Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

Hat mein Kind ADHS?
- Ein kritischer Leitfaden für Eltern –

 

 

Verunsicherte Eltern
Eltern unruhiger, unaufmerksamer oder besonders lebhafter Kinder hören heute immer öfter Ratschläge wie : "Lass ihn doch mal auf ADHS testen." Oder: "Meiner war auch so, aber seit wir endlich die Diagnose ADHS haben und er Ritalin nimmt, ist es viel besser in der Schule mit ihm geworden." Oder: "Ich kann einen Arzt empfehlen, der bei ADHS kompetent ist und Ritalin verschreibt. Geh doch auch mal zu ihm (aber rasch, denn er hat sehr lange Wartezeiten!)".

ADHS, das Kürzel für "Aufmerksamkeits-Defizitstörung mit (oder ohne) Hyperaktivität", ist mittlerweile zur am häufigsten gestellten kinderpsychiatrischen Diagnose geworden. In den USA stieg die Zahl der als angeblich behandlungsbedürftig eingestuften Kinder von 1 Million im Jahr 1990 auf über 10 Millionen Kinder im Jahr 2000. In Deutschland rechnet man derzeit mit bis zu 400 000 angeblich behandlungsbedürftigen Kindern. Kein anderes Medikament verzeichnete denn auch derartige Zuwachsraten wie Methylphenidat (Handelsnamen z.B. Ritalin oder Medikinet). Weltweit nehmen derzeit jeden Tag ca. 10 Millionen Kinder solche auf das meist noch in Entwicklung begriffene Gehirn wirkende Psychopharmaka ein.

Was hat es aber bei kritischer Betrachtung mit diesem Phänomen "ADHS" wirklich auf sich? Handelt es sich tatsächlich um eine medizinisch-neuropsychologische Krankheit, um eine genetisch bedingte, vererbbare, ursächlich erziehungsunabhängige und unheilbare Stoffwechselstörung des Gehirns, die mit Psychopharmaka behandelt werden muss, wie es bestürzte Eltern in der Presse und vielerlei wohlfeilen Elternratgebern lesen, wie es in einschlägigen Internetforen behauptet und von angeblich "Betroffenen" und einigen Fachleuten mit Nachdruck verbreitet wird? Was sollten Eltern wissen, wenn sie mit einem solchen "Verdacht auf ADHS" bei ihrem Kind konfrontiert werden? Lassen Sie uns deshalb folgende Fragen kritisch hinterfragen:

 

Gibt es "ADHS" überhaupt?
Eines ist natürlich unstrittig: Es gibt übermäßig aktive, unruhige, impulsive und unkonzentrierte Kinder. Die grundlegende Frage ist allerdings, ob diese Kinder an einer Krankheit "ADHS" leiden oder ob ihre Auffälligkeiten nicht doch sehr unspezifisch sind, d.h. viele unterschiedliche Ursachen haben können. Es stellt sich die Frage nach der wissenschaftlich belegbaren Existenz einer von anderen Störungen abgrenzbaren und spezifischen Krankheit namens "ADHS".

Um es kurz zu machen: Der gegenwärtige Forschungsstand stützt nicht die Behauptung, bei "ADHS"-Kindern handele es sich um eine homogene Gruppe mit einer gemeinsamen und spezifischen neurobiologischen Störung. Es gibt keine spezifischen kognitiven, metabolischen oder neurologischen Marker für "ADHS", weshalb es auch keinen medizinischen Test für die Diagnose gibt. Es gibt auch keinerlei spezifische psychologische "ADHS"-Testverfahren. Die Diagnose besteht stattdessen in einer schlichten und stark kulturell-subjektiven Verhaltenseinschätzung. Es gibt sogar seit 30 Jahren offenkundige Schwierigkeiten, die Störung überhaupt eindeutig zu definieren.

Ist "ADHS" eine Hirnfunktionsstörung?
Es gibt keinen eindeutigen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass "ADHS" eine krankhafte Hirnfunktionsstörung ist. Man hat zwar bei Kindern mit der Diagnose "ADHS" vielerlei Veränderungen im Gehirn gefunden. Aber die Forscher bewegten sich bislang vergleichsweise so, als wenn sie die Gehirne von Verliebten untersuchten, alle möglichen erstaunlichen Veränderungen feststellten und dann als Ursache dieser Veränderungen eine Krankheit namens "Liebeswahn" festmachen würden.

