ADS: Gibt´s das wirklich?

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   04.07.01 21:02

Hallo, ich schlage vor, über ADS zu diskutieren. ADS, das heißt Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom und stellt derzeit eine zunehmend häufige Diagnose bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei Erwachsenen dar, die angeblich an einer Stoffwechselstörung des Gehirns leiden und unter vielfältigen und sehr unscharf definierten Verhaltensschwierigkeiten (im Vordergrund eine Aufmerksamkeitsstörung mit und ohne "Hyperaktivität") leiden sollen. Meist wird mit Ritalin behandelt, daneben mit Psychotherapie (Verhaltenstherapie). Allerdings existiert keinerlei empirischer Beleg für die Existenz des Syndroms. Das Ganze erinnert sehr an die seinerzeitige MCD-Welle, bei der man tausenden von Kindern und Jugendlichen einen leichten frühkindlichen Hirnschaden diagnostizierte, bis 1987 Schmidt&Esser, Mannheim, und Neuhäuser, Göttingen, aufzeigten, dass das Syndrom MCD nicht nachzuweisen sei und mehr Schaden als Nutzen anrichtete.Ich glaube, dass derzeit wieder sehr viele verunsicherte Eltern und betroffene Kinder mit Falschdiagnosen "ADS" und medikamentöser Ruhigstellung sekundär traumatisiert werden.
Was meinen Sie? Haben Sie hierzu Erfahrungen?
Mit Gruß, Hans-Reinhard Schmidt

Autor: M. Winkler 
Datum:   15.07.01 18:37

Sehr geehrter Herr Schmidt !

Mit einigem Interesse habe ich ihr Engagement u.a. im Forum von
ads-hyperaktivitaet fuer eine ADHS-kritische Haltung bemerkt. Ich schaetze
kritische Geister... Doch wundert es mich etwas, was ihr Motiv ist. Warum
setzen sie sich mit einem Syndrom ADS auseinander, dass es ihrer Ueberzeugung
nach nicht gibt ? Ich habe es eigentlich aufgegeben, Menschen von etwas
ueberzeugen zu wollen, woran sie nicht glauben wollen (koennen). Nun verfolge
ich selber eigentlich keinerlei direkte Interessen in Sachen ADS, arbeite z.B.
derzeit in einem ganz anderen psychiatrischen Bereich (seit wenigen Tagen).
Auch mit unserer Homepage ADD-Online sind eher Kosten als Reichtuemer zu
gewinnen... Was aber sind ihre Beweggruende ?

Was soll da eine wissenschaftliche Studie, "die das Sydrom ADS belegt" ? Ich
koennte anfuehren, dass es etliche Konsensusbeschluesse in den USA
diesbezueglich gibt, die u.a. auf ueber 3000 Studien beruhen. Sie werden
entgegnen, dass diese nicht "ADS belegen", sondern nur die Diagnosekritierien
als gegeben vorgeben und somit "willkuerlich" eine Diagnose definieren. Oder
taeusche ich mich da ?

Kennen Sie eine Studie, die "Depressionen" oder gar Schizophrenie als
Erkrankung "belegen" ?

Ich selber habe noch keine abschliessende Meinung, ob die Diagnose ADS im Sinne
der Diagnosekritierien überfluessig ist oder nicht. ADS als Konzept bzw. eine
biologische Prädisposition halte ich fuer existent und eine der ganz
wesentlichen Neuerfahrungen innerhalb meiner medizinischen und
psychotherapeutischen Arbeit. Es gibt sicher einige Kritikpunkte an diesem
Syndrom. Andererseits habe ich in der bisherigen Beschaeftigung auch sehr
fruchtbare Ansaetze erkennen koenne, so dass ich nicht glaube, dass der Schaden
ueberwiegt.

Autor: H.-R. Schmidt 
Datum:   17.07.01 19:06

Sehr geehrter Herr Winkler,
vielen Dank für Ihren Brief in Sachen ADS. Ich habe auf die Fragen, die Sie stellen, in besagtem Forum ausführlich Stellung bezogen (das wurde aber alles gelöscht; warum aus Ihrer Sicht?), und möchte mich dazu nicht noch öfter so ausführlich auslassen. Sie haben Recht, wer an ADS "glaubt", den kann und will ich nicht überzeugen. Es geht mir ja auch nicht um "Glauben", sondern um kritische Wissenschaft. Das ist eines meiner Motive. Ein anderes liegt darin, dass (z.B. in besagtem Forum) fast krampfhaft der Milieu- bzw. der psychische Faktor bei Syndromen wie ADS ausgeblendet wird, obwohl er indirekt in den Schilderungen einiger "Betroffener" immer wieder eklatant deutlich wird. Egal, welchen Stellenwert man diesem Faktor zumessen will, völlig ausblenden darf man ihn nicht. Sonst berät man betroffene Eltern in unverantwortlicher Weise einseitig. Man indoktriniert dann eher.
Ansonsten stelle ich fest, dass Sie auch keine Studie nennen können, die das Syndrom ADS belegt. Was die Konsensi in USA betrifft, schildern Sie das ja sehr treffend. Wenn ich auf einem Treffen von Ufo-Anhängern weile, stellt der Konsens der Teilnehmer darüber, dass es Ufos gibt, ja leider auch keinerlei wissenschaftlichen Beleg dar. Da sind wir wieder beim "Glauben". Übrigens zu Ihrem Vergleich mit Schizophrenie bzw. Depressionen: Sie wissen sicher auch, dass insbesonders "Depression" sehr oft ebenfalls eine unscharfe und vieldeutige Diagnose ist. Aber mir geht es doch gar nicht um eine Studie, die ADS (oder Schizophrenie oder Depression) als "Krankheit" belegt. Viel einfacher: Ich frage nach empirischen Belegen, dass es diese Syndrome (im Sinne von Symptomenkomplexen) gibt, dass also die zur Diagnose herangezogenen Symptome immer und überall gemeinsam oder immer in ganz bestimmten Kombinationen auftreten (das ist jedenfalls die Definition eines Syndroms). Und nur wenn ein solches Syndrom nachgewiesen ist, kann man es auch zuverlässig und valide diagnostizieren. Alles andere ist Willkür. Und dies alles hatten wir doch schon mal mit MCD und HKS. Warum will man daraus nichts lernen? Wie wäre es, wenn Sie in meinem neuen Forum www.psychometrix.de/holunder.htm darüber weiter diskutieren? Diesen Brief habe ich dort hingehängt.
Mit Gruß,
Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt

Autor: M. Winkler 
Datum:   19.07.01 18:44

Hallo !

Meine eignen ADHS-Anteile erlauben es nicht, einfach so nicht zu reagieren.
Dabei missfaellt mir allerdings ganz erheblich Ihre Art zu diskutieren. Wenn
ich keine Studie zitiere bedeutet dies nicht, das es keine gibt ! Das sind
unzulaessige Schlussfolgerungen, wie Sie als Psychotherapeut doch wissen
sollten. Ich habe doch gerade ausgefuehrt, dass ich solange keine Studien
zitieren moechtewie ich nicht weiss, welche Kriterien denn ihren Anforderungen
genuegen moegen. Mal ganz davon abgesehen, dass es mir eigentlich nicht darum
geht, die Existenz von ADHS als Syndrom zu beweisen oder zu widerlegen.

Ich selber bin ueberzeugt, dass ADHD zu den am besten und saubersten
untersuchtesten Syndromen im Bereich der Psychiatrie gehoert. Nun mag
natuerlich Medline kein Qualitätsmasstab sein, dennoch lohnt es sich mal, die
praktisch taeglich neu eintreffenden Publikationen zu ADHD in den grossen
Fachzeitschriften zu verfolgen. Es gibt Konsensusbeschluesse praktisch aller
grossen Psychiaterorganisationen, so dass die Existenz von ADHS nicht mehr
angezweifelt werden kann bzw. sollte. Jedenfalls wird die Validität und
Reliabilität nicht mehr angezweifelt, zumal eben gerade im Studiendesign eine
ganz erhebliche Übereinstimmung zwischen verschiedenen Ratern nachgewiesen
werden konnte.


Wenn man es dennoch tut, dann stecken dabei andere Gruende dahinter. Aber das
ist dann so wie mit der Frage ob die Erde eine Scheibe oder Kugel ist...
Ich denke schon, dass eine Reihe der Publikationen wissenschaftlich fundiert
sind. Wenn es denn sein muss, mache ich dazu auch eine Literaturliste.
Ansonsten wuerde ich diesbezueglich die Veroeffentlichungen von uns in
ADD-Online nennen wollen, wo wir entsprechende Literaturangaben auch meist
anfuegen. Oder mal die Literaturquellen von Johanna Krause (www.hyperaktiv.de)
screenen, damit sollten sie einige Monate beschaefigt sein

Ich selber habe nach sehr unterschiedlichen medizinischen Schwerpunkten ueber 4
Jahre in einer verhaltenstherapeutischen Klinik psychotherapeutisch gearbeitet.
Ehrlich gesagt hatte ich mit Kinder- und Jugendpsychiatrie nie was am Hut. Was
mir aber bei Persoenlichkeitsstoerungen schon auffiel, war das Wechselspiel von
biologischen und psychosozialen Faktoren. Es schien so zu sein, dass die
Patienten doch eine unterschiedliche Empfindlichkeit fuer Medikamente, z.T.
andere neurologische Befunde ("soft signs") und ueberhaupt etwas andere
Krankengeschichten hatten, als viele der anderen Patienten. Dabei gab es dann
irgendwann ueberraschende Gemeinsamkeiten, wie z.B. eigene hyperaktive Kinder
bwz. entsprechende Bemerkungen in den Zeugnissen. Irgendwann habe ich mich mehr
damit beschaefigt und ich fand ein "Puzzleteil", das zumindest fuer mich und
viele meiner Patienten im hypothetischen Krankheitsmodell einige Fragen mehr
beantworten konnte. Und noch dazu bei einigen eine sehr erfolgreiche
Beeinflussung von Impulsivitaet bzw. Aufmerksamkeitsstoerungen ermoeglichte,
die ich bzw. Kollegen psychotherapeutisch (bzw. mit anderen medikamentoesen
Ansaetzen) bisher nicht in den Griff bekommen hatten.

Martin Winkler

Autor: Kim 
Datum:   25.07.01 21:58

Hallo Herr Winkler,
sorry, daß ich mich quasi in Ihr "Gespräch" mit Herrn Schmidt einmische.
Sie schreiben, daß in Ihren Augen das neurobiologische Erklärungsmodell überwiegend keinen Schaden anrichtet.
Ich glaube, Sie haben damit insofern recht, wenn es im Kreise kritischer und differenzierter Menschen als Hypothese in der Annäherung an ein Phänomen betrachtet wird.
Doch ansonsten - außerhalb des Elfenbeinturmes - möchte ich Ihnen deutlich widersprechen. Da richtet es nämlich m.E. erheblichen Schaden an und zwar auf unterschiedlichen Ebenen. Zum einen wird dieses Erklärungsmodell ja als unumstößliche Wahrheit in den meisten ADS-Foren präsentiert, und das führt natürlich dazu, daß der Blick auf andere potentiell verursachende oder aber immer mitbeteiligte Bedingungen nahezu vollkommen verstellt wird. Da sind zum einen die familiären und sozialen Beziehungen, aber auch die Umweltbedingungen und dann natürlich auch der gesamtgesellschaftliche Rahmen. Alles das spielt in den meisten Foren kaum eine Rolle und wird, wenn angemahnt, sehr schnell und boshaft bekämpft.
Weiter hat diese biologische Sichtweise die Konsequenz, daß auch die therapeutischen Maßnahmen sich größtenteils in der Verabreichung von Stimulantien und manchmal noch Verhaltenstherapie erschöpft, und wiederum andere Ansätze pauschal als nicht hilfreich verurteilt werden.
Nun hat ja diese Meinung, gerade wenn sie so rigide vertreten wird wie in manchen Foren, auch eine Art Sogcharakter und schadet ganz sicher der notwendigen individuellen Betrachtung des Einzelfalls.
Es häufen sich die Anfragen, wo auffällige Kleinkinder, selbst Säuglinge in die Nähe der "Krankheit" ADS als genetisch bedingte Neurotransmitter-Imbalance geschoben werden.
Durch die genetische Betonung werden auch reihenweise die Eltern gleich zu ebenfalls Betroffenen gemacht, und damit andere Faktoren für erlebte Schwierigkeiten negiert.
Was mich auch mit großer Sorge erfüllt, ist die Beobachtung, daß immer mehr Symptome, die auf psychische Störungen deuten, wie Eßstörungen, Schlafstörungen, Angst- und Unsicherheitsgefühle, Suchterkrankungen, depressive Verstimmungen, Selbstwertprobleme usw. als zugehörig dem biologisch determinierten ADS gedeutet werden und sich damit anderer Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten entziehen.

Und das alles geschieht in einer Gesellschaft, die zwar einerseits so frei wie kaum jemals zuvor ist, wo dennoch der Druck der Anpassung an eine immer schmaler werdende "Norm" immer größer wird und das vermeintliche Streben nach Individualität immer mehr zu Konkurrenz und sozialer Inkompetenz und auch zu Angst und Einsamkeit führt. Da halte ich die so häufige Zuweisung eines derartigen Krankheitsbegriffes an Kinder und die Behandlung mit Psychopharmaka doch für sehr bedrohlich und schädlich.

Gruß von Kim

Autor: Träumerchen 
Datum:   03.08.01 19:50

Hallo lieber Herr Schmidt,
was ich hier in Ihrem Forum lese, ist so absurd, dass sich mir sie Nackenhaare hochstellen.
Sie stellen ADD in frage, weil es Ihrer Meinung nach keine zureichende Art der Diagnose gibt. Dann muss ich (und ich rede als betroffener aus Erfahrung) hier und jetzt behaupten, dass es auch keine Epilepsie gibt, denn auch dort ist die Möglichkeit der Diagnose sehr unzureichend.
Weiterhin behaupten sie, dass der psychologische Aspekt bei der Behandlung (der nicht existierenden ADD) eine wichtige Rolle spielen soll. Da muss ich ihnen zustimmen. Allerdings hat diese Behanlung dann nur sekundär etwas mit ADD zu tuen zu haben. Primär müssen dadurch nur die Schäden bearbeitet werden, die die Umwelt und solche Ignoranten wie Sie bei ADD´lern verursachen.
Zu guter Letzt stelle ich noch die Behauptung auf, dass alle verhaltensmäßigen Probleme, die schon in der Kindheit auftreten, neurologischer und nicht psychischer Natur sind, wie die Wissenschaft uns in der Zukunft beweisen wird, wenn sie sich intensiver mit der komplizierten Struktur des menschlichen Gehirns auseinandersetzt.
Wenn es denn soweit gekommen ist, dann werden Sie, lieber Her Schmidt sich um einen neuen Beruf umsehen müssen. Da Sie aber jetzt schon angst davor haben, versuchen Sie mit Ihrer unnützen Diskutierrei jeden inovativen Gedanken in eine solche Richtung zu Nichte zu machen.
Herzliche Grüße
Träumerchen
Autor: Kim 
Datum:   03.08.01 22:35

Hallo Träumerchen,

ich weiß nicht, unter welcher Art von Epilepsie du persönlich leidest, doch du wirst, da du dich ja auskennst, wissen, daß es da sehr unterschiedliche und vielfältige Formen zum einen und Auslöser sowie Grunderkrankungen zum anderen gibt. (Was ja schon mal ein gravierender Unterschied zu "ADS" ist.)
Und du wirst mir auch zustimmen, daß man niemals aus dem VERHALTEN eines Patienten auf eine vorhandene Epilepsie schließt, so wie man es bei ADS tut. Nein, bei Epilepsie werden gründliche EEG-Untersuchungen gemacht, auch in unterschiedlichen Situationen (Schlaf-EEG, Langzeit-EEG, Schlafentzugs-EEG, EEG unter Photostimulation), das alles wird dir nicht neu sein. Wenn man diese Untersuchungen bei ADS hätte oder durchführen könnte, dann dürftest du so einen Vergleich anstellen, vorher doch bitte nicht.
Wenn du meinst, alle Verhaltensauffälligkeiten im Kindesalter seien neurologisch begründet, dann wirst du dich mit kindlicher Entwicklung, Psychologie, Neurologie und Medizin noch nicht so sehr beschäftigt haben.
Daß die Hirnforschung uns weitere Erkenntnisse liefern wird, ist unbestritten, warten wir es einfach ab und tun bis dahin das, was wir jeweils am besten können.

Kim

Autor: Doris 
Datum:   26.07.01 00:52

Ich bin selbst Mutter eines betroffenen Kindes.
Wir müssen mit dem Kind in 3 Therapien pro Woche gehen, Medikamente geben. Unsere Kleine hat ein gutes Zeugnis und trotzdem gibt es nur Mäkeleien seitens der Schule wegen der sozialen Verhaltens, das noch nicht so ist, wie sich das die Schule vorstellt. Dabei (und das habe ich schriftlich!) soll die Kleine sich auf der anderen Seite immer besser integriert haben. Da ich mit der Lehrerin über ein Schuljahr ein Berichtsheft geführt habe, kann ich das beweisen.

Natürlich müssen die familiären Gegebenheiten mit einbezogen werden. Mein Mann ist Schmerzpatient und entsprechend gehandikapt, ich selbst bin zu 80% Schwerbehindert und vollzeitig berufstätig. Wir haben es schwer, aber wir tuen alles für unser Kind. Klar ist schon, dass ein Kind auch unter dem Leiden des Vaters leidet. Mein Mann ist zu Hause und macht so gut es ihm möglich ist, den Haushalt. Das Kind ist immer versorgt, wird nicht vernachlässigt und hat immer einen Ansprechpartner.

Aber die Schule schlägt allen ernstes eine Einweisung des Kindes in die Psychiatrie vor, weil ja die anderen ADS-Kinder in der Klasse (in der Klasse soll es 4 Stück geben) sich gefangen haben. Nur das ist mit mir nicht zu machen. Es wird mir aber dann ein Bild geschildert, dass mein Kind warscheinlich dann irgentwann selbstmordgefährdet sein wird ect... Das sagen Lehrer! Dabei zeigen wir unserem Kind, dass wir es annehmen und es schätzen und vor allem lieben. Dazu gehören auch Strenge und Konzequenz und Erziehung.

Andere Personen im Umfeld des Kindes können teilweise nicht verstehen, was eigentlich erwartet wird. Eine Freundin schüttelte beim Lesen des Berichtsheftes nur den Kopf und fand viele Stellen zu den Einträgen einer Woche, wo sich die Lehrerin in einem Satz widerspricht!

Dem Kind wird nicht einmal die Zeit gelassen, dass die VT greift.

Mir gefällt im übrigen der Krankheitsbegriff gar nicht, das ist immer ein Grund für Schulen, die Kinder abzuschieben.

Zum Teil ist auch die sogenannte Norm Schuld daran, wenn Kinder auffällig sind. Einige Kinder brauchen vielleicht in einem Bereich länger als andere, aber das ist ja "abnorm".

Am besten wäre es wohl auch, jeder Mutter gleich bei der Geburt des Kindes einen "Fahrplan" in die Hand zu geben, wann das Kind was können muss.

Viele Störungen bei Kindern sind hausgemacht und zwar von der Gesellschaft.

Auf uns wird so viel Druck ausgeübt, dass mir manchesmal schlecht wird. Da wird doch behauptet, dass diese gesammten ambulanten Therapien wohl nichts bringen könnten und alles ganzheitlich sein müsste (also stätionär). Welcher Schaden da für ein kind entstehen kann, ohne die Eltern über Wochen, können sich viele nicht vorstellen. Ich weiß es, denn ich musste aus chirugischen Gründen viel im Krankenhaus sein. Einmal 1 Jahr am Stück.

Aber was sollen wir denn tun? Das Kind muss ja sich in das System einfügen, sonst geht es unter.

