auch nicht nachvollziehen kann ist die Frage, wozu sie das Konzept "ADHS" überhaupt benötigt. Ihre Methoden und ihr Ansatz sind ja, wie gesagt, lange bewährt, bereits bevor jemand das Kürzel "ADS" etc. überhaupt kannte. Die Kenntnis der Wahrnehmungsstörungen ist ja viel älter als "ADHS". Und wenn jedem "ADHS" Wahrnehmungsstörungen zu Grunde liegen, welche zusätzliche Erkenntnis bringt dann ein nosologisch angeblich einheitliches "ADHS"-Konstrukt? Zumal die Autorin nicht sagt, wie sie sich den Zusammenhang zwischen dieser nosologischen Einheit und den Wahrnehmungsstörungen theoretisch vorstellt. Obendrein äußert sie sich insgesamt recht kritisch über das landläufige ADHS-Konzept. Ich finde, hier werden altbewährte und seriöse Erkenntnisse der Psychomotorik ins zeitgeistige ADS-Mäntelchen gehüllt, was nicht sein müsste. Aus meiner Sicht reicht es völlig aus, diagnostizierte Wahrnehmungsstörungen spezifisch zu behandeln (und da gibt es viel Therapieerfahrung). Den "ADHS"-Kropf braucht es dabei überhaupt nicht.

Die Autorin hätte aus meiner Sicht der Dinge sagen können: "ADHS": das sind Wahrnehmungsstörungen. Und wenn keine Wahrnehmungsstörung diagnostiziert werden kann, ist es etwas "Nichtorganisches" (Psychoreaktives). Und das ist es derzeit meistens.

Man könnte sich damit eine Menge unnötige Verängstigung von Eltern und Stigmatisierung von Kindern ersparen und hätte doch die selben Therapieerfolge. Diese Chance verpasst die Autorin leider. Aber der Leser kann diesen kleinen Fehler ja selber ausgleichen, indem er sich auf die sehr gute Darstellung der Wahrnehmungsstörungen konzentriert und den ADHS-Füllstoff einfach links liegen lässt.

Mit Gruß, H.-R. Schmidt
5.4.2002

 

ZEITZEUGEN (6)

Helmut Köckenberger

Jahrgang 1956, Fachlehrer in einer Körperbehindertenschule, Physiotherapeut und Motopädagoge, Lehrteammitglied der Akademie für Motopädagogik und Mototherapie (ak`M). Seit 1984 Arbeit und Spaß mit hyperaktiven und auffälligen Kindern in Diagnostik, psychomotorischer Therapie und Schule. Tätig in der Fortbildung zu den Themen Auffällige Kinder, Psychomotorik und Bewegtes Lernen, Autor mehrerer Fachbücher - u.a. "Hyperaktiv mit Leib und Seele", Dortmund 2001.

Es lohnt sich wirklich, die Psychomotorik und die Motopädie im Kontext mit ADHS zu entdecken und zu betonen. Sie sind echte und bewährte Alternativen zum so einseitig betonten Ritalin-Verhaltenstherapie-Elterntraining-Rezept der Schulmedizin. Helmut Köckenberger ist ein in der Arbeit mit hyperaktiven Kindern seit langem sehr erfahrener Psychomotorik-Therapeut. Seine Bücher sind alle sehr lesenswert. Gerade im Zusammenhang mit der Neuroplastizitäts-Diskussion im Zusammenhang mit ADHS bieten sich gerade auch für die Psychomotorik sehr interessante neue wissenschaftliche Sichtweisen und Forschungsmethoden. Ausserordentlich interessant ist auch seine Kritik an einer Langzeitmedikation mit Ritalin sowie seine Sicht von ADHS

MfG, Herbert B.
6.4.2002

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