Bei keiner der bisher bei ADHS-Diagnostizierten gefundenen Veränderungen ist wissenschaftlich belegt, dass sie "ADHS" verursachen oder dass sie wirklich spezifisch für "ADHS" sind und nicht auch bei vielen anderen Störungen oder Verhaltensprägungen oder ganz normalen Charaktereigenschaften vorkommen. All diese unspezifischen Hirnveränderungen können nämlich auch lediglich Abbildungen bzw. Niederschläge von lebensgeschichtlichen Erfahrungen bzw. psychosozialen Umwelteinflüssen sein. Sie müssen keineswegs "angeboren", sondern sie können genauso gut durch Lebenserfahrungen erworben sein.

Das menschliche Gehirn ist viel plastischer und in seiner Entwicklung von Erfahrung viel abhängiger, als die ADHS-Forschung bisher zur Kenntnis nimmt. Hirnbesonderheiten können körperlich-genetisch bedingt sein, sie können aber auch genauso erfahrungsabhängig sein oder aus einer Mischung beider Komponenten bestehen. Die ADHS-Forschung berücksichtigt bisher nur die eine Seite der Medaille, nämlich die biologisch-genetische. Man kann diese Forschungsrichtung deshalb zu Recht als "biologistisch" bezeichnen. Die starke Beeinflussung der Hirnentwicklung durch Lernerfahrung und Umwelteinflüsse gerade bei Kindern wird völlig ausgeblendet.

Hirnbesonderheiten müssen außerdem keineswegs immer irgendwelchen Krankheitswert haben. Wenn man zum Beispiel die Hirne von langjährigen Londoner Taxifahrern nach ihrem Tode untersucht, findet man veränderte Hirnstrukturen. Waren diese Fahrer also krank? Nein, denn die Hirnveränderungen haben sich bei ihnen im Laufe vieler Jahre Fahrpraxis als Anpassung an die chaotische Londoner City herausgebildet.

Die konventionelle ADHS-Forschung leitet aus dem gleichzeitigen Auftreten von Hirnbesonderheiten und Verhalten eine unerlaubte einseitig-ursächliche Beziehung ab, derzufolge die angeblich krankhafte Hirnbesonderheit das angeblich krankhafte Verhalten bedinge. Es kann aber auch umgekehrt sein. Oder es kann beides durch etwas Drittes, bisher vollkommen Unbekanntes bestimmt sein. Oder es kann sich weder um krankhafte Hirnbesonderheiten noch um krankhaftes Verhalten handeln. Dass "ADHS" eine Hirnfunktionsstörung sein soll, umschreibt also nur eine bisher unbewiesene und derzeit beliebte Forschungshypothese, keineswegs eine wissenschaftliche Tatsache.

Ist "ADHS" genetisch bedingt?
Die Mehrzahl aller bisher durchgeführten Genstudien zu ADHS blieb ergebnislos. Die Forschung hat zwar bei 4 Genen gewisse genetische Beteiligungen am "ADHS"-Verhalten gefunden. Aber diese Beteiligungen sind einerseits schwach, andererseits unspezifisch. Der Zusammenhang dieser Gene mit dem Verhalten ist unklar. Auf keinen Fall gibt es so etwas wie ein spezifisches "ADHS-Gen".

Im Übrigen sind diese Forschungsergebnisse nicht aufregend, denn an allem menschlichen Verhalten sind unsere Gene irgendwie beteiligt, also auch an normalem Verhalten. Die wie auch immer funktionierende Beteiligung eines oder mehrerer Gene an einem bestimmten Verhalten beweist deshalb nicht dessen Krankhaftigkeit. Dabei weiss man noch fast nichts darüber, wie Gene an komplizierten und durch Lernerfahrungen stark mitgeprägten menschlichen Verhaltenskomplexen überhaupt beteiligt sind. Bei anerkannten psychiatrischen Störungen wie der Schizophrenie hat man nach vielen Jahrzehnten genetischer Forschung keine klaren Erkenntnisse gewonnen. Man kann deshalb die genetische Forschung bei einem so unscharfen Störungsbild wie "ADHS" bereits jetzt als Sackgasse bezeichnen. Die Behauptung, "ADHS" sei klar genetisch bedingt, ist also unzulässig. Auch sie stellt nur eine Forschungshypothese und keine Tatsache dar.