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   26.07.01 21:46

Liebe Doris,
wir diskutieren hier im Cafe´ja über das Thema "ADS - gibt`s das wirklich?" Und Sie schreiben, sie seien Mutter eines "betroffenen Kindes". Von was betroffen? Meinen Sie, von ADS? Im Sinne unseres Themas würde es mich in diesem Falle interessieren, wie die Diagnose ADS denn bei Ihrem Kind genau zustande kam. Wer hat sie gemacht, und mit welchen Untersuchungsmethoden und welchen Ergebnissen? Vielleicht hat Ihr Kind ja gar kein ADS, sondern "nur" reaktive seelische Probleme mit der familiären Gesamtbelastung, die Sie umschreiben? Dann wäre eine Verhaltenstherapie natürlich ziemlich sinnlos, weil sie nicht an den Ursachen (Familienbelastung auf der Seite der Eltern) ansetzen würde. Dann wäre eine Familientherapie und/oder eine Kinder-Spielpsychotherapie viel sinnvoller, vielleicht ergänzt durch eine sozialpädagogische Familienhilfe.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt

Autor: Doris 
Datum:   29.07.01 09:13

Ich wollte nur darstellen, dass man auch als jemand, der ADS nicht verneint,nicht alles auf "ADS" schieben darf.

Denn dieser Fehler wird oft gemacht. Natürlich muss die Gesamtsituation beachtet werden. Nur davor machen viele die Augen zu. Jegliche Probleme müssen von vielen Seiten betrachtet werden.

Kim hatte ins Feld geführt, dass die gesellschaftlichen Gegebenheiten immer problematischer werden. "Menschen außerhalb der Norm" werden immer mehr ausgegrenzt.

Sie haben auch Recht, wenn sie anführen, dass z.B. unser Problem auf breiter Basis angegangen werden muss. Nur sind diese Hilfen für die Familie sehr schwer zu bekommen und Familientherapie wird nicht bezahlt (soweit ich weiß, ich bin Beamtin und die Richtlinien sind ziemlich streng).

Die Hilfe von den Jugendämtern erhält man leider erst, wenn es fast zu spät ist. Denn seit wann gibt es denn Probleme in einer bürgerlichen Familie? Man hat fast nur den Augenmerk auf die sozialen Brennpunkte, dort sind die Probleme viel größer.

Sie fragen nach den Untersuchungsmethoden.

Victoria wurde sogar schon mehrmals diagnostitiert. Das erste Mal im Frühförderzentrum. Dort war sie wegen sprachlicher Probleme und den Problemen im Kiga 4 Jahre in Behandlung.
Man hat verschiedene medizinische Untersuchungen durchgeführt und die üblichen Tests, um Konzentration, bzw Fähigkeiten zu überprüfen. Dort macht man auch im Rahmen der sozialpädagogischen Betreuung auch eine Spieltherapie. Das brachte eigentlich nichts. Vielleicht lag es auch an der Dipl.Psy. Ich habe die mit ihren eigenen Kindern erlebt. Meine Tochter hätte sich diese Verhaltensweisen nicht erlaubt.

Man konfrontierte mich ohne Erklärung mit einer Diagnose und riet zum Medikament. Dies lehnte ich ab, da ich unsere Tochter nur als quirlig empfand, anstrengend zwar, unternehmungslustig, aber liebenswert.

das erste Schuljahr lief teilweise furchtbar ab, ständig hatte man etwas zu meckern. Denn ein Kind, das sich widersetzt und sich partout immer durchsetzen will, ist bei Lehrern nicht gewünscht.
Außerdem wurde sie agressiv, wenn man sie ärgert.
Was mir dann noch Sorgen machte, waren die Konzentrationsprobleme, die wurden massiv.

In den Ferien wurde sie nochmals getestet. Wieder mit medizinischen Untersuchungen und den psychologischen Tests für Kinder. Dies fand bei einer Kinderärztin statt. Paralell testeten noch die Ergotherapeuten und vor kurzem auch noch mal ein Kinderpsychologe.
Nun erhielt ich Aufklärung und wurde auch aufgefordet, mich selbst zu informieren.

Ich bin nicht wie einige aus der "Forenlandschaft ADS", nur auf die eine Sicht der verschiedenen Verhaltensauffälligkeiten beschränkt.

Nur wenn ich mir Ansichten aus beiden Lagern anhöre, dann kann ich eine passende Meinung bilden. Denn die Wahrheit liegt meist in der Mitte.

Ob es ADS gibt? Könnte es nicht eher sein, dass man wirklich immer weniger bereit ist, die Vielfältigkeit von Verhalten zuzulassen? Es gibt in der heutigen Zeit wirklich Ansichten, was nicht normal ist, darüber hätte man zu meiner Schulzeit nur milde gelächelt.

Das Thema ist schwierig. Mir wäre es auch lieber, es gäbe den ultimativen Test. Dann bräuchte man sich nicht zu streiten.

Aber einen Aspekt sollte in keinem Fall übersehen werden:

Was kann man tun, um die Situation zu verbessern? Da ist es egal, welcher Ansicht man ist.
Denn nicht nur in den Familien muss etwas geschehen, die stehen nämlich meist ziemlich einsam da und kämpfen für ihre Kinder, während die Schulen nur ausgrenzen.

Doris

Autor: Kim 
Datum:   29.07.01 20:22

Hallo Doris,

Ich bin angesichts deiner Situation ziemlich ratlos, habe aber irgendwie das Gefühl, es müßte nicht noch MEHR, sondern eher WENIGER und auch ANDERES passieren. Mir kommt bei deinen Schilderungen das Gefühl, ihr müßtet alle drei mal zur Ruhe kommen. Diese ganzen unterschiedlichen "Experten" verschlimmern u.U. die Gesamtsituation eher, als daß sie helfen. Und ebenso intuitiv halte ich einen Psychiatrie-Aufenthalt deiner Tochter für nicht sinnvoll. Eine Familientherapie mit einem wirklich engagierten, einfühlsamen und akzeptierenden Therapeuten könnte m. E. schon hilfreich sein (wenn man dafür andere Therapien wegließe), doch ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, wie die zu finden und zu finanzieren ist. (Vielleicht kann dir Herr Schmidt da einen Rat geben?)

Du schreibst hier an anderer Stelle, daß ihr zu Heilpraktikern und ähnlich "Gurus" nicht geht, das finde ich eigentlich schade, denn gerade bei chronischen und etwas uneindeutigen Krankheitsbildern wie der Fibromyalgie können die nach meinen Erfahrungen wesentlich hilfreicher sein als die Schulmedizin. Manchmal kann nämlich auch eine Allergie (u.a. Nahrungsmittel) oder eine "Umweltkrankheit" (Belastung mit Umweltgiften) hinter solch chronischen Schmerzen (wie auch hinter "ADS"-typischen Symptomen) stecken.

Letztlich kann ich dir aber weder helfen noch raten, dennoch möchte ich meine spontanen Ideen mitteilen: Familienkur in einer ganzheitlich ausgerichteten Einrichtung, die traditionelle chinesische Medizin (die gerade bei Schmerzpatienten z.T. gute Erfolge hat), Naturheilkunde, klassische Homöopathie, vielleicht eine andere Schulform für eure Tochter, wie Montessouri, Waldorf oder freie Schule.
Das sind so die Dinge, die mir aus meiner eigenen Lebenserfahrung in den Sinn kommen, doch letztlich kann ich dir nur meine Hilflosigkeit und mein Mitgefühl bieten.

Alles Gute
von Kim

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   09.08.01 22:03

Hier noch einmal der recht informative taz-Bericht zum Thema, für alle, die ihn noch nicht kennen:

Ritalin - die schnelle Lösung
Ein Medikament soll die Probleme hyperaktiver und verträumter Kinder lösen.

Kritiker fürchten das Ruhigstellen von Kindern und eine "Medizinierung der Pädagogik" Von Kaija Kutter

Der Schulparkplatz ist überfüllt, aus allen Richtungen strömen Eltern auf die kleine Aula zu. An die hundert Mütter und Väter kommen an diesem Abend in die Schnelsener Schule Anna-Susanna-Stieg, um dem Kinderpsychiater Hans Kowerk zuzuhören. Um den "Sinn und Unsinn von Ritalin" soll es gehen - Ritalin, ein Medikament, das verträumten und hyperaktiven Kindern auf Drängen von Lehrern offenbar auch an Hamburgs Schulen vermehrt verschrieben wird.

Man habe absichtlich keine "Pro und Contra"-Diskussion vorbereitet, um die Eltern nicht zu sehr zu verunsichern, erklären die Veranstalter, ein örtliches Familienzentrum. So geschieht an diesem Abend, was Kritiker die "Medizinierung der Pädagogik" nennen. Ärzten und Psychiatern wird zugetraut und überlassen, die Probleme zu lösen.

In der Annahme, dass fünf Prozent der Kinder an einem möglicher Weise sogar vererbbaren "Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom" (ADS) leiden, wird auffälliges Verhalten von Kindern fast ausschließlich auf Stoffwechselstörungen im Gehirn zurückgeführt.

An der Tafel sind zwei chemische Formeln aufgemalt. Die des Amphetamin und des mit dem Amphetmin verwandten Ritalin, auch Methylphenidat genannt. Der Stoff sei eigentlich ein Aufputschmittel, erklärt Hans Kowerk dem Publikum, habe aber bei bestimmten Personen gegenteilige Wirkung. Er mache Kinder, die unruhig sind, "motorisch ruhiger", halte sie aber "geistig wach".

Es wirke nicht bei allen Kindern, schränkt der Psychiater ein. Auch könnten ADS und Hyperaktivität "sehr viele Ursachen" haben. Die Kernhypothese beruhe darauf, dass der Nervenbotenstoff Dopamin bei diesen Menschen zu schnell abgebaut wird, "das ist aber alles noch nicht richtig erforscht". Kowerk sagt: "Hyperaktiv können auch Kinder sein, die neurologisch ganz gesund sind. Denen Ritalin zu geben, finde ich problematisch." Doch auch der neurologische Defekt selbst sei "mit üblichen Untersuchungsmethoden, wo man was 'beweisen' kann, nicht zu fassen". Kinder, die Ritalin verschrieben bekommen, müssten eigentlich sehr gründlich untersucht werden. Dazu gehören umfangreiche Fragebögen zur Erfassung der Krankengeschichte, Intelligenztests, EEG und das Ausschließen von Epilepsie.

Sie habe für ihren Enkel viele Fragebögen ausgefüllt - ob das richtig war, will eine Dame wissen. Sie habe 600 Mark für diese Untersuchung gezahlt, wann denn dies die Kasse übernehme, fragt eine Mutter. Es geht an diesem Abend sehr schnell um Detailfragen, nicht darum, ob Ritalin überhaupt sinnvoll ist. Mit dem Medikament und auch mit dem verwandten Amphetamin, das gezielter dosiert werden kann, haben nicht wenige Eltern in diesem Saal bereits ihre Erfahrungen. "Wir nehmen seit einem halben Jahr Amphetamin und sind sehr zufrieden", berichtet eine Mutter. "Wir hatten alle Nebenwirkungen, die es gibt", erzählt dagegen eine andere. Nein, Ritalin mache nicht körperlich abhängig, bestätigt Kowerk. Und auch die Nebenwirkungen wie Schlaflosigkeit und Appetitmangel gingen nach wenigen Stunden wieder weg, beruhigt er.

"Wie kommt es dann, dass dieses Medikament so umstritten ist?", will ein Vater wissen, der sich im Internet schlau gemacht hat. "Kinder nehmen das Medikament nicht gerne", räumt Kowerk ein. "Eine häufige Nebenwirkung ist, dass Kinder darüber depressiv werden." Auch sei der Streit um Ritalin "total ideologisiert". Kowerk: "Das haut voll in den alten Konflikt rein, ob Verhaltensweisen körperlich oder seelisch bedingt sind." Selber bezeichnet sich der Vortragende als "Pragmatiker", der in der Mitte zwischen den Positionen steht. Er begrüßt Ritalin, "wenn es brennt. Wenn ich eine Pille geben kann, eh eine Familie kaputt geht, dann werde ich das machen." Aber, räumt der Eimsbüttler Arzt ein, "die Kinder haben diese Probleme, wenn sie in die Schule kommen. Große Klassen sind ein Problem."

Sollte man dann nicht lieber die Bedingungen ändern, statt einzelne Kinder, die mit ihnen nicht zurecht kommen, zu medikamentisieren? Eine These, die unter den anwesenden Eltern auf spontanen Applaus trifft, die aber untergeht in dem momentanen ADS-Mainstream, dem offenbar auch der Hamburger Berufsverband der Kinderärzte folgt. Dieser erklärte jüngst, man werde sich auf Qualitätsleitlinien zu dem Thema verpflichten und sich mit den Kinder- und Jugendpsychiatern an einen Tisch setzen.

"Es gibt eine ganze Reihe von Kindern, die noch nicht diagnostiziert sind", erklärt der Verbandesvorsitzende Michael Zinke. Damit es gelinge, "die Spreu vom Weizen zu trennen" und zu verhindern, dass Ritalin unnütz verschrieben wird, sollten Kinderärzte verstärkt fortgebildet werden. Auch werden man sich um die Finanzierungsprobleme kümmern: "Bisher lag die Untersuchung im Budget nicht drin."

Zinke geht davon aus, dass Ritalin derzeit "zu wenig verschrieben wird". Die Wirkungsweise sei zwar noch nicht abschließend erforscht, "aber in vier, fünf Jahren wird man es wissen". Dann werde man vielleicht auch mit anderen Methoden nachweisen, dass ADS vorliegt. Bisher sei der Erfolg "rein empirisch", aber, "es wirkt, Kinder und Eltern sind glücklich damit".

Kinder, die unter dem Aufmerksamkeitsdefizit leiden, würden in der Schule plötzlich Erfolg haben und auch für Eltern "leichter lenkbar". Zinke: "Diese Kinder sind oft isoliert, haben eine unsoziale Art. Wenn man nichts macht, drängt man sie in eine Außenseiterposition." Der Kinderarzt ist davon überzeugt, dass Ritalin sogar vor einer späteren Drogensucht schützt.

"Kinder gehen in die Drogenszene, weil sie Misserfolge haben." Dies habe man an der "rückblickenden Anamnese" von Jugendlichen, die nicht behandelt wurden, festgestellt.

"Natürlich helfen Drogen", sagt dazu Rupert Schoch, der therapeutische Leiter des Hamburger "Instituts Coburger", der sich eine andere Diskussion über Hyperaktivität wünscht: "Es gibt einfach so viele Hinweise, dass diese Krankheitsbilder kein individuelles Problem sind." So versagten diese Kinder gerade auf Gebieten wie Konzentrationsfähigkeit, in denen die gesellschaftlichen Anforderungen extrem angestiegen sind. Auch gebe es den Trend, "aus jeder Verhaltensauffälligkeit eine Krankheit zu machen". Schoch: "Es sind vor allem Jungs und darunter die kreativen, die witzigen, die oppositionellen, die hier pharmakologisch ruhiggestellt werden."

Kinder, so kritisiert Schoch, hätten heutzutage nur noch sehr wenig Handlungsräume, selbst die Spielzeuge sind nur noch per Knopfdruck zu bedienen. Hinzu käme ein Mangel an sozialen Erfahrungen. "In der alleinerziehenden Kleinfamilie gibt nur noch eine Bezugsperson und damit wenig Psychodynamik."

Kinder bräuchten Raum, sich auszuprobieren, körperliche Erfahrungen zu machen. Bewegung, so fordert Schoch, der gerne eine Schule für ADS-Kinder aufmachen würde, müsste nicht in den Schulpausen dazwischengeschoben, sondern als festes Unterrichtsfach installiert werden. Klassen, die neu zusammenkommen, müssten sich vier Wochen Zeit für das soziale Zusammenfinden nehmen.

Schoch verlangt: "Wir müssen weg von diesem Effektivitätswahn und davon, Kinder immer nur zu fördern, fördern, fördern". Ein junger Patient in seiner Therapiegruppe habe sich 30 Sitzungen lang immer nur duselig geredet. "Das brauchte der. Aber danach war er geistig da." Hingegen berichteten Jugendliche, die als Kinder Ritalin genommen hatten und anschließend zu ihm in Therapie kamen, sie wüssten gar nicht, wer sie sind.

"Es gibt Methoden, den Eltern zu helfen, die nicht so sehr in die Persönlichkeit des Kindes eingreifen", sagt auch Christiane Flehmig, Ärztin am Barmbeker "Zentrum für Kindesentwicklung". Ritalin ganz abzulehnen ist aus ihrer Sicht eine "irrsinnige Position", es sei durchaus so, "dass Kinder mit Ritalin ruhiger werden und Familien aufblühen". Dies treffe vor allem für Familien zu, die wenig lernbereit seien. Insgesamt jedoch sei Ritalin eine "Missachtung der Eltern", weil man ihnen damit das "Gefühl für ihre Kinder nimmt" und nicht hilft, den Zugang auf andere Weise zu finden.

Flehmig, die Kurse für Eltern anbietet, zweifelt ebenso wie Schoch an der Stimmigkeit der ADS-Diagnose. "Es ist nicht so wahnsinnig neu, was die Hirnforschung da gefunden hat." Es sei "alte negative Tradition" in Deutschland, Hirnfunktionen umzudeuten auf Symptome: "Nach dem Motto Symptom weg, dann ist Frieden". "Wir sollten die Manipulation von Gehirnfunktionen lassen, weil wir darüber einfach zu wenig wissen", mahnt Schoch und beruft sich dabei auf einen Aufsatz des Frankfurter Mediziners Hans von Lüpke, der "schwerwiegende Zweifel" am Modell eines genetisch bedingten Mangels an Botenstoffen äußert und auch daran, dass dieser durch Ritalin behoben wird. Die von "neurobiologischen Daten ausgehende Argumentation", so von Lüpke, "steht nicht auf so sicheren Füßen, wie es von der Literatur her den Anschein hat". Auch mehr Forschung würde möglicherweise nur zu einem "Datenfriedhof" führen, weil bereits die Annahmen falsch seien, die von individuellen organischen Störungen ausgehen.

Ritalin sei die Entscheidung der Gesellschaft für "schnelle Lösungen", sagt Christiane Flehmig. In ihr Zentrum kämen auch Kinder zur Nachbehandlung, die "mit Sicherheit kein ADS haben". Für Flehmig sind die so genannten "Zappelphilippe" eine gängige Randgruppe, die schlicht nur ein Potential in sich trägt, "das ganz natürlich im Mensch sein vorhanden ist". Sie frage sich, was es sei, das "diese Gesellschaft an diesen Menschen so stört".

Flehmig: "Wir konzentrieren uns darauf, dass die Kinder sich anpassen. Das ist eine unmenschliche Art." Nicht nur Medikamente, auch Therapien seien fragwürdig, wenn sie nur diesem Ziel dienen.

Eine Erkenntnis eint im Ritalin-Streit alle Seiten. Bereits die Vorstellung, eine organische Störung sei schuld, wenn ein Kind sich auffällig entwickelt, entlastet Eltern von dem Vorwurf, sie hätten etwas falsch gemacht. Das ist wohltuend in Zeiten, in denen Eltern von einer Ratgeberflut über richtige Erziehung erschlagen werden und macht ADS-Diagnostiker zu gefragten Leuten.

Dabei gibt es ernst zu nehmende Stimmen wie die Hans von Lüpkes, die in Hyperaktivität nicht mal eine "klar definierte Störung" sehen, sondern eine "unspezifische Bewältigungsstrategie" bei Beeinträchtigungen ganz unterschiedlicher Art.

