Familie und ADS

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   10.08.01

Hallo,
ich stelle hier einen Beitrag zur Diskusssion, der weiter unten bereits erschien, aber schlecht zu finden ist. Er soll der erste in einer Reihe weiterer Beiträge zu diesem Thema sein. Heute zunächst etwas Grundsätzliches aus der Forschung dazu.
Ich freue mich auf Ihre Meinungen!
H.-R. Schmidt

Eine der bislang besten empirischen Langzeitstudien zu kinderpsychiatrischen Störungen, die trotz ihres "Alters" von mittlerweile 14 Jahren nicht überholt ist, stammt, wie bereits erwähnt, von Esser&Schmidt. Diese Autoren untersuchten eine größere, repräsentative Stichprobe von Kindern im Alter von 8 Jahren und 5 Jahre später im Alter von 13 Jahren erneut im Hinblick auf Prävalenzen gängiger Störungen sowie im Hinblick auf das Zusammenwirken sogenannter Risikofaktoren zur Entwicklung psychiatrischer Störungen.
Ich beschränke mich hier auf die Ergebnisse des Zusammenwirkens der Risikofaktoren.
Es wurden zwei Haupt-Risikofaktoren erörtert:
a)Hirnfunktionsstörungen (TLS) und
b)widrige familiäre Bedingungen (FAI).

Was die Hirnfunktionsstörungen anbelangt, schreiben die Autoren (S. 29): "Als Risikofaktor mit höchstem Erklärungswert für psychische Störungen bei Kindern galten bis vor kurzem Hirnfunktionsstörungen, die mehr oder weniger zwangsläufig ein Syndrom nach sich zogen (damals HOPS bzw. MCD, heute ADS etc., H.-R. Schmidt), das per se als kinderpsychiatrische Diagnose galt und zu weiteren sekundären Störungen prädisponierte...Im Alter von 8 Jahren kam ihnen, obwohl die Grundannahmen des
Konzepts, eine einheitliche Syndromatik, Ätiologie und Psychopathologie nicht nachweisbar waren, doch die Funktion eines Risikofaktors zu. Dasselbe Ergebnis wurde für die 13jährigen gefunden... Das Konzept der Hirnfunktionsstörungen wurde von uns
daher durch das der Teilleistungsschwächen ersetzt.
Als weiterer Risikofaktor konnten widrige familiäre Bedingungen...herausgestellt werden."

Man kann diese beiden Faktoren den beiden Bereichen Anlage (=Teilleistungsstörungen TLS) und Umwelt (=widrige familiäre
Bedingungen FAI) zuordnen. Die Untersuchung zeigt sehr schön das Zusammenspiel beider Faktoren bei Kindern: wenn ein 8jähriges Kind keine TLS und günstige FAI hatte, war die Wahrscheinlichkeit zur Ausbildung einer psychischen Störung etwa 10
Prozent; wenn sowohl TLS als auch ungünstige FAI vorlagen, 90 Prozent! Wenn zwar TLS, aber günstige FAI vorlagen, war die
Wahrscheinlichkeit 38 Prozent, wenn nur ungünstige FAI, aber keine TLS vorlagen, 50 Prozent.

Der Umweltfaktor FAI zeigte sich also als stärker als der Anlagefaktor TLS.

Bei der 2. Untersuchung derselben Kinder mit 13 Jahren zeigte eine querschnittliche Betrachtung, dass mit 8 Jahren bestandene
ausschließliche TLS bei günstigem FAI ihren Vohersagewert verloren hatten, während der Wert widriger familiärer Bedingungen
erhalten geblieben war. Das bedeutet also, dass Teilleistungsstörungen nur im Zusammenhang mit widrigen familiären
Bedingungen einen Effekt hatten.

Dieses deutliche und zuverlässige Ergebnis finde ich seither für die Praxis sehr wichtig, zeigt es doch, dass der Familientherapie zur Besserung des FAI eine herausragende Bedeutung zukommen müsste. In der gegenwärtigen Praxis ist aber von Familientherapie meist gar keine Rede. Das hängt damit zusammen, dass Ärzte und niedergelassene Psychotherapeuten diese
Methode meist nicht beherrschen oder anwenden, weil sie von den Kassen (noch) nicht erstattet wird. Kostenlose
Familientherapie erhält man heute fast nur in deutschen Erziehungs- und Familienberatungsstellen.
Bei längsschnittlicher Betrachtung erwiesen sich TLS im Alter von 8 Jahren als gutes Vorhersagekriterium für psychische
Störungen mit 13 Jahren, wie gesagt, in kausalem Zusammenhang mit FAI.

Ich habe diese Studie hier in Ausschnitten wiedergegeben, weil sie das Anlage-Umwelt-Problem gut erhellt und die Bedeutung des Umweltfaktors "Familie" klar belegt (neben den TLS als Anlagefaktor, der aber durch FAI moduliert wird).

Auf unsere heutige ADS-Diskussion übertragen zeigt die Untersuchung die große Bedeutung der Familienverhältnisse bei der
Modulation möglicherweise anlagemäßig vorgegebener "Schwächen" unserer Kinder. Als effektives Therapiekonzept, das bereits
im Vorschulalter ansetzen sollte, empfiehlt sich von daher die Behandlung der Teilleistungschwächen (soweit vorhanden) in
Kombination mit einer psychotherapeutischen Familientherapie (nicht einer kindlichen Verhaltenstherapie, die die
Familienverhältnisse unverändert lässt).
In meinem Institut wird allerdings schon immer so verfahren.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt

(Literaturangabe: G. Esser, M.H. Schmidt: Epidemiologie und Verlauf kinderpsychiatrischer Störungen im Schulalter - Ergebnisse
einer Längsschnittstudie. Nervenheilkunde 1987, 6, 27-35).

Autor: Doris 
Datum:   12.08.01


Sehr geehrt Herr Schmidt,

Sie beschreiben, dass eine Familientherapie eine sehr sinnvolle Sache ist, um Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern zu
beeinflussen.

Wo würden Sie aber ansetzen, wenn die Probleme eines Elternteiles aus der Situation der Ursprungsfamilie stammt?

Denn wenn solche Konstellationen vorliegen, dann lässt sich m.E. nicht viel bewirken, wenn nicht das Grundprobleme angegangen
wird.

Denn bei uns ist dies der Fall.