Ist "ADHS" erziehungsunabhängig?

Das behaupten heute auch eingefleischte "ADHS"-Anhänger nicht mehr. Sie räumen Erziehungseinflüssen mittlerweile immerhin einen modulierenden Einfluss in dem Sinne ein, dass diese Einflüsse im günstigsten Fall das Krankheitsbild mildern, aber angeblich nicht beseitigen können. Angeblich aber könnten solche Einflüsse keinesfalls "ADHS" verursachen. Auch für diese Tatsachenbehauptungen fehlen die wissenschaftlichen Belege. Die "ADHS"-Forschung hat sich mit diesen Fragen bisher so wenig beschäftigt, dass solche Aussagen völlig verantwortungslos erscheinen, weil sie die vielfältigen psychotherapeutisch-psychoedukativen Hilfsmöglichkeiten für Familien und Kinder blockieren und stattdessen allzu rasch auf die isolierte medikamentöse Behandlung einer angeblich organischen Störung abzielen.

Aus der klinischen Verhaltensforschung bei Kindern weiss man allgemein schon lange, dass Erziehungs- und Umwelteinflüsse einen sehr starken, wenn nicht gar ausschlaggebenden Einfluss auf Verhaltensstörungen haben. Die Vermutung, dass es bei "ADHS" ebenso ist, liegt deshalb nahe, zumal viele Kliniker und Eltern bereits diesbezügliche Erfahrungen berichten können.

Ist "ADHS" vererbbar?
Angesichts der Unklarheit genetischer Ursachen stützt sich die Behauptung einer Vererbbarkeit meistens auf Familien- und Zwillingsstudien. Aus familiären Verhaltenshäufungen kann man aber kaum eindeutige Schlüsse auf Vererbung versus Umwelteinfluss ziehen, weil sich in einer Familie genetisch-vererbte Faktoren und psychosoziale Umwelteinflüsse untrennbar vermengen.

Auch was Zwillingsstudien betrifft, sind die Aussagen keineswegs unumstritten, denn auch eineiige, gemeinsam aufwachsende Zwillinge teilen dieselbe psychosoziale Umwelt bei durchaus unterscheidbaren psychologischen Erfahrungen (auch Zwillinge haben voneinander unterscheidbare Geschwisterrollen), so dass auch hier die Aussagen über Vererbung versus Umwelt schwierig sind. Auch getrennt aufwachsende eineiige Zwillinge wachsen oft in sehr ähnlichen psychosozialen Kontexten auf, so dass Verhaltensgemeinsamkeiten auch bei ihnen auf die gemeinsamen Umwelteinflüsse zurückgehen können.

Im Übrigen sagt auch die Häufung eines bestimmten Verhaltens bei Zwillingen noch nichts über dessen Krankhaftigkeit aus. Wenn beide Kinder z.B. rote Haare haben, sagt das wohl etwas über Vererbung, aber nichts über eine Störung. Auch die Tatsachenbehauptung einer Vererbung von "ADHS" ist also nicht eindeutig belegt und aus denselben Gründen verantwortungslos wie die Behauptung ihrer Erziehungsunabhängigkeit.

Ist "ADHS" unheilbar?
Da es, wie erwähnt, keinerlei medizinisch-organischen Marker für "ADHS" gibt, ist diese Behauptung medizinisch-organisch auch gar nicht belegbar. Wenn man "ADHS" aber als Verhaltensstörung betrachtet, ist sie durchaus heilbar, denn immer dann, wenn das gestörte Verhalten verschwunden ist und keine Verschiebungen des gestörten Verhaltens stattgefunden haben, läge "Heilung" vor. Und dass dies möglich ist, belegen inzwischen vielfältige therapeutische Erfahrungen von Klinikern und Eltern. Die traditionelle "ADHS"-Forschung hat sich mit dieser Frage bisher so wenig befasst, dass die Behauptung einer Unheilbarkeit nicht belegbar ist.