(Quelle: taz Hamburg vom 18.6.2001, Seite 22, 140 TAZ-Bericht, Katja Kutter)

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   24.07.01 23:08

Hallo abra,
über Ihre mail freue ich mich, habe ich Sie doch im sog. "Dagmar-Forum" immer als differenzierte und kompetente Mitstreiterin in Erinnerung!
Sie haben Recht: die gegenwärtige Diagnose-Praxis in Deutschland akzeptiere ich wirklich nicht. Es wird ja keine biologische oder hirnfunktionelle Diagnostik betrieben, sondern eine anhand von "windelweichen", vieldeutigen und empirisch-wissenschaftlich in keiner Weise belegten und sehr subjektiven Verhaltensbeobachtungen. Ich erlebe das ja in meiner Beratungsstelle andauernd, wie die Diagnostik gegenwärtig praktiziert wird: da sagt eine Kindergarten-Erzieherin, die auf einem Neuhaus-Seminar war, zu Eltern, ihr Kind hätte die Krankheit ADS. Die Eltern sind wie am Boden zerstört, oder sie sind total erleichtert, endlich einen "Weg" gefunden zu haben. Da sagt ein Kinderarzt (als "ADS-Arzt" bekannt), der hier bei Insidern als Alkoholabhängiger bekannt ist, nach einem 10-minütigen Gespräch mit Eltern, das Kind habe ADS (usw., usw.)
Auf Ihrer website habe ich Ihre statistischen Berechnungen a la Dr. Droll mit Interesse gelesen. Meine These ist: Es gibt "nur" ca. 1 Prozent aller Kinder und Jugendlichen mit ADS (Aufmerksamkeitsstörung im engeren Sinne einer biologischen Hirnfunktionsstörung). D.h. von 6 gegenwärtigen Diagnosen wären 5 einfach falsch. Sie finden in der Fachliteratur seriöse Quellen für diese These.
Als systemischer Familientherapeut stolpere ich dabei immer wieder über die krasse Leugnung des psychosozialen Milieufaktors bei Unruhe und Unkonzentriertheit von Kindern (ich gehe davon aus, dass Sie mir jetzt nicht unterstellen, ich würde hirnfunktionell bedingte Verhaltensstörungen beim Menschen leugnen; das tue ich natürlich nicht. So etwas gibt es wahrscheinlich wirklich). Es ist auch nicht mit einem Elterntraining oder einer kindlichen Verhaltenstherapie getan, um den psychosozialen Faktor zu berücksichtigen. Was mir völlig fehlt, ist (und jetzt verbrenne ich mir sicher in ADSler-Kreisen wieder total die Pfoten!) auch die Selbsterkenntnis der psychisch bedingten Erziehungsfehler der Eltern. Als kleines Beispiel: Lesen Sie mal den Dialog "Stefan" vom 23.7. im "Dagmar-Forum". Aus meiner Sicht ist dies eine charakeristische Geschichte. Die Möglichkeit, dass es sich hierbei um eine seelisch gestörte Mutter handelt (und nicht um ein primär gestörtes Kind) wird schnell beiseite gelegt. Man will ja niemandem Weh tun! Dass man flugs das Kind für gestört erklärt, ist nebensächlich. Eine gutgemeinte Selbsthilfegruppe mit Tränen-Eimern für die durch das Kind geplagte Mutter ist sicher gut gemeint und hilfreich, hilft der Mutter aber leider nicht, zu erkennen, welchen Anteil sie selbst (und ihr Mann und die Dynamik ihrer Paarbeziehung und sonstige psychologischen Einflüsse) an der Problematik des Kindes möglicherweise auch haben könnte. Selbsterkenntnis ist wirklich das Schwierigste. Aber wenn man sie gefunden hat: das Hilfreichste. Und nun sind Sie wieder dran, aber bitte auf meinem Forum, damit viele davon profitieren.
Mit Gruß, Ihr Dipl.-Psych. H.-R. Schmidt

Autor: Jubea 
Datum:   25.07.01 02:18

Sehr geehrter Herr Schmidt,
einige Punkte Ihrer Ausführungen finde ich immer sehr interessant und nachdenkenswert. (Verfolge auch hin und wieder die bekannten ADD-Foren)

Zu folgenden Bemerkungen möchte ich jedoch Einwürfe machen:

>auch die Selbsterkenntnis der psychisch bedingten Erziehungsfehler der Eltern

>welchen Anteil sie selbst (und ihr Mann und die Dynamik ihrer Paarbeziehung >und sonstige psychologischen Einflüsse) an der Problematik des Kindes >möglicherweise auch haben könnte.

Einmal von der Theorie ausgehend, ADD sei eine genetische Veranlagung, wäre doch einigermaßen logisch, daß solche Dinge passieren, wenn ein Elternteil bzw. evtl. gar beide betroffen sind. Was würden Sie dazu sagen?

>Als systemischer Familientherapeut stolpere ich dabei immer wieder über die >krasse Leugnung des psychosozialen Milieufaktors bei Unruhe und >Unkonzentriertheit von Kindern

Wie wäre es zu beurteilen, wenn in einer Familie mit mehreren Kindern nur eines solche Probleme aufweist? Kann sich ein psychosozialer Milieufaktor auf nur eines von mehreren Kindern eines Familienverbandes auswirken?

Naja, sorry, klingt recht dumm, die Frage, konnte sie jedoch in diesem Fall nicht in anderer Form stellen - don't worry

Gruß
Bea

Übrigens finde ich es ungewöhnlich und persönlich auch ein wenig störend, sich in einem Internet-Forum mit "Sie" anzusprechen. Mir ist durchaus bewußt, daß sich "Sie Arschloch" schwerer ausspricht, dennoch würde ich mich da keineswegs zurückhalten, hielte ich es für korrekt

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   25.07.01 18:47

Hallo Bea,
vielen Dank für Ihre interessanten Anmerkungen. Wenn ADD eine genetisch bedingte Krankheit wäre, dann wäre der psychosoziale Milieufaktor dennoch sehr wichtig. Er entscheidet nämlich stark mit, ob sich genetische Anlagen im Verhalten zeigen oder nicht, und wenn sie sich zeigen, wie stark sie sich dann zeigen. Man vermutet ja z.B., dass ca. 40 Prozent der Menschen mit einer angeblichen ADD-Genanlage völlig unauffällig bleiben. Warum? Ich glaube, wegen günstiger psychosozialer Umstände (wenn das mit den Prozenten überhaupt stimmt, ich glaube da nicht dran). Günstige psychosoziale Bedingungen sind ein sehr starker allgemeiner Faktor, der ungünstige Erbanlagen unter Kontrolle halten kann. Das hat die Forschung z.B. bei der früher "beliebten" MCD deutlich gemacht.
Natürlich unterliegen Kinder aus derselben Familie ganz unterschiedlichen erzieherischen Einflüssen. Schon die unterschiedliche Geburtsrangfolge, das Geschlecht, die Altersabstände zwischen den Kindern, die Ähnlichkeiten mit einem Elternteil, die bessere oder schlechtere Kompatibilität der Geschwisterkonstellationen zwischen Eltern und einzelnen ihrer Kinder, unterschiedliche familiäre Ereigniss bei unterschiedlichem Lebensalter der Kinder sind psychologische Faktoren, die unterschiedlich auf jedes Kind einer Familie wirken. Es ist ein alter Irrglaube, zu sagen, dass Kinder aus derselben Familie identische erzieherische und psychologische Voraussetzungen haben.
Zum Siezen: Ich handhabe es so einfach lieber. Es ist mehr wie im Alltag und hilft wirklich, ein gewisses Niveau zu halten (was im Internet manchmal sehr schwer ist). Aber mich darf jeder duzen, der es möchte.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt

Autor: Kim 
Datum:   25.07.01 21:51

Hallo Herr Schmidt,
also hier sind Sie nun zu finden.

Was Sie an abra über die Selbsterkenntnis schreiben, da kann ich Ihnen nur voll und ganz zustimmen. Es ist zwar schwer und mühsam und auch schmerzhaft, doch für mich die einzige Möglichkeit, im Leben wirklich zu mehr Reife und Menschlichkeit zu gelangen. Allerdings hört der Lern- und Erkenntnisprozeß nie auf.
Das sage ich nicht nur als Kollegin (obwohl ich nicht mehr als Psychologin tätig bin), sondern auch als Mutter eines fast erwachsenen schwerstbehinderten Kindes, womit eine große Chance zur persönlichen Weiterentwicklung verbunden ist.
Ich wünschte mir, daß mehr von den Eltern mit sog. ADS-Kindern auch die Chance darin sehen könnten, die erlebten Schwierigkeiten zur persönlichen Reifung zu nutzen. Doch dazu müßte sich wohl erst der Schuld-Begriff in den Köpfen ändern und dem der Verantwortung Platz machen.

Grüße von Kim

Autor: Werner 
Datum:   28.07.01 21:39

Guten Abend,
ich kann die Schätzung von ca.1 Prozent der Kinder mit einer eher eindeutig hirnfunktionell zu begründenden Aufmerksamkeits-Impulsivitätsstörung nur bestätigen. In den gängigen wissenschaftlichen Lehrbüchern der Kinderpsychiatrie, Pädiatrie etc. wird es so immer wieder genannt. Das heißt ja aber, dass es eine riesige Menge von Fehldiagnosen auf diesem Gebiet geben würde. Kann das denn sein? Das fände ich grässlich für die betroffenen Kinder.

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   28.07.01 23:03

Hallo,
hier als Anregung Ausschnitte aus dem Beitrag von Niemann, Dürrwächter et. al (Uniklinik Tübingen bzw. Klinik am Eichert, Göppingen) in "Medizin 2001":

"Neben den differential-diagnostisch abzugrenzenden bzw. auszuschließenden Störungen bleiben bei genauer Analyse der im DSM zusammengefassten Kriterien folgende diagnostische Probleme:
a) Die Kriterien sind z.T. nicht ausreichend klar definiert, eine eindeutige Operationalisierung ist schwierig.
b) Zumindest z.T. handelt es sich um Aussagen nicht über ‚den Patienten', sondern über seine Wirkung auf bzw. seine Akzeptanz vom Umfeld. Es sind also Aussagen, die eine Beziehung thematisieren und damit im Einzelfall auch schwerpunktmäßig die andere Seite dieser Beziehung kennzeichnen können.

Nicht jedem auffälligen, nicht jedem unruhigen, nicht jedem unaufmerksamen Kind sollte der Begriff 'ADS' angehängt werden. Die weite, normale Verteilung der Eigenschaften 'Aufmerksamkeitsfähigkeit', 'Bewegungsdrang', 'Impulsivität' ist zu beachten. Eine andersartige organische oder psychische Störung muss ...ausgeschlossen sein (Seh- und Hörstörung, epileptisches Anfallsleiden; besonderes kognitives Leistungsprofll, Überforderungs- oder Belastungssituation, Psychose, affektive Störung, Familienstörung (eingefügt von H.-R. Schmidt)). Dies weist auf die Notwendigkeit einer genauen Analyse der Vorgeschichte und weiterer Diagnostik, im Allgemeinen einschließlich einer testpsychologischen Einschätzung hin. Die Begriffe 'ADS' bzw. 'ADD' oder 'ADHD' sollten also nur angewendet werden, wenn wirklich eng umschrieben ein Problem der Aufmerksamkeitsfokussierung mit oder ohne besondere motorische Unruhe besteht und dies nach Ausschluss anderer Störungen oder Rahmenbedingungen, die (u.U. reaktiv) ein ähnliches Bild hervorrufen können. Komorbiditäten (z.T. aber auch reaktive Ko-Symptome) sind nicht selten und beziehen sich speziell auf Affekt- und Verhaltens- sowie Lern- und Teilleistungsstörungen".

Autor: Sabine (hinky) 
Datum:   29.07.01 21:37

Sehr geehrter Herr Schmidt,

schön, dass man Sie hier auch duzen darf, ich werde ggf. davon Gebrauch machen. Mal sehen, vielleicht gelingt es mir sogar, mich hier angemessen zu benehmen.
Da sollen ja so manchem in letzter Zeit Schnitzer passiert sein, wo man es wirklich nicht erwartet hätte ...

Sie bestreiten die Existenz von ADS, geben aber andererseits zu, dass ca. 40% der Menschen mit ADS-Genen unauffällig bleiben. Als Grund geben Sie psychosoziale Umstände an.

Was mich stört an der ADS-Diskussion ist das Schwarz-Weiß-Denken bezüglich ADS. Entweder hat man ADS oder nicht. Meines Erachtens sollte man die ADS-typischen Eigenschaften
differenzierter betrachten, auf jeden Fall hinsichtlich der Ausprägung der genetisch bedingten Kondition (Aufmerksamkeit, Konzentration, Selbstwahrnehmung, Selbstkontrolle). Nicht jeder hat die gleichen Probleme in der gleichen schweren Ausprägung. Das sollte letztendlich auch deutlicher dokumentiert werden in einer Diagnose.

Wenn wir über ADS reden, dann sollten wir im Auge behalten, dass nach DSM IV nur die wirklich "schweren Fälle" auch ADS genannt werden. Diejenigen, die weniger heftige Beeinträchtigungen verspüren, haben nach derzeitiger Terminologie eben kein ADS. In diesem Zusammenhang halte ich es für möglich, dass in Deutschland in den letzten Jahren eine "Inflation" bei den Diagnosen stattgefunden hat.

Ich habe zu Hause 5 Kinder und fast die ganze Palette von ADS-Eigenschaften exemplarisch vertreten:
einmal weiblich und hypoaktiv,
einmal männlich und fast unauffällig,
einmal männlich und hochbegabt, und
zweimal (eineiige Zwillinge) männlich und hyperaktiv.
Jedes von meinen Kindern hat seine eigenen, aber ADS-typischen Schwierigkeiten, die es zu überwinden hat. Drei dieser Kinder haben eine ADS-Diagnose, ein weiteres Kind ist nach Aussagen des Arztes ein Grenzfall, eines wollte nicht zum Arzt.

Worauf ich also hinweisen will: Wenn Sie über leichte Fälle reden und ich über ADS nach DSM IV, dann werden wir keinen Konsens finden können, weil wir von verschiedenen Voraussetzungen ausgehen.

Des weiteren sollte man auch das psychosozialen Umfeld viel differenzierter betrachten. Nicht alle Lebensumstände lassen sich auf Kommando verändern. Man kann hier außerdem nur nach Try-and-Error arbeiten, räumt eine vermeintliche Störquelle aus und stellt hinterher fest, dass sie es gar nicht war. Diese Methode scheint mir in Fällen, wo beispielsweise ein Schulverweis droht, zu ineffektiv und langsam zu sein. Manche Störquellen, z.B. Geschwisterkonstellation oder die Persönlichkeit der anderen Familienmitglieder, lassen sich auch gar nicht ausräumen. Oder wollen Sie empfehlen, ein Kind oder Elternteil aus der Familie zu entfernen?

Des weiteren ärgert mich oft der Umkehrschluß, den viele Psychologen machen, wenn ein "nervöse" Eltern ein "anstrengendes" Kind in die Praxis bringen. Wie schnell ist man bei der Hand mit der Aussage: "Bei den Eltern kann das Kind ja nicht anders werden". Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass es oft genau umgekehrt der Fall ist. Ein echter Zappelphilipp kann auch den ruhigsten Erwachsenen auf Dauer aus der Fassung bringen. Auch der Streit der Eltern, wie das Kind nun richtig zu erziehen ist, entsteht erst, wenn die Kinder "unerziehbar" scheinen. Daraus den Schluß zu ziehen, der Streit der Eltern verhindere die gesunde Entwicklung des Kindes, ist in solchen Fällen Blödsinn.

Bei "nervösen" Eltern fällt mir dann auch noch ein, dass eben viele von ihnen selbst ADS haben könnten, daher helfen die Ratschläge, die man ihnen gibt, oft nicht. Sie wissen, welches Verhalten richtig wäre gegenüber den Kindern, dennoch gelingt es ihnen nicht immer
(ADS lässt grüßen), das auch umzusetzen. Es handelt sich hier nicht um uneinsichtige Patienten, sondern um echtes Unvermögen. Hier sollte man mit Schuldzuweisungen sehr vorsichtig sein.

Zu einer seriösen Behandlung ohne Medikamente gehört nach meiner Ansicht vorweg eine Einschätzung des Therapeuten dazu, ob es überhaupt möglich ist, in angemessener Zeit das psychosoziale Umfeld so weit zu verändern, wie es nötig ist. Wenn diese Voraussetzung nicht gegeben ist, dann ist ein Verzicht auf Ritalin in meinen Augen unterlassene Hilfeleistung.

Aber selbst wenn man alles richtig macht, ist der Erfolg noch nicht garantiert. Meine alte Kinderärztin erzählte einst, wie sie zum ADS kam. Als Kinderpsychologin sind ihr immer wieder Kinder aufgefallen, die "therapieresistent" zu sein schienen. Nachdem sie die Frage, ob sie etwas falsch gemacht haben könnte, für sich verneinen konnte, ging sie daran, andere Ursachen zu suchen. Etwas ähnliches schrieb ja auch Martin Winkler, der bei Patienten mit verschiedenartigen Problemen Gemeinsamkeiten fand, die auf ADS hindeuteten und wo über diesen Weg eine erfolgreiche Behandlung stattfinden konnte.

Wenn Sie, Herr Schmidt, nun die These aufstellen, dass viel mehr die psychozoialen Umstände an den Problemen namens ADS schuld sind, als die Gene, dann hätte ich von Ihnen gerne eine Erklärung für die Ergebnisse einer 14-monatigen wissenschaftlichen Studie, in der festgestellt wurde, dass
alleinige Verhaltenstherapie der medikamentösen Behandlung deutlich unterlegen ist. Sie können die Ergebnisse einsehen bei:
A 14-Month Randomized Clinical Trial of Treatment Strategies for AD/HD

In Erwartung Ihrer Antwort verbleibe ich
mit freundlichen Grüßen,
Sabine

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   30.07.01

Hallo Sabine (hinky),
herzlich willkommen und danke für Ihr interessantes posting! Zunächst sind wir uns völlig einig darin, dass man über ADS nicht nur schwarz-weiss diskutieren sollte. Deshalb auch gleich einige kleine Richtigstellungen meinerseits:
Ich bestreite nicht die Existenz von ADS, sondern ich bezweifele sie, insbesonders als nosologische Einheit (=Krankheit) und als klinisches Syndrom. Alles, was unter die Diagnose ADS fällt, gibt es als Symptome schon lange und kann man auch anders bezeichnen. Dazu braucht man den Begriff und diese "Krankheit" gar nicht. Ich bezweifele also nicht die mit ADS zusammengefassten Symptome, sondern ADS als Syndrom und als "Krankheit". Ich fasse meine Position hier noch einmal so ausführlich zusammen, weil ich nicht immer missverstanden werden möchte. Bei der Zahlenangabe "40 Prozent unauffällige Anlageträger" habe ich deutlich gemacht, dass es nicht meine Position ist, ich habe nur Dr. Droll (s. bei abra hier) zitiert.
Nun sind Sie ja eine sehr erfahrene Mutter, liebe Sabine, wenn Sie 5 Kinder haben. Respekt! Aber bitte nehmen Sie es mir nicht übel: selbst dass einer Ihrer Söhne "fast unauffällig" ist, finden Sie typisch für ADS! Es ist doch viel wahrscheinlicher, dass er gesund ist, finde ich. Dass ein Sohn hochbegabt ist, ist ja auch Anlass zur Freude, hat doch aber wieder wohl nix mit ADS zu tun. Ich finde eben allgemein, die Diagnose ADS ist so willkürlich, dass man alles darunter sehen kann. Damit ist aber eigentlich klar, dass eine solche Diagnose nicht viel taugen kann.
Nun zur Verhaltenstherapie. Danke für den Link, aber die Studie kannte ich schon. Sie bestätigt ja gerade meine Position (die ich hier auch schon Doris geschrieben habe), dass Verhaltenstherapie bei denjenigen Kindern, die falsch ADS-diagnostiziert sind, eben nicht helfen kann. Sie behebt ja die innerfamiliären psychodynamischen Ursachen der reaktiven kindlichen Symptome nicht, sie "doktert" nur daran herum und führt im schlimmsten Fall dazu, dass die Familienstörung unverändert und unbehandelt bleibt. Das Kind ohne die Familiendynamik ändern zu wollen, geht einfach in diesen Fällen schief. Ich plädiere ja gerade deshalb für eine Familientherapie, in der sich die ganze Familie einbringt. Die Familie ist der Patient, nicht das "ADS"-Kind. Es ist übrigens sehr interessant, dass sich ein so traditionelles "medizinisches" Modell "ADS plus Verhaltenstherapie" so verbreitet hat, ist damit das Ausblenden des systemischen, auf die ganze Familie bezogenen, psychologisch-medizinischen Ansatzes sozusagen automatisch einprogrammiert worden. Klassische Verhaltenstherapie wirkt nicht aufdeckend.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt

Autor: Sabine (hinky) 
Datum:   31.07.01

Hallo,

Sie dürfen mich ruhig Sabine nennen, das (hinky) hängt nur dahinter, um Verwechslungen zu vermeiden. Sabine ist ein häufiger Vorname ...