Ich hatte eine herrliche Kindheit. Trotz meiner Behinderung, mit vielen Behandlungen und Schmerzen, haben es meine Eltern
verstanden, mich zu einem selbstbewussten und starken Menschen zu erziehen. Sie haben immer zu gestanden und mir den
richtigen Weg gezeigt, aber nicht, indem Probleme aus dem Weg geschafft wurden.

Anders ist es nicht zu erklären, dass ich es bis zum Abi geschafft habe, Beamtin des gehobenen Dienstes bin und eine Familie
allein ernähre. So etwas trauen sich selbst gesunden Frauen kaum, da die Gesellschaft den Mann als Ernährer sehen.

Mein Mann wurde schon immer als Versager angesehen, von seinem Vater. Die vielfältigen Probleme führten zu 13
Suizidversuchen.

Die seelische Verfassung meines Mannes hat sich erst gefestigt, seit wir uns kennen. Meine Schwiegermutter meinte gerade letzt
wieder: Ohne Dich wäre er schon tot.
Mittlerweile wissen wir, dass er Fibromyalgie hat.
Aber trotzdem erhält er immer wieder vom Vater die Äußerungen, dass er nicht so faul sein soll und sich nicht so anstellen soll.
Mein Schwiegervater denkt nur in Leistungskategorien und fragt nur, was jemand in Punkto Vermögen geleistet hat.

Mein Mann hat erheblich psychische Probleme, die als Kind und Jugendlicher nie beachtet oder bagatellisiert wurden.

Hier sind die Ursprungsprobleme.

Somit müssten doch auch meine Schwiegereltern mit zur Familientherapie?

Natürlich leiden wir alle unter der Situation, dass ein Familienmitglied ein Schmerzpatient mit psychischen Problemen ist.

Natürlich beeinflusst das auch zum Teil das Kind.

Nur stehen wir in unserer "Kleinfamilie" immer zu einander und suchen sogar eingene Lösungsstrategien zu entwickeln.

Aber das hat wenig Sinn, wenn das Grundproblem außer Acht gelassen wird: Das Elternhaus meines Mannes.

Hier herrscht nämlich das Prinzip: Nach außen heile Welt.

Da stimmte es wirklich nicht bedenklich, dass der eine Sohn mehrmals versucht hat, sich umzubringen und der andere Sohn
eigentlich Alkoholiker und Spielsüchtiger ist.

Daran sind wohl andere Schuld. Jedenfalls würde mein Schwiegervater sich nie eine Schuld eingestehen. Er weiß gar nicht, dass
seine Missachtung und die unbedingte Durchsetzung seiner Ideen viel Unglück gebracht haben.


Ich frage das ganze eigentlich deshalb, weil Sie ja ADS verneinen.

Woher sollten den dann die Auffälligkeiten meines Kindes kommen?
Wir sind nämlich sehr bemüht, unser Kind zu einem liebevollen, aufrichtigen und hilfsbereiten Menschen zu erziehen.
Vorallem ist mein Mann bestrebt, Fehler seines Vaters zu vermeiden. Denn mein Mann hält nichts für schlimmer, als die Würde
eines Kindes durch Missachtung zu verletzen.

Doris Schmitt

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   12.08.01

Liebe Doris,
bitte haben Sie dafür Verständnis, dass ich Ihren Beitrag hierher verschoben habe, wohin er thematisch meiner Meinung nach gehört.
Ich bitte überhaupt alle Cafe´- Besucher, nicht ein neues Thema zu eröffnen, wenn Ihr Beitrag zu einem bereits laufenden Thema passt. Das Forum bleibt auf diese Weise thematisch strukturiert und übersichtlich. Jedes Thema soll wirklich ausdiskutiert werden. Andernfalls würde alles schnell zerfransen. Danke!

Zu Ihrem Beitrag:
Familientherapie bedeutet ja nicht ausschließlich, dass immer die ganze Familie und sogar die Schwiegereltern an den Sitzungen teilnehmen. Familientherapie kennzeichnet sich viel mehr durch die ganzheitliche Sichtweise individueller Störungen aus. Sie bedeutet ein anderes Denken, nicht so sehr eine andere Teilnehmerrunde.
Zu Ihrem persönlichen Fall nehme ich nicht Stellung, denn ein Diskussionsforum ist dafür nicht der richtige Ort. Hier möchte ich keine Einzelfallhilfe machen, sondern Sachdiskussion. Dafür haben Sie sicher Verständnis.
Aber wenn in einer Familientherapie sich zeigt, dass tiefwurzelnde Persönlichkeitsprobleme eines Elternteiles das Familienleben nachteilig beeinflussen, dann kann man entweder "zweigleisig" verfahren oder bei der "eingleisigen" Familientherapie durchaus auch bleiben. Das macht jeder Familientherapeut je nach Fachorientierung etwas anders. "Zweigleisig" bedeutet, der betreffende Elternteil macht eine Einzelpsychotherapie und parallel dazu läuft eine Familientherapie, um die Effekte der Einzeltherapie in der Familie umsetzen zu können. "Eingleisig" bedeutet, dass man in der Familientherapie gemeinsam nach Lösungen dafür sucht, dass ein Elternteil biografisch belastet ist. Wie kann die Familie mit ihm umgehen, wie ihm helfen, wie sich gegen die negativen Einflüsse, die er einbringt, besser wappnen, wie verhindern, dass man unmerklich noch verschlimmernd wirkt, etc.

Mit Gruß, H.-R. Schmidt

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   14.08.01

Hallo liebe Gäste!
Ich lade Sie heute und die folgenden Zeit ein, mit mir zu verfolgen und zu diskutieren, wie Familie Pospischil in Familientherapie geht und was sie dabei erlebt und erarbeitet.

Heute schildere ich Ihnen das Erstgespräch. Danach lasse ich Ihnen bis zur nächsten Sitzung der Familie jeweils einige Tage Zeit zum Gedankenaustausch und zur Diskussion (so geht es der Familie selbst auch: zwischen den Sitzungen liegt immer ca. eine Woche).