Dass allerdings Psychopharmaka "ADHS" nicht heilen, sondern Wahrnehmung und Verhalten lediglich kurzfristig künstlich verändern bzw. dämpfen, versteht sich von selbst. Bei Absetzen des Medikaments stellt sich das "gestörte" Verhalten unverändert wieder ein. Die früher vorherrschende ausschließlich medikamentöse Behandlung, die heute bereits als ärztlicher Kunstfehler gelten muss, hat wohl aus dieser Beobachtung den Mythos einer Unheilbarkeit abgeleitet. Heute kann man aber davon ausgehen, dass "ADHS" psychotherapeutisch-psychoedukativ im selben hohen Maße heilbar ist wie alle anderen kindlichen Verhaltensstörungen auch.

Wie wirkt Ritalin?
Die unter das Betäubungsmittelgesetz fallenden Methylphenidat-Psychopharmaka, die bei der Diagnose "ADHS" häufig verschrieben werden, wirken auf bisher noch nicht vollständig bekannte Weise auf das noch in Entwicklung begriffene kindliche Gehirn. Wie alle Amphetamine hält Ritalin® wach, schärft die Sinne und die Aufmerksamkeit, verbessert die Selbstkontrolle und macht ruhig und gefasst, und zwar nicht nur bei "ADHS", sondern allgemein. Die Behauptung, die Wirkung von Ritalin® beweise das Vorliegen von "ADHS", ist deshalb falsch. In entsprechender Dosierung wirkt es suchterzeugend wie das ihm sehr ähnliche Kokain. Medikamentös korrekt verabreicht scheint aber keine Suchtgefährdung im engeren Sinne zu bestehen. Pharmakologisch betrachtet bewirken Amphetamine eine Veränderung von Wahrnehmung und Erleben. Methylphenidat scheint auch bei Erwachsenen bei vielen ganz unterschiedlichen psychischen Problemen subjektive Erleichterung zu erzeugen, indem es in milder und zeitlich verzögerter Ausprägung einen ähnlichen "Kick" auslöst wie z.B. Kokain.

Es gibt derzeit zwei entgegengesetzte Theorien über die spezifische Wirkung: Die Schulmedizin behauptet, Ritalin® gleiche einen Dopaminmangel im Gehirn aus, der überhaupt ursächlich für "ADHS" sei (Dopamin ist einer von mehreren Botenstoffen im Gehirn). Die andere These geht aber von einem Dopaminüberschuss aus, den das Medikament vorübergehend reduziere . Wenn ein Kind aber gar nicht an einem solchen Überschuss leide und dennoch Ritalin erhalte, könne dies nach dieser Auffassung zu Hirnschäden bis zu späterem Parkinson führen. Im Tierversuch wurden Hirnveränderungen durch Methylphenidat bereits belegt. Diese These hat kürzlich in der Öffentlichkeit für viel Aufregung gesorgt; ihre empirische Bestätigung steht aber noch ebenso aus wie diejenige der Schulmedizin.

Trotz tausender Studien zur Medikamentenwirkung werden die Nebenwirkungen erst in letzter Zeit intensiver untersucht. Dabei zeigen sich besorgniserregende Befunde: Moll, Hüther u.a. machten 2002 den Anfang und fanden im Tierversuch heraus, dass Methylphenidat dauerhafte Hirnveränderungen bzw. -schädigungen erzeugt. Ihre Befunde wurden inzwischen mehrfach repliziert. Die Befunde neuer kritischer Tierstudien kommen aus renommierten USA-Hochschulinstituten. In 4 Studien konnten die Forscher bei Übertragung der Befunde auf den Menschen die Vermutungen begründen, dass

Eine neue Studie der University of Texas , USA, mit vorläufig nur 12 Kindern, die mit Methylphenidat behandelt wurden, hat ein Besorgnis erregendes Ergebnis erbracht, das in größeren Gruppen überprüft werden muss: Bei allen 12 Kindern wurden schon nach dreimonatiger normaldosierter Einnahme von Methylphenidat Chromosomenbrüche festgestellt. Bluttests, die sonst zur Feststellung eines Krebsrisikos eingesetzt werden, zeigten dies. Die Forscher sprechen von einem dreifach höheren Risiko, an Krebs zu erkranken. Sie bringen ihr Erstaunen zum Ausdruck, dass bislang so wenige solcher Studien über Nebenwirkungen durchgeführt wurden, obwohl bereits 1996 bei Mäusen Leberkrebs nach Einnahme von Methylphenidat festgestellt worden war. Wie das Deutsche Ärzteblatt in diesen Tagen berichtet, hat es 2004 in USA 14 tote Kinder im Zusammenhang mit dem Stimulanz Adderall gegeben. Das Medikament, mit dem auch "ADHS" behandelt wird, wurde deshalb in Kanada (nicht in den USA!) vorerst verboten.