>Ich bestreite nicht die Existenz von ADS, sondern ich bezweifele sie, insbesonders als nosologische Einheit (=Krankheit) und als klinisches Syndrom. Alles, was unter die Diagnose ADS fällt, gibt es als Symptome schon lange und kann man auch anders bezeichnen. Dazu braucht man den Begriff und diese "Krankheit" gar nicht.
Ich sehe ADS an sich auch nicht als Erkrankung an, aber ich bin überzeugt, dass mit ADS ist ein Komplex von Schwierigkeiten beschrieben wird, der eine gemeinsame genetische Ursache hat. Die in den Diagnosekriterien beschriebenen Störungen können, müssen aber nicht aufgrund von ADS entstanden sein. Ebenso, wie ein Arzt nicht grundsätzlich ADS vermuten sollte, darf er aber auch nicht prinzipiell ADS ausschließen. Bei Ihnen sehe ich diese Gefahr leider ...

>Aber bitte nehmen Sie es mir nicht übel: selbst dass einer Ihrer Söhne "fast unauffällig" ist, finden Sie typisch für ADS! Es ist doch viel wahrscheinlicher, dass er gesund ist, finde ich. Dass ein Sohn hochbegabt ist, ist ja auch Anlass zur Freude, hat doch aber wieder wohl nix mit ADS zu tun.
Also ich habe jetzt wenig Lust, mit Ihnen die Details meiner Familie zu diskutieren, aber ich schrieb
Jedes von meinen Kindern hat seine eigenen, aber ADS-typischen Schwierigkeiten, die es zu überwinden hat. Sowohl das hochbegabte Kind als auch das fast unauffällige Kind haben ihre Probleme, als da wären: wenig Kontakt zu anderen Kindern bis zur Pubertät, Unordnung ohne Ende, riesengroße Überwindung bei fremdbestimmten Aufgaben, extrem oppositionelles Verhalten, Zensuren weit unterhalb des IQ ... Das sind ADS-typische Probleme, aber nicht so extrem, dass ich eine Therapie erwäge. Andere Eltern sehen das vielleicht nicht so gelassen und hätten ihre Kids schon längst zum Arzt gebracht ...

>Nun zur Verhaltenstherapie. Danke für den Link, aber die Studie kannte ich schon. Sie bestätigt ja gerade meine Position [...], dass Verhaltenstherapie bei denjenigen Kindern, die falsch ADS-diagnostiziert sind, eben nicht helfen kann. Sie behebt ja die innerfamiliären psychodynamischen Ursachen der reaktiven kindlichen Symptome nicht, sie "doktert" nur daran herum und führt im schlimmsten Fall dazu, dass die Familienstörung unverändert und unbehandelt bleibt.
Anscheinend kennen Sie die Studie doch nicht! Was dort mit "Behavioral Treatment" bezeichnet wird, umfaßt nicht nur Verhaltenstraining für die betroffenen Kinder, sondern auch Therapiesitzungen für die zugehörigen Familien
und, was Sie in Ihren Ausführungen bisher völlig übergangen haben, Beratungsgespräche mit den beteiligten Lehrern, da ja viele Probleme in der Schule auftauchen. Sie sollten das wirklich mal lesen!
Des weiteren hinkt Ihre Argumentation bzgl. der Wirksamkeit des "Behavioral Treatment", denn es wurden 579 Kinder mit der gleichen Diagnose nach dem Zufallsprinzip in die verschiedenen Therapien geschickt. Es ist schon
sehr unwahrscheinlich, dass genau die Kinder, die im "Behavioral Treatment" landeten, eine Fehldiagnose hatten, die Kinder, die Ritalin bekamen, aber nicht.
Grundsätzlich ist es richtig, nicht nur das Kind, sondern auch sein Umfeld in die Therapie mit einzubeziehen, vor allem die Familie. Aber es entstehen eben auch Probleme an anderer Stelle, z.B. in der Schule. Wollen Sie die Lehrer auch zu Therapiesitzungen bitten, wenn genau dort die Probleme liegen?
Und kommen Sie immer in angemessener Zeit zum Erfolg? Haben Sie noch nie "therapieresistente" Patienen/Familien gehabt, wo Sie keine oder kaum Erfolge verzeichnen konnten?

>Es ist übrigens sehr interessant, dass sich ein so traditionelles "medizinisches" Modell "ADS plus Verhaltenstherapie" so verbreitet hat, ist damit das Ausblenden des systemischen, auf die ganze Familie bezogenen, psychologisch-medizinischen Ansatzes sozusagen automatisch einprogrammiert worden.
Da tun Sie Ihren Kollegen aber jetzt Unrecht. Neben Ritalin werden, individuell zugeschnitten, geeignete begleitende Therapien verordnet, nicht pauschal immer VT.
Im Übrigen frage ich mich gerade, was eine aufdeckende Therapie bei erblichen Störungen wie ADS bringen soll. Es soll doch aufgedeckt werden, woher die Probleme kommen mögen. Gerade die Diagnose ADS deckt doch viel auf und erklärt die Schwierigkeiten und erleichtert den Leidensdruck ungemein. Aber wenn das nicht zur Sprache kommt, weil es das angeblich nicht gibt, dann werden die Ursachen des Leidens an sekundärer Stelle gesucht und
dann bleibt es ein Herumdoktern ...

Grüße,
Sabine

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   31.07.01 22:40

Hallo Sabine,
vielen Dank für Ihren differenzierten Beitrag! Im Einzelnen möchte ich dazu folgendes sagen: ADS wird durchaus als Krankheit betrachtet, auch wenn Sie persönlich das vielleicht anders sehen.
(Seien Sie mir bitte nicht böse, wenn ich jetzt wieder mit meinem gefürchteten Ufo-Beispiel komme! Ich benutze es aber gerne für Diskussionen wie diese. Ich nehme einfach mal an, Sie glauben an Ufos und wollen mich von deren Existenz überzeugen; UFO wäre also ADS):
Wenn Sie mit ADS einen "Komplex von Schwierigkeiten" meinen, bitte ich um einen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass es diesen Komplex wirklich gibt (machen Sie sich bloß nicht die Mühe, einen solchen Beleg zu suchen; es gibt keinen!) Aber Sie sagen, es wäre so! Sie sagen also (um im Beispiel zu bleiben), es gäbe Ufos, aber Sie liefern mir keinen wissenschaftlich einwandfreien Beleg. Oder finden Sie doch einen? Dann hätten Sie mich überzeugt.

Was Ihre Kinder betrifft (die ich natürlich auch nicht persönlich meine): Was Sie da an Verhaltensweisen beschreiben, sind eben NICHT ADS-typische Schwierigkeiten. Das sind Verhaltensweisen, die vieles und nichts bedeuten können, von kindlicher Neurose bis Normalität. Man kann sie ganz leicht auch mit anderen bewährten klinischen Kategorien beschreiben oder diagnostizieren, dazu braucht man das ADS-Konzept (als hirnfunktionelle, verebte Störung) überhaupt nicht, weder für die Diagnostik noch die Therapie.
Also wieder keine Ufos!

Zu der Studie: Ich habe sie gelesen, auch wenn Sie es nicht glauben. Es ist dort keine systemische Familientherapie gemacht worden. In einer solchen werden aber natürlich Lehrer oder andere "Miterzieher" durchaus einbezogen. Die tieferen Probleme entstehen aber selten in der Schule. Dort ist meistens nur eine Bühne, auf der alte Probleme nach einem neuen Drehbuch wiederaufgeführt werden.
"Gespräche" mit Familien sind nicht gleichzusetzen mit "systemischer Familientherapie", wie ich sie meine. Darüber schreibe ich übrigens hier demnächst ein ausführliches posting. Es gibt nämlich weltweit überhaupt noch keine Studien zur Familientherapie bei ADS, soweit ich weiss.
Ufos? Ich weiss nicht.

Zu meiner eigenen Praxis: ich brauche die Diagnose ADS überhaupt nicht, sie macht Familien und Kindern nur Angst, sie stigmatisiert im Sinne einer vererbten Krankheit Kinder lebenslang und sie verleitet Eltern dazu, sich selbst als Systemfaktor ausser Acht zu lassen. Das stört alles nur und ist wissenschaftlich noch viel zu mager bis gar nicht belegt. Bei Kindern mit neurologischen Auffälligkeiten (z.B.Wahrnehmungsstörungen, motorischen Problemen etc. etc.) zielt die Familientherapie darauf ab, ein einfühlsameres Umgehen mit den Störungen des Kindes zu erzielen, damit sekundäre psychische Störungen abgebaut werden können. Bei anderen Kindern, bei denen die Eltern glauben, es lägen organische Störungen (wie ADS) vor, bei denen sich das aber diagnostisch nicht bestätigt, betrachten wir die Einstellung der Eltern eher als einen Schutzmechanismus, der verhindern soll, dass Familienprobleme bewusst werden. (Diese Abwehr gibt es allerdings auch bei Kindern mit neurologischen Auffälligkeiten, da wird es dann sehr kompliziert). Die Diagnose ADS hat aus meiner Erfahrung in diesem Sinne oft Abwehrcharakter: Lieber eine Krankheit wie ADS, als die Erkenntnis, dass es an einem selbst liegen könnte, dass das Kind gestört ist. Diese Einstellung finden Sie übrigens in den gängigen Foren häufig, wenn Sie genau hinsehen.

Und meinen Kollegen, die ich ja kenne, tue ich gar nicht Unrecht, wenn ich ihnen vorwerfe, dass sie mit einem veralteten medizinischen Modell an das Phänomen ADS herangehen. Kollegen, die an das gegenwärtig verbreitete ADS-Modell glauben (an Ufos also, und das sind ja überwiegend Ärzte, nicht Psychologen wie ich in den 1200 deutschen Erziehungsberatungsstellen), sind sozusagen automatisch in diesem medizinischen Modell verhaftet und können gar nicht mehr ganzheitlich-systemisch denken (was sie oft auch vorher noch nie getan haben).

Ihre letzte Frage, was aufdeckende Therapie bei erblichen Störungen wie ADS soll, landet wieder am Anfang: gibt es Ufos überhaupt (soll heissen: ADS als erbliche Krankeit?) Ich empfehle Ihnen auch noch mal die ausgezeichneten Beiträge von Kim hierzu.
Jetzt wären Sie wieder dran.
Mit Gruß, H.-R. Sc
hmidt

Autor: Kim 
Datum:   01.08.01 03:18

Hallo Sabine und Hallo Herr Schmidt!

Ich bin ja mal wieder sehr spät dran, aber das ist ja das gute an virtuellen Cafes, sie sind rund um die Uhr geöffnet.

> Die
> Diagnose ADS hat aus meiner Erfahrung in diesem Sinne oft
> Abwehrcharakter: Lieber eine Krankheit wie ADS, als die
> Erkenntnis, dass es an einem selbst liegen könnte, dass das
> Kind gestört ist. Diese Einstellung finden Sie übrigens in den
> gängigen Foren häufig, wenn Sie genau hinsehen.
>
Ich kann da nur zustimmen.
Sabine, achte mal drauf, daß manchesmal ganz nebenbei geschrieben wird: "geht es den Eltern gut, gehts es auch dem Kind gut" und wie wenig aber darauf inhaltlich eingegangen wird, eigentlich gar nicht. Und wie selten sich mal ein posting damit beschäftigt, was das eigene Verhalten für Auswirkungen auf die Kinder hat. Und ich meine damit jetzt nicht die rezeptartigen Ratschläge, wie man sich als Eltern verhalten soll, sondern mir geht es um das innere Erleben des Kindes und auch der Eltern. (Zwar mag man einwenden, daß das nicht ins Internet gehöre, dennoch ist gerade das in anderen Foren mit anderer Thematik völlig anders.) Und wenn du dann noch darauf achtest, was so indirekt alles an familiärer Problematik immer mal wieder durchscheint, aber nie aufgegriffen wird, sondern immer als ADS-zugehörig oder ADS-bedingt gedeutet wird, dann scheint mir die Deutung als Abwehr doch ganz plausibel. Mal ein ganz kleines, fast harmloses Beispiel: es war mal über das Rauchen geschrieben worden und natürlich schnell als Begleiterscheinung von ADS (oder als "Selbsttherapieversuch", weil "Nikotin ja auch dort im Hirnstoffwechsel wirken" würde, usw.) diskutiert worden, aber niemand ist auf die Idee gekommen, mal zu hinterfragen, was es für das Kind bedeutet mit rauchenden Eltern zu leben. (Mir war das aufgefallen, weil ich selbst rauche, aber es für mich eine Selbstverständlichkeit ist, aus Rücksicht auf mein Kind dafür nach draußen zu gehen.)
Auch die derart vehemente Ablehnung anderer Meinungen spricht doch sehr für Abwehr. Und da kannst du feststellen, daß die differenzierteren Schreiber eher ihre Aussagen als eigene Meinung kennzeichnen, während die anderen unbewiesene Theorien als feste Tatsachen darstellen und dann fast monoton wiederholen. Das Umgehen mit anderen Meinungen ist dann ja noch ein Kapitel für sich, das ich weiter unten noch kurz anschneide.

Doch was anderes möchte ich noch sagen: Ich kenne ja niemanden persönlich, habe mir aber doch im Lauf der letzten Monate ein Bild gemacht von den einzelnen. Das mag zwar nicht immer ganz richtig sein, dennoch glaube ich, daß bestimmte Wesenszüge sich auch im Internet nicht verbergen lassen. So wird der eher zurückhaltende auch nicht zu denen gehören, die immer und überall sich einbringen, Und der ausgleichende wird auch hier bei Streit versuchen zu vermitteln. Der "Hans Dampf in allen Gassen" wird auch im Internet sich so verhalten. Der Zyniker wird auch im Internet zynisch bleiben, der Sachliche halt sachlich, der Intrigante wird auch hier hinter dem Rücken agieren usw. Und jeder hat natürlich auch sein Anliegen, weshalb er sich beteiligt.
Wenn ich dann lese, in welcher Weise einige in den Foren mit andersdenkenden umgehen und mir ausmale, daß diese Personen sich in ihrem realen sozialen Umfeld, in der Familie und ihren Kindern gegenüber in etwa genauso verhalten, dann graut es mich manches Mal. (Ich meine nicht dich damit, auch nicht Sie, Herr Schmidt und auch noch einige andere nicht.) Aber darüber wird wohl wenig oder gar nicht reflektiert. Für mein Empfinden geht es viel zu viel um das Verhalten des Kindes und viel zu wenig um die Beziehung zum Kind.

Gruß von Kim

Autor: Sabine (hinky) 
Datum:   01.08.01 23:41

Hallo Kim,

auch ich mag auch kein Schwarz-Weiß-Denken, wie du es beschreibst, und wie es in gewissen Foren zu finden ist. Ich finde es bedenklich, wenn mit der "Diagnose ADS" jegliche Selbstreflektion zu Ende ist und alles auf die Neurotransmitter geschoben wird. ADS ist eine genetische Disposition und
erklärt vieles, aber es nimmt niemandem Verantwortung ab.

ADS ist für mich die
Erklärung, warum ich manchmal "schwer erziehbare" Kinder habe. Die Probleme haben ein System. Und das finde ich in meiner Kindheit und noch in der Kindheit meiner Eltern und Großeltern wieder. Und es tut mir gut, dass das Ganze einen Namen hat, nämlich ADS. So weiß ich doch, dass wir lange nicht die einzige Familie sind, die diese Probleme hat. Dennoch werde ich mich um eine korrekte Erziehung bemühen. Aber ich habe eine Erklärung, warum sie oft nicht folgen und es ihnen nicht gelingt, sich angemessen zu benehmen. Ich muß also nicht verzweifeln, sondern nur wesentlich mehr Anstrengung aufbringen, um meine Kinder auf dem Weg ins Leben zu begleiten.

Es wird immer gerne übersehen, dass mit ADS auch positive Eigenschaften daherkommen. Ich bin mir dessen aber bewußt und das möchte ich auch meinen Kindern auf ihrem Weg mitgeben. Zu ihren Schwierigkeiten gehören eben auch Vorteile, die man aber erst nutzen kann, wenn man lebenstüchtig ist. Mein Ziel ist es, dass sie das alles
erkennen können.

Was den zwischenmenschlichen Umgang betrifft -
wer frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein!!! Jedem passiert mal ein Ausrutscher, und wenn mir der Ton von jemandem absolut nicht passt, dann brauche ich ja nicht drauf zu antworten. Ich habe aber keine Intentionen, hier missionarisch zu wirken. Ich habe genug damit zu tun, selbst in keine Fettnäpfen zu treten und das Familienklima vor meinen Ausrutschern zu bewahren.

Liebe Grüße,
Sabine

Autor: Kim 
Datum:   02.08.01 23:18

Hallo Sabine,

da ist einiges, was ich absolut nicht verstehe, und das ist keineswegs provokativ gemeint, sondern ich begreife es wirklich nicht.
Du schreibst, daß deine Kinder "manchmal schwer erziehbar" sind. Welche Kinder sind das nicht? Und dann sagst du, daß die Probleme "ein System" haben, das sich durch vorherige Generationen durchzieht. Auch das ist doch nichts besonderes und ohne die Annahme von ADS erklärlich. Auch in meiner Familie wiederholen sich bestimmte persönliche Eigenschaften und Persönlichkeitsstrukturen , im positiven und im negativen. Wieso sollte das ein Beleg für ADS sein?

Du schreibst selbst an anderer Stelle, daß die Diagnose "ADS" nicht von der Verantwortung entbindet, aber irgendwie schiebst du dann bestimmte Verhaltensweisen doch wieder auf ADS und erklärst sie damit. Wo ziehst du denn da die Grenze?

Und daß du auch positive Eigenschaften deiner Kinder unter ADS summierst, das kann ich nun kaum noch begreifen.
Natürlich haben deine Kinder und auch du bestimmt viele gute Eigenschaften, doch warum sollen die mit dem Begriff einer Neurotransmitterstörung namens ADS erklärt werden?
Ganz ehrlich, mich beschleicht da ein äußerst mulmiges Gefühl, wenn ich mir vorstelle, daß meine guten Eigenschaften, wie z.B. Hilfsbereitschaft, Einfühlungsvermögen, Kreativität, Sponaneität oder ähnliches (ich vermute mal, daß du so etwas meinst) auf ADS beruhen würden und nicht auf mir und meiner Persönlichkeit. Wo bleibt denn da die Identität, das ICH-Gefühl? Dann wäre ich nicht mehr Kim mit eigenen guten und schlechten Anteilen meiner Persönlichkeit, sondern ADS würde meine Persönlichkeit ausmachen.