1. Das Erstgespräch (Zusammenfassung):

Familie Pospischil (Deckname; alle Angaben sind soweit anonymisiert, dass keine Identifikation möglich ist, der psychologische Zusammenhang aber erhalten bleibt; im Folgenden Familie P genannt) meldet sich in der Erziehungs- und Familienberatungsstelle an, weil der 9jährige Sohn Peter Schulprobleme habe. Die Familie hat noch einen 13jährigen Sohn Hans. Beide Söhne stammen aus Mutters erster, vor 4 Jahren geschiedener Ehe. Die Mutter ist seit 3 Jahren in 2. Ehe verheiratet mit Wolfgang, Dipl.-Kaufmann. Mutter selbst ist teilzeitbeschäftigte Sekretärin. Diese Information hat der Familientherapeut aus der telefonischen Anmeldung bei der Sekretärin der Beratungsstelle.

Zum ersten Termin erscheint die Mutter auf ihren Wunsch hin alleine. Sie wolle erst einmal abklären, worum es gehe.
Frau P. erzählt, dass Peter in der Grundschule wegen seiner erheblichen Unruhe extrem auffalle. Das gehe schon seit der Einschulung so, im Kindergarten sei es auch bereits aufgetreten, aber die Erzieherinnen wären mit ihm ganz gut klargekommen. Jetzt aber in der Schule sage die Klassenlehrerin, dass es so nicht weitergehen könne. Wenn sich nichts bessere, müsse Peter die Schule verlassen. Er rufe unkontrolliert dazwischen, verlasse das Zimmer noch vor dem Pausenklingeln, sei bei den Mitschülern isoliert und gemieden, weil er alle "doof" finde und verachte, passe im Unterricht selten auf. Er mache, was er wolle. Hans gehe auf die Realschule und mache sich zufriedenstellend.

Besonders im Lesen und Schreiben habe Peter erhebliche Probleme. Die Lehrerin hält ihn für zu faul. Seine Hausaufgaben seien oft eine "Katastrophe".
Aus Peters Entwicklungsgeschichte kann die Mutter keine Besonderheiten berichten, er habe sich ansonsten in allen Bereichen normal entwickelt, jedenfalls sei nichts aufgefallen. Anfangs mit 3 1/2 Jahren habe er sich allerdings schlecht in den Kindergarten eingewöhnt, sei sehr ängstlich dort gewesen, wollte sich von der Mutter nicht trennen, habe dann eine zeitlang wieder tagsüber eingenässt. Im Kindergarten habe er die anderen Kinder gemieden und sich bei Freispielen immer ängstlich-unsicher gezeigt. Die Erzieherinnen hätten gemeint. er sei etwas unselbständig-verwöhnt. Das habe sich dann im ersten Jahr aber alles gebessert, jedenfalls seien keine Klagen gekommen. Kontakt habe er aber nie gut gefunden, ängstlich sei er heute noch, z.B. beim Klettern an der Sprossenwand in der Turnhalle.

Eine gründliche kinderärztliche Untersuchung habe man vor etwa einem halben Jahr gemacht. Der Kinderarzt habe gesagt, er sehe Hinweise auf ein "hyperkinetisches Syndrom". Peter sollte eine Verhaltenstherapie machen, die Eltern ein "Elterntraining", eventuell könne man auch Ritalin geben. Dieser Kinderarzt habe keine weiteren psychologischen oder sonstigen Untersuchungen gemacht. Er habe sich alles schildern lassen und Peter körperlich untersucht.
Die Eltern hätten das aber alles erstmal abgewartet. Aber weil sich eben jetzt nichts bessere und die Lehrerin "Druck" mache, frage man bei uns nach, ob Peter hier eine Verhaltenstherapie bekommen könne.

Frau P. berichtet weiterhin, dass es zwischen Peter und Wolfgang Spannungen in der Familie gebe. Wolfgang bemühe sich schulisch sehr um Peter, wolle ihm helfen, übe mit ihm, mache mit ihm Hausaufgaben. Da gäbe es aber fast täglich Tränen und Schimpfen. Peter sei "stur" gegenüber Wolfgang, der sich wirklich alle Mühe gebe.
Zum leiblichen Vater haben die Söhne seit Jahren keinen Kontakt mehr. Gerd, der leibliche Vater, habe dauernd "Krach" mit Wolfgang gesucht. Es habe zwischen den Eltern jahrelangen Streit um Sorgerecht und Unterhalt für die Mutter und die Söhne gegeben. Die Scheidung sei von ihr (Frau P) ausgegangen, Gerd habe sich dagegen gesträubt. Er habe sich wohl bis heute nicht damit abgefunden, vermutet Frau P. Sie habe den Kontakt ihrer Söhne zu Gerd immer mehr eingeschränkt, weil sie sich ihre "neue" Familie mit Wolfgang nicht dauernd "vermiesen" lassen wollte durch die "Störmanöver" von Gerd. Mittlerweils wollten die Söhne auch selber gar nichts mehr mit Gerd zu tun haben. So sei endlich Ruhe eingekehrt.

Da die Zeit für heute vorbei ist, schlägt der Familientherapeut vor, dass zum nächsten Termin Frau P, Hans, Wolfgang und Peter kommen mögen, um das Bild der Familie abzurunden und die Familiendiagnose zu vervollständigen. Danach sollte eine psychologische Untersuchung mit Peter terminiert werden. Rücksprache mit der Lehrerin und dem Kinderarzt darf der Familientherapeut inzwischen auch halten.
Der Familientherapeut fasst seinen ersten Eindruck der Mutter gegenüber zusammen, indem er sagt, es gäbe wahrscheinlich noch unterschwellig wirkende Beziehungsprobleme im Zusammenhang mit der elterlichen Scheidung, zusätzlich aber vielleicht auch eher körperlich mitbedingte Schulleistungsprobleme. Eine differenzierte kinderneurologisch-pädiatrische Untersuchung Peters könnte deshalb auch sinnvoll sein.
Frau P. ist mit dieser Vorgehensweise einverstanden. Ein neuer Termin wird vereinbart (um 17.30 Uhr, weil sich der Vater anders nicht beruflich freimachen kann).