Die psychologischen Folgen einer "ADHS"-Diagnose bei Kindern mit ihren Implikationen für die Eltern-Kind-Beziehungen sowie die psychologischen Auswirkungen einer medikamentösen Langzeitbehandlung sind sehr ernst zu nehmen, aber noch völlig unerforscht. Die psychosozialen Implikationen einer Ritalinbehandlung von Kindern dürfen nicht länger ausgeblendet bleiben. Kinder nehmen Ritalin in der Regel widerwillig, weil sie sich zu Recht gegen die stigmatisierende Zuschreibung einer damit angeblich verbundenen Krankheit wehren. Viele Kinder fühlen sich unter Ritalineinwirkung nicht mehr wie "sie selbst". Oder sie erleben die Medikamentierung als Strafe für "schlechtes" Verhalten. Die Auswirkungen einer medikamentösen Behandlung kindlicher Verhaltensschwierigkeiten auf Selbstwertgefühl und psychosoziale Entwicklung der Kinder sind sicher erheblich, werden aber bisher wissenschaftlich völlig ignoriert.

Festzuhalten bleibt, dass Ritalin "ADHS" nicht heilt. Eine ausschließlich medikamentöse Behandlung von Kindern gilt heute bereits als Kunstfehler und ist nicht vertretbar. Die Langzeitfolgen einer Methylphenidatbehandlung auf das Gehirn von Kindern sind derzeit (trotz abertausender ADHS-Studien) immer noch nicht erforscht, obwohl diese Mittel bereits seit fast 50 Jahren im Einsatz sind und im Tierversuch bereits bleibende Hirnveränderungen festgestellt wurden. Methylphenidat hat teils schwerwiegende Nebenwirkungen und langfristig möglicherweise hirnschädigende Folgen.

 

Was verbirgt sich hinter "ADHS"?
Es gibt mehrere ernst zu nehmende Thesen dazu, was es mit "ADHS" auf sich haben könnte:
Zum Einen scheint es sich um eine Wiederbelebung der wissenschaftlich eigentlich längst beerdigten Auffassungen über die sogenannten minimalen frühkindlichen Hirnschäden (MCD) zu handeln. Wenn man diese früheren MCD-Konzepte mit den heutigen ADHS-Konzepten vergleicht, fallen viele Gemeinsamkeiten ins Auge. Deshalb kann die wissenschaftliche Kritik, die seinerzeit zur Aufgabe des MCD-Konstrukts geführt hat, prinzipiell auch für das "ADHS"-Konstrukt gelten und zu seiner Aufgabe führen.
Zum Zweiten kann es sich um einen Sammeltopf unterschiedlicher psychoreaktiver Verhaltensstörungen mit ähnlicher Symptomatik handeln, wobei eine besondere kindliche Sensibilität bzw. Vulnerabilität gegeben sein kann (aber keineswegs muss), auf die die psychosoziale Umwelt aber nicht angemessen eingeht.

Zum Dritten kann es sich um die Reaktion unserer Kinder auf eine reizüberflutende, hektische und wenig kindgerechte Umwelt im Sinne einer "Schnellfeuer-Kultur" und Beschleunigungsgesellschaft (DeGrandpre) handeln, für die die Kinder mit der Einnahme von Psychostimulanzien und mit einer "Krankheit" bezahlen, die genau in dieses Gesellschaftsbild passt: ADHS.