Und du deutest in dem posting an Herrn Schmidt an, daß viele, die ADS ablehnen, selbst betroffen sind, deiner Meinung nach. Doch wie ist denn der Mensch beschaffen, der in deinen Augen kein ADS hat? Gibt es den überhaupt, oder bist du eher der Meinung, daß eigentlich jeder mehr oder weniger ADS hat? Nur dann wäre doch ADS keine Störung oder Krankheit mehr, dann wäre es "normal". (Dazu habe ich bei ADD-online unter "Re:Salutogenese" ja schon was geschrieben).

Ich bin mir persönlich nicht sicher, ob ich glaube, daß es ADS als Neurotransmitterstörung gibt (ehrlich gesagt, ich zweifel immer mehr daran), aber ADS als Erklärung für die Persönlichkeitsstruktur und für alle möglichen anderen psychischen und psychsomatischen Beschwerden halte ich nicht nur für überflüssig, sondern schlichtweg für falsch.

Gruß von Kim

Autor: Sabine (hinky) 
Datum:   03.08.01 16:40

Hallo Kim,

>Du schreibst, daß deine Kinder "manchmal schwer erziehbar" sind.
Das geht deutlich über das normale Maß hinaus. Beispiel: Normale Kinder kapieren, wenn sie sich ein- oder zweimal die Finger verbrannt haben, dass man einen heißen Herd nicht anfasst. Meine brauchen 10mal so oft.

>... die Probleme "ein System" haben, das sich durch vorherige Generationen durchzieht. ... Wieso sollte das ein Beleg für ADS sein?
Genau genommen kann das kein Beleg für die Existenz von ADS sein. Aber es ist ein Beleg dafür, dass, falls ADS existiert, es erblich ist, also genetisch bedingt. Darum spreche ich auch lieber von einer ADS-Disposition, als von ADS als Erkrankung.

>Du schreibst selbst an anderer Stelle, daß die Diagnose "ADS" nicht von der Verantwortung entbindet, aber irgendwie schiebst du dann bestimmte Verhaltensweisen doch wieder auf ADS und erklärst sie damit. Wo ziehst du denn da die Grenze?
Die Grenze zwischen Erklärung und Verantwortung? Wir alle müssen mit unserer "genetischen Programmierung" leben lernen. Wenn meine Kinder sich also in bestimmten Belangen schwer tun in ihrer Entwicklung, dann habe ich mit ADS eine Erklärung, brauche also nicht zu verzweifeln sondern nur fortfahren, sie angemessen zu fordern und fördern.

>Ganz ehrlich, mich beschleicht da ein äußerst mulmiges Gefühl, wenn ich mir vorstelle, daß meine guten Eigenschaften, wie z.B. Hilfsbereitschaft, Einfühlungsvermögen, Kreativität, Sponaneität oder ähnliches (ich vermute mal, daß du so etwas meinst) auf ADS beruhen würden und nicht auf mir und meiner Persönlichkeit. Wo bleibt denn da die Identität, das ICH-Gefühl? Dann wäre ich nicht mehr Kim mit eigenen guten und schlechten Anteilen meiner Persönlichkeit, sondern ADS würde meine Persönlichkeit ausmachen.
Ich bin tatsächlich der Ansicht, dass die ADS-Disposition diese positiven Eigenschaften mitbestimmt. Aber damit bestimmt ADS noch lange nicht deine Persönlichkeit. Welche einzelnen Eigenschaften bei dir besonders zum Tragen kommen, das macht deine Persönlichkeit aus. Vergleiche doch mal die ADS-Kinder, keins ist wie das andere. Dennoch haben sie viel gemeinsam, aber bei jedem in einer anderen Ausprägung.

>Doch wie ist denn der Mensch beschaffen, der in deinen Augen kein ADS hat? Gibt es den überhaupt, oder bist du eher der Meinung, daß eigentlich jeder mehr oder weniger ADS hat?
Ein Mensch ganz ohne ADS-Anteile in seinen Genen - darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, aber es müsste solche genau so geben, wie die mit extrem hohem ADS-Anteil. Ich denke, jeder hat mehr oder weniger ADS-Anteile in seinen Genen, manche eben so viel, dass sie die Probleme haben, die man dann nach den bekannten Kriterien diagnostizieren kann.

Darum bin ich auch der Ansicht, die ADS-Disposition an sich ist noch keine Krankheit, aber die Konflikte, die daraus mit dem sozialen Umfeld entstehen, können zu psychischen Erkrankungen führen. Wenn ein kluger Arzt dann weiß, dass die ADS-Disposition die Ursache von Aufmerksamkeitsstörungen oder Depressionen sein kann, dann kann er viel effektiver behandeln. Nicht, dass man die Suche nach Kindheitstraumata einstellt, aber es gibt eben auch noch andere Erklärungen, wenn man an der Stelle nichts findet.

Liebe Grüße,
Sabine

Autor: Kim 
Datum:   03.08.01 21:23

Hallo Sabine,
immer noch habe ich Fragen an dich.

Du schriebst:
"Genau genommen kann das kein Beleg für die Existenz von ADS sein. Aber es ist ein Beleg dafür, dass, falls ADS existiert, es erblich ist, also genetisch bedingt. Darum spreche ich auch lieber von einer ADS-Disposition, als von ADS als Erkrankung."

Wieso sollte das ein Beleg sein? Kennst du nicht den Begriff der "sozialen Vererbung", bzw. weißt du nicht, daß die Nachahmung beim Lernen und die Identifikationsprozesse mit den Eltern in der Entwicklung eine große Rolle spielen? Eine familiäre Häufung bestimmter Verhaltensmuster oder psychischer Auffälligkeiten sagt noch gar nichts über Vererbung aus.

Du schriebst:
"Ich bin tatsächlich der Ansicht, dass die ADS-Disposition diese positiven Eigenschaften mitbestimmt. Aber damit bestimmt ADS noch lange nicht deine Persönlichkeit. Welche einzelnen Eigenschaften bei dir besonders zum Tragen kommen, das macht deine Persönlichkeit aus. Vergleiche doch mal die ADS-Kinder, keins ist wie das andere. Dennoch haben sie viel gemeinsam, aber bei jedem in einer anderen Ausprägung."

Wieso sollte ich dazu "ADS-Kinder" vergleichen, warum nicht einfach nur "Kinder" Da trifft doch deine Aussage ganz genauso zu. Deswegen ja auch meine Frage, wie eigentlich Menschen oder Kinder für dich sind, die keine ADS-Anlage haben. Du hat darüner noch nicht nachgedacht, wie du schriebst, aber vielleicht tust du es noch und kannst mir dann antworten. Es interessiert mich nämlich ganz ehrlich.

Du schriebst:
"Wenn ein kluger Arzt dann weiß, dass die ADS-Disposition die Ursache von Aufmerksamkeitsstörungen oder Depressionen sein kann, dann kann er viel effektiver behandeln. Nicht, dass man die Suche nach Kindheitstraumata einstellt, aber es gibt eben auch noch andere Erklärungen, wenn man an der Stelle nichts findet."

Mit "effektiver Behandlung" meinst du wohl Ritalin plus eventuell Verhaltenstherapie. Findest du einen Arzt, der bei Ängsten z.B. Valium verschreibt, auch klug? Die Angst ist doch weg, also wäre die Behandlung sehr effektiv.Die "effektivste" Behandlung bei Schmerzen sind Schmerzmittel, bei Depressionen Antidepressiva usw. Also könnten wir es uns doch ersparen, nach Ursachen zu fragen und einfach die auftretenden Probleme mit den entsprechenden Mitteln wegmachen. Wenn ich nicht schlafen kann, nehme ich halt Schlafmittel, wenn ich jahrelang nicht schlafen kann, dann nehme ich sie eben jahrelang, wozu nach den Ursachen forschen?
Wo liegt der Unterschied zu der heutigen Praxis, mit dem Problem der Aufmerksamkeitsstörung umzugehen? Kannst du mir das erklären? Aber bitte führ nicht an, daß Ritalin ja so lange erprobt und so nebenwirkungsfrei sei, daß da die jahrelange tägliche Einnahme völlig unproblematisch sei. Denn es gibt definitiv keine langfristigen Untersuchungen darüber, was diese (immer häufiger werdende) "Behandlung" für Auswirkungen auf die seelische Entwicklung und die Identitätsfindung der Kinder hat.
Ich weiß aus anderen postings von dir, daß du dir da keine Sorgen machst, ich hingegen würde es tun und ich würde mir auch darüber Gedanken machen, warum Sammelklagen von Eltern in den USA gegen den Hersteller Novartis entstanden sind.
Und ich würde mir auch überlegen, was es für ein Kind und seine Seele bedeutet, wenn es aufwächst mit dem Etikett "ADS", "krank", "anormal" und ähnliches.

Soviel für heute
von Kim

Autor: Sabine (hinky) 
Datum:   04.08.01 16:01

Hallo Kim,

>Kennst du nicht den Begriff der "sozialen Vererbung", brw. weißt du nicht, daß die Nachahmung beim Lernen und die Identifikationsprozesse mit den Eltern in der Entwicklung eine große Rolle spielen? Eine familiäre Häufung bestimmter Verhaltensmuster oder psychischer Auffälligkeiten sagt noch gar nichts über Vererbung aus,

Da muß ich dir widersprechen, selbst Herr Schmidt stimmt mir darin zu, dass es
"wissenschaftliches Allgemeingut" ist, dass zwei Bedingungskomplexe die Unterschiede zwischen den Menschen bestimmen: 1. die ererbte Anlage, auch Veranlagung genannt, 2. der Umwelteinfluß

>Wieso sollte ich dazu "ADS-Kinder" vergleichen, warum nicht einfach nur "Kinder" Da trifft doch deine Aussage ganz genauso zu.
Alle Menschen sind verschieden, also auch alle Kinder. Diese Aussage ist unbestritten richtig.
Unser Problem ist, dass die eine sagt, es gibt
kein ADS, die andere sagt, mit dem Begriff ADS kann man eine bestimmte Gruppe von Menschen beschreiben, eine andere nicht. Und wenn ich dich jetzt bitte, die Gruppe von Menschen, die man mit ADS beschreibt, zu betrachten, und du sagst, es gibt kein ADS, dann haben wir keine gemeinsame Basis, auf Grund derer wir an dieser Stelle weiterdiskutieren können. Wäre es dir möglich, ohne die Existenz von ADS anzuerkennen, einmal die Gruppe von Kindern zu betrachten, denen man die Diagnose ADS gestellt hat? Falls ja, dann möchte ich gerne, dass du dein Augenmerk nicht nur auf die negativen Eigenschaften richtest, die zur Diagnose geführt haben, sondern auch mal schaust, ob da nicht auch positive Gemeinsamkeiten zu finden sind, die statistisch überrepräsentiert sind.

Du fragst, wie jemand ohne (oder mit wenig) ADS-Anlagen sein könnte:
Ich denke, das sind die Leute, die immer kontrolliert und ordentlich sind (kein Fleck in der Kleidung, immer passend gekleidet, sorgfältig frisiert). Und genauso sieht auch ihre Wohnung aus. Sie sind immer pünklich, stets geduldig, regen sich nie auf, tun was man von ihnen erwartet. Sie brauche keinen Riesenanlauf für ungeliebte Arbeiten, sondern gelten als fleißig. Ihnen fällt es leicht, sich in jeder Hinsicht anzupassen. Andererseits haben sie wenig Originalität, kaum Eigenarten und sie verändern sich nur, wenn die Anpassung es nötig macht.
Kannst du dir jetzt vorstellen, was ich meine?

>Mit "effektiver Behandlung" meinst du wohl Ritalin plus eventuell Verhaltenstherapie.
Nein, das meine ich nicht. Wenn man erkannt hat, wo genau die Schwierigkeiten herkommen, dann sollte man individuell zugeschnittene Maßnahmen ergreifen, um voranzukommen. Das kann Elterntraining sein, auch Familientherapie, Ergo-, Spiel- oder Verhaltenstherapie, aber auch Ritalin. Jedenfalls eine sinnvolle Kombination und nichts Pauschales. Individuelle Probleme brauchen auch eine individuelle Lösung.

>Die "effektivste" Behandlung bei Schmerzen sind Schmerzmittel, bei Depressionen Antidepressiva usw. Also könnten wir es uns doch ersparen, nach Ursachen zu fragen und einfach die auftretenden Probleme mit den entsprechenden Mitteln wegmachen.
Das ist eine zynische Betrachtungsweise, die du wohl nicht ernst meinst. Aber was tut ein Arzt, wenn er die Ursache des Leidens nicht zu finden oder auszuräumen vermag? Er wird den Patienten nicht nach Hause schicken, sondern zumindest versuchen, Linderung zu verschaffen. Was daran ist falsch?

Ich finde, bei ADS sollte man es genauso halten. Unabhängig davon, ob man die Ursachen nun kennt oder nicht, hat man empirisch und später wissenschaftlich nachprüfbar herausgefunden, dass Ritalin hilft. Wenn alle anderen Wege ausgeschöpft wurden, dann finde ich es in Ordnung, dieses Mittel in die Therapie einzubeziehen. Letzlich sollte man auch die negativen Konsequenzen bedenken, die es haben kann, wenn man von vornherein auf Ritalin verzichtet.

Was den letzen Abschnitt deines Postings betrifft, so bin ich ein wenig enttäuscht. Ich dachte, ich hätte in dir eine kluge Frau gegenüber, die sich informiert hätte. Die Sammelklage gegen Novartis war von den Scientologen angestrebt worden und wurde abgewiesen bzw. verloren. Die Langzeitwirkungen von Methylphenidat, wären sie wirklich so dramatisch, wie du befürchtest, würden verhindern, dass ein solches Medikament bei uns überhaupt zugelassen würde. Die ADS-Problematik lockt viele dunkle Elemente hervor, die hier eine Gelegenheit für lukrative Geschäfte wittern und zunächst die probaten Mittel verleumden. Darum sollte man nicht einfach alles glauben, was über Ritalin verbreitet wird. Es gibt
keine wissenschaftlich abgesicherten Aussagen über negative Langzeitwirkungen, sehr wohl aber wissenschaftliche Studien über die positive Wirkung.

Und um das seelische Wohl meiner Kinder brauchst du dich nicht zu sorgen, denn wir empfinden ADS nicht als krankmachende Etikettierung, weil wir eben wissen, dass es auch Gutes mit sich bringt.

Grüße,
Sabine

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   04.08.01 18:14

Hallo Sabine,
eines gleich vorweg: Kim ist aus meiner Erfahrung sogar eine sehr kluge und sehr gut informierte Frau! Wir sollten hier nicht immer so persönlich verletzend werden.

Die sog. "soziale Vererbung" gehört zu den Umwelteinflüssen. Damit bezeichnet man (nicht ganz korrekt) Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die in einer Familie über mehrere Generationen hinweg auftreten und deshalb wie genetisch vererbt wirken, es aber nicht sind. Sie werden nicht genetisch, sondern psychosozial weitergegeben ("vererbt").

Ansonsten geht es immer wieder in unserer Diskussion um die Grundfrage, wozu das Konzept ADS überhaupt nützlich sein soll. Darüber gehen unsere Ansichten offensichtlich stark auseinander. Ich und wohl auch Kim vertreten die Ansicht, dass man ADS als Konzept überhaupt nicht braucht, weil es derzeit keinen neuen Erkenntnisgewinn für Diagnostik und Therapie "Betroffener" erbringt. Im Gegenteil; dadurch, dass es als hirnstoffwechselbedingte, vererbbare Krankheit daher kommt, schadet es nur (ich habe dies ja hier an anderen Stellen schon ausführlicher dargestellt).
Alle Auffälligkeiten oder Verhaltensstörungen, die mit dem Konzept ADS zusammengefasst werden, können auch ohne dieses Konzept diagnostiziert und therapiert werden (habe ich auch im Einzelnen bereits erläutert).

Ein kleines praktisches Beispiel:
Wenn eine Familie mit dem 10jährigen Sohn Karl zu mir kommt, weil Karl in der Schule seit langem unkonzentriert, unruhig, frech zu Mitschülern und Lehrern ist, eine erst vor kurzem erkannte Lese-Rechtschreibschwäche hat und die Familiensituation durch die aktuelle Trennung der Eltern sehr angespannt ist, dann könnte ich nach weiteren Untersuchungen schnell sagen, Karl habe ADS, und das Ganze in einer angespannten Familiensituation. Dafür finde ich auch schnell einige ICD-Nummern, wenn es sein müsste (muss ja gottseidank bei mir nicht sein). Wenn mich dann Karl und seine Familie fragen, was ADS denn genau sei, müsste ich das ADS-Konzept inkl. seiner hirnfunktionellen Implikationen erklären. Karl wäre ab sofort medizinisch-psychiatrisch krank erklärt. Die Eltern wären einerseits geschockt, andererseits vielleicht aber auch erleichtert, weil das "Kind nun endlich einen Namen" hat und man jetzt nicht mehr Angst haben muss, dass man verantwortlich wäre für Karls Störungen. Man müsste höchstens ab sofort mit dieser Krankheit besser leben lernen und Therapien ansetzen, die diese Krankheit zu lindern versprechen (manchmal streiten die Eltern allerdings nun, von wem von ihnen Karl die Krankheit geerbt habe!). Karl müsste nun mit dem Gefühl weiterleben, dass es bei ihm "im Kopf nicht stimmt". Er verfällt vielleicht in eine depressive Reaktion, oder er verschlimmert sein Verhalten aus innerer Verzweiflung.

Ich gehe anders vor: die Krankheit ADS brauche ich nicht. Ich diagnostiziere bei Karl eine schwere Lese-Rechtschreibschwäche, die dadurch, dass sie sehr spät erkannt wurde, bereits zu sekundären Verhaltensstörungen geführt hat, aggraviert durch jahrelange Eheprobleme der Eltern bei aktueller elterlicher Trennung, unter der Karl seelisch leidet (depressive Reaktion mit Wut und Verzweiflung und Selbstwertproblematik; auch für diese Diagnosen fände ich leicht geeignete ICD-Nummern). Karl wäre nicht durch eine "ernste" Krankheit stigmatisiert. Die Diagnose belastet ihn also seelisch nicht noch zusätzlich. Als Behandlung schlage ich eine außerschulische Legasthenie-Behandlung vor, einhergehend mit einer Familientherapie zur Behebung der Familienprobleme. Vielleicht erhält Karl noch zusätzlich eine Kinderpsychotherapie. Diese Behandlung würde z.B. auch eine Medikation (Ritalin o.ä.) nicht grundsätzlich ausschließen, wenn sie nicht anschlüge oder Karls Verhaltensstörungen so extrem wären, dass Psychotherapie allein nichts fruchten kann. Aber das ADS-Konzept mit seinen negativen und unbewiesenen Implikationen hätten wir nicht benötigt.
Warum auch, fragt
H.-R. Schmidt

Autor: Sabine (hinky) 
Datum:   04.08.01 19:10

Hallo,

also mich würde es eher deprimieren, wenn ich alle diese Schwächen hätte und keiner kann mir sagen, was die Ursache ist. Mit ADS als durchgängigem Konzept habe ich eine handfeste Erklärung, die mir besser behagt.

Aber vom Grundsatz her bin ich erfreut zu lesen, dass Sie durchaus eine Behandlung mit Ritalin in Erwägung ziehen würden.

Der Aussage, dass ADS eine Gehirnkrankheit sei, mag ich sowieso nicht zustimmen. Sonst wären wohl Einstein und noch einige andere auch gehirnkrank gewesen.
Sie mögen erst gar nicht der Existenz von ADS zustimmen, weil Sie meinen, dass es die Patienten zu sehr belaste.

Warum gehen Sie nicht meinen Weg und suchen auch mal nach den guten Seiten. Wie ich schon an Kim schrieb, wir sollten die Gruppe von Kindern, die diese Diagnose haben, einmal unvoreingenommen betrachten und nach den positiven Eigenschaften suchen.