Autor: Elisabeth 
Datum:   14.08.01

meine inhaltliche Meinung bisher:

Allzuviel kann man ja nach erst einem Treffen nicht sagen. Im großen und ganzen find ich die Vorgehensweise in Ordnung. Was mir aufgefallen ist, ist, dass die Familie vom Arzt Elterntherapie empfohlen bekommen hat,
aber nichts in der Richtung unternommen hat und auch jetzt nur die Verhaltenstherapie des Sohnes angesprochen hat, als sie in die Beratung kam.
Überhaupt ist es erstaunlich, dass die Familie nach dem Kinderarztbesuch, wenn ich das richtig verstanden habe,
erst einmal ein halbes Jahr überhaupt nichts unternommen hat.
Über die Situation mit der Hyperaktivität in der Familie selber hat die Mutter kaum etwas ausgesagt. Man kann das Ganze so lesen, dass die Probleme bzgl. Hyperaktivität und Konzentration ausschließlich in der Schule auftreten, nicht aber zu Hause. Wenn dem so ist, wäre das ein ziemlich deutliches Signal, dass höchstwahrscheinlich kein ADD vorliegt. In der Regel wird bei der Diagnose verlangt, dass die Probleme sich über einen längeren Zeitraum erstrecken (dass die Probleme im Kindergarten sich relativ schnell gelegt haben, würde also auch eher dagegen sprechen, es sei denn die KindergärtnerInnen hatten eine spezielle Schulung in bezug auf Add oder haben intuitiv richtig gehandelt, indem sie jene Umgangsregeln, die für ADD-Kinder empfohlen werden, beherzigt haben).
Außerdem hat ein ADD-Kind (zumindest dann, wenn es einer medikamentösen Behandlung bedarf - die Frage ist ja hier vom Arzt offengelassen worden) üblicherweise ganz massive Probleme in mehreren Bereichen, ich glaube gefordert für die Diagnose sind mindestens zwei. (Weiß ich aber nicht auswendig).
Also z.B. Probleme im Umgang mit Gleichaltrigen in der Freizeit und in der Schule oder Probleme in Schule und Elternhaus.
Wie dem auch sei, auf die Fortsetzung bin ich in jedem Fall gespannt.

Elisabeth (himmelblau)

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   14.08.01

Liebe Elisabeth,
vielen Dank, sehr interessant, was Ihnen auffällt!
Der Kinderarzt hat den Eltern aber keine "Elterntherapie", sondern ein "Elterntraining" empfohlen. Das ist etwas Verschiedenes. Es hängt mehr mit Verhaltenstherapie zusammen als mit Familientherapie. Ein Elterntraining ist eine Schulung im Umgang mit kindlichen Verhaltensproblemen. Eine Elterntherapie wäre eine Psychotherapie und mehr als eine Schulung, sie würde tiefer wirken und hätte keinen solchen Trainingscharakter (jedenfalls im Sinne klassischer Psychotherapie, wie ich sie verstehe).

Dass die Mutter noch nichts über häusliche Unruhe Peters berichtet hat, fällt tatsächlich auf, besagt aber nach einem Erstgespräch meist noch nicht viel. In solch einem Erstgespräch wird ja nicht fragebogenmäßig abgefragt, sondern (wie in jeder klassischen Psychotherapie) erst einmal dem Klienten selbst überlassen, was und worüber er erzählen will. Die meisten Eltern erzählen deshalb im Erstgespräch, in dem noch nicht die notwendige Vertrauensbasis hergestellt ist, noch nicht ausführlicher über familiäre Interna. So etwas muss im Rahmen einer Psychotherapie (aber nicht nur hier) erst wachsen.
Warten wir`s ab!
Mit Gruß, H.-R. Schmidt

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   17.08.01

(Vorbemerkung: Der Familientherapeut hat bewusst noch nicht mit der Lehrerin und dem Kinderarzt gesprochen, bevor er nicht die Familie -und die Familie ihn- kennengelernt hat).

Das erste Familiengespräch

Es kommen, wie verabredet, die Mutter, Wolfgang, Hans und Peter. Alle wirken recht ernst. Hans wirkt älter als 13, Peter macht anfangs einen etwas unsicheren, schuldbewussten Eindruck, lockert sich aber im Verlauf des Gesprächs und wirkt am Schluss fast "aufgekratzt". Als sich alle um den runden Tisch setzen, gibt es ein kleines Gerangel zwischen Hans und Wolfgang, wer von beiden neben der Mutter sitzen darf, wobei Hans nachgibt und diesen Platz Wolfgang überlässt, der ihn wie selbstverständlich annimmt.

Wolfgang eröffnet damit, dass er sich sehr um die Schule bei Peter kümmere, dass es dabei aber fast täglich Ärger zwischen ihnen beiden gebe, weil Peter zu unkonzentriert sei, keinen "Bock" zum Lernen habe. Hans antwortet für seinen Bruder, indem er betont, dass wohl keiner "Bock" habe, Hausaufgaben zu machen. Ausserdem schimpfe Wolfgang immer zu schnell, sei zu ungeduldig, dann schalte Peter auf "Kontra". Peter nickt dazu bestätigend. Er ergänzt, dass Wolfgang immer verlange, dass er Dinge, die er falsch gemacht habe, anschließend "zur Strafe" zwei- oder dreimal nachmachen müsse. Wolfgang stellt klar, dass dies keine Strafe sein solle, sondern eine "Stoffvertiefung". Frau P, die bisher geschwiegen hat, unterstützt ihre Söhne vorsichtig, betont aber auch lobend, dass sich Wolfgang wirklich sehr bemühe. Es könnte ihm ja auch alles egal sein. Peter flüstert daraufhin zu Hans: "Das wäre mal gut!"

Es wird also rasch deutlich, dass Wolfgang in der Familie -zumindest was die Hausaufgabensituation mit Peter anbelangt- einen schweren Stand zu haben scheint.

Alle bestätigen dies. Peter sagt: "Er ist ja auch nicht unser richtiger Vater!" Wolfgang sagt, dass er bedauere, dass die beiden keinen Kontakt mehr zu ihrem leiblichen Vater hätten. Er selbst kenne das aus seiner eigenen Kindheit, sein Vater sei an Krebs gestorben, als er 7 Jahre alt gewesen sei. Er wisse, wie es als Sohn ohne Vater sei. Einen Stiefvater habe er nicht gehabt, er sei vaterlos geblieben. Sein 6 Jahre älterer Bruder habe die Vaterrolle in der Familie eingenommen, was zu jahrenlangen "Kämpfchen" zwischen ihm und diesem Bruder geführt habe. Noch heute gingen sie sich beide lieber aus dem Weg.