Dazu passt zum Vierten die Auffassung einer erfundenen, also von interessierter Seite ausgedachten Krankheit (Blech), derzufolge jeder Mensch ein Kranker ist, der es nur noch nicht wisse. Als typisches Beispiel gilt das "Sisi-Syndrom": Dieses Syndrom tauchte erstmals 1998 auf, bis es 2003 als Erfindung der Pharmaindustrie entlarvt wurde. Die betroffenen Patienten galten als depressiv und überspielten ihre Krankheit angeblich dadurch, dass sie sich als besonders lebensbejahend gaben. Das Syndrom wurde nach der Kaiserin Elisabeth ("Sisi") benannt, weil das Verhalten auf sie vollkommen zuträfe. Die Patienten sollten mit Psychopharmaka behandelt werden. Einige Psychiater propagierten dieses Syndrom werbewirksam öffentlich und behaupteten, in Deutschland seien drei Millionen Menschen am "Sisi-Syndrom" erkrankt.

 

Was sollten Eltern beachten?
10 Regeln bei "ADHS"-Verdacht

  1. Wenn Ihr Kind ungewöhnliche, besorgniserregende Verhaltens- und/oder Entwicklungsprobleme zeigt, wenden Sie sich an Ihren Kinderarzt, ein Frühförderzentrum (FFZ), ein Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) oder eine Erziehungsberatungsstelle (EB). Wichtig ist, dass man auf möglichst alle Faktoren im Leben Ihres Kindes achtet, also nicht nur auf seine körperliche Seite, sondern vor allem auch auf seine Seele, seine Familie, seine Umwelt, seine Persönlichkeit. Während Sie für das FFZ und das SPZ die Überweisung eines Kinderarztes zur Kostenübernahme durch Ihre Krankenkasse brauchen, können Sie in die (kostenfreie) EB ohne ärztliche Überweisung gehen. Auch in der EB ist die Mitwirkung eines Arztes sichergestellt.
  2. Vermeiden Sie im Allgemeinen Ärzte, Psychologen oder andere "Fachleute" , die derzeit als "ADHS-Spezialisten" firmieren. Vermeiden Sie im Allgemeinen auch "ADHS-Spezialkliniken". Solche Fachleute und Kliniken sehen oft nicht mehr die gesamte Bandbreite normaler über leichter bis schwerer beeinträchtigter Kinder, sondern nur noch einen eher extremen Ausschnitt davon ("Tunnelblick"), weshalb sie vielleicht schneller bereit sind, Ihr Kind als "pathologisch" einzuschätzen und vorschnell medikamentös zu behandeln. Außerdem neigen sie zu einer oft allzu biologistischen (also nur die körperliche Seite betonenden) Sichtweise, die die psychosozialen Einflüsse vernachlässigt.
  3. Vermeiden Sie angebliche Fachleute, die Ihnen zu "alternativen" Heilmethoden wie Nahrungsergänzungsstoffen (z.B. Algen), Kräutern, Hypnose, Zahnsanierungen (Amalgam), etc. bei "ADHS" raten. Meist handelt es sich um unwissenschaftlichen Nepp, der Sie sehr viel Geld kosten kann. Lassen Sie sich auch keine übertriebene oder ideologisch begründete Panik (wie z. B. von Scientology) vor Medikamenten bzw. Stimulanzien (wie z. B. Ritalin) einreden.
  4. Fragen Sie den untersuchenden Arzt oder Psychologen, wie seine allgemeine Einstellung zur Stimulanzienbehandlung von Kindern ist. Entscheiden Sie sich für einen Arzt oder Psychologen, der Stimulanzien bei Kindern zwar nicht grundsätzlich ablehnt, sie aber als letztes und andere Behandlungen nur unterstützendes Mittel betrachtet, das erst (und dann zeitlich begrenzt) zum Einsatz kommen soll, wenn sich psychotherapeutische oder psychoedukativ-entwicklungsfördernde Maßnahmen allein als nicht ausreichend gezeigt haben.
  5. Fragen Sie den Arzt oder Psychologen, wie er die sog. multimodale Behandlung bei "ADHS" praktiziert, insbesonders, mit welchen anderen Fachkräften (Lehrer, Erzieherinnen, EB-Stelle etc.) er als Team gewöhnlich zusammenarbeitet und welchen Stellenwert er dabei Stimulanzien einräumt. Wenn er den Schwerpunkt nicht auf psychotherapeutisch-psychoedukative bzw. entwicklungsfördernde Maßnahmen setzt, sondern auf Stimulanzien, wechseln Sie ihn.