Grüße,
Sabine

Autor: Kim 
Datum:   04.08.01 20:13

Hallo Sabine,

es wird ja langsam ein recht intensives Gespräch und wir scheinen uns ja in einigen Punkten zumindest durchaus auch anzunähern oder uns zumindest zu verstehen.
Zu deinen Aussagen im einzelnen:

>> Eine familiäre Häufung bestimmter
>> Verhaltensmuster oder psychischer Auffälligkeiten sagt noch gar
>> nichts über Vererbung aus,
>
> Da muß ich dir widersprechen, selbst Herr Schmidt stimmt mir
> darin zu, dass es
>
"wissenschaftliches Allgemeingut" ist, dass zwei
> Bedingungskomplexe die Unterschiede zwischen den Menschen
> bestimmen: 1. die ererbte Anlage, auch Veranlagung genannt, 2.
> der Umwelteinfluß

Wo ist der Widerspruch? Gerade WEIL sowohl Anlage als auch Umwelt die Entwicklung bestimmen, kann eine familiäre Häufung nicht als Zeichen der Erblichkeit gedeutet werden.

>
> Wäre es dir möglich, ohne die
> Existenz von ADS anzuerkennen, einmal die Gruppe von Kindern zu
> betrachten, denen man die Diagnose ADS gestellt hat? Falls ja,
> dann möchte ich gerne, dass du dein Augenmerk nicht nur auf die
> negativen Eigenschaften richtest, die zur Diagnose geführt
> haben, sondern auch mal schaust, ob da nicht auch positive
> Gemeinsamkeiten zu finden sind, die statistisch
> überrepräsentiert sind.
>
Oh ja, nur zu gerne! Denn jetzt kommen wir der Sache doch viel näher. Schauen wir uns die Kinder an, die auffällig sind und vergessen wir ADS:
Ich stimme dir zu, daß es sich bei den Kindern oft um sensible und überdurchschnittlich begabte Kinder handelt, die dadurch auch auf alle möglichen Einflüsse besonders sensitiv reagieren. Da ist ein erhöhtes Gespür für Spannungen aller Art, sei es familiärer Art, sei es Über- oder Unterforderung, vorhanden. Daß eine derartige Sensibilität eine Menge positiver Eigenschaften entwickelt, liegt auf der Hand. Nach deinen postings kann es gut sein, daß deine Kinder dazu gehören. Daneben wird es aber auch die Kinder geben, die unterdurchschnittlich begabt sind, die aufgrund der sozialen und familiären Probleme zu genau denselben Verhaltensweisen neigen, die du ADS nennst.
Ich kann mir viel eher vorstellen, daß das, was du ADS nennst, eine Art undifferenzierter Reaktion auf Streß der unterschiedlichsten Art sein könnte.

> Du fragst, wie jemand ohne (oder mit wenig) ADS-Anlagen sein
> könnte:
> Ich denke, das sind die Leute, die immer kontrolliert und
> ordentlich sind (kein Fleck in der Kleidung, immer passend
> gekleidet, sorgfältig frisiert). Und genauso sieht auch ihre
> Wohnung aus. Sie sind immer pünklich, stets geduldig, regen
> sich nie auf, tun was man von ihnen erwartet. Sie brauche
> keinen Riesenanlauf für ungeliebte Arbeiten, sondern gelten als
> fleißig. Ihnen fällt es leicht, sich in jeder Hinsicht
> anzupassen. Andererseits haben sie wenig Originalität, kaum
> Eigenarten und sie verändern sich nur, wenn die Anpassung es
> nötig macht.
> Kannst du dir jetzt vorstellen, was ich meine?

Ja, das kann ich mir nun vorstellen. Und ich kenne persönlich niemanden, der so ist. Nach dieser "Definition" habe ich ADS hoch 3 und auch alle meine Freunde und Bekannten.
Doch ich würde viel eher die Personen, die du hier als "ADS-frei" beschreibst, als zwanghafte Persönlichkeiten mit wesentlich mehr "Krankheits"-Anteilen beschreiben als die, die du ADS-ler nennst. Oder noch plakativer: als Roboter, als nicht menschlich.

> Individuelle
> Probleme brauchen auch eine individuelle Lösung.

Mein Reden! Ich stimme dir da uneingeschränkt zu.
Nur gerade das geschieht nicht bei der gängigen Praxix im Umgang mit "ADS". Und speziell hier im Internet geschieht es nicht, wie du an den Antworten ablesen kannst, wenn mal andere Behandlungsmöglichkeiten angesprochen werden.


> Das ist eine zynische Betrachtungsweise, die du wohl nicht
> ernst meinst. Aber was tut ein Arzt, wenn er die Ursache des
> Leidens nicht zu finden oder auszuräumen vermag? Er wird den
> Patienten nicht nach Hause schicken, sondern zumindest
> versuchen, Linderung zu verschaffen. Was daran ist falsch?

Daran ist solange nichts falsch, solange man nicht aufhört, nach den Ursachen des Leidens zu suchen. Nur auch das ist bei "ADS" die gängige Praxis, wenn man eine neurobiologische Ursache postuliert. Man sucht dann nicht mehr nach anderen Möglichkeiten und wehrt sich vehement gegen andere Ansätze, wie du hier und in anderen Foren sehen kannst.

>
> Was den letzen Abschnitt deines Postings betrifft, so bin ich
> ein wenig enttäuscht. Ich dachte, ich hätte in dir eine kluge
> Frau gegenüber, die sich informiert hätte. Die Sammelklage
> gegen Novartis war von den Scientologen angestrebt worden und
> wurde abgewiesen bzw. verloren.

Weißt du, diese immerwährende Verbindung zwischen Ritalinkritik und Scientologen hier im Internet geht mir langsam auf die Nerven. Du kannst sicher sein, daß ich die Organisation der Scientology Church in höchstem Maße ablehne und z.T. gefährlich finde. Dennoch würde ich nicht alle Meinungen, die dort vertreten werden, als deswegen schlecht oder falsch ansehen, NUR WEIL sie dort geäußert werden. (Ich sage auch nicht, Tom Cruise ist ein schlechter Schauspieler, nur weil er Scientologe ist.) Nein, ich mache mir lieber selbständig meine Gedanken. (nebenbei bemerkt habe ich mich immer schon gefragt, warum die Scientologen gegen Ritalin eingestellt sind, und habe nur bei den hypies von Michael unter http://www.hypies.de/Bretter/theo_frm.htm (Augenringe und Scientologen) eine halbwegs plausible Erklärung gefunden).
Ob nun die Sammelklage von Scientologen geführt wurde oder ob es sich dabei um ein willkommenes Vorurteil handelt und nicht doch zum großen Teil unabhängige Eltern diese Klage angestrebt haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich habe mich allerdings auf einen Artikel des Handelsblattes:
"Los Angeles - Drei Sammelklagen sind in den USA gegen die Novartis AG eingereicht worden, meldet das "Handelsblatt". Wie die Zeitung berichtet, verlangen Eltern von Ritalin-Konsumenten Schadenersatz in Milliardenhöhe. Ritalin als Mittel gegen Aufmerksamkeitsstörungen wird demnach zunehmend missbraucht. Novartis wird von den Klägern vorgeworfen, das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom viel zu breit definiert zu haben. (ryk)"
Und meines Wissens ist die Klage ganz und gar nicht "verloren", sondern sie ist aus juristischen Gründen bisher gar nicht zur Verhandlung gekommen. Ob da nun erneut Klage eingereicht worden ist oder werden wird, wo die Klagpunkte präziser und juristisch greifbar formuliert wurden, weiß ich nicht. Aber das hat nichts damit zu tun, wer nun "Recht" bekommen hat.
Außerdem geht es mir nicht um die juristische Seite, denn ich bezweifel, daß man einen Pharmakonzern dafür belangen kann, daß sein Produkt mißbräuchlich eingesetzt wird. Das steht dann doch viel eher in der Verantwortung der Ärzte. Aber die Tendenz ist doch hier in Deutschland nicht mehr zu übersehen, daß genau das passiert.
Dazu paßt auch ein posting bei Eltern: http://www.eltern.de/forum/hyperaktiv/996928731.phtml

> Die Langzeitwirkungen von
> Methylphenidat, wären sie wirklich so dramatisch, wie du
> befürchtest, würden verhindern, dass ein solches Medikament bei
> uns überhaupt zugelassen würde.

Also ich habe da nicht so großes Vertrauen in die Pharmaindustrie und die Zulassungsbehörden wie du.
Ich erinnere da an den Contergan-Skandal, daran, daß immer wieder negative Langkeitwirkungen auch bewährter Medikamente festgestellt werden (Novalgin z.B.) und daß es auch immer wieder vorkommt, daß Medikamente wieder vom Markt genommen werden müssen, wegen gravierender Folgeerscheinungen (z.B. Appetitzügler). Nur dazu müssen meist erst mehrere Menschen sterben. Das mag bei Ritalin nicht ganz so dramatisch sein, obwohl ich auch schon von vereinzelten Todesfällen in Zusammenhang mit bestehenden Herzerkrankungen gehört habe (bitte frage nicht nach der genauen Quelle, es ist mir so in Erinnerung), doch mir ging es ja in erster Linie um die eventuelle Beeinträchtigung der psychischen Entwicklung der Kinder, die jahrelang mit Ritalin behandelt werden. Und dazu gibt es eben keine Untersuchungen.

> Und um das seelische Wohl meiner Kinder brauchst du dich nicht
> zu sorgen, denn wir empfinden ADS nicht als krankmachende
> Etikettierung, weil wir eben wissen, dass es auch Gutes mit
> sich bringt.
>

Ich sorge mich nicht speziell um deine Kinder, ich sorge mich aber schon um die immer mehr werdenden Kinder, die schon im Vor- und Grundschulalter mit schweren Psychopharmaka behandelt werden.
Ich glaube dir auch, daß du ADS nicht als Etikettierung mit einem Krankheitsbegriff ansiehst, vielleicht sogar im Gegenteil, aber das ist ein ganz anderes Thema und sollte mal in einem neuen thread besprochen werden.
Ob aber die Kinder (ich meine gar nicht speziell deine) das auch so "locker" sehen, wage ich zu bezweifeln, denn ich lese doch immer wieder, daß es den Kindern peinlich und unangenehm ist, vor den anderen ihre Tabletten zu schlucken, daß sie lieber verheimlichen möchten, daß sie "ADS" haben usw. Und was das dann in den Kinderseelen für Folgen hat, darüber mache ich mir Gedanken und Sorgen.

Gruß von Kim

Autor: Sabine (hinky) 
Datum:   05.08.01 11:04

Hallo Kim,

wir sind mit unseren Ansichten gar nicht soweit auseinander *g*. Und ich kann durchaus damit leben, dass du manches anders siehst als ich, denn das, was du denkst, ist wohlbegründet.

>Gerade WEIL sowohl Anlage als auch Umwelt die Entwicklung bestimmen, kann eine familiäre Häufung nicht als Zeichen der Erblichkeit gedeutet werden.
Aber es kann genausowenig
nur auf die soziale Vererbung geschoben werden. Ich denke, beides hat seinen Anteil, und wieviel genau das eine und das andere ausmacht, das ist noch nicht sicher bekannt.

BTW: es gibt Studien, nicht unbedingt über die ADS-Eigenschaften, aber über beispielsweise Kriminalität, die feststellen, das bei adoptierten Kindern das Kriminalitätsrisiko deutlich höher ist, wenn die leiblichen Eltern auch kriminell sind. Es ist noch einmal erhöht, wenn auch die Adoptiveltern kriminell sind. Nebenbei ergibt sich noch ein anderes Ergebnis, nämlich, dass Jungen durch die soziale Umgebung deutlich mehr beeinflußt werden, als Mädchen. Leider weiß ich die Quelle nicht mehr

>Ich kann mir viel eher vorstellen, daß das, was du ADS nennst, eine Art undifferenzierter Reaktion auf Streß der unterschiedlichsten Art sein könnte.
Ja, das kann unter Anderem ein Grund sein. Aber ich frage mich, was diesen Stress auslöst. Ich denke, diese Kinder stehen von Anfang an
irgendwie unter Strom, sind Schreibabys, schlafen (zu) wenig, manche spucken, ... Woher kommt das, wenn Schwangerschaft und Geburt völlig normal verliefen?

Was die ADS-freien Menschen betrifft, ich finde sie auch Langweiler Hoch 3, es gibt sie auch nur sehr selten. Ich hatte da aber durchaus jemanden vor Augen ...
Nur Freundschaft schließen könnte ich mit so jemandem eher nicht. Und meistens werden sie tatsächlich übersehen, weil sie so unauffällig sind. Und es gibt sie wohl nur in so geringer Zahl, wie es von ADS heftig Betroffene gibt ...

>> Individuelle Probleme brauchen auch eine individuelle Lösung.
>Nur gerade das geschieht nicht bei der gängigen Praxix im Umgang mit "ADS". Und speziell hier im Internet geschieht es nicht, wie du an den Antworten ablesen kannst, wenn mal andere Behandlungsmöglichkeiten angesprochen werden.

Was hier im Internet an Laienbeiträgen gebracht wird, darf man nicht verwechseln mit dem, was die behandelnden Ärzte dahinter bedenken und verordnen. Jeder Betroffene gibt nur das wieder, was er bereits verinnerlicht hat. Und da wird nun einmal ganz schnell pauschaliert.
Ich erlaube mir aufgrund der Internetbeiträge der Betroffenen kein Urteil darüber, wie die konsultierten Ärzte tatäschlich arbeiten. Das könnte ich erst, wenn ich mit ihnen selbst einen Dialog geführt habe.

Ritalinmißbrauch: Dass wir hier noch keine "amerikanischen Verhältnisse" haben, finde ich erfreulich, und wir sollten auch dafür kämpfen, dass es so bleibt. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass dort zu oft und auch fälschlicherweise Ritalin eingesetzt wird. Das ist aber für mich kein Grund, das Medikament an sich abzulehnen, sondern nur immer wieder kritisch dessen Handhabung zu überprüfen.
Ich sehe durchaus die Gefahr, dass man unbequeme Schüler schnell loswerden will, entweder mit Ritalin oder an die Sonderschule. Das ist eine gesellschaftspolitische und schulpolitische Frage, und es ist niemandem damit gedient, wenn wir uns gegenseitig polemisch niedermachen im Streit um Ritalin anstatt gemeinsam an einem Strang zu ziehen im Kampft für unsere Kinder. Zusätzlich sollten die betroffenen Eltern ihr diplomatisches Geschick aktivieren und bei Lehrern ganz viel Werbung für ihr Kind machen, versuchen, dort im Kleinen einen tragbaren Konsens herzustellen und auch mal schlucken, wenn es heißt, ihr Kind sei un...(...gezogen, ...artig, ...folgsam, etc.) und nicht sofort den Druck an das Kind weitergeben.

>Also ich habe da nicht so großes Vertrauen in die Pharmaindustrie und die Zulassungsbehörden wie du.
Tja, Contergan wurde nach Bekanntwerden sofort vom Markt genommen, wer Novalgin nimmt, ist sich dessen bewußt, dass es verheerende Folgen haben kann, usw.
Es gibt immer ein Restrisiko, man handelt sich bei jeder medizinischen Intervention neben den erwünschten Folgen auch unerwünschte ein. Man muß vorher versuchen abzuschätzen, welches Risiko das größere ist, die Nebenwirkungen oder keine Behandlung. Kalkuliertes Risiko nennt man das, ein Restrisiko bleibt immer. Aber das Risiko, wenn man nicht alle Fakten sorgfältig in seine Überlegungen einbezieht, ist allemal deutlich höher.

>denn ich lese doch immer wieder, daß es den Kindern peinlich und unangenehm ist, vor den anderen ihre Tabletten zu schlucken, daß sie lieber verheimlichen möchten, daß sie "ADS" haben usw. Und was das dann in den Kinderseelen für Folgen hat, darüber mache ich mir Gedanken und Sorgen.
Ich glaube auch, dass manche Eltern diese "Krankheit ADS" sehr ernst nehmen und dementsprechend Schaden anrichten. Aber hast du mal überlegt, wie es den Kindern ohne Ritalin gehen würde? Allein die Einnahme von Ritalin schafft graphomotorische Probleme fort, negatives Feedback wie "kannst du denn nicht endlich mal ..." unterbleibt, gemeinsames Spielen ist möglich ... Das sind doch auch deutliche Vorteile, die die Seele der Kinder erleichtert.
Zum 5. Geburtstag meiner Zwillinge kamen von 10 eingeladenen Kindern gerade mal 2, nämlich die Kinder von meinen Freundinnen. Aus dem Kindergarten wollte keines kommen. Das war bitter! Zum 6. Geburtstag meiner Kinder (nach 7 Monaten Ritalin) kamen alle, die eingeladen wurden.

Grüße,
Sabine

Autor: Kim 
Datum:   06.08.01 01:17

Hallo Sabine,

auch wenn wir uns in manchen Dingen anzunähern scheinen, so ist doch der grundlegende Unterschied, daß du an das Syndrom ADS glaubst, und ich nicht, und schon gar nicht in dieser von dir vertretenen komplexen Weise.
Ich habe dein Posting im "gelben Forum" (Antwort an Harald) gelesen und mich gefragt, warum du anderen Menschen erst dann Verständnis entgegenbringen kannst, wenn du als Ursache ihres Soseins ADS annimmst. Und warum du schreibst, daß ADS-ler zurückschrecken, wenn sie das Wort Therapeut hören; ich kenne viele Menschen, die davor zurückschrecken, ohne ADS-ler zu sein. Allerdings wären sie in deinen Augen wohl welche, nur damit sind wir wieder am Ausgangspunkt, daß für dich so gut wie alle irgendwie ADS-ler sind, für mich eben nicht. Aber deine postings würden genausoviel (oder noch mehr?) Sinn machen, wenn du die Beziehung zu ADS in deinen Aussagen einfach jeweils wegließest. Deswegen frage ich mich eigentlich immer noch: wozu brauchst du ADS ?

Und daß du mit mir übereinstimmst, daß wir hier gegensteuern müssen, um nicht bei der Ritalin-Verschreibungs-Praxis uns den amerikanischen Verhältnissen anzunähern, das freut mich. Dennoch frage ich dich, wie denn, wenn alle Kritiker oder Warner so fertiggemacht werden wie es im Internet geschieht. Wie gegensteuern, wenn die Medien derartig oberflächliche Berichterstattungen liefern wie gerade eben in SAT 1, wo natürlich jede gestreßte Mutter jetzt alles daran setzen wird, dieses "Medikament" zu bekommen. Wie gegensteuern, wenn ich an anderer Stelle lese, daß nicht mal die Beipackzettel gelesen werden und daß Ritalin als weniger bedrohlich als Aspirin dargestellt wird. Ich weiß es wirklich nicht und ich glaube nicht, daß wir da gegensteuern können. Meine Prognose ist, daß es immer mehr Verschreibungen geben wird, und daß wir in einigen Jahren genau diese amerikanischen Verhältnisse haben. Und jeder, der sich nur oberflächlich mit der Thematik beschäftigt, der trägt dazu bei. Genau wie jeder dazu beiträgt, der die Menschen nicht ernst nimmt, die dagegensteuern wollen, indem sie andere Lösungsvorschläge sehen oder anbieten. Ich persönlich glaube, man sollte die Verabreichung von Ritalin auf die wirklich sehr schwierigen Fälle beschränken, wo keine anderen Maßnahmen greifen, und ich glaube nicht, daß alle, die hier Ritalin ihren Kindern geben und es selbst nehmen, dazu gehören. Auch die Fälle, die mir persönlich bekannt sind, würde ich nicht dazuzählen.
Und der Begriff "ADS" entwickelt sich immer mehr zu einer Art Allrounddiagnose, die mit einem Schlag sämtliche Probleme erklärt und aus der eigenen Verantwortung herauslöst. Nur so kann ich mir auch erklären, warum die meisten gar nicht traurig über die Diagnose sind. Und die Tatsache, daß dann natürlich Ritalin verschrieben und genommen wird, wird auch eher freudig aufgenommen, und nicht etwa mit einem mulmigen Gefühl, wie ich es in so einem Fall hätte.
Daß ich dann aber auch schon gelesen habe, daß genau diese Personen sich darüber beklagt haben, daß den Ärzten bisher nichts anderes einfiel, als Depressionen zu diagnostizieren und Antidepressiva zu verschreiben, das werde ich wohl nie verstehen.
Aber ich muß ja auch nicht alles verstehen und ich denke, wir sind inzwischen auch ziemlich klar in unseren Positionen, so daß wir an dieser Stelle keine weiteren Diskussionen brauchen.
(Wann fängt endlich mal jemand einen neuen Thread an?!)