Frau P hat mit dem Thema "Vater" auch eine Geschichte zu erzählen: In der Ehe ihrer Eltern habe es jahrelange Krisen gegeben, weil (so habe sie es jedenfalls als Kind erlebt), der Vater immer "Freundinnen" hatte, fremdging. Ihre Eltern hätten sich aber nicht getrennt. Heute denke sie manchmal, das wäre damals für sie als Kind vielleicht das kleinere Übel gewesen, wenn sich die Eltern getrennt hätten, als dieser jahrelange Ehekrieg. Erst heute fange sie an, die Dinge rückblickend anders zu beurteilen und die Rolle ihrer Mutter damals kritischer zu sehen. Ihre Mutter sei ihr früher nur als bemitleidenswertes "Opfer" erschienen, nun sehe sie immer mehr, dass sie auch "Mittäterin" gewesen sei. Ihre Mutter sei streit- und putzsüchtig gewesen, sexuell sehr verklemmt, extrem katholisch-frömmelnd, ihr Vater aber ein fröhlicher Rheinländer, der wohl an der Seite seiner Frau langsam "vertrocknet" wäre, ohne Geliebte.

Hans und Peter hören interessiert-belustigt zu. Der Opa mütterlicherseits sei wirklich lustig gewesen, schade, dass er schon einige Jahre tot sei, meinen beide.

Auf die Frage des Therapeuten, wie es denn komme, dass Hans und Peter gar keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater hätten, meint Peter spontan: "Der will keinen Ärger mehr haben!" Gerd, der Vater, und Wolfgang hätten immer Streit gehabt miteinander, meint Hans. Peter sagt: "Dem Gerd ging´s mit Wolfgang genau so wie mir bei den Hausaufgaben!" Alle lachen verblüfft über diesen Vergleich. Frau P wiederholt, was sie bereits im Erstgespräch gesagt hatte, dass sie dafür die Verantwortung trage, dass der Kontakt "eingeschlafen" sei. Sie wollte auch keinen Ärger mehr haben, nicht nur Gerd und Wolfgang. Um Besuchskontakte zu seinen Söhnen habe sich Gerd dann auch nie wirklich ernsthaft bemüht, er habe zum Beispiel nichts beim Jugendamt oder Familiengericht in dieser Hinsicht unternommen (an dieser Stelle wird Hans auffallend unruhig, was aber niemand zu registrieren scheint).

Wolfgang bringt einen anderen Gesichtspunkt ein: man spreche jetzt hier die ganze Zeit über Beziehungsprobleme in der Familie, wobei er und Gerd wohl wichtige Rollen spielten. Das sei sicher alles auch wichtig, aber vieles läge auch an Peter selbst. Es falle doch auf, wie schwer er sich beim Lesen und Schreiben tue, dass könne doch nicht nur mit ihm als "Stiefvater" zu tun haben. Der Therapeut bestätigt, dass als nächstes eine psychologische Untersuchung mit Peter angezeigt wäre, in der man dieser Frage nachgegen sollte. Da könne z.B. ein Intelligenztest und ein Lese-Rechtschreibtest gemacht werden, aber auch noch anderes. Anschließend wäre eine pädiatrische Untersuchung wichtig, um auch die körperliche Seite anzuschauen. Inzwischen würde ich auch mit der Lehrerin und dem Kinderarzt telefonieren. Und wenn das alles vorbei sei, sollte man so wie heute wieder als Familie hier zusammenkommen und weiter beraten.

Alle sind damit einverstanden. Peter sagt: "Dann werden wir schon rausfinden, wo der Hase im Pfeffer liegt!" Hans, der am Schluss auffallend ruhig geworden war, wirkt etwas bedrückt. Niemand nimmt es aber zur Kenntnis. Beim Verabschieden fragt er aber: "Können Einzelne aus der Familie auch mal alleine zu Ihnen kommen?" Alle reagieren etwas verwundert, wie er auf diese Frage komme. Der Therapeut sagt, dass dies natürlich möglich sei, die Mutter sei ja anfangs auch erst mal alleine gekommen. Wir sollten darüber aber im nächsten Familiengespräch noch einmal gemeinsam sprechen. Ob er so lange warten wolle damit? Hans sagt, ja, so eilig sei es auch wieder nicht.

Es werden alle weiteren Termine miteinander vereinbart. Den Termin beim Pädiater/Kinderneurologen erhält die Familie in den nächsten Tagen von diesem selbst.

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   17.08.01

Der Kinderarzt ist erst nach 4 Anläufen an zwei verschiedenen Tagen ans Telefon zu bekommen. Er wirkt sehr in Eile, verwechselt zunächst mehrere seiner Patienten mit Peter.
Er könne nicht sehr viel zu Peter sagen, die Schule beklage sich wegen seiner Hyperaktivität und Unkonzentriertheit. Er habe die Eltern über ADS aufgeklärt, natürlich müsste man das noch genauer untersuchen, aber er mache gerade mit einigen anderen Kindern mit Ritalin sehr gute Erfahrungen. Die Mutter hätte aber etwas skeptisch gewirkt, und er sei sich ja bei Peter auch noch nicht sicher. Was der Familientherapeut meine? Der Therapeut erklärt das mit der Familie vereinbarte weitere Vorgehen. Der Kinderarzt scheint zunächst nicht sehr angetan von der Idee, Peter zu unserem Pädiater zu überweisen, stimmt dann aber zu. Die Mutter wird in den nächsten Tagen zu ihm kommen und den Überweisungsschein abholen.
Abschließend erzählt der Kinderarzt noch, dass er da gerade eine "völlig unmögliche" Mutter habe, die ihrem Sohn "keine Grenzen" setzen könne. Ob der Familientherapeut dieser Mutter nicht mal den "Kopf zurechtrücken" könnte?

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   20.08.01

Peters Klassenlehrerin macht einen etwas strengen, humorlosen Eindruck. Sie beklagt sich über Peter und 3 andere Schüler, die Sie "fertigmachen" wollten, so erlebe sie es jedenfalls häufig. Sie widersetzten sich absichtlich ihren Bitten, stören, seien frech und aggressiv, wobei sie denke, dass Peter sowieso "von Hause aus" ein unruhiges, ablenkbares Kind sei, das sich durch diese Gruppendynamik besonders leicht anstecken und beeinflussen lasse. Es sei machmal so schlimm, dass es sie schon morgens grause, in diese Klasse zu gehen. Sie überlege gerade mit dem Schulleiter, ob man eine Neuaufteilung der Schüler in den Klassen der Schule vornehmen solle, um diese Kindergruppe aufzulösen. Sie habe auch den anderen Eltern dringend empfohlen, unsere Beratungsstelle aufzusuchen. Ob die auch bei uns seien? Jedenfalls begrüße Sie es, dass Familie P nun in Beratung sei.
Der Therapeut und die Lehrerin beschließen, in hilfreichem Kontakt zu bleiben: bei besonderen Vorkommnissen oder Fragen werde jeder von beiden den anderen hinzu ziehen.