  6. Wenn der Arzt oder Psychologe als ersten und alleinigen Schritt Stimulanzien empfiehlt, lehnen Sie dieses Vorgehen ab und fragen stattdessen nach psychotherapeutischen bzw. psychoedukativen oder entwicklungsfördernden Maßnahmen. Wenn er Ihnen dabei nicht viel anzubieten hat, nicht mit anderen diesbezüglichen Fachleuten kooperiert oder sogar von diesem Vorgehen abrät und allein auf Psychostimulanzien setzt, wechseln Sie den Arzt oder Psychologen.
  7. Verlangen Sie bei der Anwendung psychotherapeutischer bzw. psychoedukativer Maßnahmen, dass nicht allein Ihr Kind, sondern auch Sie als Vater und Mutter und ggbf. auch die Geschwister Ihres Kindes in die Therapie eng einbezogen werden (familientherapeutisch-systemisches Gesamtkonzept der Therapie bei "ADHS"). Effektive multimodale Therapie bei "ADHS" baut auf einer Familientherapie auf, also auf einer die Ressourcen der gesamten Familie einbeziehenden Therapie. Als Eltern sollten Sie in der Behandlung unbedingt herausfinden können, welche Rolle Sie selber bei den Verhaltensproblemen Ihres Kindes (auch unmerklich und unbewusst) spielen. Wenn Ihr Arzt oder Psychologe dies nicht unterstützt, wechseln Sie ihn.
  8. Sprechen Sie mit oder über Ihr Kind nie in dem Sinne, es "habe ADHS". Das würde so klingen, als leide es an einer Krankheit. Zum Einen ist wissenschaftlich nicht belegt, dass es "ADHS" als medizinische Krankheit überhaupt gibt. Zum Anderen vermeiden Sie damit eine schädigende Stigmatisierung, die das Selbstwertgefühl und die soziale Integration Ihres Kindes unnötig gefährdet. Ihr Kind hat stattdessen Entwicklungs- und/oder Verhaltensschwierigkeiten, in die Sie als Eltern verwickelt sind. Sprechen Sie von seinen Problemen stets in aufbauend-wohlwollender und selbstkritischer Bewertung.
  9. Wenn Ihr Kind dennoch begründetermaßen und vorübergehend Stimulanzien (wie Ritalin) nehmen muss, glauben und sagen Sie nie, dies sei Medizin gegen irgendeine dauerhafte oder unheilbare körperliche oder hirnbetreffende Krankheit. Dies ist wissenschaftlich nicht belegt. Erklären Sie stattdessen, dass das Medikament nur vorübergehend dabei helfen kann, in der Psychotherapie oder sonstigen Fördermaßnahme raschere Fortschritte zu machen, und dass man das Medikament sofort nicht mehr brauche, wenn die Fortschritte anhalten. Ihr Kind soll das Medikament nur als vorübergehende Unterstützung auf dem Wege zu einer Verbesserung, die das Medikament überflüssig machen wird, begreifen. Ihr Kind soll mit Ihnen gemeinsam das Ziel verfolgen, selbstverantwortlich ohne das Medikament leben zu lernen. Es macht für Ihr Kind psychologisch einen erheblichen Unterschied, ob es glauben muss, so unheilbar krank im Hirn zu sein, dass es (lebenslänglich?) ein starkes Medikament einnehmen muss, oder dass es ein Medikament nur vorübergehend zur Unterstützung einer Fördermaßnahme/Psychotherapie etc. nehmen muss, so, wie man vorübergehend Kopfschmerztabletten nimmt, ohne deshalb ein krankes Gehirn zu haben.
  10. Setzen Sie einvernehmlich mit Ihrem Arzt/Psychologen und Ihrem Kind das therapiebegleitende Stimulans während der Psychotherapie bzw. Fördermassnahme immer wieder probeweise und situationsbezogen ab, um auszuprobieren, ob man darauf -zumindest in bestimmten Situationen- bereits verzichten kann. Die Qualität Ihres Arztes zeigt sich u.a. in seiner Bereitschaft, dies zu unterstützen. Ziel der systemischen Therapie muss das dauerhafte Absetzen der Medikamente sein. Belohnen Sie Ihr Kind regelmäßig und deutlich, wenn sein Verhalten ohne Medikament positiv ist (auch bei anfangs nur kurzen Episoden).

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