Grüße von Kim

Autor: Sabine (hinky) 
Datum:   06.08.01 17:44

Hallo Kim,

>Deswegen frage ich mich eigentlich immer noch: wozu brauchst du ADS ?
Ich brauche es nicht, ich habe es. Das unterscheidet uns eben - du glaubst nicht daran. Und, schlimm? Ich kann damit leben und bin dir nicht böse deswegen.

>daß Ritalin als weniger bedrohlich als Aspirin dargestellt wird
Mir scheint es ungefähr gleich riskant zu sein wie Aspirin. Was die Verschreibungspraxis angeht, so stört mich nicht die Menge der verschriebenen Medis, sondern ich möchte, dass Methylphenidat weiterhin
nur nach sorgfältiger Diagnose verordnet wird. Aber dass eben auch andere langfristige gesellschaftspolitische und schulpolitische Maßnahmen ergriffen werden.

Du klagst, dass die Ritalingegner
"so fertiggemacht werden". Das passiert immer dann, wenn sie ihre Argumente von den Scientologen und Algenverkäufern abschreiben ... Ich habe schon etliche Ritalingegner gefragt, ob sie mir einen Fall nennen können, wo ärztlich verordnetes Ritalin zur Sucht führte, aber sie bleiben mir stets die Antwort schuldig. Kennst du einen? Komm mir jetzt aber bitte nicht mit irgendwelchen Presseveröffentlichungen, ich möchte wissenschaftlich abgestütztes Material haben.

>Und der Begriff "ADS" entwickelt sich immer mehr zu einer Art Allrounddiagnose, die mit einem Schlag sämtliche Probleme erklärt und aus der eigenen Verantwortung herauslöst
Ich schon geschrieben, das es einen Unterschied zwischen Erklärung und Verantwortung gibt. An dieser Stelle sind die Argumente bereits getauscht worden ...

>daß genau diese Personen sich darüber beklagt haben, daß den Ärzten bisher nichts anderes einfiel, als Depressionen zu diagnostizieren und Antidepressiva zu verschreiben, das werde ich wohl nie verstehen.
Diese Person hat sich zum einen darüber beklagt, dass manche Ärzte gleich Antidepressiva verschreiben
ohne sich darum zu kümmern, wo die Ursache der Depris herkommen könnte. Zum anderen hat sie über die andere Sorte Ärzte, die zunächst Ursachenforschung betrieben, beklagt, weil ihre Vorgehensweise unsensibel und letztlich erfolglos war.

So sind jetzt unsere Standpunkte geklärt, und dies ist mein vorletztes Posting in diesem Forum.

Grüße,
Sabine

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   28.08.01 23:10

Hallo liebe Gäste,
dass zu diesem Hauptthema momentan keine Beiträge mehr kommen, bedeutet natürlich nicht, dass die Frage, ob es so etwas wie ADS, ADD, ADHS, POS oder wie auch immer gibt oder nicht, beantwortet wäre.
Im Grund kreisen ja alle Themen dieses Diskussionscafe´s um diese Frage, obwohl man hier natürlich auch jedes beliebige andere interessante psychsoziale Thema diskutieren kann (und davon gibt es ja unendlich viele!).

Immer wieder erschreckt mich beim Thema ADS nach wie vor, mit welcher Überzeugung die dünne wissenschaftliche Forschungslage als endgültige Glaubenslehre verbreitet wird.
Ich möchte noch einmal in Erinnerung rufen, dass

1.) es keinen wissenschaftlichen Beleg für die Zuverlässigkeit, Gültigkeit und Objektivität der gegenwärtigen ADS-Diagnostik und des ADS-Syndroms gibt. Die Diagnose wird gegenwärtig überwiegend anhand schwammiger, vieldeutiger und beobachterabhängiger Verhaltensbeschreibungen getroffen, obwohl eine Hirnstoffwechselstörung als eindeutiges Diagnosekriterium behauptet, aber nicht verwendet wird;

2.) die sog. Dopamintheorie des ADS (ADS sei eine Neurotransmitter-Störung) bisher lediglich in 2 Studien mit nur wenigen Versuchspersonen und nur bei Erwachsenen überprüft wurde. Die Studien machen keine exakten Angaben darüber, wie die Diagnose ADS ihrer Versuchsperonen zustande kam. Die Autoren der Studien sagen selbst, dass erst noch an größeren Kollektiven überprüft werden müsse, welchen diagnosespezifischen Wert ihre Befunde haben;

3. es also noch keinerlei Nachweis dieser Dopamintheorie an Kindern mit ihrer unreifen Hirnentwicklung gibt. Der Schluss von extrem auffälligen Erwachsenen auf Kinder ist aus vielen Gründen sehr problematisch. Der Zusammenhang der besagten Hirnstoffwechselprozesse mit "ADS-typischen" Verhaltensweisen bleibt völlig fraglich.
Die Schizophrenie-Forschung, die sich auch seit langem mit der Dopamintheorie beschäftigt, macht deutlich, wie schwierig und unsicher biochemische-neurologische-hirnfunktionelle Theorie und Forschung sich derzeit noch zeigen;

4. andere Diagnoseschemata (wie "Wahrnehmungsstörungen", "Teilleistungsstörungen", "Neurosen", "Reaktive Verhaltensstörungen" etc.) viel besser empirisch belegt und praktisch bewährt sind und bei ihrer Verwendung das ADS-Konzept einschließlich seiner Hirnfunktionsstörungs-Implikationen und seiner eklatanten Ausblendung psychodynamischer (Mit-)Verursachungen überflüssig ist;

5. es eine hohe Fehlerrate in der ADS-Diagnostik geben wird, die nicht nur die Falschdiagnostik anderer Störungen mit ähnlicher oder identischer Symptomatik bedeutet, sondern auch einen leichtfertigen Umgang mit stark wirkenden Psychopharmaka und deren ungewissen Langzeitauswirkungen bei Kindern nach sich zieht.

In diesem kritischen Sinne mit Gruß,
H.-R. Schmidt

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   29.08.01 19:35

Liebe Antje,
wie gesagt, halte ich mich wegen der sehr schlimmen Erfahrungen, die ich im Dagmar-Forum gemacht habe (Sie können mir das wirklich glauben mit den Drohbriefen, Viren, etc. Einer der Drohbriefe ist bei hypies.de noch veröffentlicht bei Michael), weitgehend aus anderen Foren heraus. Nur einige wenige Male habe ich einen Beitrag wo anders gesetzt, so auch den Bonney-Artikel. Ich habe dann aber gar nicht mehr nachgeschaut, welche Reaktionen eingingen, das interessiert mich einfach nicht mehr. Deshalb habe ich auch Ihre Fragen nicht gelesen.
Das habe ich heute nachgeholt und möchte Ihnen natürlich gerne antworten. Aber am Besten, Sie kommen in Zukunft direkt hier ins Cafe´, wenn wir miteinander diskutieren sollen, Sie sind jederzeit herzlich willkommen. Hier habe ich den Bonney-Beitrag ja auch veröffentlicht, und wenn Sie da gefragt hätten, hätte ich Ihnen natürlich sofort antworten können.

Nun zu der Bonney-Studie: Man muss solche Studien nicht überbewerten. Aber diese hier zeigt, dass in Familien, in denen die Kommunikation gestört ist, eine Kommunikationsverbesserung ADS-typische Symptomatiken bessern kann. Die Kinder waren in der Nachuntersuchung "unauffällig", zeigten also keinerlei Verhaltensstörungen mehr, wie sie für ADS typisch sein sollen.
Dass die innerfamiliäre Kommunikation gestört ist, merkt man oft selbst gar nicht mehr so richtig. Das fällt dann ausserfamiliären Leuten eher auf als einem selber. Es funktioniert ungefähr so, dass die Mutter etwas zum Kind sagt, das Kind nicht reagiert oder es gleich wieder vergisst, woraufhin die Mutter ärgerlich oder vorwurfsvoll reagiert, ihre Aussage (nun schon ärgerlicher) wiederholt, das Kind den Vorwurf spürt, erst recht nicht reagiert oder sofort wieder vergisst, und so fort. So geht es oft jahrelang, so dass sich die Beziehungen schon sehr verhärtet haben und das Kind bereits aggressiv, selbstunsicher, oppositionell etc. geworden ist.
Durch die in der Studie beschriebene Vorgehensweise (wobei natürlich nicht nur das reine Anfassen und Aufmerksamkeitswecken praktiziert wurde, sondern ein freundlicher, echt wohlwollender Ton von seiten der Eltern wieder eingeübt wurde) fühlten sich die Kinder endlich wieder einfühlsam, vorwurfsfrei und liebevoll akzeptiert, sie wurden als Folge davon wieder kooperativer, und das hat zusammengenommen dann die Familienbeziehungen wieder verbessert und zum Verschwinden der Verhaltensstörungen geführt.
So ist die Studie aus meiner Sicht zu verstehen.
Natürlich ist das auf den ersten Blick alles fast selbstverständlich, mag man sagen. Sowas praktiziere ich seit langem, und es nützt nichts, sagen andere. Ich glaube, das reine Anfassen ist es eben nicht (das Anfassen kann die Kinder ja sogar emotional verletzen), sondern die emotionale Wärme, die Geduld, das wohlwollende Akzeptieren der Kinder, verbunden mit dem Anfassen. Wenn das verloren gegangen ist (was man, wie gesagt, oft gar nicht so leicht selber merkt), ist die Grundlage für Verhaltensstörungen gelegt.

Mit Gruß, H.-R. Schmidt

Autor: Antje 
Datum:   29.08.01 21:24

Guten Abend Herr Schmidt

Danke für ihre Antwort, wenn sie AntwortenFragen zu ihrem Beitrag
bei Dagmar garnicht mehr gelesen haben, konnten Sie natürlich nicht wissen
das ich was gefragt habe.

Den B.-Artikel hatte ich hier nicht gelesen sonst hätte ich Ihnen sicher
meine Frage schon hier gestellt, komme leider nicht dazu immer alles zu lesen.

Das Sie solche schlechten Erfahrungen gemacht haben (Drohbriefe, ect)
kann ich kaum glauben da ich dort nur nette Menschen kennen gelernt habe,
aber nun gut darüber wollen wir ja auch nicht diskutieren und schon gar nicht
streiten

So nun noch mal zum Artikel wenn ich darf!?

Das hört sich schon etwas anders an, leuchtet mir auch durchaus ein wie
solche Beziehungsprobleme entstehen können.
Was ist aber---nun hoffe ich das ich es schaffe mich verständlich auszudrücken--
wenn das Kind all diese Verhaltensweisen, also aggressiv, oppositionel ect.,
schon hatte bevor es überhaupt laufen konnte???

Und die Eltern nicht so wie oben beschrieben auf das Kind reagieren.
Sondern viel Liebe, Geduld, Grenzen setzen ect., ---das die Eltern irgendwann
so reagieren wie in ihrem Beispiel ist ja dann auch nur zu verständlich----
Aber die eigentliche Ursache kann es dann ja nicht gewesen sein, wenn das
Kind vorher schon so war.

Was meinen Sie dazu?

Freundliche Grüße Antje

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   29.08.01 22:09

Liebe Antje,
zu Ihrer Frage: Wenn ein Kind bereits im ersten Lebensjahr oder sogar von Geburt an extrem "aggressiv" oder "oppositionell" ist, dann ist es meist ein geistig behindertes Kind mit einem in der Regel feststellbaren hirnorganischen Defekt.
Auch die sog. "Schreikinder" sind entweder neurologisch unreif und/oder früh bindungsgestört.
Sicher gibt es auch Kinder mit angeborenen Hirnfunktionsstörungen. Das weiss man schon ziemlich lange, obwohl man noch nicht viel über die genauen Vorgänge im Hirn dabei weiss. Die Dopamintheorie, auf der das ADS-Konzept ja auch aufbaut (aber nicht nur das, auch bei anderen psychiatrischen Krankheiten forscht man in dieser Richtung) ist eine der wichtigen gegenwärtigen Forschungshypothesen in diesem Zusammenhang. Die Betonung dabei liegt auf "Hypothese". Damit will ich wiederholen, dass für die massenhafte Alltagsdiagnose "ADS", wie wir sie derzeit erleben, die bisherigen Forschungsergebnisse einfach nicht taugen.

Um einem verhaltensgestörten Kleinkind und seinen Eltern helfen zu können, gibt es andere, seit langem bewährte Hilfsmöglichkeiten. Dazu braucht man in der Alltagspraxis das ADS-Konzept überhaupt nicht. Es bringt keinerlei neue Hilfsmöglichkeiten oder diagnostische Erkenntnisse, die man nicht auch sonst schon hatte. Es macht Eltern nur allzuoft völlig grundlos "weiss", ihr Kind hätte eine irreparable Hirnfunktionsstörung, die mit Methylphenidat korrigiert werden müsse.

Mit Gruß, H.-R. Schmidt

Autor: liss 
Datum:   28.09.01 15:55

Hallo Herr Schmidt, Hallo an Alle,

in den diversen Themen kam immer wieder die Frage nach der richtigen Therapie.

Obwohl ich mich wirklich durch die Foren arbeite, habe ich keine sachliche und opjektive Antwort bekommen.
Auf meine Frage unter "Aus der Sicht ..." haben Sie mir geschrieben, sie hätten schon Antworten gegeben. Leider habe ich nur Ihre Sichtweise, aber keine Hilfestellung gefunden.
Bin ich für Ritalin, sind Sie der FAlsche, bin ich dagegen, sind die Anderen die Falschen.

Wie soll ich als Laie denn nun entscheiden, welcher der richtige Weg ist?

Sind die ADS-Diagnostiker dumm oder selbstsüchtig (s. Dr. Vogelsang: Leichtes Geld).
Oder sind die Gegner so.

Es geht doch garnicht um Ritalin.
Wir müssen doch erstmal die Basis abklären. ADS ja oder nein ?
Unser Therapeut sagt ja, Sie sagen nein !

Wie erkenne ich, wer recht hat? ES GEHT DOCH UM UNSERE KINDER !

Bin neugierig
LISS

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   28.09.01

Hallo Liss,
es ist richtig, für einen Laien (aber nicht nur für den!) ist es schwierig, sich ein Bild zu machen. Aber einiges, was Sie schreiben, möchte ich ein wenig richtig rücken und dabei gleich noch einmal meine Position grob zusammen fassen:

1. Wenn Sie denken, ich bin grundsätzlich gegen Ritalin, täuschen Sie sich. Das können Sie hier immer wieder von mir lesen, dass ich den Einsatz von Psychostimulantien in Ausnahmefällen durchaus für angebracht halte (ich betone: in Ausnahmefällen!) Ich bin überzeugt, dass man in den meisten Fällen darauf verzichten kann und sollte, wenn man andere bewährte Therapien (Psycho-, Ergo-, Moto- et.cet. -therapien macht. Voraussetzung für den Erfolg solcher Therapien ist natürlich u.a. immer, dass man sich wirklich ernsthaft darauf einlässt und dass es (was das Kind betrifft) Spaß macht.

2. Alle einschlägigen Verhaltensstörungen bei Kindern lassen sich auch anders als mit dem Etikett "ADS" diagnostizieren. Man braucht dieses nirgends nachgewiesene, verwirrende und unklare "Syndrom" gar nicht. Unter einem Syndrom versteht man ein Bündel von Symptomen, die immer zusammen auftreten müssen. Ich bezweifle, dass dies für die Symptome des "ADS-Syndroms" zutrifft. So meine ich es, wenn ich an der Existenz von ADS (inkl. der neurobiologischen Theorien, Stichworte "Neurotransmitter", "angeboren", "vererbbar", "lebenslänglich" -das sind derzeit alles nur Forschungshypothesen, aber keineswegs letzten Wahrheiten - ) ernsthaft zweifele.
Stattdessen kann man z.B. Wahrnehmungstörungen ziemlich genau diagnostizieren, Teilleistungsschwächen, Neurosen, reaktive Verhaltensstörungen, Entwicklungsverzögerungen, fein- oder grobmotorische Störungen, Konzentrationsschwierigkeiten, innere oder äußere Unruhe, auditive, optische Schwächen, Psychosen, Depressionen, geistige Behinderungen etc. etc. etc. Das kann man dann auch alles gezielt therapeutisch behandeln, notfalls auch ERGÄNZEND (und keinesfalls allein) mit Ritalin, aber OHNE das konfuse ADS-Konzept.

3. Ich kritisiere am gegenwärtigen ADS-Konzept ausserdem vor allem seine einseitige (anders ausgedrückt: nicht-ganzheitliche) medizinisch-biologistische Ausrichtung. Psychosoziale Faktoren (deren Zusammenhang mit kindlichen Verhaltensstörungen gut belegt ist) werden fast völlig ignoriert. Das ist übrigens einer der Hauptgründe, warum sich die Diagnose "ADS plus Ritalin" zunehmender Beliebtheit erfreut: es ist nun mal angenehmer, eine angeblich körperliche Krankheit mit entsprechender Medizin (Ritalin) zu haben, als sich mit psychosozialen Ursachen abzuquälen.

3. Ich rate allen Eltern, deren Kind Sorgen macht, als erstes beim Kinderarzt ganz traditionell die körperliche Seite abzuklären. Bei den meisten kindlichen Verhaltensstörungen wird er keine deutliche körperliche Ursache finden. Dann sollte man (je nach Problem) eine Erziehungsberatungsstelle oder ein Frühförderzentrum bzw. Sozialpädiatrisches Zentrum aufsuchen, um genauer herauszufinden, was die Ursachen sind. Und dann entsprechend behandeln lassen.
Über ADS, ADD, HOPS, ADSH, POS, MCD, HKS und was es noch für komische Kürzel geben mag, braucht man sich als Eltern überhaupt keinen Kopf zu zerbrechen. Das führt nur zu einer "Sicherheit", die diese Konzepte bei genauer Betrachtung gar nicht bieten können. Die Zahl der Falschdiagnosen wird ausserdem sehr hoch geschätzt (ca. 80 Prozent).

So etwa sehe ich es. Dass Sie sich nun Ihr eigenes Bild zimmern müssen, kann ich Ihnen leider nicht ersparen. Ich stehe Ihnen dabei aber gerne helfend zur Seite.

H.-R. Schmidt

Autor: Petra 
Datum:   28.09.01 18:18

Hallo,

also diese Zusammenfassung Ihres Standpunktes hat mich nun fast beeindruckt. Nirgendwo mehr die Behauptung ADS gibt es nicht, sondern nur das Statement das die Bezeichnungen dafür nicht notwendig sind.

Oder hab ich das was falsch aufgefasst?

Zu Punkt 2 hätte ich folgende Frage, wenn all diese "Störungen" aufeinandertreffen, ist dann ein Überbegriff wie ADS/ADD/MCD.... nicht eher hilfreich als erschreckend?