Autor: Doris 
Datum:   21.08.01

Was mich an dieser Frau stört, ist ihr Selbstmitleid.
Sie hat anscheinend vergessen, dass dies Kinder sind.
Wahrscheinlich war sie nie ein Kind. Ist wohl schon als Erwachsener zu Welt gekommen.

Die Aussagen: frech, störend, agressiv sind subjetiv und werden Kindern und Jugendlichen schon seit Jahrtausenden nachgesagt.

Selbst Sokrates soll einmal gesagt haben: Die Jugend von heute ist faul, unhöflich und steht nicht auf, wenn ein Älterer den Raum betritt.

So mit sind die Beschreibungen der Kinder wohl nichts neues.

Aber diese Lehrerin hat ihren Beruf verfehlt, denn es kann ja auch sein, dass ihr Unterricht so öde ist, dass man nicht anders kann. Denn einem interessanten Unterricht folgen bis auf wenige Ausnahmen fast alle Schüler.

Für den Umgang mit Schülern braucht man Humor. Natürlich muss man die Bande auch im Zaum halten können. Aber bei einem Lehrer mit natürlicher Autorität folgen manche Rabauken wie die Schäfchen. Wer aber krampfhaft versucht mit Strenge autoritär zu wirken, scheitert über kurz oder lang.

Diese Dame sollte ihre Einstellung zum Beruf ändern und sich vielleicht mal neue Strategien überlegen, wie sie an die Kinder herankommt.

Ansonsten soll sie aufhören.
Vielleicht braucht diese Lehrerin auch eine Therapie.

Aber sie ist ja nicht Bestandteil der Familientherapie.

Ich weiß natürlich, dass es nicht einfach ist, Lehrer zu sein, aber ich selbst habe mindestens einmal im Monat die Gelegenheit dazu in den Kursen, die ich halte. Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn man die Jugendlichen richtig anpackt, dann gibt es keine Probleme.

Das ist keine feste Gruppe, sondern ständig wechselnd (EH-Kurs). Jeder Kurs ist anders, da muss ich mir ad hoc neue Strategien ausdenken, wenn jemand etwas nicht versteht (meist Sprachprobleme) oder eine Übung bei einem Teilnehmer nicht klappt.Aber es macht immer wieder Spaß. Vielleicht ist es auch das Gefühl den Leute etwas wichtiges beizubringen. Da tut ein Lehrer auch.

Ich mache das dann auch noch ehrenamtlich, der Lehrer erhält gutes Geld. Ich gebe meine Freizeit.(tu ich gerne)

Doris

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   21.08.01

Liebe Doris,
Ihre Kritik an der Lehrerin in allen Ehren, sie ist sicher berechtigt. Aber: Die Lehrerin ist durchaus Teil der Familientherapie. Der Familientherapeut muss gerade auch diese Lehrerin zur konstruktiven Mitarbeit gewinnen. Er muss sich deshalb genau der Kritik, die Sie anbringen, streng enthalten, denn sonst würde er sie sich zur "Gegnerin" machen, und das würde Peter schaden.
Mit Gruß, H.-R. Schmidt

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   22.08.01

In einer umfangreichen pädiatrisch-kinderneurologischen Untersuchung Peters ergibt sich folgender Befund:

Peter ist ein körperlich insgesamt altersgemäß entwickeltes, gut-normal intelligentes Kind mit mittelschweren Wahrnehmungsstörungen vor allem im Bereich der Diskriminationsfähigkeit. Er zeigt deutliche Hinweise auf Hyperaktivität, stark situativ schwankende Aufmerksamkeit und innere Unruhe und leidet unter einer ausgeprägten Lese-Rechtschreibschwäche mit Selbstwertproblemen und sozialen Anpassungsschwierigkeiten. Es wird ein spezielles Lese-Rechtschreibtraining und eine Ergotherapie empfohlen, begleitet von einer Familienberatung zum angemessenen Umgang mit seiner Hyperaktivität. Mögliche familiendynamische Mitursachen der Hyperaktivität sollen behoben werden.

Autor: Doris 
Datum:   22.08.01

Viele der Kinder, die eine Diagnose ADS erhalten, zeigen ähnlich Symptome.

Einige Kinder haben weitere Teilleistungsstörungen, andere haben gar keine Teilleistungsstörungen.

Ein spezielles Lese-Rechtschreibtraining ist bei bestehender Legathenie natürlich wichtig.

Auch die Ergotherapie ist sicherlich hilfreich für ein Kind, das unter oben aufgeführten Symptomen leidet.

Eine Beratung der Eltern über den Umgang der Eltern mit einem solchen Kind (Hyperaktivität), sollte bei keiner Therapie fehlen. Dies gilt auch bei den Eltern, die sich für Ritalin entscheiden. Ein Arzt, hat hier die Aufgabe, diese Beratung durchzuführen.
Denn nur so können gute Ergebnisse erzielt werden.
So können dann hoffentlich die Eltern andere Wege im Umgang mit dem Kind finden. Denn wer "genervt" ist, verbreitet auch Unruhe und pusht bestehende Hyperaktivitaet noch zusätzlich.

Das einzige, was Ihr Konzept von dem Konzept, das wir betreiben, unterscheidet,ist, dass wir noch zusätzlich Ritalin geben. Auf Ihrer Grundlage wurde schon im FFZ gearbeitet und hatte nicht den gewünschten Erfolg, außerdem war unser Kind damals zu klein, für Ritalin. Ich hatte sogar die Ritalinempfehlung vom FFZ abgelehnt, weil mir man nicht erklärte, weshalb (Ursachen).

Die unterschiedlichen Vorgehensweise haben aber doch ein gemeinsames Ziel: Selbststeuerung, Aufmerksamkeit, Behebung der Teilleistungsschwächen.

Sie therapieren ohne Medikamente.
Andere therapieren mit Medikamenten und begleitenden Therapien (alles andere wäre unsinnig).

Wenn den Kindern bei Ihnen geholfen werden kann, ist das ja auch ok. Was ist aber, wenn keine Besserung eintritt?

Eine Therapie braucht Zeit, Lehrer haben die aber nicht, ob die Schule dem Jungen Zeit lässt, da habe ich bei dieser Lehrerin so meine Zweifel. Die Eltern müssen die notwendige Geduld aufbringen, das steht ohne Zweifel.

Erhält denn auch die Lehrerin Hinweise zum Umgang mit dem Kind? Denn sonst gibt es im Familiären Bereich Verbesserungen und in der Schule kann sich nicht viel ändern, weil dort die Umstände nicht geändert werden.


Doris Schmitt

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   22.08.01

Liebe Doris,
Sie haben Recht, viele Kinder mit der Diagnose ADS zeigen ähnliche Symptome. Aber, wie Sie am Beispiel sehen, man braucht die Diagnose ADS (und die damit einhergehende Krankheitsdefinition im Sinne einer Hirnstoffwechselstörung) gar nicht! Darin liegt der Hauptunterschied, nicht darin, dass in diesem Beispiel ohne Medikamente behandelt wird. Wenn sich anders nicht ausreichend helfen lässt (aber das muss sich erst mal zeigen) oder wenn auf die beschriebene Weise aus verschiedenen Gründen gar nicht geholfen werden kann, würden auch wir Medikamente befürworten. Das trifft aber bei einem sehr viel kleineren Prozentsatz an Kindern zu, als vielfach behauptet wird. Es wäre ja unterlassene Hilfeleistung, wenn man einem Kind im sorgfältig diagnostizierten Einzelfall ein hilfreiches Medikament aus ideologischen Gründen verwehren würde. Das ist ja auch noch nie mein Thema gewesen, ich bin ja kein ideologischer Pharma-Feind.
Ich will mit dem Therapiebeispiel stattdessen zeigen, dass man in viel mehr Fällen, als von ADSlern behauptet, ohne Medikamente auskommt, und dass man das umstrittene Krankheitsbild und die Diagnose ADS gar nicht braucht, weil es keinen zusätzlichen praktischen Erkenntnisgewinn bringt. Als Forschungshypothese lasse ich "ADS" durchaus gelten, aber in der Praxis wird damit nur Unsinn und Verwirrung angerichtet.
Darum geht es mir im Therapiebeispiel. Zusätzlich will ich damit zeigen, dass eine psychodynamisch-systemische Familientherapie eine sehr gute Alternative ist zu den gängigen Behandlungsmethoden (Ritalin+Verhaltenstrainings z.B. a´la THOP).
Mit Gruß, H.-R. Schmidt

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   27.08.01

Das zweite Familiengespräch

Frau P. erzählt, es habe eine Menge Aufregung in der Familie seit dem letzten Gespräch gegeben, nachdem Hans ja gefragt hatte, ob er hier auch mal alleine herkommen könnte. Auf Nachfragen zu Hause, wie er das gemeint habe, habe er schließlich "gestanden", dass er und Peter seit Längerem heimliche Kontakte zu Gerd, ihrem leiblichen Vater, unterhielten!

Sie werde jetzt beim Familiengericht beantragen, dass Gerd keine Kontakte mehr mit den Söhnen haben dürfe, denn er habe sie dadurch betrogen. Hans und Peter sind sehr dagegen, dass die Mutter dies tut. Auch Wolfgang gibt zu bedenken, dass damit doch alles noch schlimmer werde und die Söhne dann nur weiter heimliche Kontakte hätten. Die Mutter lässt sich im Verluaf des Gesprächs aber nur halb davon überzeugen, dass es jetzt besser wäre, keine "Schnellschüsse" zu starten und den alten Ehekrieg wieder zu beleben, sondern alles hier in Ruhe zu duchdenken und erst nach reiflicher Überlegung zu handeln.

Die Söhne berichten, dass sie froh seien, dass jetzt alles herausgekommen sei. Diese Heimlichtuerei sei für sie schlimm gewesen. Peter sagt: "Dass man seinen Vater trifft, ist doch das Normalste von der Welt!" Die Mutter entgegenet: "Allgemein hast du Recht, aber nicht bei DEINEM Vater!" Es wird beschlossen, diese Thema in den nächsten Sitzungen hier noch mehr zu vertiefen und zu begleiten. Es sollen vorläufig die Kontakte der Söhne zum Vater erlaubt sein. Die Mutter wird Details dazu mit ihrem "Ex" besprechen. Peter will das zunächst gar nicht glauben, dass seine Mutter mit seinem Vater überhaupt sprechen wird.

Des Weiteren wird eine außerschulische Legasthenie-Therapie, verbunden mit einemWahrnehmungstraining, für Peter geplant und terminiert. In einem zwischenzeitlichen Telefonat mit seiner Lehrerin, in dem ihr mit Einwilligung der Mutter und Peters das Ergebnis der Testuntersuchung mitgeteilt wurde, werden auch innerschulische Fördermaßnahmen besprochen: Die Schule wird eine übergreifende Lese-Rechtschreib-Übungsgruppe einrichten, in die Peter aufgenommen wird. Er soll ausserdem für dieses Schuljahr vorläufig von der Benotung seiner Lese- und Rechtschreibleistungen freigestellt werden. Eine zusätzliche Medikation Peters seitens des Kinderarztes wird einvernehmlich erst einmal nicht erwogen.

Autor: Hans-Reinhard Schmidt 
Datum:   29.08.01
Eine Helfer-Konferenz

Auf Einladung des Familientherapeuten und im Einvernehmen mit Peters Mutter treffen sich Peters Lehrerin, der Legasthenie-Therapeut und der Familientherapeut zu einer ersten Helferkonferenz in der Erziehungsberatungsstelle. Der ebenfalls eingeladene Kinderarzt muss zu seinem Bedauern aus Termingründen absagen, soll aber über die Ergebnisse informiert werden.