Denn nichts anderes als die Anhäufung der von Ihnen aufgeführten Störungen ist doch ADS -oder soll es sein

Würden sie als Vater nicht lieber sagen ok, meine Kind hat ein ADS anstatt eine ellenlange Liste von Störungen aufzuzählen? Spätestens bei der 3. sagen die Leute " bekloppt is das Kind also"

Dann noch eine andere Frage, mir war so, als hätte ich in diesem thread Header von Sabine und chris gesehen und nun find ich nichts...war da nichts, oder sind sie der "Bereinigung" zum Opfer gefallen?Oder verwechsel ich was??

Gruß Petra

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   28.09.01 18:46

Liebe Petra,
also BITTE!: Seit ich dieses Forum aufgemacht habe (und schon vorher) habe ich nichts Anderes gesagt:

1. Es gibt aus meiner Sicht ADS als Syndrom oder als nosologische Einheit nicht. Man sollte deshalb auf diese Diagnose verzichten. Andere, gängige Diagnosen sind besser begründbar.

2. Wenn alle diese Störungen zusammenträfen (armes Kind!), könnte man es so oder anders (jemand hat hier mal gesagt, man könnte es auch "Killefitz" oder so ähnlich) nennen. Die Benennung ist ziemlich wurscht. Aber: Das weiss eben bei ADS in Wirklichkeit keiner, was da zusammenkommt und was sich ausschließt. Das müsste man endlich mal empirisch erforschen, aber ich habe den Eindruck, das macht gar keiner mehr, weil alle sich einreden, sie wüssten es schon längst. Man weiss es aber wissenschaftlich noch nicht. Genaugenommen weiss keiner genau, was ADS ist, aber es werden hunderte Untersuchungen gemacht, in denen es heisst: "Es wurden 25 Personen mit ADS untersucht..."

3. Als Vater (ich habe 3 Kinder) würde ich gewaltig erschrecken, wenn mir ein "Fachmann" sagen würde, mein Sohn habe ADS (eine angeborene, vererbbare, lebenslängliche, unheilbare Hirnstoffwechselstörung), weil er in der Schule zappelig ist und Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben hat, und er bräuchte deshalb Ritalin. Ich wäre heilfroh, wenn mir dann jemand wie ich sagen würde: Gemach, Herr Schmidt, Ihr Sohn hat eine Legasthenie, und dafür empfehle ich Ihrem Sohn ein qualifiziertes Legasthenie-Übungsprogramm.

4. Was die gelöschten Beiträge betrifft, bitte ich um Verständnis, dass ich dazu keine Details sage. Das lohnt sich nicht. Die Autoren haben von mir eine E-Mail mit einer Erklärung bekommen.

Mit Gruß, H.-R. Schmidt

 

Autor: Petra 
Datum:   28.09.01 20:19

Lieber Herr Schmidt,

leider habe ich die postings und mail nicht mehr wo sie durchaus anders "herüberkamen", aber ok, egal das ist für mich "Schnee von gestern".

Wie man es nennt ist mir persönlich auch vollkommen egal.

Ich habe das " es wächst sich aus" "es ist Legasthenie"
"es ist bestimmt keine Legasthenie sondern das Kind ist psychisch gestört, war ja schon immer anders" " Tests,Tests,Tests und nochmal welche - es ist doch Legasthenie" -Therapie ( bisher knappe DM 8000 Erfolg eher mäßig)und einiges mehr hinter mich oder besser mein Kind gebracht...u.a. Yoga, Ergotherapie ....MICH hat ADS nur noch teilweise erschreckt....eher das Verhalten meiner Mitmenschen.

Mein Kind war froh das ES jetzt einen Namen hatte, ob ADS oder XYZ war ihm dabei auch egal.

All das hab ich meinem Kind zugemutet bis dann doch Ritalin kam...seit dem hat sich die Legasthenie gebessert - sei es auch nur weil er die Übungsprogramme jetzt konzentrierter verfolgt...

Für die sogenannte schulische Laufbahn die in unserer Gesellschaft gefordert wird kam auhc Ritalin ( vorläufig) zu spät.

zu 4. habe ich ja meine Antwort, es gab also welche und sie wurden gelöscht. Ok, mehr wollte ich nicht wissen.

Auch wenn ich persönlich diese ganze Löscherei für überflüssig halte- aber das ist mein persönliche Meinung.

Gruß Petra

Autor: Antje 
Datum:   28.09.01 18:12

Hallo Herr Schmidt

Zu Punkt 1 Ihrer Zusammenfassung möchte ich gerne noch etwas sagen.
Die Sache mit den Therapien: DAS ist doch genau der Punkt weshalb viele
ADS-Kinder Ritalin bekommen.
Meine Tochter hat z.B. über 3 Jahre Psychomotorik gemacht und 2 Jahre
Ergotherapie alles OHNE Erfolg.
Demnächst geht es los mit Therapie bei einer Kinderpsychologin, ich werde mich ebenfalls therapieren lassen.
Wenn auch dies nicht anschlägt wird mir auch nichts anderes übrig bleiben,
als bei meiner Tochter mit Ritalin anzufangen.
Oft schlagen ja solche Therapien bei einem ADS-Kind überhaupt erst mit Ritalin
an.
Wir sind kein Einzelfall was ich hier geschrieben habe über erfolglose Therapien,
wird auch häufig von anderen Betroffenen geschildert.

PS:
Sollte ich dann eines Tages feststellen das ich zu lange damit gewartet habe
und meiner Tochter und auch mir (wegen bereits auftretenden Krankheiten durch
die ständige Belastung und den Sorgen) schon früher hätte geholfen werden können DANN kann Ich mir erstmal einen guten Psychologen suchen der mich
aus den dadurch entstandenen Schuldgefühlen wieder rausholt.

MFG Antje

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   04.10.01

Hallo,
unerkannte Hochbegabung ist bekanntermaßen ein Risikofaktor für Verhaltensstörungen bei Kindern. In jeder Erziehungsberatungsstelle und in jedem Schulpsychologischen Dienst kann man sein Kind auf Hochbegabung mit einem Intelligenztest kostenlos testen lassen.
Mit "ADS" hat das aber zunächst mal gar nichts zu tun. In einem Forum hat eine Mutter von ihrem Sohn berichtet, der die Diagnose ADS hatte. Später stellte sich aber eine Hochbegabung heraus, der Junge übersprang eine Schulklasse und war ab dann verhaltensunauffällig (also wieder mal eine Falschdiagnose).

Ihr eigenes Beispiel mit TOS ist ja gerade ein gutes Beispiel, wie wichtig es ist, über die Verbreitung, Komorbidität und Diagnosemethoden von Krankheiten Bescheid zu wissen.

H.-R. Schmidt

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   07.10.01

Hallo,
ich will meine Position zu "ADS" noch einmal anders zusammenfassen:

Ich gehe davon aus, dass man mindestens unterscheiden muss zwischen:

1 Aufmerksamkeitsstörungen
2 Verhaltensstörungen
3 Lernstörungen (Teilleistungsstörungen)

Zu 1: Sie sind wahrscheinlich hirnorganisch verursacht/mitbedingt
Zu 2: Sie sind "erlernt", also milieu- bzw. psychisch bedingt
Zu 3: Sie sind wahrscheinlich ebenfalls hirnorganisch verursacht/mitbedingt

Diese 3 Störungen können sowohl einzeln, als auch in allen möglichen Kombinationen auftreten.

Am schwierigsten ist derzeit noch die Diagnostik von 1., am besten diejenige von 3.
Im Falle von Kobinationen muss die Differentialdiagnostik Aussagen machen über den jeweiligen Zusammenhang der 3 Störungen (man muss also z.B. unterscheiden können zwischen 2 als Folge von 1 oder 3, und 2 als Ursache von Konzentrationschwierigkeiten oder Schulunlust etc.).

Am häufigsten ist 2, dann folgt 3, am seltensten ist 1 (höchstens 1 Prozent).

Die gegenwärtige Diagnosepraxis bei "ADS" wirft diese 3 Bereiche undifferenziert in einen Topf. Ca. 80 Prozent der derzeit diagnostizierten Kinder und Jugendlichen sind in Wirklichkeit verhaltensgestört und/oder lerngestört, haben aber keine Aufmerksamkeitsstörung. Eine medikamentöse Begleitbehandlung bietet sich nur für diejenigen kombinierten Fälle an, bei denen 1 eindeutig und stark ausgeprägt vorliegt und durch Psychotherapie allein nicht ausreichend gebessert werden kann.

So meine ich es, wenn ich das gegenwärtige ADS-Konzept bezweifele. Mein Vorschlag wäre, nicht mehr von einem Aufmerksamkeits-Defizit-SYNDROM mit oder ohne H auszugehen, sondern nur noch von einer Aufmerksamkeitsstörung AS bzw. AD, für die aber noch ein eindeutiger Test entwickelt werden muss (abgesehen vom Nachweis des physiologischen Korrelats bei Kindern, das, wenn gefunden, natürlich die objektivste Diagnose wäre).

Stark verkürzt, weil in Entwicklung. Lust, mit zu helfen?

Ihr H.-R. Schmidt

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   02.10.01

Hallo liebe Gäste,
die Bedeutung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse hängt entscheidend von der methodischen Güte ihrer Untersuchungen ab. Ich möchte Ihnen hier kurz einige Hinweise geben, was Sie bei der Würdigung von Forschungsergebnissen berücksichtigen sollten.

Man muss ja in der Regel die Originaluntersuchungen studieren, um zu sehen, mit welcher Forschungsmethode sie erstellt wurden, um ihre Qualität beurteilen zu können. In meinem Beitrag zur Biederman-Studie habe ich Ihnen bereits ein kleines Beispiel geliefert, welche Kritik man dann anbringen kann, so dass Untersuchungsergebnisse fraglich erscheinen.

Ein wichtiges Hauptunterscheidungskriterium liegt darin, ob eine Studie

a) retrospektiv oder
b) prospektiv

angelegt ist. Eine retrospektive Untersuchung ist "zurückblickend": Man befragt z.B. Erwachsene nach Ereignissen aus ihrer Kindheit. Eine prospektive Untersuchung ist "vorausschauend": Man untersucht z.B. Säuglinge und untersucht dann dieselben Kinder erneut im Alter von z.B. 6 Jahren.

Prospektive Untersuchungen sind den retrospektiven eindeutig überlegen, retrospektive sind wesentlich fehleranfälliger und fraglicher. Was das in der Praxis bedeutet, möchte ich anhand eines Beipiels zeigen, dass ich dem Buch "Die frühe Kindheit" von M. Dornes, S. 218 ff., entnehme:

Stellen Sie sich bitte vor, man befragt 200 Elternteile und kann mit einiger Sicherheit herausfinden, dass 49 von ihnen in der Kindheit misshandelt wurden. Ein Jahr später untersucht man dieselben Eltern wieder und stellt fest, dass inzwischen 10 von ihnen ihr eigenes Kind misshandelt haben, wobei 9 von ihnen aus der Gruppe der 49 Eltern stammen, die anfangs als früher selbst misshandelte Kinder gefunden worden waren.

Das ist die Daten-Ausgangsbasis.
Wenn Sie Ihre Studie retrospektiv angelegt hätten, wüssten Sie nur, dass Sie 10 Fälle von misshandelnden Eltern gefunden haben, von denen 9 als Kind selbst misshandelt wurden. Oder: 90 Prozent der Eltern, die als Kind misshandelt wurden, misshandeln später ihr eigenes Kind wieder.

Wenn sie prospektiv vorgegangen wären, könnten Sie sagen, dass von 49 Eltern, die als Kind misshandelt wurden, nur 9 (18 Prozent) ihr eigenes Kind später misshandeln, während über 80 Prozent von ihnen dies nicht tun.

Sie erhalten also krass unterschiedliche Forschungsergebnisse. Bei der retrospektiven Untersuchung übersehen Sie zwangsläufig all die misshandelten Eltern, die ihr eigenes Kind später nicht misshandeln; solche Eltern tauchen in der Klinik z.B. gar nicht mehr auf.

Mein Tip: Achten Sie bei ADS-Untersuchungen mal darauf, wie viele davon retrospektiv, also vom Ansatz her fraglich sind! Wenn man z.B. Erwachsene mit "ADS" nach ihrer "ADS-Kindheit" befragt, ist dies retrospektiv, und man wundert sich dann meist nicht mehr allzu sehr über das Ergebnis!

Ihr kritischer H.-R. Schmidt

Autor: Preiser 
Datum:   02.10.01

Hallo Herr Schmidt,
aber jetzt fragt sich der geneigte Leser, wie das mit der Kindsmißhandlung denn wirklich ist. Nur 18 Prozent oder 90?. Es gibt in den Sozialwissenschaften in so einem Fall die Metaanalyse, da sammelt man alle "guten" Studien zu einem Thema, die es gibt, und macht da draus eine neue Meta-Untersuchung. Die Ergebnisse sind dann ziemlich sicher. Und was die Kindsmißhandlung angeht, hat man so gefunden, dass ein Drittel derjenigen Eltern, die als Kind selbst darunter leiden mußten, ihre Kinder später wieder mißhandelt. Ein weiteres Drittel ist fraglich (Verdachtsfälle ohne Beweise) und das letzte Drittel mißhandelt nicht weiter.
Kollegiale Grüße!

Autor: Kim 
Datum:   02.10.01

Hallo Petra,

du mußt unterscheiden zwischen dem Einzelfall und einer Studie, wo aus vielen Einzelfällen eine allgemeingültigere Aussage getroffen werden soll (ein Unterschied, den hier manche nicht immer begreifen).

Im Einzelfall wird natürlich eine Anamnese, eine Krankengeschichte erhoben, die rückblickend ist.
Bei einer Studie kann man allerdings von verschiedenen Ausgangsperspektiven ausgehen und erhält dann bei gleichen Zahlen unterschiedliche Ergebnisse, die anders "klingen" und dann u.U. auch unerschiedlich benutzt werden, um Standpunkte zu untermauern, wie hier in der "ADS"-Problematik. (Es ist nicht ganz leicht, das zu verstehen, aber mit etwas nachdenken und am Beispiel von Herrn Schmidt doch nachzuvollziehen.)

Also dein "Leitungsparker" könnte darin bestehen, daß du die Ebenen der individuellen und der allgemeinen (oder statistischen) Aussage nicht ganz sauber trennst.

Gruß von Kim

Autor: Petra 
Datum:   02.10.01

Hi,

sind dann in diesem Zusammenhang der Untersuchungserbenisse nicht sämtliche Psychologischen Ausgangsbasen im Ansatz falsch?

Wenn ich recht informiert bin, ist das doch gerade in der Psychotherapie eine wichtige Frage: "Wie war ihre Kindheit?"

Die prozentuale Ansetzung der Beispiele Ihres postings, ist in der Tat beeindruckend. Und zeigt einmal mehr, das man tatsächlich auch immer die Ausgangsdaten beleuchten sollte.

Gruß Petra

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   02.10.01

Hallo,
man kann nicht einfach sagen, retrospektive Studien seien grundsätzlich alle falsch. Das habe ich nicht gesagt. Sie sind nur viel störanfälliger, fragwürdiger, vieldeutiger, d.h. man muss sie mit größerer Vorsicht genießen.
In der Psychotherapie muss man diesen Sachverhalt natürlich auch sehr genau berücksichtigen. Es kommt z.B. in einer "schlechten" Psychotherapie vor, dass sich der Patient an genau das aus seiner Kindheit zu erinnern glaubt, was der Therapeut von ihm erinnert haben will. So haben Patienten schon einen sexuellen Missbrauch "erinnert", der nie stattgefunden hat, nur weil der Therapeut davon überzeugt war, dass die Störungen des Patienten auf Missbrauch zurückgehen müssen.

Wenn ADSler z.B. davon überzeugt sind, dass sich ADS vererbt, dann wird diese Überzeugung ihre Erinnerung an ihre Kindheit und ihre Eltern und Großeltern unmerklich färben. So etwas geht dann in eine retrospektive Studie leicht als Fehlerquelle ein.

H.-R. Schmidt

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   05.10.01 19:40

Hallo,
ein weiteres kleines Beispiel für die vielen fehlerhaften ADS-Studien liefert wieder Biederman et.al. mit der Studie

Biederman, J., Faraone, S.V., Mick, E., Spencer, T., Wilens, T, Kiely, K, Guite, J, Ablon, J.S., Reed, E., and Warburton, R. (1995). High risk for attention deficit hyperactivity disorder among children of parents with childhood onset of the disorder: A pilot study. American Journal of Psychiatry, 152(3), 431-435.

Diese Studie (und frühere) werden immer wieder unkritisch als Beweis dafür zitiert (z.B. von C. Neuhaus in ihrem Buch "Das hyperaktive Kind und seine Probleme"), dass "ADS" vererbbar sei. Dabei belegen diese und andere Biederman-Studien dies keineswegs.

Es handelt sich wieder mal um eine ganz schlicht gestrickte retrospektive Studie (lesen Sie bitte weiter oben meinen Beitrag "Perspektiven" hierzu).
Man hat Erwachsene interviewt, ob sie als Kind hyperaktiv waren, hat 31 davon gefunden (was verglichen mit vielen anderen "ADS"-Studien schon eine recht große Untersuchungsgruppe ist) und bei denen nachgeschaut, was mit ihren jetzigen Kindern ist. Und hat (man möchte fast sagen: natürlich!) in 84 Prozent der Fälle wenigstens 1 Kind gefunden, dass auch "hyperaktiv" ist. Und das wird dann als Beweis für die Vererbung gesehen!

Einfach schrecklich!

- Wo bleiben z.B. diejenigen Erwachsenen, die kein "ADD" haben, deren Kind aber dennoch "ADD" hat? (Könnte es doch geben; muss man jedenfalls mit überprüfen). Oder diejenigen Erwachsenen mit "ADD", die als Kind kein "ADD" hatten (könnte es doch auch geben, muss man auch kontrollieren). Aber es gab glatt gar keine Kontrollgruppen.

- Was waren das für 31 Erwachsene? Die Autoren machen darüber keinerlei Angaben. Dabei wäre z.B. wichtig zu wissen, aus welcher sozioökonomischen und bevölkerungszugeordneten Gruppe sie stammten (bei armen Latinos und Mexicanos wird ja "ADD" in den USA häufiger diagnostiziert. Die Diagnose könnte ja weniger mit Vererbung, umso mehr mit dem sozialen Milieu zusammenhängen). Auch sonst fehlen wieder mal alle anderen psychosozial wichtigen Kriterien, die mit der Diagnose zusammenhängen können.

- Man kann genau so gut behaupten, die Studie belege nicht die genetische, sonder die sog. psychosoziale Vererbung: ADS wird von den Eltern per Erziehung an die Kinder weitergegeben. Wenn "ADD" bei Eltern und ihren Kindern vorkommt, beweist das allein keineswegs eine genetisch programmierte Vererbung.

Und so weiter. Es gäbe noch viel mehr methodische Einwände gegen solche Studien. Sie liefern einfach nur grobe Fingerzeige für bessere Studien, werden aber in der "ADD"-Szene tapfer als "letzte wissenschaftliche Wahrheiten" weitergesagt und ehrfürchtig geglaubt!

Wenn es sogar Frau Neuhaus sagt, muss es wohl stimmen.

Ihr (genau deshalb) kritischer H.-R. Schmidt

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   17.10.01

Hallo,
wussten Sie schon, dass eine Untersuchung des Gesundheitsministeriums Nordrhein-Westfalen ergeben hat, dass 40 % aller Mütter ihre Kinder für "hyperaktiv" halten?
Wenn man Eltern, Lehrer und Kinderärzte nach demselben Kind befragt, schätzen diese jeweils aber nur 13 % als hyperaktiv ein, wobei sie nur in 1,3 % der Kinder übereinstimmen!
Dieser Untersuchung zu Folge können also höchstens 1,3 % der Kinder hyperaktiv sein, denn zur Diagnose gehört ja zwingend eine solche situationsübergreifende Übereinstimmung.

An dieser Stelle empfehle ich Ihnen eine sehr gute Diplomarbeit zum Thema:

bidok.uibk.ac.at/texte/hyperakt.html