Die bisherigen Erkenntnisse, Eindrücke und Erfahrungen werden ausgetauscht. Die Lehrerein verspricht sich viel von der Legastheniebehandlung. Der Legasthenie-Therapeut stellt seine Behandlungsmethode ausführlicher dar und gibt der Lehererin einige Tipps im Umgang mit legasthenen Kindern. Die Lehrerin zeigt daran großes Interesse. Aus der Familientherapie wird berichtet, dass die unerledigte psychologische Scheidungsproblematik der Eltern von Peter in den Vordergrund gerate. Peter und sein Bruder reagierten darauf mit Erleichterung, weil diese Problematik bisher in der Familie nur heimlich bzw. ausblendend behandelt werden konnte, was Peter Schuldgefühle gemacht habe.

Man verspricht, sich weiter auszutauschen und zu einem weiteren Termin in 8 Wochen wieder zusammen zu kommen, um dann eine erste Zwischenbilanz zu ziehen. Der Familientherapeut wird den Kinderarzt telefonisch über die heutige Sitzung informieren.

Autor: Elisabeth (himmelblau) 
Datum:   31.08.01

Sehr geehrter Herr Dr. Schmidt,

ich habe den Eindruck, dass Sie hier unter ziemlich idealen Bedingungen arbeiten können. Allerdings bin ich mir sicher, dass derartige Bedingungen für den weitaus größten Teil der Betroffenen kaum je herstellbar sein werden.

Das Problem, dass der Vater hat, dass er z.B. nur abends nach Büroschluss kommen kann, haben in der Regel fast alle Werktätigen. Somit könnten in einer Woche wohl nur einige wenige in den Genuss einer derartigen Familientherapie kommen, weil in der Regel zwei, mindestens aber ein Familienmitglied vor diesem Problem steht.

Dann wird Einsatz von BetreuerInnen verlangt, die nicht nur dieses eine Kind und nicht nur diesen einen Patienten zu betreuen haben, sondern darüber hinaus auch etliche andere.

Ihr eigener Tarif beträgt für eine telefonische Beratung:
Psychologische Lebens-, Familien- und Partnerberatung:
per Telefon: DM 20.- pro 10 Minuten


Was erhalten die Lehrerin, der Arzt für den Aufwand? Sie wenden Zeit auf, per Telefon, die Lehrerin auch für Fahrt und die persönliche Teilnahme Beratung. (Der Arzt hat vermutlich an mehreren Nachmittagen/Abenden Ordination, und kann so kaum kommen, oder müsste seinen freien Tag dafür aufwenden.)

Ich finde es bewundernswert, dass sie dies tun, und ich weiß, dass es sehr engagierte Lehrerinnen gibt, die z.B. auch in ihrer Freizeit an Diskussionsveranstaltungen zu derartigen Themen teilnehmen.

Allerdings ist die Frage, ob man eine Lehrerin motivieren kann, sich nicht nur in einem Fall, sondern auch in 10 Fällen von "familiären Problemsituationen" (und da hab ich jetzt bewusst sehr niedrig gegriffen)
längerfristig an einer derartigen Therapie zu beteiligen.
Ich glaube nicht - selbst mit finanziellen Anreizen nicht, schließlich ist die Arbeitszeit einer Lehrerin mit Unterricht, sowie Vor- und Nachbereitung desselben schon ziemlich ausgefüllt, sodass alles andere eigentlich in ihre Freizeit fiele. (Und als erholsam kann man die Therapie wohl bestimmt nicht bezeichnen.)
Außerdem haben die älteren Kinder ja in der Regel nicht nur einen einzigen, sondern verschiedene LehrerInnen, mit denen es zu Problemen kommt.

Davon abgesehen, das Problem mit der Versorgung:
Gerade eben habe ich einen Beitrag hier gelesen, dass eine Mutter bis weit in das Jahr 2002 hinein in der Familienberatungsstelle warten müsste, um auch eine tatsächliche Therapie (und nicht nur ein Erstgespräch) durchführen zu können.

Angesichts dieser Lage frage ich Sie, wie Sie sich dafür einsetzen können, so vehement gegen ein Medikament, das den korrekt diagnostizierten Betroffenen h i l f t, einzuschreiten, dass sie sogar Briefe an die Gesundheitsministerin schreiben (obwohl bei korrekt diagnostizierten Addlern keine Suchtgefahr herrscht - falls Sie meinen, doch, würde mich interessiereren: Warum vergessen diese dann so oft die Einnahme? Ich hatte dies bereits gefragt, aber keine Antwort von Ihnen erhalten),
obwohl in den meisten Fällen "Feuer am Dach" ist (und das nicht nur hinsichtlich einer gefährdeten Schulversetzung, was alleine bestimmt kein Grund wäre), weil gleichzeitig gravierendste Probleme mit Eltern, Freunden und Lehrern auftreten und die Standardlösung der Schule dann meist ist, solche Kinder trotz hoher Intelligenz in eine Sonderschule abzuschieben, wo - sofern dies nicht eine speziell auf ADD-Bedürfnisse abgestimmte Schule ist, was in den seltensten Fällen der Fall ist - diese den letzten Rest ihres mageren Selbstwertgefühls verlieren und kaum je wieder schaffen, eine ihren Fähigkeiten entsprechende Ausbildung zu erlangen.
Immer wieder ist in den Add-Foren von Eltern die Meldung zu lesen "Hilfe - mein Kind soll in die Sonderschule", genauso sind immer wieder Meldungen zu finden, wo Eltern dies durch extremen Einsatz und Kämpferei mit Behörden verhindern konnten, und deren Kind, nachdem es adäquat behandelt wurde (was bei korrekt diagnostizierten Addlern meist eine medikamentöse Behandlung miteinschließt) eine normale Schulbildung absolvieren konnte, ja manche dieser angeblichen "Sonderschulkinder" erlangten später sogar das Abitur.
Das Szenario: Ritalin wird aus ideologischen Gründen abgelehnt und Add als Modeerscheinung abgetan, auf Familientherapie muss man monatelang warten (auf sonstige Formen der Therapie oft jahrelang), soferne sie überhaupt am betreffenden Ort verfügbar ist, und wenn sie im Prinzip verfügbar wäre, ist sie nur für einen kleinen Prozentsatz der Betroffenen tatsächlich verfügbar, wird mit Sicherheit - wie dies, bevor ADD bekannter wurde, schon praktiziert wurde - wieder zur Häufung von Fällen führen, bei denen für LehrerInnen scheinbar unerträgliche Kinder leichtfertig in die Sonderschule abgeschoben werden und diesen so ihre Zukunft ruiniert wird.